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Trotz vieler Warnungen hat die geschiedene Sägemüllerin die Ehe mit einem jüngeren Mann gewagt. Was ist nur geschehen, dass es eines Tages so aussieht, als hätten die anderen doch Recht? In acht Erzählungen lässt die bekannte Heimatschriftstellerin Rosemarie Forstmaier den Leser an verschiedensten Schicksalen Anteil nehmen. Dabei geht es um Erbschaften, Neid, Habgier, und es geht um Liebe, Ehe und Lebensglück.
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Veröffentlichungsjahr: 2017
LESEPROBE ZU
Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2005
© 2017 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim
www.rosenheimer.com
Titelfoto: © Studio von Sarosdy, Düsseldorf
Satz: ew print & medien service gmbh, Würzburg
eISBN 978-3-475-54656-3 (epub)
Rosemarie Forstmaier
Das verlorene Vertrauen
Heimatgeschichten
Trotz vieler Warnungen hat die geschiedene Sägemüllerin die Ehe mit einem jüngeren Mann gewagt. Was ist nur geschehen, dass es eines Tages so aussieht, als hätten die anderen doch Recht?
In acht Erzählungen lässt die bekannte Heimatschriftstellerin Rosemarie Forstmaier den Leser an verschiedensten Schicksalen Anteil nehmen. Dabei geht es um Erbschaften, Neid, Habgier, und es geht um Liebe, Ehe und Lebensglück.
Es hatte wohl niemand im Ernst angenommen, dass der fesche Gruber-Ferdl die Hoflechner-Fanny aus reiner Liebe geheiratet hatte. Doch wie teuer er sich das zweifelhafte Glück erkaufen musste, Bauer auf dem reichen Hoflechner-Anwesen zu sein, das ahnte niemand.
Der junge Hoflechner, wie der Ferdl seit seiner Heirat genannt wurde, stand in der Haustür und blickte hinaus in den nebelverhangenen Novembertag. Seine Kehle wurde ihm nun doch eng, als er undeutlich die Kirchenglocken hörte, die man für die Bichler-Annamirl läutete. Er, dem es von allen am meisten zugestanden hätte, kam noch nicht einmal, um Abschied zu nehmen, während seine Frau, eine übereifrige Kirchgängerin, ahnungslos am Grab des Mädchens stand, an dessen allzu frühem Tod er nicht ganz schuldlos war. Aber er hatte noch nie zu den Mutigen gehört, von jeher war er den Weg des geringsten Widerstandes gegangen. Und er würde wohl auch jetzt nicht den Mut aufbringen, sich zu dem armen Würmchen zu bekennen, das die Annamirl zurückgelassen hatte, das nun bei fremden Menschen aufwachsen würde. Da hielt er sich lieber an das Sprichwort: Für jedes Haserl wächst ein Graserl. Wenn es dem Herrgott gefallen hatte, dem Kind die Mutter wegsterben zu lassen, dann würde er schon dafür sorgen, dass sich jemand des Neugeborenen mit Fürsorge annahm.
Als die Hoflechner-Fanny – sie sah in den schwarzen Kleidern noch strenger und hagerer aus – von der Beerdigung heimkam, schenkte sie dem ängstlich forschenden Blick ihres Mannes keine Beachtung, bis er sich endlich zu einem zaghaften: »Na, wie war’s?« aufraffte.
Ungeduldig antwortete sie knapp: »Was soll denn schon groß gewesen sein, auf einer Arme-Leute-Beerdigung?« Obgleich sie erst ein halbes Jahr verheiratet waren, herrschte zwischen ihnen ein ziemlich kurz angebundener Ton. »Es wäre gescheiter gewesen, die Annamirl hätte ihr Kindl mitgenommen«, fuhr sie sachlich, ohne jegliche Gemütsregung fort. »Wenn sich der Hallodri, mit dem sich das Mädel eingelassen hat, nicht meldet, dann muss halt doch die Bachleitner-Babett das Kleine großziehen.«
Die Bachleitnerin war die Freundin seiner Frau, darum wandte er vorsichtig ein: »Bei ihr kommt es ja eh nicht so drauf an.«
»Das hat der Herr Pfarrer auch gemeint, als er gesagt hat, wo drei aufwachsen, ist auch noch Platz für ein viertes. Er hat leicht reden. Es ist keine Kleinigkeit, das Kind von einer Magd großzuziehen. Ich tät mich auch bedanken dafür.«
So blieb das erst wenige Tage alter Nannerl, dessen junge Mutter im Kindbett gestorben war, im Bachleitnerhof. Gewartet und gepflegt, aber auch geliebt wurde es von der Resl, die seit vielen Jahren schon als Magd auf diesem Hof arbeitete. Sie war auch die einzige Freundin und Vertraute der Annamirl gewesen, hatte wie eine Mutter zu ihr gestanden. Nun hängte sie ihr ganzes Herz an das Nannerl und gab die Hoffnung nicht auf, dass sich sein Vater doch noch eines Tages zu ihm bekannte.
Die Resl, die ihr Lebtag lang Dienstbotin gewiesen war, wusste, wie schlecht es um ledige Kinder bestellt war. Niemandem, dem Nannerl schon gar nicht, würde es etwas nützen, wenn sie die Wahrheit gewaltsam ans Licht zerrte. Man konnte nur warten und hoffen, dass sich der Ferdl doch eines Tages auf seine Tochter besann, zumal es den Anschein hatte, als ob seine eigene Ehe kinderlos bliebe.
Dass ihn das schlechte Gewissen plagte, bewies die Tatsache, dass er der Resl ab und zu heimlich einen Geldschein zukommen ließ, aber allzu üppig hatte er es selber nicht, denn seine Fanny saß auf ihrem Geld und hielt ihn ziemlich kurz. Fein säuberlich vermerkte die Resl jedes Sümmchen, das sie erhielt und für das Nannerl verwandte. Man sollte ihr später einmal nichts nachsagen können.
Oft hatte die alte Resl – sie war nun bereits hoch in den Sechzigern – das Gefühl, als wären die letzten Jahre wie im Flug vergangen, in denen sei für das Kind der Annamirl gesorgt hatte. Wer weiß, was aus dem Nannerl geworden wäre, das von den Bachleitnerischen nur herumgestoßen wurde. Immer war es das Nannerl, das als Sündenbock für alles herhalten musste, und es war insbesondere der um einige Jahre ältere Simmerl, der mit seinen schon recht derben Fäusten blitzschnell zuschlug. Ohne die ständige Wachsamkeit der Resl und ihr beherztes Dazwischentreten, weshalb sie sich oft genug mit der Bäuerin anlegen musste, hätte »der Balg«, wie das Kind nur genannt wurde, die Kindheit wohl kaum unbeschadet überstanden.
Aber auch die alte Magd war machtlos, als die Bachleitnerin von einem Tag auf den anderen beschloss, das Nannerl müsse aus dem Haus. »Ich hab wahrhaftig mehr als genug für den Balg getan, ihn für nichts und wieder nichts durchgefüttert. Jetzt sind andere an der Reihe, die Gemeinde soll sich drum kümmern.«
Die Resl wusste nur zu gut, was das bedeutete. Da die Gemeinde kein Geld für Waisen bereitstellte, wurden die bedauernswerten Geschöpfte reihum von einem Hof auf den anderen geschoben, waren nirgends willkommen, wurden nur geduldet; aus christlicher Nächstenliebe, wie es hieß.
Jetzt musste auch der Hoflechner-Ferdl helfen. War er dazu freiwillig nicht bereit, würde sie ihn dazu zwingen. Wie er es anstellte, war seine Sache, wenn nur das Nannerl nicht ganz fremden Leuten ausgeliefert wurde. Sie selber konnte nun für das Kind nichts mehr tun, musste froh sein, auf dem Bachleitnerhof selbst ihr Altenteil verbringen zu können.
Der Ferdl hatte es in all den Jahren nicht geschafft, sich bei seiner Frau durchzusetzen. Den Mut zur Wahrheit brachte er immer noch nicht auf. Doch nun fühlte er sich in die Enge getrieben und hatte eine panische Angst davor, die Fanny würde hinter sein Geheimnis kommen.
Wieder benutzte er in seiner Feigheit nicht den geraden Weg bei seinem Vorhaben. Anstatt sich an seine Frau zu werden, suchte er Schützenhilfe bei der Bachleitnerin, Fannys Freundin.
»Ich seh es ein, Babett, du hast genug für das Mädchen getan, mehr als man von dir verlangen kann«, gab er sich verständnisvoll. »Bei uns wäre genug Platz, weil wir ja keine eigenen Kinder haben. Aber du kennst ja die Fanny«, hier sah er sie mitleidheischend an, »egal, was ich sage, es taugt von vornherein nichts. Red du mit ihr, auf dich hört sie eher. Ich hätt nichts dagegen, das Dirndl für eine Zeitlang bei uns aufzunehmen. Es dauert nicht mehr lang, da kann sie der Fanny schon ein wenig zur Hand gehen und mithelfen.«
Die Bachleitnerin, viel zu erleichtert, das Nannerl endlich loszuwerden, griff diesen Vorschlag eifrig und ohne Argwohn auf. Sie beschwatzte die Hoflechnerin so lange, bis die sich bereit erklärte, das Kind vorerst für einige Zeit bei sich aufzunehmen.
Als das Nannerl auf den fremden Hof geholt wurde, fragte niemand danach, was in dem Kind und der alten Resl vor sich ging, als sie auseinandergerissen wurden. Der Ferdl war heilfroh, es so fein gedeichselt zu haben, und er vertraute darauf, dass sich die Fanny an das Kind schon gewöhnen würde.
Obgleich das Nannerl erst zehn war, wollte sich zwischen ihr und der Hoflechnerin, die sie Bäuerin nannte, keinerlei engere Beziehung einstellen. Das scheue, verschlossene Kind wurde mehr oder weniger sich selber überlassen, bekam keine rechte Geborgenheit, wwde eher wie ein kleiner Dienstbote behandelt. Der Ferdl hätte seiner Tochter gern mehr Liebe zukommen lassen, doch er fürchtete den Argwohn seiner Frau zu erregen. Nur wenn er sich unbeobachtet fühlte, versuchte er dem Kind auf eine unbeholfene Art näherzukommen, was jedoch wenig Erfolg zeitigte.
Wenn sich der Hoflechner-Ferdl heute, nach einer fast zwanzigjährigen Ehe fragte, was ihm seine reiche Heirat letztlich eingebracht hatte, hatte er wenig Erfreuliches auf der Habenseite zu verbuchen.
Vom ersten Tag an war es die Fanny gewesen, die das Regiment führte, die auch ihn beherrschte, und das hatte sich bis jetzt nicht geändert. Selbst vom ganzen hoflechnerischen Geld hatte er nicht mehr, als dass er sich sattessen und sich bei der Arbeit etwas Zeit lassen durfte. Auch mit seiner Frau hatte er nie viel Freude gehabt; es war beiden nicht gelungen, sich wirklich näher zu kommen, man lebte nur nebeneinander her. Sogar Kinder waren ihnen versagt geblieben und noch heute schob die Fanny ihm die Schuld dafür zu. Obgleich das Gegenteil so leicht zu beweisen gewesen wäre, schien es ihm bequemer, sie in diesem Glauben zu lassen, als ihr seinen Fehltritt einzugestehen.
Die Fanny war mit den Jahren herrschsüchtiger, verbitterter und zänkischer geworden, weil ihr versagt blieb, was sie sich eigentlich gewünscht hatte. Über den Kopf ihres Mannes hinweg beschloss sie, den Sohn einer entfernten Verwandten auf den Hof zu nehmen, um einen Erben und Nachfolger zu haben. Obgleich das dem Ferdl durchaus nicht passte – es wäre nun höchste Zeit gewesen, endlich Farbe zu bekennen – schwieg er.
Es war an einem Frühsommertag. Die Nanni arbeitete im Garten, als ein junger Mann, hoch gewachsen und dunkelhaarig, auf den Hof zuschritt. Mit einem freundlichen Lächeln im gebräunten Gesicht fragte er sie nach der Hoflechnerin und dabei waren seine dunklen Augen mit deutlichem Interesse auf sie gerichtet.
Etwas verlegen erwiderte die Nanni: »Sie ist nicht daheim, muss aber bald wiederkommen. Sie ist mit dem Bauern ins Dorf gefahren.«
»Na, dann warte ich solange«, erklärte er, durchaus nicht enttäuscht. »Ich setz mich ein bissl auf die Hausbank.«
Während Nanni weiterarbeitete, fragte sie sich, wer er sein mochte. Sie hatte ihn nie vorher gesehen. Dass er sie unverwandt beobachtete, machte sie befangen.
»Bist du schon lang auf diesem Hof?«, fragte er. Auf ihr Nicken fügte er hinzu: »Dann bist du am Ende die Nanni, die von der Hoflechnerin aufgezogen worden ist? Ich bin der Toni, mit ihr weitläufig verwandt, und ich soll bei euch arbeiten.«
Nun hatte auch sie begriffen. Das musste also der junge Mann sein, um den es einige Auseinandersetzungen zwischen dem Bauern und der Bäuerin gegeben hatte.
Nach mehreren vergeblichen Versuchen, sie in ein Gespräch zu ziehen und ein wenig auszufragen, meinte der Toni: »Es wird doch niemand was dagegen haben, wenn ich mich derweil ein wenig umschau.«
Geradezu bestürzt über diese Unbekümmertheit, sah die Nanni ihm nach, wie er ungeniert das Haus betrat. Erst jetzt fiel ihr auf, dass er nichts bei sich trug, nicht einmal einen Rucksack. Vielleicht hatte er gar nicht vor dazubleiben. Dass sie das plötzlich bedauerte, wunderte sie selber.
Sie war mit dem Aufbinden der jungen Tomatenpflänzchen fertig, als Toni zurückkam und sich an den Gartenzaun lehnte. »Der Hof ist schöner, als ich ihn mir vorgestellt hab. Alles ist gut in Ordnung«, gab er mit unverhohlener Bewunderung zu, während er seinen Blick auf ihre gertenschlanke Gestalt geheftet hielt und ein Schmunzeln seine Lippen umspielte. Die Nanni war viel zu arglos und naiv, um den Doppelsinn seiner Worte zu bemerken. Ernsthaft wandte sie ein: »Nachlässigkeiten lässt die Bäuerin keine durchgehen. Sie hat ihre Augen überall. Deshalb muss ich jetzt zuschauen, dass ich in die Küche komm und mit dem Kochen anfange.«
»Bist du nicht gern hier?«, entschlüpfte es ihm überrascht.
Diese Frage stürzte sie in ziemliche Verlegenheit, so dass sie nur ausweichend mit den Schultern zuckte und den Blick gesenkt hielt. Es wäre unvorsichtig gewesen, ihm zu sagen, was sie dachte.
»Warum bleibst du denn da, wenn es dir nicht gefällt?«, fragte trotzdem mitfühlend der Toni.
»Das ist nicht so einfach wie du dir das vorstellst«, musste sie zugeben. »Ich bin es der Bäuerin schuldig, dass ich jetzt ein bissl von meiner Schuld abtrage dafür, dass sie so viel für mich getan hat. Ich kann sie jetzt nicht im Stich lassen.«
»Aber du kriegst doch einen normalen, anständigen Lohn, oder?«
»Ja, ein bissl was schon«, antwortete sie ausweichend. »Ich muss jetzt ins Haus, zum Kochen.«
Irgendwie unangenehm berührt sah Toni ihr nach.
Das Verhalten der Nanni bestätigte nur seinen Verdacht, dass die Hoflechnerin, die es so gut mit ihm meinte, sehr wohl ihren Vorteil wahrzunehmen verstand.
Mit argwöhnischen Blicken beobachtete der Hoflechner-Ferdl seine Frau, die völlig verändert schien, seit der Toni angekommen war. Wie ein aufgescheuchtes Huhn, das flattert und gackert, umschwirrte sie den Burschen. Er hätte fast eifersüchtig werden können. Es hatte den Anschein, als habe sie an dem jungen Verwandten schon im ersten Moment einen Narren gefressen.
Auch der Nanni fiel die gute, fast schon hektische und fröhliche Stimmung der Bäuerin auf und sie nutzte die Gelegenheit und fragte, ob sie nach Feierabend einen Besuch bei der alten Resl machen dürfe. Wie immer, wenn der Bauer von diesem Vorhaben hörte, beschlich ihn geheime Furcht. Er wusste, die alte Magd war seit einiger Zeit schon bettlägerig, und da war die Idee gar nicht so abwegig, dass sie ihr Geheimnis preisgab, bevor sie starb.
»Wie geht’s ihr denn?«, fragte er. »Sie muss doch schon in den Siebzigern sein.«
Ehe Nanni antworten konnte, kam es von der Fanny: »Für sie wäre der Tod eine Erlösung. Die Bachleitner-Babett macht einiges mit, mit der Pflege von der Alten.«
Nanni wusste, dass es mit dieser Pflege nicht so weit her war und dass sich kaum jemand um die Resl kümmerte, die hilflos im Bett lag und immer schwächer wurde. Doch die Bäuerin hätte sie glattweg in der Luft zerrissen, hätte sie das auch nur mit einem einzigen Wort erwähnt. Sie musste froh sein, wenn man ihr ab und zu erlaubte, die Resl, den Menschen, den sie noch immer am meisten liebte, überhaupt aufzusuchen.
Schon wandte sich die Fanny wieder ihrem Verwandten zu und sagte wohlmeinend: »Komm mit und schau dir die Kammer an, die ich für dich hergerichtet hab. Schade, dass du dein Zeug nicht gleich mitgebracht hast. Aber morgen nimmst unseren Braunen und fährst heim damit …«
Aber da begehrte der Hoflechner auf: »Wer weiß, ob er den nervösen Gaul überhaupt bändigen kann.« Dieser Braune, ein temperamentvolles Wagenpferd, war der einzige Luxus, der ihm gestattet war.
»Geh, red doch nicht!«, fuhr ihm seine Frau ungeduldig über den Mund. »Du tust ja gradso, als ob der Toni auf der Brennsuppen dahergeschwommen wäre.« Sie sagte das in einem Ton, der ihn an seine eigene Herkunft erinnern sollte.
Tonis betretene, fast ein wenig unglückliche Miene verriet, wie unangenehm ihm das aggressive Hin und Her war. Er hatte schon gemerkt, dass hier nicht alles Gold war, was glänzte, und dass er sich von der Freundlichkeit der Fanny nicht täuschen lassen durfte. Sie konnte gewiss auch anders sein. Wer weiß, vielleicht war es sogar ein Fehler von ihm, sich von diesem schönen Hof beeindrucken zu lassen und hier zu bleiben. Leicht würde er es nicht haben, da der Bauer offensichtlich mit seiner Anwesenheit nicht so ganz einverstanden war. Woher sollte er wissen, ob ihn die Fanny nicht ebenso ausnutzte wie dieses junge, hübsche Mädchen? Auch er sollte nur für einen geringen Lohn arbeiten, für kaum mehr als ein bissl Taschengeld, da er später einmal ohnehin alles erben würde. Doch wie, wenn es sich die Hoflechnerin anders überlegte?
Er war nicht der Mensch, der sich auf unklare Halbheiten einließ. Das war auch der Grund, weshalb er sich hier zuerst gründlich umgesehen hatte.
Es wurde schon fast finster, als die Nanni in Richtung Dorf ging, denn Feierabend war für sie erst dann, wenn alle Arbeiten erledigt waren.
Der Bachleitner-Simmerl, nun ein grobschlächtiger, semmelblonder Mann, lehnte in der Haustür, er hatte die Fäuste tief in den Hosentaschen vergraben. Als er die späte Besucherin sah, erschien ein hungriges Aufleuchten in seinen wasserhellen, wie verwaschen wirkenden Augen. Ohne die Hände aus den Taschen zu nehmen, vertrat er ihr den Weg und sagte so herzlich, als hätte es zwischen ihnen nie Unstimmigkeiten gegeben: »Da schau her, unser Nannerl! Ich könnt drauf schwören, du wirst von einem aufs andere Mal noch hübscher. Direkt zum Anbeißen …«
»Lass mich vorbei, ich will bloß zur Resl«, fiel sie ihm etwas ungehalten ins Wort.
»Was krieg ich denn dafür?«, fragte er anzüglich.
Doch nun kam die Bachleitnerin den Flur entlang und fragte, was es gäbe.
Als sie die Nanni erblickte, fügte sie unfreundlich hinzu: »Ach, du bist es bloß. Die Alte fragt eh schon andauernd nach dir. Ich glaub, lang wird sie es nicht mehr machen.«
Kaum waren Mutter und Sohn allein, warnte sie in scharfem, unmissverständlichem Ton: »Gelt, von so einer lässt du dich ja nicht einwickeln. Mit so einer bringst du dich nicht ins Gerede.«
»Ach woher denn, Mutter.« Der Simmerl grinste breit.
»Aber einen Spaß wird man doch noch machen dürfen.«
»Nein, nicht mit so einer, mit der ich schon genug Arger gehabt hab.«
Der Simmerl zuckte nur mit den wuchtigen Schultern und schlenderte davon. Es war unklug, seiner Mutter zu widersprechen, doch er war nach wie vor der Meinung, dass die Nanni schon eine Todsünde wert war. Indes betrat das Mädchen die winzige, triste Kammer der alten Resl. Dumpfe, abgestandene Luft schlug Nanni entgegen.
Beim Aufflammen des Lichts wandte die Kranke kaum den Kopf. Sie war abgemagert bis auf die Knochen, glich einer Mumie. Nur ein schwaches Lächeln zuckte um die eingefallenen Lippen, als sich die Nanni über sie beugte und über das dünne schlohweiße Haar strich.
»Wie geht’s denn, Resl? Heut schaust viel besser aus«, versuchte sie mit wenig überzeugender Stimme zu lügen. »Soll ich dir ein frisches Nachtgewand anziehen, das Bett aufschütteln?«
Kaum merklich schüttelte die Kranke den Kopf. Ihr schien bereits jegliche Bewegung zu viel zu sein. Und doch versuchte sie zu reden, aber es war nur ein unverständliches Gemurmel, das sie über die eingefallenen Lippen brachte, während ihre Hände unruhig auf der Bettdecke hin und her zuckten.
»Reg dich nicht auf, Resl«, bat Nanni sie eindringlich. »Ein andermal, wenn du wieder besser beinander bist, reden wir miteinander.«
Woher hätte die Nanni auch wissen sollten, dass sie die alte Resl das letzte Mal sah.
Es war längst finster, als Nanni wieder zum Hoflechner hinauskam. Da sah sie im fahlen Schein des aufsteigenden Mondes, wie sich eine hoch gewachsene Gestalt aus dem dunklen Schatten des Hauses löste und ihr entgegenging. Plötzlich begann ihr Herz wie wild zu klopfen und sie fühlte, dass eine große Unruhe in ihr aufstieg.
»Da bist ja endlich, ich hab auf dich gewartet«, sagte Toni mit leiser, weicher Stimme. Er fasste sie wie selbstverständlich am Arm und zog sie mit sich ein Stück fort vom Haus. »Da drinnen müssen sie nicht alles wissen«, meinte er nur.
Sie war so verwirrt, dass sie gar nicht dazu kam, sich zu widersetzen. »Warum denn? Was ist denn?«, stotterte sie schließlich, als sie in den Schatten des vorspringenden Dachs eines Schuppens eintauchten.
Nach einem tiefen Aufatmen begann Toni, wobei er sie noch immer am Arm festhielt: »Es muss dir seltsam Vorkommen, dass ich gleich so direkt werde, obgleich wir uns noch nicht lang kennen. Es erscheint mir selber auch seltsam, das musst du mir glauben, Nanni. Denn noch nie hab ich mich so auf den ersten Blick in ein Mädchen verliebt.«
Nanni wusste nicht, wachte oder träumte sie. Es war das Aufregendste und Schönste, das sie je erlebt hatte. Noch nie hatte ein Mann sich in sie verliebt.
Aber schon fuhr er fort: »Weißt, mir gefällt nicht alles auf diesem Hof. Es wär vielleicht besser, das Angebot der Fanny nicht anzunehmen.«
»Du willst wieder fort?«, fragte sie tief erschrocken.
»Ich blieb, wenn ich drauf hoffen darf, dass du mich auch ein bissl gern haben könntest. Oder gibt es schon einen anderen?«
Sie schüttelte verneinend den Kopf, ehe sie heftig einwandte: »Die Bäuerin wird es nicht erlauben, dass zwischen uns …«
Heftig erwiderte er: »Ich muss mir von ihr nichts dreinreden lassen. Nur du bist wichtig, Nanni. Wenn ihr das nicht passt, suchen wir uns woanders was.«
Als er sie an sich zog und zärtlich küsste, spürte er, dass Tränen über ihre Wangen rannen. Es waren Tränen des Glücks, weil sie endlich einen Menschen gefunden hatte, zu dem sie gehörte.
Am nächsten Tag wurde die Resl mit den Heiligen Sterbesakramenten versehen. Die Bachleitnerischen wollten sich schließlich nichts nachsagen lassen. Nur der Doktor wurde zur Sterbenden nicht mehr bemüht, dieses Geld konnte man sich sparen. In der folgenden Nacht schlief die alte Resl für immer ein.
Endlich konnte die Bachleitnerin aufatmen. Aber nun hieß es geschwind sein, denn sie sah nicht ein, dass man sich nicht das eine oder andere aus der Habe der Toten sichern sollte, nach allem, was man für sie getan hatte. Es war von der Alten undankbar genug gewesen, alles, was sie sich bei ihnen zusammengespart hatte, der Nanni zu vererben.
Obgleich eine Gänsehaut über den breiten Rücken der Babett rann und sie es vermied, zum Bett der Toten zu blicken, durchwühlte sie doch mit flinken Fingern den bescheidenen Inhalt des Schrankes. Da konnte man schon so manches Stück gebrauchen. Was die Nanni nicht weiß, macht sie nicht heiß. An das Sparbüchl freilich, da konnte sie leider nicht heran, und an Bargeld fanden sich nur ein paar Münzen. Aber da war noch ein schönes, gut erhaltenes Gebetbüchl, das sie sich aneignen wollte – gewissermaßen zum Andenken an die Resl.
Als die Bachleitnerin den abgegriffenen, fleckigen Einband herunterriss, fiel ihr ein zusammengefaltetes Stück Papier in die gierigen Hände. Kaum hatte sie die ungelenk geschriebenen Zahlen und Zeilen überflogen, als sie betroffen zusammenfuhr und nun doch die Tote ansah. Aber die wächsernen Lippen der Resl verrieten nichts mehr.
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