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Auf dem Sterbebett nimmt die Kuglmüllerin ihrem Ziehsohn Leonhard ein verhängnisvolles Versprechen ab. Er soll ihrem Sohn Heini beistehen, bis er seiner Aufgabe als Bauer gewachsen ist. Doch dieser widmet sich lieber den Freuden des Lebens als dem Hof und seiner Frau Sanni. Nun liegt es an Leonhard, das Erbe zu retten …
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Veröffentlichungsjahr: 2017
LESEPROBE ZU
Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2010
© 2017 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim
www.rosenheimer.com
Titelfoto: © Studio von Sarosdy, Düsseldorf
Lektorat und Satz: BuchBetrieb Peggy Stelling, Leipzig
eISBN 978-3-475-54643-3 (epub)
Rosemarie Forstmaier
Der Hoferbe
Auf dem Sterbebett nimmt die Kuglmüllerin ihrem Ziehsohn Leonhard ein verhängnisvolles Versprechen ab. Er soll ihrem Sohn Heini beistehen, bis er seiner Aufgabe als Bauer gewachsen ist. Doch dieser widmet sich lieber den Freuden des Lebens als dem Hof und seiner Frau Sanni. Nun liegt es an Leonhard, das Erbe zu retten …
Glühend hing die Sonnenscheibe am Himmel; flirrende, wabernde Hitze, von keinem Lufthauch bewegt, peinigte Mensch und Vieh. Auf den Feldern in der Talsohle und auf den buckligen Leiten der höher gelegenen Gehöfte war die Heuernte in vollem Gang.
Über die ebenen Wiesen des Talgrunds rumpelten hochbeladene Fuhren hinter tuckernden Traktoren, und auf den Hängen und Lehnen, die sich bis zum angrenzenden Bergwald hinaufzogen, plagten sich schwitzend Menschen und Pferde. Hektische Eile herrschte hier wie dort; immer wieder glitten sorgenvolle Blicke hinauf zum Himmel.
Hinter dem scharfgezahnten Grat des langgestreckten Felssattels im Osten quoll und brodelte es herauf, türmte und ballte es sich übereinander, schob es sich langsam höher ins noch heitere Blau.
Die drohende Wetterwand bildete eine schier gespenstische Kulisse zum großmächtigen Kuglmüllerhof, der stolz und behäbig auf seiner einsamen Anhöhe thronte, sie schien ihn geradewegs verschlingen zu wollen. Des Öfteren schaute die Kuglmüllerin zu ihrem Hof hin. War für sie dieses bedrohliche Dunkel ein Vorbote kommenden Unheils?
Es war eigentlich nicht der Brauch, dass die Bäuerin eines so wohlhabenden Hofes mit auf dem Feld arbeitete. Schon gar nicht, wenn sie nicht mehr jung und auch nicht mehr recht gesund war. Aber es wurde jede Hand gebraucht, um die Ernte trocken unter Dach und Fach zu bringen. Und ein bisschen nachrechen, damit ja kein Hälmchen verloren ging, das konnte sie allemal noch.
Die Kuglmüllerin blieb stehen, presste die Hand auf die rechte Seite ihres mageren Leibes, krümmte sich etwas nach vorn. Dieses Schneiden und stechende Wühlen wurde immer schlimmer, kam immer häufiger. Sie würde sich nun doch einmal vom Doktor genauer untersuchen lassen müssen.
Sie wischte sich mit dem Zipfel ihres Kopftuchs übers schweißnasse, gelbliche Gesicht, ehe sie, noch einen Moment auf ihren Rechen gestützt, verschnaufte. Ihr Blick glitt hinunter ins Tal.
›Die da drunten brauchen sich weniger zu plagen‹, dachte sie. Ob man sich nicht auch zu einem Bulldog entschließen sollte? So eine Maschine machte wohl wirklich vieles leichter! Sie würde mit dem Leonhard drüber reden. Wenn nur dieser Schmerz in ihr endlich wieder nachlassen wollte! Ja, um den Besuch beim Doktor kam sie nicht mehr herum. Auch darüber musste sie mit dem Leonhard reden. Er sollte sie fahren. Denn Heini, er war halt aus einem weicheren Holz geschnitzt, regte sich darüber nur auf. Unnötige Sorgen um sie sollte er sich nicht machen.
Nun musste die Kuglmüllerin sich zum Weitergehen zwingen, um den schon ein gutes Stück vorausgefahrenen Heuwagen einzuholen. Dabei zog sie den hölzernen Rechen leicht über die bereits verdorrenden Grasstoppeln.
Der Leonhard kam ihr entgegen, ein hochgewachsener Bursche um die Dreißig. Auch ihm rann der Schweiß übers sonnengebräunte Gesicht. Er trug die Heugabel geschultert, kam, um das spärliche, nachgerechte Heu aufzusammeln.
Ein Blick in das Gesicht der Kuglmüllerin, das kaum unter dem tief in die Stirn gezogenen Kopftuch hervorlugte, veranlasste ihn zu einem ehrlich besorgten: »Jessas, hast wieder Schmerzen, Mahm?«
Mahm – so nannte er sie, seit sie vor nunmehr dreiundzwanzig Jahren für ihn die Mutterstelle eingenommen hatte. Damals, als seine Mutter, eine ledige Magd und entfernte Verwandte der Kuglmüllerin, an einer zu spät behandelten Blutvergiftung gestorben war, hatte sie ihn zu sich genommen und mit ihrem um fünf Jahre jüngeren Buben, dem Heini, aufwachsen lassen. Sie war dem Leonhard eine wirkliche Mutter geworden, wie man unschwer seiner ehrlichen Fürsorge entnehmen konnte.
»Noja, geht schon noch«, wich die Kuglmüllerin aus. Rasch fügte sie hinzu: »Meinst, wir bringen alles trocken heim?« Dabei wies sie auf die höher steigende Wetterwand.
»Gar keine Frag’, Mahm«, beruhigte der Leonhard mit dem Anflug eines Schmunzelns. »Wir tummeln uns schon. Schau, wie der Heini hinlangt!«
Dies schien, ihrem sichtlich stolzen Nicken nach zu urteilen, durchaus nicht selbstverständlich zu sein.
Er fuhr fort: »Drum kannst jetzt ruhig heimgehen.«
»Und wer soll nach …?«
»Jetzt sei so gut! Auf die paar Büschel Heu kommt’s wahrhaftig nimmer an.«
»Ist alles eine Gottesgab’!«, glaubte sie ihn noch belehren zu müssen, willigte aber doch ein. »Dann geh’ ich halt, wennst meinst, Leonhard.«
Er schaute ihr nach, wie sie, ihren Rechen immer noch hinter sich herziehend, davonging, tapfer bemüht, sich aufrecht zu halten. Viel hätte er darum gegeben, hätte er ihr Krankheit und Schmerzen ersparen können, nach allem, was sie an Schwerem schon durchgemacht hatte. Von ihren drei Kindern war ihr nur der jüngste Sohn, der Heini, geblieben; den Mann hatte sie im Krieg verloren. Vielleicht lag da der Grund für ihre große, oft sogar blinde Nachsicht mit ihrem Einzigen. Dies war das wenige, was man an ihr hätte aussetzen können. Trotz der harten Schicksalsschläge, der großen Verantwortung und all den Sorgen um den Hof hatte sie sich ein mitfühlendes, warmes Herz bewahrt.
Es war nicht gerecht, es durfte einfach nicht sein, dass sie nun auch noch körperliches Leiden erdulden musste! Der Herrgott konnte das nicht zulassen!
Noch während der Leonhard dies dachte, erlosch das zornige Aufbegehren in ihm auch schon wieder, wich einem bedrückenden Gefühl ahnungsvoller Beklommenheit, als er in die Höhe blickte. Auch ihn erschreckte plötzlich dieses unheilkündende Bild über dem Kuglmüllerhof. Glich es nicht einer in den Himmel geschriebenen Vorwarnung?
Indessen hatte die Bäuerin das Fuhrwerk eingeholt. Der Heini kam ihr entgegen, einen mächtigen Heubballen heranschleppend. Seine breitschultrige, untersetzte Gestalt wankte unter der Last; das gut geschnittene Gesicht war vor Anstrengung verzerrt.
»Heini, da her!«, schrillte es vom Wagen herunter. Gleich darauf griffen zwei kräftige Arme nach der knisternden, duftenden Last, beförderten sie auf der schon hochbeladenen Fuhre akkurat an die richtige Stelle, drückten sie zurecht, um ihr festen Halt zu geben.
Ja, die stämmige Kuni verstand ihre Arbeit, und trotz aller Plagerei lachte sie übers ganze runde, pausbäckige Gesicht zum Hofsohn herunter. Der Heini hatte sich jedoch bereits seiner Mutter zugewandt, fragte etwas kurzatmig: »Willst schon heim?«
»Ja. Der Leonhard meint, es geht auch ohne mich.«
Fast zuckte so etwas wie Ärger über die immer noch jugendlich und unbedarft wirkende Miene des Fünfundzwanzigjährigen, ehe er hervorstieß: »Der Leonhard muss es ja wissen. Er ist ja eh der Allergscheiteste.« Ohne sich länger um seine Mutter zu kümmern und ohne eine Antwort abzuwarten, machte er sich wieder davon.
Die Kuglmüllerin war unmerklich zusammengezuckt. Es wurde nun des Öfteren deutlich, dass es dem Heini nicht passte, im Schatten des tüchtigen, verlässlichen Leonhard zu stehen. Sie nahm das jedoch als durchaus ermunterndes und hoffnungsvolles Anzeichen dafür, dass es ihm allmählich ernst wurde mit den bäuerlichen Pflichten, der Verantwortung und der Arbeit. Nun hatte er sich die Hörner genug abgestoßen; gewiss würde er seiner Aufgabe bald gewachsen sein und ein ebenso umsichtiger, rechtschaffener Mensch wie sein Vater selig werden. Und die Widmooser-Agnes würde – wenn sie hier erst einmal Jungbäuerin war – schon dafür sorgen, dass er bei der Stange blieb.
Ach ja, sie hatte es ja von jeher gewusst, dass Verlass war auf ihren Buben. Bei ihm hatte halt das Erwachsenwerden ein wenig länger gedauert. Sie brauchte der Zukunft gar nicht so ängstlich entgegenzuschauen. Es würde sich gewiss noch alles richten, bis es Zeit für sie war abzutreten.
In diese so beruhigenden Überlegungen hinein hörte die Kuglmüllerin ein erstes fernes Donnergrollen, dazwischen das stets ein wenig zu laute, aufreizende Lachen der Kuni. In ihr schien sich sogar der Leonhard ausnahmsweise einmal getäuscht zu haben. Nun war sie froh, dass sie seinen Rat nicht befolgt und die Magd behalten hatte. Dem Leonhard hatte ihr – zugegebenermaßen – ziemlich vorlautes, rasches Mundwerk nicht gefallen. Er musste sich halt mit ihr noch zusammenraufen, denn eine tüchtigere Magd gab es bestimmt nirgends. Schon gar nicht mehr in der heutigen Zeit, da Dienstboten immer rarer wurden und Ehhalten vom alten Schlag bereits im Aussterben begriffen waren. Schwere Bauernarbeit wollte kaum noch einer tun; überall hörte man das Schlagwort von der Landflucht.
Und da wollte der Leonhard so eine stramme und arbeitswillige Frau wie die Kuni nicht auf dem Hof dulden! So ein Blödsinn! Aber auch er war eben nicht ganz unfehlbar, wie der Heini ab und zu anzüglich bemerkte.
So vor sich hin sinnierend, hatte die Kuglmüllerin nun die ansteigende, von alten, breitästigen Ulmen überschattete Auffahrt erreicht. Eine Auffahrt zu einem Herrenbauernhof. Großmächtig und behäbig lag er da, der Kuglmüllerhof, geschmückt mit einem wahren Farbenzauber blühender Geranien und Fuchsienstöcke. Zwei prachtvolle Rosmarinstöcke flankierten die geschnitzte, wuchtige Haustür, die einlud, dieses gediegene Anwesen zu betreten.
Doch erloschen war die leuchtende Glut des schier überschäumenden Blumenschmucks. Der sich verdüsternde Himmel schien ihr Glühen aufgesogen zu haben.
*
Heuwagen rumpelten durchs Dorf, man hatte es eilig, die Ladung in die schützenden Scheunen und Tennen zu bekommen. Doch allmählich kehrte bei den Dörflern Feierabend ein; sah man den einen und den anderen vor der Haustür stehen, am Gartenzaun lehnen.
Noch immer stand das schwarzgraue Wolkengetüm im Osten, aber das Rumpeln und Grollen wollte nicht näherkommen. Und noch immer regte sich nicht der geringste Lufthauch, herrschte drückende Schwüle. Schier unerträglich heiß war es auch in der Stube des Lacknerhofes. Die winzigen, mit einem Eisenkreuz versehenen Fenster, davor der Geranienschmuck, ließen nur wenig Tageslicht herein, sodass das alte Weiblein in seinem Sessel im Dämmerlicht saß.
Sie hielt die dürren, knotigen Hände im Schoß gefaltet, ein grobperliger Rosenkranz ließ sie wie gefesselt erscheinen. Ab und zu bewegten sich die welken Lippen lautlos, öffneten sich die dünnen Lider. Aber gleich darauf döste das Lackner-Ahnl wieder ein, schon viel zu schwach zum wirklichen Erwachen.
Plötzlich hob sie den kleinen, nur noch spärlich behaarten Kopf, riss die Augen auf, versuchte sich zu erheben. Heiß! Ja, es war ihr viel zu heiß … Sie brauchte nur ein Fenster zu öffnen …
Noch während sie versuchte, sich in dem alten, durchgesessenen Lehnstuhl aufzurichten, drangen Hufgetrappel und Wagenrumpeln an ihr Ohr, in ihr Bewusstsein. Jessas, ja, der Loisl kommt mit einem Fuder vom Feld heim, vom Heuen, der Ernt’ …
Aber mit ihrem Enkelsohn war noch einer gekommen, einer, der unhörbar eiskalten Hauch brachte. Das war das Letzte, was das uralte Lackner-Ahnl von dieser Welt noch mitbekam, bevor sie hinüberdämmerte ins Jenseits.
Friedlich schlafend schien sie in ihrem Stuhl zu sitzen, als der Loisl eintrat, um nach der Großmutter zu schauen. »Herr, gib ihr die ewige Ruh’!«, murmelte er tonlos und bekreuzigte sich, indes er sich den verschwitzten Hut vom Kopf wischte.
*
Zur selben Zeit befahl die Widmooserin ihrer Tochter: »Spring schnell zur Kramer-Julie, und hol mir ein Packl Weinbeerln! Nimmst aber die kleinen schwarzen, die ergeben besser …«
»Du meinst, die schaun nach mehr aus«, kam es von der Agnes, einer etwas hageren, farblosen Fünfundzwanzigjährigen, während sie ihrer Mutter ebenso respektlos wie listig zublinzelte.
Diese Dreistigkeit übergehend, meinte die Widmooserin beiläufig: »Wirst es schon noch spannen! Jedenfalls kann die Kuglmüllerin einmal net behaupten, du hättest daheim keine Sparsamkeit gelernt.«
Auf diese geradezu verwegene Idee wäre im ganzen Umkreis niemand gekommen, denn der Geiz der Widmooserin war sprichwörtlich. Während sie Kleingeld aus einer verrosteten Teebüchse zählte, fügte sie hinzu: »Tummelst dich aber! Hernach sind die Geranien zu gießen!«
Sich das fahlblonde Haar vor dem schon arg fleckigen Spiegel zurechtzupfend, der über dem Ausguss hing, maulte die Agnes: »Wenn’s doch eh bald regnet …«
»Freilich, unters Dach wird’s regnen! Herrgott, Dirndl, dass man dich zu allem hinschieben muss! Du wirst dich noch einmal umschaun als Kuglmüllerin, wennst dich selbst um alles zu kümmern hast. Da wirst dich anders umtun müssen!«
Schweigend nahm die Agnes das Geld in Empfang, dachte sich jedoch dabei, dass sie sich als reiche Kuglmüllerin bestimmt keinen Haxen auszureißen brauchte. So wie ihre Mutter, die so gar nichts von ihrem Leben hatte, wollte sie ihres bestimmt nicht verbringen.
»Jetzt marschier endlich, los! Das Essen muss rechtzeitig auf den Tisch. Der Vater muss auf d’ Nacht wieder fort.«
»Als ob das was Besonderes war«!«
»Er ist halt nun mal Bürgermeister«, gab die Widmooserin aufseufzend zurück. Nein, glücklich war sie mit diesem Ehrenamt ihres Mannes auch nach der zweiten Wahlperiode noch nicht. Es brachte so gut wie nichts ein – außer Ärger und Mühe. Dieses Für-nichts-und-wieder-nichts war es, was sie wohl am meisten aufbrachte. Diese paar Mark Aufwandsentschädigung waren es durchaus nicht wert, dass man dafür daheim seine Arbeit versäumte. Und der Ihrige war leider nicht der Mensch, um sich von diesem Posten hier und da einen kleinen Vorteil zu verschaffen. Auch dies ärgerte sie nicht wenig.
»Jessas, ist das eine Hitz’!«, stöhnte sie und wischte sich über die Stirn.
Doch die Agnes war schon aus der Tür.
*
Vom nahen Kirchturm herab erklang das dünne Wimmern der Sterbeglocke; schrill und hoch schwang es weit hinaus durchs Tal. Wer es hörte, hob betroffen den Kopf, bekreuzigte sich.
»Jesus, sei der armen Seel’ gnädig!«, murmelte die Amrainerin, schob ein Holzscheit in den Ofen, auf dem das Nachtessen kochte. »Was mag da passiert sein? Ein Unfall?«
Die Sanni kam aus der angrenzenden Speisekammer herein und verkündete: »Suppennudeln sind keine mehr da, Mutter.«
Sie war ein wirklich auffallend hübsches Mädchen. Große, leuchtendblaue Augen standen in reizvollem Kontrast zu dem dunklem, fast schwarzem Haar. Sie hatte eine Figur, so schlank und fein wie gedrechselt.
»Herrje, auch das noch. Geh, radel g’schwind ins Dorf! Nachher fragst auch gleich, wer g’storben ist!« Fast ein wenig verlegen ob ihrer Neugier fügte die Amrainerin rasch hinzu: »Damit man sich auf den Rosenkranz einrichten kann.«
»Meinst, das Wetter hält aus?«
»Für das Katzensprüngl allemal. Darfst dich halt nirgends verratschen.«
So, wie die Sanni war, in ihrem verwaschenen, ausgebleichten Dirndlgewand, surrte sie aus dem Haus.
»Wo rennst denn du noch hin?«, fragte die Leni, Sannis um drei Jahre ältere Schwester, die mit zwei dicken Salatköpfen aus dem Gemüsegarten kam.
»Suppennudeln holen«, kam es knapp von der Jüngeren. »Und fragen, wer gestorben ist.«
Dies hatte auch der Vater gehört, der zusammen mit dem Hoferben Kaspi einen leeren Leiterwagen von der Tenne herab in den Schupfen schob. »Bringst mir ein Packl Tabak mit!«, rief er ihr nach.
Die Sanni nickte nur und trat in die Pedale, wich einer Hühnerschar aus, die kopflos auseinanderstob.
Wenn sich die Sanni auch vorgenommen hatte, sich nicht zu verratschen, so war das leichter gesagt als getan. Zumal sie vor dem Gemischtwarenladen der Kramer-Julie die Widmooser-Agnes, ein Packl Korinthen in der Hand, traf. Nicht, dass sie mit der Bürgermeisterstochter eine sonderliche Freundschaft verbunden hätte. Dies konnte schwerlich jemand behaupten. Doch zu einem Ratsch war die Agnes allemal und jederzeit aufgelegt. Noch ehe die Sanni von ihrem Rad abgestiegen war, rief die Agnes ihr zu: »Grüß dich, Sanni! Hast es schon gehört von dem alten Lackner-Ahnl?«
»Nein, was denn?« Die Amrainer-Tochter lehnte ihr Fahrzeug gegen die Hausmauer.
»Hast es net läuten hören, vorhin? Der Schlag hat das alte Weibl getroffen. Und mutterseelenallein ist sie gewesen, hat ohne christlichen Beistand sterben müssen«, berichtete die Agnes mit anklagender Stimme und schier platzend vor Wichtigkeit.
»Na, so was.«
»Ist das net fürchterlich? So ein alt’s Leut’ allein sterben lassen!«
»Was hat ihr denn gefehlt? Wo sind denn die Lacknerischen …?«
»Ich sag’ doch, der Schlag hat sie getroffen, als die Lacknerischen auf dem Feld gewesen sind.«
»Dafür kann doch niemand was.«
Der grüne Geländewagen, der unter der mächtigen Linde anhielt, die den Dorfbrunnen überschattete, ließ die Agnes die jäh in ihr aufgestiegene Gereiztheit vergessen. Der Mann in grüner Jägeruniform, der nun ausstieg, nahm ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Die Sanni anrempelnd, zischelte sie: »Da, schau, das muss unser neuer Förster sein.« Dabei schwang geradezu ehrfurchtige Hochachtung in ihrem ansonsten ziemlich überheblichen Ton. »Gell, ein fescher Mensch? Und so schneidig!«
Sanni konnte – außer der auffallenden Uniform, der hier ungewohnten Hutform mit der einseitig aufgebogenen Krempe – nichts Besonderes finden an diesem hochaufgeschossenen, hageren Mann, der um die Dreißig sein mochte. Als er näher kam, was die Agnes zu einem halb nervösen, halb verschämten Kichern veranlasste, sah die Sanni, dass er ein scharfnasiges Gesicht hatte. Sie konstatierte außerdem: langes Kinn, rotblondes Bärtchen über der Oberlippe, blassblaue Magermilchaugen. Nein, nichts Aufregendes!
»Grüß Gott, die Damen!«, sagte er und lüftete den Hut mit übertriebenem Schwung von dem bereits spärlich behaarten Schädel. Zackig schlug er die Hacken zusammen und verbeugte sich. Dabei saugte sich sein wie verwaschen wirkender Blick an der Amrainer-Sanni förmlich fest.
Die erwiderte den Gruß kaum verständlich.
Mit einem unüberhörbaren: »Grüß Gott, Herr Förster!« brachte die Agnes sich in Erinnerung. »Gell, Sie sind unser neuer Herr Förster?«
Sichtlich geschmeichelt von soviel Aufmerksamkeit knallte der grün Uniformierte zum zweiten Mal die Hacken zusammen, stellte sich vor: »Jawohl, Alfred Netterer, Revierförster. Nomen est omen, wie man so treffend sagt.«
Die beiden Mädchen nickten und lächelten hilflos.
»Der Name kennzeichnet einen Menschen«, erklärte er nachsichtig.
»Ich glaub’, ich muss jetzt gehen«, murmelte die Sanni, wollte davon, in den Laden.
Erneut galt seine Aufmerksamkeit nur ihr.
»Ich bitt’ Sie, so warten S’ doch, Fräulein …? Fräulein …? Ich wollt’ Sie fragen …S ie wissen doch sicher, wo der Bürgermeister wohnt.«
»Freilich. Der … der Bürgermeister! Das ist mein Vater!«
Nun erst schien Alfred Netterer wieder von der Agnes Notiz zu nehmen. Aber wie! Es riss ihn direkt. Plötzlich verzog er die schmalen Lippen zu einem hocherfreuten Lächeln. »Nein, im Ernst! Das nenn’ ich einen Zufall, Fräulein … ?«
»Widmooser. Agnes Widmooser. Zu mir können S’ ruhig Agnes sagen, Herr Förster!« Sie strahlte ihn überschwenglich an.
Die Sanni war nun überflüssig, wurde offenbar nicht mehr gebraucht. Man schien es nicht einmal zu bemerken, dass sie sich umwandte, flink wie eine Maus davonhuschte und im Laden verschwand.
Es war merkwürdig. Nachdem Alfred Netterer begriffen hatte, dass es sich bei der Agnes um die Tochter des Bürgermeisters handelte, schien sie plötzlich Vorzüge aufzuweisen, die ihn geradezu faszinierten, so hingerissen bemühte er sich um sie.
Überschwänglich wiederholte er: »Das nenn’ ich einen Zufall!« Ihr tief in die Augen schauend, fuhr er fort: »Fräulein Agnes, nein, wirklich, dass es solche Zufälle gibt! Frag’ ich nach dem Bürgermeister, und derweil …«
»Brauchen S’ ihn, Herr Förster?«, unterbrach sie ihn. Man sagte von ihr offenbar nicht umsonst, dass sie eine Kopfgesteuerte war, denn sie hatte die Lage bereits fest umrissen und durchaus im Griff.
»Im Gemeindeamt hab’ ich ihn auch nicht angetroffen …«
»Jessas, wo denken S’ denn hin, Herr Förster! Da hält er sich nur am Vormittag auf. Der Posten ist doch in unserer kleinen Gemeinde bloß ehrenamtlich.«
»Ja, dann muss ich halt morgen …«
»Nein, nein, durchaus net, wenn’s wichtig ist«, fiel die Agnes ihm erneut ins Wort. »Bis um sieben ist er daheim. Wenn S’ möchten, kommen S’ halt gleich mit mir mit.«
Nun schien er etwas verunsichert, strich sich das rotgoldene, spärliche Bärtchen glatt, ehe er zögernd erwiderte: »Nun ja, im Grund hab’ ich mich ja bloß vorstellen wollen. Sie verstehen, Fräulein Agnes?« Dabei wandte er seine Magermilchaugen von ihr ab und schaute auf seine Schuhspitzen.
»Das können S’ auch bei uns daheim. Und bei uns ist’s allemal gemütlicher als in der Amtsstuben. Kommen S’ nur gleich mit, Herr Förster!«
Alfred Netterer hatte sich bereits überreden lassen. »Sollen wir zu Fuß gehen oder fahren?«
Gar keine Frage, dass sie sich diese Gelegenheit nicht entgehen ließ. Obgleich es nur ein Katzensprung bis zum elterlichen Hof war, wollte die Agnes gefahren werden.
Als die Amrainer-Sanni ihren bescheidenen Einkauf erledigt hatte und den Laden verließ, ratterte der Geländewagen, in dem die Agnes bolzengerade aufgerichtet saß, gerade davon. ›G’spaßig!‹ dachte die Sanni, denn ein wenig merkwürdig kam ihr dieses Benehmen schon vor!
Sie fand es durchaus nicht in der Ordnung, sich an einen wildfremden Mann gleich so heranzuschmeißen. Bloß weil er der neue Revierförster war! Die Agnes war doch mit dem Kuglmüller-Heini so gut wie versprochen! Während die Sanni aus dem Dorf radelte, suchte ihr Blick unwillkürlich den stolzen, stattlichen Kuglmüllerhof auf der einsamen Anhöhe. Gleich darauf schrie sie entsetzt auf!
Es war nicht die eigene Gefahr, die sie erschreckt hatte, als der grellblendende Strahl aus der schwarz geballten Wolkenwand herniederzuckte. Es hatte ausgesehen, als würde der Blitz geradewegs in den Kuglmüllerhof herabfahren. Dieses schauerliche Bild traf sie bis ins Innerste. Als dann der Donnerschlag durchs Tal rollte, so gewaltig, als sollte die Erde erzittern, schoss jähe Angst in ihr auf. Sie musste daheim sein, ehe das Unwetter über ihr mit all seiner drohenden Gewalt losbrach.
*
Der Heuwagen mit dem letzten Fuhre holperte wankend und schaukelnd über den abgeernteten Wiesenboden auf den Kuglmüllerhof zu. Der Jungknecht Berti führte die Pferde, die trotz der Erschöpfung nervös wirkten, das nahende Unwetter spürten und von unzähligen angriffswütigen Bremsen geplagt wurden. Hinter der Fuhre gingen der Leonhard und der Hofsohn Heini, beide mit Heugabeln.
Sich mit dem tief gebräunten, sehnigen Arm übers Gesicht wischend, sagte der Leonhard: »Na also, gut ist’s gegangen! Heut’ haben wir uns den Feierabend redlich verdient.«
»Und eine frische Maß oder zwei.«
»Von mir aus auch das. Hauptsach’, unser Heu ist trocken herin.«
»Aber gell, Heini, abgeladen wird heut aber nimmer«, kam es von der Kuni, die hoch oben auf dem Wagen saß.
»War’ mir grad schön genug!«, brummte der Heini grimmig.
Daraufhin stapften die beiden Männer wieder schweigend nebeneinander her. Sonderlich viel gab es zwischen ihnen, die doch miteinander aufgewachsen waren, ohnehin nie zu reden.
Oben auf der Fuhre lehnte sich die Kuni an den Wiesbaum, der die fest gepresste Last zusammenhielt. Sie war sechsundzwanzig Jahre alt, die Kuni, fest und stämmig, und alles an ihr strotzte nur so vor Kraft und Gesundheit.
Ein Klatschen, ein zufriedenes: »Wieder so ein Mistviech weniger«, und sie wischte sich den blutigen Fleck, eben noch eine saugende Bremse, mit einem Heubüschel vom prallen Oberschenkel. Die Kuni hatte den Rock nicht nur wegen der Hitze weit über die Knie hochgeschoben. Unter halbgeschlossenen Lidern hervor registrierte sie jeden Blick, den der Hofsohn ihr verstohlen zuwarf.
Die drohende Schwärze über ihr interessierte sie nicht. Sie wob und spann schon wieder an ihrem Lieblingstraum, knüpfte wie eine Kreuzspinne ihre Fäden, um ihr Opfer darin einzuhaspeln. Kunis ganzes Trachten zielte darauf, einmal Bäuerin, Kuglmüllerin, zu werden. Für eine Magd eigentlich schier ein Ding der Unmöglichkeit. Doch auf diesem Hof gab es etliches, was ihrem ehrgeizigen Plan förderlich sein konnte und ihn durchaus nicht völlig abwegig erscheinen ließ.
Der Heini war ein verwöhnter, noch recht unreifer Bursch, leicht beeinflussbar, wie sie glaubte. Ihm stand seine Mutter – auch das war nicht zu übersehen – ziemlich hilflos gegenüber mit ihrem Nachgeben und ihrem Entschuldigen; eben halt mit ihrer blinden Mutterliebe.
Am wenigsten störte die Kuni die Tatsache, dass der Heini ja eigentlich schon einer anderen gehörte. So ein fades Mädchen wie die eingebildete Bürgermeisterstochter brauchte man wohl kaum zu fürchten. Zudem hatte es bereits einige andere So-gut-wie-Versprochene gegeben, denn der Heini war auch in der Hinsicht recht unstet und wenig verlässlich. Doch sie, Kuni, etwas älter und um einiges erfahrener als er, würde ihn schon zu nehmen wissen. Das traute sie sich allemal zu.
In ihrem Plan gab es jedoch einen, vor dem sie sich in Acht nehmen musste: Leonhard! Dieser Wichtigtuer und Gschaftlhuber, der seine Augen überall hatte, durfte zuletzt merken, worauf sie aus war. Sie mochte ihn nicht, er war zu aufrecht, treu und verlässlich. Soviel untadeliger Rechtschaffenheit misstraute sie. Dass die Abneigung auf Gegenseitigkeit beruhte, machte sie nur noch vorsichtiger.
Nein, die Kuni nahm ihm die selbstlosen Absichten nicht ab.
Der Leonhard war auch nicht viel mehr als ein Dienstbote, der seinen Vorteil im Auge hatte. Gewiss erhoffte er sich von der Bäuerin so einiges. Außerdem – nicht umsonst herrschte zwischen dem Heini und ihm keine sonderlich innige Freundschaft!
Ein neuerlicher Bremsenstich, hoch am Rocksaum, riss die Kuni aus ihren Überlegungen. Auch dieses blutgierige Insekt wurde mit einem klatschenden Schlag zerquetscht.
Beide Männer hoben die Köpfe, schauten zu ihr herauf, der Leonhard wegen soviel freizügig gezeigter Reize missbilligend, der Heini breit grinsend.
»Ja mei, was kann ich dafür, dass ich so ein süßes Blut hab’«, entschuldigte die Kuni sich schnippisch, zog jedoch den Rock über die Knie herab, denn man fuhr in den Hof ein.
Ein greller Blitz zuckte hernieder; es folgte ein krachender Donnerschlag. Noch einmal mussten sich die Pferde hart ins Geschirr legen, um den Heuwagen die Auffahrt zur Tenne hinaufzuziehen. Es ging durchs weitgeöffnete Scheunentor hinein ins stickig heiße, dämmrige Dunkel.
Nun musste die Kuni herunter von ihrer luftigen Höhe. Sie hockte sich auf den äußersten Rand der Fuhre, dann rutschte sie hinab. Das tat sie so geschickt, dass sie gradwegs vor dem Heini aufkam. Rasch hielt sie sich an ihm fest und lehnte sich gegen seine Brust.
»Pass doch auf! Jetzt hättest mich aber bald umgrissen«, entfuhr es ihm. Aber schon schoss ihm unter der Berührung dieses üppigen Körpers eine heiße Flamme ins Blut. Jäh presste er die Kuni an sich.
»War’ dir das so zuwider, wenn’s uns zwei miteinander umreißen tat’?«, flüsterte sie.
Indessen hatten der Berti und der Leonhard begonnen, die Pferde auszuschirren. Ein Zugscheit fiel dumpf auf den Tennenboden. Das ließ den Heini erschreckt zusammenfahren, brachte ihn zur Besinnung. Wie kraftlos sanken seine Arme herab. »Nein, du, lieber net! Das war’ mir ein bissl zu gefährlich.« Seine Stimme klang belegt. Er räusperte sich und ging rasch davon. Mit zusammengekniffenen Augen starrte die Kuni ihm nach, ein wissendes Lächeln kräuselte ihre Lippen.
Während für das Gesinde erneut Arbeit anstand – der Leonhard musste die Rösser versorgen, tränken und füttern, die Kuni und der Jungknecht in den Stall – wusch sich der Heini am Brunnen vor dem Haus. Er ließ sich das eiskalte Wasser über den Kopf und den nackten Rücken rinnen, bis er einem gesottenen Krebs glich.
Besorgt kam die Kuglmüllerin aus dem Haus gehastet, drängte ihm ein Handtuch auf. »Jessas, Bub, net, dass du dir den Tod holst!« Doch ihre Hauptsorge, er könnte das eiskalte Nass trinken, war absolut unbegründet.
Jetzt eine Halbe Bier!«, stieß er schnaubend hervor, sich die glitzernden Tröpfl abtrocknend.
»Die hast dir heut’ verdient«, stimmte sie ihm mit einem wohlwollenden Lächeln zu. »Komm nur gleich herein!«
Das grelle Zucken eines Blitzes und gewaltiges Rumpeln trieben sie rasch ins Haus.
Als sich das Gewitter mit Sturmgetöse und schwer herniederprasselndem Regen endlich richtig entlud, hatte der Heini seinen Durst schon so fleißig gelöscht, dass man den Schutz des Allmächtigen ohne ihn anflehen musste. Während alle um das schwarze, geweihte Wachsstöckl saßen und den Rosenkranz beteten, hockte er auf der Bank im finsteren Ofenwinkel – die Bierflasche neben sich – und stierte mit glasigen Augen zu den anderen hinüber. Sein Blick blieb des Öfteren an Kunis festem Nacken und ihren breit ausladenden Hüften hängen.
Trotz der grellgrün aufflammenden Blitze und der krachenden Donnerschläge wirkte das monotone Gemurmel der Betenden auf ihn einschläfernd. Alles, wozu er sich dann noch aufraffen konnte, war ein hastig über Stirn, Lippen und Brust hingewischtes Kreuzzeichen, bevor er aus der Stube tappte. Die Flasche hatte er bei sich.
Leonhard starrte unverwandt auf das in der Zugluft flackernde Kerzenflämmchen, wohl um dem Blick seiner Mahm nicht begegnen zu müssen.
Das Gewitter hatte sich verzogen. Hier und dort noch schwaches Wetterleuchten am nachtschwarzen Himmel und das Tropfen der Nässe von Dächern und Bäumen. Auf dem Kuglmüllerhof war es inzwischen still geworden.
Plötzlich knarrte eine Tür – leise, ganz leise. Eine weiß gekleidete Gestalt schob sich auf den stockfinsteren Flur, schlich auf nackten Füßen zur Kammertür des Hofsohnes und verschwand lautlos in dem Raum. Auch hier herrschte undurchdringliche Finsternis. Doch mit sicherem Schritt fand die Kuni das Bett, ließ sich vorsichtig darauf nieder.
In das gleichmäßige Rasseln und Schnarchen hinein, das aus den prallgefüllten Kissen drang, wisperte sie: »Heini! Heini, wach auf!« Dazu ein behutsames Lupfen und Rütteln an der Bettdecke, am Schlafenden.
Dieser fuhr jäh in die Höhe, wobei ihm ein schlaftrunkenes: »Was ist los?«, entfuhr.
»Pst! Sei still! Ich bin’s bloß.«
Zwar wach, aber durchaus noch nicht wieder nüchtern, murmelte der Heini unsicher: »Was willst denn mitten in der Nacht?«
»Ich furcht’ mich, Heini, vorm Gewitter …«
»Ah, geh! Was net gar …« Ein leises Lachen überkam ihn.
»Doch, Heini, gewiss wahr. Ich fürcht’ mich.«
Bis er begriff, dass das Unwetter längst abgezogen war, war es schon geschehen. Ein üppiger heißer Mädchenkörper drängte sich an ihn; hungrige Lippen ließen Skrupel erst gar nicht aufkommen.
Hoch über dem Tal blinkte hier und dort ein Stückchen eines frisch gewaschenen Sternenhimmels. Der Mond kam hinter verschwimmendem Wolken hervor. Ihn umgab ein milchig weißer Hof; das Wetter würde umschlagen.
*
Am nächsten Morgen wäre die Kuglmüllerin gern ein Weilchen länger im Bett geblieben als sonst, aber ihr Pflichtbewusstsein erlaubte das nicht; sie musste heraus. Auch wenn sie sich so elend und zerschlagen fühlte, dass sie kaum genug Kraft aufbrachte, sich anzuziehen. Dieser wühlende, reißende Schmerz in ihrem Leib hatte sie fast die ganze Nacht über kein Auge zutun lassen. Sie hätte gestern nicht mit ins Heu gehen sollen. Da hatte sie sich wohl ein wenig überanstrengt, irgendwas in ihrem Innern rebellisch gemacht. Als sie sich die grauen, arg dünn gewordenen Zöpfe feststeckte und in den Spiegel schaute, erschrak sie. Die Augen lagen tief in dunkel umrandeten Höhlen, und ihre Haut sah merkwürdig gelblich aus, so wie vergilbtes Papier.
Der Kuni schien jedoch nichts aufzufallen, als sie ein paar Minuten später mit einem: »Gut’ Morgen, Bäuerin!« an der Kuglmüllerin vorbeilief und die Stiege hinabeilte. Dabei summte die Kuni fröhlich vor sich hin, offenbar bester Laune.
›Na ja, die Jugend halt!‹, dachte die Bäuerin, sich am Geländer langsam und vorsichtig treppab schleppend.
In der Küche herrschte noch Halbdunkel. Auch draußen wollte es nicht so recht Tag werden. Ein grauer, regnerischer Morgen presste sich gegen die Fensterscheiben. Was für ein Glück, dass man gestern das ganze Heu trocken unter Dach und Fach gebracht hatte!
Die Kuglmüllerin hörte den Leonhard, gleich darauf den Berti die Stiege herabpoltern und in den Stall gehen. Den Heini ließ der Bettzipfel offenbar wieder einmal nicht so schnell los.
»Sei’s ihm vergönnt«, murmelte sie nachsichtig vor sich hin. Es dauerte heute länger, bis das Feuer im Herd brannte, die großen Tiegel und Häfen, in denen der Kälbertrank bereitet wurde, darauf standen. Das Hantieren mit den schweren Kübeln, das Heben, wurde zur qualvollen Last für die Kuglmüllerin.
Die Kuni, die den Kälbertrank stets holte, musste sich an diesem Morgen die dampfenden Tiegel selber vom Herd wuchten. »Ist dir net gut, Bäuerin?«, fragte sie betont gleichmütig, im Blick jedoch ein gewisses Lauern.
»Net besonders«, musste die Kuglmüllerin zugeben. Ein leichter Schwindel befiel sie, und sie setzte sich rasch nieder.
»Jessas, was hast denn? Bleib nur still hocken, Bäuerin, und rühr dich nimmer, bis ich mit der Stallarbeit fertig bin«, tat die Kuni fürsorglich.
»Unsinn, Kuni. Es geht gleich wieder.«
»Naa, naa, Bäuerin, strapazier dich net! Ich hab’s bald im Stall …«
»Ja, geh und tummel dich!«
»Dass du mir aber nix anrührst!«, mahnte die Kuni, ehe sie mit den beiden dampfenden, schier überschwappenden Trankkübeln die Küche verließ.
›Ein braves Madl – und so fleißig! Bloß zur Hausarbeit kann man sie leider nicht recht gebrauchen. Sie hat für die Kocherei zu wenig Geschick‹, dachte die Bäuerin.
Jemand polterte die Stiege hinauf, und die Kuglmüllerin fuhr zusammen. Herrje, der Heini war immer noch nicht aus den Federn, er musste wieder einmal vom Leonhard geweckt werden!
Mit einem ziemlich heftigen: »Himmiherrgott, so steh endlich auf!« rumpelte der Leonhard in Heinis Kammer. »Du weißt doch, dass heut’ ein Haufen Arbeit ansteht!«
»Was plärrst denn wie ein Jochgeier«, brachte der Heini, sich aufrichtend, hervor. »So ein Aufruhr in aller Herrgottsfrüh …«
»Steh auf! Die Wagen müssen abgeladen werden.«
Der Heini fuhr sich mit den gespreizten Fingern durch den dicken, braunen Haarschopf, hatte eine heftige Erwiderung auf der Zunge, als er mit der Linken etwas auf dem zerknüllten Laken ertastete, das ihm einen eiskalten Schreck einjagte. Er konnte nur hoffen, dass der Leonhard die Haarnadel nicht erspäht hatte. Der Leonhard wandte sich ab und ging hinaus. Er hatte die Haarnadel gesehen. Anstatt seinen Ziehbruder zur Rede zu stellen, was ihm – der Heini war ein erwachsener Mann – wenig zugestanden hätte, schämte er sich für ihn. Ja, ihm war das Benehmen des zukünftigen Hoferben peinlich. Zugleich stand für ihn fest, dass die Kuni vom Hof musste, ehe größerer Schaden entstand und die Mahm etwas erfuhr. Eine derartige Entgleisung ihres Einzigen hätte sie nur schwerlich verwunden.
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