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Marlies, die hübsche Wirtstochter, lebt in ständiger Angst um ihren Freund Toni, der die waghalsigsten Bergtouren macht. Vergeblich versucht sie, ihn davon abzubringen. Aber Toni steht unter dem Einfluss eines zwielichtigen Freundes, der ihn immer wieder zu beschwatzen versteht. Die nächste Tour soll in die berüchtigte Höllbachklamm führen… Sieben der schönsten Erzählungen der bekannten Heimatautorin Rosemarie Forstmaier entführen den Leser in eine Welt, die trotz aller Reibereien, aller Intrigen, aller kleinen und großen Schwierigkeiten noch in Ordnung ist.
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Veröffentlichungsjahr: 2017
LESEPROBE ZU
Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 1997
© 2017 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim
www.rosenheimer.com
Titelfoto: Michael Wolf, München
Lektorat: Petra Schnell, Stephanskirchen am Simssee
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
eISBN 978-3-475-54664-8 (epub)
Rosemarie Forstmaier
Wo der Höllbach rauscht
Heimatgeschichten
Marlies, die hübsche Wirtstochter, lebt in ständiger Angst um ihren Freund Toni, der die waghalsigsten Bergtouren macht. Vergeblich versucht sie, ihn davon abzubringen. Aber Toni steht unter dem Einfluss eines zwielichtigen Freundes, der ihn immer wieder zu beschwatzen versteht. Die nächste Tour soll in die berüchtigte Höllbachklamm führen…
Sieben der schönsten Erzählungen der bekannten Heimatautorin Rosemarie Forstmaier entführen den Leser in eine Welt, die trotz aller Reibereien, aller Intrigen, aller kleinen und großen Schwierigkeiten noch in Ordnung ist.
Im Widerschein der untergehenden Sonne färbte sich der Himmel rosarot, schienen die Gipfel und Schroffen der Berge von innen her zu glühen, während drunten, im engen Tal, schon die ersten Schatten länger wurden.
Der hochgewachsene, dunkelbärtige Mann, dessen Kleidung so fremdländisch wirkte und mit der Tracht der Gebirgler nichts gemein hatte, stand schon lange im dichten Unterholz verborgen. Seine dunklen Augen waren fast unverwandt auf das Bergbauerngehöft gerichtet, das einsam im Talwinkel lag.
Schon zweimal hatte er ein junges Mädchen aus dem schmucken Anwesen herauskommen sehen. Das mußte die Christl sein. Auch die alte Ahnl hatte sich, fast blind, die kleine, gebeugte Gestalt auf einen Stock gestützt, aus dem Haus getastet. Nur vom Schupfenbauern selber und seiner Bäuerin hatte er noch nichts zu sehen bekommen.
Es war schon etwas Merkwürdiges, fremde Menschen zu beobachten, die einem durch Erzählungen seit vielen Jahren vertraut waren, so dass man sie zu kennen glaubte, als hätte man unter ihnen gelebt.
Wie lange wollte er hier eigentlich noch stehen bleiben? Worauf wartete er denn? Es war nicht direkt Angst, was ihn hinderte, einfach hinüberzugehen und anzuklopfen. Eher Beklommenheit, vermischt mit Scham, hielt ihn immer wieder zurück. Und doch war er beinahe sicher, dass nichts schief gehen konnte. Denn vierzehn Jahre waren eine lange Zeit. Und dann war da noch die verblüffende Ähnlichkeit, die man ihnen immer wieder bestätigte. Fast wie Zwillingsbrüder hatten sie ausgesehen, der Pauli und er, sogar ihre Stimmen, der Dialekt, der Tonfall glichen sich. Nein, es konnte kaum etwas passieren. Die Ähnlichkeit war zu groß, die Zeit, die inzwischen verstrichen war, zu lang.
Die Schupfen-Christl war mit ihren zweiundzwanzig Jahren ein blitzsauberes Mädel, rank und schlank, mit großen nussbraunen Augen und dunkler Zopfkrone. Ihre flinken Bewegungen verrieten Temperament, wie sie so am Herd hantierte. Sie besaß viel natürliche Anmut.
Mit den geschickt tastenden Händen der Blinden fuhr die Ahnl – sie war bereits hoch in den Siebzig – über die kleinen Glasscheiben der Anrichte, bis sie die Ansichtskarte zwischen den gichtigen Fingern hielt.
»Geh, Ahnl, was tust denn!« Milder Vorwurf schwang in der Stimme der Enkelin. »Ich hab’s dir doch eh schon so oft erzählt, was der Pauli geschrieben hat. Und wie es ausschaut, das Bildl von Kanada.«
»Ich versteh’s net, dass er so lang braucht, bis er da ist«, sagte die Alte kopfschüttelnd. »Am End traut er sich noch allweil net heim, aus Angst vor dem Vater. Er weiß doch net einmal, dass bloß noch wir zwei da sind.« Sehnsucht nach dem Enkelsohn schwang in der dünnen, brüchigen Stimme. In einem anklagenden Tonfall verfallend, fuhr sie fort: »Alles war anders gekommen, wenn dein Vater kein so zorniger Mensch gewesen wär. Dann hätt der Pauli damals nach der Dummheit mit dem Innauer-Schorsch net die Nerven verlieren und davonlaufen müssen. Aber er hat ja so viel Angst vor seinem Vater gehabt, Angst vor dem, was passiert, wenn der von der Rauferei erfahrt.«
»Immerhin hat der Innauer dabei ein Auge eingebüßt«, wandte die Christl ein. »Und daran war wiederum der Jähzorn vom Pauli schuld.«
»Den er von seinem Vater geerbt hat«, ergriff die Ahnl sofort Partei für den Enkelsohn. »Was hat sich denn der Schorsch auch mit einem so grünen, kaum einundzwanzigjährigen Bürschl einlassen müssen, ha? Da hätt schon er, der Ältere, auch der Gescheitere sein müssen.«
Die Christl ließ es lieber dabei bewenden, denn erstens konnte sie sich an den Vorfall, der vierzehn Jahre zurücklag, nicht mehr erinnern, weil sie damals noch zu klein gewesen war. Und zweitens wusste sie, wie sehr die Ahnl auf die Heimkehr des Pauli wartete. Vielleicht war es nur noch der Wunsch, ihn noch einmal zu sehen, was sie am Leben hielt.
Freilich, auch sie freute sich auf ihren Bruder. Zudem brauchte der Hof nach dem Tod ihres Vaters dringend einen Bauern. Sie und die Großmutter waren der großen Verantwortung und der vielen Arbeit einfach nicht gewachsen. Es war höchste Zeit, dass der Bruder sich endlich zur Heimkehr entschloss und den Schupfenhof übernahm, wie es ihm als Sohn und Erbe zustand.
Ihr erschien es unbegreiflich, dass ein Mensch es so lange in der Fremde aushalten konnte, während man in der Heimat auf ihn wartete. Nur ein paar bunte Ansichtskarten hatte man in den vergangenen Jahren vom Pauli erhalten, der in Kanada als Holzfäller arbeitete. Seine genaue Adresse stand nie darauf. Aber nun, seit man wusste, er würde endlich wieder heimkommen, wartete die Christl auf den Bruder ebenso ungeduldig wie die Ahnl, nur musste sie das für sich behalten, damit die Großmutter nicht noch zappeliger wurde.
Wie er wohl aussah, der Pauli? Nicht einmal mehr daran konnte sie sich erinnern.
Indes begannen die Knödel im Sud zu tanzen. Sie schnitt die heißen Knödel in Scheiben und röstete sie kurz in der Pfanne ab. »Ahnl, das Essen ist gleich fertig. Willst den Tisch decken?«, bat sie die Großmutter.
Diese Arbeit gehörte zu den wenigen, die die alte Frau trotz ihres erloschenen Augenlichts noch verrichten konnte und die sie sich nicht nehmen ließ.
Das dürre, gebeugte Weibl steckte die Karte in das Türchen der Anrichte zurück und huschte mit erstaunlicher Sicherheit hin und her, stellte Teller und Besteck auf die weiß gescheuerte Tischplatte.
Ganz von selbst erschienen die beiden Dienstboten. Der Lenz, ein breitschultriges, mürrisches Mannsbild um die Vierzig, und die dralle Lina setzten sich schweigend an den Tisch. Auch die Magd war nicht mehr die Jüngste und machte ebenfalls einen eher verdrießlichen Eindruck, was jedoch einen besonderen Grund hatte.
Besonders anziehend oder schön war sie nicht, die Lina, auch wenn sie sich mit ihrem unscheinbaren Äußeren sichtlich Mühe gab. Sogar bei der Arbeit trug sie ein unbequemes Schnürmieder, wodurch sie stets ziemlich kurzatmig wirkte. Trotzdem gab sie die Hoffnung, die sie insgeheim in ihrem fülligen Busen hegte, nicht auf. Die Hoffnung, den Lenz doch noch dahin zu bringen, wo sie ihn allzugern haben wollte, nämlich in den heiligen Stand der Ehe.
Die abgerösteten Knödel wurden schweigend eingenommen, während sich Dämmerung über das Tal senkte, die Dunkelheit rasch zunahm.
Obgleich für die Lina, die seit Tagesanbruch auf den Beinen war, der wohlverdiente Feierabend begann, half sie der Christl noch in der Küche. Die Ahnl trippelte bereits mit einem »Gut Nacht« aus der Tür. Sie ging jeden Tag mit den Hühnern schlafen, und der Lenz machte sich auf seinen letzten Rundgang durch den Stall.
Ein Klopfen an der Haustür ließ die beiden Frauen auffahren. Überrascht sahen sie sich an. Besucher, noch dazu um diese späte Stunde, waren mehr als ungewöhnlich, und so entfuhr der Christl auch schon die hoffnungsvolle Frage: »Ob er es ist?«
Die Lina zuckte nur mit den breiten Schultern, denn insgeheim bezweifelte sie, dass der vielberedete Haussohn je heimkommen würde. »Ich tät halt nachschauen«, meinte sie mit einem gutmütigen Schmunzeln. »Aber er tät den Weg herein doch auch allein finden, oder?«, schränkte sie ein.
»Ich glaub, der Lenz hat schon zugesperrt.« Die Christl verließ die Küche und rannte durch den nur spärlich erleuchteten Flur.
Als sie die Haustür öffnete und vor ihr ein dunkelbärtiger Mann in fremdartiger Kleidung stand, der einen Koffer in der Hand trug, schlug ihr das Herz bis zum Hals. »Bist du der Pauli?«
Auch er sah sie fast betroffen an, ehe er fast zaghaft bejahend nickte, aber immer noch stocksteif stehen blieb.
Doch nun war der Bann gebrochen. Mit einem freudigen: »Willkommen daheim, Bruder!«, hing die Christl auch schon an seinem Hals, drängte sich mit stürmischer Unbefangenheit an ihn und sagte unter Lachen und Weinen: »Gott sei Dank, dass du da bist. Wir haben so auf dich gewartet, Pauli.«
Sie war viel zu aufgeregt, um zu merken, dass er sie abrupt, beinahe schroff von sich schob. Man konnte es für Rührung halten, als er etwas mühsam, mit rauher Stimme hervorstieß: »Christl? Ja, du musst – kannst nur die Schwester sein.«
Schon hing sie erneut an seinem Arm, blickte strahlend zu ihm auf und sagte aufmunternd: »Kein Wunder, dass du mich nimmer kennst. Ich hab mich ja an dich auch kaum noch erinnern können. – Aber so komm doch herein! Ich muss es gleich der Ahnl sagen, denn sie hat’s kaum noch erwarten können, seit deine Karte ...«
»Die Ahnl?« fiel er ihr ins Wort und stand immer noch wie festgenagelt auf dem selben Fleck.
Ernüchtert senkte die Christl den Blick, ehe sie stockend hervorbrachte: »Ja no, Pauli, ich sag’s dir lieber gleich: Der Vater ist vergangenes Jahr gestorben, die Mutter schon vier Jahr früher. Wir hätten es dir ja geschrieben, wenn wir gewusst ...«
»Heiland, so was!«, sagte er, insgeheim aufatmend, und es klang beinahe erleichtert. Rasch fügte er hinzu: »Das ist ja furchtbar, das hab ich net wissen können.«
Um die Wiedersehensfreude nicht durch bittere Selbstvorwürfe trüben zu lassen, drängte sie ungestüm: »So komm doch herein, Pauli! Das können wir alles drinnen bereden. Du musst auch der Ahnl grüß Gott sagen.« Damit zog sie den immer noch verwirrt Widerstrebenden mit sich über die Schwelle und schob ihn durch die Tür, die in die Stube führte.
Dann stand er mit seinem Koffer allein da und sah sich befangen um, während die Christl durch das Haus lief und seine Ankunft mit lauter, freudig erregter Stimme verkündete.
Die Schupfenleute waren also tot. Er wusste nicht so recht, wie er sich in dieser neuen, unerwarteten Situation verhalten sollte. Damit hatte er nicht gerechnet.
Es blieb ihm nicht viel Zeit zum Überlegen, denn nun kam die Ahnl zur Tür hereingetrippelt, streckte ihm suchend die Hände entgegen. »Pauli? Bist du’s wirklich?«
Ein leises Räuspern, ehe er verkrampft hervorwürgte: »Grüß Gott, Ahnl. Ja, ich ...« Mehr brachte er nicht über die Lippen, sah ihr angespanntes Gesicht, das sie ihm angestrengt lauschend entgegenhob. Und plötzlich stieg Angst, ja, sogar Panik in ihm auf. Er fürchtete sich vor dem feinen Gespür dieser alten, blinden Frau mehr als vor jedem anderen Menschen.
Mit kleinen, ruckartigen Schrittchen trat sie nahe an ihn heran, berührte ihn tastend mit den Händen und sagte: »Weißt, meine Augen sind nimmer die besten, da brauch ich meine Händ, wenn ich dich anschauen will, Bub.«
Es waren wohl die schlimmsten Minuten seines Lebens, als die gichtigen Finger der uralten Frau über sein Gesicht, das Haar, die Schultern glitten. Er hatte sich nie erbärmlicher gefühlt.
»Jessas, Bub, ein Mordsmannsbild bist geworden«, sagte sie. »Ja, ja, vierzehn Jahr sind eine lange Zeit. Wie lang hab ich auf dich warten müssen, Pauli, hab’s nie net glauben wollen, dass du nimmer heimkommst. Aber jetzt bist ja da, dem Herrgott sei Dank.«
Einer spontanen Regung folgend, in der Erleichterung, aber auch Rührung lagen, nahm er die Hände der Blinden in die seinen, drückte sie herzlich. Der Bann war gebrochen, die Gefahr fürs erste vorbei. Er war auf genommen.
Nun kamen der Lenz und die Lina und boten dem heimgekehrten Haussohn einen eher scheuen und verlegenen Gruß, während sie ihn mit hastiger Neugier musterten.
»Ohne die zwei, Pauli, hätt’s mit uns bös ausgeschaut«, sagte die Christl, nahm ihrem Bruder die auffallend karierte Wolljacke ab. »Ihnen ist es zu verdanken, dass du den Hof jetzt so übernehmen kannst, wie ihn der Vater dir vermeint und hinterlassen hat.«
Warum sagte er nicht sofort, dass er nicht bleiben wollte? So hatte er es doch vereinbart. Er hatte doch nie beabsichtigt, sich wie ein Kuckuck in einem fremden Nest breit zu machen. Oder war es am Ende doch dieser Gedanke gewesen, der ihn, den Eltern- und Heimatlosen bewog, auf dieses Täuschungsmanöver einzugehen? Er hatte dem Pauli seine Schilderungen nie so ganz geglaubt, sie schienen ihm übertrieben. Doch nun fand er alles wider Erwarten schöner und verlockender, als er es sich je vorgestellt hätte. Und wie die Dinge nun einmal lagen, war es für ihn ein Leichtes, die Hand danach auszustrecken und das abenteuerliche Spiel Ernst werden zu lassen.
Linas Augen hingen mit unverhohlener Bewunderung an dem gut aussehenden und irgendwie anziehend wirkenden Haussohn, und schon gingen Phantasie und Wunschdenken wieder mit ihr durch. Diensteifrig erhob sie sich: »Ich rieht für den Pauli was z’Essen, er wird g’wiss hungrig sein. Du kannst schon bei ihm bleiben, Christl. Nach so langer Zeit gibt’s bestimmt viel zum Verzählen.«
Die Christl, die dem Bruder nicht mehr von der Seite wich, nickte ihr dankbar zu.
Als Lina die Stube verließ, schloss der Lenz sich ihr an. Auch er wollte nicht stören.
»Ist das ein stattlicher Mensch«, schwärmte die Lina, kaum dass sie die Stubentür hinter sich zugezogen hatte, und verdrehte dabei förmlich die Augen. Da geschah etwas Ungewöhnliches. Deutlich erbost antwortete der Lenz: »Schwachheiten brauchst dir erst gar keine einzubilden, dass du dich gleich auskennst!« Damit stelzte er etwas steifbeinig davon.
Da hüpfte Linas Herz mit einem Mal vor Freude, denn wenn sie sich nicht gewaltig irrte, dann war dieses verstockte Mannsbild diesmal tatsächlich eifersüchtig.
»Ich bitt dich, Pauli, geh hinauf in deine Kammer und zieh dir ein anderes G’wand an«, sagte die Christl. »Es hängt noch alles so drin, im Kasten, wie du es verlassen hast. Darauf hat die Mutter allweil ein Aug gehabt. Ein bissl fremd schaust nämlich schon aus, in dieser Montur.«
Da kam ihm zum Glück die Ahnl zu Hilfe und meinte entschieden: »Sei froh, dass er da ist. Komm, Pauli, rück her zu mir und verzähl, was du alles erlebt hast.« Dabei rückte ihre schmale Gestalt bereitwillig ein wenig beiseite.
Erleichtert griff er das Thema auf. Dabei irritierte ihn allerdings Christls Hand, die sich unter seinen Arm schmiegte, und ihre Nähe, die ihm auf eine ganz und gar unbrüderliche Art und Weise zu schaffen machte.
Dann begann er von Kanada und den unendlich großen Wäldern zu berichten, in denen er gearbeitet und unter einfachsten Bedingungen gelebt hatte.
»Jessas, wie kann das ein Mensch nur aushalten?«, wandte die Ahnl mitfühlend ein.
Mit einem Mal schwang etwas wie Traurigkeit in seiner Stimme, als er erwiderte: »Gleich bei der Überfahrt hab ich einen Spezi kennengelernt, einen gleichaltrigen Burschen aus der Tölzer Gegend, und mit dem hab ich mich zusammengetan. Bald sind wir die besten Freund geworden und sind beisammengeblieben, in all den Jahren. Er war der beste Kamerad, den man sich denken kann.« Auf die fragenden Blicke antwortete er nur knapp: »Er ist drüben geblieben, für immer.«
Die Hand der Ahnl tastete nach der seinen, dann fragte die alte Frau eindringlich: »Sag, Pauli, warum bist denn net früher heimgekommen? Der Vater hat dir längst nix mehr nachtrag’n, und mit dem Innauer-Schorsch ist er auch auf gleich gekommen. Auch er nimmt dir heut nix mehr übel.« Obgleich dieser Händedruck einem anderen galt, empfand er ihn als angenehm. Die Wahrheit über seinen Freund konnte er jedoch nicht erzählen, und so sagte er mit gesenktem Blick ausweichend: »Ja no, wie es halt so ist, wenn man vor was davongelaufen ist. Da braucht’s zum Umkehren mehr Mut als zum Weiterrennen.«
Und ganz besonderen Mut hätte es erfordert, ihnen nun zu sagen, dass man auf ihn keine großen Hoffnungen zu setzen brauchte, dass er das Dableiben nicht im Sinn hatte. Er brachte es nicht über sich, etwas hielt ihn davon ab.
Mit weit geöffneten Augen lag er in einer Kammer, in einem Bett, das ihm nicht gehörte, und starrte in die Dunkelheit.
Es gelang ihm nicht, Ordnung in seine Gedanken zu bringen, allzu Verwirrendes, Verlockendes und Verführerisches stürmte auf ihn ein.
Sein unstetes Leben käme hier endlich zur Ruhe, er wäre ein gemachter Mann, wenn er sich nur entschloss zu bleiben. Er hatte niemanden mehr, wusste nicht wohin. Da müsste er schon ein Narr sein, wenn er nicht Zugriff, zumal der Hof einen Bauern und die Frauensleute dringend Hilfe brauchten. Aber da war dieses Mädel, dessen Erbe er sich damit erschliche, und das letztlich die Betrogene wäre.
Bei dem Gedanken an die Christl, an die offen bekundete Zuneigung, die sie ihm so unbefangen zeigte, wurde ihm jedoch merkwürdig beklommen zumute. Plötzlich erschien ihm schon der Gedanke beschämend, sie um ihr Erbe zu betrügen. All die schweren Jahre, die hinter ihm lagen, hatten ihn zwar abgebrüht und härter gemacht, aber nicht gewissenlos.
Nein, er würde es nicht über sich bringen, ihr zu schaden. Der Pauli hätte ihn überhaupt vor diesem Mädchen, seiner Schwester, warnen müssen. Doch wie hätte er auch ahnen können, dass sie sich zu einem so reizvollen Geschöpf ausgewachsen hatte. Je länger er grübelte, um so mehr bereute er es, hierher gekommen zu sein. Irgendwie wurde er das Gefühl nicht los, dass plötzlich er es war, der in der Falle saß, sich in seinen eigenen Stricken verhedderte. Herrgott, worauf hatte er sich da nur eingelassen? Wäre es nicht am besten, das Geld, das der Pauli ihm anvertraut hatte, hier liegen zu lassen und sich heimlich davonzumachen, ehe größere Verwirrung entstand?
Auch diesen Gedanken verwarf er, denn damit war niemandem geholfen. Er selbst hatte sich die Suppe eingebrockt und er würde sie auch auslöffeln müssen.
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