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Außer der Anna, der Wirtschafterin im schönen Jagdhaus des Barons von Auen, mag niemand den Oberjäger Leingartner so recht leiden. Besonders schwer hat es der ihm unterstellte Rupert. Leingartner schikaniert ihn, wann immer sich eine Möglichkeit dazu bietet, denn er begehrt Ruperts hübsche junge Frau, die Lisa. Die unselige Leidenschaft des Jägers führt schließlich zur Katastrophe. Lange Zeit bleibt das schreckliche Geheimnis unentdeckt. Aber eines Tages kommt ein neuer Jäger dem Leingartner auf die Schliche.
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Veröffentlichungsjahr: 2017
LESEPROBE ZU
Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2009
© 2017 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim
www.rosenheimer.com
Titelfoto: © Michael Wolf, München
Lektorat: Dr. Elisabeth Hirschberger, München
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
eISBN 978-3-475-54652-5 (epub)
Rosemarie Forstmaier
Geheimnis im Tal
Außer der Anna, der Wirtschafterin im schönen Jagdhaus des Barons von Auen, mag niemand den Oberjäger Leingartner so recht leiden. Besonders schwer hat es der ihm unterstellte Rupert. Leingartner schikaniert ihn, wann immer sich eine Möglichkeit dazu bietet, denn er begehrt Ruperts hübsche junge Frau, die Lisa. Die unselige Leidenschaft des Jägers führt schließlich zur Katastrophe. Lange Zeit bleibt das schreckliche Geheimnis unentdeckt. Aber eines Tages kommt ein neuer Jäger dem Leingartner auf die Schliche.
Die Sonne schien noch recht heiß vom föhnblauen Himmel, doch der Sommer ging seinem Ende zu; es begann schon merklich zu herbsteln. An Büschen und Sträuchern reiften die leuchtenden Beeren und bald würde sich auch der Bergwald verfärben. Aber noch glühten in den Vorgärten Dahlien und Astern, als sollte dieses verschwenderische Blühen nie ein Ende haben.
Die Anna kam ganz schön ins Schwitzen auf ihrem Radl, zumal es stetig bergan ging und ihr Gefährt mit zwei bauchigen Einkaufstaschen und einem Korb beladen war. Wenn man schon einmal ins Dorf hinunterfuhr, musste für einige Zeit vorgesorgt werden.
Den Buckel zum Windacherhof hinauf, dem letzten Gehöft des Talwinkels, schaffte sie nicht; da hieß es schieben.
Als sie dann am Windacherischen Gemüsegarten vorüberging, richtete sich die Franzi hinter den schon vergilbenden Stangenbohnen auf und rief ihr zu: »Ganz schön heiß heut!«
»Das darfst laut sagen«, schnaufte die Anna und wischte sich über das gerötete Gesicht. »Ich schwitz wie ein Aff!«
»Wirst halt wieder das halbe Dorf zusammengekauft haben«, meinte die Franzi mit neidloser Freundlichkeit und trat an den Zaun. »Kriegst Jagdgäst aufs Wochenend?«
»Nein, diese Woch noch nicht. Für die Flirsch ist es noch zu früh und viel zu warm. Aber aufs nächste Wochenend hat uns der Herr Baron zwei Herrn angekündigt. Dann, fürcht ich, geht es wieder los mit der Arbeit und dem Rennen.«
»Und er, der Herr Baron, kommt er selber heuer nicht zur Hirschbrunft oder später zur Gamspirsch?«
Die Anna zuckte die runden, wohl gepolsterten Schultern. »Freuen tät es uns schon. Aber mei, bei seinem Alter ...? Der Leingartner« – so nannte sie den Oberjäger trotz allgemein bekannter engerer Beziehung stets – »der Leingartner meint, dass er eine Gamspirsch nimmer packt.« Dies hatte deutlich bedauernd geklungen, doch nun wurde ihr Ton etwas eifersüchtig. »Er bevorzugt jetzt sein Schlierseer Revier, das für ihn näher ist und wo ja alles viel bequemer und nobler ist ...« Sie brach verlegen ab, verbesserte sich hastig: »Nicht, dass unser alter Herr Baron so anspruchsvoll wär. Nein, nein, weit gefehlt. Ihm hat es bei uns immer gefallen. Aber die Familie halt, der junge Herr Baron ...«
»Ja, ja, der war immer schon einer von den Überspannten«, kam es weniger respektvoll von der Franzi. »Der bleibt halt lieber unter seinesgleichen.«
Die Anna wurde einer Antwort enthoben, denn soeben erschien der Thomas, Franzis Bruder und Windacherbauer. Er war ein wenig auffälliger, derb knochiger Mann, strahlte jedoch Gutmütigkeit und Herzlichkeit aus. Über sein wettergegerbtes Gesicht glitt sogleich ein erfreutes Schmunzeln, als er die stramme Wirtschafterin des Barons von Auen erblickte. Es war nicht zu übersehen, wie sehr sie ihm gefiel. »Ah, da schau her, nobler Besuch!«
Die Anna nahm diese Bewunderung gelassen entgegen. »Besuch war übertrieben. Ich muss weiter, mir pressiert es schon wieder, dass ich heimkomm.«
»Halt, wart, dass ich es nicht vergess«, rief die Franzi. »Ich hab doch heuer wieder Gäns und etliche sind vorbestellt. Brauchst eine für Kirchweih?«
Nun erschien in Annas blauen Augen so etwas wie hungrige Sehnsucht. Bedauernd entgegnete sie: »Ein Gansl! Das wär wieder einmal was! – Falls der Herr Baron doch kommt, dann bestimmt. Aber wenn nicht ... Jetzt in der Schusszeit wächst mir das Wildbret schon bei den Ohren heraus.«
»Sonst nichts? Müsstest doch eigentlich spannen, dass ...«, begann der Thomas mit einem verkrampften Grinsen.
»Ich stell dir ein Gansl zurück, Anna, dann kannst es dir noch überlegen«, fiel die Franzi ihrem Bruder rasch ins Wort. »Oder meinst, dass die Lisa ...?«
»Geh zu«, spöttelte der Thomas, »als ob sich der Jäger leisten könnt, was dem Herrn Oberjäger zu teuer ist.«
»Der Leingartner ist halt ein sparsamer Mensch!«, stieß die Anna hervor und schoss ihm einen gekränkten Blick zu. »Er lässt nichts verkommen.«
Worauf er zweifelnd brummte: »Wer weiß?«
Die Anna machte diesem etwas unerfreulichen Gespräch mit einem raschen: »Jetzt muss ich aber gehen, sonst gibt es heut nichts zu essen!« ein Ende, grüßte und schob ihr Radl weiter.
»Da ziehst du den Kürzeren!«, raunte die Franzi dem Thomas zu. Sie war um mehr als zehn Jahre älter als er, behandelte ihn seit dem frühen Tod ihrer Mutter eher wie einen Sohn als wie ihren Bruder. »Sie hat nur Augen für den Leingartner.«
»Dann frag ich mich, warum er sie nicht endlich heiratet?«
Einigermaßen scharf kam es zurück: »Und ich frag mich, warum du nicht endlich Ernst machst? Höchste Zeit wäre es. Allmählich wär mir schon eine jede recht.« Letzteres stimmte natürlich nicht so ganz. Denn im Haushalt einer egoistischen Schwägerin würde es die Franzi gewiss nicht ganz leicht haben. Die Franzi hatte das Heiraten vor lauter Arbeiten und Sorgen ganz vergessen, und es war kaum zu erwarten, dass sich in ihrem Leben diesbezüglich noch etwas änderte.
Indessen hatte die Anna das kühle, schattige Blätterdach des Bergwaldes erreicht. Doch von einem erleichterten Aufschnaufen keine Spur. Es wurmte sie noch immer, worauf der Windacher-Thomas angespielt hatte. Es war schließlich auch ihr größter Kummer, dass der Matthias ihr Verhältnis nicht endlich ins Reine brachte, sie zur Frau Oberjäger machte.
Aber bald schon entschuldigte sie ihn mit einem geseufzten: ›Er ist halt nun einmal ein schwieriger Mensch; kann aus seiner Haut nicht heraus!‹
So sehr war sie mit ihren Gedanken beschäftigt, dass sie das Aufsitzen vergaß, ihr Radl noch schob, als das Sträßchen wieder ebener dahinführte und sich die mächtigen Bäume lichteten. »Schön blöd!«, entfuhr es ihr. Und weil sie ein unbefangener, fröhlicher Mensch war, konnte sie schon wieder über sich selber lachen, als sie sich auf ihr Radl schwang.
Auf einer großen Lichtung, vom goldenen Licht der Sonne überglänzt, lagen das stattliche Jagdhaus des Barons von Auen und – durch ein lichtes Gehölz davon getrennt – das Jägerhäusl, ein lang gestreckter Schuppen und dahinter der weitläufige Hundezwinger.
Die Hunde schlugen an, eine Meute brauner Bracken; sie bellten, bis die Anna ein lautstarkes: »Ruh ist!« ausstieß.
Die Fantl-Lisa kam aus dem Jägerhäusl heraus, das von einem üppig blühenden Garten umgeben war. »Da bist ja schon wieder«, sagte sie und strich eine dunkle Haarsträhne aus ihrem ebenmäßig geschnittenen, bildschönen Gesicht.
»Schon ist gut.« Die Anna brachte ein Päckchen Korinthen aus dem Korb zum Vorschein. »Da, deine Weinbeerln.«
»Danke! Was bin ich dir denn schuldig?«
»Das rechnen wir später ab. Ich muss jetzt zum Kochen heim.« Ein etwas verlegenes Schmunzeln stahl sich um Annas Lippen. »Du weißt ja, wie korrekt der Leingartner ist.« Rasch fügte sie hinzu: »Er mag es halt nicht, wenn nicht alles fertig auf dem Tisch steht, wenn er vom Reviergang heimkommt.«
»Der Rupert ist auch noch nicht da. – Aber du weißt ja: Auf einen Jäger kann man sich genauso wenig verlassen wie auf einen Fuchs! – Ich komm heut Nachmittag auf einen Sprung zu dir hinüber«, entgegnete die Lisa.
»Ja, ist recht.« Die Anna machte sich wieder auf den Weg.
»Sei so gut, und schick mir die Kinder heim, wenn du sie siehst!«, rief die Fantlin ihr nach.
Gleich darauf hatte Anna das Jagdhaus erreicht. Es war ein stattliches, zweistöckiges Gebäude, um dessen Oberstock sich ein mit feuerroten Geranien geschmückter Holzbalkon zog.
Der Leingartner mochte es zwar nicht, aber nun pressierte es ihr wirklich arg, und sie lehnte ihr Fahrrad an die Hauswand am Nebeneingang zur Küche und zu ihrem persönlichen Bereich, dem rückwärtigen Teil des Hauses. Jetzt hieß es sich beeilen!
Während sie sich die beiden schweren Taschen und den Korb auflud, erschienen wie aus dem Nichts die Fantl-Kinder, das sechsjährige Vronerl und der um ein Jahr jüngere Berti, was die Anna zu einem besorgten: »Sagt mal, ihr seid doch nicht wieder bei den Hunden gewesen!« veranlasste.
Allen Ernstes versicherten die beiden wie aus einem Mund: »Nein, nein, bestimmt nicht, Anna!« Und das blondzopfige Vronerl setzte erklärend hinzu: »Wir waren Brombeeren pflücken; schöne reife haben wir gefunden.« Dies war ihnen unschwer anzusehen, denn Gesichter, Hände und Kleidung waren blauschwarz gefleckt.
»Na, da wird eure Mama aber eine Freud haben. Ihr sollt gleich heimkommen, hat sie gesagt.« Damit schleppte sie ihre Einkäufe in die Küche.
Dann schwirrte die Anna in der geräumigen, weiß gekachelten Küche wie der Blitz hin und her und im Handumdrehen brodelten Töpfe auf dem Herd. Rasch wurde noch in der kleinen Jagdstube der Tisch gedeckt. Keine Minute zu früh, denn nun hörte sie den Geländewagen daherrattern.
Wenig später begrüßte sie den Oberjäger mit einem herzlichen: »Ah, da bist ja! Das Essen ist gleich so weit.« Dabei hantierte sie geschäftig und in ihrer weißen Rüschenschürze recht anziehend wirkend am Herd.
Der Leingartner-Matthias war kein sonderlich gut aussehender Mann; etwas gedrungen, um die Mitte herum schon ziemlich korpulent. Dass er ein eitler Mensch war, verrieten der gepflegte, fuchsig schimmernde Kinnbart und das sorgfältig gekämmte dunkle Haar. Unter dicken, buschigen Brauen glommen ein Paar stahlgraue, hellwache Augen; Augen, denen nichts entging und deren Blick an den eines Habichts erinnerte.
Sein Ton klang knapp, leicht gereizt, als er statt einer Begrüßung hervorstieß: »Dein Radl lehnt schon wieder an der Hauswand. Du weißt ...«
Mit einem schuldbewussten: »Ja, ja, Matthias!« hetzte die Anna aus der Küche.
»Meine Herrn, wie schaut ihr denn aus!«, entfuhr es der Fantl-Lisa, als sich ihre beiden Sprösslinge zur Küchentür hereinschoben.
»Bloß Brombeeren, Mama«, sagte der Berti gelassen, der mit seinen großen Kirschenaugen und dem dunklen Haar genau das Abbild seiner Mutter war.
»Geht raus und wascht euch Gesicht und Hände – aber sauber! Und beeilt euch! Der Papa muss jeden Augenblick heimkommen. Vergesst die Seife nicht!«
»Ich brauch keine«, entschied das haselnussbraune Bürschchen.
»Du erst recht«, wurde er sofort von seiner Mutter berichtigt.
Während die Kinder am Waschbecken im Bad herumpritschelten, kam ihr Vater heim.
Sofort sauste der Berti auf ihn zu, bettelte: »Papa, darf ich die Büchs tragen?«
Dem Buben übers dunkle Haar streichend, entgegnete der Fantl-Rupert, ein blonder, drahtiger Mann: »Nein, Berti, du weißt, die Mama mag das nicht.« Statt dessen hängte er ihm das große Fernglas um den dünnen Hals und mahnte: »Aber pass auf!«
Stolz heftete sich der Kleine an die Fersen seines Vaters, trug sichtlich schwer an seiner Auszeichnung. Das Vronerl, ein Schmeichelkätzchen und der erklärte Liebling des Vaters, wurde mit einem Bussi entschädigt.
Der Fantl-Rupert liebte seine Familie über alles. Und auch heute noch, nach achtjähriger Ehe, wurde es ihm warm ums Herz, spürte er ein Kribbeln im Blut, wenn er seine bildhübsche Frau ansah. Er hätte eigentlich ein glücklicher, zufriedener Mensch sein müssen, wenn es da nicht etwas anderes gegeben hätte.
»Spät bist dran heut«, bemerkte Lisa und nahm ihm Hut und Jacke ab. »Setz dich nur gleich hin, das Essen wartet!«
Anstatt dieser Aufforderung nachzukommen, verließ der Fantl-Rupert die Küche, ging in die angrenzende Wohnstube. Aus einem Wandschränkchen, das zwischen Geweihen und Gehörnen hing, nahm er eine Flasche Obstler und trank einen Schluck. Der scharfe Schnaps brannte in seiner Kehle, sodass er sich angewidert schüttelte.
»Aber, Rupert, was hast denn? Bist krank? Ist dir nicht gut?«, fragte Lisa, die ihm gefolgt war.
»Nein, nein, geht schon wieder.«
»Hat’s wieder Ärger gegeben?«
»Das Übliche halt. Man kann ihm immer weniger recht machen; an allem hat er was auszusetzen. Manchmal ist man drauf und dran, ihm alles vor die Füße zu schmeißen.«
»Um Gottes willen, Rupert!«, entfuhr es ihr erschrocken.
»Nein, nein, musst keine Angst haben, ich tu nichts Unüberlegtes«, beruhigte er sie. »Doch allmählich reut es mich, dass ich nicht im Forstdienst geblieben bin. Das Gehalt war zwar geringer, aber dafür hat mich keiner schikaniert.«
»Vergiss das schöne Haus nicht, Rupert, das wir ganz allein für uns haben. Noch dazu umsonst. Und was man uns sonst noch zukommen lässt, Holz und Wildbret, und wenn ich bei der Anna drüben mithelf, werde ich dafür bezahlt ...«
»Ja, ja, ja, du hast schon Recht. Es wär halt alles einfach gar zu schön, wenn der Leingartner kein so jähzorniger Leutschinder wär«, brummte er.
»Vielleicht hat er halt bloß einen schlechten Tag gehabt«, meinte die Lisa beschwichtigend und ging voran in die Küche.
Als alle um den Tisch saßen und Lisa die Suppe ausschöpfte, wollte der Berti wissen: »Papa, wann kriegt denn jetzt die Cora ihre Jungen?«
»Etliche Tage wird es schon noch dauern«, antwortete sein Vater leichthin. Plötzlich blickte er seinen Sprössling durchdringend an und fügte mit unüberhörbarer Strenge hinzu: »Dass du mir ja vom Zwinger wegbleibst! Hast mich verstanden?«
Der Knirps nickte zwar, doch allzu ernst schien er das nicht zu nehmen. Gleich darauf wollte er wissen: »Meinst, ich krieg so einen jungen Hund, Papa?«
»Geh Berti, das geht doch nicht«, kam es von der Lisa. »Sie gehören dem Herrn Baron ...«
»Ich möcht keinen Hund«, ließ sich das Vronerl vernehmen. »Viel lieber eine Katze.«
»Aber, Vronerl, du weißt doch, dass so was bei uns nicht möglich ist.«
Vorwurfsvoll stieß die Kleine daraufhin hervor: »Ich weiß schon, dass die Jäger keine Katzen mögen! Sogar erschießen tun sie sie ...«
»Red keinen Unsinn!«, knurrte der Rupert. »Wer erzählt dir denn so einen Unsinn?«
»Die Windacher-Franzi hat’s gesagt, als ich neulich die jungen Kätzchen angeschaut hab. Sie hat jedes Mal Angst, wenn sie eine Katze zu nah beim Wald sieht.«
»Da haben sie auch nichts zu suchen«, erklärte ihr Vater rasch.
»Weil sie Raubtiere sind, die junge Hasen fressen«, ergänzte der fünfjährige Berti gewichtig. »Das sagt der Leingartner auch. Und der muss es wissen. Stimmt es, Papa?«
Damit hatte er den Rupert in eine recht peinliche Zwickmühle gebracht. Er suchte noch nach einer Antwort, da fasste der Knirps noch einmal kräftig nach. »Gell, wenn sie streunen, werden sie erschossen, Papa?«
Unter dem entsetzten Blick seiner Tochter erwiderte dieser nun entschieden: »Katzen, die im Holz draußen herumstreunen, holt sich schon der Fuchs.«
»Aber wenn sie wildern, dann werden sie schon ...«
»Jetzt ist Schluss mit deiner Besserwisserei, Berti!«, befahl nun die Lisa. »Iss deine Suppe!«
Sichtlich enttäuscht, dass dieses so hochinteressante Thema nicht weiter ausgebaut wurde – ab und zu ärgerte er halt seine Schwester zu gern –, widmete sich der Berti wieder geräuschvoll seiner Suppe. Dies allerdings brachte ihm von seiner Schwester ein ziemlich boshaftes: »Schlürf nicht wie ein Ferkel am Trog!« ein.
Nun gingen dem Fantl-Rupert seine heute ohnehin schon arg strapazierten Nerven durch und er herrschte die Seinen ungewohnt grob an: »Jetzt reicht es. Hat man denn nicht einmal beim Mittagessen seine Ruh! Da kommt man heim, möcht seine verdiente Entspannung, aber nein, da muss man sich vor seinen eigenen Kindem auch noch rechtfertigen. – Und überhaupt, Lisa, was haben sie andauernd beim Leingartner drüben zu suchen?«
»Ich bitt dich, Rupert, was hast denn?«, entfuhr es Lisa bestürzt, während sich zwei Paar riesengroße, erschreckte Kinderaugen auf ihn richteten. »Ich kann sie doch nicht einsperren. Sie gehen ja auch gern zur Anna rüber ... Und er hat eine Riesenfreude mit ihnen, beschäftigt sich mit ihnen.«
»So was kennt man! Um meine Kinder kümmere ich mich schon selber. Da muss er sich in nichts einmischen.« Es waren die flehenden Blicke seiner Frau, die ihn zur Besinnung brachten, diese Auseinandersetzung nicht vor den Kindern auszutragen, sodass er einlenkte: »Jetzt wird aber gegessen, sonst hat sich die Mama umsonst so viel Mühe gegeben!« Er brachte sogar ein aufmunterndes, wenn auch etwas mühsames Lächeln zustande.
Die Kinder ließen sich schnell beruhigen; sie kannten ihren Vater nur als liebevollen Menschen. Aber Lisa begann sich ernstliche Sorgen zu machen. Wenn sie doch nur gewusst hätte, was es war, weshalb sich ihr Mann mit seinem Vorgesetzten immer weniger verstand!
Zugegeben, der Leingartner-Matthias war nicht gerade das, was man als einen netten, aufgeschlossenen Menschen bezeichnet hätte. Er war halt einer von den ganz Korrekten, hatte jedoch auch seine guten Seiten, wie man an seinem Umgang mit ihren Kindern und seiner Großzügigkeit in vielen materiellen Dingen sah.
Nach dem Essen, die Kinder hatten es eilig, wieder ins Freie hinauszukommen, blieb der Fantl-Rupert, die Arme breit auf den Tisch gestützt, sitzen und starrte dumpf vor sich hin.
»Was hat es denn eigentlich wieder gegeben?«, fragte die Lisa.
Sich mit den gespreizten Fingern durchs dichte dunkelblonde Haar fahrend, stieß er hervor: »Er jagt mich wie einen Hasen durchs Revier, und absolut gar nichts kann ich recht machen. Er ist mit nichts zufrieden, hat an allem was auszusetzen. Grad, als ob man der Trottel und der Depp für ihn wär.« Nach einem tiefen Aufseufzen fügte er mutlos hinzu: »Wenn ich mir vorstell, das geht tagaus und tagein so weiter, Jahr für Jahr ...«
»Du musst halt lernen mit ihm auszukommen ...«
»Der lässt keinen gelten! Ich verdammter Narr, wär ich bloß beim Forst geblieben! Unser Einkommen hätten wir auch da gehabt.«
Sie zögerte, ehe sie vorsichtig fragte: »Willst zurück?«
»Ausgeschlossen! Gar nimmer dran zu denken, dass ich da wieder reinkomm! Du kennst doch unsern Forstmeister. Nein, nein, die Abfuhr kann ich mir ersparen; ich will mich auch nicht lächerlich machen.«
So ganz verstand sie seinen Unmut noch immer nicht. Sie hatten hier mehr als anderswo, und strenge Vorgesetzte gab’s schließlich überall. »Sei einmal ehrlich, Rupert, gut Kirschen essen ist doch mit dem Forstmeister auch nicht gewesen.«
»Der war streng, aber gerecht. Das ist ganz was anders ...« Er wollte noch etwas hinzufügen, behielt es jedoch für sich. Sie würde ihn ja doch nicht verstehen; damit musste er allein fertig werden. Auf irgendeine Art musste es halt weitergehen.
Er erhob sich, versuchte seine Frau, die das Geschirr abwusch, in die Arme zu nehmen. »Ich leg mich jetzt ein bisschen hin. Kommst auch?« Letzteres hatte wie eine zärtliche Bitte geklungen.
»Was? Jetzt, mitten unterm Tag?« Sie drängte ihn mit ihren nassen Händen von sich. »Die Kinder können ...«
»Ja, ist schon recht«, murmelte er gekränkt und wandte sich abrupt ab. Noch ehe sie etwas einwenden konnte, hatte er sich seinen Hut aufgesetzt, nahm Jacke, Gewehr und Feldstecher vom Haken und verließ das Haus.
Hätte sie ihm nachlaufen, ihn zurückhalten sollen? Bis sie sich diese Frage bejahte, war es zu spät; er war fort.
Und sie hatte ihn gehen lassen, obwohl er sie, ihre Zärtlichkeit, ihren Zuspruch, so dringend gebraucht hätte! Warum hatte sie das nicht sofort begriffen? Was war denn auf einmal mit ihnen beiden los? Man hatte sich doch gern, war glücklich miteinander.
Sie spürte dieses beängstigende, beklemmende Gefühl einer drohenden Gefahr. Es drang wie ein eiskalter Lufthauch ein in ihr wohl geordnetes Dasein, in ihr warmes Nest.
Zur selben Zeit fragte die Anna überrascht: »Wo muss denn der Rupert heut noch hin, weil er jetzt schon wieder zum Dienst geht?« Sie schaute aus dem Fenster, sah den Jäger über die Lichtung davongehen.
Der Leingartner tat sich den dritten Löffel voll Zucker in seine große, dickwandige Kaffeeschale. Er blickte etwas erstaunt auf. »Was? Der geht jetzt schon zum Dienst? Er muss heut zum Hahnbichl hinauf ...«
Seine Stimme nahm einen gereizten Ton an, als er nach kurzem Nachdenken hinzufügte: »Ich wett, er kehrt vorher noch beim Brenner ein, auf eine Halbe oder zwei ...«
»Das glaub ich nicht«, fiel ihm die Anna ins Wort. »Der Rupert ist kein Wirtshaushocker! Der trinkt doch nichts.«
»Wennst dich da nur nicht täuschst. Mir fällt schon seit einiger Zeit auf, dass ihm das Bier mehr als schmeckt.«
»Davon wüsst ich auch was; schon von der Lisa ...«
»Das wird er ihr grad auf die Nase binden«, kam es spöttisch zurück.
»Um Gottes willen, Matthias, du meinst doch nicht im Ernst, dass er säuft?«
»Das hab ich nicht behauptet. Und da hätt ich schon auch ein Wort mitzureden. Aber solang er sich nichts zuschulden kommen lässt, ist das seine Sache. Doch was mich ärgert: dass er sich ausgerechnet zum Brenner-Wast, diesem ekelhaften Hund, reinhockt! Seit Jahren haben wir mit ihm nichts als Ärger mit seinen überzogenen Forderungen wegen dem bissl Wildschaden, den er hat. Er hetzt die andern Bauern auf, und ich könnt nie genug zahlen.«
»Es ist doch immerhin dem Herrn Baron sein Geld«, rutschte es der Anna heraus. Auch ihr, die aus einem bescheidenen Hof stammte, gefiel es nicht recht, wie verständnislos und abweisend der Leingartner mit den Bauern umsprang.
Schon brauste er gereizt auf: »Freilich, wenn’s nach unserm Herrn Baron ging – das haben diese Bauernschädel längst heraus –, könnt ich ihnen das Geld für ihre Ansprüche gleich mit dem Schubkarren hinfahren. Wo kämen wir denn da hin? Nein, nein, da gehört ihnen fest auf die Finger geklopft! So weit kommt es noch, dass wir uns vorschreiben lassen müssen, wie viel Bestand wir haben dürfen, bloß weil ihnen ab und zu ein Ast abgebissen oder eine Handvoll Gras abgeäst wird. Und der Brenner-Wast ist einer der Ärgsten!«
»Kein Wunder, wo sein kleines Anwesen so hoch droben und grad mitten im Revier liegt.«
»Jetzt frag ich mich schon: Hältst zu den Bauern oder zu uns?«
»Recht muss halt doch Recht bleiben«, erwiderte die Anna mutig.
»Sauber, da haben wir ja jetzt schon zwei, die zu den Bauern stehn: du und der Fantl! Halt dich aus Sachen heraus, von denen du nichts verstehst und die dich nichts angehen!« Übergangslos fügte der Leingartner hinzu: »In der nächsten Woche muss die Lärchhütte sauber gemacht werden, bevor die zwei Herrn kommen. Fragst die Lisa, ob sie hilft!«
»O mei, das auch noch! Mit der Lisa kann ich nicht rechnen, denn das Vronerl wird eingeschult. Sie will die ersten Tage, bis das Mädl den Weg gewohnt ist, mit ihr gehen.«
»Das ist vernünftig. Dann musst halt allein schaun, wie du es machst.«
Merkwürdig, wie rasch seine Stimmung umschlug, sobald es sich um Kinder handelte. War es da nicht verständlich, dass sich nun die Anna an ihn heranschlängelte, ein hoffnungsvolles Lächeln im Gesicht, eine heiße Sehnsucht in den Augen. »Schau, Matthias, wo du doch Kinder so gern hast, sollten wir halt endlich ...« Weiter kam sie nicht.
Die Schale so heftig zurückstoßend, dass der Milchkaffee überschwappte, schnellte der Leingartner auf, raunzte ungehalten: »Als ob ich nichts anders im Kopf hätt!« Bereits an der Tür, brummte er noch: »Ich brauch meine Ruhe!« Damit stampfte er in Richtung Schlafkammer davon.
»Man muss sich ja schon von den Leuten schief anschaun lassen!«, rief sie ihm noch aufschluchzend hinterher. Eine Antwort bekam sie nicht darauf.
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