Aus dem Leben einer alten Dame - Rosmarie Hofer - E-Book

Aus dem Leben einer alten Dame E-Book

Rosmarie Hofer

0,0

Beschreibung

Wenn die alte Dame aus ihrem Leben und von vergangenen Zeiten erzählt, dann sind es meist witzige und lustige Geschichten, manchmal auch besinnliche, die uns bewusst machen, wie sehr sich unsere Gesellschaft im Laufe von wenigen Jahrzehnten verändert hat. Zum Glück hat Rosmarie eine Auswahl ihrer Manuskripte aufbewahrt, eine Mixtur aus Prosa, Anekdoten, Momentaufnahmen und purer Fantasie. Kostprobe Ich bin die Eva, die zu Adam ins Paradies reist, obwohl ich daraus vertrieben worden bin. Adam hat es fertiggebracht, hinter meinem Rücken dorthin zurückzukehren. Es ist sowieso die Höhe, dass ich schuld sein soll, dass wir von dort vertrieben worden sind. Adam, wo bist du überhaupt? Bist du die Gestalt, die ­verschmutzt und schlafend unter dem Apfelbaum liegt?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 142

Veröffentlichungsjahr: 2019

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Morgen

Den Platz gefunden im Gestern und Heute.

Zuversichtlich sein, ihn auch im Morgen zu entdecken.

Eine letzte Zeitspanne abschiedlich leben.

Keine ehrgeizigen Pläne und anspruchsvolle Wünsche horten.

Die Bedürfnisse den jetzigen Lebensumständen anpassen.

Ohne Bedauern die verlockenden Illusionen und großen Gefühle zurücklassen.

Rosmarie Hofer

Inhalt

Das kleine Mädchen

Begegnung mit der Freude

Begegnung mit der Trauer

Der Garten meiner Kindheit

Tagebuchblätter

Erwachsensein

Familie und Beruf

Der Arbeiter

Die Versöhnung

Mutterfreuden mit den süßen Kleinen

Ferien à la mode du patron

Ein geduldiger Mensch

Die Strafaufgabe

Die kleinen Verrücktheiten

Kleines Paradies am Fluss

Meine Tochter spielt Klavier

Schlaflosigkeit

Haushaltfreuden und -ängste

Ski heil

Unordnung

Rosmarie Hofer erzählt aus ihrem Alltag

Alt werden

Im Rieterpark

Operationsangst

Die Physiker

Geliebtes Engadin

Also wenn ihr mich fragt …

Der Zauberberg

Lieber Daddy

Rückkehr ins Paradies

Das Gespräch mit der Autorin

Das Gebet

Vorwort

«Aus dem Leben einer älteren Dame» war der ursprüngliche Titelvorschlag des Verlags für Rosmarie Hofers gesammelte Kurzgeschichten, Erinnerungen und Anekdoten, doch sie wünschte eine kleine Änderung: «Aus dem Leben einer alten Dame» wäre passender, denn sie sei schließlich schon richtig alt, und das dürfe man so sagen.

Rosmarie hat früher für verschiedene Zeitschriften und Zeitungen – die meisten dieser Publikationen gibt es schon lange nicht mehr – regelmäßig Kolumnen und Feuilletons geschrieben: kleine Geschichten aus dem Alltag, nichts Dramatisches, nicht moralisierend oder anklagend, sondern humoristisch, manchmal leicht ironisch oder auch selbstironisch.

Die Schweiz war 1971 eines der letzten europäischen Länder, die das Frauenstimmrecht einführten. Immerhin darf erwähnt werden, dass sie das erste Land war, das seiner weiblichen Bevölkerung die vollen Bürgerrechte nach einer Volksabstimmung zugestand, an der damals nur Männer teilnahmeberechtigt waren.

Als endlich auch die Schweizer Frauen zur Abstimmung an die Urne gehen durften, war Rosmarie längst schon erwachsen und Mutter zweier Kinder. Sie fühlte sich emanzipiert, selbst wenn sie in manchen ihrer Kurzgeschichten ihren Ehemann als ihren Gebieter bezeichnete, was natürlich ironisch gemeint war.

Wer heute so alt ist wie Rosmarie Hofer, staunt über die Entwicklungen, die in den letzten Jahrzehnten unsere Gesellschaft grundlegend verändert haben. Gemäß einer Studie der Universität Köln im Jahr 2018, die sie im Auftrag der Landesregierung Nordrhein-Westfalen durchführte, war 1950 erst ein Prozent der deutschen Bevölkerung achtzig Jahre und älter; heute sind es rund sieben Prozent, und laut Prognosen soll dieser Anteil in den kommenden Jahren stetig wachsen. Mit Blick auf ihre Situation sagen sechzig Prozent der Hochaltrigen, dass ihre Wertvorstellungen immer weniger zur heutigen Gesellschaft passen.

Altersbedingt haben wir Menschen im ganz normalen Alltag unterschiedliche Interessen und Verhaltensweisen. Unter älteren Semestern werden Krankheitsgeschichten – eigene und die von Verwandten und Bekannten – schnell einmal ausgiebig diskutiert, wenn man sich begegnet, während sich jüngere Menschen für ganz andere Themen interessieren. Wer will es ihnen verdenken! Unsere Multikulti-Gesellschaft, das Internet und die Digitalisierung, die in fast allen Bereichen im beruflichen und privaten Alltag Einzug hält: Das alles lässt die meisten betagten Menschen heute rat- und hilflos zurück. So auch Rosmarie, die ihre Manuskripte nicht als Word-Dokument per E-Mail, sondern schreibmaschinengeschrieben mit der Briefpost verschickt.

Ihre früher in Zeitschriften und Zeitungen veröffentlichten Kurzgeschichten und Anekdoten sind Zeugnisse längst vergangener Jahrzehnte, doch sie haben kein Verfalldatum. Schon als Kind hatte Rosmarie ihre Gedanken in ihrem geliebten Tagebuch festgehalten.

Das kleine Mädchen

Fragmente aus der Kindheit

Begegnung mit der Freude

Die Zauberworte des kleinen Mädchens, das damals etwa vier Jahre alt gewesen sein mochte, heißen «Weihnachten» und «Plattform». Bevor der denkwürdige Weihnachtstag aus der Erinnerung hervorgeklaubt werden soll, steigt ein anderes Bild auf – die Berner Altstadt und die Plattform vor dem Berner Münster mit den Tauben und der einzig klaren Erinnerung an den Großvater, der in fernen Zeiten gestorben ist. An seiner Hand führte er das kleine Mädchen auf die Plattform. Es gab sich Mühe, seinen ausholenden Schritten trippelnd zu folgen. Der Park vor dem Münster ist für jeden Berner ein Begriff. Sie setzten sich auf eine behäbige Bank. Solche Bänke gibt es nur dort, fast wie ein Holzsofa – auch heute noch dieselbe unverwechselbare Form. Der Großvater überreichte dem Kind eine große Tüte voller Brotresten, und – welch ein Entzücken – mit kleinkindlicher Hingabe fütterte die Kleine eine Schar von Tauben. Immer mehr kamen, immer eifriger pickten und pickten sie, hüpften herum, um einen Bissen zu ergattern, flatterten aufgeregt hin und her. Das kleine Mädchen war der Mittelpunkt. «Ich bin ich, ich bin wichtig für die Tauben, für den Großvater, der seine helle Freude an der Vorstellung hat.» – «Ich bin selbstbewusst.» Dieses Wort kannte es damals noch nicht, aber das tut nichts zur Sache. Es war einfach so.

Sie gingen später, als die Tüte leer war und die Tauben weggeflogen, Hand in Hand zurück an die Junkerngasse. Dort wohnten Großvater und Großmutter und Thäse, die rote Katze, in einem der ehrwürdigen alten Häuser. Durch das düstere Treppenhaus stiegen sie hinauf in die Wohnung, der alte Mann und das Kind, beide inwendig hell erleuchtet vom Licht der Sonne und dem Ereignis auf der Plattform. Sie wurden von Großmutter und Thäse liebevoll begrüßt. Heute wohnt die gehobene Schicht in den renovierten umgebauten Luxuswohnungen. Die Fassaden sind dieselben geblieben. Sie durften in der Altstadt nicht verändert werden.

Dies die denkwürdige Umgebung. Früher hatten Junker den Wohnsitz dort, deshalb der Name Junkerngasse. Es war in den Zeiten des Feldzugs Napoleons, die Rudolf von Tavel in seinen berndeutschen Büchern beschrieben hat. Als die Berner Aristokratie dann zerfiel, zogen Handwerker an die Junkerngasse. Großvater war Spengler, betrieb ein kleines «Budeli», wie eine bescheidene Werkstatt in Bern genannt wird. Schlecht und recht hatte das Geld gereicht, um die sechsköpfige Familie zu ernähren. Aber der Großvater war jetzt alt geworden, konnte nicht mehr arbeiten, musste auf den Stufen im Treppenhaus etliche Male stehen bleiben wegen des Asthmas. Geduldig war das kleine Mädchen ebenfalls wie angewurzelt neben ihm stehen geblieben.

Die Wohnung an der Junkerngasse war der Rahmen für den Zaubertag, für Weihnachten. Das kleine Mädchen besuchte mit seinen Eltern Großvater und Großmutter. Die Großen wurden von ihm nur schemenhaft wahrgenommen, denn im Mittelpunkt stand eine kleine farbige Laterne mitten in der Stube; die einzelnen Gläser rundum waren bemalt mit ganz verschiedenen Farben und leuchteten in Blau, Rot, Gelb, Grün, denn in der Mitte brannte eine Kerze, und die Laterne drehte sich und drehte sich. Das kleine Mädchen setzte sich vor dieses faszinierende Spielzeug und schaute und schaute und war nicht mehr wegzubringen. Lange Zeit kauerte es versunken vor diesem Wunder. Es war die Geburt der Freude. Zum ersten Mal nahm es bewusst dieses Gefühl wahr. Und diese Freude wurde noch abgelöst von einer anderen, denn das Christkind hatte noch etwas gebracht. In einer Ecke stand etwas unter einem Tuch verhüllt. Mama zog lächelnd das Tuch weg. Da glänzte dem Kind ein kleiner Kochherd entgegen aus silbernem Metall mit Löchern, um die Pfännchen draufzustellen. Und Besteck war da und eine Käseraffel und Schöpfkellen und Geschirr. «Es Röschtischüfeli, es Röschtischüfeli», jubelte das kleine Mädchen und konnte es kaum fassen, dass dieser Puppenkinder-Kochherd mit all den Zutaten nun ihm gehören sollte.

Es waren zwei sehr denkwürdige Tage: einer im Sommer und einer im Winter. Sie schenkten dem kleinen Mädchen Bausteine des Urvertrauens: Ich bin jemand, ich werde geliebt.

Begegnung mit der Trauer

Das kleine Mädchen bewohnte mit seinen Eltern den ersten Stock des Zweifamilienhauses, das in einem schönen Garten stand. Im Parterre wohnte Frau Wydler. Das Kind war immer willkommen bei ihr. Frau Wydler besaß ein wundervolles Buch mit Bildern und Geschichten. Das Kind wollte immer und immer wieder Noras Geschichten hören. Nora lief von zu Hause fort und begab sich auf ein großes Schiff. Dieses Schiff geriet in einen gefährlichen Sturm. Das Bild mit dem schwankenden Ozeanriesen auf den sich überschlagenden hohen Wellen sah bedrohlich aus. Nora hatte viele Gefahren zu bestehen, bis sie wieder zu Hause anlangte, wo es doch am schönsten war und Mama sie endlich in die Arme schloss. Die Gründe, weshalb sie fortgelaufen war, schienen ihr jetzt nicht mehr wichtig. Zu Hause war sie geborgen. Das kleine Mädchen weinte jedesmal mit Nora in den langen Stunden der Gefahr, fühlte Noras Verzweiflung und Reue, atmete auf und war glücklich mit ihr bei ihrer Heimkehr.

Eines Tages erfuhr das kleine Mädchen, dass Aufbruch und Veränderung nicht nur in Geschichten vorkamen, sondern auch in sein eigenes Leben griffen. Und das war ein großer Unterschied. Der Kleinbetrieb, in dem sein Papa arbeitete, ging in der Wirtschaftskrise in Konkurs. Es überkam das Land eine große Arbeitslosigkeit. Papa suchte auch in anderen Städten Arbeit, und so mussten sie denn – als er eine neue Stelle gefunden hatte – fortziehen. Sie zogen in eine größere Stadt, in ein lärmiges Arbeiterviertel, wie sich herausstellen sollte.

Am letzten Morgen, bevor der Zügelwagen kam, schlich sich das Kind heimlich aus der Wohnung, wo die Eltern noch letzte Sachen in eine große Tasche packten, fort. So viel hatte es verstanden: Es sollte das vertraute Haus in dem großen Garten mit den Haselbüschen, Johannisbeersträuchern, dem Kaninchenstall, der Treppe mit den Grasabhängen daneben, den verwinkelten Gartenwegen, dem Kiesplatz mit der Stange, wo die Schaukel hing, für immer verlassen. Es war doch das Königreich des kleinen Mädchens, in dem es jeden Tag gespielt hatte, im Frühling, im Sommer, im Herbst und im Winter, solange es sich zurückerinnern konnte. Es ging hinunter auf sein Mäuerchen neben dem Gartentor, sah auf den schmalen Weg hinaus, der am Garten vorbeiführte und wusste nicht, was es erwarten würde. Es war zutiefst verunsichert, blickte den Weg, der Hohle Gasse hieß, hinauf und hinunter. Zum ersten Mal vernahm es ganz tief drin diese seltsame, wehmütige Melodie, die ihm vom Abschiednehmen erzählte. Es hörte verwundert zu, und ganz unerwartet und fremd streifte seine verzauberte Kinderwelt eine Ahnung von Trauer.

Der Garten meiner Kindheit

Als ich im hellen Sommerkleid

jauchzend froh die Schaukel ritt,

mit meinem kleinen Körper

weit in den Himmel glitt,

da hab’ ich in der Höhe

den stolzen Hahn gesehen,

der auf dem Dach des Hauses

sich immer durfte drehen.

Da fühlte ich im Herzen

das wundersame Glück.

Der Papa gab mir lächelnd

ein Sonnenblumenkind,

das ich mit meinen Händen griff;

es schaukelte im Wind

der Kreis von Blütenblättern

rund um den braunen Kern,

so dass ich hüpfend jauchzte:

Papa, ich hab’ dich gern!

Die roten Beeren lockten

im dunkelgrünen Strauch.

Ich streckte aus die Hände:

«Oh schenke mir doch auch!»

«So viele, wie du magst,

so viele kannst du haben.»

Großzügig sprach er so

und reichte mir die Gaben.

Ich hatte auch ein Zimmer

in dichten Haselbüschen,

sie gaben mir stets Obdach

und auch von ihren Nüssen.

Der Herbst, er kam im bunten Kleid

prinzlich einhergegangen,

denn rot und gelb und braun und grün

war sein Gewand behangen.

Er schüttelte den Reichtum aus

vor meinen kleinen Füßen,

bedachte mich mit zartem Hauch,

mit seinen Liebesküssen.

Ich hielt ihm beide Wangen dar,

verzaubert und entzückt.

Er rauschte dann im Wind davon,

nachdem er mich beglückt.

Nun wollte ich auch selber

jemandem Freude bringen

und meinen kleinen Freunden

ein Jubelliedchen singen.

Beim Stalle der Kaninchen,

da kniete ich mich nieder;

ich reichte ihnen Kräuter

und summte meine Lieder.

Sie wussten’s mir zu danken

und hörten artig zu.

Sie knabberten das Futter

und legten sich zur Ruh.

Es wurde dann auch Winter

und recht empfindlich kühl –

den Garten zu durchschreiten

mit Mantel und Kapuze

Geborgenheitsgefühl –

Es wechselten im Leben

gar viele Jahreszeiten.

Ich schau’ zurück,

muss fragen:

wo bist du denn geblieben,

du wunderbarer Garten

aus fernen Kindertagen?

Bist du denn ganz verblüht?

Die Freuden meines Lebens

im Daseinsstrom verglüht?

R.H.

Tagebuchblätter

Seit mein Vater mit seiner Familie notgedrungen von Bern nach Zürich ziehen musste, habe ich den seelischen Rank noch nicht gefunden, denn ich traure um das Haus mit Garten, in dem wir am Rande der Stadt gewohnt hatten. Mein Vater hatte in Bern keine Arbeit mehr gefunden; denn die Schlosserei, in welcher er gearbeitet hatte, war in Konkurs gegangen. Er fand nach langem Suchen in der ganzen Schweiz in Zürich eine Stelle, und so zogen wir eben hierher in eine Mietskaserne. Meinen geliebten Garten musste ich verlassen und ihn eintauschen gegen den Hinterhof zwischen den Mietskasernen, wo viele Kinder spielen. Wir wohnen jetzt in einem lärmigen Arbeiterviertel. Mama ist unglücklich darüber. Wir mussten in Bern alles zurücklassen, unser ganzes bisheriges Leben mit all den Tanten und Onkeln.

Es geht oft sehr laut zu im Hinterhof. Ich bin nicht mehr das brave, verträumte Kind, sondern stehle Himbeeren aus fremden Gärten oder reiße zusammen mit andern Kindern unflätig die Türe des Bäckerladens auf, schreie laut in den Laden und renne davon. Oder ich gehe nach der Schule nicht stracks nach Hause, sondern marschiere auf die große Brücke. Untendurch führen viele Geleise; ich sehe und höre die Züge, wie sie vorüberdonnern. Einmal blieb ich dort, bis es dunkel wurde. Zu Hause große Aufregung. Die Polizei war schon verständigt worden, um mich zu suchen.

Am meisten gehen mir meine Geschwister auf die Nerven. Ich bin das zweitjüngste von vier Kindern. Mein älterer Bruder ist ein Ekel. Er schreit mich dauernd an. In Bern hat er mich wenigstens in Ruhe gelassen. Er kommandiert mich herum; ich solle gefälligst dies und jenes für ihn tun. Wenn ich mich weigere, zieht er mich an den Haaren. Kürzlich habe ich ihm eine mitten in sein doofes Gesicht geklebt und bin davongerannt. Er war total verblüfft. Ich kenne mich nicht mehr. Ich habe mich so verändert.

Meine jüngere Schwester ist eine Heulsuse, bricht dauernd in Tränen aus, wenn nur das Geringste sie stört. So eine Mimose! Und ich soll sie dann auch noch hüten, auf sie aufpassen im Hinterhof. Sie hat keinen Spaß an unseren rauen Spielen, schaukelt am liebsten hin und her. Die Schaukel ist an der Teppichstange befestigt. Sie gehört nicht nur meiner Schwester, die andern Kinder wollen sie auch benützen, und dann gibt es immer ein großes Geschrei, wenn meine Schwester Platz machen soll. Letzthin hat jemand sie einfach heruntergezerrt. Sie hatte eine Schürfung am Knie und blutete. Ich war natürlich schuld. Ich hätte nicht gut aufgepasst, sagte Mama. Ich habe das Gefühl, dass Mama die ganze Sache nicht mehr im Griff hat, seit wir zügeln mussten. Diese Familie mit den halbwüchsigen Kindern – schrecklich. Ich jedenfalls will einmal keine Familie haben. Heiraten und mich die ganze Zeit abplagen müssen – nein danke! Ich möchte Journalistin werden und in der ganzen Welt herumreisen.

Jetzt will ich noch über meinen großen Bruder schreiben. Er ist der Älteste. Ihn liebe ich eigentlich. Er ist schon neunzehn und hat ein Teilstipendium bekommen, um zu studieren, weil er so begabt ist. Meine Eltern sind mächtig stolz auf ihn. Papa betont zwar immer, es sei nicht wichtig, ob einer Professor oder ein Straßenwischer sei, beides sei notwendig und habe seinen Stellenwert. Man solle sich einmal vorstellen, keiner wolle mehr Straßen putzen oder den Güsel wegräumen, das gäbe eine schöne Sauerei. Überhaupt sei es am wichtigsten, dass man seine Arbeit gerne tue, und Papa hat seine Arbeit eben gerne. Er macht tolle Treppengeländer nach komplizierten Plänen und auch wunderbare Kunstschlosserarbeiten.

In unserem Wohnzimmer hängt ein großer schmiedeiserner Leuchter, den er Mama geschenkt hat. Niemals habe ich einen schöneren gesehen.

Aber ich wollte ja noch über meinen begabten Bruder schreiben, auf den Papa nichtsdestotrotz eben stolz ist, und das darf er auch sein.

Dass aus dem Proletariat ein solches Wunderkind hervorgekommen ist, lässt sein Herz eben doch höher schlagen. Mein Bruder ist ein Werkstudent. Nebst dem Teilstipendium finanziert er sein Studium selbst. Er arbeitet in einer Transportfirma. Dort muss er Kisten auf die Laster laden. Er ist sich nicht zu schade dafür – körperlich ist er stark – echt männlich. Er studiert Physik und Chemie. Das ist mir zu hoch, daran kann ich nicht teilhaben. Wenn er Germanistik studieren würde, schon eher. Wir andern sind ja auch nicht dumm. Jedenfalls habe ich die Prüfung in die Sek geschafft.

Mein großer Bruder ist eben auch als Mensch spitze. Zwar hat er nebst dem Lernen und seinem Job nicht viel Zeit für die Familie. Bei den Aufgaben, wenn ich eine Rechnung nicht lösen kann, hilft er mir immer. Und am Samstag geht er mit dem Leiterwagen einkaufen. Es braucht eben ziemlich viel Nahrung für die Familie, wir sind halt doch sechs Personen.

Und jetzt kommt noch der Hammer: Kürzlich eröffneten uns unsere Eltern, dass nochmals ein Kind unterwegs sei. Das hat mich umgehauen. Ist es denn die Möglichkeit! Jetzt sind wir Kinder doch aus dem Gröbsten heraus, und Mama ist bald dreiundvierzig! Dahinter setze ich sieben Ausrufezeichen – so viele, wie unsere Familie in ein paar Monaten zählen wird. Ich sehe voraus, dass wir dann wieder umziehen müssen in eine größere Wohnung. Das passt mir überhaupt nicht. Ich habe mich doch jetzt ein wenig eingewöhnt in der Schule.