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Ein ereignisreiches Auf-, Um- und Aussteigerleben. Auf der Suche nach Zufriedenheit und Glücklichsein. Mitten aus dem Leben eines Alt 68-ers. Episoden eines Volksschülers, Kfz-Mechanikers, Studenten, Trampers, Kfz-Ingenieurs, Systemanalytikers, Managers, Hausmannes, Assessors für Volks- und Betriebswirtschaft, Wirtschaftspädagogen, Berufschullehrers und Sachverständigen für Kfz-Technik, alles in der Person des über 70-jährigen Autors. Eine romanhafte Biografie, eingebettet in viele prägende, private Erlebnisse und persönliche Erfahrungen aus der Arbeitswelt.
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Seitenzahl: 576
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Dieses Buch ist als Goldhochzeitsgeschenk meiner lieben Ehefrau Gisela gewidmet, ohne deren Geduld, Mithilfe, Verständnis und „Mittragen der getroffenen Entscheidungen“, ich niemals dieses Auf-, Um- und Aussteigerleben hätte realisieren können.
Vorspann
Mann und Kind
Änderungen sind angesagt (September 1990)
Berufswahl mit 13 (1945 – 1958)
Lehrpläne (Oktober 1989)
Der Schrauberlehrling im 1. Lehrjahr (1959)
Lehrer für Schrauberlehrlinge (1979 – 1990)
Schrauberlehrlings Entscheidung (1960)
Elli, die Mutter (1924 – 1945)
Die Flucht
Die Jugend
Der Nachttopf
Der Luftangriff
In Sicherheit
Ausbildungen – Kriegsschauplätze mal anders
Referendar in „bleiernen“ Zeiten (1977 – 1979)
Schrauberlehrling im 2. Lehrjahr (1960)
Die Bestie schlug wieder zu (1977)
Schrauberlehrling im 3. Lehrjahr (1961)
Schrauberlehrling im 4. Lehrjahr (1962)
Schrauberlehrling ist Geselle (1962 – 1963)
Der 1. Ausstieg: Geld fürs Studium (1964)
Gustl, der Vater (1914 – 1945)
Stellung halten
Die Jugend
Krieg und Flucht
Der Schrauberlehrling wird Student (1964 – 1967)
Die Ungewissheit
Das erste Semester mit Musterung
Das zweite Semester
Studentenleben
Semesterferien
Das fünfte Semester und Geburt der 68-er
Das letzte Semester – Arbeitslosigkeit?
Gisela (1967 und 68)
Der Ingenieur-Praktikant und Testfahrer
Café de Paris und ein Hospital
Eine himmlische Landung und Schokolade
Leberwurst und Kindheit
Gemeinsame Weihnachten und Schweden
Das Miniappartement und unerwarteter Besuch
Karneval und Heiratsgrund
Verlobung – Paris – Normandie
Heirat und irdische Erkrankungen
Der Schrauberlehrling ist Ingenieur (1967 – 1971)
Einstieg als Entwicklungsingenieur für Fahrwerke
Familienplanung
Der Systemanalytiker
Vaterfreuden
Der Crash-Spezialist
Der 2. Ausstieg: Managementlehrer
Der Unternehmer (1971 – 1975)
Ingenieur im Kleinbetrieb
Der GmbH-Gesellschafter
Die Familie wird größer
Der Erfinder und Produzent
Der 3. Ausstieg: vor Gericht
Der Hausmann & Diverses (1971 – 1991)
Der Grundstückskäufer und Hausbauer (1971– 1976)
Das Zweitstudium (1975 – 1977)
Der Hausmann (1975 – 1977)
Der Bauarbeiter (1976)
Ingenieurtätigkeit – eine AKW-Episode (1976)
Der Praxismanager (1976 – 1990)
Familienreisen (1969 – 1985)
Der Segelanimateur (1986)
Der 4. Ausstieg: Beurlaubung als Studienrat (1991)
Der Kfz-Sachverständige (seit 1991)
Der Wiedereinstieg
Der Investor (1992)
Das Ende einer Männerfreundschaft (1997)
Der Bergretter (1997)
Die Beurlaubung ist um (1997 – 2000)
Der 5. Ausstieg: die Pensionierung (2000)
Eine späte Erkenntnis und Erklärung
Ziel erreicht?
Der Pensionär (seit 2000)
Der Denker (2016)
Epilog (2018)
Was ist das? Blut! Blut und noch mehr Blut! Der Wagen sieht ja von innen aus, als ob hier ein Mafiaboss erschossen worden wäre! War mein Vater ein Mafiaboss? – All diese Gedanken schossen Martin durch den Kopf, als er den Innenraum des Wagens betrachtete. Er hatte einen Anruf von seiner Mutter bekommen und nur erfahren, dass Papa auf der Intensivstation der Notaufnahme liege. Sie hatte ihn gebeten, sein Auto abzuholen und in die Garage zu stellen. Es stehe am Straßenrand, gleich hinter dem Tunnel. Schnell hatte er den Ersatzschlüssel aus dem Haus seiner Eltern geholt und nun dieses Bild: Blut! Wohin er auch sah! Die Windschutzscheibe musste er von innen reinigen. Ein Blick durch die Blutschicht war nicht möglich. Was war geschehen? Versteckte sich hier eine Antwort auf die Frage nach der Ursache des Wohlstandes der Familie, inklusive zwei eigener Häuser? Aber warum gab es keine Einschusslöcher im Auto? Martin atmete tief durch. Erst mal den Wagen wegbringen und dann ins Krankenhaus.
*
Langsam kam ich zu mir. Ich sah mich um. Ich befand mich auf einer Operationsliege in irgendeinem Krankenhaus. Was war geschehen? Ich versuchte, in meinem Gedächtnis eine Erklärung zu finden. Wollte mich jemand umbringen? Vergiften? Hatte ich mich beruflich zu weit hinausgelehnt, vielleicht mit irgendwelchen Organisationen, womöglich mit der „Unfall-Mafia“ angelegt? Dann fielen mir auf einmal die wochenlangen, unerträglichen Kreuzschmerzen der Wirbelsäule ein. Dagegen gab mir mein Motorradfreund Gerold, von Beruf Unfallarzt, sehr starke Tabletten. „Wenn es nicht besser wird, müssen wir eine Untersuchung deines gesamten Rückens durchführen!“, schlug er vor. Auch nach zehn Tagen wurde es nicht besser, im Gegenteil: Es traten zusätzliche Schmerzen auf, nun im Brustkorbbereich, die anderen Schmerzen wurden überlagert. Was sagte mein Arzt dazu? Er vereinbarte mit mir eine Untersuchung für den nächsten Montag. Die Schmerzen im Brustkorbbereich weiteten sich bereits in den Oberbauch aus. Gerade hatte ich Gisela davon berichtet und mich zum Mittagessen angemeldet. Als ich den Hörer auflegte musste ich aufstoßen. Plötzlich waren die Schmerzen wie weggeblasen. Was war das schon wieder? Ich verstand die Signale meines Körpers nicht. Raus aus dem Büro und rein in den Wagen. Ich gab Gas. Ab nach Hause.
*
Der Stationsarzt kam ins Zimmer und unterbrach meine noch nicht klar sortierten Gedanken: „Wir haben ihren Magen untersucht und machen seit vier Stunden Kontrollen ihres Blutbildes. Was haben Sie in der letzten Zeit gegessen oder haben Sie irgendwelche Medikamente eingenommen?“
Ich berichtete über meine Kreuzschmerzen und die Pillen, die ich dagegen eingenommen hatte.
„Diese Tabletten dürfen Sie nur mit einem Schutzpräparat einnehmen! Das passt genau zu unserer Diagnose! Sie hatten eine Magenwand-Erosion, das bedeutet, ihre Magensäure war zu stark und hat ihre Magenwand und die dahinter liegende Ader angegriffen, die sich dadurch geöffnet hat.“
„Wie lange muss ich hier bleiben? Was passiert mit mir?“
„Gar nichts. Sie bekommen Flüssigkeit, damit ihr Flüssigkeitsverlust ausgeglichen wird, aber keine Blutkonserven. Wir warten ab, denn es sieht so aus, als ob die Blutung gestoppt ist, sich die Verletzung der Ader von alleine geschlossen hat. Die Blutwerte sinken nicht, sondern steigen wieder. Wenn sich durch ihre eigene Bluterneuerung ein Blutwert von Hb 9,0 einstellt, können Sie entlassen werden.“
Prima! Dann kann ich ja bald wieder nach Hause! So dachte ich. Schon holten mich meine alten Gedanken wieder ein: Wie war das noch auf dem Heimweg? Kurz vor dem innerstädtischen Tunnel … eine eiskalte Hand … sie griff an meinen Nacken … Angst und der Gedanke: Ich muss sofort in eines der beiden 200 Meter entfernten Krankenhäuser! Doch was sollte ich dort sagen? Ich war doch bereits in ärztlicher Behandlung! Ich fuhr in den Tunnel. Wo blieb nur der Ausgang? Mir war schlecht. Ich musste mich übergeben. Da – der Tunnelausgang. Ich hielt am Straßenrand und stieg aus. Da, eine kleine Mauer. An ihr würde ich mich festhalten. Ich presste die Hand vor den Mund, schaffte es gerade bis zu dieser Mauer – dann schoss es schon aus meinem Mund. Blut. Meine Gedanken waren plötzlich klar: nicht 1977 abgenibbelt, aber dafür jetzt, 1995. Nach achtzehn Bonusjahren, die ich vom Schicksal bekommen hatte.
„So, jetzt verrecke ich hier am Straßenrand. Nun ist das Leben endgültig vorbei“, sagte ich mit einer gewissen Ungerührtheit. Zu wem eigentlich? Zu mir selbst?
„Nein, du stirbst nicht jetzt“, verkündete eine Stimme. Woher kam sie?
„Wieso nicht. Mein Leben ist übererfüllt, alles was ich mir gewünscht habe, ist wahr geworden. Ich habe nichts anbrennen lassen. Ich habe gut gelebt.“
„Du hast deine Enkelkinder noch nicht kennengelernt!“ Dieses Zwiegespräch, mit wem auch immer, wurde unterbrochen, als mir jemand auf die Schulter klopfte und sagte:
„Herr Spriewald, Sie haben zu viel gearbeitet. Sie müssen ins Krankenhaus.“
Das war meine letzte Wahrnehmung. Ich stürzte in tiefe Dunkelheit. Was dann geschah, blieb mir unbekannt, wie auch die Person, die den Notarzt rief.
*
Martin kam sehr verstört ins Krankenhaus. Da saß Gisela, seine Mutter. „Was ist mit Papa los?“
„Papa hatte einen Magendurchbruch! Eine geplatzte Ader. Glücklicherweise ist das Blut in den Magen gelaufen und nicht in den Bauchraum. Sonst wäre Papa tot. Aber jetzt ist er stabilisiert, es geht wieder aufwärts. Sein Blutbild ist noch im Keller. Der Arzt sagte, dass Papa bei dem Blutwert von Hb 6,0 mindestens drei Liter Blut verloren, ausgespuckt hat. Bei der Magenspiegelung, eine Untersuchung mit einer Kamera, hat er die 30.000-Mark-Kamera zerbissen, als man ihm den Schlauch in der Mund schieben wollte.“
„Als ich das ganze Blut in seinem Auto sah, glaubte ich, dass auf Papa ein Attentat verübt worden ist.“
*
Es gibt Zufälle, die so unglaublich sind, dass man sie sich fast nicht mal ausdenken könnte. Etwa 20 Jahre nach meinem Zusammenbruch klingelte es bei mir daheim. Ich hatte bei meinem Hauselektriker eine Installation bestellt, und nun stand ein Mitarbeiter in der Montur dieser Elektrofirma vor der Tür.
„Guten Tag, Herr Spriewald!“, sagte der Fremde. „Wir haben uns lange nicht gesehen. Wie geht es Ihnen jetzt?“
„Kennen wir uns? Wieso erkundigen Sie sich nach meinem Gesundheitszustand?“, fragte ich misstrauisch.
„Sie werden sich vielleicht nicht an mich erinnern. Sie hatten doch vor ungefähr 20 Jahren am Tunnelausgang in der Stadtmitte einen Zusammenbruch.“
„Ja! Aber woher wissen Sie das?“
„Ich war derjenige, der Sie aus dem Auto zog.“
„Kommen Sie rein! Setzen Sie sich und erzählen Sie mir bitte, was damals passierte. Wir haben Sie gesucht, aber nicht ausfindig machen können. Ich weiß nicht genau, was damals geschah.“
„Sie fuhren mit ihrem Auto direkt vor mir aus dem Tunnel und blieben plötzlich stehen. Sie machten sonst gar nichts. Als ich an ihnen vorbeifuhr, sah ich, dass Sie zusammengesackt hinter dem Steuer hingen. Ich hielt an und zog Sie blutüberströmt aus dem Wagen, der überall mit Blut vollgespritzt war. Ich schleifte Sie über die Straße, über den Gehweg und setzte Sie an die kleine Mauer am Gehweg. Ein Passant kam vorbei. Ich sagte zu ihm: Halten Sie den Mann so fest, dass er aufrecht sitzen bleib, wenn er umkippt, erstickt er! Dann bin ich zur Rezeption der früheren Firma G+H gelaufen. Ich schrie die Telefonistin an: Sie müssen sofort einen Notarzt rufen, ein Mann da draußen verblutet. Dann ging ich zu ihnen zurück und wartete. Endlich kam der Notarztwagen. Die Sanitäter stürzten sich auf mich, sie wollten mich einladen. Ich war mittlerweile auch blutüberströmt, mein Hemd, mein Anzug, alles war voller Blut. Ich rief: Nein, nicht mich, der Mann da, der verblutet! Ich habe dann auf sie gezeigt.
„Ich erinnere mich! Sie haben mich mit Namen angesprochen. Ist das richtig?“
„Ja. Ich hatte Sie kurz vor diesem Ereignis vor 20 Jahren kennengelernt. Ich war gerade mit meiner Lehre fertig, hatte mein erstes Auto und jemand fuhr hinein. Sie haben dann das Schadengutachten für meine Ansprüche an die Versicherung gemacht.“
*
Autos und Gutachten, das Metier eines Kfz-Sachverständigen. Als ich für meinen späteren Lebensretter aktiv wurde, hatte ich bereits seit vier Jahren ein eigenes Büro. Es war schwierig gewesen, mich zu etablieren, doch es gelang mir. Bereits zu jener Zeit war die Nachfrage so groß, dass ich einen Kfz-Ingenieur für die Bearbeitung der Gutachten einstellen konnte.
Zuvor hatte ich mich als Studienrat einer Berufsschule für sechs Jahre ohne Bezüge beurlauben lassen. Was bewegte mich zu dem Schritt? Es war der stete Tropfen, der höhlte …
Adenau 15 km. Die schwere Tourenmaschine passierte das Hinweisschild, als ich an einer Kreuzung mit in den zweiten Gang runtergeschaltetem Getriebe und aufheulendem Motor in eine kurze Rechts-links-Kurvenkombination einfuhr. Mein von der Lederhose geschütztes Knie berührte durch die Schräglage fast die Straße. Hinter dem leicht geöffneten Vollvisier war für andere womöglich schemenhaft mein bartumrandetes und entspanntes Gesicht zu erkennen. Diese Fahrt an einem Werktag, ohne Wochenendraser, war das reinste Vergnügen. Ein Privileg.
Von Bergisch Gladbach ging es schnell über die Bonner Autobahn bis ins Vorgebirge der Eifel. Gut ausgebaute Straßen mit lang gezogenen Kurven, die sich zwischen Feldern und Wäldern hindurchschlängelten. Das war das Paradies für Motorradfahrer und eine Abwechslung zu den engen, serpentinenähnlichen Straßen im Bergischen Land. Wer vom Nürburgring weiter in Richtung Westen fuhr, durch endlose Wälder ohne Ortschaften, konnte sogar das Gefühl haben, irgendwo in Kanada zu sein.
Totales Abschalten auf dem Moped. Nur ich, die Straße und die Maschine. Ich schwang mich auf den Sattel, um den Kopf frei zu bekommen, wenn der Ärger zu groß oder die Probleme zu undurchdringlich wurden. Immer dann, wenn etwas analysiert und entscheidungsreif durchdacht werden musste, statt eher spontan aus dem Bauch heraus zu handeln.
Die Proportionen von Mensch und Maschine harmonierten. Ich: 45 Jahre, 1,90 Meter, 95 Kilogramm, Stirn bis in den Nacken. Nur mein Bart war sichtbar, wenn ich in Ortschaften oder bei Pausen das Vorderteil meines Vollvisierhelms hochschob. Sie: 1000 ccm, 90 PS, 320 Kilogramm, voll verkleidet, mit Seitenkoffer und Sturzbügeln.
Seit acht Jahren war ich rund 200.000 Kilometer nahezu unfallfrei gefahren, von kleinen Abrutschern, Überbremsern oder Einfach-im-Stand-Umkipplern mal abgesehen. Dies war meine dritte Maschine. Und die Praxis bewies, dass ich seit einem Jahr mit einigem Stolz zur zweiten Kategorie der Motorradfahrer gehörte: den guten. Denn nach sieben Jahren, so heißt es, gibt es nur noch zwei Arten Motorradfahrer: tote und gute.
Alle, die bisher überlebt haben, wissen, dass sie für andere Verkehrsteilnehmer oft unsichtbar sind. Kradfahrer werden viel zu häufig übersehen. Ich hatte daher durch mentales Training einige Leitsätze verinnerlicht, etwa: Gas wegnehmen, wenn Leitplanken in Sicht kommen. Denn für Motorradfahrer sind sie keine Sicherheitseinrichtung, sondern Amputationsgeräte, sofern ohne Temporeserve durch die Kurven gerast wird.
Es war Anfang Oktober 1990, Herbstbeginn. Nach jeder Kurve konnte nasses Laub auf der Straße lauern.
Die nächste Parktasche, mit einer sonnigen Wiese im Hintergrund, lud zu einer Pause ein. Ich setzte den Helm ab, stopfte eine Pfeife und legte mich genussvoll ins Gras. Meine Gedanken kreisten, Erinnerungen holten mich ein. Meine aktuelle berufliche Situation schrie nach einer Entscheidung.
*
Wenn Gisela nicht ihre Krankengymnastik-Praxis mit den fünf Angestellten hätte … Zumindest konnte ich mich dort – als Ausgleich zum Unterricht als Berufsschullehrer für Kfz-Auszubildende – in Unternehmensorganisation austoben. Sonst hätte ich wahrscheinlich schon lange den Schuldienst quittiert.
Es reichte mir. Aber sollte ich erneut aussteigen? Das war mein Problem, das ich lösen musste. Rückwirkend betrachtet war es mir damals im Alter von 45 Jahren egal, ob es mein dritter oder vierter Ausstieg aus dem Erwerbsleben werden sollte. Die Wiederholung war mir nicht einmal bewusst. Ich sah nur meine aktuelle Situation und die meiner Familie.
Der erste Ausstieg mit 19 war im Grunde ein Abschied vom Handwerk – zugunsten des zweiten Bildungswegs.
Der zweite Ausstieg kam nach vier Jahren Großindustrie. Er war eher ein Umstieg in die Kleinindustrie, da ein radikaler Ausstieg als Familienvater und Alleinverdiener undenkbar war.
Der dritte Ausstieg mit 30: Das war ein wirkliches Aussteigen. Damals war die wirtschaftliche Basis für eine Änderung meiner Lebensgestaltung vorhanden.
Mit 34 wurde es ein Wiedereinstieg: als Studienrat für den Sekundarbereich II an einer Berufsschule, heute Berufskolleg genannt. Alle Bereiche der beruflichen Bildung gehörten dazu: Klassen der Berufsvorbereitung für Schüler ohne Lehrvertrag, Berufsschulklassen für Auszubildende im dualen System sowie Klassen der Berufsfachschule und Fachoberschule mit dem Ziel Fachabitur.
*
Mein aktuelles Problem hatte drei Namen: Lehrpläne, Kollegen, Schulleitung. Angeblich waren wir zu wenig Kollegen, obwohl unsere Schule laut Statistik über sechs Vollzeitlehrer „im Überhang“, also zu viel verfügte. Die neuen Lehrpläne mit erweitertem Theorieunterricht sollte ich als Studienrat in der Kfz-Abteilung alleine umsetzen, obwohl die drei Kollegen in dieser Abteilung im Grunde an der Lehrplangestaltung samt der Themenauswahl und den Unterrichtsverteilungsplänen mitarbeiten sollten. Nur weil ich zwei Monate zuvor die neue Unterstufe bekommen hatte, sollte ich diese Arbeit auf einmal alleine bewältigen.
Wieder 70 Schüler. Kfz-Azubis wurden die Kraftfahrzeug-Auszubildenden genannt, aus denen ich drei Klassen mit unterschiedlichen Leistungsgruppen bilden sollte, um sie dann bis zur Gesellenprüfung zu unterrichten: eine Klasse mit maximal 30 hoch motivierten Schülern, eine Klasse mit maximal 25 „lernfähigen, aber lernunwilligen“ und dann noch eine Klasse mit höchstens 15 „lernwilligen, aber etwas lernunfähigen“ Schülern. Oder im Jargon der Schulleitung ausgedrückt: je eine Klasse mit „lernstarken, verhaltensgestörten und leicht lernbehinderten Schülern“. Herr Gerschlag als stellvertretender Schulleiters schlug vor:
„Legen Sie die Klassen mit den 19 Schülern und den 11 Schülern zu einer Klasse zusammen, denn 30 Schüler sind in einer Klasse noch zulässig und Sie haben Zeit für mehr Theorieunterricht!“ Ich stutzte. Meinte er die Klasse mit den „leicht Verhaltensgestörten“ und die „etwas Lernbehinderten“?
„Habe ich das gerade richtig gehört?“
„Sie können das doch! Sie haben in den letzten Jahren doch immer eine Klasse mit 30 Schülern gehabt“, legte Herr Gerschlag nach. Ich hatte mich tatsächlich nicht verhört.
Das war für mich das Letzte. Ich ging wortlos weg. In solch einer Riesenklasse ohne Schüler-Differenzierung ist sinnvolles und zielgerichtetes Lehren unmöglich. Da hätte ich mir direkt die Kugel geben können.
*
Wo ich herkam und unter welchen Bedingungen ich wurde, was ich bin, habe ich nie vergessen. Als Studienrat war mein Einkommen sehr gut, höher als ich je als Kfz-Mechaniker ohne zweiten Bildungsweg hätte verdienen können. Aber brauchten Gisela und ich so viel Geld eigentlich? Hatten wir in den vergangenen Jahren unsere Monatseinkommen überhaupt ausgeben können? Wir besaßen inzwischen zwei Häuser. War das nicht genug für ein Erwerbsleben?
Ich steige aus! Der Entschluss kam plötzlich wie von selbst auf der Wiese. Froh stieg ich auf meine Maschine.
Achte Klasse Volksschule in Gelsenkirchen. Und was dann? Wir Schulabgänger schwankten. Bergbau? Als Jungbergwerker würden wir die ersten zwei Jahre über Tage eingesetzt, bevor wir dann unter Tage, „vor Kohle“ arbeiten müssten. Oder als Stahlwerker am Hochofen oder in der Gießerei malochen? Bei uns im Pütt gab es nur Dreck und Qualm. Einmal Husten und man hatte ein Brikett in der Hand. Ein weißes Hemd zeigte spätestens nach zwei Stunden im Freien einen schwarzen Kragenrand. Gelsenkirchen bot auch am Jahresende 1958 keine großen Alternativen.
*
Ich war eines der ersten „Friedenskinder“ nach dem Zweiten Weltkrieg, geboren am 9. Mai 1945 in Marne/Holstein. Meine Mutter hatte es nach der Flucht mit ihrem jugendlichen Bruder, meiner Schwester und hochschwanger mit mir Ende März dorthin verschlagen. In ein Aufnahmelager für Flüchtlinge aus dem Osten. Mein Vater kam drei Monate später dazu, nachdem er herausgefunden hatte, wo sich seine Familie befand.
1946, ein Jahr nach meiner Geburt, zogen wir alle nach Gelsenkirchen, die Geburtsstadt meiner Mutter, denn meinem Vater wurde dort aufgrund seiner früheren Tätigkeit bei der Reichspost eine Anstellung angeboten. Meine Mutter hatte seitens ihrer Großmutter dort einen Wohnungsanspruch in einem viergeschossigen Wohnblock aus rotem Backstein, in dem sich 24 Zweizimmerwohnungen befanden. Für vier Mietparteien gab es jeweils ein Plumpsklo auf dem Flur.
Vom Erzählen weiß ich, dass wir anfangs nur ein einziges Zimmer für uns fünf hatten. Erst Monate später bekamen wir eine Zweizimmerwohnung – aber auch sechs zusätzliche Mitbewohner, Verwandte meines Vaters aus Ostpreußen: mein Onkel Gustav, meine Tante Emma, mein Opa sowie zwei Cousins und eine Cousine, die zwischen zwei und vier Jahre alt waren. Ihre Mutter war auf der Flucht gestorben, ihr Vater in Stalingrad gefallen.
An diese Überbevölkerung unserer kleinen Wohnung kann ich mich nicht erinnern. Gut im Gedächtnis ist mir aber noch die große Badewanne, die in der Mitte der großen Essküche stand, an der Wand waren zwei Schlafstellen. Jeden Samstag war es ein Riesenspaß, wenn alle hintereinander in die Wanne mussten.
Jedes Mal, wenn ein Paket mit Konserven und Anziehsachen von Muttis Vater aus Amerika bei uns ankam, gab es ein Festessen. Eine Abwechslung zum sonstigen Essen, irgendwelchen Breis aus Reis, Mehl oder was weiß ich. Die Zigaretten aus den Paketen wurden zum Tauschen auf dem Schwarzmarkt mitgenommen – oder zum Hamstern. Dann war meine Mutter manchmal zwei Tage weg und kam mit Kartoffeln oder etwas Fleisch zurück.
*
In dem riesigen Wohnblock gehörte zu unserer Zweizimmerwohnung auch ein unheimlicher Keller mit kleinen abgetrennten Verschlägen, beleuchtet lediglich von einer Funzel. Teilweise gab es dort Wasserpfützen, auch jede Menge Ratten. Wenn Hanne, meine zwei Jahre ältere Schwester, etwas aus dem Keller holen sollte, klagte sie:
„Ich habe Angst da runter zu gehen!“ Dann nahm ich sie an meine Hand.
„Du brauchst keine Angst zu haben!“, beruhigte ich sie. „Ich komme mit und gehe vor.“
Draußen, da war das Paradies. Auf dem Hof stand eine ausgebombte, ausgebrannte Ruine. Das war früher ein Bethaus gewesen, wie meine Mutter sagte. Ich war ja schon groß: Herumklettern, Verstecken, Ballspiele und Obst aus dem Garten anderer Leute zu nehmen – das konnte ich gut.
Auch in den Kindergarten konnte ich schon alleine gehen. Mitten durch einen unheimlich langen Spazierweg, in dem auch schon mal Fahrzeuge fuhren. Dann hieß es: Ab in die Büsche, um nicht überfahren zu werden. Dabei bin ich mal gestolpert, plötzlich ein Schmerz in meiner linken Hand. Ein krummer Draht bohrte sich durch die Innenfläche meines Handgelenkes. Ich riss ihn raus, presste meine rechte Hand darauf und lief die letzten 100 Meter zum Kindergarten weiter. Dort empfing ich nicht Trost, sondern es hieß:
„Du hast aber Glück gehabt! Du hattest einen guten Schutzengel. Beinahe wäre deine Pulsader aufgerissen und du wärst jetzt schon tot.“
Ähnliches erlebte ich nochmal nach der Einschulung in die Volksschule. Hausaufgaben waren kein Problem. Nachmittags – die Eltern waren arbeiten – fanden mit den Gleichaltrigen aus unserer Straße üblicherweise Touren durch die Ruinen statt. Wir streunten durch die vom Krieg zerstörten Häuser, von denen teilweise nur einzelne Etagen noch bruchstückhaft an den Brandmauern klebten.
Eines Tages sah ich in der zweiten Etage eine halb zerstörte Lampe mit einem langen Messingrohr. Solche Messingrohre brauchten wir, um Blasrohre daraus zu machen. Wofür? Klar, zur Verteidigung, wenn „die Anderen“ aus den benachbarten Stadtteilen angriffen. Krieg, das war etwas, von dem wir alle schon gehört hatten. Kriegsspiel war also angesagt. Als Munition benutzten wir Weißdornbeeren, die überall in den Ruinen und auf den kleinen Grünflächen zu finden waren. Sie wurden mit Stecknadeln „scharf“ gemacht. Richtig gezielt – denn wollten wir niemanden ernsthaft verletzten – blieben sie in den Waden oder Oberschenkeln stecken.
Fast hatte ich die in der Luft hängende Lampe erreicht, als ich auf einen lockeren Stein trat, vom Mauerabsatz abrutschte, nach unten fiel und etwas benommen auf der Erde liegen blieb. Mein Kopf tat weh, ich hatte mich wohl verletzt. Aber das Spiel ging den ganzen Nachmittag weiter. Am frühen Abend ging ich meinem Vater, der vom Dienst kam, auf der Straße entgegen.
„Wie siehst du denn aus? Du hast ja rote Haare! Was ist passiert?“ Er guckte mich eigentümlich an.
Ich handelte nach der Devise: Schnell heulen, damit ich keine Schimpfe bekomme! Vater besah meinen Kopf, stellte eine große Platzwunde fest und meinte, ohne mich zu trösten:
„Es ist halb so schlimm, doch wir müssen damit ins Krankenhaus. Aber merke dir, du bist kein Mädchen! Jungen weinen nicht!“
Zum Krankenhaus, das waren fünf Straßenbahnhaltestellen bis zur Stadtmitte. Als wir ausstiegen, kam uns Mutti entgegen, geradewegs von ihrer Putzstelle in einer Apotheke. Ärzte betrachteten mich. Als ich aus dem Operationssaal kam, versteckte ich mit den Händen mein Gesicht. Meine Mutter drückte mich tröstend an ihren großen Busen:
„Du Armer, was haben sie bloß mit dir gemacht? Was hast du für Schmerzen gehabt!“
Lachend nahm ich die Hände vom Gesicht, denn ich hatte mich zuvor schon staunend im Spiegel betrachtet.
„Mutti, du glaubst nicht wie ich jetzt aussehe!“
Man hatte mir den ganzen Kopf bandagiert. Ich trug einen weißen Turban. Mein Schutzengel hatte aufgepasst.
*
„Dieses ist 100.000ste Wohnung in Nordrhein Westfalen“ stand auf einer Tafel an der Hauswand, als wir 1953 von Bismarck nach Hüllen umzogen. In ein Neubaugebiet, wo es aussah, als ob dort noch nie ein Haus gestanden hätte.
Dieser Umzug war die einzige gemeinsame Aktion mit meinem Vater, an die ich mich erinnere. Er hatte einen kleinen Handleiterwagen besorgt, der von ihm gezogen werden musste, wobei ich tatkräftig von hinten schob. Ich war ja schon acht und fühlte mich unheimlich stark. Mindestens fünf Mal sind wir an mehreren Wochenenden die ungefähr sechs Kilometer von Tür zu Tür gezogen. Mit etwas Hausrat, etwas Geschirr, ein paar Matratzen, Kartoffeln, Kohlen, Holz und allem möglichen, was in den früheren zwei Zimmern und im Keller herumgestanden hatte.
„Wir haben ja ganz schön viele Sachen!“, meinte ich.
„Als wir 1946 nach Bismarck kamen, hätten wir keinen Leiterwagen gebraucht! Damals hatten wir so gut wie gar nichts! Das Wenige, was wir hatten, passte in zwei Koffer“, war meines Vaters Antwort.
Irgendwie war ich froh, mir einen neuen Freundeskreis aufbauen zu können, denn das bisherige Krieg-Spielen nahm immer schlimmere Formen an: Es flogen Steine, was ziemlich wehtat, wenn man nicht schnell genug auswich. Der Obstklau in fremden Gärten war zur Regel geworden.
Neue Freunde, neue Schule und neue Spielmöglichkeiten, jetzt nicht mehr im Schatten mehrerer Fördertürme, sondern eines riesigen Stahlwerks, das hinter einer riesig hohen Mauer nur zwei Häuserreihen hinter unserem Wohnblock lag. Der Dreck, der aus diesem Betrieb kam, überbot alles, was ich bisher in Bismarck gesehen hatte.
Aber die neue Wohnung machte alles wett. Sie war unheimlich groß im Verhältnis zu den bisherigen zwei Zimmern, mit etwa je 16 Quadratmetern. Jetzt waren es dreieinhalb Zimmer, insgesamt 65 Quadratmeter. Für meine Schwester und mich gab es zusammen ein eigenes Zimmer, in das meine Mutter auch eine Nähmaschine stellte. Sie suchte Heimarbeit zum Nähen, denn mehr als Hausfrauenarbeit hatte sie nicht gelernt.
Für das Spielen in der Wohnung bei schlechtem Wetter hatte ich jetzt mehr Platz. Als Spielzeug diente mir schon seit Jahren der große Klammerbeutel zum Wäscheaufhängen. In ihm befanden sich nicht Wäscheklammern mit Stahlfeder, die waren zu teuer, sondern die ungefähr zehn Zentimeter langen Rundhölzer, die einen Kopf zum Anfassen und einen gefrästen Klemmschlitz für das Befestigen der Wäsche an der Leine hatten. Schon als Kleinkind hatte ich damit gespielt, denn anderes Spielzeug gab es nicht oder war zu teuer. Tolle Türme und Brücken baute ich damit. Nichts für zittrige Hände und fehlendes Schwerpunktverständnis!
Diese Erkenntnis nutzten clevere Geschäftsleute. Sie machten das Türme-Bauen noch einfacher, indem sie Kopf und Klemmfuge wegließen und das Ganze „Jenga“ nannten. Für Brücken und andere Konstruktionen wurden Stabilbaukasten und Lego erfunden. Wahrscheinlich entwickelte ich beim Spiel mit diesen Dingen nützliche Fähigkeiten, die damals jedoch nicht wahrgenommen oder als nicht wirklich wichtig angesehen wurden.
Vor unserem Häuserblock befand sich eine weite unbebaute Fläche, die wir später Wüste nannten, umrahmt von einigen, hoch gebauten, mindestens dreigeschossigen Bunkern. Das Spielen draußen in dieser Wüste war noch interessanter als das Herumklettern in den Hausruinen. Die Entdeckungsreisen in den Tunneln der Wüste waren Abenteuer pur. Hier mussten sich mal Flakeinheiten befunden haben, denn wir fanden in diesen fast schon zugewachsenen Schützengräben und in den Bunkern lauter Dinge, die irgendwie mit Krieg zu tun hatte.
*
Im ersten Jahr in unserem neuen Zuhause besuchte uns Opa aus Amerika mit seiner Frau und dem Bruder meiner Mutter, der irgendwann um 1949 in die USA zu seinem Vater ausgewandert war. Wie damals üblich beschenkten uns die „reichen“ Verwandten aus Amerika mit tollen Sachen.
Meine Schwester bekam ein Fahrrad und ich einen Tretroller mit Ballonreifen. Ich war fast elf Jahre alt und endlich auch mobil. Jetzt konnte ich mit einigen meiner neuen Freunde, die schon länger mobil waren, die weitere Umgebung erforschen. Wir gelangten bis zur Emscher. Diese stinkende Kloake sollte ein Fluss sein? Wir konnten uns dort nur aufhalten, wenn wir uns die Nase zuhielten! Daneben war der Rhein-Herne-Kanal. Im Gras liegen, in den Himmel starren und diese neue Freiheit genießen: Ich fand das Leben herrlich. Und ich mochte das abenteuerliche Gefühl, in diesem Kanal zu schwimmen und Schiffe zu entern.
Schiffe entern bedeutete: zu den Schiffen schwimmen, hinaufklettern, bis zur nächsten Schleuse mitfahren, das Schiff wechseln und zurück. Wir hatten gehört, dass einige Jungen, die sich an der Bordwand nicht hatten hochziehen können, nicht schnell genug vom Schiff weggekommen und in die Schiffsschrauben gekommen waren. Wir hatten daher eine goldene Regel: „Du musst gut und schnell schwimmen können. So schnell wie dein Schutzengel fliegen kann.“ Ich schaffte das. Ich hatte in der Schule im Nu schwimmen gelernt und nahm sogar an Schulmeisterschaften teil. Wir hatten noch eine Regel: „Wenn du nicht direkt an der Bordwand hochkommst: abstoßen und so schnell wie möglich weg vom Schiff!“ Wir hielten uns an diese Überlebensregel.
Es gab auch Schiffer, die nicht wollten, dass wir mitfuhren. Manchmal war auch die Bordwand frisch geteert. Unsere Regeln hielten wir dennoch ein, auch wenn wir uns anschließend stundenlang mit Sand vom Teer befreien mussten.
*
„Norbert entwickelt sich zu einem Straßenköter, er muss von der Straße weg“, hörte ich meinen Onkel Wernfried sagen. Ich saß eines Abends in der Küche und bekam das Gespräch aus dem Wohnzimmer mit.
Mit Tante Helmi und ihm spielten meine Eltern ein- bis zweimal pro Monat Karten, mal bei denen, mal bei uns zu Hause im kleinen Wohnzimmer, an einem Esstisch, der gerade noch mit den Stühlen in das Wohnzimmer mit Polsterecke und einem Eichenschrank passte. Ich mochte Onkel Wernfried sehr, schon seit mehreren Monaten fuhr ich am späten Nachmittag zu ihm, manchmal sogar zwei- bis dreimal pro Woche. Er brachte mir Schach bei und ich war sein gelehriger Schüler.
Warum sagte der Onkel so etwas über mich?
„Norbert muss noch irgendetwas anderes machen, als nur auf der Straße rumhängen. Margret, meine Tochter, kennt da jemanden aus dem Judoklub, wäre das nicht etwas für Norbert?“
„Das kostet doch viel zu hohe Beiträge, und dann die besondere Bekleidung!“, hörte ich meinen Vater sagen. Onkel Wernfried ignorierte den Einwand. Offensichtlich hatte er wenig Respekt gegenüber meinem Vater. Auch ich hatte den Respekt vor ihm kürzlich verloren, als ich mitbekam, wie Papa von Mutti ans Telefon gerufen wurde:
„Gustl, die Post!“ Er schlurfte zum Telefon, nahm den Hörer. Ich traute weder meinen Augen noch Ohren:
„Jawohl!“ Sein Körper streckte sich. „Jawohl!“ Er nahm stramme Haltung an. „Jawohl!“ Das sollte mein Vater sein? Jemand, der vor einem Telefon stramm stand?
Mutti rief mich ins Wohnzimmer.
„Wie findest du Judo?“, fragte mich Onkel Wernfried.
„Keine Ahnung. Was ist das?“
Er erklärte es mir, ich wurde neugierig. Warum eigentlich nicht, dachte ich und verfolgte seine Erklärungen an meinen Vater.
„Gustl, ich glaube, das kostet euch nichts. Margret erzählte mir, dass der Klubleiter sehr viel für die Jungen macht. Keine Klubgebühren! Und die Judoanzüge stellt der Klub kostenlos zur Verfügung. Die brauchen guten Nachwuchs.“
Also lernte ich mit 11 Jahren Judo, einmal in der Woche von 18 bis 21 Uhr. Mit dem Tretroller fuhr ich die sechs Kilometer zur Stadtmitte. Jedoch nicht nur Judo lernte ich dort, sondern, was ich viel spannender fand, auch richtiges, kontrolliertes Hinfallen. Außerdem das schweigende Stillsitzen in gebeugter Haltung, das sie „Japanische Höflichkeit“ nannten.
Am Anfang des Trainings, vor jedem Übungskampf und zum Schluss, bevor wir die Judomatten wegräumten: minutenlanges Hinknien, den Rücken gerade gestreckt, auf den Unterschenkeln sitzend, anschließendes Verbeugen mit ausgestreckten Armen, mindestens eine Minute lang. Meditation würde man heute sagen. Grundsätze wie Selbstdisziplin, Kampfwille, Teamgeist und Fairness wurden uns förmlich eingetrichtert, denn immer wieder hörten wir vom Trainer:
„Keine Gewalt gegen andere. Als Judoka musst du lernen, dich zu beherrschen, deine Gefühle zu kontrollieren. Wenn bei normalen Streitigkeiten oder Raufereien jemand durch einen Judoka verletzt wird, gibt es besonders hohe Strafen und möglicherweise einen Vereinsausschluss.“
*
Womit sollten wir unser Geld verdienen? Welchen Beruf sollten wir wählen? Diese Fragen beschäftigten uns nicht nur in der Schule, sondern auch nachmittags, wenn ich mich mit anderen Spielgefährten traf. Die Suche nach der Antwort trieb uns alle um. Am besten das machen, was der Vater oder Onkel machte? Niemand war da, der uns eine Hilfestellung gab. Keiner von uns wusste, was er werden wollte, auch Peter und Hans nicht. Beide hatten als einzige unsere Klasse schon im 5. Schuljahr verlassen. Der eine ging fortan zum Gymnasium, der andere zur Realschule.
Die Klassen der beiden hatten zu Beginn des Schuljahres 40 Schüler. Trotz Schulgelds: 40 Mark für das Gymnasium, 30 Markfür die Realschule. In den Folgewochen sank die Klassenstärke dann auf 30 Schüler. Und Peter und Hans? Die waren nach vier Monaten wieder in unserer Klasse zurück.
„Warum sollen wir für den Jungen Geld ausgeben?“
Das war die Standardfeststellung von Papa, der noch die Fehlinvestition bei Hanna, meiner Schwester, in Erinnerung hatte. Hanna, die immer etwas Fleißigere, hatte es auch versucht und war nach zwei Monaten wieder auf der Volksschule gelandet. Ich blieb da, wo ich war, auf der achtklassigen Volksschule. Onkel Wernfried, der mich mittlerweile besser als meine Eltern kannte, meinte:
„Norbert, wir stellen demnächst bei der Stadtverwaltung in Gelsenkirchen wieder neue Auszubildende für Vermessungstechnik ein. Du bist doch ganz gut im Rechnen! Hast du nicht Lust, an der Aufnahmeprüfung teilzunehmen?“
Ich nahm als Volks- unter Realschülern an der Prüfung teil, scheiterte jedoch an einem mir bisher unbekannten Problem, das Pythagoras hieß. Ich hatte nie davon gehört.
*
Welche Alternativen blieben, Pütt, Stahlwerk oder was? „Ein Handwerk soll der Junge lernen“, meinte Mutti.
„Geld verdienen“, meinte Papa.
Mit Unterstützung meiner Mutter entschied ich mich für das Handwerk. GWS/Gas-Wasser-Scheiße-Monteur oder Kfz-Mechaniker? Letzteres erschien mir hochinteressant, obwohl Autofahren in meiner Familie unbekannt war. Doch so einfach war das gar nicht: Mit 60 anderen Jungen musste ich im Januar eine Aufnahmeprüfung bei einer VW-Werkstatt machen.
Mein Selbstvertrauen wurde geheilt. Ich bestand tatsächlich die Aufnahmeprüfung und wurde, obwohl ich erst 13 war, als Kfz-Mechaniker-Lehrling angenommen. Im April sollte es losgehen bei Hülpert, einer Autoreparatur-Werkstattkette, verbreitet im gesamten Ruhrgebiet. Allein drei Filialen gab es in Gelsenkirchen, die Hauptvertretung war in Dortmund.
*
Ich weiß nicht, was meine Eltern bewog, die mittlerweile von mir als viel zu eng empfundene Wohnung – dreieinhalb Zimmer, 65 Quadratmeter, ein Kinderzimmer 3,5 mal 2,5 Meter klein – noch mit einem Nachzögling zu belegen.
Zwar war diese Wohnung etwas moderner gestaltet, wir hatten jetzt einen kohlebefeuerten Badeofen und je einen Koksofen im Wohn- und Kinderzimmer. Aber dadurch wurde die Wohnung nicht größer. Wie dem auch sei, meine Mutter war schwanger, im März sollte das Kind kommen. Tolle Entscheidung, mich schnell nochmal für sechs Wochen in die Kinderverschickung abzugeben. Ich kannte diese Art von Erholungsheimen, war ja schon dreimal für je sechs Wochen dort gewesen. Nun sollte es von Mitte Februar bis Ende März nach Cuxhaven gehen. Meine Konfirmation in der letzten Märzwoche würde nicht ausfallen, nur verschoben werden.
*
Es war eine merkwürdige Zeit. Kurz bevor es nach Cuxhaven ging, hatte ich meine erste Pollution. Zwar hatte ich schon viel darüber von Freunden gehört, sollte eine ganz tolle Sache sein, wie ein neues Spielgerät, nur viel besser. Aber peinlich war’s. Mit den Klamotten schnell ins Badezimmer und auswaschen. Ich sagte zur Mutti:
„Ich habe daneben gepinkelt!“
Sie schaute mich merkwürdig an, als ob sie alles wüsste, sagte aber kein Wort. Hatte ich eine Erklärung erwartet?
Mutti brachte mich zum Bahnhof und lieferte mich bei einer Betreuerin ab, nachdem etwas Orientierung in dem großen Haufen von 20 Jungs samt Elternteilen und mehreren Begleiterinnen möglich war. Der Zug setzte sich in Bewegung und ich rief aus dem Fenster mit heller Knabenstimme:
„Tschüss Mutti!“
Inga, unsere Kinderbetreuerin in Cuxhaven, war mit ihrem norddeutschen Akzent einfach zu nett, man konnte sich bei ihr ankuscheln, fast mit ihr schmusen. Ich war in diese junge Frau, sie war höchstens 22 Jahre alt, richtig verknallt und bekam Herzklopfen, wenn sie mich ansprach, mich zu sich bat.
Sie mochte mich auch, vielleicht weil ich ihr erzählte, dass ich hier in der Gegend in Holstein, gegenüber der Elbmündung, hinter Brunsbüttelkoog in Marne geboren worden war. Es war mir unangenehm, wenn die anderen Jungen auch so begeistert von ihr sprachen. War ich eifersüchtig?
Eines Abends im Bett, es war am fünften Tag, ich dachte gerade an Inga, bekam ich eine Erektion. Was machte ich denn damit? Bloß nicht wieder eine Pollution! Das Bett, die Hose wäre nass. Wenn das morgens Inga sähe – nicht auszudenken! Ich würde aus Scham in Grund und Boden versinken. Also, raus aus dem Bett, ab zur Toilette und das tun, was eine „ganz tolle Sache“ sein sollte. War ich jetzt ein Mann?
Mitte März das Telegramm von meinen Eltern:
„Ulli grüßt seinen großen Bruder!“ Ob ich mich darüber freuen sollte? Ich dachte nur an unsere viel zu kleine Wohnung.
Einige Tage vor der Abreise stand ich wie üblich mit den anderen Jungen unter der Dusche, einige von ihnen hatten schon mit 15 dichte Schamhaare. Plötzlich rief einer:
„Schaut mal, unser Norbert wird ein Mann!“
Ein zwei Zentimeter langes schwarzes Haar kringelte sich auf meinem weißen, kahlen Unterbauch. Ich hatte es überhaupt noch nicht gesehen.
Irgendwann waren die sechs Wochen um. Meine Mutter stand am Bahnhof mit einem Kinderwagen und wirkte erschrocken, als ich mit tiefer sehr männlicher Stimme sagte:
„Tach Mutta. Ist das der Ulli?“
Tja. Der Stimmbruch hatte mich erreicht.
Langsam wurde ich ein Mann und ein volles Mitglied der Kirchengemeinde. Mein Wunschtraum war es nicht und mir war nicht zum Lachen zumute, als ich in der ersten Aprilwoche alleine vor dem Altar stand, bereit zur Konfirmation. Etwas christliche Erziehung hatte ich beim zweijährigen Konfirmandenunterricht mitbekommen und seit zwei Jahren war ich zudem Mitglied des CVJM, einer evangelischen Jugendorganisation im Umfeld der sonst überwiegend katholischen Pfadfindergruppen.
Kleinere Bibelstunden, Tischtennis, Fahrradtouren und kürzere Zeltlager in der näheren Umgebung brachten etwas Abwechslung in meine Freizeitgestaltung.
Endlich waren die neuen Lehrplan-Richtlinien für die Kfz-Mechaniker raus. Erhöhung der Lehrzeit von drei auf dreieinhalb Jahre mit 12 Stunden Theorieunterricht an zwei Berufsschultagen in der Woche statt der bisher 7 Stunden an einem Tag pro Woche.
Ich saß gemütlich in meinem Arbeitssessel im Schlafzimmer, dort hatte ich mir eine kleine Arbeitsecke eingerichtet, in der ich von der Familie – meiner Frau Gisela, meiner Tochter Maria und meinem Sohn Martin – ungestört arbeiten, analysieren und nachdenken konnte. Vor mir lagen die amtlichen Vordrucke der neuen Pläne. Prima, endlich mehr Zeit für die Schüler, das immer weiter ansteigende Wissenspensum auch vermitteln zu können. Wird viel Arbeit machen, aber was soll’s, dachte ich. Schließlich bin ich als Studienrat nicht alleine in der Abteilung, die anderen drei Kollegen werden wohl an der Lehrplangestaltung inklusive der Themenauswahl und den neuen Unterrichtsverteilungsplänen mitarbeiten. Die Unterstufe sollte ich bekommen, 70 Schüler, aus denen ich drei unterschiedlich große Klassen bilden würde, jede mit Jugendlichen relativ homogener Vorbildung, die ich bis zur Gesellenprüfung unterrichten würde.
10 Jahre war ich an dieser Schule, doch mit der Umsetzung der neuen Lehrpläne gab es Probleme.
„Diese Lehrpläne werden frühestens in den nächsten fünf Jahren umgesetzt. Für die neuen Unterstufen werden sie noch nicht berücksichtigt“, so die Position des Schulleiters, denn den Vorschlag des Herrn Gerschlag kannte ich bereits.
Das konnte ich nicht hinnehmen. Es entzündete sich eine Diskussion mit politischem Rechts-Links-Hintergrund.
„Ich sehe das aber anders! Ich denke, diese Lehrpläne sollten schnellstmöglich umgesetzt werden. Schließlich haben die neuen Unterstufen mit einem halben Jahr längerer Ausbildungszeit jetzt auch einen Anspruch darauf, eine tiefere theoretische Ausbildung zu bekommen. Wollen Sie, dass die Schüler ein halbes Jahr länger als billige Arbeitskraft in den Werkstätten arbeiten?“
„Wir können für die neuen Unterstufen nicht mehr Theorieunterricht anbieten. Woher sollen wir denn die zusätzlichen Lehrer nehmen?“
„Haben Sie nicht auf der letzten Konferenz gesagt, dass wir sechs Vollzeitkräfte laut Statistik im Überhang haben?“
„Diese Statistiken gehen Sie doch gar nichts an!“
Ende der Diskussion. Tja, wo steckten die Sechs-zu-viel-Lehrer? Das ließ mir keine Ruhe.
Obwohl ich sonst am Ende des Unterrichtes ziemlich schnell nach Hause fuhr – ich machte meine Unterrichtsvorbereitung, Klassenarbeitskorrekturen usw. lieber daheim als in der Schule –, blieb ich die nächsten Tage auch an den Nachmittagen im Schulgebäude. Ich nahm mir Unterlagen, Klassenbücher, Statistiken zur Hand, um den Einsatz der Sechs-zu-viel-Lehrer herauszufinden, und kam aus dem Staunen nicht heraus. Besonders darüber, dass ich an alle diese Papiere herankam.
Den Einsatz der Sechs-zu-viel-Lehrer hatte ich gefunden: Unterricht in Berufsfachschul- und Fachoberschulklassen mit hoch motivierten, freiwillig lernenden Schülern war ihr bevorzugtes Arbeitsgebiet. Jedoch nicht das Unterrichten in großen Problemklassen mit Pflichtschülern, mit Lehrlingen im dualen System und Berufsvorbereitungsschülern ohne Lehrvertrag.
Meine Recherche ergab: Wenn 100 Prozent Unterricht und 100 Prozent Klassengröße der Durchschnitt unserer Schule war, dann bekamen Pflichtschüler nur 70 Prozent des vorgesehenen Theorieunterrichts und ihre Klassengröße lag bei 130 Prozent.
Bei den freiwilligen Schülern war es umgekehrt: Sie bekamen 130 Prozent Unterricht bei einer Klassengröße von 70 Prozent. Sogar im Team-Teaching mit zwei Lehrern lediglich vier Schüler zu unterrichten, war möglich.
Wer sollte so etwas verstehen? Was an dieser Berufsschule offensichtlich störte, waren die Pflichtschüler, die Schüler, von der die Schule ihren Namen hatte: die Berufsschüler.
Irgendwie hatte ich das Gefühl, so könne es nicht weitergehen, ich musste eine Änderung herbeiführen. Den Dienst quittieren? Nein, das konnte keine Lösung sein. Was dann? Eine Entscheidungshilfe ergab sich aus einem Angebot meines Dienstherrn.
Zu der schon immer aus familiären Gründen möglichen sechsjährigen Beurlaubung hatte man ein neues Instrument für eine ebenfalls sechsjährige Auszeit geschaffen: die „Beurlaubung aus arbeitsmarktpolitischen Gründen“.
Hintergrund war, dass sich die Planlosigkeit der Kultusbürokratie, die zu viele Neueinstellungen vor zehn bis fünfzehn Jahren vorgenommen hatte, sich nun in sogenannten Überhangstellen offenbarte. Das hieß: Arbeitsmarktpolitisch waren zu viele Lehrer vorhanden.
Auch sehr hilfreich für meine Änderungsüberlegungen war, dass zum Schuljahresbeginn einige Abteilungsleiter fehlten.
„Wo sind sie?“, fragte ich und bekam eine mir bisher unbekannte Sicht aufs Berufsschullehrerleben als Antwort:
„Mit 55 ist für Berufsschullehrer Schluss. Berufsschullehrer sind dann ausgebrannt.“
Klar, mit den Vorgaben, wie sie der stellvertretende Schulleiter Herr Gerschlag machte, ist jeder Lehrer mit 55 Jahren todsicher ausgebrannt. Niemand kann unter solchen Arbeitsbedingungen das übliche Pensionsalter erreichen!
*
Jetzt war ich 45. Noch fünf Jahre, dachte ich, und ich kann mich nicht mehr im Spiegel betrachten, wenn ich auf die Forderung der Schulleitung eingehe. Anschließend bekomme ich von den Schülern einen Alters-Mitleidsbonus und nach weiteren fünf Jahren züchte ich Rosen! Die Vorstellung, in zehn Jahren Hobbylandwirt oder -gartenbauer zu sein statt Betriebswirt oder Maschinenbauer, war für mich unerträglich. Aber der Alltag in der Schule auch. Was war der Ausweg?
Die Kinder waren selbstständig und hatten ihre erste Berufsausbildung abgeschlossen. Sie konnten für sich selbst sorgen und Gisela verdiente auch nicht schlecht.
Mir wurde klar: Im Grunde brauchte ich überhaupt nicht mehr arbeiten. Denn war eine D-Mark für uns vier 25 Pfennig wert gewesen, so war sie für uns zwei als Doppelverdiener ohne Kinder zwei Mark wert. Unser Einkommen war auch ohne mein Gehalt ausreichend. Eine Erkenntnis, die längst gereift war:
Nur die Selbstbeschränkung von Bedürfnissen eröffnet eine Chance zur Zufriedenheit und vielleicht sogar zum Glücklichsein!
Die Situation stresste mich. Meine Überlegungen mussten zu einer Entscheidung kommen, nicht irgendwann, sondern in den nächsten Wochen oder auch Monaten, aber sicher in diesem Jahr!
Am 1. April begann für mich mit 13 Jahren der „Ernst des Lebens“. So wurde der Berufseinstieg genannt, meine Lehre als Kfz-Mechaniker, heute Mechatroniker genannt. Es war schon ganz schön gemein, uns Berufsanfänger, die alles richtig und es allen recht machen wollten, direkt am ersten Tag in den „April zu schicken“.
„Hol doch mal das verchromte Augenmaß aus der Werkzeugausgabe!“, hieß es. Und dann: „Der Müller hat es sich ausgeliehen!“ Oder: „Ich habe es dem Meister gegeben.“ Und so fort. Das sollte wohl so etwas wie ein witziger Test sein. Ich konnte nicht darüber lachen. Woher sollten wir wissen, dass es ein solches Messinstrument gar nicht gab?
Doch schon am übernächsten Tag hatte ich ein Erfolgserlebnis. Ich durfte einen Ölwechsel alleine machen! Nicht ganz alleine, denn ich sah das erste Mal ein Auto von unten. Mein Geselle zeigte mir nur die Ölablassschraube und wie herum ich diese herausdrehen sollte, dann ging er weg. Ich war einfach noch etwas zu kurz und musste mich hoch recken. Anschließend, ich hatte wohl zu vorsichtig gearbeitet und die Ablassschraube zu langsam herausgedreht, war ich nass: überall warmes Motoröl, die Hand, das Handgelenk, der Ärmel, der Overall bis in die Hose, alles nass.
Aber es war schon ein tolles Gefühl, einen Monat vor dem 14. Geburtstag etwas ganz alleine gemacht zu haben. Mit dem Wachsen, das war so eine Sache. „Auto auf der Hebebühne nur halbe Höhe“, hieß es, damit ich, knapp 1,60 Meter groß, von unten Abschmieren und der Geselle von oben im Stehen am Auto arbeiten konnte.
*
Auf dem Ausbildungsplan stand auch die betriebseigene Lehrwerkstatt. Alle im ersten Lehrjahr, wir waren 15 Lehrlinge, fuhren mit dem Zug von Gelsenkirchen für drei Monate nach Dortmund. Metallkunde in der Praxis: Feilen bis Blasen an den Händen sichtbar werden, schweißen und bohren. Im Zug fand zunächst ein gegenseitiges Beschnuppern statt, das sich schnell zur Machtfrage entwickelte: Wer von uns 15 hatte das Sagen?
Was soll diese Kinderei, dachte ich. Soll doch jeder sein eigenes Ding machen.
„He, Norbert! Ich habe gehört, dass du Judo kannst. Das ist doch der größte Quatsch! Man muss nur Boxen können, dann ist man wer. Komm her, ich zeige es dir! Oder hast du etwa Angst vor mir?“
Eine solche Provokation dieses Mitlehrlings, Herbert Rosinski hieß er, zu ignorieren, das ging nicht, die anderen im Zugabteil erwarteten gierig irgendeine Show oder Schlägerei, denn aus einer Ecke hörte ich schon: „Feigling!“
Ich stand auf und stellte mich in den Gang zwischen den Sitzen. Herbert schoss auf mich zu, verpasste mit seinem rechten Arm aber meinen Kopf, den ich nur leicht zur Seite nahm, da ich auf einen Angriff vorbereitet war. Idealer ging es nicht, ein Superansatz für einen Hüftschwungwurf, den Uki goshi, wie er auf Japanisch heißt. Ich fasste Herberts rechten Arm, drehte mich mit dem Rücken zu ihm, ging leicht in die Knie, hebelte den Gegner aus und nutzte seinen eigenen Schwung für das, was dann geschah.
Herbert flog zwischen den Sitzreihen im hohen Bogen über mich und landete kurz vor dem Abteilende. Ich hielt ihn am Arm fest, damit er nicht unkontrolliert gegen irgendetwas rutschte und sich verletzte. Schnell die Gelegenheit nutzen! Herbert war etwas benommen, besser gesagt: schockiert. Ich machte ihn mit einem Haltegriff angriffsunfähig und hielt ihn so am Boden fest, denn ich wollte keine Schlägerei.
„Achtung der Schaffner kommt!“ Ich ließ Herbert los und wir setzten uns hin, als ob nichts vorgefallen wäre.
„War das ein Judowurf?“, wollte Herbert wissen, der offensichtlich nicht die geringste Ahnung von Judo hatte.
„Was soll es sonst gewesen sein?“
Meine Position war gefestigt. Man akzeptierte, dass ich mich aus Gewaltaktionen während der Lehrwerkstattzeit und auch später in der Werkstatt heraushielt. Jedoch: Ich war bereits oder wurde zum Einzelgänger.
*
Endlich erfuhr ich auch etwas über die Besonderheiten des Kotflügels, bisher hatte ich nie darüber nachgedacht. Im Vergleich dazu war der Arbeitsbereich des Gas-Wasser-Sanitär-Installateurs richtig hygienisch. Unter dem Blech klebten Kot, tote Tiere, Bazillen, alles, was im Bereich der Bodengruppe zu finden war. Vorsicht bei Verletzung, besonders am Kopf: Die Gefahr von Blutvergiftung und Gehirnhautentzündung drohte. Vorsicht beim Schweißen: Verbrennung, Blendung und Hornhautentzündung möglich. Vorsicht beim Arbeiten. Vorsicht bei allem, was du tust.
„Am gefährlichsten von allen Dingen ist das Leben! Es endet immer tödlich.“
Welch tolle Antwort des Gesellen auf meine Frage, ob dies oder jenes gefährlich sei. Er ergänzte:
„Eine erkannte Gefahr ist keine Gefahr mehr.“
Irgendwie war da etwas Wahres dran.
Es kam häufiger vor, dass ich verzweifelt um Hilfe bat:
„Ich versuche es schon die ganze Zeit, aber die Schraube geht nicht los!“ Seine Reaktion:
„Es gibt nichts, was nicht geht. Du kannst es nur nicht.“
Er erteilte mir noch weitere Belehrungen, nicht für die Arbeit, sondern fürs Leben:
„Junge, du musst klauen, was das Zeug hält! Aber nur mit den Augen und Ohren. Hör zu, schau genau hin, wenn irgendjemand etwas sagt oder macht.“
Alles hat sich in mein Gehirn eingebrannt.
Unter den Gesellen war die Sau von Kwitkowski, ein Geselle vom Inspektionsstand. Immer wenn man dort vorbei kam, zeigte er Bilder: nackte Frauen mit Riesenbrüsten, Männer mit Riesenschwänzen. Es machte ihm Heidenspaß zu sehen, wie wir Lehrlinge rot und verlegen wurden. Aber waren wir nicht Männer? Augen zu und durch. Wem sollten wir auch von diesem Saukerl erzählen?
Nach sechs Monaten waren wir abgebrüht und fragten:
„Das sind ja wirklich tolle Fotos. Haben Sie sich und Ihre Frau fotografiert?“
Der Kerl verlor den Spaß daran. Aber er blieb abartig, kam uns sogar hinterhergelaufen, wenn wir aufs Klo gingen. Sein Wortschatz bestand nur aus wichsen, ficken, bumsen. Aufklärung im Kurzverfahren.
*
Seit zwei Wochen war ich im Rahmen der Ausbildung für drei Monate im Ersatzteillager an der Warenausgabe.
„Norbert, bring doch mal die Batterie nach hinten zur Batteriesammelstelle am Ladetor!“ Ein Geselle hatte das Teil gegen ein neues ausgetauscht. Ich nahm die alte Bleibatterie und trug sie vor mir her. Obwohl sie sehr schwer war, durfte ich sie zu meiner Entlastung nicht an meinen Bauch drücken. Im Berufsschulunterricht waren wir über die Gefahren des Inhaltes einer Autobatterie aufgeklärt worden.
Sie enthält Schwefelsäure, die alles, mit dem sie in Berührung kommt, zerfrisst. Stoffe, Metalle und auch die Haut. Wichtig beim Säurekontakt: Sofort alles abwaschen, nach Möglichkeit mit viel Seife. Denn Seife bildet mit Wasser eine Lauge, die Säure neutralisiert.
Mensch, ist die schwer, dachte ich, als ich die Batterie an der Warenausgabe in Empfang nahm. Vorbei ging es an den Regalen mit Kotflügeln, dann rechts ab in den Gang mit den Kofferraumdeckeln und Motorhauben, kurz darauf nach links abbiegen, vorbei an den Regalen mit Stoßstangen- und Rahmenteilen, bis ich endlich das Ladetor erreichte, wo in einer Ecke die alten, kaputten Batterien standen.
Jetzt nur noch abstellen. Aber das gelang nicht ganz. Ich ließ die Batterie die letzten zehn Zentimeter fallen, meinen Kopf und Oberkörper darüber gebeugt.
Was war das denn? Es fühlte sich an, als ob mir jemand einen Schweißbrenner ins Gesicht hielt. Ich konnte nichts mehr sehen. Alles in meinem Gesicht brannte höllisch.
Du Idiot, du hast die Batterie runterplumpsen lassen und dabei ist dir die Säure hochgeschlagen – mitten ins Gesicht und in die Augen, schimpfte ich mit mir.
Sollte ich um Hilfe rufen? Die da vorne hören dich nicht, wenn du hier hinten schreist, schoss es mir durch den Kopf.
Was dann geschah, musste schneller abgelaufen sein, als ich es hier schreibe. Meine Gedanken überschlugen sich:
Säure! Seife! Neutralisieren! Wo ist das Waschbecken? Direkt neben der Warenausgabe, links neben der Tür!
Wie von einer unsichtbaren Hand wurde ich geleitet. War etwa mein Schutzengel wieder da? Erinnerungen wurden wach. Blind tastete ich mich vorwärts, vorbei an den Regalen mit den Stoßstangen- und Rahmenteilen. Dann Abbiegen: nicht links, sondern jetzt rechts! Hinein in den Gang mit Kofferraumdeckeln und Motorhauben und noch einmal abbiegen: Aber jetzt nicht rechts, sondern links. Vorbei an den Regalen mit Kotflügeln, nun geradeaus, die Theke der Warenausgabe ertastend bog ich sodann nach links ab – und da war es, das Waschbecken!
Wasserkran aufdrehen, Seife ertasten, hineinschmieren in die Augen … Kopf unter den Wasserstrahl – und ausspülen! Noch einmal Seife hineinschmieren, noch einmal mit Wasser ausspülen. Ich hätte nie gedacht, dass Seife so lindernd in den Augen sein kann. Mit dem Kopf blieb ich weiterhin unter dem Wasserkran. Neben den Spülvorgängen – ich hörte damit nicht auf, da ich nicht blind werden wollte – begann ich zu schreien.
„Hilfe! Ich habe Säure in die Augen bekommen! Ich muss sofort ins Krankenhaus!“
Die Kollegen hatten schon bemerkt, dass mit mir etwas nicht stimmte, als ich mit ausgestreckten Armen an ihnen vorbeigelaufen war. Nun packte mich ein Kollege aus dem Teilelager und zog mich zur Meisterbude hinter sich her. Dort stand ein Kundenberater, startbereit für eine Probefahrt. In dessen Auto wurde ich verfrachtet – und ab zum Elisabeth-Krankenhaus, zwei Kilometer entfernt.
Notfallstation. Ein Arzt war sofort da. Mein Kollege erklärte, was geschehen war. Sprach vom vielen Spülen. Untersuchung. Dann kam eine stark schmerzstillende Salbe in die Augen. Man beglückwünschte mich:
„Du hattest aber Glück! Wenn erst im Krankenhaus etwas gemacht worden wäre, wäre es zu spät gewesen. Wahrscheinlich wärst du jetzt blind oder sehr stark sehgeschädigt. Das, was du gemacht hast, was das einzig Richtige. Du hast dich selbst vor Blindheit bewahrt!“
Bis heute habe ich nicht begriffen, warum ich bei meinem „Blindflug“ an keinem der in die Gänge ragenden Blechteile hängenblieb. Weder zerriss meine Hose noch verletzte ich mich. Nur mein Gesicht, meine Augen waren verätzt. Ich sah aus wie ein Kaninchen. Nach einer Woche war ich wieder im Einsatz.
Mich wunderte die Gelassenheit der Gesellen, wenn ein Unglück geschah. Über meinen Unfall redete niemand mehr. Das Leben ging weiter. Auch wenn manche auf der Strecke blieben. Mich schreckte die Brutalität untereinander, sowohl in der Sprache als auch im Umgang.
Da war zum Beispiel die Sache mit den großen leeren Kartons. Sie blieben oft auf der Warenausgabetheke liegen. Wir, also eigentlich ich sollte sie zusammenlegen und in den Müll bringen. Ein Geselle aus Bayern gab sich gern volkstümlich und schlug mit der Faust gegen jeden Karton, der auf der Theke stand. Klar, sie flogen weit, weil sie leer waren. Einem Kollegen aus dem Ersatzteillager ging das Wegschlagen sehr gegen den Strich. Als ich mal wieder aufräumen wollte, sagte er:
„Norbert, lass die Kartons mal stehen. Geh lieber ein paar Zündkerzen holen.“
Im Weggehen sah ich, wie die Tür aufging und der bayrische Kollege an die Theke trat, zum großen Schlag ausholte – und dann hörte ich nur noch seinen Schrei:
„Aua! Verdammte Scheiße! Welcher Vollidiot hat die großen Kugellager in den Karton getan?“
„Der Vollidiot musst du wohl sein!“, sagte der Lagerist. „Immer sinnlos auf die Kartons einschlagen, um sie durch das Lager zu schleudern. Und wir müssen sie wieder einsammeln.“
*
Alles in allem machte mir der Beruf Spaß. Die immer schmutzigen Hände und die schwarzen Fingernagelränder würde ich schon in den Griff bekommen, die Gesellen hatten ja auch saubere Hände. Die Vorstellung hier in der Werkstatt alt zu werden, ließ mich allerdings frösteln. Na, am besten erst mal durch die Lehre, beschloss ich. Dann kann ich weitersehen und eine Alternative finden.
Bis dahin freute ich mich vor allem auf jeden Dienstag- und Freitagabend, da war Judotraining angesagt. An manchen Wochenenden gab es außerdem Vereinskämpfe oder sonstige Wettbewerbe. Samstagvormittags traf man sich auch beim CVJM, machte gemeinsam Spiele und gelegentlich Fahrradtouren mit Zeltübernachtungen.
Direkt nach dem Referendariat nahm ich eine Lehrerstelle für die Sekundarstufe II an einer Berufsschule in Remscheid an, befristet bis zum Beginn der Sommerferien. Anfang des neuen Schuljahrs sollte die Zuweisung zu einer Berufsschule erfolgen.
Endlich erlebte ich auch mal etwas Positives seitens der Kultusbürokratie. Bedingt durch meine Sozial-Sonderpunkte als Familienvater mit zwei schulpflichtigen Kindern wurde mir 1980 eine Stelle als Studienrat in Leverkusen angeboten, die ich liebend gerne annahm. Studienrat auf Probe – das war optimal und lediglich sechs Kilometer von Tür zu Tür. Es war sicherlich ein Fehler meinerseits, mich bei Dienstantritt mit meinem neuen Audi 5E auf den erstbesten freien Parkplatz zu stellen. Es war der übliche Stellplatz des Schulleiters.
Ich hatte ein ungeschriebenes Gesetz gebrochen. Die Schulsekretärinnen klärten mich zwei Tage später über den Fauxpas auf. Also parkte ich fortan woanders.
Noch ein zweites ungeschriebenes Gesetz hatte ich übertreten. Das wurde mir einige Zeit später bewusst, ließ sich aber nicht mehr ändern: Niemand an der Schule fährt ein höherwertiges Fahrzeug als das des Schulleiters.
*
Die neuen Kfz-Unterstufen sollte ich als Klassenlehrer bekommen. 70 Kfz-Azubis, also Schüler, aus denen ich drei Klassen bilden sollte, um sie bis zur Gesellenprüfung durchzubringen. Es galt das ministerielle Verbot der äußeren Differenzierung und das Gebot der vollen Integration der verschiedenartigsten Schülerklientel. So etwas konnte nur am grünen Tisch geplant sein. Ob jemals ein Planer eine Klasse mit solcher Zusammensetzung unterrichtet hatte?
In einer Klasse: Lernwillige und strebsame Abiturienten oder auch Studienabbrecher, zusammen mit von den weiterführenden Schulen weggelobten Naturburschen: witzig, vorlaut, rotzfrech, lernfähig, aber nicht lernwillig, trotzdem mit wohlwollender mittlerer Reife, sprich Fachoberschulreife ausgestattet.
Diese Zusammensetzung wurde angereichert mit schwerfälligen, resignierten, brutalen, sozial verwahrlosten Jungen, die als 16- bis 17-Jährige aus der 7. oder 8. Klasse der Hauptschule entlassen worden waren und einen Lehrvertrag als Kfz-Auszubildender (Azubi) besaßen.
Grausam! Grausam, nicht nur eine, sondern sogar drei derartige Klassen zu bilden, wie es in der Vergangenheit an der Schule üblich war. Grausam nicht nur für die Lehrer, sondern auch für die Schüler. Es war eine Zumutung, als Junglehrer drei solch undifferenzierte Klassen vorgesetzt zu bekommen. Eine Zumutung war es auch, von mir zu erwarten, dass ich diese undifferenzierte Masse unterrichten würde. Dann hätte ich alles, was ich während des Studiums über Klassenanalyse und Vorbildungsstrukturen gelernt hatte, vergessen müssen.
Ich hatte das Gefühl, dass sich in dieser Abteilung, in dieser Schule niemand über die Art der Klassenzusammensetzung bisher Gedanken gemacht hatte. Motto: Es war schon immer so und so soll es bleiben. Es war höchste Zeit, an diesem Ort neue Erkenntnisse der Pädagogik praktisch umzusetzen. Zwei Monate später stand die innere Differenzierung meiner Schüler auf drei verschiedene Klassen fest. Und nach etlichen (überzeugungs-)intensiven Gesprächen gaben mehrere Schüler mir ihr Einverständnis, in eine andere Klasse zu wechseln.
Ich betrat absolutes Neuland an dieser Schule. Solch ein lernstrategisches Gruppieren der Schüler und ihr Umsetzen in Parallelklassen – ganz ohne Diskriminierung gegenüber der Schulleitung und den Lehrbetrieben – hatte es noch nie gegeben. Die Schulleitung stand dem ablehnend gegenüber:
„Wir stehen schon immer in der Verpflichtung, die Lehrlinge der jeweiligen Großbetriebe in einer Klasse zusammenzufassen.“
„Ich habe einen Lehrauftrag. Ich werde das Problem mit den Betrieben klären“, entgegnete ich.
Die Chefs der Großbetriebe mit bis zu sechs Azubis in einem Lehrjahr konnte ich mit meinen Erfahrungen über wirtschaftliche Zwänge von Geschäftsinhabern überzeugen:
„Differenzierung ist nicht nur pädagogisch, sondern auch betriebswirtschaftlich sinnvoll, insbesondere für Sie.“
Im Klartext: „Es ist für Betriebe profitabler, wenn alle Azubis entsprechend ihrer Vorbildung die bestmögliche Förderung bekommen.“
Mein Argument: „Ich bin davon überzeugt, dass Ihre Auszubildenden nach einer sinnvollen Differenzierung bereits im 2. oder 3. Lehrjahr wie ein Geselle arbeiten können.“
Dem konnten die Chefs sich nicht verschließen. Auch meine Zusatzbemerkung fand Zustimmung:
„Wenn ich einem Ihrer Azubis einen anderen, weniger anspruchsvollen Lehrberuf empfehle, ist es mein Ziel, dass keiner dieser Jugendlichen ohne Berufsausbildung bleibt und keiner meiner Azubis durch die Gesellenprüfung fällt.“
Dies bestätigte sich später: Die Durchfallquote meiner Azubis lag bei nur fünf Prozent. Drei von ihnen bekamen im ersten Anlauf den Gesellenbrief nur deshalb nicht, weil sie die theoretischen Fächer zwar bewältigt, aber in der praktischen Prüfung bei der Fehlersuche versagt hatten. Mit dieser geringen Durchfallquote war unsere Berufsschule im landesweiten Vergleich der Kfz-Azubis absolute Spitze. Es gab Berufsschulen in NRW mit Theorie-Durchfallquoten von 60 Prozent.
*
Dafür durfte ich in meinen drei Klassen bald alle Theoriefächer – das heißt alle Fächer wie Mathematik, Kfz-Technik, Werkstofftechnik, Technische Kommunikation, Politik und Wirtschaftslehre – bis zur Oberstufe unterrichten. Lediglich in den Unter- und Mittelstufen war Sport und Religion ausgenommen.
Dieses Klassenlehrerprinzip entsprach meiner Intention: Drei Jahre in nur drei Klassen immer dieselben 70 Schüler unterrichten! Zwischen der Tätigkeit als Klassenlehrer und der als Fachlehrer, der etwa 240 Schüler unterrichtet, die zudem jedes Jahr wechseln, liegen pädagogisch Welten. Ich war froh über meine Aufgabe und Klassen.
Die Klasse der Lernstarken, in der sich die Schüler gegenseitig beflügelten. Von dieser Sorte konnte ich problemlos 30 in einer Klasse unterrichten, hier war nicht Pädagogik gefragt, sondern gebündeltes Fachwissen in allen Bereichen.
Die Klasse der „Naturburschen“, die sich plötzlich gegenseitig Vorwürfe wegen Unterrichtsstörungen machten. Die kein Sitzfleisch hatten, immer nur im Kreis sitzen wollten, damit ja keiner hinter ihnen säße, und die zu jedem Witz aufgelegt waren. Methodenwechsel war nötig bei diesem anstrengenden, aber lebendigen Unterricht, für den 15 Schüler ausreichten. 20 Jugendliche dieses Kalibers bildeten die absolute Obergrenze für durchgängige pädagogische Arbeit.
Die Klasse mit Lerndefiziten, in der jeder ein absolutes Individuum war. Jeden anders ansprechen, jeden anders motivieren. Mühselige Einzelarbeit an höchstens 15 Schülern pro Klasse. Das bedeutete nur leichte fachliche Kost mit intensivster Sozialpädagogik.
Anders als mit meiner „inneren Differenzierung“ der Lehrjahrgangsstufe, die faktisch jedoch eine äußere Differenzierung war, konnte ich mir sinnvollen pädagogischen Unterricht nicht vorstellen. Ich wurde mir in all den Jahren auch nie klar darüber, wo ich am liebsten unterrichtete. Ich machte überall positive Erfahrungen, hatte Erfolgserlebnisse unterschiedlichster Art:
Schüler, die mich überflüssig machten, indem sie ihrem Publikum, den Mitschülern, die Technik oder wirtschaftliche Zusammenhänge erklärten.
Schüler, die sich in meine Handfläche kuschelten, wenn ich ihnen ermutigend über das Haar strich.
Schüler, die plötzlich Solidarität verstanden und in die Praxis umsetzten. Ich erinnere mich an einen Tag, als ich einen Unterrichtsstörer bat, die Klassentür von außen zu schließen. Er wollte jedoch den Raum nicht verlassen. Daraufhin beendete ich für alle anderen der Klasse den Unterricht. Aber auch sie blieben stur sitzen. Ich zog mein Notenheft.
Die Schüler reagierten verständnislos, als ich laut vorlesend für sie alle wegen dieses Verhaltens die Note „gut“ notierte – im Fach Politik. Ich erklärte, dass Solidarität in der Gruppe nicht nur mein pädagogisches Ziel sei, sondern auch ein Lehrziel im Fach Politik.
*
Das Problem der Identifikation jedes einzelnen Schülers mit der Berufsschule und des Gefühls voller Zugehörigkeit zu ihrer Klasse versuchten Sportlehrerkollege Manfred und ich über eine Sportart zu lösen: Fußball, also das, was alle Jungen gut konnten und beim Sportunterricht immer hoch motiviert mitmachten.
