Balkanblut - Frank Willmann - E-Book

Balkanblut E-Book

Frank Willmann

0,0
18,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

»Lehrreich und aktuell!« Barbi Marković Ein Buch wie ein Faustschlag ins Gesicht der Geschichte. Wo liegen die Wurzeln des Bösen? Kaum eine Geschichte kreist so stark um diese Frage wie die von Arkan, dem Paten des Balkans. Arkan, mit bürgerlichem Namen Željko Ražnatović, steht für eine der krassesten Gangsterkarrieren Europas. Vom lächelnden Bankräuber zum gefürchteten Warlord, vom Geheimdienstkiller zum Boulevardstar – er war Täter, Symbol und Spiegel einer zerfallenden Gesellschaft. »Balkanblut« ist mehr als eine Biografie. Es ist eine erzählerische Auseinandersetzung mit den Abgründen von Macht, Gewalt und Mythos. Frank Willmann verwebt historische Fakten, Zeitzeugenberichte und popkulturelle Reflexionen zu einer düsteren Dokumentation über Nationalismus, Kriminalität und die Verklärung des Bösen. Belgrad, Krieg, Fußball, Turbofolk und die Schatten der Vergangenheit – ein dokumentarisches Meisterwerk über einen Mann, der Serbien prägte wie wenige andere. Eine Auseinandersetzung mit dem politischen und gesellschaftlichen Erbe der europäischen Vereinigung. Brisant. Ohne falsche Scheuklappen. Hochspannend.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 360

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Dies ist der Umschlag des Buches »Balkanblut« von Frank Willmann

Frank Willmann

Balkanblut

Leben und Sterben des serbischen Mafiosos und Warlords Arkan

Tropen Sachbuch

Impressum

Dieses Werk beruht auf anonymisierten Zeugenaussagen. Die wiedergegebenen Erinnerungen stellen subjektive Sichtweisen der Gesprächspartnerinnen und -partner dar. Trotz sorgfältiger Prüfung kann keine Gewähr für die Richtigkeit, Vollständigkeit oder Aktualität der Inhalte übernommen werden.

Das vorangestellte Zitat stammt aus: Cormac McCarthy, Ein Kind Gottes. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag, Hamburg 2014.

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe zum Zeitpunkt des Erwerbs.

Tropen

www.tropen.de

J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH

Rotebühlstraße 77, 70178 Stuttgart

Fragen zur Produktsicherheit: [email protected]

© 2026 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte inklusive der Nutzung des Werkes für Text und

Data Mining i. S. v. § 44 b UrhG vorbehalten

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Gaeb & Eggers.

Cover: Zero-Media.net, München

unter Verwendung einer Illustration von © mauritius images/Getty Images, Ben Grib Design

Gesetzt von C.H.Beck.Media.Solutions, Nördlingen

Gedruckt und gebunden von GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-608-50265-7

E-Book ISBN 978-3-608-12523-8

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Auch Teufel sterben

I Wie alles begann

Nacht der Dämonen

Die Väter der Gewalt

Die Pforte zur Freiheit

Eine Knastkarriere

Schöne neue Welt

Die Jugo-Mafia

Belgrader Geschichten

Mamma mia, here I go again

Das Stockholm-Syndrom

Belgien sehen und bleiben

Love Affairs

Nichts wie raus

Fenster zum Hof

Der Ausbrecherkönig

Eine neue Karriere

Born to kill

Der Tito-Jäger

Der letzte Ausbruch

II Heimatfront

Der Verbrecherfürst von Belgrad

Die Ära des Chaos

Roter Stern

Das himmlische Volk

Mit Ray-Bans in den Kampf

Fußballkrieg in Zagreb

Kriegsvorbereitungen

Die Tiger sind los

Pulver und Blei

Krieg

Erinnerungen eines Tiger-Offiziers

An die Front

Gott, Zar, Popeye

Arkans Tor zur Hölle

Vukovar

Besuchen Sie Serbien, bevor Serbien Sie besucht

Ein ganzer Mann

Bijeljina danach

Michael

Zvornik

Krieg ist Gott

Nur ein Eisdielenbesitzer

Arkan, Superstar

Being Ronald Reagan

III Der Untergang

I have a dream

Ceca

Die serbischen Windsors

Das Morden geht weiter

Tiger gegen Tiger

Auf zum letzten Gefecht

Die Rache der Sieger

Serbiens Madonna

Obilić Belgrad

Arkan gegen Kaiser Franz

Der lebende Tote

Das Jahrzehnt der Morde

Kosovo

Zeit zu sterben

Reine Magie

Der Kommandant ist tot

Wachwechsel

Des Mörders Mörder

Die Zeichen der Zeit

Mein Haus hat viele Zimmer

Show must go on

Zur Quellenlage

»Glauben Sie, die Menschen waren damals schlechter als heute? Der Alte blickte auf die überschwemmte Stadt hinaus. Nein, sagte er, glaube ich nicht. Ich glaube, die Menschen sind immer die Gleichen gewesen, seit Gott den ersten geschaffen hat.«

Cormac McCarthy, Ein Kind Gottes

Auch Teufel sterben

Am Vortag erreichen sie in vollständiger Dunkelheit die bereitgestellte Wohnung in einer namenlosen Gegend bei Belgrad. In der finsteren Unterkunft führen ihre Schemen ein Schattentheater auf. Sie bereiten sich ein einfaches Essen und legen sich schlafen. In meiner Vorstellung sind ihre Münder weit aufgesperrt, lautes Schnarchen erfüllt den Raum.

Mit dem ersten Tageslicht wird der Jüngere munter. Er steht auf und weckt den Alten und den Bärtigen mit einem Tritt gegen ihre Betten. Einer setzt Kaffee auf, sie essen vom mitgebrachten Gebäck. Noch immer fällt kein Wort. Der Ältere stellt sich ans Fenster und pafft mit seinem Zigarillo dicke blaue Wolken in den Morgen. Der Bärtige zündet sich eine Zigarette an und boxt den Jüngeren auf den Oberarm.

Gegen Mittag sieht man sie zuerst in der Vladimira Popovića, in einem Geschäftsviertel Neu-Belgrads. Es ist ein klarer, eiskalter Wintertag. Aufmerksam und zielsicher rücken sie vor, immer wieder bleiben sie stehen, schließen zueinander auf und vergleichen die Uhrzeit: Es ist der 15. Januar 2000, 14:14 Uhr. So könnte es gewesen sein.

Gut zwei Stunden später erreichen der serbische Gangster Arkan; sein Leibwächter; seine Frau, die Turbofolk-Sängerin Ceca; und ihre Schwester Lidija das Hotel InterContinental. Es ist ein beliebter Treffpunkt für Mafiosi und ausländische Journalisten gleichermaßen. Ceca und Arkan sind mit Freunden auf einen Tee verabredet. Zuvor will Ceca mit ihrer Schwester in den teuren Boutiquen des Hotels shoppen gehen. Beide Frauen bewegen sich unter den neugierigen Blicken der Schaulustigen in Richtung der kleinen Geschäfte. Zielstrebig, ohne Hast, sich ihres Auftritts bewusst.

Arkan und sein Leibwächter grüßen zwei weitere Männer, sie lassen sich in der Lobby nieder. Sie tragen teure Anzüge, Rolex-Uhren, die Gesichter sonnengebräunt, die Augen hinter Ray-Ban-Pilotenbrillen verborgen. Sie trinken Tee und Saft, ordern Kuchen. Geraucht wird nicht, auch Alkohol gibt es keinen, der Boss ist dagegen.

Dann betreten drei Männer das Hotel. Zwei ältere, davon einer mit Bart, und ein jüngerer. Sie schauen sich kurz um. Der jüngere geht auf Arkan zu, zieht eine Schnellfeuerwaffe aus der Jacke. Es ist 17:05 Uhr. Er drückt ab und durchlöchert Arkan mit Kugeln. Arkan trägt, wie zuletzt häufig, eine kugelsichere Weste. Der Junge schießt ihm ins Gesicht. Auch der Leibwächter liegt reglos am Boden. Einem der beiden Bekannten klafft ein großes Loch, dort, wo sich die linke Niere befindet.

Nachdem sein Auftrag erledigt ist, steht der Junge in der Lobby, in einer lärmenden Stille. Er lacht, und seine Zähne glänzen vor Spucke.

Arkan erlag während des Transports ins Krankenhaus seinen Verletzungen. Drei Kugeln hatten seinen Kopf getroffen.

Das ist Arkan, soll einer der Ärzte zu den eilig eintreffenden Polizisten gesagt haben, er ist tot, erschossen.

Dies ist die Geschichte von Arkan – Gangster, Warlord, Kriegsverbrecher und Volksheld. Und zugleich eine Begegnung mit den menschlichen Abgründen. Es ist der Versuch, dem Bösen auf die Spur zu kommen, den Katalysatoren der Gewalt und der nicht enden wollenden Faszination dafür. Kaum eine Region kann darüber so viel erzählen wie der Balkan seit dem Zerfall Jugoslawiens. Und kaum eine Figur steht so sehr dafür wie der gleichermaßen verehrte und verhasste Željko »Arkan« Ražnatović.

I Wie alles begann

Nacht der Dämonen

Der serbische Gangster, Kriegsverbrecher und Volksheld Željko Ražnatović, von allen nur Arkan genannt, war auf öffentlicher Bühne ermordet worden. Die Nachricht von seinem Tod verbreitete sich schnell. Und die einfachen Leute begannen sogleich ihm nachzutrauern, ihrem Helden, dem Killer mit dem schelmischen Lächeln, dem Beschützer des »himmlischen Volkes« der Serben. Als ich im Jahr 2024 meine letzte Reise nach Serbien unternahm, um für dieses Buch zu recherchieren, erzählte mir ein alteingesessener Belgrader, die ganze Nacht hätten im Osten des Landes Blitze gezuckt und die nächtliche Finsternis grell erleuchtet, und die schroffen Berge seien am Horizont deutlich hervorgetreten. Eine Nacht, wie sie Arkan geliebt hätte, erklärte er weiter, eine Nacht voller Dämonen und Angst.

Zehntausende strömten an einem eisigen Wintertag auf den Zentralfriedhof zu Arkans Beerdigung. Wie im Wahn streckten die Menschen ihre Hände in Richtung des Sarges, um ihren Arkan ein letztes Mal zu umarmen. Das serbische Fernsehen berichtete live und sendete die Bilder in die ganze Welt. Tausende Schaulustige, berühmt-berüchtigte Mafiosi, einheimische Showstars, Politiker, Halbseidene und Kriegsprofiteure waren erschienen, als Arkans Sarg, begleitet von drei Gewehrsalven seiner Garde, zum Klang der alten serbischen Hymne Gott der Gerechtigkeit ins Grab gelassen wurde.

Von den Neunzigern bis weit in die Nullerjahre hinein lag Belgrad unter einer düsteren Glasglocke. Attentate, nationalistische Aufmärsche, Kriegspropaganda, Bombardierungen durch NATO-Flugzeuge als Reaktion auf die militärischen Operationen Serbiens in Kroatien, Bosnien, dem Kosovo. Es war ein beängstigender Ort, überschwemmt von Schwarzmarktwaren, Waffen und wahnsinnigen Warlords.

Als ich im Jahr 2013 für ein deutsches Magazin in Belgrad unterwegs war, begegnete mir Arkans Konterfei erstmals an der Stadionmauer vom FK Obilić Belgrad. Fußballfans sind empfänglich für radikale nationalistische Ideen. Die Lager der beiden großen Belgrader Vereine sind Nistplätze des Nationalismus. Fußball und rechte Politik geben sich in Serbien seit dem Ende Titos die Hand. Arkan hatte den Klub Ende der Neunziger mit aller Macht und viel Geld in die Champions-League-Qualifikation gehievt. Heute fristet der Verein ein bedeutungsloses Dasein am Rand der Würde im serbischen Fußballkosmos. Das Porträt von Arkan, mit Barett und Uniform, ist einfach nur in die Mauer eingeritzt. Es verblasst im selben Maße, wie das Stadion des FK Obilić verfällt, mit dem Arkan einst die europäische Fußballelite angreifen wollte, nachdem er und Serbien den Krieg verloren hatten.

Arkans mehrstöckige Villa hingegen steht gegenüber dem Haupteingang zum Roter-Stern-Stadion, in einem reichen Wohnviertel. Ein hässliches Minihochhaus, in dem bis heute seine verwitwete Frau Ceca wohnt. Doch sonst findet man nur wenige sichtbare Spuren von Arkan im heutigen Belgrad. Er ist nicht vergessen, aber aus der Öffentlichkeit verschwunden, weil man mit ihm heute keinen Staat mehr machen kann. Seine Grabstätte ist eines von vielen Protzgräbern, unbewacht, niemand blickt finster am ewigen Räucherstäbchenfeuer in die Ferne. Trotzdem weiß jeder Besucher des Belgrader Friedhofs, wo sich Arkans Grab befindet. Zumeist Touristen tummeln sich auf den Wegen, die mit scheinbar wohligem Schauder und freudigen Gesichtern auf der Jagd nach dem besten Friedhofsfoto sind. Möglichst mit einem grimmig aussehenden Serben im Hintergrund, der trotzig den serbischen Gruß zeigt und in die Kamera grantelt.

Der jugoslawische Bürgerkrieg ist seit 2001 Geschichte, die alten Warlords haben an Einfluss verloren oder sind heute reingewaschene Politiker. Ich sprach und korrespondierte mit alten Freunden, Feinden, Polizisten, Soldaten, Ex-Mitgliedern der Serbischen Freiwilligengarde, Ex-Gangstern, Fußballfans, Politikern, Wegbegleitern, Journalisten, Fans und Gegnern. Noch immer reden nur wenige Weggefährten und Zeitzeugen offen über Arkan. Die meisten wollen lieber anonym bleiben. Arkan ist lange tot, trotzdem schwirren noch immer viele seiner Anhänger durch Serbien und die Welt. Pass auf, was du sagst. Wir behalten dich im Auge, scheinen sie mir zuzuraunen.

Seitdem mir vor über zehn Jahren dieses Konterfei an der Stadionwand aufgefallen ist und ich nach Arkan zu fragen begann, seitdem ich von all den Mythen und Legenden, den Protzereien und seiner Verehrung erfahren habe, lässt mich seine Geschichte nicht mehr los. Weil genau diese merkwürdige Verquickung von Schrecken und Hoffnung, Rücksichtslosigkeit und Treue, für die er gleichermaßen steht – je nachdem, wen man befragt –, ihn zu einer Figur macht, die uns auch viel über Deutschland und Europa sagen kann. Über all das, was wir vor uns verbergen wollen, um den Glauben an den moralischen Kompass unserer Welt nicht zu verlieren. Ich möchte dieser Figur so nahe wie möglich kommen, ohne die Scheuklappen unserer westeuropäischen Perspektive, um eine Begegnung mit der serbischen Realität nach 1991 zu ermöglichen.

Längst ist Belgrad zu einer lebendigen, sehr gegenwärtigen und bei jungen Touristen beliebten europäischen Stadt geworden, auch wenn die Kriegsnarben an den öffentlichen Orten noch immer zu sehen sind. 1,5 Millionen Menschen leben am Zusammenfluss der Save und der Donau, gelegentlich stören Putin-T-Shirts, russische Fahnen und russische Kriegspropagandisten das Bild. Ein Teil der Serben – Ultranationalisten, Königstreue – sehen Serbien im Verbund mit Russland. Wenn es um den Kosovo geht, kennen sie keine Gnade. Kosovo je Srbija – »Kosovo ist serbisch«. Ähnlich wie beim Konflikt zwischen Russland und der Ukraine (wo der russische Gründungsmythos sich auf die Kiewer Rus bezieht) bezieht sich der serbische auf eine historische Schlacht mit den Osmanen, die auf dem Gebiet des heutigen Kosovo stattfand. Die russische Propaganda tut alles, um diesen Schulterschluss zu verstärken.

Doch trotz allem blickt die Stadt in die Zukunft, die für eine Mehrheit der Serben eine europäische Zukunft sein soll. Im Jahr 2024 gab es eine der größten Demonstrationsbewegungen in der Geschichte des Landes, als Studenten und Bauern, Stadt und Land sich zusammentaten, um gegen die Korruption der Regierung zu protestieren. Sogar ein Veteran aus Arkans Garde, Goran Samardžiç, hat sich den Demonstranten angeschlossen. Aber auch aufgrund seiner Lithium-Vorkommen ist Serbien in den Fokus gerückt. Das weiße Gold ruht im Jadar-Tal westlich von Belgrad unter der Erde und befeuchtet die Träume der westlichen Industrienationen ebenso wie die der serbischen Politiker. Serbinnen und Serben fragen sich: Ist es Patriotismus, einem multinationalen Unternehmen zu helfen, oder ist echter Patriotismus der Kampf für saubere Luft, sauberes Land und Wasser?

Und so ist die Geschichte des epochalen Absturzes Jugoslawiens und die von Arkan, die sich darin spiegelt, auch unsere Geschichte, die hässliche Rückseite, wenn man so will, oder die dunkle Seite des Mondes.

Arkan ging über Leichen. Als Krimineller. Als Warlord im Kroatienkrieg, im Bosnienkrieg, im Kosovokrieg. Im Jahr 1999 war Arkan ein geächteter Mann, der per internationalem Haftbefehl gesucht wurde, während die Serben ihn wie einen Halbgott verehrten. Die Boulevardmedien und kleinen Leute priesen ihn als Beschützer aller Serben. Aber auch CNN, ABC und so weiter hatten immer eine Kamera für ihn parat, und der Dieb, der Popstar, der Medienstar genoss es. Bis er merkte, dass seine freimütigen Aussagen eine Beweislast gegen ihn darstellten. Europäische und amerikanische Politiker forderten seinen Kopf, in Den Haag wurde er in vierundzwanzig Fällen von Kriegsverbrechen angeklagt. Die USA setzten ein Kopfgeld von fünf Millionen Dollar auf ihn aus. Er galt als das Gesicht serbischer Kriegsgräuel. Der Sondergesandte der USA für den Balkan hielt ihn für einen »rassistischen Fanatiker« und »freischaffenden Mörder«. Arkan verteidigte sich und versuchte, die internationalen Medien für sich zu nutzen. Er sprach fließend fünf Sprachen. Mit seinem Babyface, dem braven Lächeln und dem schütteren Haar sah er aus wie ein Vorstadt-Daddy, wenn er in die Kameras etwas säuselte wie: Ihr wollt, dass eure Maschinerie, eure Weltpropagandamedien, denken, dass ich ein böser Junge bin, dass ich ein Killer bin, dass ich dies und das bin. Nun, ich sage euch, ich bin es nicht.

1999 verkündete Arkan im US-Fernsehen: Ich schere mich einen Dreck um die Anklagen von Den Haag. Ich bin ein serbischer Patriot, und die Menschen in Jugoslawien lieben mich, und ich liebe sie.

Kurz nach diesem Interview war er tot. Er war zu mächtig geworden, der serbische Staat und die kriminelle Konkurrenz beschlossen seinen Tod, mutmaßte die serbische Öffentlichkeit.

Doch wie wird man zum Mörder und Kriegsverbrecher, wo fängt es an, welche Schwellen werden dafür überschritten, und warum dreht man sich nicht um und geht? Aus welchen Ängsten und aus welchen Umständen entsteht die Gewalt, welche Ohnmachtserfahrungen, welche Demütigungen sind die Trigger? Ist es überhaupt eine Not, die das Böse hervorbringt, oder gar das Gegenteil, ein Machtgefühl im Autoritätsvakuum eines zerrütteten Staates?

Die Väter der Gewalt

Željko Ražnatović wurde am 17. April 1952 als viertes Kind in Brežice, einer kleinen Grenzstadt in der slowenischen Untersteiermark, damals ein Teil Jugoslawiens, geboren. Sein Vater Veljko war zu der Zeit als Offizier der jugoslawischen Luftwaffe in Brežice stationiert. Bald nach Arkans Geburt wurde er nach Zagreb versetzt, später nach Belgrad, wohin ihm die Familie folgte.

Er war durch und durch ein Militär, seine prägenden Jahre, seine Identität waren der Widerstandskampf gegen Nazideutschland. Er hatte die Gedenkmedaille der Partisanen von 1941 erhalten, den Orden der Bruderschaft und Einheit 1. Klasse, den Partisanenstern 2. Klasse, den Verdienstorden für das Volk 2. Klasse, den Orden der Tapferkeit 3. Klasse.

Und auch sein Sohn sollte Soldat sein. Er sollte gehorchen, seinen Vater und Tito ehren, für alte Leute in der Straßenbahn den Platz frei machen, sich dem Studium der kommunistischen Klassiker und Militärhistoriker (vorzugsweise den jugoslawischen) verschreiben. Er sollte mindestens vier Kinder bekommen, denn die Armee brauchte immer neue Rekruten.

Veljko sollte seinen Vater durch die Trennung der Eltern früh verlieren. Väter sind nicht immer einfach, vor allem, wenn sie selbst ohne Vaterliebe aufwuchsen. Doch auch ohne Vater wusste Arkans Vater, der Mann bekommt in der Familie immer recht, egal was er tut. So war es immer und würde es bleiben.

Als Željko klein war und die Familie in Belgrad noch zusammenlebte, verprügelte der Vater ihn regelmäßig im Flur. Alle Zimmertüren waren geschlossen, es gab keinen Ausweg. Arkan ertrug die Prügel stoisch und hielt seine Tränen zurück. Für den Vater waren Pflichterfüllung und Disziplin die höchsten Tugenden. Das hatte er in der Partisanenarmee gelernt. Wer das nicht respektierte, musste gezüchtigt werden, bis er verstand, worum es im Leben ging.

Langsam, Željko war etwa sieben oder acht Jahre alt, begann die Familie sich aufzulösen. Sein Vater hatte sein Leben und seine Familie nicht unter Kontrolle. Željko war Zeuge, und dafür, dass er das Versagen des Vaters mit ansah, wurde er bestraft. So schilderte er es später, ohne näher auf die Ursachen einzugehen.

Arkan hatte drei ältere Schwestern, es war immer zu eng in der Belgrader Zweizimmerwohnung, wenn er Platz wollte, musste er nach draußen. Der junge Arkan liebte Comics, Science-Fiction-Romane und amerikanische Western mit harten Typen wie Gary Cooper, John Wayne und Clint Eastwood. Jugoslawien zeigte als eines der wenigen kommunistischen Länder Hollywood-Klassiker im Kino, was Arkan zu einem kleinen Cineasten machte. In Western fand er nachahmenswerte Vorbilder, für einen Jungen keine ungewöhnliche Perspektive, auch in Westeuropa übten einsame Jungs den Cowboy-Gang, gespiegelt in den Schaufenstern ihrer miefigen Nester.

Die späten Fünfziger waren eine Zeit des politischen und wirtschaftlichen Aufbruchs für Jugoslawien. Der Partisanenheld und Diktator Tito (Josip Broz) war der unantastbare kommunistische Führer des Landes, nachdem er und seine Partisanenarmee 1945 die Nazis, Nationalisten und Faschisten besiegt hatten. Tito wollte ein geeintes Jugoslawien schaffen, dafür musste er die unterschiedlichen Religionen zurückdrängen und die ethnischen Abneigungen zwischen Slowenen, Serben, Mazedoniern, Albanern, Montenegrinern, Roma und Kroaten unterdrücken. Wer das nicht mittrug, wurde vertrieben, getötet oder inhaftiert. Belgrad wurde die jugoslawische Hauptstadt von sechs Republiken und zwei halbautonomen Provinzen. Belgrad, die weiße Stadt, sollte das Schmuckstück Jugoslawiens werden, das Herz des kommunistischen Landes. Bis 1960 vervierfachte sich die Einwohnerzahl, die Menschen erhielten in Belgrad subventionierte Wohnungen. Freizeitangebote wie das Belgrader Meer, Museen, Parks und Sportstätten wurden geschaffen. Der Staat bezahlte die Gesundheitsversorgung für alle und den Urlaub an der Adria in staatlich betriebenen Ferienheimen. Der Stadtteil Neu-Belgrad wurde erbaut und bot zehntausend neue Wohnungen, Krankenhäuser, Schulen, Fabriken.

Titos größter Coup war die Aufkündigung der unzerbrechlichen Freundschaft mit der Sowjetunion. Im Zweiten Weltkrieg und den Jahren danach war Jugoslawien mit dem sowjetischen Diktator Stalin verbündet gewesen. Anfang der Fünfzigerjahre beendete er die Freundschaft, und Jugoslawien wurde blockfrei, gehörte weder der 1949 gegründeten Nato an noch dem Widerpart der Nato, dem 1955 gegründeten Warschauer Pakt der moskautreuen Ostblockstaaten. Sein zweitgrößter Coup war es, mit Willy Brandt 1968 das Anwerbeabkommen zwischen der BRD und Jugoslawien, den sogenannten »Gastarbeitervertrag«, auszuhandeln.

In den frühen Sechzigerjahren wohnte Arkans Familie an einer zentralen Belgrader Straße. Es war laut, mitten im Zentrum, die gut gefüllten Geschäfte boten ihre Waren an. Auch Waren aus dem Westen, sehr teuer, doch es gab sie. Der Luxus war sichtbar, das Offiziersgehalt ordentlich. Arkan war anfangs ein guter Schüler, ihm fiel das Lernen leicht. Doch zu Hause breiteten sich dunkle Wolken aus. Der Vater hatte sich von seiner Frau entfernt und beantragte die Scheidung. Die Mutter war überfordert und versuchte, die kleine Familie zusammenzuhalten. Das männliche Familienoberhaupt verschwand in ein anderes Leben, und sein Sprössling suchte der beklemmenden Enge der Wohnung zu entkommen.

Der kommunistisch vorgezeichnete Weg als kleines Rädchen im Getriebe, von der Wiege bis zur Bahre, lockte Arkan nicht. Der Kommunismus hatte ihn nicht vor dem Verlust der Familie geschützt. Er begann den Unterricht zu schwänzen, hing mit Gleichgesinnten im Park ab, trieb sich herum, immer auf der Suche nach einem Abenteuer, kleinkriminellen Deals, den echten bösen Jungs. Die gab es, doch sie hatten im Jugoslawien der Sechziger- und Siebzigerjahre nichts zu lachen. Die Augen der wachsamen braven Bürger und ihrer Sicherheitsbehörden waren überall. Mit neun soll Arkan zum ersten Mal von zu Hause abgehauen sein. Der Legende nach hatte er ein Auto gestohlen. Er soll bis Dubrovnik gekommen sein, an Jugoslawiens Südspitze. Floh er, um die Liebe des Vaters zu provozieren? Oder um dem Vaterhass ein Ventil zu geben? Wollte er nach Italien? Dem Land der Spaghetti-Western? Albanien, das abgeschottete Land des Steinzeitkommunisten, Titos Ex-Brudi Enver Hoxha, wird bestimmt nicht sein Sehnsuchtsziel gewesen sein. Wahrscheinlich wollte er einfach nur fort von der erodierenden Familie, der Schule, allem, was ihn gängelte.

Ob er bis zum Meer kam? Irgendein besorgter Bürger fing ihn ein, sein Vater wurde informiert und brachte ihn zurück nach Hause. Eine Tracht Prügel war sein schnöder Lohn und der erzieherischer Beitrag des Vaters. In der Schule wurde Arkan fortan zum Klassenkasper, dem die Lehrer und der Vater mit dem Stock Prügel verpassten, vorsorglich, in Erwartung seiner nächsten Untat.

Die Pforte zur Freiheit

Als Teenager wurde Arkan in seinem Viertel zu einer Nummer unter den halbstarken Kids. Er war mit vierzehn bereits sehr groß, hatte lockiges Haar, erschien wie eine Mischung aus Engel und Baby. Einer seiner Spitznamen lautete »Hybrid«, großer Kopf und langer dürrer Körper. Er trug gern weiße Shirts und mochte Markenjeans aus dem Westen, zur Not gut gefälscht, wie alle Jungs, die etwas auf sich hielten. Er gelte sein Haar, sein Babyface blieb ihm bis ins späte Alter erhalten. Ein paar Jahre später in Schweden nannte man ihn den »Babyface-Bankräuber«, und in den Niederlanden den »Babyface-Metzger«.

Arkans Berufswunsch lautete: Verbrecher. Das war in Jugoslawien nicht so einfach. Der kommunistische Sicherheitsapparat funktionierte bestens, der Staat legte viel Wert auf eine effiziente Polizei, die Knüppel und Fäuste zu gebrauchen wusste. Die braven Bürger arbeiteten bereitwillig mit, in jeder Straße gab es Personen, die ehrenamtlich oder für ein Stück Blech für die Polizei oder einen der zahlreichen Geheimdienste arbeiteten. Harte Gefängnis- und Jugendknaststrafen für Raubdelikte, Vergewaltigungen oder Diebstahl waren der Standard. Trotzdem oder gerade deswegen kursierten ab den Sechzigern auf der Straße die Geschichten der Diebe Šišmiš und Bora Madora. Sie sollen zuerst in Belgrad Bürger, Läden, Hotels und Restaurants überfallen haben. Als es ihnen zu brenzlig wurde, klammerten sie sich unter einen Güterzug und reisten illegal nach Paris. Dort machten sie in den Straßen der reichen Stadt sogleich fette Beute und führten ein freies Leben in Saus und Braus. Das sprach sich in Belgrad herum, all die kleinen Gauner bekamen rote Ohren. Plötzlich wollte jeder Hühnerdieb in den Westen. Francs, Lire und D-Mark sammelte man ein wie Fallobst, so schien es. Zehn Jahre Dieb in Paris, und du konntest mit fünfundzwanzig in Rente gehen. Unter den Kleinkriminellen Belgrads waren Šišmiš und Bora Madora bekannter als die Beatles.

Arkans Vater, der ehrenhafte Oberst Veljko Ražnatović, hielt sein Auge auf ihn und erahnte die aufziehende Katastrophe und den dunklen Zorn in Arkans Babyface. Er vermisste die ihm eigene Disziplin, das Ehrgefühl. Zucht und Ordnung, das waren seine Werte. Im Zweiten Weltkrieg befreite der Oberst Priština von den italienischen Faschisten. Ein paar Tage nach dem Sieg gewahrte er eine junge Frau in Priština, die eine flammende Rede für den Kommunismus und die Partisanen hielt. Slavka. Er verliebte sich sofort. Was soll’s, der Krieg war vorbei, das Land musste aufgebaut werden, Familien gegründet. Der Oberst haute auf den Tisch, zwirbelte seinen Bart und schickte Soldaten los, um Slavka festzunehmen. Ein Soldat raubte die Frau, für die sein Herz schlug. In der Kaserne bat er sie wenig später um ihre Hand.

Die Armee war alles für ihn, so schilderte es Arkan später in einem Interview für ein Boulevardmagazin. Er führte Krieg und heiratete wie ein Soldat. Die jugoslawische Armee sorgte sich um ihre Offiziere, die Familie gehörte zur privilegierten Mittelschicht, Partisanen waren anerkannte Mitglieder der Gesellschaft.

Arkans Mutter Slavka liebte ihren Sohn bis zum Tod und tat alles für ihn, ebenso seine größere Schwester Jasna. In Serbien liebt die Schwester den Bruder, egal, was für ein Idiot er ist. Brüder und Söhne kommen gleich nach Gott.

Arkans Vater wollte seinen einzigen Sohn beim Militär unterbringen. Er setzte es innerhalb der Familie durch, ohne jede Diskussion, es war ein Befehl.

Er nahm mich hoch und schleuderte mich mit aller Kraft auf den Boden, sagte Arkan in einem Interview aus dem Jahr 1991. Bei schwerwiegenden Verstößen wie Lästerung des großen Tito oder Spott über die unbesiegbare Partisanenarmee ließ der Vater seinen Sohn angeblich mit dem Kopf nach unten aus dem Wohnungsfenster baumeln, bis dieser Abbitte leistete und um Gnade winselte. Die brutalen Erziehungsmethoden des Vaters hinterließen bei Arkan tiefe Spuren und vor allem die Gewissheit, dass brutale Gewalt alle Probleme lösen kann.

In der kommunistischen Gesellschaft Jugoslawiens sah Arkan keinen Platz für sich, nicht zuletzt, weil sie für die Ideale des Vaters stand. Arkan duckte sich weg, rebellierte innerlich, wartete ungeduldig darauf, älter zu werden. Er begann in den Parks alte Leute und Frauen zu beklauen. Hier ein Portemonnaie, dort ein Jacke, alles, was er versilbern konnte. Er war knapp dreizehn Jahre alt und fand gleichgesinnte Nachwuchsdiebe, sie trugen Spitznamen, die sie aus westlichen Comics oder Filmen entlehnten: »Candyman«, »Karate Bob«, »Žika the Nerve« und »Vule the Taylor« oder »Crazy Horse«. Selbstverständlich ließen sie ihre Freundinnen in günstigen Momenten auf westliche Ausländer los, die sie nach dem schnellen Sex mit den minderjährigen Mädchen erpressten. Das brachte schnell die Polizei ins Spiel, die Hälfte der Jungs landete im Jugendknast, ein paar Mädchen in Besserungsanstalten. Gierige kleine Straßenköter, sie lebten den Traum vom Gangster in Sekunden, viele von ihnen starben jung.

Arkan war ein arroganter, gewalttätiger Schnösel, der es den Polizisten nicht leicht machte. Er war ungewöhnlich stark für sein Alter, agil, sauber und ordentlich gekleidet. Er mochte Kickboxen, er trainierte und formte seinen Körper zu einem tödlichen Werkzeug. Er kämpfte gegen ältere Männer, gegen junge, große Männer, er kämpfte mit Eifer und Härte. Er war ein jugendlicher Macho aus Belgrad, ihm konnte keiner etwas, er hatte eine große Fresse, die ihm viele Männer liebend gern polierten. Seine tödlichen Techniken lernte er von Heroen der Straße, während seinen Altersgenossen in der Schule der Kommunismus eingetrichtert wurde. In Kneipen und auf den Straßen sah er das graue Arbeiterheer von der Schicht kommen, gebeugt, müde. Seine Zukunft malte er sich in bunten Farben aus.

Arkan wurde erstmals 1966 einkassiert und in eine Jugendstrafanstalt mit Schulzwang bei Belgrad gesteckt. Er war dort für etwa ein Jahr eingesperrt. In dem Gefängnis herrschte strenge Disziplin, kleine Vergehen führten zu harten Strafen. Ziel war es, die Jugendlichen zu brechen, und nicht, sie zu erziehen. Seine Familie besuchte ihn regelmäßig, seine Mutter liebte ihn bedingungslos, der abwesende Vater hatte seinen Sohn als dienendes Glied der kommunistischen Einheitspartei noch nicht aufgegeben. Nur die Armee konnte seinen Jungen noch retten, der Vater ließ seine Kontakte spielen. Unterdessen verpasste sich Arkan im Zusammenleben mit kriminellen Jugendlichen in der Jugendstrafanstalt den letzten Schliff. Alle Jungs wollten irgendwie in den Westen gelangen. Es kursierten Fluchtrouten über die Grenze nach Italien, Arkan wollte schnellstmöglich nach Westeuropa, um dort als Gangster Geld zu machen. Als er entlassen wurde, holte ihn sein Vater ab und brachte ihn mit dem Bus nach Kotor, wo Arkan in eine Kadettenschule der jugoslawischen Volksmarine eintreten sollte. Während eines Stopps entwischte er seinem Vater. Obwohl der sofort die Polizei einschaltete, blieb Arkan unauffindbar, er verwandelte sich in ein schier papiernes Wesen, schlüpfte durch alle verfügbaren Löcher und gelangte auf seiner abenteuerlichen Flucht bis nach Paris, um fortan den Tod wahlweise herauszufordern oder sich ihm um den Hals zu werfen. Weil er sehr groß war, ging er als junger Mann durch und erweckte an neuralgischen Punkten nicht die Aufmerksamkeit der Polizei. Er trampte, fuhr schwarz mit der Bahn, klaute Nahrung und Kleidung, nahm mit, was er kriegen konnte. Paris bedeutete für Arkan grenzenlose Freiheit, schöne Frauen, Geschäfte, Wohnungen, Banken, die darauf warteten, von ihm ausgenommen zu werden.

In Frankreich suchte er die Nähe von exilierten Jugoslawen, mit denen er sich sofort ins kriminelle Leben stürzte. Drei Jahre währte das vermeintlich süße Leben, das in Wahrheit alles andere gewesen ist. Paris hatte nicht auf ihn gewartet und war mitnichten die Stadt der Liebe, Paris bedeutete Überlebenskampf. Ständig auf der Flucht vor der Polizei, arm und ohne gültige Papiere, immer auf zwielichtige Gestalten angewiesen, die ihm Obdach und im Zweifelsfall Schutz gewährten. In der Hierarchie der Gangster war er ganz unten, ein Hühnerdieb, ein Handlanger, eine ungeliebte Schabe unter vielen, die in feuchten Kellern in Massenunterkünften hausten und für die Gangsterkartelle den Arsch hinhielten. Ein unromantisches Leben am Rande der Würde.

1969 wurde er erstmals in Westeuropa wegen Diebstahls und Vergehen gegen des Meldegesetz verhaftet. Weil er illegal in Frankreich lebte, schob ihn Frankreich nach einem kurzen Knastaufenthalt gen Jugoslawien ab.

Was für eine Demütigung. Mit eingezogenem Kopf wurde er in der grünen Minna mit weiteren jugendlichen Kleinkriminellen zurück in die Heimat kutschiert.

Eine Knastkarriere

Ein jugoslawischer Richter verurteilte ihn daheim wegen diverser Vergehen zu einer dreijährigen Gefängnisstrafe, die er im berüchtigten Jugendknast Valjevo absitzen musste, ungefähr eine Stunde Fahrt südlich von Belgrad. Aber endlich sah er seine Mutter und seine Schwestern wieder, die ihm gefehlt hatten und die ihn bedingungslos liebten. Das Leben in der Illegalität hatte ihn abgestumpft und hart gemacht.

Valjevo war ein kleines Gefängnis für etwa einhundert junge Männer zwischen sechzehn und fünfundzwanzig. Ihre Vergehen waren Diebstahl, Körperverletzung und Vergewaltigung. Die jungen Erwachsenen lebten in Gemeinschaftszellen, das Essen war schlecht. Lehrer und Psychologen versuchten die kleinen Gangster wieder auf den Pfad der Tugend zu führen. Der Drill war hart, Sport obligatorisch, daneben Rotlichtbestrahlung. Auf politische Bildung im Sinne des Kommunismus wurde viel Wert gelegt, die Jungs sollten als gute Staatsbürger ins Leben entlassen werden. Arkan wurde im Jugendknast zum Abstinenzler. Jeder von ihnen durfte eine Berufsausbildung machen, um in Freiheit einer geregelten Arbeit nachgehen zu können. Arkan erlernte das Bäckerhandwerk. Wenn er bei seinen künftigen Verhaftungen zu seinem Beruf gefragt wurde, nannte er sich bisweilen Bäcker. Man konnte in Valjevo Schach spielen, Sport treiben, es gab eine Bibliothek. Man hatte die Jungs noch nicht aufgegeben. Doch Arkan blieb sich treu. Er hielt die Klappe, lernte von älteren Sträflingen, um beim nächsten Ausflug nach Westeuropa nicht sofort wieder erwischt zu werden. Er stählte seinen Körper beim Kampfsport, spielte Fußball, las seine geliebten Science-Fiction-Romane und saugte jeden Western auf, der im Knastkino lief. Sauberkeit war Trumpf und wurde den Jungs eingetrichtert, er rasierte und wusch sich täglich, seine Kleidung lag ordentlich gefaltet im Schrank, seine Bücher stapelten sich akkurat Kante auf Kante. Natürlich war es unmöglich, einen Menschen wie Arkan zu unterrichten. Er quatschte dazwischen, machte Witze. Laut seiner Lehrer war er bauernschlau, ein sprachbegabter manipulativer Mensch mit emotionaler Intelligenz. Das Anhäufen von Wissen interessierte ihn nicht, er war der Meinung, für den Beruf des Diebs hinreichend gerüstet zu sein. Ein nerviger, kleiner Besserwisser, der in der Knasthackordnung weit oben stand, weil er brutal war und wusste, wie man Angst verbreitete. Ihm fehlte das Verständnis für die Gesetze des humanen Miteinanders.

Wegen seiner hohen Stimme und seines Babyface hatte er es anfangs schwer. Als ihn ein Mitgefangener als »Schwuchtel« bezeichnete, für Arkan die schlimmste Beleidigung, noch schlimmer als die »vom Nachbarhund gefickte Mutter«, schlug er den Widersacher mit einem Stuhl blutig.

Diese Nummer verschaffte ihm Respekt, und er begann seine eigene Gang im Knast aufzubauen. Er war wortgewandt, kannte die Triggerpunkte der drögen Jungs, schwärmte von seinen großen Plänen, an denen er sie beteiligen wollte. Selbst stärkere Typen fühlten sich von seinem Charisma angezogen, neue Schäfchen vergrößerten seine Herde.

In der Besserungsanstalt wurden an allen Insassen umfassende Tests durchgeführt, um die Art ihrer »psychischen Störung« herauszuarbeiten. Arkan beteiligte sich rege daran. Mitarbeit brachte Pluspunkte im Knastalltag, außerdem konnte es nicht schaden, die Methoden der Psychologen zu studieren. Die Ärzte kamen zu dem Schluss, dass sich Arkans kriminelle Energie aus der Figur des gewaltaffinen Oberst, Arkans Vater, nährte. Der Vater hatte ein Monster geschaffen, das seinen eigenen Gesetzen folgte und zu einem Feind der Gesellschaft wurde.

Arkan liebte die Mutter und hasste den Vater. Er sehnte sich nach Harmonie und einer funktionierenden Familie, deren beschützendes Oberhaupt er sein würde. Er sehnte sich nach einer ehrbaren Frau, mit der er viele Kinder zeugen wollte. Den Kontakt zur Mutter und den Schwestern hielt Arkan Zeit seines Lebens, sie sollten künftig bei seinen spektakulären Gefängnisausbrüchen in Westeuropa eine tragende Rolle spielen.

Die Haftanstalt machte aus Arkan keinen besseren Menschen, aber wie hätte man aus ihm noch einen guten Menschen machen können, zu stark hatte sich sein antisozialer Charakter entwickelt. Ein normaler Beruf war für ihn eine Angelegenheit für Geistesgestörte. 1972 wurde Arkan entlassen.

Kaum in Freiheit meldete sich ein alter Freund aus Italien und stellte ihm das große Geld in Aussicht. Italien sei das Paradies der Diebe. Das Land Leonardo da Vincis und Rinaldo Rinaldinis wurde Arkans nächste Station.

Sein alter Belgrader Jugendkumpel »Pferd« schwärmte in den höchsten Tönen vom italienischen Lifestyle und lockte ihn nach Italien. Seine Verbrecherkarriere ging in Windeseile steil bergauf. Um die Reisekasse zu füllen, beteiligte sich Arkan an bewaffneten Raubüberfällen. Bei einem wurde er erwischt und wegen schwerer Körperverletzung zu zehn Jahren Haft verurteilt. Die Wiederholung: Man wies ihn aus und schickte ihn ins Padinska-Skela-Gefängnis, einer tristen Einrichtung für abgeschriebene junge Kriminelle in der Nähe von Belgrad. Ein wahres Drecksloch für Menschen, die als eine Gefahr für die Gesellschaft erkannt wurden. Sollte es das gewesen sein?

Arkan saß ein paar Wochen, bis er die erste Gelegenheit zur Flucht nutzte. Er schloss sich zwei Langstraflern an, die einen Fluchtweg durch die Kanalisation ausbaldowert hatten. Kloaken und Fäkalientransporter wurden zu Fluchthelfern. Nur mit einem Löffel bewaffnet, trotzten die drei ihren Häschern, die ihre Flucht erst am nächsten Tag bemerkten. Seine erste Flucht aus einem Gefängnis, der viele spektakuläre Fluchten folgen sollten. In Belgrad blieb er in Deckung, Freunde besorgten Kleidung und Geld. 1972 entwischte Arkan, versteckt in einem Lkw, aus Jugoslawien und blieb seinem Heimatland vorsorglich für mehrere Jahre fern.

Schöne neue Welt

Nach den Anwerbeabkommen der Bundesrepublik Deutschland für Gastarbeiter mit Italien (1955), Spanien (1960), Griechenland (1960), der Türkei (1961), Marokko (1963), Portugal (1964) und Tunesien (1965) folgte 1968 das letzte der Abkommen mit Jugoslawien, einer kommunistisch geführten Diktatur, wenn auch kein Land unter dem Einfluss der Sowjetunion.

Am 12. Oktober 1968 wurde das Anwerbeabkommen unterzeichnet. Dabei erhielten die jugoslawischen Arbeiter, im Gegensatz zu den Tunesiern drei Jahre zuvor, ein zeitlich unbefristetes Aufenthaltsrecht für das Gebiet der BRD. Trotzdem galten sie als Gastarbeiter. In Jugoslawien finanzierte die deutsche Wirtschaft die Anwerbung der Arbeiter über jugoslawische Agenturen. In den folgenden Jahren übernahmen oft die bereits eingewanderten Gastarbeiter gegen eine Prämie die Werbung im Interesse ihrer Arbeitgeber und holten Freunde und Familienmitglieder nach. Auch in anderen westeuropäischen Ländern ergaben sich häufig direkte Anwerbungen durch Familienmitglieder und befreundete Gastarbeiter. Es entstanden familiäre Migrationsnetze. Die Gastarbeiter suchten einen Weg aus Armut und Unfreiheit. Anfangs hatten sie die Absicht, später nach Jugoslawien zurückzukehren. Unter den Arbeitssuchenden waren auch gut ausgebildete Menschen, die schnell anspruchsvolle Deutschkurse wahrnahmen, um studieren zu können oder bessere Jobs zu finden. Als sie Kinder bekamen und um ihre Freiheit im sozialistischen Jugoslawien fürchteten, entschieden sich viele, in der BRD zu bleiben, obgleich etliche Familien in Jugoslawien Häuser bauten, um die geliebte Heimat regelmäßig zu besuchen und den Dortgebliebenen zu zeigen, was der Kapitalismus für Segnungen bereithielt. Spätestens die Jugoslawienkriege in den Neunzigern machten vielen Exiljugoslawen deutlich, dass es kein Zurück mehr gab.

Um 1970 hatte Jugoslawien eine der höchsten Auswandererraten weltweit. Etwa zwanzig Prozent der arbeitenden Bevölkerung, weit über eine Million Menschen, arbeitete im Ausland, wo immer sie Arbeit fanden. Sie waren fleißig, gründeten ihre eigenen Gemeinschaften, zumeist streng nach ethnischer Herkunft. Nicht alle kamen nur wegen der Arbeit, für viele war der Westen auch ein Sehnsuchtsort der Freiheit, wo sie den Ballast der sozialistischen Diktatur abwerfen konnten.

Natürlich hatten diese neuen Möglichkeiten auch eine starke Anziehungskraft auf Kriminelle. Die frühen Siebzigerjahre waren die Gründerzeit der Jugo-Mafia in Westeuropa. Im Zuge der neuen Reisevereinbarungen überschwemmten gefälschte und gestohlenen Ausweise den Markt. Jeder kriminelle Jugoslawe wollte in den Westen, um dort an die goldenen Kloschüsseln, verstörend schönen Frauen und Luxusgüter aller Art zu gelangen, die nur darauf warteten, einkassiert zu werden.

Die Jugo-Mafia

1971 dockte der Jugoslawe Ljubomir Magaš in Italien an. Er telegrafierte in die Heimat: Die Oma wartet mit den Brillanten, und bestellte eilig seine kriminelle Hood nach Bella Italia.

1972 begann die kriminelle Karriere von Rade Čaldović in Italien. Die ersten Jugo-Banden wurden von Ljubomir Magaš, Rade Čaldović, Veljko Krivokapić, Slobodan Grbović, Milan Čivija, Dule Milanović, Dragan Malešević, Mile Ojdanić, Sava Somborac, Pera Ožiljak, Marinko Magda, Željko Ražnatović/Arkan und Đorđe Božović gegründet. Die Jungs waren um die zwanzig Jahre alt, kaltblütig, geldgierig, gerissen. Bereits am 10. Juli 1972 erließ ein Staatsanwalt den ersten italienischen Haftbefehl gegen Arkan wegen versuchten Diebstahls, der am 14. September 1973 erneuert wurde.

Nach seiner Flucht aus Jugoslawien bewegte sich Arkan wie ein Wiesel von Land zu Land in Westeuropa, er lebte von kleinen Diebstählen, gelegentlich nahm er Schwarzarbeit an, um sich über Wasser zu halten. Anfangs fehlte ein Netz an Kombattanten, das er für seine kriminellen Aktivitäten nutzen konnte. Das sollte sich langsam bessern. Es war kein Problem, an gefälschte jugoslawische Pässe zu kommen. Dennoch fehlte ihm eine Basis, wo er zur Ruhe kommen, sich sortieren konnte. Er switchte von Frau zu Frau, von Komplizen zu Komplizen, von Versteck zu Versteck. Das stetig wachsende, unsichtbare Netz der Jugo-Mafia bot ihm einen Halt, bis mit dem jugoslawischen Geheimdienst ein neuer Player am Horizont auftauchte: Weihnachten 1973. Slobodan Mitrić, alias Karate Bob, erschoss im Café Mostar in Amsterdam drei Jugoslawen und wurde verhaftet, er sagte, er gehöre dem jugoslawischen Geheimdienst an.

Arkan gelangte über abenteuerliche Umwege nach London. Er fand Unterschlupf bei Frauen, wurde zum Womanizer. Dass viele der Frauen auf den Strich gingen, ist zu vermuten. Niemand aus unserem Kreis konnte so gut mit Frauen umgehen wie Arkan, kommentierte einer seiner frühen Begleiter, der wie viele anonym bleiben wollte, noch immer verblüfft. Angeblich soll er eine Weile in London illegal als Hotelpage beschäftigt worden sein. Kleine Einbrüche ließ er sich trotzdem nicht nehmen, obgleich er es in England ruhig angehen ließ, weil er nicht wieder im Knast landen wollte. Die Gefängnisse in Jugoslawien waren Rattenlöcher, wo gewalttätige Gruppen herrschten, häufig unterstützt von ihren hoffnungslos überforderten Bewachern. Schmutz, sexuelle und gewalttätige Übergriffe waren Alltag in diesen Wegsperrhäusern, wo die Insassen harten Strafen ausgesetzt waren, die für den westlichen Betrachter oftmals nicht in Relation zu den eher kleineren Vergehen standen. Das jugoslawische Strafrecht kannte wenig Gnade mit Kriminellen, die man im Sozialismus ausmerzen wollte, weil sie in einer Gesellschaft von Gleichen unter Gleichen und dem Volkseigentum Kriminalität nicht vorkommen durften.

Arkan verschwand schnell wieder aus England, als ihn neuerlich die Nachricht: Die Oma wartet mit den Brillanten, von seinem Kumpel »Pferd« aus Italien erreichte. Pferd war zwei Jahre älter und hatte diesen Spitznamen, weil er so stark war. Er prügelte sich gern, konnte nicht still sitzen und laberte pausenlos. Er war sehr groß. Tätowiert. Ein serbischer Quadratschädel mit einem Steinbruch als Gebiss, der sehr gern schlechte Laune schob, die er nur mit Whisky betäuben konnte. Er lebte seit 1967 in Italien, nachdem er wegen schwerer Körperverletzung eingesessen hatte und aus dem Belgrader Knast geflohen war. Jemand hatte ihm die Freundin ausgespannt, und dieser Typ musste selbstverständlich dafür büßen, eine Frage der Ehre. Es war ein harter Weg nach Italien, er fuhr mit dem Bus bis zur Grenze, robbte dann nachts durch die Grenzanlagen, und zu Fuß oder schwarz mit der Bahn ging es weiter über Triest gen Mamma Roma. Anfangs schlug sich Pferd als Stricher und Taschendieb durch, später biederte er sich bei der lokalen Mafia an, nachdem er leidlich Italienisch sprach. Sie erlaubten ihm gegen eine bestimmte Abgabe, sein eigenes Diebesnest nebst Schutzgeldbusiness aufzubauen.

Geschäftsdevise: Ihr habt Probleme, ich bin euer Problemlöser.

Pferd war frech und laut, liebte Gangsterfilme, stand mit der Zahnfee auf Kriegsfuß, wurde in den kommenden Jahren fast einhundert Mal verhaftet, um durch Geld, schmierige Anwälte, günstige Konstellationen wieder aus dem Polizeigewahrsam zu entwischen. Er wurde mehrfach wegen Verstößen gegen das Aufenthaltsrecht aus Italien rausgeworfen und kam immer wieder zurück, mit brandneuen gefälschten Pässen, brandneuer Frisur und brandneuer Sonnenbrille. Er war ein unersättliches Stehaufmännchen und lebte zu dem Zeitpunkt, als er viele serbische Ganoven zu sich nach Italien rief, in einer netten Wohnung im Zentrum Roms. Es gab so viel Geld zu verdienen. Kommt her und holt es euch!, lautete sein Lockruf.

Und die Männer kamen. Legal oder illegal, versteckt in Frachträumen, getarnt als arbeitssame Familienväter. Sie kamen auf den Dächern von Zügen oder nisteten sich unter den Zügen ein. Sie kamen mit und ohne Geld, sie trugen selbstgebastelte Messer bei sich. Sie waren versierte Straßenköter und erreichten Rom mit dem Ziel, nicht mit ehrlicher Arbeit reich zu werden. Rom war eine Keimzelle der Jugo-Mafia. Sie tarnten sich als Rucksacktouristen, und Pferd brachte sie in billigen Hotels und Pensionen unter, dort, wo niemand nach Dokumenten fragte. Man regelte alles mit Bargeld, um unnötige Aufmerksamkeit seitens der Sicherheitsbehörden und konkurrierender Banden zu vermeiden. Die Konkurrenz war groß und schlief nicht. Traditionell verfügten die Albaner in Süditalien über gute Strukturen. Sie waren im Drogen- und Menschenhandel (Prostituierte und Flüchtlinge aus Asien) unterwegs. Die Russen handelten bevorzugt mit Waffen, neben den zahlreichen italienischen Gruppen und Verbindungen. Aufstrebende Jugo-Gangs hatten überall ein bisschen die Finger drin. Die jungen Hunde schmuggelten Zigaretten und fälschten Markenklamotten, dealten mit Heroin und hatten Prostituierte am Laufen. Hier tauchte erstmals Ljubomir Magaš auf, der eine große Nummer der Jugo-Mafia werden sollte und es blieb, bis er starb. Magaš hatte einen durchgeknallten Montenegriner dabei, der immer eine scharfe Handgranate in seiner Hosentasche trug.

Pferd empfand sich als Lehrer und wurde schnell der Anführer einer Jugo-Gang, die größtenteils aus Serben bestand. Er übernahm die Organisation der Diebestouren. Er stellte gestohlene Autos, Waffen, Unterkünfte. Er verhökerte das Diebesgut an Hehler und kümmerte sich um die Betreuung arretierter Genossen. Es war harte Verbrecherarbeit, es lief gut und machte die Mitglieder zu kleinen Gangstern mit viel Geld. Abends schlüpften sie in ihre Designer-Anzüge und ließen in Nachtclubs die Puppen tanzen. Sie tranken, erzählten von ihren Heldentaten, um am Morgen wieder auf Raubzug zu gehen.

So lief es, bis Arkan Ende 1972 von Norditalien nach Rom kam. Er traf Pferd und erklärte seine Bereitschaft, mitzumischen. Ihm fehlte eine Organisation, sein Talent war augenscheinlich. Pferd wurde der erste und letzte Mentor Arkans. Alles, was ihn später ausmachte, hatte er von seinen Lehrmeister übernommen. Aber gegen den späteren Gangster Arkan war Pferd ein kleines Licht.

1973 in Rom war Pferd noch eine große Nummer, die selbst in den jugoslawischen Zeitungen mit einer Mischung aus Schrecken, Ekel und Ehrfurcht beschrieben wurde. Doch Pferd war ein Alkoholiker, der im Suff imponderabel agierte. Arkan spürte, dass die Zeit für einen Machtwechsel kommen würde.

Pferd führte Arkan in das Geschäft ein und teilte seine Infos und Kontakte ins Milieu mit ihm. Wer was wo und wie schmuggelte, welche Polizisten korrupt waren, welche Zöllner gegen Bargeld ein Auge zudrückten. Er nannte Orte, wo selbst ein Blinder mit Taschendiebstählen reich werden konnte. Orte, wo die Reichen wohnten, in deren Häuser man leicht einbrechen konnte. Schnell erwarb Arkan seinen italienischen Diebesdoktortitel. Wenn er ein Ziel auskundschaftete, kleidete er sich elegant und hielt in einem Notizblock mittels eines goldenen Füllers bestimmte Merkmale der künftigen Tatorte fest. Er fertigte kleine Skizzen über die Höhe und Beschaffenheit der Mauern und Fenster an, begutachtete die Schlösser, notierte sich Bemerkungen zu den Bewohnern, Wachhunden, alten Damen an Fenstern und Polizeistreifen in der Nähe. Dabei genoss er die schöne Sonne Italiens, scherzte mit allen Frauen, trug lächelnd alten Damen den Einkaufskorb bis zur Haustür und speicherte die wichtigen Dinge in seinem Kopf. Seine Komplizen gaben ihm den Spitznamen »Computer«. Sobald die Nacht einbrach, schlüpfte er in dunkle Kleidung und klaute mit seinen Spießgesellen aus den Wohnungen und Geschäften der Reichen, was sie forttragen konnten. Er war der geborene Räuberhauptmann. Klug, listig, skrupellos. Er roch die Fehler der Konkurrenz und erkannte Zivilpolizisten an ihrem Gang und Spitzel an ihrer Nasenspitze.