Baltrumer Bärlauch - Ulrike Barow - E-Book

Baltrumer Bärlauch E-Book

Ulrike Barow

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Beschreibung

Wenn Inga Tarmstedt gewusst hätte, dass ihrem Stöbern in alten Kunstbänden so viel Unheil folgen würde, wäre sie im Café in Worpswede sitzen geblieben. So aber fährt die junge Künstlerin auf die Nordseeinsel Baltrum, um nach Bildern ihres Lieblingsmalers Walter Bertelsmann zu suchen, der 1905 zum Malen auf der Insel war. Kurz nach ihrer Ankunft wird am Strand ein bewusstloser Mann gefunden, der wenig später stirbt. Und er ist nicht das einzige Opfer …

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Ulrike Barow

Baltrumer Bärlauch

Inselkrimi

Zum Autor

Ulrike Barow, 1953 in Gütersloh geboren, lebt mit ihrer Familie im schönen Leer (Ostfriesland) und auf der Nordseeinsel Baltrum. Sie ist gelernte Buchhändlerin. Der erste Kurzkrimi Baltrumer Wintermärchen wurde in der Anthologie Inselkrimis (Leda-Verlag, 2006, TB 2010) veröffentlicht. Dort erschienen auch ihre Kriminalromane, die alle auf Baltrum spielen.

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Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2020

Originalausgabe erschienen 2010 im Leda-Verlag

Herstellung: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: Katrin Lahmer

unter Verwendung eines Fotos von: © Feelfree_Fotografie/stock.adobe.com

ISBN 978-3-8392-6494-2

Haftungsausschluss

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Prolog

Wenn Inga Tarmstedt gewusst hätte, dass ihrem Stöbern in alten Kunstbänden so viel Unheil folgen würde, wäre sie ganz gewiss im Cafe Scheibner sitzen geblieben und hätte sich ein weiteres ihrer heiß geliebten Buchweizentortenstückchen mit Blaubeeren genehmigt.

So aber saß sie an diesem warmen Tag wie angenagelt in einem der alten Sessel im Worpsweder Antiquariat und blätterte und blätterte. Der nette Antiquar hatte seine Brille auf die Stirn geschoben und einen Band nach dem anderen aus den hohen Regalen gesucht, als sie ihre Wünsche geäußert hatte. Wünsche, die für den Mann tägliches Brot waren. Hier, umgeben von endlos scheinenden Bücherreihen, würde sie mit Gewissheit Informationen über die berühmte Künstlergruppe finden, die vom Ende des vorletzten bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts das Bild dieses Ortes geprägt hatte. Wer sich in Worpswede befand, diesem beschaulichen Ort nahe Bremen, interessierte sich für Namen wie Mackensen, Vogeler, Hoetger, Rilke und Modersohn. Deren Schaffen begegnete man hier, wo Kunsthallen, Galerien und kleine Kunstgewerbegeschäfte auf engstem Raum vereint waren, an jeder Straßenecke.

Wieder nahm Inga einen Kunstband in die Hand. Ein Mädchen mit einem Blumenkranz leuchtete ihr vom Titel­bild entgegen, gezeichnet im Profil, mit ausgeprägten­ Gesichtszügen. Natürlich, Paula Modersohn-Becker, wer sonst konnte dieses Bild gemalt haben? Sie hatte viele Biografien dieser außergewöhnlichen Frau gelesen, die ihr Leben kompromisslos der Kunst untergeordnet hatte, zumindest wenn man den Schreibern glauben durfte. Und so manches Mal hatte Inga darüber nachgedacht, ob auch sie in der Lage wäre, ihren Weg für die Kunst so konsequent zu gehen. Bis jetzt hatte sie noch keine Antwort darauf gefunden.

Sie blätterte weiter bis zu dem Bild einer zwischen zwei Bäumen aufgehängten Leine, an der Wäsche flatterte, vom Wind in der Bewegung getrocknet. Das ist es, dachte sie, das Leben auf dem Dorf in seiner ganzen Einfachheit und zugleich Gesamtheit. Die Landschaft, die Menschen und … – Ihr Atem stockte. Sie hatte die nächste Seite aufgeschlagen, und ihr Blick fiel auf einen Himmel, durchzogen von weißen und grauen Wolkengebilden und widergespiegelt in den kurzen, unruhigen Wellen eines breiten Flusses. In der Mitte des Stromes zwei Segelboote.

Sie las den Namen unter dem Bild. Walter Bertelsmann. Dieser Name war ihr unter den berühmten Worps­wedern noch nie aufgefallen.

Lange betrachtete sie das Bild und plötzlich hatte sie das Gefühl, Teil dieser Landschaft zu sein. Sie sah sich am Ufer des Flusses stehen und den Schiffen nachschauen. Kleine Wellen umspielten ihre Füße, und sie spürte den Wind auf ihren Armen.

Inga war beeindruckt. Wenn schon ein kleiner Abdruck in einem Buch so tiefe Gefühle bei ihr hervorrief, wie müsste es dann erst sein, vor einem echten Bertelsmann zu stehen?

»Haben Sie über diesen Maler noch mehr Bücher?«, fragte sie den Antiquar.

»Walter Bertelsmann, warten Sie, ich schau mal eben nach. Soviel ich weiß, gibt es über ihn nicht viel Material, obwohl er in seinem Leben wohl mehr als tausend Bilder gemalt hat.« Nach einem Blick in seinen Computer stand er auf. »Wir haben Glück, ich habe eine Biografie über ihn da, von Thomas Felgendreher. Es ist der einzige ausführliche Band, der über ihn erschienen ist.« Nach kurzem Suchen reichte er Inga das Buch über die Ladentheke.

Inga begann, sich in das Leben des Malers einzulesen, und merkte nicht, wie die Zeit verging. Erst als der nette Herr hinter der mit Büchern vollgepackten Theke ein paarmal verstohlen auf seine Uhr schaute, klappte sie die Seiten zusammen und sagte fröhlich: »Das nehme ich mit. Danke für Ihre Geduld. Und einen schönen Feierabend wünsche ich Ihnen.«

Mit dem Buch unter dem Arm ging sie zurück zu dem Atelier, das ihr seit fünf Monaten als Zuhause auf Zeit diente.

*

Mit einem Ruck drehte sich Inga um.

»Ich werde hinfahren. Ob die Einwohner dort überhaupt wissen, dass ein begnadeter Künstler unter ihnen gelebt hat? Ich finde es hochinteressant, der Spur dieses Mannes zu folgen. Hier habe ich schon einige Bilder von ihm gefunden, aber ich möchte mehr sehen. Außerdem muss es eine aufregende Erfahrung für Walter Bertelsmann gewesen sein, mitten im Winter auf eine kleine Nordseeinsel zu reisen. Ich wette, er hat dort jede Menge gemalt. Da müssten noch Bilder von ihm zu finden sein. Du siehst, es gibt einen guten Grund, genau dorthin zu fahren. Von Sonnenschein, Strand und Wellen mal ganz zu schweigen.«

Außerdem musste sie sich dringend Gedanken über ihre Zukunft machen, aber das behielt sie für sich. Dieses Thema würde Fynn vermutlich nicht sonderlich interessieren.

Fynn hatte es sich auf ihrem Bett bequem gemacht und schaute sie mit einem ironischen Blinzeln an. »Du weißt, dass dein Stipendium hier noch einen Monat läuft?« Sein Deutsch war fast akzentfrei und so fließend, dass sich nur selten dänische Ausdrücke einschlichen. »Die sehen das nicht gerne, wenn einer ihrer Auserwählten den Ort für längere Zeit verlässt, das solltest du eigentlich wissen, und das Wort ›begnadet‹ könntest du vielleicht auch etwas vorsichtiger verwenden. Außerdem habe ich gerade das Gefühl, dass dein unberechenbares Temperament mal wieder mit dir durchgeht. Der Mann und seine Bilder sind morgen doch auch noch da.«

»Ach, Fynn, du hast ja recht, aber ob ich ein paar Tage mal nicht hier bin, das merken die anderen gar nicht, und mit meiner neuen Skulptur komme ich im Moment sowieso nicht recht voran. Nenne es schöpferische Pause, eine Suche nach unseren künstlerischen Vorgängern, oder einfach eine passende Gelegenheit zum … Ach egal, vergiss es.«

»Hör schon auf, ich kann dich doch nicht zurückhalten­.« Sie merkte an Fynns Stimme, wie ihn das Thema nervte. »Aber mecker nicht, wenn es schief geht und die hohen Herren vom Kunstverein dir den Stuhl für deinen schöpferischen Popo vor die Tür setzen.«

»Du kannst einfach sagen, ich wäre krank. Oder ich hätte dringend zu meiner Familie gemusst, falls dich jemand nach mir fragt«, schlug Inga vor, doch Fynn winkte ab. »Außerdem gehören wir zu den letzten Stipendiaten, die hier in diesen Ateliers wohnen. Da werden die sicher ein Auge zudrücken, falls die merken sollten, dass ich mich für kurze Zeit verdrückt habe.«

»Und wenn die ein Auge zudrücken, wird es genug andere Leute geben, die genau das der Tatsache zuschreiben­, dass dein Vater der Stiefbruder vom Direktor ist.«

Inga wurde es schlecht bei diesen Worten, die sie seit ihrer Ankunft verfolgten wie eine Herde Schafe. Nun auch noch Fynn. Hörte das denn nie auf? Sie war doch gut. Was konnte sie dafür, dass ihr die Begabung in die Wiege gelegt worden war, wie so vielen anderen Mitgliedern ihrer Familie? Sie hatte sich ganz normal beworben. Ohne Vitamin B oder geheime Absprachen. Sie konnte auch kaum glauben, dass die Juroren sich von etwas anderem als Talent oder Kreativität der Bewerber in ihrer Entscheidung leiten lassen würden. Selbst Hans Heffgen, eines der ältesten Stiftungsmitglieder, hatte vor ein paar Tagen bei der Betrachtung ihrer kleinen Katzen­skulptur beifällig mit dem Kopf genickt und ›weiter so‹ gemurmelt. In ihrem Inneren wusste sie genau, dass sie etwas konnte. Und dass sie nie mehr in ihrem Leben etwas anderes machen wollte, als an ihren Skulpturen aus Holz zu arbeiten. Allerdings wusste sie auch, dass zum Leben das Geldverdienen gehörte. Wann würde der Rest der Welt endlich ihr Talent erkennen und würdigen? Sie stöhnte laut auf, und Fynn zuckte zusammen.

»Was ist denn nun wieder los? Weißt du was? Komm du erst mal mit dir selbst klar. Dann kannste gerne Bescheid sagen. Bis dahin.« Er hob seine Beine, auf denen die Arbeit an einem großen Acrylgemälde bunte Spuren hinterlassen hatte, aus dem Bett, und im nächsten Moment war er verschwunden.

Versonnen schaute Inga auf die hinter ihm zugefallene Tür. Komisch, dachte sie, wenn man Fynns Bilder betrachtete, könnte man meinen, dass er trotz seiner jungen Jahre das Leben bis in die tiefsten Abgründe begriffen hätte, aber im wirklichen Leben geht sein Tiefgang nicht über nette Gespräche, Partys und coole Sprüche hinaus.

Er hatte mal wieder Reißaus genommen, wie immer, wenn etwas bei ihm unter das Stichwort ›Weibergezicke‹ fiel – und das war eine ziemliche Bandbreite. Sollte er doch gehen. Sie würde jedenfalls nach Baltrum reisen. Obwohl er recht hatte. Sie könnte die Sache auch ruhiger angehen. Aber so war sie nun mal. Bei der Arbeit an ihren Tierskulpturen bewies sie unendliche Geduld, wenn es aber ums tägliche Leben ging … Sie lächelte und öffnete die Tür ihres Ateliers. Ihr Blick fiel auf den Barkenhoff, den ehemaligen Wohnsitz des Malers Heinrich Vogeler. Heute war es ein Museum, und schon oft war sie durch die Räume gestreift mit dem Gefühl, die Anwesenheit der großen Maler der Jahrhundertwende dort noch immer spüren zu können.

Was gäbe ich dafür, hätte ich an einem der Sonntagstreffen oben im weißen Saal teilnehmen dürfen, sinnierte sie. Paula und ihre Freundin Clara Rilke-Westhoff hätten gesungen. Der Rilke seine Gedichte vorgelesen. Die Herren Vogeler und Modersohn ihr Pfeifchen geraucht und intelligent über Malerei gesprochen. Und Hoetger erst, der Mann meiner Skulpturenträume und große Architekt … Er hätte meine Arbeit kritisch und fachkundig begleitet.

Ob wohl auch Walter Bertelsmann manchmal an diesen Sonntagsvergnügen teilgenommen hatte? Immerhin, er war ein Schüler Hans am Endes gewesen, und der war nachweislich Teil dieser schöpferischen Runde.

Bertelsmann ließ sie nicht mehr los. Morgen würde sie noch einmal in den Worpsweder Galerien und Museen nach seinen Bildern suchen, die ihr bisher aus unerfindlichen Gründen nie so recht aufgefallen waren.

Sie schaute auf die Uhr. Halb sieben. Fynn hatte sich offensichtlich für den Rest des Tages beurlaubt. Schade, sie hätte gerne den Abend mit ihm verbracht. Fynn hatte zur gleichen Zeit wie sie sein Stipendium angetreten. Ausgewählt aus Hunderten von Bewerbern, war er aus Kokhave gekommen, einem kleinen Ort in Dänemark. Es hatte zwischen ihnen ziemlich schnell gefunkt. Das hatte sie zumindest am Beginn ihrer Beziehung geglaubt. Inzwischen dachte sie allerdings immer öfter darüber nach, ob er vielleicht nur versuchte, über sie an ihren Stiefonkel heranzukommen.

Schon wieder ein Grund mehr, Worpswede für ein paar Tage den Rücken zu kehren. Außerdem war sie sich sicher, dass ihre Zukunftsplanung viel einfacher sein würde, wenn ihr ein frischer Nordseewind den Kopf frei geweht hatte.

Hunger hatte sie noch nicht, also öffnete sie eine Flasche Rotwein und gab in ihren Laptop das Stichwort ›Baltrum‹ ein. Nach etwa zwei Stunden versunkenen Suchens und Lesens wusste sie es ganz sicher: Da wollte sie hin. Und zwar so schnell wie möglich.

Mittwoch

Gerdjedine Claassen zuckte zusammen. Ein scharfer Pfiff hatte sie in die Wirklichkeit zurückgeholt. »Mensch, Gerdje, bist du vor deiner Wäscheleine eingeschlafen oder was?« Auf dem Nachbargrundstück stand ihre beste Freundin Heidi und schüttete sich aus vor Lachen.

Gerdje war überhaupt nicht nach Lachen zumute. Sie steckte immer noch halb in Gedanken, und es waren keine guten Gedanken, die sie hier beim Abnehmen der Wäsche eingeholt hatten. »Entschuldige, war ganz weggetreten«, murmelte sie und begann, die restlichen Laken und Bettbezüge von der Leine zu holen. Zu ihrem Leidwesen hatte wieder einmal eine Möwe große schwarz-braune Flecken darauf hinterlassen. Immer dasselbe Spiel, dachte sie, die Hälfte muss wieder in die Waschmaschine. Und wieder aufgehängt werden. Und von wem? Natürlich von mir! Wäre das schön, wenn ich die Sachen einfach in einen Trockner stecken könnte, so wie Heidi.

Ihre beste Freundin hatte es da ein ganzes Stück leichter. Aber Hinnerk, ihr Hinnerk, wollte einfach nicht. ›Das war immer so, und das bleibt immer so.‹ Unter diesem Motto stand sein ganzes Leben.

Dabei waren sie beide nicht mehr die Jüngsten. Über fünfzig Jahre vermieteten sie schon ihr Haus. Ihre Eltern hatten es kurz nach dem Krieg gebaut, als der Tourismus wieder erwachte. Als sie bald darauf starben, hatten Gerdje und Hinnerk es mit einem großen Schulden­berg übernommen.

Ihre Kinder Enno und Ingrid lebten längst am Festland. Die Zeit verging in stetig gleichem Rhythmus. Im Winter warteten sie auf die Buchungen der Gäste, im Sommer wurde vermietet. Mal waren die Zeiten gut, mal schlechter, und bis vor drei Jahren hatte ihnen der Kredit für das große Haus im Nacken gelegen. Da war für andere Dinge nichts übrig gewesen. Erst jetzt, wo die Bankschulden endlich abbezahlt waren, konnten sie etwas aufatmen.

»Jetzt können wir auch mal richtig renovieren«, hatte sie zu Hinnerk gesagt.

Aber der hatte abgewinkt. »Bisher hat sich keiner beschwert. Unsere Stammgäste kennen und lieben es so. Das Geld bleibt auf der Bank!«

Das Dumme war nur, dass die Stammgäste aus den letzten Jahrzehnten mit ihnen älter wurden und langsam wegstarben. In der letzten Zeit kam öfter mal eine Karte im schwarz umrandeten Umschlag, und das bedeutete: wieder eine Buchung weniger.

Neue Gäste kamen kaum, und Heidi lag ihr seit Jahren in den Ohren, Zimmer mit Frühstück seien ›out‹. »Fast jeder auf der Insel hat doch sein Haus in Ferienwohnungen­ umgebaut! Wer will denn heute noch Zimmer mit Toilette auf dem Flur?«

Aber was sollte Gerdje machen, wenn Hinnerk partout nicht wollte? »Kommst du mit rein, Heidi? Ich setz’ eben Teewasser auf.«

»Nee, lass man, ich hab gleich Sitzung vom Heimatverein. Außerdem hockt dein Grummelkopp von Ehemann bestimmt wieder in der Küche.«

»Wahrscheinlich hast du recht. Ich bin ja nur froh, dass der immer noch seine langen Strandrunden dreht. So ist er wenigstens mal ein paar Stunden vor der Tür und ich habe meine Ruhe. Weißt du eigentlich, dass der Mann schon seit einem Jahr nicht ein einziges Mal ans Festland gefahren ist? Ach, was sage ich, du kennst ihn ja.« Gerdjedine nahm den Korb mit der weißen Leinenbettwäsche hoch. Zwei Stunden langweiligen Mangelns lagen vor ihr. Bei der spätsommerlichen Wärme keine angenehme Arbeit.

»Dem müsste man mal so richtig auf die Füße treten. So, dass er’s merkt«, rief Heidi hinter ihr her.

»Nun is’ aber gut, Heidi, er ist immer noch mein Mann, auch wenn er manchmal wirklich nicht einfach ist.« Gerdje stieß die alte Holztür des Anbaus auf und stellte in der Waschküche den schweren Korb neben die vorsintflutliche Mangel.

Es hatte damals an ein Wunder gegrenzt, dass sie sich diese Mangel hatte kaufen dürfen. Vorher hatte sie die gesamte Bettwäsche mit dem Bügeleisen bearbeiten müssen. Bis ihre Tochter eingeschritten war und ihrem Vater angedroht hatte, dass ihre Mutter nie wieder ein Stück Wäsche in die Hand nehmen würde. »Um die Gäste kannst du dich dann höchstpersönlich kümmern!«, hatte Ingrid ihn angeschrien.

Sie hatte Gerdje gehörig ins Gebet genommen, bevor sie die Insel verlassen hatte, um am Festland mit ihrem Mann und den Kindern ein eigenes Leben zu beginnen­. »So geht das nicht weiter, du musst dich endlich durchsetzen!«

Gerdje hatte ihr im Stillen zugestimmt. Aber dann war Ingrid weg und sie war geblieben. Genau wie die Schulden und ihr Mann und die Arbeit.

Ein Laken nach dem anderen schob sie in jahrelang eingeübtem Rhythmus durch die Maschine. Eigentlich war Mangeln doch ganz schön. So fürs Nachdenken. Wenn sie was Schönes zum Nachdenken gehabt hätte.

Ingrid hatte sie zum Weihnachtsfest nach Celle eingeladen. »Bei euch ist dann doch nichts los«, hatte sie bei ihrem letzten Anruf gesagt. »Hier wird ein wunderschöner Weihnachtsmarkt aufgebaut. Überall stehen beleuchtete Buden, und es duftet nach Zimt und Mandeln. Viele vorweihnachtliche Veranstaltungen wird es auch geben. Deine Enkel werden da sein, und wir würden uns wirklich freuen, wenn ihr auch kommt. Na ja, zumindest auf dich. Papa, der große Stimmungstöter, steht bei Lena und Jan auf der Prioritätenliste nicht gerade ganz oben.«

Aus Gewohnheit, nicht aus Überzeugung hatte Gerdje­dine widersprochen. Sie wusste genau, dass ihre Enkel es irgendwann aufgegeben hatten, die Liebe ihres Großvaters zu erringen. Inzwischen waren beide erwachsen. Gerdje glaubte nicht mehr, dass sich das Verhältnis der beiden zu ihrem Opa noch ändern würde.

»Keine Ahnung, warum du den Kerl immer noch in Schutz nimmst«, hatte Ingrid gesagt und gleich darauf das Gespräch beendet.

Seitdem kreisten Gerdjedines Gedanken um das Thema Weihnachten. Gut, es war noch genug Zeit zum Überlegen, aber in ihrem Alter … Quatsch, Alter, dachte sie und lächelte fast ein bisschen, weil sie sich wieder mal dabei ertappt hatte, wie sie sich selbst belog. Sicher, sie war gerade über siebzig, aber wer eine ganze Frühstücks­pension bewirtschaften konnte, war auch in der Lage, nach Celle zu fahren. Zumal Lena versprochen hatte, sie mit dem Auto in Neßmersiel abzuholen.

Nein, es ging nicht um ihr Alter, sondern wieder einmal um Hinnerk. Ihr war völlig klar, wie seine Reaktion ausfallen würde. ›Wenn die was wollen, sollen sie herkommen. Und du bleibst auch hier. Kostet alles bloß Geld. Die Preise auf dem Weihnachtsmarkt sind sowieso Wucher. Was hat dieser ganze Heckmeck überhaupt mit Jesus zu tun? Glühwein und Bratwurst, dass ich nicht lache. Können wir auch zu Hause haben.‹

Natürlich könnte sie trotzdem fahren. Aber sie wusste genau, dass sie tief in ihrem Inneren keine ruhige Minute hätte. Das ständige Nachgeben und Stillhalten war in den vielen Jahren ein Teil ihrer selbst geworden. Das schüttelte man nicht mal eben so ab.

Der letzte Kopfkissenbezug wanderte durch die Hitze und kam frisch geplättet wieder heraus.

Immerhin, dachte sie, habe ich noch die Erinnerung an bessere Zeiten, meinen heiß geliebten Garten, und … Sie nahm den Korb mit der gelegten Wäsche und ging ins Haus.

Gerdje schaute auf die Uhr. Gleich würden die Zwillinge Benni und Eva an der Küchentür stehen. Das war so sicher, wie sie den Vanillepudding bereits aus dem Kühlschrank genommen hatte. Immer mittwochs, wenn Brigitte, die Mutter der Kinder, im Frischemarkt aushalf, kamen die beiden zu ihr zum Essen. Und ihr Lieblingsnachtisch war Vanillepudding. Mit Schokosoße. Viel Schokosoße! Aber zuerst gab es ein weiteres Lieblingsgericht der Kinder. Und das hieß nicht etwa Nudeln mit Tomatensoße, sondern Insett-Bohnen-Eintopf.

In einem tiefer gelegenen Teil von Gerdjes Garten wuchsen­ Erbsen, Spinat, Grünkohl, Kräuter und eben grüne Bohnen, die Gerdje nach traditioneller Art als Wintervorrat geschnippelt, in einen Püllpott geschichtet und eingesalzen hatte. Aber seit die Kinder im letzten Herbst ihre Vorliebe für den Eintopf aus Schnippelbohnen­ und Kartoffeln, gekocht mit Mettwürstchen und Speck, entdeckt hatten, war es mit der langen Einlagerung schnell vorbei. Allerdings konnte sie gut damit leben, denn auch Hinrich war ein überzeugter Anhänger der ostfriesischen Küche. Das Mittagessen würde vermutlich der einzige Teil des Tages sein, an dem ihr Mann ihr ohne mürrischen Gesichtsausdruck gegenüber saß.

Die Kinder kannten ohnehin keinerlei Respekt vor seiner Missgelauntheit. Es ging ständig ›Onkel Hinnerk‹ hier, ›Onkel Hinnerk‹ da … ›Kannst du uns mal was erklären?‹ Er spielte mit, vergaß für kurze Zeit, dass er sich im Laufe der Jahre zu einem übel gelaunten Miesepeter entwickelt hatte, und wirkte fast entspannt. Gerdje konnte sich dieses Verhalten nicht erklären, so oft sie auch darüber nachdachte.

Das Telefon klingelte auf dem alten schwarzen Eckschrank im Wohnzimmer. Ihre Enkelin Lena war dran. Sie hielt sich nicht lange mit den üblichen Begrüßungsfloskeln auf. »Oma, ich weiß ja, es ist noch fast vier Monate hin, aber kommt ihr nun zu Weihnachten?«

Gerdje zögerte. »Mädel, du weißt, wie es ist. Lass man eben.«

»Weißt du was, Oma? Ich habe jetzt vierzehn Tage Urlaub. Die werde ich auf einer wunderschönen kleinen Insel verbringen. Ich will stark hoffen, dass ihr für eure Lieblingsenkelin ein Bett frei habt. Und dann schau’n wir mal, ob wir das Ding nicht in trockene Tücher kriegen. Na, was hältst du davon?«

Gerdje schluckte. Ihre Lena. Vierzehn Tage bei ihr. Das wäre wunderschön. Andererseits erinnerte sie sich an Lenas letzten Besuch. Die konnte genau so ein Sturkopp sein wie ihr Großvater. Oft genug waren die beiden an­ein­ander gerasselt, und Gerdje stand jedes Mal dazwischen mit ihren Vermittlungsversuchen.

»Oma, bist du noch dran? Hier spricht deine Verbindung zur Außenwelt!«

»Ja, Lena, wann kommst du denn?«

»Morgen mit der ersten Fähre. Mittags. Holst du mich ab? Bitte, bitte.«

»Natürlich bin ich mit der Wippe am Hafen. Ist doch klar.« Ihre Freude, morgen Lena in den Arm nehmen zu können, wog den Verzicht auf ihren heiß geliebten Mittagsschlaf auf.

Als sie aus dem Wohnzimmer zurück in die Küche kam, saßen Eva und Benni bereits auf der Eckbank und schauten sie erwartungsvoll an. »Tante Gerdje, guck mal, was wir dir mitgebracht haben.« Vier kleine Hände hielten ein Glas mit einer undefinierbaren grauen Masse darin fest umklammert.

»Was um alles in der Welt ist das?« fragte sie und beugte sich dicht darüber.

»Das ist Schlick. Direkt aus dem Wattenmeer. Wir haben heute Morgen ganz früh mit der Schule eine Wattwanderung gemacht.« Ein kräftiger Geruch nach Fisch und Tang unterstrich ihre Aussage. »Und kuck mal, da unten drin, das ist ein Wattwurm. Toll, nicht?«

»Na ja«, sagte Gerdje nachdenklich. »Der Wattwurm ist schon toll. Habe ich ewig nicht mehr gesehen. Früher­ sind wir oft durchs Watt nach Neßmersiel gelaufen. Aber das macht kaum noch einer. Nur die Wattführer mit ihren Gästen. Aber mal ehrlich, glaubt ihr nicht, dass der Wurm in seiner natürlichen Umgebung besser aufgehoben ist als hier in diesem Glas?«

»Klar, Tante Gerdje. Wir wollen ihn nur Onkel Hinnerk zeigen, dann bringen wir ihn wieder zurück.« Ernsthaft nickten die beiden und schauten zu Hinnerk Claassen, der gerade zur Küchentür herein kam.

»Ihr wollt doch wohl nicht alleine ins Watt und den Wurm wieder aussetzen? Kommt gar nicht in Frage. Da gehe ich mit.« Hinnerk nahm das Glas in die Hand und schaute es sich von allen Seiten an.

Gerdje blieb vor Überraschung der Mund offen stehen.Hinrich bot sich freiwillig für etwas an? Sie konnte sich nicht erinnern, dass er jemals mit seinen Enkeln etwas Ähnliches unternommen hatte. Und an noch etwas konnte sie sich nicht erinnern, nämlich dass sie ihren Mann in der langen Zeit, die sie zusammen verbracht hatten, jemals anders als ›Hinnerk‹ genannt hatte. So wie alle ihn riefen, die ihn kannten. Jetzt überraschte sie sich immer öfter damit, dass sie ›Hinrich‹ dachte und sagte, der Name, der in seinem Pass stand und der nur bei offiziellen Anlässen benutzt wurde. Hatte sie sich innerlich so weit von ihm entfernt? Nach all den Jahren?

In den Anfangsjahren ihrer Ehe, als Hinrich ein ganz anderer Mensch gewesen war, da war er mit seinen Kindern stundenlang draußen am Wasser gewesen, so oft es seine knapp bemessene Freizeit erlaubt hatte. Damals war er beim Amt für Küstenschutz für den Buhnen­bau und die Inselsicherung zuständig gewesen. Hatte mit seinen­ Kollegen Strandhafer in den Randdünen­ angepflanzt und Sandschutzzäune aus Birkenreisern aufgestellt. Nach Feierabend hatte er all die Dinge erledigt, die rund ums eigene Haus zu tun waren. Eine Arbeit, die nie ein Ende zu nehmen schien. Bis zu dem Tag, als seine Bandscheibe das ewige Bücken nicht mehr mitmachen wollte. Eine Operation wurde fällig, dann die nächste und nach einem Jahr des Krankseins folgte der Status, den er nie verwunden hatte: Frührentner.

Das hat ihn kaputt gemacht, im wahrsten Sinne des Wortes, dachte Gerdje, aber andere stehen wieder auf. Machen das Beste draus. Er eben nicht. Hat seine ganze Familie verurteilt, sein Frührentnerselbstmitleid zu ertragen, und wundert sich, wenn die dagegen aufbegehrt.

Nur sie selbst hatte eigentlich noch nie so recht aufbegehrt. Mal ein paar Worte, das schon, aber die hatten alles nur schlimmer gemacht. So hatte sie wieder geschwiegen und sich um ihren Garten gekümmert. Dort hatte sie ihre Ruhe.

»Aber erst werden Hausaufgaben gemacht, dann könnt ihr ins Watt.« Gerdje versuchte, Fröhlichkeit in ihre Stimme zu legen, aber so ganz wollte es ihr nicht gelingen. »Das Wasser fällt langsam wieder. Also, was habt ihr auf?«

»Heute nur lesen«, sagte Benni. »Und ein Gedicht auswendig lernen. Die ersten sechs Strophen. Stell dir das mal vor, Tante Gerdje, sechs Strophen! Wenigstens ist es spannend, glaube ich. Es handelt von einem Schiff, das untergeht, mit Menschen drauf. Das heißt Nils Rannda oder so ähnlich.«

»Nis Randers«, verbesserte ihn Eva sofort. Sie war die Bessere in Deutsch, wogegen ihr Bruder in allen Mathefragen zu Hause war. »Krachen und Heulen und berstende Nacht, Dunkel und Flammen in rasender Jagd – ein Schrei durch die Brandung«, Eva hatte sich auf die Eckbank gestellt und deklamierte mit lauter Stimme.

»Aus, Schluss!« Benni hielt sich die Ohren zu. »Lass uns lieber in den Garten gehen und Tante Gerdje helfen«.

Die aber schüttelte den Kopf. »Nichts da, ihr macht Hausaufgaben, ich klare die Küche auf, dann höre ich euch ab, und dann könnt ihr mit Onkel Hinnerk ins Watt. Mein Unkraut gehört mir, da hat kein anderer was dran zu zupfen.«

Benni lachte: »Ist doch klar, wir wollten dich auch nur ein bisschen ärgern. Jeder weiß, dass man in deinen Garten nicht rein darf.«

»Genau so ist das. Mein Garten – mein Heiligtum. Bis auf die Liegewiese. Die ist für alle da. Sogar für unsere Gäste.« Nun musste sie doch lachen, besonders wenn sie an ihre Lieblingswerbung im Baltrum-Prospekt dachte. ›Sonnige Liegewiese‹ stand da immer wieder, und stets fragte sie sich, was der Vermieter wohl machte, wenn die Sonne gar nicht schien, der Gast aber ebendiese ›sonnige Liegewiese‹ einforderte. Solarien aufstellen vielleicht?

»Aber erst einmal werde ich gleich eure Mutter besuchen. Ich muss noch eine Kleinigkeit einkaufen. Also dann, an die Arbeit.« Sie stand auf und räumte das Geschirr vom Tisch auf die dunkelbraune Arbeitsplatte, der man die vielen Jahre des Gebrauchs ansehen konnte. Immerhin hatte Hinrich trotz seines Geizes kapituliert, nachdem Gerdje das Abwaschen des morgendlich anfallenden Geschirrs der Frühstücksgäste von ihm verlangt hatte. »Falls es dein Rücken zulässt«, hatte sie sanft gesagt. Eine Woche später hatte er die Spülmaschine einbauen lassen und konnte wieder seine Rückenschmerzen pflegen.

Nachdem sie ihre Küche so gut es ging auf Hochglanz gebracht hatte, schnappte sich Gerdje ihr Fahrrad, um ihren Einkauf zu erledigen.

Auf der Höhe des Deichschartes beim Haus Oase kam ihr Olga Nammen entgegen. Gerdje stöhnte innerlich auf. Das konnte eine lange Viertelstunde werden.

»Hallo Gerdje, na wo geiht?«, tönte Olgas lautes Organ über den Hellerweg. »Willst einkaufen?«

»Nee, den Hund ausführen«, rief ihr Gerdje entgegen, was Olga abrupt vom Fahrrad springen ließ.

»Hund?«, rief sie und schaute sich verwirrt um. »Ich seh’ keinen Hund. Weiß Hinrich das?«

»Erstens: War’n Scherz. Zweitens: Is mir völlig egal. Sonst noch was?«

Olga Nammen atmete erleichtert aus. »Gott sei Dank, hatte schon Angst … Wieso, völlig egal? Dann ist dir wohl auch plötzlich egal, dass du deinen heiß geliebten Bunker wieder an die Gemeinde zurückgeben musst?«

Gerdje merkte förmlich, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. Kurz meinte sie, ohnmächtig zu werden. Gleichzeitig sah sie ein hämisches Grinsen in Olgas Gesicht aufleuchten.

»Bunker? Was soll das? Außerdem ist das kein Bunker­, sondern ein alter ausgedienter Flakstand aus dem letzten Krieg.«

»Nun tu man nicht so gelehrt, Gerdje, das weiß ich auch. Aber wir haben da ja immer Bunker zu gesagt. Und ändern tut das auch nichts an der Sache, oder?«

Gerdje bemühte sich verzweifelt um Fassung. Olga mochte eine Tratschtante sein, aber meistens steckte ein wahrer Kern in ihren Sprüchen. Jetzt nur keine Schwäche zeigen. Nur keine Neugier.

»Wenn du gar nicht wissen willst, wieso ich das weiß, dann ist es dir ja wohl wirklich egal, oder?« Olga Nammen­ schaukelte fröhlich mit ihrem Oberkörper hin und her.

Noch einmal ›oder‹ und ich brech ihr das Genick, dachte Gerdje.

»Also, das war so. Dein Hinrich war am Strand. Wie jeden Tag. Und mein Okko auch. Auch wie jeden Tag. Irgendwann kamen die beiden ins Gespräch – wie jeden Tag …«

Gerdje verdrehte die Augen.

»Und dann hat dein Hinrich meinem Okko erzählt, dass er beschlossen hat, den Pachtvertrag mit der Gemeinde über den Flakstand« – das letzte Wort betonte Olga deutlich – »nicht mehr zu verlängern. ›Ihre drei Schaufeln kann Gerdje bei uns in den Keller stellen. Kostet­ all’ns bloot Geld.‹ Hat er zu Okko gesagt. Und dass er zum nächsten Ersten kündigen will. Da hab ich aber gleich zu Okko gesagt: ›Wenn das man Gerdje recht ist. Die hängt da doch so dran. An dem Flakstand und ihrem Garten, wo sie doch extra die Tür von dem Unterstand so bunt angemalt hat.‹«

Gerdje war wie vor den Kopf geschlagen. Kaum hörte sie noch die Worte, die unablässig aus Olgas Mund zu sprudeln schienen. »Gerdje, Gerdje, alles klar mit dir? Du süchst ja richtig krank ut. Mach doch wohl all’ns nicht stimmen. Vielleicht habe ich das auch nur verkehrt verstanden. Mensch, Gerdje, nun warte doch eben.«

Aber Gerdje hatte sich auf ihr Fahrrad gesetzt und sauste wie von Furien gehetzt los, immer die Hellerstraße entlang, am Spielteich vorbei bis kurz vor das Hotel Fresena. Im scharfen Bogen lenkte sie ihr Rad durch das Deichschart geradeaus bis zur Schule und ohne rechts oder links zu schauen direkt über die Kreuzung bis zum Insel-Markt. Dann weiter auf denWeg, derunterhalb der Randdünen entlang führte. Zwei Mal war sie knapp davor, einen der Fußgänger zu überfahren, die auf dem Weg zum Strand waren.

Plötzlich versagten ihr die Beine. Gerade schaffte sie es noch, das Fahrrad in die dichten Büsche zu werfen, die den Weg einrahmten, und zu Willys Utkiek hoch zu laufen. Schwer atmend fiel sie auf eine der hölzernen Bänke. Sie presste beide Hände zur Faust geballt auf ihre Brust. Seitenstiche drohten ihr den Atem zu nehmen. Das durfte einfach nicht wahr sein. Würde er das wirklich tun? Ohne sie zu fragen? Er wusste es doch. So vernagelt konnte er nicht sein. Selbst wenn er sich die letzten Jahre für nichts mehr interessiert hatte, was seine Frau anging. Er konnte es einfach nicht vergessen haben. Er wusste, wie sehr sie ihren Garten unterhalb der großen Düne liebte. Ihr Garten, der genau an die hohe Düne grenzte, in die die Flak­station damals kurz vor dem Zweiten Weltkrieg eingebaut worden war.

Nach dem Krieg hatte der Raum jahrelang leer gestanden, bis ihre Eltern ihn gepachtet hatten, um Gartengeräte unterzubringen und alles, was sie gerade nicht benötigten. Als dann an Stelle des alten Insulanerhauses das neue gebaut wurde und Gerdje und Hinrich es irgendwann mitsamt den Gästen übernahmen, war der Pachtvertrag einfach weitergelaufen. Jahr für Jahr hatte Gerdje zwischen dem Haus und der Düne an ihrem Garten gearbeitet. Geschuftet hatte sie. Mutterboden mit dem Sandboden gemischt. Sträucher und Stauden angepflanzt. Wege gezogen und alles mit einer Eibenhecke eingefasst. Sicher gab es Insulaner, die meinten, dass ein parkähnlicher Garten für Baltrum untypisch sei. Sie aber hatte sich davon nicht abbringen lassen. Gerdje hatte sich mit dem Garten einen Traum erfüllt. Und am Ende des Gartens lag unterhalb der Düne der Geräteschuppen, der nun nicht mehr ihrer sein sollte.

Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Sie merkte nicht einmal, dass zwei Gäste den Weg heraufkamen, sie neugierig und verwundert anschauten und dann auf der anderen Seite wieder verschwanden. Und dann war da noch … Nein, sie konnte es nicht zulassen. Sie würde es ihm verbieten. Schlichtweg verbieten. Immerhin hatte sie das ganze Anwesen mit in die Ehe gebracht. Er hatte sich in seinem ganzen Leben nicht um den Garten und den Flakstand gekümmert. Sie konnte die beiden Räume, die vor langer Zeit in den Fuß der Düne gegraben worden­ waren, nicht aufgeben. Sie konnte einfach nicht.

Langsam ließen ihre Seitenstiche nach und ihr Blick suchte das Wasser. Unaufhörlich rollten die Wellen an den Strand. Wie im richtigen Leben, dachte sie. Es geht immer weiter, mal oben, mal unten, und immer muss man rudern, um das Gleichgewicht zu halten, nicht unterzugehen. Und irgendwann kommt die letzte Welle und rollt im weichen Strandsand aus.

Langsam liefen ihr Tränen über die Wangen und tropften­ auf ihre Hose. So saß sie eine lange Zeit und dachte nicht mehr an ihren Einkauf.

Donnerstag

Fynn fuhr Inga mit dem Auto von Worpswede zum Bremer Hauptbahnhof. Nicht, um ihr einen Gefallen zu tun, das war ihr klar, sondern weil er dem Paula-Modersohn-Becker-Museum in der Böttcherstraße einen Besuch abstatten wollte.

Er versuchte allerdings, ihr noch einmal ernsthaft ins Gewissen zu reden. »Du hast wohl vergessen, dass unsere Abschlussarbeiten in der nächsten Woche abgegeben werden müssen.« Süffisant grinste er sie von der Seite an. »Aber so sind meine Chancen, ausgezeichnet zu werden, natürlich noch etwas höher. Tak for det.«

Sie hatte ihm nicht erzählt, dass ihre Lieblingsskulptur, der Leopard mit den wachen Augen, bereits auf dem Tisch der Juroren lag. Sie war glücklich über ihre letzte Arbeit, denn sie hatte genau das aus dem Holz herausarbeiten können, was ihr wichtig erschien. Das Spiel der Muskeln beim Absprung – fast meinte sie, die Bewegung spüren zu können, wenn sie über das warme Holz strich.

Inga machte es sich im Regionalexpress gemütlich. In Norden würde der Bus der Reederei Baltrum-Linie auf sie warten und sie nach Neßmersiel bringen. Und dann noch eine Schifffahrt, dachte sie, so habe ich an einem Vormittag fast alle gängigen Verkehrsmittel durch.

Es war ruhig im Zug. Inga lehnte sich entspannt zurück und dachte an den Mann mit dem mächtigen Schnurrbart und dem ausladenden Künstlerhut.

Sie hatte viel unternommen in den letzten Tagen, um ihrem neu erkorenen Lieblingsmaler näher zu kommen. Sie hatte sich im Internet bei Artprice seine Bilder angesehen, die Biografie gelesen und sich in den Worpsweder Museen und Galerien umgeschaut. In der Käseglocke, einem kleinen, runden, wunderschönen Museum mit außergewöhnlicher Architektur mitten im Wald, hatte sie in einer gläsernen Vitrine Geschirr entdeckt, das von seiner Frau Erna bemalt worden war. Auch vor dem ehemaligen Wohnhaus Bertelsmanns, einem der ältesten Bauernhäuser in Worpswede, hatte sie gestanden, aber nicht den Mut gefunden, die Klingel zu drücken.

Inga hatte auch versucht, etwas über das Baltrum im Jahre 1905 zu erfahren, dem Jahr, in dem Walter Bertelsmann die Insel besucht hatte. Allerdings waren da die Informationen eher mager gewesen. Sie hoffte, direkt auf der Insel mehr herauszufinden.

*

Es war November, als er sich auf den Weg nach Baltrum machte. Ein aufregender Entschluss, denn um diese Jahreszeit gab es die Annehmlichkeiten des gerade erblühenden Tourismus auf der Insel nicht, und die Verbindung dorthin war recht langwierig. Aber er wusste, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Er stieg in Bremen in den Schnellzug, der ihn in die kleine Stadt Norden brachte. Von dort nahm er die ostfriesische Küstenbahn für eine halbstündige Fahrt nach Dornum. Unterkunft fand er im Hof von Ostfriesland.

»Wohin soll Ihr Weg gehen?«, fragte ihn der Hotelbesitzer­ Wilhelm Fokken.

»Ich möchte nach Baltrum, obwohl das Wetter nicht gerade zum Baden einlädt.« Er zeigte auf seinen großen Reisekoffer. »Aber ich habe genügend wetterfeste Sachen dabei. Als Norddeutscher ist man mit Sturm und Kälte vertraut, nicht wahr? Außerdem stecken hier noch viele Mal-Utensilien drin. Sagen Sie, wie komme ich morgen nach Neßmersiel? Von dort fährt doch das Schiff, wenn ich mich richtig informiert habe?«

Fokken nickte. »Ich bin nicht nur Hotelier, sondern auch Fuhrunternehmer hier im Ort. Ein Landauer und eine offene Chaise stehen bei mir im Stall. Damit könnte ich Sie morgen nach Neßmersiel bringen. Ob das Schiff fährt, kommt auf die Wetterlage an. Haben wir Sturm, besonders starken Ostwind, müssen Sie noch ein wenig länger meine Gastfreundschaft in Anspruch nehmen.«

Walter Bertelsmann versprach, am nächsten Morgen gleich nach dem Frühstück reisebereit in der kleinen Hotelhalle zu warten.

Er nutzte die Zeit und schaute sich in dem beschaulichen­ ostfriesischen Ort das Schloss und die alte Kirche mit ihrer prächtigen Orgel an.

Am nächsten Tag wartete er bereits ungeduldig auf seine Kutsche, als Wilhelm Fokken hereinkam. »Sie haben Glück, heute fährt der Postbus nach Neßmersiel, so ersparen Sie es sich, in der kalten Kutsche zu sitzen. Sehen Sie«, er zeigte nach draußen, »dort steht er schon. Er fährt zwei Stunden vor Ablegen des Schiffes los, denn es kann immer sein, dass das Schiff wegen schwankender Wasserverhältnisse etwas früher als im Fahrplan ausgedruckt die Leinen lösen muss. Nun kommen Sie. Ich trage Ihren Koffer.«

Am kleinen Hafen unterhalb des Fährhauses lag das Schiff bereit zur Abfahrt. Er sah, dass außer ihm noch ein paar andere Gäste die Überfahrt antreten wollten. Auch ein wenig Fracht wurde noch geladen. Dann ging es unter Segeln durch einen gewundenen Priel Richtung Wattenmeer. Das Wetter war klar, und bald schon konnte er die Silhouette der Insel mit den kleinen Insulanerhäuschen in der Ferne liegen sehen. Kapitän Eilts, so hatte der Schiffsführer sich vorgestellt, hatte ihm erzählt, dass das Schiff bis zur Buhne M des Schutzwerkes fahren würde, von dort könne man ganz bequem in einem kurzen Fußmarsch die Insel erreichen.

Bertelsmann hatte vor der Reise einen Brief von seinem Vermieter erhalten, der seine Verwunderung darüber zum Ausdruck gebracht hatte, dass jemand mitten im Winter­ Baltrum besuchen wolle. Dennoch hatte der Mann versprochen, ihn an der Buhne abzuholen, und ihm ein Zimmer in seinem kleinen Hotel zur Verfügung zu stellen. Frühstück, Mittagessen und Abendessen wird in der geheizten Küche bereitgestellt, hatte er am Schluss seines Briefes geschrieben. Und mit Hinrich Janssen Küper, Hotelier unterschrieben.

Inga schlug verschlafen die Augen auf. Der Zug fuhr gerade langsam in den Emder Bahnhof ein. Glück gehabt, dachte sie, hätte ich nur ein wenig länger geträumt, wäre ich womöglich erst in Norddeich aufgewacht, und das wäre für meine Reise nach Baltrum ganz bestimmt nicht günstig gewesen.

Den Rest der Fahrt verbrachte sie damit, die Felder und Wiesen zu bewundern, die sich rechts und links des Schienenstranges bis zum Horizont erstreckten. Ab und zu fuhren sie durch einen der kleinen ostfriesischen Orte. Marienhafe las sie. Hatte hier nicht der berühmte Pirat Klaus Störtebeker im Kirchturm gehaust und zusammen mit den Ostfriesen der Hanse die Stirn geboten?

In Norden am Bahnhof stand der Bus schon bereit. Inga machte es sich auf einem Fensterplatz gemütlich. Am Marktplatz stiegen noch einige Leute ein, beladen mit Einkaufstaschen und voll bepackten Rollwagen. Bald entspann sich unter den Zugestiegenen eine angeregte Unterhaltung. Das müssen Insulaner sein, kombinierte Inga messerscharf, denn sie verstand nicht ein einziges Wort. Sie stammte zwar aus Schleswig-Holstein, konnte aber kein Plattdeutsch. Das kann ja heiter werden, dachte sie. Hoffentlich verstehen die mich auf der Insel überhaupt!