Baltrumer Badezeit - Ulrike Barow - E-Book

Baltrumer Badezeit E-Book

Ulrike Barow

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Beschreibung

Unbeschwertes Strandleben an einem warmen, sonnigen Tag im August, was kann es Schöneres geben? Das dachte sich auch Hannes Danner, als er seinen Dienst als Rettungsschwimmer für die DLRG auf der kleinen Nordseeinsel antrat. Nun sitzt er zusammengesunken auf seinem Lieblingsplatz oben auf der Randdüne. Erstochen. Ein neuer Fall für Michael Röder, den Inselpolizisten? Sehr zu seinem Bedauern darf er jedoch nicht ermitteln, denn er ist krankgeschrieben. Noch genau eine Woche. Stattdessen hat seine Frau Sandra für sie beide einen Strandkorb gebucht und besteht darauf, diesen zu nutzen. Röder willigt ein. Natürlich nicht ohne Hintergedanken. Sein Freund und Kollege Arndt Kleemann von der Auricher Kripo übernimmt den Fall und muss schnell feststellen, dass Oberkommissar Peter Zinkel, der zurzeit als Hilfssheriff auf Baltrum ist, als Verdächtiger in Frage kommt.

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Ulrike Barow

Baltrumer Badezeit

Inselkrimi

Zum Autor

Ulrike Barow, 1953 in Gütersloh geboren, lebt mit ihrer Familie im schönen Leer (Ostfriesland) und auf der Nordseeinsel Baltrum. Sie ist gelernte Buchhändlerin. Der erste Kurzkrimi Baltrumer Wintermärchen wurde in der Anthologie Inselkrimis (Leda-Verlag, 2006, TB 2010) veröffentlicht. Dort erschienen auch ihre Kriminalromane, die alle auf Baltrum spielen.

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[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2020

(Originalausgabe erschienen 2017 im Leda-Verlag)

Umschlaggestaltung: Katrin Lahmer

unter Verwendung eines Fotos von: © Axel Jahns/stock.adobe.com

ISBN 978-3-8392-6418-8

Haftungsausschluss

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Ein sonniger Dienstag im August

Ja, klasse. Wieder einmal mal war kein Kaffee mehr da. Dabei hatte Jan gestern den eindeutigen Auftrag erhalten, welchen zu besorgen. Larissa Jakobs schraubte verärgert den Deckel auf die leere Kaffeedose. Dann gibt es eben Tee, dachte sie missmutig und nahm den Pappkarton mit den Beuteln aus dem Schrank. Ein Tag, der mit Tee anfing, war für sie zwar eigentlich nur ein halber, aber sie hatte keine Lust, vor dem Frühstück zum Inselmarkt zu fahren.

Im Flur hörte sie Gepolter. Das war sicher Thomas, der seine Sachen zusammenpackte. Und richtig – die Küchentür schlug auf und Thomas Nottebrock ließ sich auf einen Stuhl fallen. Ihr Kollege trug bereits seine Arbeitskleidung. Das gelbe T-Shirt mit dem roten DLRG-Aufdruck und die roten Shorts passten wunderbar zu seinem langen, blonden, zu einem Pferdeschwanz gebundenen Haar und dem gebräunten Gesicht. Das musste sie einfach zugeben. Natürlich nicht öffentlich. Sie waren zufällig zusammengewürfelte Mitstreiter, die am Strand die Sicherheit zu gewährleisten hatten. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Sie wusste, dass andere Gruppen schon seit Jahren immer in der gleichen Besetzung auf die Insel kamen. Darauf nahm der Einsatzleiter, der in Bad Nenndorf die Dienste zusammenstellte, nach Möglichkeit Rücksicht. Aber die Retter, die zurzeit auf der Insel waren, machten zum ersten Mal gemeinsam Dienst.

Ihren Bericht über den fehlenden Kaffee nahm Thomas mit einem schiefen Lächeln zur Kenntnis. »Ab morgen ist Jan mit der Frühstückszubereitung dran«, sagte er. »Hoffen wir mal, dass er bis dann alles besorgt hat.«

Sie legte einen Teebeutel in jeden Becher und goss kochendes Wasser darüber. Jan und Hannes würden gleich ebenfalls auftauchen. Sie mussten pünktlich am Strand sein, ab zehn war heute offizielle Badezeit.

»Hast du einen schönen Abend gehabt?«, fragte Thomas und rührte in seinem Becher.

Larissa stellte die Plastikschale mit dem Aufschnitt und die Erdbeermarmelade auf den Tisch. »Ging so. Endlich mal etwas Ruhe. Die Party vor zwei Tagen bei den Surfern am Strand hat ja lange genug gedauert.« Es war vorgestern aber auch echt klasse gewesen. Eine laue Sommernacht, die zum Feiern einlud.

Zu Anfang hatte sie mit Thomas am Bierwagen gestanden. Aber bald hatte sie gemerkt, dass ihr der Alkohol zu Kopf stieg, und sie hatte es langsamer angehen lassen. Was hatte sie neulich auf einem Plakat in ihrer Heimatstadt gelesen? Jedes zweite ein Glas Wasser! Genau so hatte sie es gemacht. Dann war Hannes aufgetaucht und hatte sie sehr zu ihrem Erstaunen zum Tanzen aufgefordert. Der ruhige Hannes … Er war kaum wiederzuerkennen gewesen.

Die Veranstalter hatten Holzbohlen auf den Sand gelegt und darüber Gummimatten. Es war also nicht unbedingt ein Profitanzparkett geworden, sie hatte aber schnell gemerkt, dass es auch mit Hannes’ Tanzküsten nicht allzu weit her war. Nach drei Versuchen hatte sie keine Lust mehr gehabt, sich von ihm auf die Füße treten zu lassen. Sie ging zurück zum Bierwagen. Von Thomas war nichts zu sehen, nur ihr angefangenes Bier erwartete sie, abgestanden und bestimmt nicht mehr erfrischend kühl. Sie ließ es stehen und machte eine Runde zur Wasserkante. Langsam und bedächtig. Die Musik, die der DJ auflegte, folgte ihr, immer leiser werdend.

Als sie wieder zurückkam, hatte sich Hannes ein neues Opfer gesucht. Sie kannte das Mädel nicht, sah also keinen Grund, sie davor zu warnen, mit ihm auf die Tanzfläche zu gehen. Zu ihrem Erstaunen harmonierten die beiden jedoch ganz wunderbar. Es sah richtig gut aus, was die da machten. Danach sah sie die beiden gemütlich zusammen im Strandkorb sitzen. Das Nächste, was ihr auffiel, war allerdings, dass sich ein großer, schlanker Typ dem Strandkorb näherte. Larissa hatte das Gefühl, dass die Luft plötzlich vibrierte. Sie konnte zwar kaum mitbekommen, worum es ging, doch dass es nichts Positives war, das spürte sie. Es strahlte etwas von der Haltung des Mannes aus, der Art, wie er sich in den Korb beugte, wie er ungeduldig von einem auf den anderen Fuß trat, das ihr Unbehagen bereitete. Einmal hatte sie sogar das Gefühl, dass der Mann knapp davor war, zuzuschlagen. Dann stand das Mädel auf und verschwand ohne Abschiedsgruß mit ihm in der Dunkelheit.

Hannes war ebenfalls nicht mehr lange geblieben. Auch sie hatte sich kurz darauf verabschiedet. Der Heimweg ins Ostdorf war etwas unheimlich gewesen. Alle Lampen waren bereits aus und der Weg am Rosengarten vorbei kaum erkennbar. Zu Hause angekommen, war sie sofort ins Bett gegangen und in einen tiefen, beinahe traumlosen Schlaf gefallen.

Sie setzte sich zu Thomas, der bereits genüsslich von seiner ersten Scheibe Brot abgebissen hatte. »Ich habe gelesen und bin dann selig eingeschlafen.«

»Mir ging es ebenso. Ich bin einfach weggekippt. Die Tage an der frischen Luft machen sich doch bemerkbar.«

Wie auf Kommando öffnete sich die Küchentür und Jan stand gähnend vor ihnen. Wie jeden Morgen fiel Larissa auf, wie blass und dünn der junge Mann war. Das schmale Gesicht zeigte trotz der langen Sonnentage am Strand keinen Ansatz von Bräune. Das graue Basecap, das er eigentlich nur zum Duschen abnahm – selbst da war sich Larissa nicht sicher – bot wohl genügend Schutz.

»Nein, es ist kein Kaffee fertig«, antwortete sie auf seine ungestellte Frage. »Wenn keiner besorgt wird, gibt es eben keinen.«

Jan Tjarden schaute sie erstaunt an. »Wieso? Ich habe doch welchen mitgebracht.« Er schlurfte zum Küchenschrank und öffnete eine der Türen. Mit gezieltem Griff nahm er ein Paket heraus und zeigte es ihr. »Da!«

Entgeistert blickte Larissa erst auf das Kaffeepaket, dann auf Jan. »Und wieso stellst du das dann hinter die Suppenteller?«

Er zuckte mit der Schulter. »Keine Ahnung. Muss wohl in Gedanken gewesen sein. Soll ich einen Kaffee aufschütten?«

»Mach man. Dann kannst du schon für morgen üben. So viel Zeit muss sein. Hannes ist schließlich auch noch nicht da«, stellte Larissa fest.

Sorgsam löffelte Jan Kaffeepulver in den Filter. »Hannes ist schon weg. Sein Bett ist leer.«

»Der ist weg? Ohne Frühstück?« Larissa hatte, als sie vorhin in die Küche gekommen war, nicht bemerkt, dass sich bereits vorher jemand dort zu schaffen gemacht hatte. Wenn sich einer der Jungs dort Frühstück gemacht hätte, wäre es ihr aufgefallen. Das war mal sicher. In der schon recht betagten Küche der Dienstwohnung, die der Lebensrettungsgesellschaft von der Kurverwaltung zur Verfügung gestellt wurde, sah es meistens aus wie nach einem Kanonenschlag, wenn man einen der Männer allein in der Küche ließ. Und das war kein Vorurteil. Es erstaunte sie immer wieder, welche Formen Salamischeiben annehmen konnten, wenn sie auf dem Küchentisch in der Wärme vor sich hin brüteten. Am meisten störte sie jedoch immer der gebrauchte Kaffeefilter in der Maschine. Keiner der Männer hielt es für nötig, ihn nach dem Durchlaufen des Wassers zu entsorgen. Heute Morgen war kein Papierfilter in der Maschine gewesen. Also konnte Hannes nicht dagewesen sein. Miss Marple ließ grüßen.

»Das ist nicht ungewöhnlich«, erklärte Thomas. »Er ist ja schon etwas länger hier im Einsatz als ihr. Als ihr noch nicht vor Ort wart, ist er häufiger früh raus und ist am Strand lang. Er liebt die Einsamkeit, hat er mir mal erzählt. Was den Kaffee anbelangt – für mich gerne. Der kommt zur Erstversorgung in die Thermoskanne für den Strand. Für den Rest des Tages sorgt dann die Kaffeemaschine im Container.« Thomas blickte auf seine Uhr. »Langsam wird es Zeit. In einer halben Stunde sollten wir spätestens losgehen.«

Es war wie immer. Thomas gab den Ton an und sie folgten. Es hatte sich so ergeben. Gleich am ersten Tag hatten sie einen Surfer aus den Wellen geholt. Es war kein schwieriger Einsatz gewesen. Das Wasser war noch nicht sehr hoch aufgelaufen und der Mann in guter Verfassung. Sie hatten ihm nur ein wenig unter die Arme greifen müssen. Thomas hatte das Kommando übernommen und der Einsatz war reibungslos abgelaufen. Schließlich war er der Wachführer und hatte, obwohl er kaum älter als Mitte zwanzig war, jede Menge Erfahrung. Drei Jahre hatte er in Prerow an der Ostsee Dienst gemacht. Dann hatte er an die Nordsee gewollt und sich für Baltrum beworben.

Jan und sie hatten bereits einige Lehrgänge hinter sich gebracht, die praktische Erfahrung im Küstenwachdienst war für Larissa jedoch Neuland. Im Gegensatz zu ihrem vierten Kollegen Hannes Danner. Der war nicht das erste Mal auf Baltrum und kannte sich bestens aus.

Sie gingen an der Aussichtsdüne und dem Kiefernwäldchen vorbei und bogen am Strandcafé rechts ab. Jetzt, bei strahlendem Sonnenschein, konnte sich Larissa kaum noch vorstellen, warum sie sich an dem Abend nach der Party auf dem Nachhauseweg hier so unwohl gefühlt hatte. Auf der Insel war alles so friedlich. Im Gegensatz zu Frankfurt, der Stadt, in der sie wohnte, wenn sie ihrer Arbeit in dem großen Software-Unternehmen nachging. Sie hatte sich ihren ganzen Urlaub aufgespart, damit sie vier Wochen auf der Insel verbringen konnte. Außerdem war ihr Chef recht großzügig, was Urlaub anbetraf, allerdings sah er auch gerne über geleistete Überstunden hinweg. So glich sich alles wieder aus.

Es war schon richtig was los. Viele Strandkörbe waren trotz der frühen Tageszeit bereits belegt. Thomas öffnete die Tür des weißen Containers, der ihr Stützpunkt war, nahm die niedrigen Plastikstühle heraus und stellte sie genau mittig vom Strandabgang in den Sand. Von dort hatten sie einen guten Überblick und fielen mit ihren rot-gelben Einsatzklamotten den Badegästen sofort ins Auge.

»Es ist genau neun Uhr. Dienstbeginn. Ich fände es sehr gut, wenn Hannes endlich auftauchen würde. Er ist doch sonst so zuverlässig.« Thomas steckte die Rettungsbojen und einen Gurtretter in den Sand und hisste die weiße Flagge mit dem DLRG-Logo. »Wie viel Grad haben wir heute?« Er zog die beiden Rollläden hoch und nahm die Infotafel aus dem Fenster. »Kann ich die Daten von gestern stehen lassen?«

»In den Nachrichten auf NDR Info haben sie heute Morgen gesagt, es soll so sechsundzwanzig Grad werden und sonnig. Windstärke 3 aus West. Also ideales Strandwetter. Noch. Morgen soll es windiger werden.« Larissa schaute sich um. Offensichtlich vertraute nicht nur sie dem Wetterbericht. Vor der Strandkorbvermietung baute sich bereits eine lange Schlange auf.

»Und die Wassertemperatur?« Thomas hatte sich ein Stück Kreide genommen und malte die ersten Zahlen auf die Tafel.

»Ich gehe messen«, sagte sie lachend. Bei wetter-online stand, das Wasser in der Nordsee sei achtzehn Grad warm. Sie vertraute darauf, aber sehr zum Entzücken der Badegäste ging sie jeden Morgen mit einem Thermometer zur Wasserkante und überprüften diese Angaben. Gestern hatte sich sogar ein … wie sollte sie es nennen … ein Fanclub um sie geschart. Die Leute hatten ihre Prognose abgegeben, dann erst hatte sie messen dürfen. Der Sieger war gebührend gefeiert worden.

Sie stapfte durch den weichen Sand bis zur Wasserkante. Diesmal wartete keiner auf sie. Larissa ging ins Wasser, bis es ihr zu den Knien reichte, und steckte das Thermometer in die Nordsee. Jetzt zwei Minuten warten. Sie hatte kein Problem mit der Kälte. Oder Wärme. Je nachdem, wie man es betrachtete. Für Larissa war es okay, bei Wassertemperaturen unter zwanzig Grad eine Runde zu schwimmen. Da war sie relativ abgehärtet. Aber sie hatte durchaus schon erschrockene Schreie von Menschen vernommen, die unversehens bei einem Spaziergang an der Wasserkante zu intensiv mit der Nordsee in Kontakt gekommen waren. Sie zog das Thermometer heraus. Achtzehn Grad. Manchmal erlaubten sie sich den Spaß, ein oder zwei Grad zuzugeben, und sie waren sich ziemlich sicher, dass der eine oder andere auf die Werte vertrauend ins Wasser sprang und gar nicht merkte, dass die Nordsee eigentlich kühler war als notiert.

Ihr Blick fiel auf den Rettungsturm, der einige Meter entfernt vom Container direkt am Strand aufgebaut war. Er schien leer zu sein. Also war Hannes wirklich woanders unterwegs. Oder sollte er womöglich …? Sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf die grün bewachsenen Randdünen. Und tatsächlich schimmerte hinter einem Büschel Strandhafer etwas Rotes hervor. Hannes hatte also wieder seinen Lieblingsausguck besetzt. Sie konnte es nicht begreifen. Erst vor drei Tagen hatten sie eine Diskussion über das Betreten der Randdünen gehabt. Sowohl Thomas als auch sie hatten argumentiert, dass es nun einmal verboten sei, das Gebiet zu betreten. So stand es auch auf Hinweisschildern bei den Strandaufgängen und das aus gutem Grund. Die Dünen dienten dem Schutz der Insel und wenn ausgerechnet eines ihrer Mitglieder sich nicht an die Vorschriften hielt, wie sollte man es dann den Gästen klarmachen, dass sie dort nichts zu suchen hatten?

Hannes hatte sich einsichtig gezeigt, jedoch darauf bestanden, dass man von dort oben den besten Überblick über das Strandgeschehen hatte, es also für ihn einen nachvollziehbaren Grund gäbe, sich auf der Dünenkuppe aufzuhalten. Das müssten die Gäste einfach verstehen. Aber er hatte versprochen, seine Besuche in den Dünen einzuschränken, zumal die Rangerin ihn auch schon darauf angesprochen hatte.

Es stimmte, was Thomas ihr bei ihrer Anreise erzählt hatte: Hannes war eher ein Einzelgänger, aber ein hervorragender Rettungsschwimmer. Bei Einsätzen sei der Mann absolut teamfähig, hatte Thomas betont.

Als sie wieder am Container angelangt war, gab sie Thomas die Daten. »Hannes sitzt übrigens wieder auf der Düne.«

»Vielleicht muss er ja Liebeskummer oder Ähnliches verdauen«, sagte Thomas. »Er wird sich wohl von selbst melden. Und genau genommen hat er nicht unrecht – von dort hat er eine gute Sicht auf den Badestrand. Und wenn etwas passiert, ist er genauso schnell am Einsatzort, als wenn er im Rettungsturm sitzt. Also, fast genauso schnell. Nur, dass es eben verboten ist. Wenn die Badezeit beginnt, bleibe ich im Container und ihr geht an die Wasserkante, okay?«

»Ich übernehme die linke Strandseite«, sagte Jan. »Unterhalb des Strandhotels sehe ich jetzt schon wieder Leute im Wasser. Dass die nicht lesen können! Ist doch gefährlich genug.«

»Ich gehe direkt zum Badestrand, dann kann Hannes dort oben auf seinem Lieblingsplatz ungestört seinem Job nachgehen.« Larissa dachte an die Strandparty. Da war Hannes fröhlich, fast ausgelassen gewesen. Aber sonst war er ruhiger, als es Männer in seinem Alter gemeinhin waren. Anders konnte sie es im Moment für sich nicht beschreiben.

Sie schaute auf die Uhr. Noch eine gute halbe Stunde, bis die Badezeit begann. Ob sie sich die erste Zigarette des Tages gönnen sollte? Sie hatte sich fest vorgenommen, den Konsum einzuschränken. Qualm und frische Nordseeluft passten einfach nicht zusammen.

Gerade, als sie aufstehen wollte, kam ein Mann mit einem kleinen Mädchen an der Hand auf sie zu. »Gibt es bei Ihnen diese Sucharmbänder?«

Larissa nickte freundlich. Sie holte das Armband aus dem Container, notierte die Nummer, die innen eingestanzt war, und schloss es dem Mädchen um das Handgelenk. »Ich hätte gerne Ihre Handy- oder Strandkorbnummer. Ach ja, und den Namen des Mädchens. Bitte schreiben Sie alles hier auf den Zettel.«

»Natürlich«, erwiderte der Mann. »Es ist sicherer so, wissen Sie?«

Ja, deswegen gab es diese Armbänder. Viele Kinder vergaßen beim Spielen Raum und Zeit und plötzlich wussten die Kleinen einfach nicht mehr, wo der Strandkorb der Eltern zu finden war. Schließlich sahen die alle gleich aus – außen weiß, innen bunt gestreift. Den Container der DLRG aber, den kannten alle, und so konnten sie schnell helfen, ohne persönliche Daten des Kindes auf diesem Armband vermerken zu müssen.

Stolz betrachtete das kleine Mädchen sein neues blaues Armband, bevor es sich umdrehte und durch den Sand zum Kletternetz lief.

»Danke«, sagte der Mann. »Einen schönen Tag noch.« Dann eilte er seiner Tochter nach.

Den schönen Tag wünschte sich Larissa ebenfalls. Und dem stand eigentlich auch nichts im Wege. Noch ein paar Minuten, dann würde sie ihre Rettungsboje nehmen und sich vor dem Badestrand in Stellung bringen. Die See war ruhig heute. Es gab kaum Wellenschlag. Sie hatte es in den letzten Tagen durchaus anders erlebt. Zwei Tage nach ihrer Ankunft hatte es kräftig aus Nordwest geweht und das Wasser war ungebändigt an den Strand geschlagen. Sie hatten die gelbe Flagge gehisst. Das hieß: Vorsicht! Doch die meisten hatten die Warnung ignoriert und sich in die Wellen geworfen. Da hieß es doppelt aufpassen.

»Wann reist noch mal die Neue an?«, wandte sie sich an Jan, der in sein Handy vertieft war.

Unwillig schaute er auf. »Ich denke, morgen Mittag mit der Fähre.«

»Dann bekomme ich also Einquartierung in meinem Zimmer. Vorbei ist’s dann mit dem Luxusleben«, seufzte Larissa.

»Was soll ich denn sagen?!«, erwiderte Jan schlecht gelaunt. »Wenn ihr ein bisschen Ordnung haltet, ist das doch kein Problem. Wenn ihr allerdings einen Verweigerer wie Hannes aufnehmen müsstet, dann wäre das weniger nett. Der hat, glaube ich, seit er hier ist, nicht einmal sein Bett gemacht. Das liegt abends so da, wie er es morgens verlassen hat. Und abends kriecht er da wieder rein. Und so, wie ich mich nach außen gebe, so sieht es in mir drin aus, oder nicht?«

»Aha …« Larissa grinste. »Dagegen bist du der große Aufräumer, was?«

»Na, ja …«, zögerte Jan, »nicht immer, aber meistens. Zumindest, wenn ich das Zimmer mit einem anderen teilen muss. Ich sorge für Ordnung. Genau wie hier am Strand.«

»Dann nimm aber heute dein Funkgerät mit, du Freund der Ordnung«, lachte Thomas. »Nicht so wie gestern, da lag es …«

»Schon gut«, unterbrach Jan den Wachführer. Er holte das kleine, schwarze Gerät aus dem Container und verschwand, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Mürrisch schaute Michael Röder in den Badezimmerspiegel. Was er dort sah, bestätigte seine Überzeugung, dass ihm nichts fehlte und er seinen Dienst ohne Probleme ableisten könnte. Die dunklen Ringe unter den Augen waren verschwunden, die Wangen nicht mehr eingefallen, und er fühlte sich so fit wie vor der Lungenentzündung, die ihn einige Wochen aus dem Verkehr gezogen hatte. Auf den letzten Röntgenaufnahmen hatte der Arzt am Festland nichts Negatives feststellen können.

Er wollte endlich wieder arbeiten! Aber sie hatten sich alle gegen ihn verschworen. Seine Frau, sein Chef, und die Inselärztin Ellen Neubert. Und auch die Kollegen! Eines hatten ihn die letzten Wochen gelehrt: Kranksein war schon lästig genug, aber noch lästiger war, dass plötzlich alle meinten, über ihn bestimmen zu können.

»Michael! Das Frühstück ist fertig. Kommst du?«

Ja, er kam schon. Was hetzte sie so? Er musste nicht zum Dienst. Auf der kleinen Wache saßen zwei Kollegen vom Festland und teilten sich die Arbeit. Seine Arbeit!

Er nahm Jeans und Hemd vom Hocker und zog sich an. Sehnsüchtig fiel sein Blick auf den Kleiderschrank, in dem sich seine Uniform ausruhte, dann riss er sich zusammen und ging hinunter in die Küche.

»Wie geht es dir?«, begrüßte ihn Sandra mit einem fröhlichen Lächeln. Amir, ihrer beider Heidewachtel, gab ein leises Knurren von sich.

»Danke. Habe bestens geschlafen«, erwiderte er mit Nachdruck. »Kein Husten, kein Wachliegen – du siehst, mir geht es gut.«

»Wunderbar. Du siehst viel besser aus als gestern. Kaffee?«

Er nickte. Gestern hatte er natürlich auch schon gesund und munter ausgesehen. Aber wenn sie meinte … Dann hätte sie doch bestimmt nichts dagegen, wenn er wenigstens wieder stundenweise seinen Dienst versah.

»Hast du heute schon was vor?« Sandra schob den Korb mit den Brötchen zu ihm herüber und blickte ihn erwartungsvoll an.

Verwirrt nahm er sich eines und überlegte. Vielleicht hing die Beurteilung seines Gesundungsfortschritts von der richtigen Antwort auf ihre Frage ab. Er würde vermutlich im Wohnzimmer rumsitzen. Genau wie in den letzten Tagen, nachdem seine beiden Kollegen jeglichen Versuch seinerseits abgeblockt hatten, sich in deren Arbeit einzuklinken. Dabei hatte er es nur gut gemeint! Er versuchte einen neuen Ansatz. »Ich werde einen Spaziergang machen. Mit Amir. Kann nicht schaden, ein wenig an die Luft zu gehen.«

Sandra strahlte. »Das stimmt. Ich habe da übrigens eine Idee.«

Er hätte es sich denken können. Ihre Fragen waren selten einfach nur Fragen. Sie hatten einen Grund.

Sie zeigte aus dem Küchenfenster. »Siehst du den blauen Himmel?«

Ja. Sah er. Und?

»Pass auf: Du bist noch eine Woche krankgeschrieben, oder?«

Natürlich. Aber was hatte das mit dem blauen Himmel zu tun? Er hatte keine Ahnung, aber sie würde es ihm gleich erklären.

»Der Wetterbericht sagt, dass es um die fünfundzwanzig Grad werden soll. Also ist es ein Jammer, hier im Haus zu bleiben. Darum habe ich den Vorschlag, dass wir uns einen Strandkorb mieten und uns einmal wie Urlauber auf dieser Insel bewegen. Was hältst du davon? Wir packen eine Badetasche, ziehen kurze Hose und T-Shirt an und gehen zum Strand.«

Seine Zähne verkrampften sich im Brötchen. Was hatte Sandra gerade gesagt? Waren da Worte wie ›Strandkorb‹, ›Badetasche‹ und ›kurze Hose‹ im Text gewesen? Das war nicht wahr, oder? Hatte ein Fieberwahn ihm diese Worte eingegeben? Er musste sich dringend wieder hinlegen.

»Was meinst du, Amir? Eine schöne faule Woche am Hundestrand mit Bällchenjagen, Apportieren und Schwimmengehen«, hörte er Sandras Stimme aus weiter Ferne.

Die Sache mit dem Fieberwahn konnte er vergessen. Es war die gnadenlose Realität. Wie kam er da wieder raus? Er überlegte, dann atmete er auf. »Es ist Hauptsaison. Wir bekommen niemals einen Strandkorb. Die sind alle ausgebucht, so voll, wie die Insel jetzt ist.«

»Keine Sorge. Ich habe mit Annelie von der Strandkorbvermietung gesprochen. Ein Gast hat abgesagt und sie hat den Korb für uns reserviert. Wir müssen nur vorbeigehen und bezahlen.« Genussvoll legte sich Sandra eine Scheibe Schinken auf ihr Brötchen und biss hinein. »Und bevor du fragst: Eben, als ich beim Bäcker war, habe ich unsere Ärztin getroffen. Ellen hat sich deine Werte angesehen und gesagt, deine Lungenentzündung ist ausgeheilt und du bist jetzt schon wieder so weit fit, dass dir eine Woche Strandleben sehr gut bekommt. Wenn es nicht zu heiß wird und du dich schonst. Dein Körper wird dir schon mitteilen, wenn er Ruhe braucht, hat sie gemeint. Diese letzte Woche diene wirklich nur noch zur Erholung.«

Die steckte also ebenfalls hinter dem Plan. Es würde ihn nicht wundern, wenn Sandra auch mit seinem Chef am Festland Kontakt aufgenommen hätte, um die Sache wasserdicht zu machen.

»Wille und Joachim haben bestimmt auch nichts an deiner Abwesenheit auszusetzen.« Jetzt sah ihr Lächeln ein wenig boshaft aus. »Geh man gleich rüber in die Wache und verabschiede dich bis heute Abend.«

»Darf ich wenigstens erst zu Ende frühstücken?« Er wusste, Widerstand war zwecklos.

»Aber gerne. Ich packe derweil die Tasche mit dem Proviant.«

Jetzt war ihm klar, warum mehr Brötchen als sonst in dem Korb gelegen hatten. Alles war bereits bis aufs Kleinste von ihr geplant gewesen. Er musste sich wirklich keine Gedanken darüber machen, ob ein wenig mehr Gegenwehr seinerseits das Projekt zum Scheitern gebracht hätte. Er hatte von vorneherein keine Chance gehabt.

Er ließ sich extra lange Zeit mit dem letzten Schluck Kaffee, derweil Sandra genau das machte, was sie angedroht hatte.

Sie stellte die Kühltasche auf den Küchentisch, packte eine Flasche Mineralwasser hinein und legte ein paar Äpfel dazu. »Was meinst du? Sollen wir ein paar Kekse mitnehmen? Was fehlt noch? Etwas zum Mittagessen …?« Sie gab sich sofort selbst die Antwort. »Quatsch. Wir sind am Hundestrand und gleich in der Nähe ist Stark’s Strandladen. Wir machen es wie richtige Urlauber und essen dort etwas. Okay?«

Was sollte er sagen? Es war doch sowieso bereits beschlossene Sache. Er stand auf. »Ich gehe mal. Damit ich dich nicht beim Packen störe. Vergiss die Brötchen nicht.«

»Mit Schinken oder Käse?«, rief seine Frau hinter ihm her, als er den Flur entlang zu dem kleinen Wachraum ging. Er antwortete nicht. Auch auf »Leg schon mal deine Badehose raus« verweigerte er die Aussage.

Seine beiden Kollegen, Wille und Joachim, schauten kaum auf, als er hereinkam. Sie starrten auf den PC-Bildschirm.

»Guten Morgen, die Herren«, versuchte er, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. »Was gibt’s denn so Wichtiges?«

»Ein Zechpreller soll sich auf den Ostfriesischen Inseln rumtreiben«, sagte Joachim Zinkel, der junge Oberkommissar, der normalerweise seinen Dienst in Hannover versah und als Hilfssheriff auf die Insel versetzt worden war. »Besser gesagt: ein Pärchen. Ist wohl immer die gleiche Masche. Sie geben sich nett und freundlich, fragen, ob zufällig ein Zimmer frei ist, bezahlen für eine Nacht, um die Hoteliers in Sicherheit zu wiegen, und sind am vereinbarten Abreisetag einfach verschwunden. Die Hoteliers haben sich bereits untereinander verständigt. Aber wir sollten auf jeden Fall ein Auge drauf haben.«

»Habt ihr eine Beschreibung?«

Joachim beäugte ihn kritisch. »Gehe ich recht in der Annahme, dass du krankgeschrieben bist?«

Irgendwie beschlich Röder das Gefühl, dass bei der Frage des Mannes, der auf seinem Platz saß, nicht etwa die reine Fürsorge im Vordergrund stand, sondern der knallharte Hinweis darauf, dass der die Angelegenheit selbst zu übernehmen gedachte. Joachim wollte sich doch nur möglichst lange auf der Insel unentbehrlich machen. Immerhin hatte man ihn, wenn man dem Insel tratsch glauben durfte, in den knapp vierzehn Tagen, die er hier weilte, bereits mehrfach händchenhaltend mit einer jungen Frau gesehen. »Man wird ja wohl fragen dürfen.«

»Sei nicht beleidigt. Ich erzähle es dir. Sozusagen als Wiedereingliederungsmaßnahme in den Beruf«, lächelte Wille, der mit bürgerlichem Namen Wilfried Weerts hieß und aus Norden zu ihnen gestoßen war.

Röder mochte den Kollegen, der ihn während seiner Krankheit vertreten hatte. Wille ging jede Situation ruhig und gelassen an, zeigte sich aber hartnäckig, wenn es darum ging, Licht in verworrene Situationen zu bringen.

Wille strich über seine beginnende Glatze. Das tat er häufig und behauptete stets, es steigere seine Konzentration. »Auch wenn dein Berufsleben frühestens in einer Woche wieder beginnt. Setz dich und hör zu. Der Mann ist groß, ungefähr ein Meter achtzig, hat schwarze, kurze Haare und sieht sportlich aus. Alter: etwa Mitte dreißig. Er nennt sich Enrico Haller. Die Frau soll Anfang dreißig sein, hat lockige blonde Haare, ist ebenfalls recht groß und ist schwanger.«

»Name? Adresse?« Die hatten doch bestimmt eine Anmeldung zur Kurtaxe ausfüllen müssen. Allerdings wusste Röder nicht genau, wie das auf den anderen Inseln lief.

»Da haben wir was«, bestätigte Joachim. »Sie haben als gemeinsame Adresse Balthasarring 45, 37456 Mölln angegeben. Nach unserer Recherche gibt es diese Straße dort aber gar nicht und die Postleitzahl ist auch verkehrt. Aber das ist keinem rechtzeitig aufgefallen. Was wir wissen, ist, dass sie sich auf Langeoog einen Strandkorb gemietet haben. Ein Hotelier dort hat sie mal in so einem Ding gesehen, bevor die beiden abgehauen sind.«

In Röder rotierte es. Zum zweiten Mal hörte er an diesem frühen Morgen das Wort ›Strandkorb‹. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, ging ihm durch den Sinn, bevor er sich verabschiedete. Irgendwie fühlte er sich überflüssig, als ihm seine Kollegen nur kurz zunickten und sich dann sofort wieder dem Computer zuwandten. Er hatte keine Lust mehr, den beiden von Sandras Tagesplan zu berichten. Zumindest ein paar gute Wünsche hätten sie ihm auf den Weg mitgeben können.

Immerhin hatte jetzt sein Strandurlaub einen Sinn. Er würde die Augen offenhalten. Vielleicht erwischte er die beiden Zechpreller. Falls sie sich überhaupt auf Baltrum aufhielten. Aber die Möglichkeit bestand.

»Hast du deine Badehose gefunden?« Sandra räumte mit hektischem Griff in der Schublade des Schlafzimmerschrankes ihre Socken von links nach rechts. »Hier, genau hier lag immer mein Ersatzbikini. Wo ist der, verdammt noch mal?«

»Nun mal langsam«, versuchte er sie zu beruhigen, »wir haben den ganzen Tag Zeit.«

»Aber die Morgengymnastik fängt gleich an. Wir haben doch beschlossen: Wenn schon, dann richtig.«

Röder konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken. »Du kannst gerne vorfahren. Ich packe derweil in Ruhe und folge dir. Bestimmt.«

»Ach was.« Sandra zog ein lila-grün gestreiftes Höschen aus der Schublade. »Jetzt brauche ich nur noch das Oberteil, dann kann es losgehen. Handtücher, Sonnenmilch, Badeanzug, alles dabei.«

»Sogar meine Badehose.« Kritisch betrachtete Röder das schwarze, labberige Ding, das er seit bestimmt zehn Jahren nicht mehr angehabt hatte. In seinen allerersten Jahren auf Baltrum hatte er sich hin und wieder dazu hinreißen lassen, in der Nordsee zu baden. Er erinnerte sich genau an seine letzte tiefergehende Berührung mit dem kühlen Nass. Er hatte damals gerade nach erholsamem Schwimmen das Wasser verlassen wollen, als ein Krebs seinen großen Zeh umklammert und eine ganze Weile nicht mehr losgelassen hatte. Der Gedanke an den Schmerz verfolgte ihn bis heute. Er war sich ziemlich sicher, dass diese Hose in der ihm verordneten Strandwoche keinen Wasserkontakt bekommen würde.

Sandra nahm die Tasche vom Bett und warf sie sich über die Schulter. »Gehen wir zu Fuß und beim Strandhotel runter an den Strand, oder fahren wir zur Mehrzweckhalle und stellen dort unsere Räder ab? Da sind wir gleich bei der Strandkorbvermietung. Also mitten im Geschehen.«

»Lass uns fahren.« Eigentlich war es ihm egal, doch wenn er genau nachdachte … Es konnte eigentlich nicht schaden, ein Fahrrad vor Ort zu haben. Immerhin war es möglich, dass seine Kollegen ihn brauchten, und so wäre er schneller zurück.

»Okay. Jetzt fehlt nur Amir, dann kann es losgehen.«

Sandra schien sich wirklich auf den Tag zu freuen, so fröhlich, wie sie aussah. Er würde ihr die gute Laune nicht verderben. Vielleicht war es tatsächlich ganz nett dort im Sand. Obwohl er sich das eigentlich zwischen solchen Menschenmassen nicht so recht vorstellen konnte. Wenn überhaupt, wäre er lieber ganz in den Osten der Insel gegangen, wo sich normalerweise kaum jemand aufhielt. Das hatte natürlich wieder den Nachteil der schlechten Erreichbarkeit. Nein, es war schon gut so. Auf zum Strand. Schließlich hatte er einen Auftrag zu erfüllen. Enrico Haller. Er hatte sich die Beschreibung des Mannes und seiner Gefährtin auf dem Handy notiert.

»Michael? Dass du mir nicht auf die Idee kommst, Handy und Dienstmarke mit an den Strand zu nehmen. Wir sind einfache, stinknormale Urlauber.«

Verdammt. Manchmal schien es ihm, als hätte Sandra übersinnliche Fähigkeiten. Aber das hier konnte sie ihm nicht verbieten. Er hatte beides eingesteckt und er würde es auch nicht wieder rauslegen. Er war vielleicht nicht hundertprozentig fit, sondern nur zu achtundneunzig Prozent. Aber nicht blöd.

Amir zog fröhlich an der Leine, als sie beim Strandcafé links abbogen und ihre Räder auf dem neuen Fahrradparkplatz abstellten. Hier war der Weg noch gepflastert, ein paar Meter weiter wartete bereits der feine, weiße Sand auf sie. Sandra zog ihre Schuhe aus und ihm blieb wohl auch nichts anderes übrig.

»Ich kümmere mich um den Korb, nimm du Amir.«

Mit dieser Aufteilung konnte er leben. Er setzte sich auf die Bank vor dem Container der DLRG und betrachtete das Treiben. Beinahe jeder Korb war belegt. Der eine oder andere Bewohner hatte eine Strandburg drum herum gebaut und mit Muscheln geschmückt, die meisten Körbe standen aber einfach im Sand, in wohliger Gemütlichkeit benutzt von ihren Mietern.

In einem Korb rechts von ihm sah er eine Frau in ein Buch vertieft. Ihre Haut hatte dort, wo sie nicht von einem weißen Bikini mit Spitzenbesatz bedeckt war, die Farbe einer überreifen Tomate angenommen. Das wird sicher ein Fall für die Ärztin, dachte er, zumindest jedoch für die Apotheke. Etwas weiter zog ein Mann mehrere Flaggen an einer langen Bambusstange hoch. Röder erkannte eine blau-gelbe Baltrumflagge, darunter eine schwarze mit einem Piratengesicht und als letztes eine rot-weiße Flagge mit einem Schlüssel darin. Aha, ein Gast aus Bremen, schloss er messerscharf.

»Entschuldigung!« Eine Stimme schreckte ihn aus seinen Betrachtungen.

»Entschuldigung, aber Sie dürfen hier nicht mit Ihrem Hund sein. Der Hundestrand ist weiter hinten. Beim nächsten Strandabgang.« Der junge Mann mit dem gelben T-Shirt zeigte dorthin, wo sich so ungefähr das Ende des Strandes befand.

»Sagen Sie mal …!« Widerworte lagen ihm auf der Zunge, doch er riss sich zusammen. Der Mann hatte recht. »Wir gehen gleich. Meine Frau besorgt nur gerade den Strandkorb.« Er zeigte zu dem weißen Häuschen auf der anderen Seite des Strandabganges.

»Alles klar«, erwiderte der Mann. »Es ist nur, wenn einer anfängt, zieht das Kreise. Ich habe ja eigentlich nichts zu sagen. Aber wenn jemand vom Ordnungsamt das sieht, gibt es Ärger. Nicht, dass Sie noch festgenommen werden.« Der Rettungsschwimmer ließ sich lachend auf einen der Plastiksessel fallen, die im Sand steckten.

Meine Güte, was kam sich der Knabe mit dem Pferdeschwanz wichtig vor. Als ob die Polizei nichts Besseres zu tun hatte. Röder konnte sich zumindest nicht an einen Fall erinnern, wo er einen Hundebesitzer des Feldes verwiesen hätte. Ein Glück, dass Sandra in diesem Moment kam.

Sie winkte mit einem Zettel. »Korb hundertneunundsiebzig! Auf geht’s.«

Laut, so dass der Rettungsschwimmer es mitbekommen musste, setzte er sie davon in Kenntnis, dass sie mit Amir nicht etwa zu Fuß den Bohlenweg zwischen den Strandkörben zum Hundestrand nehmen dürften. Nein, sie müssten zurück zu ihren Rädern und zum nächsten Strandabgang bei Stark’s Strandladen fahren. Dort wäre es Amir gestattet, den Sand zu betreten!

Ungläubig schaute sie ihn an. »Echt jetzt?«

»Echt. Es ist eben alles genau geregelt. Also komm.«

»Aber hier beginnt gleich die Gymnastik.« Sandra hatte sich nicht vom Fleck gerührt. Nur Amir schien die Situation zu genießen. Er schnüffelte an einem der Plastikhocker, während er von einigen vorbeischlendernden Gästen kritisch beäugt wurde.

Langsam wurde Michael Röder sauer. »Wir sollten uns hier verdrücken.« Vielleicht ein wenig zu energisch stupste er seinen Ellenbogen in Sandras Rücken. »Ich kann mit Amir auch nach Hause gehen. Dann kannst du deine Glieder verrenken, solange du willst.«

»Okay. Lass uns fahren. Aber vorher muss ich meine Schuhe anziehen. Höhenweg oder untenrum?«

»Wir fahren untenrum, da ist mehr Platz«, beschloss er.

Sie radelten zurück, am Strandcafé vorbei und bogen ab Richtung Rosengarten. Hinter dem Kiefernwäldchen ging es dann links ab wieder zum Strand. Ein paarmal mussten sie scharf bremsen, um nicht mit einem der Fußgänger zu kollidieren, die ebenfalls auf dem Weg zum Wasser waren. Wieder stellten sie die Räder ab.

»Moin, Herr Kommissar.« Der Besitzer der Imbissbude wischte draußen vor dem Eingang einen der Tische ab. »Urlaub? Und das in der Hauptsaison? Na, ja, auch ein Bulle muss mal frei haben, oder?«

Das hatte ihm gerade gefehlt. Nicht nur, dass er das Wort ›Bulle‹ hasste, nein. Er wollte nicht auffallen, sondern inkognito den Tag genießen, wenn er ihn schon unter Hunderten von urlaubssüchtigen Hundebesitzern verbringen musste und nicht zu Hause auf dem Sofa faulenzen durfte. »Muss er, muss er«, erwiderte er knapp, nahm Amir kürzer und stapfte los. Das konnte heiter werden.

»Schau mal, da ist er.« Energisch stapfte Sandra durch den Sand, grüßte freundlich nach links und rechts, entfernte das Absperrgitter und ließ sich in den Korb fallen. Er wollte zwar nicht, musste jedoch zugeben, dass es gemütlich aussah, so, wie sie dort lag, die Augen geschlossen. Mit einem tiefen Seufzer setzte er sich neben sie. Enrico Haller konnte warten.

Fröhliches Kinderlachen holte ihn aus tiefstem Schlaf. Wo war er? Er blinzelte vorsichtig, gähnte und setzte sich mit einem Ruck auf.

Vor ihm stand ein Junge mit einer grünen Badehose. »Schwitzt du nicht?«, fragte der Kleine lachend.

Michael schaute an sich herunter und fühlte gleichzeitig ein warmes Rinnsal, das sich zwischen Haut und dem langärmeligen Hemd gebildet hatte. »Geht so«, antwortete er müde.

»Dann musst du eine Badehose anziehen. So wie die anderen.«

»Paul, lass den Mann in Ruhe. Hier kann jeder tragen, was er möchte«, hörte Röder eine helle Stimme aus dem Nachbarstrandkorb.

»Darf ich mal deinen Hund streicheln?«, fragte der Junge unbeirrt weiter.

Röder nickte. »Darfst du. Aber dann muss ich mich tatsächlich mal umziehen.«

Der Junge bückte sich, fuhr Amir leicht über den Rücken und lief davon.

Röder überlegte. Umziehen? Hier im Strandkorb? Er war bestimmt nicht prüde. Aber die anderen? Sein Blick fiel auf einen mannshohen viereckigen Metallkasten. Natürlich. Die Umkleidekabine. Er suchte in der Tasche nach seiner Badehose. Wo war eigentlich Sandra? Egal. Seine Hose fand er neben dem Sonnenspray. Vermutlich war es besser, sich einzureiben, wollte er nicht abends verbrannt wie ein zu lange gegrilltes Hähnchen bei seinen Kollegen auftauchen.

Er schnappte sich Amir, der freudig aufsprang, zog in der Kabine Schuhe, Hose, Hemd, Socken und Unterhose aus und stieg in seine Badehose. Die restlichen Sachen knuddelte er zusammen und brachte sie zurück zum Korb.

Warum war Sandra immer noch nicht zurück? Er schaute über den Strand. In der Ferne sah er das Sportpodest, darum herum einige Köpfe, die sich im Gleichtakt bewegten. Natürlich, dort hatte sie hingewollt. Um nichts in der Welt würde er sich denen anschließen. Überhaupt war bei dieser Wärme alles, was mit Bewegung zu tun hatte, überflüssig, aber das sah sein Hund sicher anders. Amir zog ungeduldig an der Leine, bereit, loszusprinten.

Der kleine Junge, den seine Mutter Paul gerufen hatte, schaufelte gerade ein tiefes Loch. »Hilfst du mir?«

»Ich muss mit Amir einen Spaziergang machen. Der wartet schon sehnsüchtig darauf. Amir, auf geht’s!« Michael ging zur Wasserkante, dann bog er rechts ab. Er löste die Leine und warf ein Holzstück ins Wasser. Übermütig sprang der Hund hinterher.

Einige Gäste ließen Drachen steigen und er passte auf, dass er nicht in die Schnüre geriet. Natürlich. Hinter dem Hundestrand war der offizielle Drachenstrand. Es waren tolle Modelle darunter. Eines in Form eines feuerspeienden Ungeheuers gefiel ihm besonders gut. Es zuckte und wand sich wie ein lebendiges Wesen vor dem blauen Himmel.

Je weiter er zum Osten der Insel kam, desto ruhiger wurde es. Ein paar Gäste schlenderten ihm entgegen, bückten sich immer wieder, um ganz besonders hübsche Muscheln zu sammeln, oder liefen mit aufgekrempelter Hose durch die leichte Dünung. Einige saßen vor kleinen Zelten und ließen sich ein Getränk schmecken. Tagesgäste, vermutete Röder. Das Schiff war bereits am frühen Morgen gekommen. So hatten die Gäste, die am Festland Urlaub machten, einen herrlichen Inseltag vor sich.

Nun ertappte er sich doch tatsächlich dabei, die Situation zu genießen! Er spürte den warmen Sand zwischen den Zehen, den leichten Wind auf der Haut und die Sonne, die ihn hier an der Wasserkante nicht zu warm einhüllte.

»Hallo, Herr Kommissar!«

Röder schreckte auf. Vor ihm hatte sich ein Mann aufgebaut, den er nur zu gut kannte. Eberhard Fischer. Der Urlauber, der an allem was zu meckern hatte und ihn mit schönster Regelmäßigkeit auf der Wache aufsuchte, um seinem Unmut über das Fehlverhalten von Gästen und Insulanern Luft zu machen. Der hatte ihm gerade noch gefehlt. Fischer kam mindestens fünfmal im Jahr für längere Zeit auf die Insel und ging allen auf den Sack. Anders konnte man es nicht beschreiben. Sogar seiner Vermieterin. Mette Meyer. Darauf angesprochen und gebeten, Fischer nicht mehr aufzunehmen, hatte sie aber nur erwidert: »Wenn ich ihn nicht nehme, nimmt ihn ein anderer. Erstens bringt er gutes Geld, und zweitens hat er manchmal recht mit seinen Ansichten. Also, was soll’s.«

»Na? Auf Urlaub? Alle Übeltäter in der Zelle?«

»So ist es.« Röder würde ihm nicht erzählen, dass er krankgeschrieben war. Das ging den Typen nichts an und hätte nur wieder einen zynischen Spruch zur Folge gehabt.

Er wollte sich an ihm vorbeischieben, doch Fischer verstellte ihm mit seiner mächtigen Figur den Weg. »Herr Röder … wo Sie nun schon mal da sind – da hinten in den Randdünen, da liegen lauter Leute rum. Nackt. Was mir egal ist. Aber die dürfen da nicht liegen. Unternehmen Sie mal was.«

Röder stöhnte. »Herr Fischer … das ist Aufgabe der Rangerin. Sprechen Sie mit ihr.«

»Habe ich bereits, aber bis jetzt hat die offensichtlich nichts unternommen. Und überall lassen die ihren Müll liegen.« Eberhard Fischer zeigte auf eine prall gefüllte große Tüte. »Das habe ich in nur einer halben Stunde gesammelt. Am Strand hier und in den Dünen. Das ist doch nicht normal.«

Röder wusste, dass mit jeder Flut Plastik an den Strand geschwemmt wurde. Nicht umsonst hatte das Niedersächsische Landesamt für Wasserwirtschaft in regelmäßigen Abständen Metallkörbe am Strand aufgestellt, in denen Gäste und Insulaner den gesammelten Müll abladen konnten. »Ich kenne die Problematik, Herr Fischer. Aber jetzt möchte ich bitte weitergehen. Ich bin nicht im Dienst.« Beinahe hätte er dem Mann angeraten, bei Bedarf seine Kollegen aufzusuchen. Er konnte sich gerade noch beherrschen. Das wollte er ihnen wirklich nicht antun.

»Ist ja gut«, sagte Fischer, sehr zu Röders Erstaunen. Doch noch wollte der Mann ihn offensichtlich trotzdem nicht weiterziehen lassen. »Ich habe übrigens eine sehr interessante Entdeckung gemacht. Da hat tatsächlich einer in den Dünen übernachtet. Wenn Sie den Aufgang zum BK-Heim nehmen und dann links ab in die bewachsenen Dünen gehen …«

»Moment«, unterbrach ihn Röder. »Links ist ein Zaun. Dahinter ist Ruhezone des Nationalparks. Wie konnten Sie also sehen, dass dort jemand übernachtet hat?«

»Weil ich eine Tüte im Gebüsch gesehen habe. Die wollte ich holen. Wegen der Umwelt. Da ist mir das Zelt aufgefallen! Es war allerdings leer, so konnte ich die Leute nicht persönlich auf ihr Fehlverhalten hinweisen, was ich natürlich gemacht hätte. Mir ist klar, dass ich die Ruhezone nicht hätte betreten dürfen, aber im Gegensatz zu den Kaninchen bin ich vorsichtig und mache nichts kaputt! Aber die dürfen. Sind ja Tiere und können nix dafür.« Eberhard Fischer tippte sich an die Stirn. »Verrückte Welt! – Und noch etwas: Hier besteht Anleinpflicht für Hunde!«, rief er Röder hinterher, aber der reagierte nicht. Es hätte nur eine weitere Auseinandersetzung gegeben. Er pfiff nach Amir und setzte seinen Weg fort. Aber so ganz wollte sich die Ruhe, die er vor seinem Zusammentreffen mit dem Mann verspürt hatte, nicht mehr einstellen. Die Wirklichkeit hatte ihn wieder.

Vor ihm versperrte ein Priel den Weg. Er würde einen großen Bogen machen müssen, wollte er ganz bis zum Ostende laufen. Er überlegte kurz, dann drehte er um. Nur nichts übertreiben am ersten Tag. Wahrscheinlich war Sandra inzwischen von ihren Aktivitäten zurückgekehrt und wunderte sich nun, wo er und Amir steckten. Aber wahrscheinlich würde ihr der kleine Paul schon verraten haben, dass er zu einem Spaziergang aufgebrochen war.

Das erste Etappenziel hatten sie geschafft. Die offizielle Badezeit war vorbei. Aber jetzt war es dringend an der Zeit, dass sie einen Kaffee bekam. Larissa Jakobs klemmte ihre Strandboje unter den Arm und stakste durch den Sand zurück zum Container. Sollte sie Hannes fragen, ob auch er einen Kaffee wollte? Soweit sie es erkennen konnte, saß der immer noch auf der Düne. Zumindest, wenn sie davon ausging, dass das rote Stück Stoff zu ihrem Kollegen gehörte. Mehr hatte sie bisher ja nicht von ihm sehen können. Auf der anderen Seite war der Strandhafer so hoch, dass eine Person locker dahinter verschwand. Sie winkte ihm zu, doch er reagierte nicht. Was der wohl so Wichtiges draußen am Horizont zu beobachten hatte? Sollte sie zu ihm gehen? Das hieße natürlich, dass sie den verbotenen Bereich betreten musste, aber anders ging es nun mal nicht.

Sie stellte ihre Strandboje ab. Welchen Weg sollte sie nehmen? Ginge sie über den Bohlenweg und dann zwischen den Strandkörben durch, wäre es viel auffälliger, als wenn sie sich Hannes’ Sitzpunkt von der anderen Seite näherte. Aber warum sollte sie überhaupt? Mochte er doch da sitzen bleiben, solange er Lust hatte. Wenn er meinte, dass er sich dort wohler fühlte als mit ihr, Jan und Thomas, dann würde sie ihn nicht abhalten. Sie beschloss, erst einmal ihren Kaffee aufzubrühen. Vielleicht würde der Duft Hannes mit magischer Kraft von der Düne locken.

Doch selbst als der Kaffee bereits durchgelaufen war, war von Hannes nichts zu sehen. Dabei wurde es langsam Zeit. Wenn sie für das Abendessen einkaufen ging, sollte er auf jeden Fall bei seinen Kollegen sein. Larissa verließ den Wachcontainer, betrat genau neben dem Verbotsschild die Düne und stellte fest, dass es gar nicht so einfach war, den recht steilen Sandberg zu erklimmen. Immer wieder musste sie sich an den Strandhaferbüscheln festhalten, weil sie auf dem losen Sand abzurutschen drohte. Sie fluchte. Was machte sie hier nur? Und wo war ihr Kollege? Hier oben war die Düne dicht bewachsen und im ersten Moment sah sie nur wogendes Grün. »Hannes?«, rief sie. Er antwortete nicht.

Die scharfen Blätter des Hafers schlugen ihr um die nackten Beine und ein Schwarm Mücken stieg aus dem Grün. »Hannes, verdammt noch mal, was ist los? Nun sag was!« Mit jedem Meter weiter wurde sie wütender. Schließlich wollte sie nicht für sich einkaufen gehen, sondern für das Abendessen der ganzen Mannschaft.

Sie hörte fröhliches Lachen vom Strand her und das dumpfe Ploppen, mit dem die Volleyballer den Ball über das Netz schickten. Nur Hannes, der schwieg. Dann, plötzlich, sah sie ihn. Aber zu ihrer Verwunderung saß er nicht aufrecht, sondern bewegungslos nach vorne gebeugt in einer leichten Ausbuchtung. Er war doch nicht eingeschlafen? Nein, das konnte nicht sein. Der war zuverlässig und immer einsatzbereit. Bis auf die dumme Angewohnheit, in den Randdünen zu sitzen, gab es laut Thomas nichts Negatives an dem Mann.

»Hannes Danner. Hier spricht die Polizei. Ich nehme Sie fest wegen …« Da stimmte etwas nicht. Warum bewegte sich Hannes nicht? Was war das für eine seltsame Haltung? Ihre Beine zitterten, als sie sich ihrem Kollegen näherte. »Hannes?« Sie merkte nicht, dass ihre Stimme jetzt ganz hell und piepsig klang. »Hannes?«

Was nun? Erste Hilfe. Tausendmal geübt! Lebte er? Sie ließ sich auf die Knie fallen, griff nach seinem Hals und fühlte den Puls. Keine Reaktion. Wieder und wieder tastete sie, ob sie es nicht spürte, das Klopfen, das Leben anzeigte. Doch da war nichts. Er fühlte sich kalt an. Grausam kalt trotz der Sonne, die die Dünen beschien. Und etwas anderes fiel ihr auf: Hannes’ Kleidung schien an manchen Stellen, die von der Sonne nicht erreicht worden waren, feucht und klebte an seinem Körper. Seine Haare sahen auch nicht gerade frisch gekämmt aus. Er trug sein gelbes DLRG-T-Shirt. Und dieses Shirt war am Rücken zerrissen oder durchstochen. An einer Stelle, wo es sich etwas verschoben hatte, konnte sie rohes Fleisch sehen. Und überall war Blut. In dicken Schlieren auf dem Shirt, in Streifen, die sich von seiner roten Hose abhoben, und auf dem Boden zwischen den Blättern des Strandhafers. Hannes war tot. Daran gab es keinen Zweifel.

Langsam richtete sie sich auf. Das Atmen fiel ihr schwer, als sie über die Düne zurück zum Strandaufgang hastete. Auf der Schräge geriet sie ins Rutschen und wäre beinahe unten mit einem Gast zusammengestoßen.

»Wissen Sie nicht, dass …«

Sie winkte ab. Keuchend erreichte sie den Container. »Wo ist Thomas?«

»Der ist gerade bei unseren Vorratsbehältern bei der Mehrzweckhalle. Warum?«, fragte Jan. Er goss Milch in seinen Kaffee. »Du auch?«

Sie schüttelte den Kopf. »Hannes … Ich glaube – nein, bin sicher: Er ist tot. Oben auf der Düne. Wir…«

»Ich denke, er sitzt dort und hält Wache?«

»Nein. Er sitzt dort und – alles ist voller Blut.«

»Du bist wirklich sicher, dass er tot ist?« Jan schaute sie stirnrunzelnd an.

»Wenn du mir nicht glaubst, schau selbst nach.« Larissas Stimme versagte beinahe. Warum begriff er es nicht? Sie hatte nicht das Gefühl, dass sie wirkte, als hätte sie sich bloß eine unheimliche Geschichte ausgedacht. Ihre Beine zitterten, ihr Gesicht glühte und eine Art Unwirklichkeit hüllte sie ein. Larissa nahm das Funkgerät vom Tisch. »Thomas, du musst sofort kommen. Bieg rechts auf den Höhenweg ab und nach ungefähr zehn Metern gehst du bis zum Kamm der Randdünen. Du siehst uns da schon. Sofort.«

Jetzt endlich schien auch Jan zu registrieren, dass es ihr Ernst war. Sie rannten zwischen den Strandkörben hindurch über den Bohlensteg, kletterten über das Absperrtau und kämpften sich durch den Sand, bis sie die Stelle erreichten, an der sie Hannes gefunden hatte. Kurz schoss Larissa durch den Kopf, dass sie besser den Weg hätten nehmen sollen, den sie beim ersten Mal gegangen war. Ungesehen von den Strandbesuchern. Jetzt wurde jedem Gast, der sie aus dem Strandkorb beobachtete, umgehend klar, dass etwas passiert sein musste.

Und richtig. Aus einem der Körbe scholl ein: »Einsatz! Einsatz! Schneller! Schneller!« hinter ihnen her. Jetzt hieß es Ruhe bewahren. Sich auf das eigene Ding konzentrieren. Das war das Erste, was sie auf den vielen DLRG-Lehrgängen gelernt hatte.

Auch Jan fühlte aufmerksam den Puls seines Kollegen. Dann schaute er Larissa an und sagte nur: »Er ist tatsächlich tot.«

Sie nahm ihr Handy aus der Tasche und wählte die Hundertzehn. Der Mitarbeiter der Rettungsleitstelle Wittmund versprach sofortige Hilfe und bat sie, in der Zwischenzeit Abstand vom Toten zu halten und keine Spuren zu hinterlassen. Der hatte gut reden. Natürlich hatte sie Hannes angefasst und war um ihn herumgegangen. Das kam eben davon, wenn man keine Krimis im Fernsehen schaute.

»Was ist los?« Thomas war inzwischen ebenfalls oben auf der Düne eingetroffen.

Larissa stolperte ihm entgegen. »Hannes. Er ist tot.« Sie drehte sich um und zeigte dorthin, wo sie ihn gefunden hatte. »Er hat viele Stichwunden im Rücken.« Ihre Beine versagten und sie ließ sich ins Dünengras fallen.

»Du meinst – ermordet? Das will ich sehen.«

»Nein. Nicht. Die Polizei will das nicht«, erklärte sie verzweifelt. Sie rappelte sich wieder auf in dem Versuch, Thomas zurückzuhalten. Es war einfach bizarr. Beste Urlaubsstimmung herrschte um sie herum. Kinder schaufelten mit ihren Vätern Flutburgen an der Wasserkante und im Wasser vergnügten sich Menschen, auf die sie eigentlich hätten aufpassen sollen. Und hier auf der Düne saß der tote Hannes. Für ihn war alles vorbei.

»Ich muss es sehen«, sagte Thomas bestimmt und strich ihr vorsichtig über den Kopf. »Bin gleich wieder da.« Larissa musste nur wenige Augenblicke warten, dann war er wieder bei ihr und sagte leise: »Ich gehe zurück zum Container. Falls die Uniformierten da auflaufen.«

Larissa nickte knapp. War vielleicht eine gute Idee. Jan war ja bei ihr. »Jan?«

Als er sich von dem Toten abwandte und auf sie zukam, glich sein Gang dem eines alten Mannes und der Teil des Gesichts, den sie unter seinem Basecap erkennen konnte, schien noch eine Spur blasser zu sein als sonst. »Er ist wirklich tot«, murmelte er noch einmal und ging einfach weiter.

Larissa schaute über den Strand und sah, dass sich auffällig viele Gäste unterhalb des Zaunes auf dem Bohlenweg tummelten. Einige schauten herauf, andere hatten ihr Handy gezückt, wieder andere waren tatsächlich dabei, über den Zaun zu steigen. Und direkt vor ihr tauchten auch schon zwei junge Männer auf. »Was ist hier los? Ist was passiert?«

»Bitte gehen Sie. Sie haben hier nichts zu suchen«, sagte sie energisch, was die beiden jedoch nicht zu interessieren schien. Sie kamen immer näher. Und auch sie fuchtelten mit ihren Handys herum. »Hauen Sie ab«, schrie sie und bemerkte, dass sie nun auch die gespannte Aufmerksamkeit der Untenstehenden hatte. »Dies ist ein …« Sie hatte ›Tatort‹ sagen wollen, aber das hätte die Lage sicher nur noch mehr aufgeheizt. »Hier ist der Zutritt verboten«, brüllte sie stattdessen. »Machen Sie, dass Sie wegkommen!«

Suchend schaute sie sich nach Jan um, konnte ihn jedoch nirgends entdecken. Der Anblick des toten Hannes war offenbar zu viel für ihn gewesen.

Noch ehe die beiden Männer tatsächlich mit bedauerndem Grinsen den Rückzug antraten, hörte sie von unten eine durchdringende Stimme: »Wir bleiben. Könnte doch sein, dass wir wichtige Zeugen sind.« Larissa antwortete nicht. Damit sollte sich die Polizei befassen. Sie musste sich um Hannes kümmern. Zwei Möwen näherten sich mit lautem Keckern auf der Suche nach Nahrung. Denen werde ich das Festessen schon versalzen, dachte sie wütend und griff nach einem Ast, der zwischen zwei Grasbüscheln herausragte. Sie fragte sich, wie er dort hingekommen war. Hier war weit und breit kein Baum zu sehen. Er war nicht groß, aber als Armverlängerung bestens geeignet. Sie nahm ihn auf und schwenkte ihn über dem toten Hannes hin und her. Hoffentlich kam die Polizei bald. Lange würde sie das nicht aushalten.

Wilfried Weerts hatte es kaum glauben können, als der Anruf sie in der Wache erreicht hatte. Ein Toter in den Dünen? Auf Baltrum? Er war gespannt, was sich tatsächlich hinter der Meldung verbarg. Joachim und er hatten sich natürlich sofort auf den Weg gemacht. Der Mann von der DLRG, der sie am Container abgefangen und sich als Thomas Nottebrock vorgestellt hatte, hatte auf die Randdünenkette gezeigt. »Dort oben sitzt er.«

»Das werden wir uns erst einmal in Ruhe ansehen. Kommen Sie.«

Unterhalb der Dünen sah Wille Weerts eine Menschenansammlung.

»Das wird meine erste Amtshandlung sein!«, hörte er Joachim sagen.

Wille wusste, was der Kollege meinte. Die Gaffer, die alles auf ihrem Smartphone speicherten und in die Welt hinausließen, waren auch ihm ein Gräuel.

»Wollen Sie nicht lieber über den Höhenweg gehen?«, schlug der DLRG-Wachführer vor. »Es ist einfacher, auch wenn Sie durch ein paar Brombeersträucher müssen.«

Wille Weerts winkte ab. »Wir wollen erst einmal diese fotosüchtige Meute zerstreuen. Dann sehen wir weiter.«