Baltrumer Bescherung - Ulrike Barow - E-Book

Baltrumer Bescherung E-Book

Ulrike Barow

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Beschreibung

Alle Jahre wieder kommt Johann Seebald zum Nikolausfest nach Baltrum. Er ist ein schwieriger Charakter, der gerne zu viel trinkt und immer neue, fantastische Ideen mitbringt, die dem Fremdenverkehr zuträglich sein sollen. Die Insulaner sind jedoch eher verärgert über seinen Aktionismus und seine Sauferei. Am Morgen nach dem Nikolausfest wird Johanns ehemaliger Mitschüler, der Baltrumer Tischler Klaus Jäger, erwürgt aufgefunden. Inselpolizist Michael Röder und Arndt Kleemann, Hauptkommissar aus Aurich, beginnen mit den Ermittlungen. Doch es ist schwierig, Greifbares über den Ablauf des Festes herauszufinden, obwohl oder gerade weil so viele Menschen auf dem Fest waren.

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Ulrike Barow

Baltrumer Bescherung

Inselkrimi

Zum Autor

Ulrike Barow wuchs in Gütersloh auf und machte eine Ausbildung zur Buchhändlerin. Danach zog es sie zum Lieblingsurlaubsort ihrer Kindheit, der kleinen Nordseeinsel Baltrum. Dort lernte sie ihren Mann kennen und arbeitete im Einzelhandel sowie im familieneigenen Vermietungsbetrieb. Nebenbei verfasste Ulrike Barow Artikel für die Lokalzeitung. Vor einigen Jahren griff sie die Idee auf, Baltrum-Krimis zu schreiben. Viele Kurzgeschichten sind seitdem ebenfalls entstanden. Inzwischen lebt sie mit ihrer Familie nicht nur auf der Insel, sondern auch in der schönen ostfriesischen Stadt Leer.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2020

Originalausgabe erschienen 2013 im Leda-Verlag

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: Katrin Lahmer

unter Verwendung eines Fotos von: © Jenny Bayon/Pixabay.de

ISBN 978-3-8392-6496-6

Prolog

»Mensch, wir haben nicht einmal ein richtiges Kino!«

»Dann improvisieren wir eben. Das ist doch der Reiz. Alle zwei Jahre ein Filmfest. Das wäre es.«

»Filmfestspiele sind nichts Neues, Johann. In Emden und auf Norderney läuft das schon seit Jahren.«

»Aber ich kenne die richtigen Leute. Die wirklich wichtigen Leute im Filmgeschäft. Lass mich man machen!«

»Du bist verrückt.« Kopfschüttelnd nahm Malte Seebald sein Bierglas von der Theke und ging zurück zu dem weihnachtlich geschmückten Tisch, an dem seine Frau Elke zusammen mit Arno und Jutta Ulrichs saß.

Johann war wirklich völlig abgedreht. Jedes Jahr tauchte er auf der Insel auf, im Kopf immer neue Ideen, und dann verschwand er wieder.

Vornehmlich kam er zum Nikolausfest. Dem Fest, das fast alle Insulaner in ihrem Terminkalender verankert hatten. Selbst die, die am Festland wohnten, kamen, und wenn sie sich ansonsten das ganze Jahr nicht auf der Insel blicken ließen. Dementsprechend gefüllt war nun der Saal des Strandhotels und die Luft schwirrte von Gesprächsfetzen, Lachen und erwartungsvollen Zurufen. Neben der Tanzfläche streckte ein großer, festlich geschmückter Baum seine Zweige aus. Auf den Tischen standen Teller mit Nüssen und Spekulatius und dicke rote Kerzen.

»Na«, fragte Maltes Frau, »hat Johann dich wieder vollgelabert?«

»Konnte ihm nicht entkommen. Er …« Ein kräftiges Räuspern aus dem Saalmikrofon unterbrach ihn und erstickte jede Unterhaltung. Malte Seebald schaute auf die Uhr. Kurz nach acht.

Das Programm würde sich jetzt eine ganze Weile hinziehen. Erst eine launige Begrüßung durch ein Mitglied des Festkomitees. Dann das Flötenspiel der Fleitjes, gefolgt entweder von Bauchtänzerinnen oder den Linedancern in Cowboyklamotten. In manchen Jahren ließ sich auch die Theatergruppe zu einem Sketch über­reden. Höhepunkte des Abends waren das Verlesen einer Weihnachtsgeschichte und der von allen herbeigesehnte Auftritt des Nikolauses samt Knecht Ruprecht, dicht gefolgt von der Bekanntgabe der Tombola-Gewinner. Mit diesem Programm konnten schon mal satte vier Stündchen draufgehen.

Wenigstens gab es genug zu trinken. Wenn gegen zwölf dann endlich die Caro Dance Band die Bühne betreten würde, wie in den letzten zwanzig Jahren, sollte also sein Mut wohl ausreichen, seine Frau auf die Tanzfläche zu führen.

Malte gehörte zu denen, die tanzen mussten. Alles andere hätte ihm seine Frau schwerlich verziehen. ›Alles andere‹ war nämlich das Alternativprogramm an der Theke.

»Liebe Gäste, ich freue mich, Sie heute wieder bei unserem traditionellen Nikolausfest im StrandhotelWietjes begrüßen zu können. Wie in jedem Jahr …« Malte hörte, wie seine Frau leise seufzte. The same procedure as every year. Gerne hätte er jetzt ihre Hand in die seine genommen, unterdrückte aber den Anflug von Mitleid. Sie hatte es ja so gewollt. Sie hatte gesagt: »Da müssen wir hin.«

Er wäre in diesem Jahr viel lieber ans Festland gefahren, hätte sich in Bremen oder anderswo in einem kuscheligen Hotel eingemietet und wäre mit seiner Frau über den Weihnachtsmarkt gebummelt.

Aber sie hatte energisch ihr Veto eingelegt. »Ich bin Mitglied der Linedancer und wir haben einen Auftritt. Da darf ich nicht fehlen.«

Ein anderes Vorweihnachtswochenende für die Fahrt nach Bremen zu nehmen, war nicht möglich gewesen. Sie hatten die Handwerker im Haus gehabt.

»Und nun, meine Damen und Herren, empfangen Sie mit mir: die Fleitjes!«, tönte es aus dem Saalmikrofon.

Erschrocken schaute Elke ihn an. »Ich muss los. Mich umziehen. Wir sind gleich nach denen dran.«

»Vergiss nicht, deinen Daumen in die Hosentasche zu stecken«, rief er ihr nach, als sie sich einen Weg durch die Tische bahnte. Arno und Jutta lachten lauthals, verstummten aber, als die Fleitjes Tochter Zion anstimmten.

»Ich setze mich mal kurz zu euch«, sagte Johann und schob sich Elkes Stuhl zurecht. »Wir müssen reden.«

»Aber nicht jetzt«, flüsterte Malte seinem Bruder zu. »Die Damen auf der Bühne flöten sich die Lunge aus dem Hals, da sollten wir zuhören. Das gehört sich so.«

»Aber mein Projekt! Ich habe nicht mehr viel Zeit.«

»Jetzt nicht!«, zischte Malte. Arno und Jutta schauten erstaunt zu ihm herüber. Auch von den Nachbartischen kamen neugierige Blicke. »Wir reden morgen.«

Johann nahm Elkes Bierglas und leerte es mit drei tiefen Zügen. Dann gluckste er: »Wo steckt denn meine allerliebste Schwägerin? Spielt sie wieder Cowboy?«

Malte konnte sich knapp beherrschen. Seine geballte Faust bremste erst kurz vor der Tischplatte. Sein Bruder schaffte es doch immer wieder … Er wollte sich von ihm nicht provozieren lassen. »Hau ab. Hau ab, du Idiot.«

Johann stand auf, schwankte leicht, lachte und wuschelte Malte durch die Haare. »Bis später, Brüderchen. Tanz mal schön.«

Jetzt war es Malte, der sein Bierglas ansetzte.

In den Beifall für die Fleitjes hinein hörte er Michael Röders Stimme an seinem Ohr. »Ganz locker bleiben, Alter.« Der Inselsheriff, der mit seiner Frau am Nachbartisch saß, hatte sich zu ihm herübergebeugt. »Ich weiß, es ist nicht leicht, mit so was gesegnet zu sein. Denk dran: Spätestens in zwei Tagen ist der wieder weg.«

Malte nickte ihm zu. Am Tisch der Röders erkannte er jetzt auch Wiebke und Arndt Kleemann. Wiebke hatte viele Jahre bei der Gemeindeverwaltung gearbeitet. Inzwischen wohnte sie mit ihrem Mann, einem Polizeikommissar, in Aurich.

»Geht schon«, sagte Malte. Dann begannen die Fleitjes erneut zu spielen.

Seine Laune war auf dem Nullpunkt angelangt. »Tut mir leid«, sagte er zu Arno und Jutta Ulrichs, »ich bin heute nicht gerade die Stimmungskanone.«

Arno winkte ab. »Kein Wunder. Ist nicht leicht, mit so einem Bruder geschlagen zu sein.«

Und Jutta fügte hinzu: »Würde mich auch nerven.«

Als die Linedancer mit kräftigem Stiefeltritt die Bühne eroberten, hatte sich Maltes Laune noch immer nicht entscheidend gebessert. Immer wieder schaute er zur Theke, wo sich Johann ein Bier nach dem anderen reinschob. Warum konnte der Wirt nicht einfach mal nein sagen? Hatte der nicht eine Fürsorgepflicht? Aber der wollte an so einem Abend sicher keine Grundsatzdiskussionen mit angeschickerten Insulanern führen. Er hatte genug zu tun.

Malte überlegte. Sollte er eingreifen? Seinen Bruder eigenhändig vor die Tür setzen? Aber was hätte er damit gewonnen? Er konnte ihn schließlich nicht zu Hause einsperren.

Es half nichts. Johann würde an diesem Abend bis zum bitteren Ende mit seinen Kumpels an der Theke stehen, dann wie üblich voll bis Oberkante Unterlippe nach Hause wanken, sich ins Bett hauen, wenn er es bis dahin schaffte, und einschlafen. Malte konnte nur hoffen, dass sein Bruder ihn so lange in Ruhe ließ.

Lauter Beifall schreckte ihn auf. Der Auftritt seiner Frau war fast vorbei und er hatte davon so gut wie nichts mitbekommen. Malte fuhr sich mit den Fingern durch seine kurzen, bereits angegrauten Haare. Nein, er würde sich den Abend nicht von seinem kleinen Bruder kaputtmachen lassen. Wenn Elke gleich zurück an den Tisch kam, würden sie feiern, wie es dem Abend angemessen war. Er schaute sich nach der Bedienung um.

»Was ist mit euch?«, fragte er Arno und Jutta. »Seid ihr bereit für einen feuchtfröhlichen Abend?«

Arno nickte und schob sich eine Handvoll Nüsse in den Mund. »Was meinst du denn? Ich warte auch nur darauf, dass Bettina vorbeikommt. Aber das könnte wohl noch ein wenig dauern. Die hat so viel zu tun.«

»Na gut, dann hole ich uns was von der Theke.« Malte stand auf. »Mal sehen, ob das dort schneller geht.«

»Pass auf, dass du deinem Bruder nicht auf die Füße trittst«, rief Arno hinter ihm her.

Elke und Malte waren seit einigen Jahren mit den Ulrichs eng befreundet. Arno und er sangen beide im Shantychor. Elke und Jutta boßelten im Winter miteinander, im Sommer waren die Frauen begeisterte Strandwanderer. Die beiden Ulrichs wussten um die Probleme, die Malte mit seinem Bruder hatte. Er hatte Arno vor nicht allzu langer Zeit nach einem besonders unangenehmen Telefonat mit Johann mal sein Herz ausgeschüttet.

Es war immer das gleiche Spiel. In unregelmäßigen Abständen – oder waren es doch regelmäßige? – kam Johann zurück auf die Insel. Hatte tausend Ideen im Kopf, wie er sich hier etablieren könnte, trank mehr, als ihm guttat, und haute wieder ab. Um sich irgendwelchen neuen, überaus wichtigen Aufgaben zuzuwenden. Ständig war er klamm. Ständig haute er die Familie um Geld an. Und wenn er nichts bekam, wurde er zuweilen sogar aggressiv.

Er hörte Johanns betrunkenes Lachen am anderen Ende des Tresens. Wie gut, dass die Theke groß genug ist, dachte Malte, als er versuchte, die Aufmerksamkeit des Wirtes auf sich zu ziehen.

»Hallo, Malte, was darf’s denn sein?« Der Wirt legte eine Batterie Biergläser ins Abwaschwasser. »Ist die Bedienung mal wieder nicht schnell genug?«

»Ach, ist doch egal, ob ich das Bier bei dir oder bei Bettina kaufe. So ist sie wenigstens ein bisschen entlastet. Sie hat genug zu tun. Und gib mir vier Aquavit mit. Hier ist mein Deckel. Kannst alles da draufschreiben.«

»Ohne einen Schnaps ist dein Bruder mal wieder nicht zu ertragen, oder?«, grinste der Wirt.

»Du hast es messerscharf erfasst«, antwortete Malte säuerlich. »Aber im Gegensatz zu ihm bin ich morgen fit.«

Der Wirt nickte und stellte ihm seine Bestellung auf ein Tablett. Malte wollte es gerade anheben, als Johanns Lachen in bedrohlich lautes Grölen umschlug. Manni Bontjer, der neben Maltes Bruder stand, antwortete mit wüstem Schimpfen.

Johann versuchte, an der Theke Halt zu finden. »Du Blödmann, du. Ich hau dir einen …«

»Johann«, rief der Wirt. »Benimm dich. Du auch, Manni. Hier ist eine Weihnachtsfeier. Geht nach draußen, wenn ihr randalieren wollt.«

Johann stierte den Wirt wütend an. »Was willst du eigentlich?«, lallte er. »Du hast mir gar nichts zu sagen. Ich darf so viel trinken, wie ich will!«

Malte hatte genug. Er ging mit energischen Schritten auf seinen Bruder zu. »Mach, dass du hier rauskommst«, sagte er scharf. »Keiner will dich hier. Keiner. Und deinen Kumpel kannst du gleich mitnehmen.«

Johann drehte sich um, so schwankend, dass sein Oberkörper unkontrolliert hin und her schlug. Mit erstaunlich leiser Stimme sagte er: »Du hast recht, mein Bruder. Keiner will mich hier. Und warum? Sag es mir. – Nein, du brauchst nichts zu sagen.« Mit einer weit ausholenden Armbewegung umfasste er die Menschen, die das große Rondell füllten. »Guck doch, wie sie hier sitzen. Als wäre alles in bester Ordnung. Wundervoll bigottes Inselleben. Wie für einen Werbeprospekt. Aber in Wirklichkeit …«

»Es reicht. Geh nach Hause.« Müde wandte sich Malte ab. Er wollte sie nicht mehr hören, diese ewig gleiche sinnlose Leier. Schon gar nicht an diesem Abend.

Malte schaute sich um. Im Saal hatte man von der Auseinandersetzung nichts mitbekommen. Oder nichts mitbekommen wollen. Nur Michael und sein Kollege vom Festland schauten aufmerksam zu ihnen herüber, wandten sich aber schnell wieder ihren Frauen zu, als Malte beruhigend abwinkte. Er nahm sein Tablett und erreichte den Tisch gerade passend, um Elke in Empfang zu nehmen, die statt ihres Cowboy-Outfits nun wieder ihr schickstes Abendkleid trug.

»Liebe Insulaner, liebe Gäste«, kam es aus dem Mikro­fon, »vor der Tür steht nun ein würdiger Herr in einem roten Mantel und einem weißen Bart. Sollen wir ihn reinlassen?«

Ein vielstimmiges »Jaaa« dröhnte durch den Saal.

Sonntag nach dem Nikolausfest

Mühsam öffnete er den Mund und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Trocken waren sie. Und rissig. Seinen Augen traute er noch nicht. Er wusste, was passierte, wenn er sie öffnete. Schlecht würde ihm werden. Der Weg zum Klo führte über den Flur. Wenn er Pech hatte, war das einige Meter zu weit weg.

Er zog seine Hand unter der Bettdecke hervor und tastete neben dem Bett nach etwas, wo er mit seinem Mageninhalt bleiben konnte, aber bis auf einen seiner Schuhe konnte er nichts finden. Es nützte also nichts, er musste aufstehen. Er hätte gerne gedacht: So eine dicke Birne habe ich seit zehn Jahren nicht gehabt. Aber das wäre eine Lüge gewesen. Dessen war er sich trotz des Dröhnens in seinem Kopf glasklar bewusst. Gestern Morgen hatte er genauso dagelegen. Zu matt, um aufzustehen, und in Erwartung seiner Kotze. Er war nicht stolz darauf. Gewiss nicht. Aber es war eben so.

Es hatte mal andere Morgen gegeben. An denen er an der Seite einer tollen Frau aufgewacht war. Nüchtern. Voller Pläne für die Zukunft. Die Pläne waren gut gewesen. Er hatte was vorzuweisen. Hatte studiert. Germanistik und Kunst. Doch irgendwie …

Nein, nicht irgendwie. Es gab Gründe. Genug Gründe dafür, dass er jetzt durch sein altes Kinderzimmer schlurfte, in einer dreckigen Unterhose und dem dunkelroten T-Shirt, das er gestern Abend auf dem Nikolausfest getragen hatte. Unter den bloßen Füßen spürte er die unpersönliche Glätte des Linoleums. Auch das war noch von seiner Kindheit übriggeblieben.

Hoffentlich läuft mir jetzt nicht mein Bruder über den Weg, dachte er, als er die Tür zum Flur öffnete. Ihm blieb keine Zeit, sich zu vergewissern, ob die Luft rein war, sein Magen meldete sich hartnäckig. So schnell er konnte, schlurfte Johann an der alten Tapete vorbei, deren Muster er als Kind mit Buntstiften ausgemalt hatte. Die hölzerne Klotür quietschte leicht, als er sie aufstieß. Gott sei Dank. Nicht besetzt.

Aber wer sollte sich schon hier unten aufhalten? Malte und seine Familie wohnten oben. Hell, luftig, modern eingerichtet.

Ihm wurde kalt. Eine funktionierende Heizung suchte man in diesem dunkelgrün gekachelten Raum vergebens. Johann kniete sich vor die Toilette und öffnete den gelbstichigen Deckel. Der Geruch, der ihm entgegen­schlug, brachte seinen Magen in derselben Sekunde zum Überlaufen.

*

»Papa, Papa, liest du uns eine Geschichte vor?«

Malte stöhnte und zog die Bettdecke über den Kopf. Das laute Kichern hörte er trotzdem. Dann spürte er eine Kinderhand, die sich zu seinen Fußsohlen vorarbeitete. Er war kitzelig. Besonders an den Füßen. Kitzelig bis zur Hilflosigkeit. Also konnte er genauso gut gleich aufgeben. Elke würde ihm nicht helfen. Sie saß bereits am Klavier. Der Anfang eines ihrer Lieblingsstücke, einer Sonate von Bach, klang durch das weihnachtlich geschmückte Haus zu ihnen nach oben.

»Ich ergebe mich in mein Schicksal«, brummte er sehr zum Vergnügen seiner Töchter. »Was wollt ihr denn heute hören?«

»Elchgeschichten, Elchgeschichten!«

Hatte er die nicht auch schon am letzten Sonntag vorgelesen? Und am Sonntag davor? Aber wenn sie unbedingt wollten – bitteschön.

Als er unter der Decke hervorkroch, standen seine Töchter mit verwuschelten blonden Locken vor seinem Bett und hielten ihm gemeinsam das Buch vor die Nase. Das wunderte ihn ein wenig. Von seiner Kleinen hatte er das erwartet. Seine Große dagegen verdrehte meist die Augen und stöhnte auf: »Babygeschichten. Nichts als Babygeschichten.« Aber heute maulte sie nicht. Ob es etwas damit zu tun hatte, dass in zwei Wochen Weihnachten war?

»Aber nur zehn Minuten. Dann möchte ich frühstücken. Okay?«

Tina und Kea nickten gleichzeitig. Trotzdem war ihm klar, dass er unter einer halben Stunde kaum davonkommen würde.

»Also: Kuschelt euch in Mamas Bett. Dann geht es los.« Er hatte keine andere Wahl, so gern er auch seine Kopfschmerzen weiter gepflegt hätte. Es war spät geworden auf dem Nikolausfest.

Wie es Johann wohl ging?

Nein, darüber wollte er jetzt nicht nachdenken. Er würde die versoffene Gestalt seines Bruders noch früh genug im Wohnzimmer sitzen haben. Aber morgen würde Johann wieder fahren. So zumindest hatte er es in den letzten Jahren durchgezogen. Er erschien zum Nikolausfest. Soff sich zu. Versuchte am nächsten Tag wieder nüchtern zu werden, um abends mit seinen Freunden einen zu nehmen. Und am Montag würde er wieder verschwinden. Spätestens aber, wenn seinen Plänen wieder einmal eine Abfuhr erteilt worden war.

»Papa, lo-hos. Lesen!« Die beiden waren auf das Bett seiner Frau gesprungen, und jetzt landete Elkes Kissen unsanft auf seinem schmerzenden Kopf.

»Aua, aufhören, ich lese ja schon!« Er setzte sich auf. »Es war einmal ein kleiner Elch mit einer roten Nase …«

Nach dreißig Minuten und gefühlten zehn Elchgeschichten genehmigten Kea und Tina ihm das ersehnte Frühstück.

»Los, zieht eure Bademäntel über. Dann kommt ihr nach.« Als er die Treppe hinunter zur Küche schlurfte, zog ihm verführerischer Kaffeeduft in die Nase. Elke hatte ihr Klavierspiel beendet.

Sie stellte gerade eine Schüssel Rührei auf den Tisch. »Hallo, mein Schatz. Wenn du dich nicht beeilst, geht dein Frühstück glatt als Mittagessen durch.«

Malte schaute sie vorwurfsvoll an. »Schließlich habe ich mich bereits aufopferungsvoll um unseren Nachwuchs gekümmert, während du deine Hobbys gepflegt hast. Da habe ich mir ein Frühstück mit allem Drum und Dran echt verdient.«

»Ich habe nur für unsere Schulweihnachtsfeier geübt«, entgegnete Elke. »Die Kinder wollen – höre und staune – etwas Klassisches von mir gespielt bekommen. Und da wir neulich über Johann Sebastian Bach und seine Zeit gesprochen haben, dachte ich, das wäre eine gute Idee.«

»Natürlich, Frau Lehrerin. Einmal im Dienst, immer im Dienst. Genau wie die da.« Malte nickte Richtung Küchenfenster. Gerade war der Unimog der Feuerwehr vorbeigefahren. »Wo wollen die wohl hin?« Er blickte auf die Uhr. »An einem Sonntagmorgen um elf? Die Jungs haben doch eigentlich alle mit der gestrigen Feier zu kämpfen. Da werden die keine Übung angesetzt haben.«

Elke zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Wir werden es erfahren. Ganz sicher. Und wenn nicht, dann war es nicht wichtig.«

»Da magst du recht haben. Hast du schon was von Johann gehört?«

Elke schüttelte den Kopf. »Nein. Ehrlich gesagt bin ich nicht böse drum.« Sie schaute zur offenen Küchentür, dann beugte sie sich zu Malte und flüsterte: »So wie der sich gestern benommen hat … Echt peinlich. Jedes Jahr versaut er uns das Nikolausfest.«

Malte nickte. »Ich war froh, als er plötzlich verschwunden war. Manni habe ich danach auch nicht mehr gesehen. – Aber wenigstens merkt mein lieber Bruder meistens, wenn er den allerletzten Pegel erreicht hat.« Er nahm sich einen großen Löffel voll Rührei. »Wenigstens das. Zumindest musste er noch nie aus dem Saal getragen werden.«

»Nee, das nicht«, erwiderte seine Frau. »Viel gefehlt hat allerdings nicht. Hast du mitgekriegt, wie er Meike angebaggert hat? Die konnte sich kaum dagegen wehren. Jedes Mal, wenn die Jungs von der Caro Dance Band wieder anfingen zu spielen, ist der auf die Arme losgewankt und hat versucht, sie vom Stuhl zu ziehen. Man gut, dass Meikes Vater relativ schnell dazwischengegangen ist. Die sind auch nicht mehr allzu lange geblieben … Ist es nicht schrecklich, dass man als erwachsene Frau bei uns auf dem Nikolausfest einen Beschützer braucht?«

»Nun übertreib man nicht«, protestierte Malte. »Mein Bruder nebst seinen Saufkumpanen steht schließlich nicht für alle Insulaner. Ansonsten ist doch alles sehr friedlich und fröhlich abgelaufen.«

Die Küchentür öffnete sich, und seine beiden Kleinen erschienen. »Ist Onkel Johann schon wach?«, fragte Kea.

Elke schüttelte den Kopf. »Nein, der schläft noch. Da müsst ihr sicher ein wenig warten.« Schon waren die beiden wieder verschwunden. »Ich verstehe gar nicht, was für einen Narren die Zwerge an ihrem Onkel gefressen haben. Er taucht einfach auf, hängt verschlafen bei uns im Wohnzimmer rum, kümmert sich kaum um sie, und die juchzen jedes Mal, wenn sie ihn sehen.«

Malte lächelte. »Vielleicht sehen sie hinter seiner Fassade etwas, was unserer Wahrnehmung abhanden gekommen ist.«

»Ich bitte dich …! Der Mann ist einfach nur unmöglich, und ich bin, entschuldige bitte, heilfroh, wenn er wieder weg ist. Ich sehe da wirklich nichts hinter seinem ungepflegten Äußeren.«

»Du hast recht. War wohl nur ein frommer Wunsch von mir.« Malte stand auf und räumte das Geschirr in die Spülmaschine. »Was liegt heute an?«

»Eigentlich nichts. Es sei denn, wir räumen den Keller auf. Aber wahrscheinlich ist es sinnvoller, damit zu warten, bis Johann abgereist ist. Sonst gibt es doch nur Stress.«

»Okay, dann schnappen wir uns jetzt die Lütten und machen einen Strandspaziergang. Das Wetter ist einigermaßen. Nicht zu kalt und nicht zu windig.«

»Dann versuch mal dein Glück, ich drücke dir die Daumen«, lachte Elke.

Das erwies sich als nötig. Im Obergeschoss machten Tina und Kea ihm unmissverständlich klar, dass mit Barbiepuppen im warmen Kinderzimmer zu spielen um Längen attraktiver war als ein Strandspaziergang. Erst als er den beiden versprach, ihre Lieblingspuppen gut verstaut im Rucksack mitzunehmen, ließen sie sich zu dem Gang überreden.

*

Zitternd lag Johann im Bett und wünschte, es hätte diesen Morgen nie gegeben.

Ab und zu klang Kinderlachen zu ihm herunter. Aus der Ferne hörte er Fetzen einer Melodie. Seine Schwägerin saß bestimmt wieder am Klavier. Schöne heile Welt.

Er hatte sich so fest vorgenommen gehabt, auf dem Nikolausfest nicht so viel zu trinken. Sich, seiner Familie und allen anderen zu zeigen, dass er ohne Schnaps konnte. Es war wieder einmal jämmerlich in die Hose gegangen. Zu Anfang hatte er alles im Griff gehabt. Natürlich. Am Anfang war er nüchtern gewesen. Logisch. Da war er auch noch fest entschlossen gewesen, an diesem Abend keinen Kontakt mit Meike aufzunehmen. Denn das tat ihm nicht gut. Das wusste er ganz genau. Aber dann, als er Meike mit ihrem Vater an einem der vollbesetzten Tische gesehen hatte, war es eigentlich schon zu spät gewesen. Der Anfang vom Ende. In diesem Moment hatte er sich zu seinem Bier den ersten Schnaps bestellt. Und danach hatte natürlich nichts mehr von all dem gegolten, was er sich so schön zurechtgelegt gehabt hatte.

Er hörte die Haustür schlagen. Johann horchte eine ganze Weile, aber kein Laut drang mehr aus dem Erdgeschoss. Sollte er aufstehen und einen Versuch machen, etwas in den Magen zu bekommen? Allein die Vorstellung reichte. Sein Bauch zog sich schmerzhaft zusammen. Trotzdem, er sollte etwas essen. Johann überlegte. Wann hatte er das letzte Mal …? Außer ein paar Keksen, die auf der Theke gestanden hatten, hatte er tatsächlich seit dem gestrigen Mittag nichts mehr gegessen. Er stöhnte. So konnte es nicht weitergehen. Er musste raus aus diesem Kreislauf. Warum kam er nur immer wieder her? Warum erlaubte er sich immer wieder diese Erinnerungen?

Er zog eine ausgebeulte gelbe Jogginghose an und fuhr sich mit seiner abgegriffenen Bürste aus Kindertagen durch die Haare. Als er auf dem Weg nach oben das Treppen­geländer umfasste, durchzuckte ihn ein scharfer Schmerz. In der Innenhand zog sich eine dunkle, vertrocknete Blutspur bis rauf zum Gelenk. Wieso hatte er bis gerade eben nichts davon gemerkt? Mein Gott, was musste er weggetreten gewesen sein, dass ihm das nicht gleich nach dem Wachwerden aufgefallen war …! Selbst bei seinem Gang auf die Toilette hatte er nichts wahrgenommen. Aber so etwas passierte eben, wenn einem der Suff die Sinne vernebelte.

Die Küche war leer. Malte und seine Familie waren ausgeflogen. Ein schwacher Duft nach Wachs hing in der Luft. Sie konnten noch nicht lange weg sein, die große bunte Kerze auf dem Tisch war warm.

Sollte er ein Brötchen aufbacken? Die Kaffeemaschine anwerfen? Er öffnete die Kühlschranktür und nahm ein Paket Käse heraus. Das musste reichen. Alles andere wäre zu aufwändig gewesen. Er öffnete den Verschluss der Plastikpackung, stopfte sich eine Scheibe Gouda in den Mund und kaute und kaute. Fast war es, als ob sein Schluckmechanismus sich weigerte, zu funktionieren. War es die Angst, dass sein Magen wieder rebellierte?

Er schob den restlichen Käse zurück in den Kühlschrank. Er musste dringend wieder ins Bett. Sonst würde er hier auf dem blankgeputzten Parkett zusammen­klappen. Außerdem wollte er nicht unbedingt auf seine Familie treffen. Elkes Blick entgehen, der Art, wie der sich an seiner schmuddeligen Gestalt festfraß. Den Vorwurf in ihren Augen nicht sehen müssen.

Die einzigen, die keine Fragen stellten, waren Kea und Tina. In ihrer Gegenwart fühlte er sich geborgen. Leider ließ Elke den Kontakt nur viel zu selten zu. Er konnte es ihr nicht verdenken.

*

Ausgerechnet heute, dachte Harm Warrings missmutig. Am Sonntag nach dem Nikolausfest sollte keiner arbeiten müssen. Aber es half ja nichts. Eine Verstopfung wartete nicht. Bei Andrea Behrendt hatte das Dreckwasser in der Kloschüssel gestanden. Das musste er natürlich in den Griff kriegen. Nikolausfest hin oder her. Es gehörte einfach zu seinen Aufgaben als Chef des Baltrumer Klärwerks, die Leitungen freizuhalten, die dorthin führten.

Er hob den Kanaldeckel an und leuchtete mit einer Taschenlampe hinein. Mit ein bisschen Glück konnte er hier vielleicht bereits die Ursache der Verstopfung ausmachen, auch wenn das Haus der Behrends erst in einigen Metern Entfernung stand. Denn gleich hinter dem Kanaldeckel war der Abzweigkanal zum Haus. Oft waren es Baumwurzeln, die in den Kanal wuchsen und mit ihren Ausläufern Papier, Windeln und anderes Zeug aufhielten. Mit der Zeit wurde daraus für das Abwasser ein unüberwindliches Hindernis.

Allerdings war das gesamte Kanalnetz auf der Insel in den letzten Jahren mit einer Kamera kontrolliert und Hemmschwellen beseitigt worden. Harm Warrings konnte sich eigentlich kaum vorstellen, dass da der Grund der Verstopfung lag.

Es war nichts zu sehen. Die Verstopfung musste wohl doch im Abzweiger sitzen. Aber da kam er ohne die Hilfe der Feuerwehr nicht dran. Axel Meinders würde sich schön bedanken. Aber Dienst war Dienst und Schnaps eben Schnaps. Warrings zog sein Handy aus der Tasche und rief den Gemeindebrandmeister an.

Aus den Augenwinkeln sah er Andrea Behrends in der Haustür auftauchen. Ihre schrille Stimme zerschnitt die Stille, die über der Insel lag. »Na, wo is’t mit de Kanal?« Reflexartig zogen sich seine Schultern zusammen. »Kannst hum frei kriegen? Is nich so licht na disse Abend, nich, Harm?«

»Keine Sorge, wird schon«, antwortete er der Frau kurz angebunden, die nun in ihrer blaugestreiften Kittel­schürze mit verschränkten Armen vor ihm stand.

Ihre dünnen grauen Haare wehten im Wind. Ihr spiddeliger Knoten war in Auflösung begriffen. »Wat maakt din Froo?«

»du man rin«, sagte er. »Is völs to kold. Wi willen nu uns Arbeit maken.«

Mit beleidigtem Gesicht schloss Andrea Behrends die Haustür hinter sich.

Es war ruhig auf der Straße, die am Hotel Dünenschlösschen und der Ponte Rosa vorbei ins Ostdorf führte. Bis auf die Behrends hatte er an diesem Morgen noch keinen Menschen getroffen. Nur aus dem alten Holzhaus unterhalb der Dünen hörte er hin und wieder das Klappern von Töpfen. Nicht einmal die Vögel, die auf den weiten Hellerwiesen überwinterten, ließen ihr sonst so lautes Gekreisch hören. Normalerweise liebte er diese Momente der Stille auf seiner Insel. Genoss sie in der Gewissheit, dass er diese Ruhe am Festland wohl nirgendwo haben könnte. Doch an diesem Morgen kam er sich darin verloren vor.

Es dauerte eine Viertelstunde, bis das Fahrzeug mit drei Mann bei ihm eintraf. Axel Meinders stieg als Erster aus dem Auto.

Sie schlossen die Kanalratte an. Mit diesem Gerät hatten sie schon so manche Verstopfung wieder gelöst. Mit hohem Druck schoss das Wasser in das Rohr und machte den Weg frei. Es dauerte nicht lange, bis Harm Warrings merkte, dass der Widerstand nachließ. Als er die Kanalratte anhob, sah er im Rückschlagwasser etwas gelblich Glibberiges herumdümpeln.

Der Klärwerkschef schüttelte ratlos den Kopf. »Hat es hier jemand auf die Behrends abgesehen? Was soll der Scheiß denn nur?« Mit dem behandschuhten Finger stupste er auf einen Knochen, an dem Haut und Fleischreste und Knorpel hingen. Es war der Teil eines Gelenkes, die Kugelform des Kopfes war deutlich zu erkennen.

»Sieht aus wie Eisbein. Unverdaut. Nicht mal gekocht«, sagte Axel Meinders, und seine Kollegen nickten. »Das gehört in die Biotonne und nirgendwo anders hin.«

»Haben die Behrends’ nicht immer geschlachtet? Könnten die Abfälle daher kommen?«, überlegte Harm Warrings.

»Glaube, in den letzten Jahren nicht mehr«, antwortete Axel Meinders. »Die durften ihre Schweine nicht mehr halten. Wegen der Gäste und so.«

»Ich hatte im Sommer eine Verstopfung im Haus, die hat mich Stunden gekostet«, schaltete sich einer der Männer ein. »Der Abfluss war komplett dicht mit Toilettenpapier. Da drauf stapelten sich die Einzelteile einer Hühnersuppe. Fleisch, Paprika, Erbsen und Nudeln – alles gut zu erkennen. Hättste glatt noch mal servieren können. Ich verstehe das nicht. Echt nicht. Wie kommt jemand nur auf die Idee, so seine Küchenabfälle zu entsorgen?«

»Keine Ahnung«, sagte Warrings. »Wundert mich in diesem Fall sowieso, wie man derart große Teile in den Abfluss bekommt.«

»Es gibt nur zwei Möglichkeiten«, überlegte der Gemeindebrandmeister. »Entweder haben Behrends’ selber das Zeug entsorgen wollen und in die Toilette gestopft, dabei hat es sich auf seinem Weg in den Kanal festgesetzt. Oder jemand hat den Kanaldeckel aufgemacht und das Zeug da reingeschmissen. Dann ist es mit dem Abwasser bis hierhin geschwommen. Wundern würde mich gar nichts.«

»Wie auch immer die Knochenstücke in den Kanal gelangt sind, wir werden es wohl kaum erfahren«, sagte Warrings. »Ich spreche noch mal mit der alten Behrends. Wird aber nichts dabei herauskommen, das ist mal klar. Die würden das doch niemals zugeben. Kennst sie ja.«

»Da hast du wohl recht«, stimmte Meinders zu. »Jeder Mensch ist eben anders komisch. Kommt, lasst uns einpacken. Ist Zeit für ein Mittagsschläfchen.«

Harm Warrings winkte kurz, als sich das Feuerwehrfahrzeug in Bewegung setzte.

Sollte er tatsächlich noch mit Andrea Behrends reden? Fast hatte er sich schon dagegen entschieden, als ihm einfiel, dass er sich zumindest erkundigen musste, ob der Toilettenabfluss nun wirklich frei war. Er stieg die drei Stufen zur Eingangstür hinauf. Als er sie öffnen wollte, kam ihm Andrea Behrends schon entgegen.

»Hest du moi maakt. Is al weer freei«, sagte sie mit zufriedenem Gesicht.

Warrings staunte. Sie hatte ihn gelobt. Das war in den letzten zwanzig Jahren bestimmt keinem Insulaner zuteil geworden. Er musste das unbedingt seiner Frau erzählen. »Okay, denn hau ik of. Wenn noch wat is, seggst du Bescheed.«

Er nahm sein Fahrrad vom Zaun, brachte sein Werkzeug zum Klärwerk und fuhr nach Hause. Kein Mensch war auf der Straße zu sehen. Die Sonne schaute verschlafen hinter ein paar Wolken hervor und tauchte die Insel in dunstiges Licht. Endlich mal ein Tag ohne den dichten Nebel, der Baltrum tagelang eingehüllt hatte. Selbst in der Nacht, als er und seine Frau das Fest verlassen hatten, hatte er kaum den Weg nach Hause finden können. Allerdings hatte seine Frau morgens beim Frühstück behauptet, dass da nicht etwa der Nebel eine Rolle gespielt hatte. Er konnte sich diese Aussage natürlich überhaupt nicht erklären!

*

»Wo liegen die Weihnachtskarten?«

Malte schreckte auf. Da war er doch gerade vor dem PC in seinem Büro eingeschlafen. Und das, obwohl er eigentlich die Vermietungsbestätigungen schreiben wollte, die am nächsten Tag in die Post sollten.

»Moment, ich bringe sie dir.« Er stand auf und ging hinüber zu seinem Schreibtisch. Wo hatte er sie nur hingelegt? Die Fotokarten mit winterlichen Inselmotiven, die er immer bei Stadtlander kaufte, erfreuten sich bei seinen Gästen größter Beliebtheit. Viele von ihnen sammelten die Bilder seit vielen Jahren. Von einigen Gästen wusste er, dass sie die Fotos sogar einrahmten.

Er zog eine Schublade nach der anderen auf. Verflixt, wo war der Umschlag mit den Karten? Malte hatte sie bereits im September gekauft, da war die Auswahl noch am größten. Für dieses Jahr hatte er das Motiv Verschneiter Strand mit Strandkorb ausgesucht.

»Malte, ich warte.«

»Bin gleich so weit.« Da waren sie. Natürlich ganz nach hinten gerutscht. Hinter seine blaue Kasse mit dem Notgroschen.

Er stutzte. Irgendetwas stimmte nicht. Zögerlich nahm er die Kasse aus der Schublade. Normalerweise schloss er die Kasse ab, ließ jedoch den Schlüssel darin stecken. Jetzt fehlte der. Doch der Deckel ließ sich problemlos öffnen.

Malte legte das Kleingeldfach zur Seite, zog die Scheine heraus und zählte nach. Das tat er sonst nie, aber der fehlende Schlüssel beunruhigte ihn. Eins … zwei … drei … vier Hundert-Euro-Scheine. Okay. Aber wo war der Fünfziger? Er schaute noch einmal in die Kasse, doch der braune Schein, der über den Hundertern gelegen hatte, war nicht da. Ebenso wenig wie der Schlüssel. Hatte Elke …?

Er nahm die restlichen Unterlagen aus der Schublade und blätterte sie durch. Aber außer ein paar Werbeprospekten, drei Briefmarken und einem Stück roten Geschenkbandes fand sich nichts, was auch nur Ähnlichkeit mit einem Schlüssel hatte.

Malte nahm die Karten und ging runter in die Küche.

»Seid bedankt, edler Herr.« Seine Frau saß am Tisch und klopfte ungeduldig mit dem Kugelschreiber auf die Platte. »Wurde auch Zeit. Wenn du schon nicht die Karten schreibst, muss ich da wohl ran. Sonst ist Ostern und die Dinger liegen immer noch hier.«

»Sag mal …«, begann er zögernd, »wir haben doch oben die blaue Kasse …«

Sie nickte.

»Hast du in letzter Zeit mal was rausgenommen? Als ich eben die Karten suchte, fiel mir auf, dass der Schlüssel nicht da ist. Die Kasse war nicht abgeschlossen und es fehlt ein Fünfzig-Euro-Schein.«

Elke schaute ihn erstaunt an. »Ich bin sicher nicht daran gewesen. Aber wer um alles in der Welt sollte …? Die Kinder? Johann? Sonst kann doch keiner …«

»Wir werden sie mal vorsichtig fragen. Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Kea und Tina das Geld genommen haben.« Malte war ratlos. »Und ehrlich gesagt: Auch Johann traue ich das nicht zu. Aber andererseits: Wer soll es sonst genommen haben? Erstens war niemand hier oben und zweitens weiß außer uns schließlich keiner, dass dort eine Kasse steht.«

»Wirst du zu ihm gehen und ihn fragen?«

Malte zuckte mit den Schultern. »Ich bin mir nicht sicher. Ich möchte die Sache nicht zu hoch hängen. Schließlich sind es nur fünfzig Euro. Es ist alles schwierig genug. Wenn wir ihn jetzt verdächtigen, kommen wir nie mehr zusammen. Ich denke, ich warte, bis er sich bei uns blicken lässt. Vielleicht gibt es im Gespräch eine Möglichkeit, die Angelegenheit auf den Tisch zu bringen. Dann können wir seine Reaktion testen.«

»Natürlich sind es nur fünfzig Euro. Aber geht es doch ums Prinzip. Du bist echt zu gut für diese Welt«, sagte Elke. »Wenn Johann mein Bruder wäre, hätte ich ihn schon achtkantig vor die Tür gesetzt.«

»Mensch, Elke … Das Thema hatten wir schon. Erstens hat er Wohnrecht im Keller. Es ist offiziell sein Zuhause und zweitens: Ja, er ist mein Bruder und ich kann die Hoffnung nicht aufgeben, dass sich alles mal einrenkt.«

»Okay. Mit den Kindern sollten wir es so ähnlich machen: erwähnen und beobachten.« Elke schüttelte den Kopf. »Obwohl … ich kann es mir nicht vorstellen. Selbst wenn sie uns mit einem völlig überdimensionierten Weihnachtsgeschenk überraschen wollen – nein, ich glaube es einfach nicht.«

»Ich auch nicht«, antwortete Malte. »Wir werden sehen. Dann lasse ich dich mal mit den Karten allein. Damit du nicht zu sehr abgelenkt wirst.« Er lächelte Elke an, doch sie erwiderte sein Lächeln nicht.

»Mir ist die Lust aufs Kartenschreiben eigentlich vergangen. Seltsame Sache, dass das Geld verschwunden ist. Bevor du gekommen bist, hatte ich noch dieses kuschelige Weihnachtsgefühl, das ist mir aber mit deiner Neuigkeit spontan abhanden gekommen.« Elke schlang die Arme um ihre Brust, als ob ihr kalt wäre, dann stand sie abrupt auf. »Komm, lass uns ins Wohnzimmer gehen und eine Partie Scrabble spielen. Das bringt mich vielleicht wieder auf andere Gedanken.«

Malte ergab sich in sein Schicksal, doch er wusste noch vor dem Legen des ersten Wortes auf das grüne Spielbrett, dass er bereits verloren hatte. Es war komisch. Jedes Wort, das Elke legte, brachte Punkte ohne Ende. Dreifacher Wortwert – doppelter Buchstabenwert – immer schaffte sie es, ihre Buchstabensteine so geschickt zu platzieren, dass die höchste Punktzahl dabei raussprang. Sie kannte einfach viel mehr Wörter als er. Und alle standen im Duden. Wenn er mal ein ungewöhnliches Wort legen wollte, das ihm mit Hilfe größtmöglicher Fantasie eingefallen war, schaute sie gleich im Duden nach. Natürlich gab es dann dieses Wort überhaupt nicht.

Beim letzten Spieleabend hatte er das Wort ›Lügentyp‹ gelegt, heilfroh, dass er so sein ›Ü‹ und sein ›Y‹ los wurde. Natürlich hatte sie Einspruch erhoben und nachgeschlagen. Und siehe da, die Macher vom Duden hatten das Wort kurzfristig aus dem Programm geworfen. So war es immer. Dabei war er sich so sicher gewesen, dass er das Wort schon gehört hatte.

Lügentyp. War sein Bruder auch so ein Typ? Malte konnte einfach nicht mehr einschätzen, was seinen Bruder umtrieb. Mit jedem Besuch wurde es schlimmer. Wenn er nur reden würde … Das heißt, reden tat Johann schon. Über immer neue aberwitzige Pläne, die er mit auf die Insel brachte. Vor zwei Jahren war es der Entwurf für eine große Hundeschau gewesen. Im letzten Jahr die Pläne für ein internationales Drachenfestival. Und in diesem Jahr war es ein Filmfest – Johann nannte es natürlich Biennale –, an dem er sich festgebissen hatte. Malte wusste, dass dieser Plan genau wie alle vorigen im Sande verlaufen würde. Die Bürgermeisterin hatte sich bislang eher abgeneigt gezeigt. Kein Wunder. Johanns Pläne waren immer unausgereift und nicht finanzierbar.

Die Diskussionen um die Pläne waren das eine. Doch jedes Mal, wenn Malte den Versuch zu einem tiefergehenden Gespräch unternahm, der Sauferei seines Bruders auf den Grund gehen wollte, verschwand Johann und tauchte erst nach Stunden mehr oder weniger betrunken wieder auf.

*

»Endlich mal ein gemütliches, dienstfreies Wochenende.« Arndt Kleemann griff nach dem Löffel, der im Vanillepudding steckte.

»Beschrei es nicht«, antwortete Sandra Röder. »Euer Schiff geht erst um sechs. Da kann viel passieren. Denk an den November im letzten Jahr. Man meint immer, dass es in der ruhigen Jahreszeit wirklich ruhig ist. Und dann bringt ein Insulaner den anderen um.«

»Wahrscheinlich sind die im Winter nicht ausgelastet«, lachte Kleemann. »Wenn sie sich nicht um Gäste kümmern müssen, füllen sie ihre freie Zeit eben mit anderen Dingen aus.«

»Tatsächlich ist Mord an keine Jahreszeit gebunden«, sagte Röder nachdenklich. Es war erst ein halbes Jahr her, dass Arndt Kleemann und seine Kollegen auf die Insel beordert worden waren, um den Tod eines jungen Mannes zu untersuchen. In den letzten Jahren hatte Arndt Kleemann sein Dienst häufig nach Baltrum geführt. Sie waren Freunde geworden. Obwohl Röder hin und wieder wegen unterschiedlicher Dienstauffassungen mit ihm aneinandergerasselt war, verstanden sie sich gut.

Sandra und Wiebke waren aus der Zeit, als Wiebke auf Baltrum gearbeitet hatte, dicke Freundinnen.

»Themenwechsel.« Michael Röder schaute aufmunternd in die Runde. »Wer von euch drei Hübschen macht gleich mit mir eine Fahrradtour, um die Schnitzel und den Rotkohl nebst Soße und Kartoffeln zu verdauen? Nicht zu vergessen den Vanillepudding.«

»Na, ja, wenn ich bedenke, dass ich auf den Pudding mindestens noch einen halben Liter Schokoladensoße gekippt habe, muss ich zähneknirschend zugeben, dass eine Radtour nicht verkehrt wäre.« Wiebke Kleemann stupste ihren Mann an. »Los, Alter, keine Müdigkeit. Auf geht’s. Wir ziehen schon einmal unsere Jacken an.«

»Ich räume das Geschirr weg.« Sandra stapelte die leergeputzten Teller und trug sie zur Spülmaschine. »Und Michael – würdest du bitte zwei Fahrräder aus dem Schuppen holen? Ihr Männer könnt kontrollieren, ob sie betriebsbereit sind. Ihr wisst schon, Luft aufpumpen und so.«

Als ob er da nicht von alleine draufgekommen wäre! Vorwurfsvoll schaute er seine Frau an und bemerkte das Lächeln, das in ihren Augen stand. Normalerweise fand er dieses Lächeln unwiderstehlich. Aber im Moment überwog der üble Gedanke an die Fahrräder. Alles tat er lieber, als sich um Fahrräder zu kümmern.

Im Sommer war er besser dran. Dann kam ein Kollege vom Festland zur polizeilichen Unterstützung auf die Insel, und Röder hatte es in den letzten Jahren immer geschafft, die Fahrradinstandhaltung auf seinen Hilfssheriff abzuwälzen. Er nannte es natürlich »die Kollegen damit betrauen«.

»Nimm Amir mit.«

Dieser Satz war unnötig. Der Heidewachtel war bereits mit wedelndem Schwanz aus der Küche gelaufen und stand erwartungsvoll an der Wohnungstür. Röder nahm die Leine vom Haken. »Woher weiß dieser Hund nur, was wir vorhaben?«, murmelte er, als er Amir folgte.

Er hatte Glück. Die beiden Reserveräder waren gut in Schuss. In den Reifen war genügend Luft, das Licht funktionierte, und die Bremsen waren in Ordnung.

Ruhig war es auf der Insel, kaum ein Mensch zu sehen, als sie vom Grundstück bogen und auf das Haus Atlantis zufuhren. Arndt und Wiebke hatten den neuen Deich in seiner ganzen Größe noch gar nicht gesehen. So würden sie um die Strandmauer fahren, dann zum Hafen, und wenn der Wind nicht zu stark war, am Flugplatz vorbei Richtung Ostdorf.

»Meine Güte«, sagte Arndt. »Nun kann eine Sturmflut bestimmt nichts mehr ausrichten.« Beindruckt standen sie auf der Straße, die innen am Deichfuß der neuen Strandmauerbefestigung entlangführte. Hier war der Wind, der langsam von Nordost auffrischte, kaum zu spüren.

»Ich glaube, ich komme mal im Sommer wieder«, sagte Wiebke. »Diese Seite des Deiches wird dann mein Lieblingsort werden. Schön grün, der Sonne zugewandt und mit etwas Glück windgeschützt.« Sie stieg wieder auf ihr Fahrrad. »Aber jetzt geht es weiter.«