Baltrumer Maskerade - Ulrike Barow - E-Book

Baltrumer Maskerade E-Book

Ulrike Barow

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Beschreibung

Jörg Pommer, alias Pomodoro, liebt seine Arbeit als Clown. Und er liebt Petra Bramlage, der er auf Baltrum das Ja-Wort geben will. Doch kaum ist er auf der Insel, liegt ein Toter im Rosengarten. Er trägt eine rote Nase. Eine Clownsnase. Zwei Tage zuvor wurde bereits ein Toter im Hafenbecken von Bensersiel entdeckt, der weiße Handschuhe trug. Auch dort hatte Jörg Pommer zu dieser Zeit einen Auftritt. So ist es kein Wunder, dass Oberkommissar Michael Röder, der auf Baltrum für Recht und Ordnung sorgt, sowie seine Kollegen aus Aurich und Esens ihr Augenmerk auf Pomodoro richten. Als der Clown behauptet, dass sein Utensilienkoffer nicht mehr auffindbar sei, wird es eng für ihn. Die Hochzeitsvorbereitungen geraten aus den Fugen …

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Ulrike Barow

Baltrumer Maskerade

Inselkrimi

Zum Autor

Ulrike Barow wuchs in Gütersloh auf und machte eine Ausbildung zur Buchhändlerin. Danach zog es sie zum Lieblingsurlaubsort ihrer Kindheit, der kleinen Nordseeinsel Baltrum. Dort lernte sie ihren Mann kennen und arbeitete im Einzelhandel sowie im familieneigenen Vermietungsbetrieb. Nebenbei verfasste Ulrike Barow Artikel für die Lokalzeitung. Vor einigen Jahren griff sie die Idee auf, Baltrum-Krimis zu schreiben. Viele Kurzgeschichten sind seitdem ebenfalls entstanden. Inzwischen lebt sie mit ihrer Familie nicht nur auf der Insel, sondern auch in der schönen ostfriesischen Stadt Leer.

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[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

(Originalausgabe erschienen 2014 im Leda-Verlag)

Herstellung: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: Katrin Lahmer

unter Verwendung eines Fotos von: © Maria Neelsen/stock.adobe.com

ISBN 978-3-8392-6502-4

Haftungsausschluss

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

Prolog

Mist. Vergebens griff sie nach ihrer Kapuze. Warum hatte sie nicht auf ihren Verstand gehört?

Sie hatte die grüne Lederjacke einen Tag vor ihrer Abreise nach Baltrum im Schaufenster eines Geschäftes entdeckt, sofort anprobiert und – sich auf das Urteil der Verkäuferin verlassend – auf der Stelle aus dem Laden getragen und spontan zu ihrem Lieblingsstück erklärt. Natürlich hätte ihr klar sein müssen, dass ›Lieblingsstück‹ nicht gleichbedeutend mit ›wasserdicht‹ war, und dass man auf der Insel nicht ohne wetterfeste Jacke auskam. Schließlich hatte sie sich vorher bereits online in den verschiedensten Foren zum Thema Baltrum umgeschaut. Aber nun lag ihre Regenjacke zu Hause und ihre Haare weichten langsam durch.

Sie klemmte ihre Einkaufstasche fester unter den Arm und begann zu laufen. Bis ins Ostdorf war es noch ein gutes Stück Weg. Sie hastete am Schwimmbad vorbei, dann an den Tennisplätzen. Der Regen legte noch einen Schlag nach. Vor der Tür von Onnos Kinnerspölhus stand ein Plakataufsteller.

Heute

Pomodoro

Clown und Zauberer

15:00 Uhr

Die Tropfen auf der Plexiglasscheibe gaben dem Gesicht mit der weißen Lockenperücke ein trauriges Aussehen.

Sollte sie im Kinderspielhaus Schutz suchen? Entschlossen bog sie links ab, rannte den schmalen roten Weg hoch und zog die Tür auf. In der feuchten Wärme dort drinnen beschlugen sofort ihre Brillengläser. Sie schüttelte sich den Regen aus den Haaren. Die Vorstellung hatte bereits angefangen.

»Kann ich helfen? Möchten Sie eine Eintrittskarte?«

Erst nachdem sie die Brille abgenommen und geputzt hatte, sah sie links von sich einen jungen Mann in der Kaffeeküche stehen und rote Kreise aus einem Papp­karton schneiden. Die offene Kasse stand daneben.

»Eigentlich wollte ich mich nur ein wenig vor dem Regen in Sicherheit bringen«, antwortete sie kläglich.

Der Mitarbeiter des Kinderspielhauses betrachtete sie von oben bis unten. Eine kleine Pfütze hatte sich auf den Fliesen rund um ihre Schuhe gebildet. Mühsam kämpfte sie sich aus ihrer klammen Jacke und hängte sie auf einen der Garderobenhaken. »Okay. Vielleicht sind meine Klamotten bis zum Ende der Vorstellung wieder trocken.« Sie bezahlte die Karte, dann öffnete ihr Marten Wienecke – zumindest hatte sie diesen Namen auf seinem bunten Namensschild gelesen – die Tür zum großen Spieleraum.

»Bevor Sie reingehen, müssen Sie sich Ihre Schuhe ausziehen«, flüsterte ihr der junge Mann zu.

Auch das noch. Sie bückte sich und fummelte genervt an den nassen Knoten in ihren Schnürsenkeln. Nichts tat sich. Egal. Sie zog die Schuhe von ihren Hacken und schob sie unter ihre tropfende Jacke. Marten Wienecke lächelte, als sie an ihm vorbeischlüpfte und sich leise auf den Stapel Gummimatten fallen ließ.

Der Clown auf der kleinen Bühne trug eine weite, mit bunten Blumen bedruckte Hose, ein gelbes Hemd und breite Hosenträger. Er spielte auf einer Mundharmonika.

Der Blick seiner weiß umrandeten Augen traf sie unvorbereitet und mit aller Macht.

An einem Samstag gut zwei Jahre später

»Petra?«, hallte es vom Flur, begleitet von einem ausdauernden Klopfen. Mutter. Wer sonst. »Petra, nun mach doch mal auf. Soll ich hier im Flur überwintern?«

Von mir aus, dachte sie und öffnete die Tür. »Komm rein.«

»Du lässt dich gar nicht mehr bei mir blicken«, sagte ihre Mutter mit vorwurfsvollem Blick. »Da bin ich schon mal extra hier, um dir bei deinen Hochzeitsvorbereitungen zu helfen, und was ist? Du schließt dich in deinem Zimmer ein.«

»Ja, Mutter. Nun setz dich hin.« Petra Bramlage räumte das Kleid mit den verspielten Ärmeln und der kleinen Schleppe, das sie zur Hochzeit anziehen wollte, mit Schwung vom Sessel auf das Bett.

»Kind – dein Kleid! Bist du von allen guten Geistern verlassen? Hoffentlich hat Frau Ahlers ein Bügeleisen. Aber wahrscheinlich ist das Kleid viel zu empfindlich für ein Bügeleisen. So kannst du das bestimmt nicht mehr anziehen. Häng es bitte in den Schrank.«

»Ja, Mutter.« Sie liebte das beige Kleid mit den zwei rosa Seidenblumen unterhalb der schmalen Träger. Hatte es mit Jörg zusammen ausgesucht. Gott, was war sie stolz gewesen, als sie mit Jörg am Arm und der großen Plastiktüte in der Hand aus dem Brautmodengeschäft geschritten und in die Fußgängerzone abgebogen war! Aber im Moment würde sie fast alles tun, um ihre Mutter zu ärgern. Außerdem hatte die Verkäuferin ihr versichert, das Kleid könne was ab.

»Hast du mit dem Standesbeamten gesprochen? Können wir uns auf den verlassen?«

Petra nickte. »Standesbeamtin, Mutter. Es ist eine Frau. Und ja – ich habe alles mit ihr klargemacht. Wir sind im Leseraum. Unten rechts beim Rathaus. Da, wo die großen Glasfenster sind. Der wird extra für uns freigehalten. Die anderen Räume, oben, sind belegt. Da können wir nicht hin. Aber sie hat versprochen, dass es ganz schön wird.«

Hedda Bramlage seufzte. »In dem Prospekt steht, dass man aufs Wasser schauen kann. Darum sind wir doch extra auf die Insel gefahren.«

»Immerhin haben wir freien Blick auf den Fischimbiss. Ist doch auch was.« Petra lachte. »Wenn es nicht schlimmer wird – damit kann ich leben.«

»Na, wenn du meinst. Wenn es meine Hochzeit wäre …«

»Ist es nicht. Es ist meine. Und auf einschlägige Erfahrung im Hochzeitmachen kannst du nicht zurückgreifen, wenn ich mich recht erinnere.«

Ihre Mutter stand auf und verließ mit kurzen Stakkato­schritten das Hotelzimmer.

Die würde sie so bald nicht wiedersehen. Was hatte sie da nur wieder angerichtet?! Aber ihre Mutter ging ihr manchmal schrecklich auf die Nerven. Besonders jetzt. Wo sie so viel zu organisieren hatte. In ein paar Tagen würde ihre und Jörgs Verwandtschaft über die Insel hereinbrechen. Tante Olga. Onkel Peer. Marianne mit den Zwillingen. Sie mochte nicht daran denken. Am allerliebsten lieber wäre sie mit Jörg ins Niemandsland gefahren. Ganz allein. Aber mit dieser Idee war sie so ziemlich gegen alle Wände gelaufen. Jeder, dem sie ihren Wunsch anvertraut hatte, hatte sie mit vorwurfsvollem Blick angesehen. Auch Jörg.

So hatte sie geschwiegen und sich langsam an den Gedanken an eine Hochzeit im Kreise der Lieben gewöhnt. Wenigstens hatte sie durchgesetzt, dass der schönste Tag im Leben auf Baltrum stattfinden würde. Schön weit weg auf einer Insel. Da würden immerhin nicht alle erscheinen, die sich sonst einen Abend für lau nicht entgehen ließen. Wenn man mal vom Hochzeitsgeschenk absah. Aber das fiel bei diesen Leuten meistens nicht gerade üppig aus.

Sie hatte sich über Jörgs Einwände, dass der Sommer die wichtigste Zeit für seine Auftritte sei, hinweggesetzt. »Mach du deine Arbeit. Ich kümmere mich um alles«, hatte sie ihm entgegengehalten. Und so war es gekommen. Sie hatte sich Urlaub genommen und klärte alles ab, was sie nicht von zu Hause hatte erledigen können. Jörg dagegen machte seine Tour, von Esens nach Langeoog, dann hatte er einen Auftritt in Bensersiel, bis er über das Sturmfrei in Neßmersiel schließlicham nächsten Tag auf Baltrum ankommen würde. So war es zumindest geplant.

Es konnte allerdings sein, dass er ganz spontan für einen Kindergeburtstag gebucht wurde. Diese Feste kamen für manche Mütter immer so plötzlich. Rechtzeitig anfragen war da absolut nicht drin. Und nein sagen natürlich auch nicht, hatte Jörg ihr erklärt. Ganz zu Anfang ihrer Beziehung. Als aus einem geplanten Schmuse­wochenende mal wieder nichts geworden war. Aber das würde sie ihm schon noch abgewöhnen. Schließlich hatte er jetzt sie. Und ihr relativ festes Einkommen. Da brauchte er nicht mehr hinter jedem konsumüberschütteten Balg herzulaufen. Sie hatte sich zu Hause in Hannover einen florierenden Antiquitätenhandel aufgebaut. Am Rande der Stadt verkaufte sie in einem alten Bauernhaus, das sie nach und nach restauriert hatte, viele schöne Exponate. Und was dort keinen Abnehmer fand, bot sie über ihre Homepage an.

Kritisch strich sie sich über den Bauch. Da könnte was weg. Auch an den Hüften hatte sich eine Kleinigkeit zu viel angesammelt. In der Nordseeluft entwickelte sie grundsätzlich einen unkontrollierbaren Appetit, aber dass ein paar Tage schon so viel ausmachten, wunderte sie doch. Hoffentlich passte das beige Kleid noch. Sie nahm es vom Bett und strich es glatt. Dann hielt sie es vor sich und betrachtete sich im Spiegel.

So besehen passte es. Keine Frage. Den Anziehtest würde sie verschieben. Kurz vor dem großen Ereignis war früh genug. Und bis dahin hatte sie ein paar Tage Zeit abzunehmen. So schlank wie ihre Freundin Amelie würde sie dadurch nicht werden, aber Amelie hatte schon immer mehr auf ihr Äußeres geachtet. Amelie hatte gleich drei verschiedene Kleider an ihrem Hochzeitstag getragen. Eines für die standesamtliche, eines für die kirchliche Trauung und eines für die Feier danach. Das würde Petra im Traum nicht einfallen.

Doch jetzt waren andere Dinge wichtiger. Sie musste unbedingt zu Stadtlander. Haarfarbe kaufen. Hatte sie doch, kurz bevor ihre Mutter an ihrer Tür Sturm trommelte, ein paar graue Strähnen in ihren blonden Haaren entdeckt. Ausgerechnet jetzt. Vor dem wichtigsten Tag in ihrem Leben.

Es blieben ihr noch genau zwanzig Stunden, bis das Schiff mit ihrem Jörg drauf anlegte.

Auf dem Flur traf sie Birgit Ahlers. Die Chefin des Hotels Sonnenstrand goss gerade den Hibiskus, der seine großen rot-gelben Blüten zum Fenster reckte. »Frau Ahlers, wo ich Sie gerade sehe: Mein Mann kommt morgen. Wir würden gerne ein Probeessen veranstalten. Jörg, meine Mutter und ich.«

Langsam drehte sich Birgit Ahlers zu ihr um. »Ein Probeessen? Wie soll ich das verstehen?«

»Na, ja, alles, was wir für den Hochzeitsabend bestellt haben, möchten wir vorher gerne probieren. Das ist so üblich, oder?« Wollte Frau Ahlers sie nicht begreifen? Von einer Hotelbesitzerin sollte man eigentlich ein wenig mehr Engagement erwarten. Langsam wurde Petra ungeduldig. Sie hatte eine einfache Frage gestellt in der Erwartung einer einfachen Antwort.

»Natürlich ist mir bewusst, was ein Probeessen ist«, erwiderte Frau Ahlers. »Aber ich hätte gerne etwas mehr Vorlauf. Wenn ich mich recht erinnere, haben Sie ein paar Fischsorten bestellt, die ich nicht auf der Karte habe und bis morgen nicht bekomme. Da werden wir also improvisieren müssen. Womit Ihnen natürlich nicht gedient ist, wenn ich das richtig verstehe.«

Petra nickte. Warum musste alles so schwierig sein? Ein bisschen Spontaneität sollte man einem Dienstleister zutrauen können. Sie bemühte sich um ein Lächeln. »Sie bekommen das schon hin. Danke auch.« Es ist nicht verkehrt, sich mit diesen Leuten gut zu stellen, zumindest bis nach der Hochzeit, dachte sie. Außerdem: Sie hatte nun mal auf der Insel heiraten wollen, und das beschauliche Baltrum war nicht Sylt, wo man eine gehobenere Gastronomie pflegte. Amelie hatte dort den Bund fürs Leben geschlossen. Mit allen Drum und Dran.

Zuvor hatte Petra mit ihr und vier weitere Freundinnen zwei Tage in Hamburg im Brautmodengeschäft verbracht, abgefüllt mit Kaffee und Sekt, bis Amelie endlich entschieden hatte, welches Kleid zu ihrem großen­ Tag passte. Petra dachte mit Grauen an diese endlose Sitzung. Und an den Junggesellinnenabschied. Sie hatten sich zwar nicht wie all die anderen dämlich verkleideten Grüppchen an irgendeinem Bahnhof eingefunden, wo Amelie den Reisenden Schnapsfläschchen zur Finanzierung der eigenen Feier hätte verkaufen müssen. Was schon schlimm genug gewesen wäre. Nein, sie waren standesgemäß nach London geflogen, inklusive eines Abstechers nach Ascot zum Pferderennen. Das hochnäsige Gehabe der Menschen im Hotel und auf der Rennbahn war Petra unglaublich auf die Nerven gegangen. Und was dieser Wochenendtrip gekostet hatte – daran wollte sie nie mehr erinnert werden.

Amelies Verlobter und seine Freunde hatten statt­dessen ganz bodenständig den Junggesellenabschied im Harz gefeiert und zur Krönung des Wochenendes ihr Holzfäller-Diplom gemacht. Sie hatten sich im Genauig­keitssägen, Ringnageln und Jodeln gemessen. Auch das Holzscheibenwerfen war eine wichtige Disziplin zur Erlangung der begehrten Urkunde gewesen. Die Jungs hatten bei der Feier begeistert von dem Wochenende erzählt.

Die Hochzeit selber hatte alles übertroffen, was Petra sich je unter dem schönsten Tag des Lebens vorgestellt hatte. Alles gab es im besten Haus am Platze im Überfluss. Das hatte auch Amelie feststellen müssen, als bereits am frühen Abend ihr Mann, in jedem Arm eine ihrer Cousinen, restlos betrunken vor sich hin lallte. Nein, dann lieber Baltrum und eine Feier im kleinen Familienkreis. Petra mochte diese Insel. Wenn sie ihren Urlaub darauf verbrachte. Doch im Moment wurde ihr alles zu viel.

Hoffentlich hatten die bei Stadtlander überhaupt die passende Haarfarbe. Sonst müsste sie womöglich ans Festland fahren. Und das war das Letzte, was sie sich vor ihrer Hochzeit vorstellen mochte.

In der Drogerie-Abteilung schaute sie sich suchend um. Aber außer Nagelfeilen, Scheren und Hornhautraspeln sah sie nur Frotteehandtücher und andere Dinge, die im Moment überhaupt nicht in ihr Beuteschema passten.

»Kann ich Ihnen helfen?«

Energisch schüttelte Petra den Kopf. Das würde gerade passen, dass sie der Verkäuferin ihr Problem schilderte! Auf der anderen Seite sparte es Zeit. Und Zeit war genau das, was ihr fehlte. Noch neunzehn Stunden und Jörg würde vor ihr stehen. Es war noch so viel zu tun.

»Ich – ich hätte gerne Haarfarbe«, sagte sie zu der Verkäuferin, die gerade im Begriff war, wieder zu gehen.

»Gerne. Welche Farbe soll es denn sein?«

Petra Bramlage stutzte. »Na, Blond natürlich.«

»Lichtblond, goldblond, hellaschblond oder hellgoldblond?« Die Verkäuferin zeigte auf diverse Packungen.

Nahm das gar kein Ende? Wie sollte sie das wissen? »Es ist für mich. Ein paar graue Strähnen müssen weg«, überwand sie sich. Vielleicht würde dieser Anspruch an das Färbemittel die Suche einschränken.

»Ach, dann nehmen Sie man Super intensiv nordic blond. Das passt zu Ihnen.«

Nordic blond. Das war genau das Richtige für ihre Haare. Ihre dichten, ein wenig verwirbelten hellblonden Haare. Die Jörg als Erstes aufgefallen, als sie in seiner Vorstellung gewesen war. Zumindest hatte er das später immer wieder erzählt.

Sie nahm die Packung und stellte sich an der Kasse an.

*

Dubius: Wie schaut es mit deinen Vorbereitungen aus?

Inselfee: Alles bestens. Habe gerade mit meiner Mutter im Seehund gegessen. Morgen kommt Jörg. Dann geht es in die heiße Phase.

Wessi: Warst du schon am Kite-Strand? Wettertechnisch muss das jetzt klasse sein.

Inselfee: Nein, keine Zeit.

Wessi: Ist Bobo da? Der vom letzten Jahr mit dem lila T-Shirt.

Inselfee: Keine Ahnung. Habe was anderes zu tun.

Wessi: Du wirst doch vor lauter Aufregung deine alten Freunde nicht vergessen.

Inselfee: Muss jetzt schlafen. Bis morgen.

Sonntag

Irritiert tastete Hedda Bramlage nach dem Radiowecker. Es konnte doch wohl nicht sein, dass sie schon aufstehen musste?! Doch ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass sie hochnötig erst ins Bad und dann in die Klamotten steigen sollte. Sonst durfte sie das Frühstück im Hotel abhaken.

Na ja, ganz so schlimm war es nicht. Sie hatte eine gute Stunde, aber mit Anfang sechzig ging eben manches nicht mehr so schnell. Nicht, dass ihre Knochen nicht mehr mitmachten. Sie hatte nur manchmal das Gefühl, dass sie einfach mehr Zeit brauchte, um die Dinge des täglichen Lebens in einer für sie vernünftigen Reihenfolge abwickeln zu können. Früher, als sie in ihrer alten Firma tagtäglich für die Koordination von Arbeitsabläufen zuständig gewesen war, hatte sie nicht einmal darüber nachgedacht. Sie hatte die Handwerker eingeteilt, Arbeitsmaterial bestellt, und keiner der gestandenen Männer hatte widersprochen, wenn sie morgens ihre Arbeitspläne ausgeteilt hatte.

Jetzt lag sie im Bett und überlegte, ob sie erst ihre Zähne putzen und dann duschen, oder das Ganze eher umgekehrt gestalten sollte. Oder ob sie überhaupt aufstehen sollte. Es war einfach so gemütlich unter der kuscheligen Decke. Doch der Tag wartete.

Gähnend stand sie auf. Die Sonne schien durch die bunte Übergardine. Sie öffnete das Fenster und atmete tief ein. Was für eine klare Luft! Mit einem Aroma von Schlick aus dem Wattenmeer, das sich zwischen den Hellerwiesen und dem Festland mit seinen vielen Windrädern ausbreitete. Das Watt war trocken gefallen. Nur in den Prielen stand ein wenig Wasser. Unendlich viele Möwen, die das Watt als Nahrungsrevier nutzten, erfüllten die Luft mit ihren Schreien.

Der Abend zuvor mit Petra war recht nett gewesen. Obwohl sich ihre sonst so taffe Tochter zurzeit in ein nervliches Wrack zu verwandeln schien – was ihren durchaus vorhandenen guten Charakterzügen nicht zum Durchbruch verhalf –, hatten sie es sich gemütlich gemacht. Hedda hatte sogar vorsichtig anfragen dürfen, wie Petra und Jörg sich das mit der Bezahlung der Zimmer für die anreisende Verwandtschaft vorgestellt hatten. Ihre Tochter war ein wenig blass geworden, hatte einen Moment lang an ihrem Wiener Schnitzel rumgesäbelt und dann gesagt: »Die Zimmer übernehmen wir. Die Überfahrt kann jeder aus der eigenen Tasche bezahlen.«

Hedda hatte ihr schweigend zugestimmt. Diese Hochzeit würde schon teuer genug. Da konnten die Gäste ruhig was dazutun. Aber sie kannte ihre Verwandtschaft. Das würde nicht gut ankommen. Jörgs Familie war da lockerer. Überhaupt – das war eine coole Truppe. Nicht so verbiestert wie die eigene. Wenn sie nur an ihre alte Tante Elli dachte …! Den ganzen Tag am Beten, wenn sie nicht gerade mit dem Feldstecher am Fenster saß und die Nachbarn beobachtete.

Petra ist bestimmt schon mit dem Frühstück durch, überlegte Hedda, als sie aus dem ersten Stock die Treppe zum Frühstücksraum hinunterging. Doch als sie ihren Blick über den Saal mit den hellen Holzmöbeln schweifen ließ, entdeckte sie ihre Tochter ganz hinten in der Ecke, vertieft in eine Zeitung. Eine Wolke von Gemurmel hing über dem Raum, obwohl längst nicht mehr jeder Stuhl besetzt war. Viele Gäste hatten ihr Frühstück wohl schon beendet. Kein Wunder bei dem tollen Wetter. Ab und zu klang Kinderlachen durch, und es schepperte leicht, als ein junger Mann in T-Shirt und kurzer Hose den Deckel von der Pfanne mit dem Rührei nahm und auf dem Buffet absetzte.

»Hallo, Petra. Na, genießt du die Ruhe vor dem Sturm?«

Ihre Tochter nickte. »Gleich geht es weiter. Termin beim Friseur.«

Hedda schaute sie prüfend an. Irgendetwas war ungewohnt. Friseur. Das war das Stichwort. Petras Haare waren anders blond als sonst. Hellblond. Sehr hellblond. Zumindest das, was sich unter dem Kopftuch hervorkräuselte.

»Du brauchst gar nicht so zu gucken. Es ist alles okay. Willst du dir keinen Kaffee bestellen? Frau Ahlers schaut gerade zu uns herüber.«

Noch ehe Hedda etwas sagen konnte, stand die Chefin des Hotels neben ihr. »Ich bringe Ihnen heute höchstpersönlich den Kaffee, Frau Bramlage. Meine Bedienung liegt mit Grippe im Bett.«

»Mit viel Milch, bitte, sonst vertrage ich ihn nicht«, erklärte Hedda, dann wandte sie sich Petra: »Und, was liegt sonst noch an?«

»Da fragst du?«

Hedda sah schon wieder das nervöse Blitzen in Petras Augen. Meine Güte, so eine Hochzeit hätte sie selber früher aber lockerer weggesteckt. Wenn sie denn eine gehabt hätte. Petra hatte schon recht. Aber das stand auf einem anderen Blatt.

»Wie gesagt: probefrisieren. Das heißt, probefrisieren ist der falsche Ausdruck. Ich will nur für Freitag vor der Trauung einen Termin.«

»Meinst du nicht, der Mann sollte sich versuchsweise schon mal mit deinen Haaren beschäftigen?« Hedda wusste, dass das so üblich war, seit sie neulich eine dieser Frauenzeitschriften gelesen hatte.

Petra lachte verächtlich. »Ich heiße nicht Amelie und mache aus der Hochzeit keinen gesellschaftlichen Höhe­punkt. Ich werde auch kein Krönchen im Haar tragen oder sonst etwas. Er soll sie nur vernünftig frisieren und das wird er wohl können. Außerdem will ich die Kutsche bestellen. Dann den Brautstrauß mit der Floristin besprechen. Kutsche und Brautstrauß kann ich Gott sei Dank im Ostdorf fast auf einem Weg erledigen.«

Es lag Hedda auf der Zunge, zu fragen, ob der Brautstrauß nicht Sache des Bräutigams sei, aber sie hielt sich zurück. Sollte ihre Tochter man machen.

»Um vier kommt Jörg. Da muss ich natürlich am Hafen sein.«

Natürlich. Wäre komisch, wenn die Braut ihren Bräutigam bereits vor der Hochzeit allein am Hafen stehen lassen würde.

»Darum ziehe ich jetzt mal los. Lass dir das Frühstück schmecken.«

So schnell konnte Hedda Bramlage gar nicht antworten, geschweige denn fragen, ob sie helfen könne, wie ihre Tochter verschwunden war. Dann eben nicht. Genüsslich biss sie in ihr Marmeladenbrötchen.

Auch sie hatte etwas vor. Nämlich ihre Bekanntschaft mit Eberhard erneuern.

*

Als Hedda eine knappe Stunde später etwas atemlos die Bänke auf dem großen Platz vor dem Rathaus erreichte, saß Eberhard bereits da. Mit Erstaunen bemerkte sie, dass ihr Herz plötzlich ziemlich unruhig schlug. War sie zu schnell gelaufen? Oder sollte die Unruhe einen anderen Grund haben?

Er griente, als sie sich neben ihm auf die Bank fallen ließ. »Na, auch nicht mehr die Jüngste!«

Empört schaute sie ihn an, musste dann lachen. Er hatte nicht unrecht. Man gut, dass er ebenfalls die sechzig­ überschritten hatte. Er sah einfach unwiderstehlich aus mit seinem braun gebrannten Gesicht, umrahmt von einem grauen Dreitagebart, seinen blauen Augen, die beim Lachen unglaublich leuchteten, und der Figur, der man die Jahre keinen Zentimeter ansah.

»Wie ist es, gilt dein Versprechen noch, mich mit ins Watt zu nehmen?«

»Ein Insulaner hält, was er verspricht«, antwortete er und stand auf.

Eberhard nahm sein Fahrrad und stapfte energisch los. Sie hatte ein wenig Mühe, ihm zu folgen. Als er es bemerkte, verlangsamte er seine Schritte.

»Warst du schon im Museum?« Er deutete mit dem Kopf auf ein altes Haus, das sich hinter dem Süddeich versteckte.

»Nein, ich bin erst seit drei Tagen hier. Und die habe ich damit verbracht, meiner Tochter zu helfen. Soweit sie es zugelassen hat. Zwischendurch habe ich die Insel erkundet. Und gestern habe ich einen neuen Bekannten im Cobigolf geschlagen.« Sie schmunzelte.

»Tja, so schnell kann’s kommen«, überlegte Eberhard. »Da macht man seine übliche Runde mit dem Fahrrad, und was ist? Da fällt einem glatt eine Frau vor die Füße.«

Das war wirklich ein Schreck gewesen. Sie hatte sich beim Fellinis ein Eis gekauft. Sehr zum Entzücken einer mächtigen Silbermöwe. Als Hedda dem Angriff des imposanten Tieres ausweichen wollte, hatte sie nicht auf den Fahrradfahrer geachtet, der sie gleich unterhalb des Eisladens bei Mindermann überholte. Ihr erstes Zusammentreffen mit Eberhard Mettjes war ein wenig schmerzhaft gewesen.

»Ist sonst nicht meine Art, vor den Männern in die Knie zu gehen«, erklärte sie. »Aber in diesem besonderen Fall blieb mir nichts anderes übrig.«

»So habe ich dich von Anfang an nicht eingeschätzt«, antwortete Eberhard mit einer Wärme in der Stimme, die ihr Inneres beinahe völlig aus dem Ruder laufen ließ.

Sie rief sich zur Ordnung. Du kannst dich in deinem abgeklärten Alter nicht Hals über Kopf in einen wildfremden Mann verknallen, schalt sie sich. Sie wusste es besser: Sie konnte.

Am Hafen angekommen bogen sie links ab, am Häuschen der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger und am Bootshafen vorbei.

»Du solltest deine Hose hochkrempeln und die Schuhe ausziehen.« Eberhard zeigte auf seine bloßen Füße. »Du kannst alles hier liegen lassen, das klaut keiner.«

Sie zögerte einen Moment, dann zog sie entschlossen ihre Lieblingssandalen aus und stellte sie im Gras neben dem Weg ab.

»Auf geht’s.« Er nahm einen Wanderstock, der an seinem Hinterrad festgeklemmt war, und lief los.

Sie folgte ihm und schon bald lag die Weite des Watten­meeres vor ihr. In der Ferne sah sie viele Menschen wie winzige Punkte knapp über dem Wattboden.

»Das sind alles Gruppen, die mit dem Schiff heute Morgen nach Baltrum gekommen sind und nun wieder mit einem erfahrenen Wattführer rüberlaufen nach Neßmersiel.«

»Wie lange …?«

»Gut zweieinhalb bis drei Stunden sind die unterwegs. Je nachdem, wie viel der Wattführer erklärt, wie der Wasserstand ist und so weiter.«

Ganz schön mutig, dachte Hedda. Sie war froh, dass die Silhouette der Insel noch zum Greifen nah war, obwohl sie schon eine ganze Weile keinen Bodenbewuchs mehr gesehen hatte. Stattdessen spürte sie feuchten, riffeligen Sand unter ihren Fußsohlen.

Eberhard bückte sich und strich mit den Fingern über den Boden. Dann grub er etwas aus. »Schau mal, eine Wattschnecke. Davon gibt es an die tausend pro Quadratmeter. Sie dienen vor allem den Wasservögeln als Nahrung.«

»Du kennst dich wirklich gut aus«, wunderte sie sich. »Wissen alle Insulaner so gut Bescheid im Wattenmeer?«

Eberhard lachte. »Nein, das wohl nicht. Ich war viele Jahre Wattführer. Aber dann hat mich die Arthrose erwischt. In den Knien. Mein Arzt hat gesagt, ich solle mir das mit dem Wattwandern gut überlegen. Offene Wanderungen sind für mich Vergangenheit. Ich gehe nur noch mit Gruppen, die sich bei mir anmelden. Nur noch wenige Male im Jahr. Übermorgen laufe ich mit dem Gartenbauverein Ennigerloh. Wenn du mitwillst …«

Hedda schaute ihn prüfend an. »Warum bist du mit mir hier, wenn es eigentlich nicht gut für deine Gelenke ist?«

»Weil ich nun mal gerne im Watt bin. Es ist eine faszinierende Landschaft, die ich dir gerne zeigen möchte. Außerdem macht meinen Knien so ein kleiner Exkurs nichts aus.« Eberhard nahm eine Muschel in die Hand. »Hier, siehst du? Eine Herzmuschel. Sie ist – warte mal – sieben Jahre alt.«

»Woran erkennst du das?«, fragte sie erstaunt. Sie konnte kaum glauben, dass so ein kleines Tier bereits so viele Jahre seinen Feinden hatte entkommen können.

»Du musst nur die Ringe zählen. Es sind Jahresringe. Genau wie bei Bäumen.«

Tatsächlich. Die einzelnen Abschnitte waren klar zu sehen.

»Ich setze sie wieder auf die Erde. Schau, was passiert.«

Hedda traute ihren Augen kaum. Die Muschel buddelte sich mit ihrem Grabefuß in kürzester Zeit wieder in den feuchten Sand. Da hatte natürlich eine Möwe keine Aussicht auf Erfolg. Zumindest bestand eine gewisse Chancengleichheit zwischen Fressen und Gefressenwerden. Das war immer wichtig im Leben, sinnierte Hedda. Dieses Prinzip hatte sie auch versucht ihren beiden Töchtern nahe zu bringen.

Allerdings musste sie zugeben, dass Petra in der Beziehung zu Jörg den dominanten Teil einnahm. Jörg war eher ein Sanfter, der sich alle Dinge mehrmals durch den Kopf gehen ließ, bevor er eine Entscheidung fällte. Der nie mit dem Kopf durch die Wand ging, sich ein … ja, fast kindliches Gemüt bewahrt hatte. Ein Mann, der mit dem auskam, was er durch seine Vorstellungen einnahm. Wenn es einmal nicht so gut lief, zum Beispiel in den Wintermonaten, in denen die Auftritte in den Nordseebädern wegfielen, reichte ihm weniger zum Leben. Dann blieb ihm nur das Honorar von Kindergeburtstagen oder seltenen Gastspielen in den Kinderbespaßungsfabriken unter Dach, die sich inzwischen selbst in den kleinsten Orten etablierten. Wie sagte er immer? »Eine Rutsche, eine Ecke voll mit bunten Bällen, Cola, Eis und ein Hamburger – das reicht, um Kinder von heute glücklich zu machen. Denken zumindest die Betreiber solcher Hallen. Und viele Eltern, nicht zu vergessen.« Seiner Meinung nach fehlte Entscheidendes: Die Fantasie der Kinder zu wecken, und der Wille, sich mit den Kindern zu beschäftigen, sie ernst zu nehmen.

Hedda bewunderte ihren Schwiegersohn für seine Geduld. Sie war zeitlebens ungeduldig gewesen. Wenn nicht alles sofort klappte, konnte sie unangenehm werden. Das hatten ihre beiden Kinder ebenfalls erfahren müssen.

»Jetzt graben wir einen Wattwurm aus«, schreckte Eberhard sie aus ihren Gedanken und zeigte auf eines von Millionen geringelter Sandhäufchen, die den Wattboden bedeckten. Sie ließ sich von seinen spannenden Erklärungen gefangen nehmen und merkte kaum, wie die Zeit verstrich.

»So, da wären wir wieder. Herzlichen Glückwunsch zur ersten erfolgreich absolvierten Wattwanderung.«

Schon hatten sie wieder die Stelle erreicht, an der sie ihre Schuhe abgelegt hatte.

»Ich lade dich zu einem Kaffee im Verhungernix ein. Wie wär’s?«, schlug sie vor, als sie wieder auf der Hafen­straße standen. Sie hoffte, dass er zustimmte und sie noch ein wenig Zeit miteinander verbringen konnten.

Gerade als er antworten wollte, klingelte es in seiner Jackentasche. Er fummelte sein Handy heraus. »Hallo, Hans. Schön, dass du zurückrufst. Gab’s die Sachen im Baumarkt? Nein? Aber eine Leiche? Wo? Aha. Das ist ein Ding. Sachen gibt’s.« Eberhard hörte einen Moment schweigend zu, dann sagte er: »Ich melde mich später über Festnetz«, und verstaute das Telefon wieder in seiner Jacke.

Hedda wartete ungeduldig auf eine Erklärung. Warum sagte er nichts?

Stattdessen schaute er auf seine Armbanduhr.

»Also, was ist nun? Wir trinken Kaffee und du erzählst mir alles über die Leiche.«

Doch Eberhard schüttelte den Kopf. »Geht leider nicht. Ich muss los. Das Mittagessen wartet.«

»Aber über die Leiche wirst du mir wohl kurz noch berichten können, oder?«, versuchte Hedda es erneut.

»Mein Freund Hans wohnt in Bensersiel. Ich hatte ihn gebeten, mir ein paar Dinge aus dem Baumarkt zu besorgen. Das macht er gerne. Er bringt sie dann zum Schiff …«

»Eberhard – die Leiche!?«, hakte sie noch einmal nach. »Frauen sind nun mal neugierig!«

»Die haben sie im Hafenbecken von Bensersiel gefunden. Mehr wusste Hans nicht. Nur, dass der Tote weiße Handschuhe getragen haben soll. Aber du weißt, wie das mit solchen Wahrheiten ist«, fügte Eberhard hinzu. »Jetzt muss ich aber wirklich. Bis später.«

Ehe sie fragen konnte, wann sie sich wiedersehen würden, hatte er seinen Stock am Fahrrad festgeklemmt und fuhr Richtung Nationalparkhaus. Komisch, dachte sie, das ist heute bereits das zweite Mal, dass sich jemand einer Antwort durch Flucht entzieht. Bin ich denn so unerträglich? Und außerdem – wer wartete mit dem Mittag­essen auf ihn? Seine Frau? Hedda hatte ihn tatsächlich noch nicht nach seinem Familienstand gefragt. Das wäre ein Ding … Sie erlaubte ihren Gefühlen heimlich die wildesten Sprünge und Eberhard fuhr womöglich zum Mittagessen im Kreis seiner Lieben!

Nichts da. Sie würde ihrem Überschwang einen Riegel vorschieben. War sowieso lächerlich. In ihrem Alter. Sie würde ins Hotel Sonnenstrand zurückkehren und schauen, ob ihre Tochter das Probefrisieren erfolgreich hinter sich gebracht hatte. Und sich wieder in den Dienst der Hochzeitsvorbereitungen stellen.

Wer wohl der Tote war? Was hatte Eberhards Freund gesagt … der trug weiße Handschuhe? Hedda schien der Magen plötzlich wegzusacken. Trugen Clowns nicht weiße Handschuhe? Trug Jörg bei seinem Auftritt nicht immer weiße Handschuhe? War sein Auftritts-Termin gestern am Festland nicht in Esens gewesen? Und lag Esens nicht in der Nähe von Bensersiel? Oder übernachtete er nur in Esens und sein Auftritt war in Bensersiel? Sie konnte sich nicht erinnern.

Ihre Knie zitterten, als sie das Hotel erreichte. Sollte sie Petra berichten, was sie gehört hatte? Oder machte sie damit nur die Pferde scheu? Bastelte sie sich da reinen Blödsinn zusammen? Langsam ging sie hoch in den ersten Stock und blieb vor Petras Zimmer stehen. Sie hörte die laute Stimme ihrer Tochter. Was sollte sie tun? Hedda klopfte und öffnete vorsichtig die Tür.

Petra telefonierte gerade, winkte sie aber rein. Ihre Tochter sah erbost aus. Sie knallte das Handy auf den Tisch und ließ sich auf ihr Bett fallen. »Dieser Idiot. Dieser verfluchte Idiot …«

»Was ist denn los?«

»Jörg. Er geht einfach nicht ans Telefon. Ich muss doch wissen, wann er kommt! Schließlich steht das Probeessen an. Nicht mal der Chef vom Sturmfrei in Neßmersiel konnte ihn erreichen. Da hat er sich nämlich auch noch nicht blicken lassen. Echt peinlich, dieser Anruf.«

»Er wird bestimmt rechtzeitig da sein«, versuchte sie Petra zu beruhigen. Heddas Stimme hielt, doch die Angst saß ihr im Nacken. Was wäre, wenn doch … wenn Jörg überhaupt nicht mehr käme? Wenn sein Telefon mit ihm im Hafenbecken …? Hedda stöhnte leise auf. Ihr Kreislauf meldete sich. Wie immer, wenn ihr etwas großes Unbehagen bereitete. Was sollte sie machen? Es gab nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie hatte recht mit ihrer Vermutung – dann würde ihr Petra nie verzeihen, dass sie nichts gesagt, nicht reagiert hatte. Oder sie bildete sich alles nur ein. Dann war es unverzeihlich, ihre Tochter dermaßen aufzuregen. Hedda wünschte sich Eberhard herbei. Der hätte bestimmt eine Lösung für ihr Problem.

Hastig stand sie auf. Ein Fehler. Alles drehte sich um sie herum und sie ließ sich wieder in den Sessel sacken. Sie musste hinüber in ihr eigenes Zimmer. Sich beruhigen. Nachdenken. Damit das Drehen in ihrem Kopf ein Ende fände. Konnte sie ihre Tochter alleine lassen? Was, wenn gleich ein Anruf kam? Ein Anruf, der Petras Zukunft zerstörte?

Mühsam erhob sie sich ein zweites Mal. »Ich gehe mal eben rüber. Bin gleich wieder da.« Sie wartete nicht auf eine Antwort, zog den Schlüssel aus ihrer Jackentasche und tastete sich über den Flur. Immer an der Wand lang. Ihr Zimmer lag nur ein paar Schritte weiter.

Gerade als sie aufschließen wollte, hörte sie hinter sich ein fröhliches »Hallo, Frau Bramlage, warten Sie. Ich hätte da noch eine Frage. Wegen heute Abend.«

Frau Ahlers. Bloß jetzt nicht. Hedda konnte nicht klar denken. Geschweige denn Fragen beantworten. »Ich muss mal eben – bin gleich bei Ihnen.« Mit letzter Konzentration drehte sie den Schlüssel im Schloss und drückte die Klinke. Sie wankte in ihr Zimmer und schaffte es gerade noch, hinter sich wieder abzuschließen.

Aufatmend ließ sie sich in den bequemen Ohrensessel fallen. Aber sie konnte die Frau nicht warten lassen. Die Chefin hier hatte genug zu tun. Sie waren nicht die einzigen Gäste. Nur einen Moment noch. Einen kleinen Moment. Sie schloss die Augen, atmete tief durch, ganz bewusst, so wie sie es bei ihrer Physiotherapeutin gelernt hatte.

Als sie wieder aufsah, wurden die zarten gelb-grünen Linien auf den Tapeten wieder Linien und die bunten Blüten des Sommerstraußes auf den Couchtisch bekamen ihre klaren Formen zurück. Nach einer guten Viertelstunde fühlte Hedda sich wieder bereit für das Leben.

Wo war Frau Ahlers? In der Ferne hörte Hedda das Summen eines Staubsaugers. Sie folgte dem Ton und fand die Hotelchefin im Frühstücksraum.

Frau Ahlers stellte den Motor ab. Mit gekonntem Schwung nahm sie die Stühle, die auf einem der Tische gestapelt waren, herunter. »Kommen Sie rein und nehmen Sie Platz. Eine Frage habe ich wegen des Fisches für heute Abend … Frau Bramlage? Was ist mit Ihnen?«

Hedda schien es, als ob sie gerade aus einem tiefen Traum aufwachte. Sie zwinkerte mit den Augen. Vor ihr saß Frau Ahlers und schaute sie erstaunt an. Hedda hatte sich wohl ein wenig zu schnell hingesetzt. Dann war ihr wieder schwindelig geworden.

»Hallo, Frau Bramlage! Soll ich den Arzt holen?«

Nein, bloß das nicht. Das konnte Hedda gar nicht gebrauchen. Und ihre Tochter noch weniger. Ihre Tochter … Sie musste sofort wieder zu ihr. Wenn nun der Anruf bereits …. Hedda versuchte aufzustehen. Vergebens.

»Frau Bramlage!«

Sie hörte die Besorgnis in Frau Ahlers’ Stimme und murmelte: »Kein Arzt. Ich muss Ihnen was erzählen.«

*

Als der Anruf von Birgit Ahlers kam, bemühte sich Kriminal­oberkommissar Michael Röder gerade mit Hilfe seines Kollegen Geerd Ulferts, die Fenster der kleinen Wache zu putzen. Genauer gesagt: Röder hatte sich von seiner Frau Sandra Eimer, Lappen und Reinigungsmittel ausgeborgt, und Ulferts putzte.

»Was sagst du? Ein Toter in Bensersiel?« Erstaunt hörte sich Röder an, was Birgit zu berichten hatte.

»Ich melde mich, sobald ich Näheres weiß«, versprach er, dann rief er in Esens an. Er sprach mit Marlene Jelden­, einer jungen Kripobeamtin, die er ein paar Wochen zuvor kennengelernt hatte. Sie bestätigte ihm, dass man tatsächlich eine Leiche im Hafenbecken gefunden habe. Auch dass der Mann weiße Baumwollhandschuhe getragen habe.

Näheres konnte die Kommissarin jedoch noch nicht sagen. Weder, wie der Mann hieß, noch Einzelheiten zur Todesursache seien bisher bekannt, erklärte Marlene. »Fakt ist, dass die roten Druckstreifen am Hals auf Erdrosselung hinweisen könnten. Ich hoffe mal, dass wir bald etwas Genaueres erfahren.«

»Hast du wenigstens eine Beschreibung?«, fragte Röder. »Die Gastdame hier macht sich große Sorgen, dass es sich um ihren angehenden Schwiegersohn handeln könnte. Wegen der Handschuhe. Er ist nämlich Clown, musst du wissen. Und er hatte einen Auftritt in Bensersiel.«

Röder hörte ein verknautschtes Lachen. »Tja, man soll keine Möglichkeit außer Acht lassen. Also, zum Mitschreiben: Zwischen fünfzig und sechzig Jahre alt. Blondes, halblanges Haar. Kurze, beige Hose und blaues T-Shirt mit Schalke-Logo. Ich glaube nicht, dass der Mann von Beruf Clown war. Aber wiederum … mit diesem T-Shirt … man weiß es nicht.«

»Ich denke, ich kann Entwarnung geben«, sagte Röder. »Die Beschreibung, die ich bekommen habe, hört sich anders an. Die Dame sprach von einem Mann Ende dreißig mit schwarzen Haaren. Dass er Schalke-Fan sei, hat sie nicht erwähnt. Melde dich, wenn es was Neues gibt.«

Marlene Jelden versprach’s.

Geerd Ulferts schaute Röder neugierig an, während er das Fenster mit einem trockenen Tuch nachrieb. Michael Röder wiederholte, was die Esenser Kollegin berichtet hatte. »Kennst du eigentlich Marlene?«