Baltrumer Eiszeit - Ulrike Barow - E-Book

Baltrumer Eiszeit E-Book

Ulrike Barow

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Beschreibung

Auf Baltrum will die Belegschaft einer Kölner Firma an Karneval ordentlich die Sau rauslassen. Weil keiner der Mitarbeiter den großspurigen Chef leiden kann, ist die Stimmung allerdings eher mies. Nachts fällt ein Igel von einer Brücke, ein Pinguin ergreift die Flucht. Die Inselpolizistin kann bei der Frau im Igelkostüm nur noch den Tod feststellen und Inselpolizist Michael Röder jagt den Pinguin. Derweil hält Packeis die Nordseeinsel fest im Griff und Baltrum ist von der Außenwelt abgeschnitten.

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Ulrike Barow

Baltrumer Eiszeit

Inselkrimi

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[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2020

(Originalausgabe erschienen 2016 im Leda-Verlag)

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: Katrin Lahmer

unter Verwendung eines Fotos von: © Karlis/adobe.stock.com

ISBN 978-3-8392-6500-0

Haftungsausschluss

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Tulpensonntag

Liebe Güte, wo war sie hier hingeraten? Das sollte ein Hafen sein? Antonia Gohres’ Blick fiel über die weite, weiße Fläche, auf der einige wenige Autos standen. Die meisten trugen Werbeaufschriften von Handwerksbetrieben. Maler Ubben – Norden, Möbel­ Kleemann – Aurich und Klempner Haddinga aus Emden las sie im Vorbeigehen. Ob die Besitzer dieser Fahrzeuge alle auf Baltrum waren? Dann musste da ja ganz schön was zu tun sein.

Sie ließ den Parkplatz hinter sich und stieg die Treppe hoch auf den gepflasterten Damm, der das Hafengelände vor Hochwasser schützte. Gleich dahinter, dort, wo im Sommer die Strandkörbe standen – sie hatte ein Bild davon im Internet gesehen –, nichts als Leere, gähnende, weiße Leere. Antonia fror trotz ihrer dicken Winterjacke. Der Ostwind nutzte jede Öffnung, um darunterzukriechen. Sie ging weiter, dorthin, wo der Damm an dem großen Gebäude endete, in dessen Obergeschoss sich das Hafenrestaurant befand. Es hatte geschlossen, das hatte ihnen ihr Chef schon während der Anreise mit missmutigem Gesicht prophezeit, aber sie sah, dass ein paar Menschen in das Haus gingen. Sollte auch sie dort Schutz vor dem eisigen Wind suchen? Es dauerte noch ein wenig, bis die kleine Fähre, die sich unendlich langsam durch den Hafenschlauch zu kämpfen schien, anlegen würde.

Antonia folgte den Leuten und fand sich bald in einem zwar ungemütlichen, aber immerhin warmen Aufenthaltsraum voller Stimmengemurmel wieder.

Wenn es nur nicht so abgestanden riechen würde. Das würde sie bestimmt nicht lange aushalten. Sie zog sich einen freien Stuhl heran und ihr Handy aus der Tasche. Ob Severin angerufen hatte? Im Auto hatte sie ihr Telefon auf Anordnung ihres Chefs ausstellen müssen. Nein. Keine Nachricht. Warum meldete ihr Freund sich nicht? Sicher war er wieder mit seinem LKW unterwegs. Hoffentlich passierte ihm nichts bei dem Mistwetter.

Plötzlich entstand Unruhe. Die Wartenden am Nachbartisch standen wie auf Kommando auf, packten Bücher, Thermoskannen und Brotboxen in ihre Taschen und verließen eilig den Warteraum. Das Schiff hatte angelegt.

Also wieder raus in die Kälte. Ihr Chef würde sich sicher schon wundern, wo sie abgeblieben war, und einen ekeligen Spruch absondern von wegen ›Nix mehr los mit der Jugend von heute‹ und so. Aber das war ihr egal.

Tatsächlich, als sie sich der Anlegestelle näherte, sah sie, wie ihr Chef sich ungeduldig umschaute. Aber vielleicht galt dieser suchende Blick auch dem Auto ihrer Kolleginnen. Die beiden schienen noch nicht angekommen zu sein.

Sie schob den Ärmel ihrer Jacke zurück und sah auf die Uhr. Noch eine Viertelstunde, dann würde die Fähre zur Insel ablegen. Die Horrorvorstellung, mit Hennes Ollrich und ihrem Chef allein nach Baltrum übersetzen zu müssen, bescherte ihr arge Bauchschmerzen. Sie schloss die Augen, vergrub die Hände in den Jackentaschen und drückte ganz fest die Daumen. Sie war sicher, dass ihr das schon so manches Mal bei der Erfüllung ihrer Wünsche geholfen hatte. Nur bei Severin hatte es leider bisher nicht geklappt.

Hier funktionierte es tatsächlich. Als sie die Augen wieder öffnete, parkte gerade Sabine ihren blauen Panda neben dem roten Kombi der Klempnerfirma.

»Da sind sie«, sagte Antonia aufgeregter, als ihr lieb war.

Ihr Chef, Gereon Müller, registrierte die Nachricht mit einem kurzen Kopfnicken. »Wurde auch Zeit. Das Schiff legt gleich ab. Sollen die Damen man sehen, dass sie ihr Gepäck verstaut und ihre Nuckelpinne abgegeben kriegen.«

»Das Gepäck können wir doch …«, wandte Hennes ein, wurde aber sofort von Müller unterbrochen.

»Nichts da. Wenn die Ladys meinen, dass sie bummeln müssen oder das Schiff auf sie wartet, dann irren die sich. Nein, nein, das werden die brav selber machen, verstanden?«

Typisch. Das Auto von Sabine und Britta war eben nicht so schnell wie der BMW vom Chef. Und von Köln her konnte eine ganze Menge passieren. Besonders bei Eis und Schnee. Selbst an einem stinknormalen Sonntag ohne Ferienreiseverkehr. Aber was hieß schon stinknormal? Wenn Antonia ihrem Chef glauben durfte, war dieser Sonntag ein ganz besonderer Tag. Der nur von dem Montag getoppt werden würde.

»Nun mal hurtig, hurtig. Wir haben noch eine knappe Viertelstunde. Nicht erst Kaffee trinken!«, rief Müller den beiden Frauen zu, die gleichzeitig aus dem Auto stiegen. Antonia sah Sabine zusammenzucken. War es der scharfe Ton des Chefs oder der eisige Wind, der über das Hafengelände fegte und alle umklammerte? Antonia trug wenigstens feste Schuhe, Jeans und ihre dickste Winterjacke. Sabine setzte dem Wind nur ein dünnes Jäckchen, Rock und Pumps entgegen.

»Wir beeilen uns ja«, schnaufte Britta und zog einen Koffer aus dem Auto. »Ging leider nicht eher, der Emstunnel war gesperrt. Ihr müsstet gerade durch gewesen sein, da sind zwei Autos zusammengestoßen. Beinahe direkt vor uns.« Suchend schaute sie sich um.

Hennes lief auf sie zu. »Gib her. Hol du den nächsten­.«

»Hennes, was habe ich gesagt?« Gereon Müllers Stimme hatte jetzt etwas Gelangweiltes. Und etwas, aus dem Hennes ganz sicher schließen konnte, dass der Chef mit ihm nicht fertig war.

Und richtig. »Wir üben das noch mal. Das mit den Anordnungen! Und dem Befolgen.«

Am meisten wunderte es Antonia, dass Hennes darauf überhaupt nicht reagierte. Er trug einfach Brittas Koffer zu dem Holzcontainer, in dem sich bereits einige Gepäckstücke stapelten.

»Dein Auto bringst du zur Garagenvermietung«, erklärte Hennes ruhig. »Dort vorne in dem Häuschen sitzt jemand. An den kannst du dich wenden. Da bezahlst du und gibst den Schlüssel ab. Die nehmen das Auto mit in den Ort und stellen es sicher unter. Am Mittwoch bringen sie es wieder zum Anleger. Aber nun zügig. Das Schiff legt gleich ab.«

»Danke für die Auskunft. Geht ruhig an Bord. Ich bringe schnell das Auto weg.« Britta hielt Antonia eine Umhängetasche vor die Nase. »Hier, die kannste mit reinnehmen.« Sie zwinkerte ihr zu. »Wenn sie zu schwer ist, lass dir vom Chef helfen.«

Die hatte gut Zwinkern. Britta war die Einzige, die die Launen des Chefs nicht zur Kenntnis nahm, meistens fröhlich im Büro erschien und diesen Status bis Feierabend aufrechterhielt. Antonia wünschte sich sehnlichst das gleiche dicke Fell. Vielleicht würde sie Britta nach dem Patentrezept fragen. Irgendwann mal. Wenn sie nicht schon vorher die Brocken hinwarf.

Der Steg führte vom Anleger steil nach unten auf die Baltrum III. Ob es glatt war?Krampfhaft hielt Antonia sich am Geländer fest. Sie sah sich bereits unkontrolliert herunterrutschen und mit einem satten Aufprall auf dem Schiffsdeck landen.

»Junge Frau, würden Sie mich bitte vorbeilassen? Ich habe jede Menge mitzunehmen. Der Kapitän fängt Sie auf, falls Sie ins Rutschen kommen.«

Sie drehte sich um und sah einen Mann mit einer grünen, vollbepackten Klappkiste hinter sich. »Entschuldigung«, murmelte sie und nahm allen Mut zusammen. Es glückte. Ein paar entschlossene Schritte und sie stand auf der Fähre. Das hätte ihr gerade noch gefehlt, dass der Mann in der blauen Uniform, der unten am Steg die Gäste in Empfang nahm, hätte einschreiten müssen …

Der aber lächelte sie freundlich an und sagte dann zu dem Mann mit der Kiste: »Sie haben einen Dreiviertelmeter unter Normalnull gemeldet. Bei dem Ostwind wird die Fahrt durch das Eis nicht einfacher.«

»Denn sieh man zu, dass du loskommst«, erwiderte der Mann. »Ich möchte nicht am Festland übernachten müssen. Hauptsache, die Geschäfte auf der Insel haben genug zu essen für alle gebunkert. Und zu trinken. Dann können wir unbesorgt einfrieren.«

Antonia überlegte, ob sie den Kapitän bitten sollte, auf Britta zu warten. Wenn der plötzlich ablegte und ihre Kollegin auf dem einsamen Anleger zurückließe – kein guter Gedanke. Sie schaute zum Häuschen der Garagenvermietung. Alles klar. Britta war auf dem Weg.

Sie schauderte, als sie Müller, Hennes und Sabine folgte und die Treppe in den unteren Salon hinabstieg. Einfrieren? Was meinte dieser Mann? Etwa, dass sie auf diese Insel fuhren ohne Klarheit darüber, ob sie wieder zurückkonnten? Quatsch! Davon hatte der Chef nichts gesagt, als er seinen Angestellten den Betriebsausflug als beschlossene Sache vorgestellt hatte. Wie hatte er es genannt? Die Insel aufmischen. Nun denn. Der Mann kannte sich aus. Immerhin hatte er seit drei Jahren dort ein Häuschen, in dem sie nun alle wohnen würden. Und er, der große Innendesigner, würde sich kein Geschäft entgehen lassen, nur weil er nicht wie geplant die Insel wieder verlassen konnte.

Sie schaute aus dem Fenster. Die Wasserlinie war ihr hier im Bauch des Schiffes näher, als ihr lieb war. Wobei das Wort Wasser eigentlich gar nicht zutraf. Denn was sie sah, war Eis. Dicke, übereinandergetürmte Schollen, dann wieder eine glatte, zusammengefrorene Fläche, soweit das Auge reichte. Allerdings wäre sie bis jetzt nie auf die Idee gekommen, dass diese Eismassen die Schifffahrt beeinträchtigen könnten. Es war ihr normal vorgekommen. Es war halt Februar.

Kurz nachdem Britta sich zu ihnen auf die Bank gesetzt hatte, hörte Antonia ein paar Befehle, dann kam Bewegung in das Schiff. Es legte ab. Sie hörte ein Knirschen, dann ein Krachen, als der spitze Bug der Fähre die blanke Eisfläche teilte. Und es beschlich sie das ungute Gefühl, dass die Metallhaut nicht lange den scharfen Kanten der Eisblöcke standhalten würde.

»Dat scheppert janz schön.« Hennes’ Gesicht leuchtete. »Aber et hätt noch immer jot jejange, oder?«

»Wo ist denn hier die Toilette?« Sie konnte es kaum aushalten.

»Auf dem Hinterschiff«, sagte Müller. »Treppe hoch. Raus. Hinten Treppe wieder runter.«

Antonia zögerte. »Wie ganz raus? Nach draußen? Und wo dann?«

»Ich erinnere mich, dass ich dir den Weg vor gut zehn Sekunden beschrieben habe.« Ihr Chef stöhnte genervt auf. »Was ist daran denn so schwierig? Auch eine Praktikantin sollte wissen: Wo Toilette drauf steht, ist auch Toilette drin.«

»Es ist wirklich ganz einfach«, sagte jemand. »Ich gehe mit und zeige es dir.«

Sie sah einen Typ, etwa in ihrem Alter, mit wilden Ringellocken und einer quadratischen Hornbrille, auf der Nachbarbank gerade seine Jacke anziehen. Er nickte ihr zu.

»Donnerwetter, noch nicht mal angekommen und schon wartet ein Verehrer.« Sabine Schäfers Stimme hallte durch das Unterdeck.

Meine Güte, war das peinlich. Alle Leute rundherum wussten jetzt, wo es sie drückte. Und der hilfsbereite Knabe mit der orangefarbenen Jacke hatte nicht unwesentlich dazu beigetragen. Aber wenn sie ablehnte, würde alles nur umso peinlicher. Also ließ sie ihn vorausgehen und folgte stillschweigend.

Es war genau, wie ihr Chef gesagt hatte. Treppe rauf, raus in die Kälte, nach hinten, Treppe runter.

»So, da wären wir.« Der Typ zeigte auf eine weiße Metalltür und lachte. »Hier bist du richtig. Wenn ich dir weiterhelfen …«

»NEIN, DANKE!«

Sie quetschte sich an den Containern vorbei, die dicht nebeneinander auf dem Achterdeck standen. Darüber schwangen starke Ketten von einem Kranhaken herab.

Im Toilettenraum war es kalt und eng, aber es gab wenigstens ein Klo. Und sogar Papier. Sie atmete tief durch. Hier würde sie sitzenbleiben, bis dieses Schiff den Baltrumer Hafen erreicht hatte. Keinesfalls würde sie sich wieder dem Gelächter ihrer Kollegin und ihres Chefs aussetzen.

Warum war sie überhaupt mitgekommen? Suchend schaute sie an der beigen Plastikwand hoch, als sei dort eine Antwort zu finden. Mitten im Winter auf eine Nordseeinsel. Zu nichts hätte sie noch weniger Lust gehabt. Aber Müller hatte sie einfach eingeplant und keinen Widerspruch zugelassen. Wenigstens konnten sie kostenlos in seinem Haus übernachten. Für Essen und Trinken, so hatte er gesagt, nein, angeordnet, müsse aber jeder selbst sorgen.

Und jetzt saß sie hier mit vor Kälte zitternden Beinen auf einer kleinen Fähre auf einem noch kleineren Damen­klo und traute sich nicht raus. Doch je länger sie saß, desto ungemütlicher wurde es. Es nützte nichts, sie musste einfach wieder in die Wärme, wenn sie nicht Gefahr laufen wollte, am Deckel festzufrieren. Energisch zog sie ihre Hose hoch und schob den Anorak darüber. Die konnten sie alle mal.

Sie war keine zwölf mehr, hatte vor drei Monaten ihr Abi hinter sich gebracht und würde was mit Mode studieren. Zumindest war das ihr Wunsch. Also ein bisschen mehr Selbstbewusstsein bitte, liebe Antonia, befahl sie sich, als sie die Tür zum oberen Salon öffnete. Ein Schwall warmer, abgestandener Luft kam ihr entgegen. Aber wie hieß das Sprichwort? Es ist noch keiner erstunken, aber schon mancher erfroren. Sie spürte, wie die Wärme ihre Ohrläppchen erreichte und brennen ließ. Sie stieg die Treppe hinunter zu den anderen.

»Hat sie es tatsächlich geschafft …!«, sagte Sabine laut. »Wir dachten schon, wir müssten dir zu Hilfe eilen, weil du festgefroren wärest.«

Antonia schoss das Blut in die Wangen. Der Betriebsausflug hatte kaum begonnen und schon reichte es ihr. »Ich gehe nach oben.« Sie zog ihre Tasche von der Bank, drehte sich um, wollte weg, und sah aus einem Augenwinkel den Mann, der ihr geholfen hatte. Er lächelte sie freundlich an. Sie war versucht, zurückzulächeln, auszubügeln, dass sie ihn kurz zuvor angepflaumt hatte, aber warum sollte sie? Nachher dachte der Knabe noch, sie wolle die frisch geknüpfte Bekanntschaft intensivieren. Und genau das wollte sie nicht. Schließlich hatte sie Severin. Auch wenn der zu Hause in Köln war. Und auf Baltrum würde sie genug mit ihren eigenen Leuten zu tun haben. Der Chef hatte bereits auf der Autofahrt zur Küste erzählt, was er in den nächsten drei Tagen alles mit ihnen vorhatte.

Sie würde oben ihren Platz suchen. Dort war es zwar genau so feuchtwarm wie unten, aber wenigstens war sie vor den dummen Sprüchen der anderen sicher. Außerdem hoffte sie, dort dem durchdringend kreischenden Ton der sich teilenden Eisschollen zu entkommen. Im Unterdeck, direkt an der Wasserlinie, war es einfach unheimlich.

Das Schiff zitterte, kämpfte sich stöhnend durch die Eismassen. Zwei Jahre zuvor bei der Ausflugsfahrt nach Helgoland in den Sommerferien hatte ihr Schiff das Wasser wie mit einem Messer zerschnitten. Es hatte nicht ein einziges Mal geschaukelt. Es war auch viel größer gewesen. Aber was jetzt hier ablief, das konnte einem richtig Angst machen.

Wieder einmal klammerte sie sich mit beiden Händen­ am Geländer fest und war heilfroh, als sie die letzte Stufe erreicht hatte. Im gleichen Moment knallte es. Sie spürte, wie sich das Schiff aufbäumte, und fast hätte sie durch den Ruck das Gleichgewicht verloren.

Sie hörte das Stöhnen der Passagiere, erschrockene Schreie, ein heftiges Fluchen und dann – nichts mehr. Bewegungslos lag das Schiff im Eis. Totenstille herrschte an Deck. Alles, was auf den Tischen gelegen hatte, fand sich nun in wilder Unordnung darunter wieder. Eine umgekippte Colaflasche rollte hin und her und entleerte sich unaufhaltsam. Ein Gast starrte auf die Flasche, tatenlos. Der Inhalt von Kaffeebechern verteilte sich auf Bänken, Jacken und Taschen. Ein Hund begann voller Angst zu jaulen.

Erst die Stimme des Kapitäns brachte wieder so etwas wie Normalität zurück. Er erklärte, dass sie sich festgefahren hatten und dass sie ein paar Meter zurücksetzen würden, um in einem neuen Versuch das Eis zu durchbrechen.

Das Brummen der Motoren dröhnte durch das Schiff wie eine Kampfansage und ließ es erzittern. Antonia spürte, dass sich die Fähre rückwärts bewegte, um dann auf einem leicht veränderten Kurs Bug voran wieder Fahrt aufzunehmen. Die Gäste hoben ihre Sachen vom Boden, putzten mit Hilfe der Besatzung Flecken weg und bald setzte fröhliches Erzählen ein, als ob nichts gewesen wäre. Ob sie es wagen konnte, sich einen Kaffee zu holen? Oder würde der bei nächster Gelegenheit den gleichen Weg wie seine Vorgänger nehmen? Auf dem Weg zum Kiosk merkte sie, wie wackelig ihre Beine waren.

Leider erledigte sich der Gedanke an einen Kaffee relativ fix. Die Kaffeemaschine hatte den Kampf des Schiffes mit dem Eis nicht überstanden. Statt Getränke und heiße Würstchen zu verkaufen, kniete der Mitarbeiter mit Kehrblech und Schaufel hinter dem Verkaufstresen und beseitigte die Scherben.

Dann eben nicht. Sie suchte sich einen freien Platz neben einer älteren Dame, der man den Schreck noch ansehen konnte. Die Hände der Frau zitterten, als sie ein Taschentuch hervorzog und sich damit über die Augen wischte.

»Wenn ich das geahnt hätte«, hörte Antonia sie mit einem leisen Seufzer sagen. Antonia antwortete nicht. Sie hatte keine Lust auf ein Gespräch. Stattdessen holte sie ihr Handy raus und öffnete ihr Lieblingsspiel. Irgendwie musste sie die Zeit ja rumkriegen. Mit nervtötender Langsamkeit bahnte sich die Baltrum III den Weg durch das Eis. Was hatte ihr Chef gesagt? Eine halbe Stunde dauerte die Überfahrt? Inzwischen war eine gute Dreiviertelstunde vergangen und der Baltrumer Hafen nicht in Sicht.

Es dauerte eine weitere halbe Stunde, da sah sie endlich die Hafeneinfahrt vor sich. Noch ein paar Meter und sie hätte endlich wieder festen Boden unter den Füßen. Doch was war das? Das Schiff wurde langsamer und stoppte schließlich ganz. Dann setzte es zurück. Sie würden jetzt nicht nach Neßmersiel zurückfahren, oder?

Immer und immer wieder steuerte der Kapitän das Schiff vor und zurück, bis er mit der Maschinenkraft des Schiffes endlich die Eisschollen zwischen Rumpf und Kaimauer so weit weggedrückt hatte, dass es anlegen konnte. Sie waren angekommen.

*

Antonia drehte die Heizung auf und ließ sich aufs Bett fallen.

Das Zimmer war gemütlich eingerichtet. Zumindest nach ihrem Geschmack. Alles war wunderbar auf­einander abgestimmt: Die hellen Möbel, die silbern schimmernde Designerlampe unter der Decke und die dunkelrote Überdecke mit dem abstrakten Vogelmotiv auf dem Bett passten perfekt zu den nicht zu grellen orangefarbenen Fenstervorhängen. Dazu ein flauschiger hellbeiger Teppichboden. Das konnte Müller. Dafür hatte er ein Händchen.

Gereon Müller befasste sich als Innenarchitekt hauptsächlich mit der Ausstattung von Wohnungen im gehobenen Segment, wie er auf seiner Homepage darlegte. Es ging also um schöne Dinge. Genau damit würde sie sich während ihres angedachten Modedesignstudiums ebenfalls beschäftigen. Auch da kam es darauf an, Stoffe, Schnitte und Menschen miteinander in Harmonie zu bringen. Und das machte ihr schon seit ihrer Kindheit großen Spaß. Sie hatte mit Hilfe ihrer Oma ihren Puppen ständig neue Klamotten genäht.

Also konnte ihr mit dieser Stelle eigentlich gar nichts Besseres passieren. Hatte ihr Chef Müller neulich auch behauptet. Wenn nur die miese Stimmung dort nicht wäre. Aber letztendlich hing sie am Geldbeutel ihrer Eltern und – ja, es war dämlich, aber Fakt – wer die Musik bezahlt, bestimmt, was gespielt wird. Ein Satz, der sie seit Jahren verfolgte!

Daher kam Aufgeben gar nicht in Frage. Hatte ihr Vater beschlossen. »Stell dich nicht so an. War schon schwer genug, die Stelle überhaupt für dich zu finden«, wiederholte er sein Credo, als sie sich mal wieder über ihren Chef beschwerte.

Wenn sie erst ihr Studium beendet hatte, dann würde sie ihr eigenes Geld verdienen. Richtiges Geld. Viel Geld. Und Geld bedeutete Unabhängigkeit. Das war das Wichtigste. Aber bis dahin würde es wohl eine ganze Weile dauern.

Sie wühlte in ihrer Handtasche. Irgendwo mussten die Tabletten sein. Ihre Kopfschmerzen wurden langsam unerträglich.

Bald lag der Inhalt ihrer Tasche ausgebreitet auf dem Bett. Sie sah ihre Haustürschlüssel und das Portemonnaie, das zwar schick aussah mit den grellgrünen Schmucksteinen auf dem braunen Leder, aber leider ständig leer war. Daneben lag ihr ganzer Stolz, ihr Handy. Ob Severin wohl angerufen hatte? Ein kurzer Blick, dann musste sie erkennen, dass er sich immer noch nicht gemeldet hatte. Er war LKW-Fahrer, ständig unterwegs, doch sie konnte einfach nicht begreifen, dass er keine Gelegenheit hatte, ab und zu mal bei ihr durchzuklingeln. Wenn er in Köln war und sie beide sich trafen, war es immer wunderschön. Das passierte nur viel zu selten. Sie hätte gar kein Problem damit, wenn er sie bitten würde, mit ihm zusammenzuziehen. Aber offensichtlich hatte er ein Problem damit. Gespräche in diese Richtung hatte er jedenfalls erfolgreich abgeblockt.

Als sie den Koffer öffnete, fiel ihr als Erstes ihr Bikini-Oberteil entgegen. Sie würden schwimmen gehen. Hatte Müller gesagt. Sie legte es zusammen mit den anderen Sachen in den schmalen Schrank. Das schwarze Oberteil mit dem Spitzenbesatz im Ausschnitt hängte sie sorgsam auf einen Bügel, gleich neben die eng geschnittene schwarze Samthose. So konnten die Sachen bis abends ein wenig aushängen. Zu guter Letzt blickten sie nur noch zwei Knopf­augen, umgeben von wuscheligem Fell, aus dem Koffer heraus an. Du musst drin bleiben, sagte sie liebevoll und strich der Katze über die Ohren. Heute Abend ist anderes angesagt. Hatte ihr Chef ebenfalls angeordnet.

Die Tabletten fand sie in der Seitentasche ihres Koffers. Wenigstens hatte sie nun die Chance, den Abend ohne Kopfschmerzen zu überstehen.

*

Wir sind im Winterschlaf. Ab Ende März haben wir wieder geöffnet.

Meine Güte, hatten die denn gar keinen anderen Text? Nichts als abgeschlossene Türen und dunkle Fenster. Und ihr Magen meldete sich unerbittlich mit heftigem Knurren. Ihrem Chef musste es ähnlich gehen. Von Restaurant zu Restaurant schaute er verkniffener unter dem Rand seiner Kapuze hervor.

»Dann gehen wir eben in den Seehund. Hoffe mal, dass wir da einen Platz bekommen.« Müllers Schritte wurden ausgreifender und als sie bei dem kleinen Lokal Licht sahen, war er kaum zu halten.

Sabine Schäfer fiel etwas zurück, obwohl sie ihre Pumps gegen ein Paar feste Schuhe getauscht hatte. Es sah schon seltsam aus, dachte Antonia, wie ihr Chef, groß, schlank und vom intensiven Fitness­training gestählt, seine Truppe durch die Nacht führte. Na ja, Nacht vielleicht nicht. Es war erst sechs Uhr abends. Aber es war dunkel. Hennes Ollrich neben ihr schnaufte. Er hatte Mühe, seinen überzähligen Kilos den nötigen Schwung zu verleihen.

Und Britta? Die versuchte gar nicht erst mitzuhalten. »Lauft ihr vor und reserviert einen Platz für mich. Der Arzt hat mir Rennen verboten«, erklärte sie fröhlich. »Was ist, Antonia, gehst du mit mir?«

Nichts lieber als das.

Britta hakte sich bei ihr ein. »Sollen die man. Der Meister bestimmt den Weg und die Vasallen folgen.«

Antonia war froh, dass ihr Chef inzwischen zu weit entfernt war, um das zu hören. Er hätte zwar ziemlich sicher nicht Britta angepfiffen, dafür hätten aber die anderen seine schlechte Laune aushalten müssen.

Obwohl der Seehund eines der wenigen Lokale auf Baltrum war, das geöffnet hatte, war es nicht voll. Als Antonia und Britta eintrafen, saßen Gereon Müller, Sabine und Hennes bereits an einem der Tische im Schankraum. Zu Antonias großem Bedauern war nur ein Platz neben ihrem Chef frei. Sie hätte viel lieber neben Britta gesessen. Antonia vertiefte sich in die Speisekarte. Gab es hier Vegetarisches? Sie atmete auf. Super. Antonia bestellte Kartoffeltaschen mit Frischkäse und Kräutern und natürlich erfolgte genau das, was sie erwartet hatte.

»Na, will das Fräulein mal wieder die Tierwelt schützen«, kam es von ihrem Chef. »Ich hätte gerne das Rinderfilet, medium, genau auf den Punkt«, fuhr er an die Bedienung gewandt fort. »Den Salat knackig frisch und die Soße zum Fleisch hausgemacht, wenn ich bitten darf.«

Der junge Mann nickte nur und schrieb auf, was die anderen bestellten.

»Na, Leute, was sagt ihr zu unserem Ausflug? Ist doch super hier, oder?«, fragte Müller in die Runde, nachdem die Bedienung an einen anderen Tisch gegangen war.

»Ich habe zwar nicht viel von der Insel gesehen«, sagte Britta, »aber ich freue mich jetzt bereits auf einen ausgedehnten Spaziergang morgen nach dem Frühstück.«

Hennes zuckte zusammen. »Ausgedehnt? Geht das nicht ein wenig kürzer?«

Britta lachte. »Du musst nicht mitkommen. Ich jedenfalls werde mir die Insel genau ansehen.«

»Dem steht nichts im Wege, nicht mal Menschen«, ergänzte Sabine. »Hier ist wirklich gar nichts los. Im Vergleich zu Köln ein echter Kulturschock. Kann natürlich sein, dass die Einwohner hier im Dunklen nicht mehr rausgehen und dass morgen früh die Straßen gut gefüllt sind. Ich glaube aber nicht daran.«

Sabine hatte recht. Auf dem Weg zum Seehund war ihnen kaum jemand begegnet. Dazu die Stille – keine Stimmen, kein Motorengeräusch, keine Musik – nur ab und zu ein dummer Spruch ihres Chefs. Sonst nichts.

»Wer hier wohin geht und wie lange, werden wir besprechen.« Gereon Müller wedelte mit der Hand um Aufmerksamkeit. »Schließlich soll dieser Ausflug das Gemeinschaftsgefühl stärken. Das bedeutet natürlich, dass dieser Abend nach dem Essen für euch nicht zu Ende ist, sondern dass wir hinterher einen trinken gehen. Schließlich müssen wir für die nächsten Tage üben. Was dann morgen anliegt, hört ihr zum Frühstück.«

In das betretene Schweigen brachte der Ober den ersten gut gefüllten Teller und stellte ihn vor Antonia ab. Im Weggehen drehte er sich wieder um und fragte Gereon Müller: »Möchten Sie das Steak jetzt serviert haben, oder soll ich es gleich wieder mit in die Küche nehmen, so wie beim letzten Mal?«

Antonia zuckte zusammen. Ihr Chef hätte sie fast gerammt, als er seinen Stuhl nach hinten schob und aufsprang. »Was soll denn die Anmache? Sie werden es doch fertigbringen, mir mein Essen ohne einen blödsinnigen Kommentar zu servieren.«

»Gereon, setz dich hin.«

Erstaunt sah Antonia Britta an. Was wagte die?!

»Gereon, der Mann wird schon seinen Grund haben. Ich möchte jetzt in Ruhe essen, sonst kannst du dir die nächsten Tage in die Haare schmieren.« Brittas Stimme hatte einen scharfen Ton angenommen. So scharf, wie Antonia sie in den drei Monaten in denen sie jetzt bei MüllerInside beschäftigt war, noch nie gehört hatte.

Das Wunder geschah. Der Chef schwieg. Als sein Essen kam, bedankte er sich beinahe freundlich und machte sich über sein Steak her.

Antonia schmeckte gut, was die Küche für sie zubereitet hatte, und auch die anderen aßen mit Genuss.

Sabine war die Erste, die sich wieder zu Wort meldete. »Warst du schon öfter in diesem Laden? Hat der Mann dich wiedererkannt? Oder hat er dich mit jemandem verwechselt? Ich weiß, es geht mich nichts an, aber …«

»Du hast es genau erfasst. Es geht dich nichts an.« Gereon Müller schaute sich suchend um, dann fuhr er fort: »Ist doch logisch, dass man essen geht, wenn man hier ein Häuschen hat. Ich werde bei meinen Aufenthalten wohl kaum selber kochen. Kann sein, dass ich schon mal hier gewesen bin. Aber im Sommer hat man eben mehr Auswahl an Lokalitäten.« Er zog einen Fünfzigeuroschein aus der Hosentasche. »Seid ihr so weit? Können wir? Wir wollen wie gesagt schließlich nicht den ganzen Abend hier verbringen. Herr Ober, zahlen!«

»Einzeln oder zusammen?«, fragte der Mann.

Antonia war sich sicher: Hätte ihr Chef seinem Befehl ein verbindliches ›Bitte‹ angehängt, hätte die Stimme des Mitarbeiters um einiges freundlicher geklungen.

»Einzeln natürlich.« Ungeduldig hielt Müller der Bedienung das Geld unter die Nase. Es dauerte eine Weile, bis der Mann mit der Abrechnung fertig war. Inzwischen waren alle Tische besetzt. Ein stetiges Murmeln und hin und wieder ein Lachen füllte die Räume. Für Antonia hätte sich der Ober ewig Zeit lassen können. Sie mochte nicht gehen. Im Seehund war es gemütlich und vor allen Dingen warm. Auf einem Regal stand eine Sammlung von Suppenschüsseln in allen Formen und Größen. Eine davon erinnerte sie an die Sonntage bei Oma. Da hatte es immer Suppe zum Mittagessen gegeben. Und immer aus so einer großen Schüssel. Rindersuppe. Jeden Sonntag.

Aber es half nichts. Die anderen standen bereits auf. Antonia zog die Kapuze über ihre dunkelbraunen Haare und kramte ihre Handschuhe aus der Anoraktasche. Der Ostwind schien stärker zu sein als vorhin. Sie war gespannt, was der Chef mit ihnen vorhatte. Er hatte ja bereits angedroht, dass der Abend länger werden würde. Antonia hoffte inständig, dass außer dem Seehund kein Lokal mehr offen war, aber als sie die Straße geradeaus Richtung Marktplatz gingen, sahen sie eine beleuchtete Reklame. Alte Liebe.

»Versuchen wir es da.« Gereon Müller bog links ab, ohne auf eine Reaktion der anderen zu warten. »Dann können wir gleich fragen, ob die morgen und übermorgen abends geöffnet haben. Schließlich sind wir mit einer Aufgabe hier!«

»Müssen wir hier rein?«, flüsterte sie Britta zu.

»Wenn du nicht willst, dann lass es! Tu’s einfach nicht!«, flüsterte Britta zurück.

Ha, die hatte gut reden. Die konnte sich das erlauben.

»Komm, Mädel, ich geb einen aus.« Hennes umfasste ihren Arm und zog sie in die Kneipe. Sie folgte ihm. Was blieb ihr anderes übrig.

An der Theke saßen ein paar junge Leute, jeder mit einer Kippe zwischen den Fingern, und unterhielten sich lauthals. Antonia blieb stehen. War das hier eine Raucherkneipe? Bitte nicht. Der Raum schien zwar eine gute Lüftung zu haben, aber wenn sie nur ein klein wenig Zigarettenrauch einatmete, egal ob draußen oder drinnen, wurde ihr schlecht. Sie konnte es einfach nicht ertragen. Ihr Vater hatte geraucht. Bis die Ärzte Lungenkrebs festgestellt hatten. Gott sei Dank in einem frühen Stadium. Er hatte es überlebt, aber es war damals eine verdammt harte Zeit gewesen.

»Ob dat hier wohl ’n Kölsch giet?«, riss Hennes sie aus ihren Überlegungen.

»Kölsch habe ich leider nicht«, erklärte der freundliche Wirt bedauernd. »Das läuft zu wenig. Wie wäre es mit einem leckeren Pils?«

»Wat? Echt? Kein Kölsch? Weeste wat?« Gereon Müllers Stimme hallte unangenehm durch die gemütliche Kneipe. »Dat Pils kannste dir inne Haare schmieren. Wir wollen hier Rosenmontag fiere. Mit Pils? Dat geht gar nich! Wennste morgen kein Kölsch has, kommen wir nich. Dann wird im Sturmeck abgefeiert. Da kriejen wir dat nämlich!«

»Wenn Sie meinen, gehen Sie gerne zu meinen Kollegen.« Der Wirt nahm ein Glas aus dem Regal und öffnete mit ruhiger Hand den Zapfhahn. »Allerdings könnte ich bis morgen eine Kiste Kölsch besorgen. Falls es für Sie okay ist, mit Flaschen vorliebzunehmen. Für heute würde ich Ihnen jedoch ein ganz normales Pils empfehlen.«

»Na gut. Fünf Pils«, grummelte Müller.

Sabine winkte ab. »Für mich Orangensaft.«

»Eins will ich dir sagen. Du machst hier nicht meine Feier kaputt. Es wird getrunken, was ich …« Gereon Müller blickte seine Sekretärin wütend an.

»Lass sie doch!« Auch Hennes stand der Ärger ins Gesicht geschrieben. »Wenn sie nicht will …«

Widerstrebend beugte Müller sich und bestellte. Der Wirt quittierte es mit einem Kopfnicken.

Nicht lange, da standen vier Bier und der Orangensaft vor ihnen. Sie nahmen ihre Getränke von der Theke und stellten sich an einen der runden Tische am Eingang. »Prost, meine Herrschaften. Auf einen gelungenen Betriebsausflug.« Gereon Müller hob sein Glas. »Und solange ihr alle macht, was ich sage, wird es bestimmt wunderbar.«

Bei dem letzten Satz beschlich Antonia das Gefühl, dass der Chef sie besonders intensiv beobachtete. Sie fühlte sich unbehaglich.

Die anderen schienen nichts bemerkt zu haben. Hennes hatte sein Glas mit einem kräftigen Zug beinahe geleert, Britta wühlte in ihrer Handtasche, dann nahm sie eine Schachtel Zigaretten raus. »Wunderbar, dass es hin und wieder noch eine Raucherkneipe gibt«, sagte sie und zündete sich mit einem tiefen Zug eine an.

Antonia konnte es fast nicht mehr ertragen.

»Antonia, du siehst so blass aus. Was ist mit dir?« Britta schaute sie aufmerksam an. »Bevor du hier zusammenklappst, leg dich lieber hin, damit du morgen fit bist.«

»Genau. Morgen. Rosenmontag. Da wird gefeiert, bis die Schwarte kracht.«

Auch das noch. Sie mochte gar nicht daran denken. Sie würde ihr Bett bestimmt nicht zu sehen kriegen. Wenn hier auf dieser verlassenen Insel alles so lief, wie sie es von Köln gewohnt war.

Sie nahm all ihren Mut zusammen. »Ich … ich glaube, ich gehe wirklich.«

»Toni, das wirst du uns nicht antun«, protestierte ihr Chef.

Sie hatte nichts anderes erwartet. Sie hasste es, wenn er sie Toni nannte. Sie war erwachsen. Sie siezte ihn. Er aber hatte nichts Besseres zu tun, als sie von Beginn an zu duzen und sie Toni zu nennen.

»Ich bin einfach müde. Ich weiß nicht, warum«, endete ihr kläglicher Erklärungsversuch.

»Ich werde kontrollieren, ob du wirklich schläfst«, lachte Müller.

Sie legte das Geld für ihr Getränk auf den Tisch und nahm sich fest vor, um nichts in der Welt zu vergessen, ihre Zimmertür abzuschließen. Dass der Kerl seinen dummen Sprüchen Taten folgen lassen würde, daran hatte sie keinen Zweifel. Schließlich wäre es nicht der erste Versuch.

*

Antonia atmete tief durch, als sie die Tür der Alten Liebe hinter sich schloss. Aber nun gab es ein neues Problem. Rechts oder links? Was war der kürzeste Weg, vor allem aber der richtige Weg zum Haus? Die Straßenlaternen waren an, aber in der Nähe sah sie kein beleuchtetes Fenster, obwohl es nicht sehr spät war. Es musste so gegen zehn herum sein. Sie war den anderen auf dem Weg zum Seehund einfach gefolgt, ohne auf die Richtung zu achten, das erschwerte ihr nun die Orientierung.

Was sollte sie machen? Kurz kam ihr der Gedanke, wieder reinzugehen und zu fragen. Oder einfach so zu tun, als wolle sie doch bleiben. Aber allein daran zu denken jagte ihr schon einen Schauer über den Rücken.

So schwer konnte es ja eigentlich nicht sein, Müllers Haus auf dieser kleinen Insel zu finden. Aber irgendwie sah alles gleich aus. Überall diese geklinkerten Gebäude, und der Schnee verdeckte zusätzlich alle Möglichkeiten der Orientierung. Sie überlegte. Rechts musste der Seehund sein. Von dort waren sie gekommen. Ganz sicher. Oder doch nicht?

Etwas quietschte hinter ihr. Erschrocken blieb sie stehen.

»Entschuldigung. Ich wollte Sie nicht überfahren. Hab Sie einfach nicht gesehen«, hörte sie eine Stimme aus dem Dunkel.

»Ist schon gut. Nichts passiert«, erwiderte sie und wollte weitergehen.

»Bist du nicht die vom Schiff? Der ich die Toilette gezeigt habe?«

Bitte nicht. Nicht der schon wieder. Sie reagierte nicht, lief einfach weiter. Doch der Typ gab nicht auf. Er schob sein Rad einfach neben ihr her. »Ich bin Bernd. Bernd Hagener, und wohne hier. Und du?«

»Antonia«, rutschte ihr heraus. »Ich mache hier Urlaub. Mit Freunden«, schob sie nach. Der sollte nicht denken, dass sie hier allein auf weiter Flur war. Auch wenn es im Moment so aussah.

»Waren das die vom Schiff?« Er lachte. »Interessante Truppe. Der eine, der Große mit den kurzen Haaren, der hat wohl das Sagen bei euch, oder?«

Gut erkannt. Aber sie würde einen Teufel tun, ihm zuzustimmen. Also schwieg sie.

»Ich bin auf dem Weg zur Alten Liebe. Was ist? Kommst du mit?«

Energisch schüttelte sie den Kopf. »Nein. Ich bin müde und will nach Hause. Schlafen.«

»Wo wohnst du denn? Hast du es weit?«, fragte er freundlich.

»Wir wohnen im Haus von meinem Chef. In der Nähe von diesem Supermarkt. Und – nein danke, du musst mir nicht zeigen, welchen Weg ich nehmen muss. Ich weiß bestens Bescheid.« Sie wollte endlich weiter und nicht länger in der Kälte stehen.

Wieder lachte – wie hieß er noch? – Bernd. »Alles klar, ich lasse dich in Ruhe. Aber einen Tipp hätte ich. Wenn du wirklich schnellstmöglich in deine Unterkunft willst: Umdrehen, dann rechts, nächste Straße wieder rechts. Noch dreißig Meter, dann stehst du vor dem Markt. Von da aus findest du das Häuschen bestimmt.« Mit diesen Worten wendete er sein Rad und fuhr los. Nach wenigen Sekunden hatte ihn die Dunkelheit verschluckt.

Sie folgte Bernds Rat. Und tatsächlich, einige Minuten später stand sie vor dem Haus ihres Chefs. Wenigstens war er so nett gewesen, allen einen Schlüssel auszuhändigen. Damit hätte sie bei seinem Gerede von ›Gemeinschaftsgefühl stabilisieren‹gar nicht gerechnet.

Die Sehnsucht, sich in ihrem Bett einzukuscheln, wurde fast übermächtig. Vorher würde sie jedoch einen Blick auf ihr Handy werfen. Schauen, ob Severin angerufen hatte.

Rosenmontag

Bernd Hagener streckte seinen großen Zeh unter der Bettdecke hervor. Kalt war es. Und zwar nicht nur in seinem Zimmer, stellte er mit einem Blick durch das Fenster fest.

Die kahlen Äste der Kastanie reckten sich gegen einen beinahe blauen Himmel. Ob es bald wieder schneien würde? Das passierte so gut wie nie, wenn die Temperaturen unter minus zehn Grad fielen, hatte ihm ein alter Insulaner erklärt. Mit dieser außergewöhnlichen Kälte hatten sie seit gut zwei Wochen zu kämpfen. Auch tagsüber wurde es nicht wesentlich wärmer. Da nützte es auch nichts, wenn die Sonne ab und zu rauskam.

In den Tagen davor allerdings, als es noch nicht so kalt gewesen war, hatte es geschneit und gestürmt. An manchen Stellen lag der Schnee einen guten Meter hoch, und an anderen war die Straße wie freigefegt. Doch die Schneedecke, die Gräser, Bäume und Sträucher eingehüllt hatte, wurde täglich dünner. Sie fror einfach weg und war trocken und somit keineswegs geeignet, einen Schneemann zu bauen. Den Versuch hatte er gestern erfolglos abgebrochen.

Aber glatt war es beinahe überall.

Er schoss hoch. Verdammt. Schon acht Uhr. Er war für sichere Wege verantwortlich. Das hatte er seiner Tante versprochen. Schnell zog er sich an und rannte die Treppe hinunter. Aus der Küche roch es einladend nach Kaffee. Aber der musste warten. Erst hatte er seinen Job zu erfüllen.

Er packte den Kübel mit dem Sand, den er einige Tage zuvor vom Strand geholt hatte, auf die Wippe, legte eine Schaufel dazu und fuhr über das Grundstück bis zum Fußweg. Der Strandsand war sehr salzhaltig, also bestens geeignet, um die Wege rutschfest zu bekommen. Allerdings schob der Wind das Zeug oftmals wieder zur Seite. Deshalb kontrollierte Bernd jeden Morgen, wo er nachlegen musste.

Auch sein Nachbar Enno, links von ihm, und Simone auf der gegenüberliegenden Straßenseite waren schon dabei. »Wenn die Gemeinde ebenso fleißig streuen würde, dann wäre alles viel einfacher«, rief sie herüber. »Aber die verschickt nur Strafandrohungen wegen Pflichtverletzung durch die anderen.«

»Sollen die man erst einmal bei sich selber anfangen«, schloss Enno sich an.

Bernd nickte. Er konnte nicht viel dazu sagen. Es war sein erster Winter auf der Insel. Seine Nachbarn kamen von hier. Die hatten jahrzehntelange Erfahrung mit solchen Dingen.

Nach gut zwanzig Minuten hatte er es geschafft, den Fußweg um das Grundstück herum zu sichern. Sein Magen meldete sich. Eigentlich hatte er kaum erwartet, dass es ihm so gut gehen würde nach dem gestrigen Abend. Es war spät geworden in der Alten Liebe. Sein Freund Jens hatte an der Theke gesessen und ganz plötzlich, nach einigen Bieren und dem ein oder anderen Tequila, war es zwei Uhr gewesen und der Wirt hatte sie freundlich, aber nachdrücklich gebeten zu gehen.

Das Inselklima machte es wohl, dass er einfach mehr vertragen konnte. Er fühlte sich jetzt fit für Brötchen, Kaffee und Ei. Selbst die Aussicht auf die unausweichliche Unterhaltung mit seiner Tante konnte ihn heute nicht schocken.

Er brachte Schaufel und Sand in den Schuppen hinten im Garten, zog im Hausflur Jacke und Schuhe aus und schlurfte in die Küche. Hier war es warm und gemütlich. Mit wohligem Seufzer ließ er sich auf die Eckbank fallen.

»Guten Morgen, mein Lieber.« Seine Tante stand am Herd und nahm gerade die aufgebackenen Brötchen heraus.

»Guten Morgen, Tante Helga.«

»Wie oft soll ich dir noch sagen …«

Bernd lachte. »Schon gut – Helga. War ein Spaß. So. Die Wege sind begehbar, wie versprochen.«

Helga Schorz-Küfler stellte die Kaffeekanne auf den Tisch. »Okay, dann bedien dich, lieber Neffe.« Neben die Kanne legte sie einen Zettel. »Hier, der Einkaufszettel. Für den Inselmarkt. So kannst du deinen neuen Arbeitsplatz gleich ein wenig besser kennenlernen.«

»Danke auch.« Bernd biss hungrig in sein Brötchen.

»Und – erzähl: Wie war es gestern Abend?«, fragte sie neugierig.

»Hm«, nuschelte Bernd. »Echt cool. Jens und ich haben jede Menge Spaß gehabt. War richtig was los in der Alten Liebe. Besonders an einem Bistrotisch bei der Tür.« Er lachte bei dem Gedanken. »Da waren Gäste, die sind gestern mit dem Schiff angekommen, die haben sich zum Schluss richtig gefetzt. Einer von denen, so ein Großer, der hatte ein unglaublich lautes Wort. Und zwei Frauen, von denen eine den Großen pausenlos anhimmelte.«

»Männer anhimmeln – das sollte man den Frauen in der heutigen Zeit grundsätzlich verbieten«, warf Helga ein.

»Geht’s noch? Das macht das Leben erst lebenswert. Warte mal, bis ich erst im Inselmarkt die Frauen beglücke. Dann kommen die nicht mehr wegen Salami und Milch, sondern meinetwegen!«, protestierte Bernd.

»Na gut, und was passierte dann?«

»Zu der Truppe gehörte noch ein anderer. Auch groß, aber dicker, mit Glatze. Der trank ein Bier nach den anderen und zum Schluss fing er an zu singen. Kölner Karnevalslieder. Hat Jens gesagt.«

»Heile heile Gänsche, es wird bald widde gut …«

Er konnte es nicht glauben. Seine Tante war auf den Küchenstuhl geklettert, schmetterte mehr laut als schräg ein Lied und schwenkte schunkelnd ein Küchenmesser. »Tante Helga! Komm da sofort wieder runter. Sonst sage ich kein Wort mehr.« Wie gerne hätte er in Ruhe gefrühstückt. Aber seine Tante flippte manchmal völlig aus. Und meistens dann, wenn er es gar nicht gebrauchen konnte. Wie würde der nächste Satz heißen? Genau.

»Ich bin eben Künstlerin!«

»Was machst du denn da?« Sein Onkel Paul stand in der Tür.

»Ich bringe dem Jungen Mainzer Liedgut, also Mainzer Kultur bei. Schließlich ist heute Rosenmontag«, juchzte Helga übermütig.

»Dir ist klar, dass wir extra unsere Heimat verlassen haben, um diesem Treiben zu entgehen?«, fragte Paul entgeistert.

»Jaaa, du hast völlig recht, aber wenn Kölner meinen, ihre Sitten und Gebräuche hier verbreiten zu müssen, dann werde ich einen Gegenpol schaffen. Um der Gerechtigkeit willen. Was ist, Bernd? Gehen wir beide heute Abend feiern?«

Bernd blickte starr auf seinen Teller. Er hatte Angst, dass Helga das Entsetzen in seinen Augen entdecken würde.

»Nun lass den Jungen in Ruhe.« Paul Schorz lächelte seinen Neffen an. »Gibt’s hier was zu essen? Ich habe eine halbe Stunde Zeit, bis meine nächste Patientin kommt. Und ich würde mich wirklich sehr freuen«, wandte er sich an seine Frau, »wenn du von deiner Bühne wieder runtersteigen würdest.«

»Schlechte Laune, dein Name ist Mann.« Helga hörte zwar auf zu singen und kletterte mit wackeligen Beinen vom Stuhl, aber Bernd ahnte, dass sie so leicht nicht aufgeben würde. Er wartete nur auf einen neuen Anlauf. Tatsächlich, nachdem auch sie sich am Brotkorb bedient hatte, sagte sie: »Also, ich habe keine Antwort auf meine Frage.«

»Du, du meinst so richtig mit Verkleiden?«, hakte er vorsichtshalber nach.

Sie überlegte. Nur kurz. Aber Bernd erschien es wie eine Ewigkeit.

»Nein, muss nicht sein. Einfach feiern genügt auch.« Sie seufzte und starrte auf ihre Kaffeetasse. »Ich hätte nie geahnt, wie sehr ich den Karneval einmal vermissen würde. Es ist einfach das Gefühl von Heimat, das für mich mit diesen besonderen Tagen verbunden ist. Das erkenne ich immer mehr, je länger ich von Mainz weg bin. Wenn Karneval ist, erwischt mich das Heimweh besonders hart.«

»Aber es gibt schließlich jede Menge karnevalsfreie Tage im Jahr«, erwiderte Paul. »Sogar in Mainz. Ich hatte gehofft, dass du auf der Insel sehr glücklich bist in deinem neuen Leben.«

»Warum fährst du denn nicht im nächsten Jahr zu den tollen Tagen nach Mainz zurück?«, wunderte sich Bernd. »So weit ist es schließlich nicht.« Er sah, dass sein Onkel ihn entsetzt anblickte.

»Ach, ich weiß nicht.« Sie schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Wir, Paul und ich, haben vor zwei Jahren beschlossen, uns hier ein neues Leben einzurichten. Und da ist Karneval eben kein Thema. Da hat dein Onkel recht. Ich werde das schon hinkriegen. Nimmst du mich trotzdem heute Abend mit?«

»Alles klar. Bin dabei.« Was nützte es. Er würde seine Tante ins Schlepptau nehmen, bis sie ihre eigenen Leute zum Feiern gefunden hatte. Bei ihrer Kontaktfreude würde das vermutlich nicht sehr lange dauern.

Man opfert sich eben, dachte er betrübt. Schließlich haben mich die beiden aufgenommen, als sonst keiner was von mir wissen wollte, und dafür muss ich mich hin und wieder erkenntlich zeigen. Eine kleine, gemütliche Insel sei genau das Richtige für ihn, hatten sie beschlossen und ein Zimmer für ihn freigemacht. »Wenn du hier Blödsinn machst, fällt es wenigstens sofort auf«, hatten sie erklärt.

»Paul, wie ist es mit dir?« Dass sein Onkel ihn begleitete, dagegen hatte er gar nichts. Im Gegenteil: Der war echt cool drauf.

Doch der winkte ab. »Was ich eben gesagt habe, gilt auch jetzt. Kein Karneval mehr. Nie wieder. Keine Funkenmariechen, keine Büttenrede, kein Helau. Gönn mir eine heimelige Runde Fernsehen mit Rosamunde Pilcher, dann bin ich zufrieden.«

»Übrigens – was du gerade vorgeschlagen hast, Bernd …« Helga überlegte. »Die Idee, mich in Mainz blicken zu lassen, ist nicht verkehrt. Meine Verwandtschaft besuchen und mit meinen ehemaligen Kolleginnen von der Zeitung um die Häuser ziehen – ein wohltuender Gedanke. Und nicht zu vergessen die Karnevalszeit. Gute Laune vom elften November bis Aschermittwoch!« Seine Tante winkte mit dem Einkaufszettel. »Nun zum Ernst des Alltags. Es wird zwar noch keine ganz frische Ware im Markt sein, das Frachtschiff legt gerade erst an, aber ich brauche nun mal nötig ein paar Zutaten fürs Mittagessen. Den Rest kannst du heute Nachmittag holen. Ich muss dringend einen Text für die insel-liebe schreiben.«

»Gibt’s was Neues?«

»Eigentlich nicht. Ich stelle nach und nach die verschiedenen Sparten des Kultur- und Sportvereins vor, was du sicher bereits festgestellt hast, wenn du meine Seite verfolgst. Am Freitag habe ich beim Volleyball für Erwachsene und Jugendliche zugeschaut und darüber will ich schreiben.«

»Spannendes Thema«, lächelte Bernd.

»Mehr passiert hier schließlich nicht«, antwortete sie trübselig. »Ich wünsche mir echt nichts mehr, als einmal so ein richtiges Knaller-Thema. Etwas Spannendes. Nicht wieder so was, ob die Insel pleite ist und so.«

»Klar. Dein Name kommt ganz groß raus und die Macher der Bild-Zeitung wollen dich unbedingt in ihrer Redaktion haben.« Paul schaute starr auf seinen Teller. Der Vorwurf in seiner Stimme war nicht zu überhören. »Und schwupps – wärst du tatsächlich wieder am Festland. Was dir sicher nicht schwerfiele, wenn ich dich so höre.«

Helga antwortete nicht, sondern fing an, den Tisch abzuräumen.

Sein Onkel war gleich darauf verschwunden. Auch Bernd machte sich auf den Weg.

Das Leben hier tat ihm gut. Zumindest das, was er bisher kennengelernt hatte. Das Winterleben. Er war gespannt, was ihn im Sommer erwartete. Auf jeden Fall seine Arbeit als Lebensmittelverkäufer. Eine ganz neue Erfahrung. Auf Baltrum hatte sich sein Vorleben noch nicht weiter herumgesprochen. Nur seinem neuen Freund Jens hatte er erzählt, warum er die Sozialstunden abgerissen hatte. Und der hatte geschwiegen.

Bernd holte sein Fahrrad aus dem Schuppen, klemmte den Einkaufskorb auf den Gepäckträger und fuhr los. Er musste aufpassen. An manchen Stellen hatte der Wind die Straße freigeschoben und man fühlte sich sicher, doch wenige Meter weiter fand sich der Schnee von eben dem gleichen Wind zu Haufen zusammengefegt, oder der Boden war spiegelglatt, dort, wo sich Eis auf die Steine gesetzt hatte. Es war ruhig auf den Straßen, kaum ein Mensch zu sehen. Nur zwischen Inselmarkt und Sindbad