Baltrumer Zukunft - Ulrike Barow - E-Book

Baltrumer Zukunft E-Book

Ulrike Barow

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Beschreibung

Ein Fernsehteam kommt nach Baltrum, um einen Bericht über die Gruppe »Baltrumer Zukunft« zu drehen, welche die Insel touristisch voranbringen will. Markus Knube, der Tonassistent, trifft währenddessen unerwartet einige alte Bekannte - eine berühmte Schauspielerin, deren Mann ein Interview mit ihr vehement ablehnt, und Jann Kannings, bei dem Knube böse Erinnerungen weckt. Auch Inselbewohner Fiete Peters freut sich nicht gerade über seine Anwesenheit. Viele haben ein Motiv, doch wer von ihnen hat Knube im Hafenbecken versenkt?

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Ulrike Barow

Baltrumer Zukunft

Inselkrimi

Zum Buch

Versenkt Das Ehepaar Becker und Markus Knube kommen als Fernsehteam nach Baltrum, um einen Bericht über die Gruppe »Baltrumer Zukunft« zu drehen, welche die Insel touristisch voranbringen will. Tonassistent Knube trifft auf der Baltrum III unerwartet auf eine berühmte Schauspielerin, deren Anwesenheit nach Wunsch ihres Mannes jedoch auf keinen Fall öffentlich gemacht werden darf. Auf der Insel angekommen, läuft ihm ein alter Bekannter über den Weg. Jann Kannings, ein ehemaliger Bewohner des Hambacher Forsts, möchte nicht an die Zeiten erinnert werden, die er mit Knube dort verbracht hat. Und auch Fiete Peters, ein sehr eigenwilliger Insulaner, ist von seiner Anwesenheit nicht gerade begeistert. Es dauert nicht lange, bis Knube tot aus dem Hafenbecken geborgen wird. Viele haben ein Motiv, aber wer ist wirklich für den Tod des Mannes verantwortlich? Wieder einmal ist es an der Zeit, dass dem Inselpolizisten Michael Röder und seinem Hilfssheriff Wille Weerts die Kollegen aus Aurich zu Hilfe kommen.

Ulrike Barow wuchs in Gütersloh auf und machte eine Ausbildung zur Buchhändlerin. Danach zog es sie zum Lieblingsurlaubsort ihrer Kindheit, der kleinen Nordseeinsel Baltrum. Dort lernte sie ihren Mann kennen und arbeitete im Einzelhandel sowie im familieneigenen Vermietungsbetrieb. Nebenbei verfasste Ulrike Barow Artikel für die Lokalzeitung. Vor einigen Jahren griff sie die Idee auf, Baltrum-Krimis zu schreiben. Viele Kurzgeschichten sind seitdem ebenfalls entstanden. Inzwischen lebt sie mit ihrer Familie nicht nur auf der Insel, sondern auch in der schönen ostfriesischen Stadt Leer.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © CLOVERFIELD / stock.adobe.com

ISBN 978-3-8392-7048-6

Montag

1

Klara Becker atmete tief durch. Es war geschafft. Markus hatte die Fähre erreicht. Der Tontechniker war bekannt für seine Unpünktlichkeit. Zwar gab es am Abend eine weitere Abfahrt von Neßmersiel, aber so war es besser. Bertus war im Vorfeld bereits wegen des möglichen Nichterscheinens des Kollegen stinksauer gewesen und hatte auf der Fahrt von Hannover bis an die Küste nur gemeckert. Bis sie ihm, was selten vorkam, über den Mund gefahren war. Aber das hatte sich nun erledigt.

Lachend ließ sich der Mann mit der halben Glatze auf die Bank gegenüber fallen. »Mensch, Leute, was haben wir für ein Glück mit unserem Job. Beinahe täglich lernen wir neue Gegenden und Menschen mit ihren unterschiedlichen Schicksalen kennen. Einfach super.«

»Nun übertreib mal nicht«, murmelte Bertus, »stundenlanges Autofahren, versagende Technik und Typen, die nicht wissen, worüber sie reden, gehören auch zum Geschäft.«

»Klar. Trotzdem – mit jedem Treffen können wir bei den Menschen etwas bewegen, wenn wir es richtig anstellen. Man muss nur den richtigen Ton und das passende Thema haben, oder?«

Klara stand auf. »Ich hole uns einen Kaffee. Wer möchte?«

Bertus schüttelte den Kopf, und Markus zog einen Metallbehälter raus. »Danke. Du weißt ja …«

Ja, sie wusste, dass Markus jeglicher konventioneller Nahrung abgeschworen hatte. Vermutlich befand sich wieder einmal extrem ökologisch angebauter Ingwertee in der Kanne.

Sie ging zu dem Stand, in dem ein Besatzungsmitglied die Kaffeemaschine bediente, und bat um einen Becher Milchkaffee.

»Kaffee kann ich Ihnen geben. Milch und Zucker stehen dort.« Er deutete auf ein Tablett.

Sie bezahlte, goss Milch in den Becher in der Hoffnung, dass sich das Getränk zügig abkühlte, und ging vorsichtig jonglierend zum Außendeck. Sollten sich die Männer allein vergnügen. Es war ziemlich kühl für Ende Oktober. Trotzdem war der eine oder andere Stuhl auf dem Oberdeck belegt. Sie wunderte sich, dass doch einige Menschen auf die Insel fuhren, denn die Herbstferien waren vorbei.

Es war nicht ihre erste Überfahrt, doch die erste mit der Baltrum III. Soweit ihr bekannt war, wurde dieses Schiff im Sommer für Ausflugsfahrten genutzt und im Winter, wenn die große Baltrum I in der Werft war, im Linienverkehr eingesetzt. Schon im Frühjahr hatte sie im Auftrag eines Fernsehsenders mit Bertus, ihrem Mann, und Markus Knube zu Recherchezwecken die Insel besucht. Damals war es um die Franzosenzeit gegangen, also die Jahre, in denen die Insulaner unter der Knechtschaft Napoleons gelitten hatten. Sie hatten das Heimatmuseum besucht und geschichtsinteressierte Einwohner befragt. Tatsächlich gab es in einigen Familien Unterlagen, die von der Zeit um 1806 zeugten. Damals wurde geschmuggelt, was das Zeug hielt, damit man dem Hungertod entkam.

Jetzt ging es um ein anderes Thema, das weitaus weniger dramatisch war. Es ging um die Zukunft Baltrums. Denn genauso hatte sich eine Gruppe Insulaner betitelt, die auf der Insel neue Wege gehen wollte. Sie hatte bereits einige der Mitglieder befragt, ob sie vor der Kamera Rede und Antwort stehen würden, und die meisten hatten spontan zugesagt. Sie würden in den nächsten drei Tagen mit Eva Hinrichs reden. Ihr gehörte der Bioladen, und Markus hatte darauf bestanden, sie einzubinden. Dann waren da ein Architekt, von dem sie sich nur an den Vornamen erinnerte, Fiete nämlich, und Julia Coordes auf ihrer Liste. Frau Coordes gehörte dem Vorstand der GENOBA, einer Wohnungsbaugenossenschaft an, die sich für bezahlbaren Raum für Angestellte einsetzte. Gleichzeitig war sie die Wortführerin einer Gruppe, die sich Baltrumer Zukunft nannte. Was genau dahintersteckte, würde sie sicherlich am nächsten Tag erfahren.

Das Schiff bog aus der Neßmersieler Hafeneinfahrt heraus. Ein kräftiger Wind wirbelte ihre Haare durcheinander. Es wurde ungemütlich. Klara nahm einen Schluck Kaffee, aber es half nicht wirklich. Gerne hätte sie sich die Seehunde im Norderneyer Osten aus der Nähe angesehen, aber im Gegensatz zu den Menschen um sie herum trug sie keine kuschelige Strickmütze. Die lag wohlverwahrt auf der Bank im Inneren des Schiffes. So hatte der Wind freies Spiel. Sie beschloss kurzerhand, die niedlichen Robben durch das Fenster zu bestaunen, und ging entschlossen zurück zu ihren beiden Männern. Aber nur Bertus saß dort, wo sie die beiden zurückgelassen hatte. Er fummelte an seinem Handy herum. Wie üblich. »Wo ist Markus?«, fragte sie ihren Mann.

Der zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Der hatte eine Eingebung oder so. Er meinte wohl, jemanden Bekanntes gesehen zu haben. Frag ihn selbst. Da kommt er.« Bertus deutete auf die Treppe, die ins Unterdeck führte.

Neugierig schaute sie Markus entgegen. Seinem Gesichtsausdruck ließ sich nichts entnehmen.

Er ließ sich auf die Bank fallen und schwieg, was für den Tonassistenten eher ungewöhnlich war.

Klara wartete einen Moment, dann fragte sie: »Willst du uns nicht erzählen, was du erlebt hast?«

»Was ich erlebt habe? Etwas sehr Seltsames, genaugenommen«, flüsterte er. »Ich bin aufgestanden, um mir die Beine zu vertreten. Unten habe ich zwei Menschen sitzen sehen. Einen Mann und eine Frau.«

»Seltsam. Sehr seltsam. Tatsächlich. Da sitzen ein Mann und eine Frau. Das muss in die Tagesschau.« Bertus schaute kurz auf, bevor er sich wieder seinem Handy zuwandte.

Sie hätte ihn würgen können. Zehn Jahre war sie mit diesem Kerl verheiratet, und jedes Jahr war er ein bisschen ekeliger geworden. Aber es hatte bald ein Ende. Der Besuch beim Scheidungsanwalt war für nächste Woche vorgesehen. Danach gab es kein Zurück mehr. »Also, was war mit den beiden?«

»Die Frau. Ich habe sie sofort erkannt, obwohl sie eine Mütze trug. Und das hier drinnen. Sie hatte den Kragen ihres Mantels hochgeschlagen und ihren Schal vor dem Mund. Es war Dora Warfsmann. Ganz eindeutig.«

Donnerwetter. Das war ein Ding. Dora Warfsmann. Wenn sie die vor die Linse kriegten, das wäre ein echtes Highlight. »Was ist mit dem Mann? Hast du den auch erkannt?«

Markus schüttelte den Kopf. »Nein. Aber es war so seltsam. Er redete leise, aber intensiv die ganze Zeit auf die Frau ein. Als ich kurz anhielt, weil ich so überrascht war, die Frau zu sehen, schaute der mich ganz böse an. Die Frau blickte in meine Richtung, und ich kann schwören, dass sie etwas bedrückte.«

»Bist du ganz sicher, dass es sich um die Warfsmann handelt?«

Markus zögerte. »Am besten überzeugst du dich selbst. Sie sitzen dort unten. Sie hatte ihr Gesicht fast verdeckt. Aber trotzdem – ja, ich bin ziemlich sicher.«

Klara stand auf. »Bin gleich wieder da.« Sie ging in die Richtung, aus der Markus gekommen war. Aufmerksam schaute sie sich die Menschen um sie herum an. Einige packten bereits ihr Handgepäck zusammen. Nicht mehr lange, und die Baltrum III würde den Baltrumer Hafen erreichen. Sie stieg die Treppe hinab in den unteren Bereich. Nur zwei Familien mit Kindern und eine einzelne Dame saßen dort. Sie ging wieder nach oben und raus zum Außendeck. Aber auch hier sah sie keine Frau, bei der sie eine Ähnlichkeit mit der bekannten Schauspielerin und Sängerin erkannt hätte. Zurück bei den Männern griff sie ihren Rucksack. »Kommt, lasst uns die Ersten sein, die vom Schiff gehen. Dann können wir auf dem Anleger alle beobachten, die nach uns die Fähre verlassen«, forderte sie die beiden auf. Doch nur Markus schien damit einverstanden.

Bertus verdrehte die Augen. »Seid ihr jetzt ganz verrückt geworden? Das sind Paparazzi-Methoden. Habt ihr vergessen, warum ihr hier seid?«

Nein, hatten sie nicht. Ihr Job war es, nette Einwohner zu befragen und daraus einen Film zu machen, der hoffentlich vom Sender angenommen wurde. Bertus hatte recht. Dennoch – wenn sich die Warfsmann auf Baltrum aufhielt, könnte sich daraus eine prächtige Story ergeben.

»Schon gut. Besinnen wir uns auf unseren Job und gehen ins Hotel. Dann sehen wir weiter.« Sie hängte sich den Rucksack um, ohne auf Markus zu achten. Sie war sich sicher, dass er mit ihrer Entscheidung nicht unbedingt einverstanden war.

Als der Landgang bereit war, zeigte sie ihre Fahrkarte vor und verließ zügig das Schiff. Sie schaute sich nicht einmal um, ob die Männer ihr folgten. Dort, wo die Handkarren der Hotels standen, sah sie den jungen Mann, der für ihr Gepäck zuständig war.

»Kenny Janssen«, stellte er sich vor. »Sie sind …?«

»Klara Becker. Mein Mann und Markus Knube sind auf dem Weg zu Ihnen. Wir sind wegen der Filmaufnahmen hier.«

»Welche Nummer hat Ihr Container?«

»105. Wir haben auch Einiges an technischem Kram mit. Normalerweise haben wir auch immer einen Bollerwagen zum Transport auf der Insel dabei, aber da ist uns in letzter Minute die Deichsel abgebrochen«, antwortete sie. »Mein Mann zeigt Ihnen, was alles uns gehört. Ich gehe schon mal vor.«

»Alles klar. Wir kommen mit dem Gepäck nach«, versprach Janssen.

Sie atmete ein paar Mal tief durch, dann reihte sie sich in den Strom der Gäste ein. Wie schön, wieder auf der Insel zu sein. Rechts der Hafenstraße sah sie ein kleines Flugzeug Fahrt aufnehmen, links grasten friedlich zwei kräftige Braune. Das Hotel Sonnenstrand war nicht weit entfernt. Sie hoffte, dass sich Bertus, wie abgesprochen, um das Gepäck kümmerte. Schließlich konnte der Hausmeister nicht ahnen, welche Taschen und Kisten in den Holzcontainern zu ihnen gehörten. Rechts sah sie das Nationalparkhaus. Ob sie die Chefin des Hauses auch in ihre Berichterstattung aufnehmen sollte? Abwarten, ermahnte sie sich. Zunächst würde sie mit den Menschen sprechen, mit denen sie bereits einen Termin vereinbart hatte. Sollte sich dabei herausstellen, dass der eine oder die andere vor der Kamera völlig ungeeignet war, konnte sie immer noch nach anderen Gesichtern Ausschau halten. Markus hatte den Auftrag übernommen, nach dem Mittagessen den Bioladen aufzusuchen, in der Hoffnung, Eva Hinrichs anzutreffen. Ein kurzes Gespräch vor den eigentlichen Aufnahmen war stets sinnvoll, damit die Interviews zügig abgewickelt werden konnten. Denn so viel Zeit blieb gar nicht. Jede Nacht im Hotel kostete Geld. Und nächste Woche wartete der unangenehme, aber unumgängliche private Termin. Danach würde sie sich mit ziemlicher Sicherheit einen neuen Kameramann suchen müssen, denn ein weiterer Auftrag wartete bereits.

2

»Haben Sie lose Eier?«

Sandra Röder bemerkte eine kräftige Röte, die sich augenblicklich auf Janns Wangen breitmachte. Einen kleinen Moment schwieg er, dann versuchte er sich an Worten, doch es kam nur ein leichtes Krächzen über seine Lippen.

»Junger Mann, ich meine die, die Sie auf der Platte haben und einzeln verkaufen. Das letzte Mal, also gestern, waren sie ausverkauft.« Die graugewellte Frau mit dem Rollator bückte sich über ihre Einkaufstasche und zog einen leeren Sechserpack heraus. »Ich hasse es, jedes Mal die Verpackung wegschmeißen zu müssen, daher kaufe ich lieber lose. Außerdem benötige ich nur vier Eier. Ich komme schließlich spätestens übermorgen wieder rein.« Sie lächelte. »Ich hätte es vielleicht anders ausdrücken sollen. Tut mir leid. Ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen.«

Jann Kannings winkte ab. Offensichtlich hatte er die Abgeklärtheit seiner 25 Jahre wiedergefunden. »Kein Problem«, erwiderte er nonchalant. Er nahm den leeren Sechserträger und füllte ihn mit der gewünschten Anzahl Eier. »Es sind Bruderhahneier, daher auch etwas teurer.«

»Das weiß ich. Hauptsache, sie schmecken. Was bekommen Sie?«

»Zwei Euro 90.«

Die Kundin öffnete bedächtig ihre Geldbörse, suchte Kleingeld zusammen und legte Stück für Stück auf den Tresen. »So, das müsste passen.« Sie verstaute die Eier und verließ fröhlich winkend den Laden.

Jann lachte. »Habe ich meine Verkäuferprüfung bestanden?«

»Hast du. Deshalb lasse ich dich jetzt allein. Deine Chefin wird in etwa einer halben Stunde wieder da sein. So lange musst du den Laden allein schmeißen. Wir haben dich …«, jetzt lachte auch Sandra, »… schließlich nicht zum Spaß eingestellt. Wir brauchen deine Hilfe.«

»Alles klar. Ich räume die Regale auf und hoffe auf eine Menge Kunden.«

»Ach, die Dame von eben war unsere Nachbarin, Meentje Schippers. Du wirst sie schon öfter hier gesehen haben, und nun kannst du sie mit Namen begrüßen. Macht sich immer gut.«

Sandra Röder ging in den hinteren Bereich, nahm ihre Jacke und fuhr nach Hause. Sie spürte eine leichte Beklemmung. Amir, ihr Heidewachtel, war krank. Er hatte sich vor einigen Tagen beim Gassigehen den rechten Hinterlauf vertreten, und anstatt, dass sich die Lage besserte, hatten Michael und sie das Gefühl, dass die Schmerzen im Bein schlimmer wurden, denn Amir reagierte immer ungehaltener, wenn sie ihn nach draußen baten. Auch sein Appetit hatte stark nachgelassen. Aber gleich würde der Tierarzt kommen. Zumindest hatte er sich heute Morgen telefonisch angekündigt. Sandra setzte große Hoffnung in den Besuch. Sie wollten Amir nicht verlieren. Aber den Hund mit großen Schmerzen weiterleben zu lassen, war auch keine Lösung. Sie atmete tief durch. Noch war es nicht soweit.

In der Wohnung war es still, bis auf das leise Jaulen des Hundes. Sie wunderte sich, dass ihr Mann nicht da war. Aber wahrscheinlich saß er in der Wache nebenan und erledigte Papierkram. Sie ging in die Küche und kniete sich neben das Körbchen. »Na, mein Guter, gleich wird dir hoffentlich geholfen.« Sie konnte die Schmerzenslaute und den Blick aus den braunen Hundeaugen kaum ertragen. Aber es nützte nichts. Sie musste auf den Fachmann warten. Sandra stand auf und warf die Kaffeemaschine an. Doktor Menzel hätte bestimmt auch nichts gegen eine Tasse einzuwenden.

Kaum war der Kaffee durchgelaufen, klopfte es schon. Typisch, dachte sie, Männer finden immer genau den Zeitpunkt, wenn Essen oder Trinken fertig ist.

»Kommen Sie rein«, rief sie, und gleich darauf stand der Tierarzt, der für seine Patienten immer mit dem Flieger von Norderney anreiste, in der Küche. Sie begrüßte den Mann, den sie bereits von einem früheren Besuch kannte, deutete auf Amir und berichtete von seinem gesundheitlichen Problem. »Aber wenn Sie erst einen Kaffee möchten – er ist gerade fertig geworden.«

»Nein, erst die Arbeit, dann das Vergnügen«, erwiderte der Arzt freundlich. »Außerdem ist Amir hier und heute mein dritter Patient, und ich habe überall bereits eine Tasse getrunken. Was ich jedoch prima finde. Ich bin leidenschaftlicher Kaffeetrinker.« Er setzte seine Tasche ab und beugte sich zu Amir. »Dann wollen wir mal.« Vorsichtig tastete er das Bein ab.

Plötzlich jaulte Amir laut auf.

»Ich schätze, er hat eine Zerrung im Oberschenkel.« Der Arzt öffnete seine Tasche. »Ich lege ihm einen Stützverband an und lasse Medikamente gegen die Schmerzen da. Sollte sich sein Zustand nicht in Kürze verbessern, rate ich zu einer Röntgenaufnahme bei einem Tierarzt am Festland. Normalerweise habe ich mein mobiles Röntgengerät dabei, aber es ist vorgestern ausgefallen. Das neue erwarte ich erst morgen und bin erst in der übernächsten Woche wieder hier. Ich weiß, die Fahrt ans Festland ist umständlich, aber der Schmerz könnte auch andere Ursachen haben, die ich durch Abtasten jetzt nicht feststellen kann. Ein Bruch ist es nicht, da bin ich mir sicher.« Er umwickelte das Bein, dann sagte er: »Ruhe ist die erste Hundepflicht. Ich rate zu möglichst wenig Bewegung in den nächsten Tagen.« Und nach einer kurzen Pause: »Das gilt natürlich nur für den Hund. Sie und Ihr Mann dürfen gerne Sport treiben!«

»Na prima«, antwortete Sandra. »Wie gut, dass Sie das gesagt haben. Sonst hätte ich mich die nächsten Tage nicht mehr vom Sofa wegbewegt. Möchten Sie jetzt einen Kaffee?«

»Gerne. Ich habe nur kurz Zeit, aber dafür immer. Ich muss nach einem Kutschpferd schauen. Es soll laut Besitzer in letzter Zeit ziemlich kurzatmig daherkommen. Mal schauen, ob ich helfen kann.« Er nahm einen kräftigen Schluck aus der Tasse, dann noch einen.

»Die Tiere haben hier auch ordentlich zu tun. Seien es die mit Menschen besetzten Kutschen oder die Wagen der Spedition, vollbeladen mit Waren für die Insulaner – alles hat sein Gewicht und muss von den Pferden bewegt werden.« Doktor Menzel stand auf. »Und noch eines: kühlen, kühlen, kühlen. Das wird dem Hund guttun. Die Rechnung schicke ich. Melden Sie sich bitte, wenn Ihr Hund meine Hilfe braucht.«

»Das mache ich auf jeden Fall.« Sandra begleitete den Arzt nach draußen. Ein kräftiger Wind fegte um die Hausecke. Sie hätte jetzt sicher keine Lust, mit einem kleinen Flieger unterwegs zu sein. Selbst wenn es nur die kurze Strecke von Insel zu Insel war.

Sie schaute auf die Uhr. Es war erst 11.30 Uhr. Ob sie zurück in den Laden fahren sollte? Sie war sich nicht ganz sicher, ob Jann auf alle Fragen der Kunden bereits eine Antwort wusste. Es war ein großes Glück, dass Jann urplötzlich aufgetaucht war und nach Arbeit für die nächsten Wochen gefragt hatte. Eva hatte zunächst gezögert, aber dann eingewilligt. Zumal sie der neuen Gruppierung Baltrumer Zukunft damit mehr Zeit widmen konnte. Aber jetzt sollte Eva wieder im Laden sein, also konnte sie ruhig zu Hause bleiben und ihre Freundin Wiebke anrufen, solange Michael nicht auftauchte.

Sie hatte Glück. Wiebke Kleemann war daheim und nicht gerade auf dem Feld, um Kohlrabi zu ernten.

»Wie schaut es aus? Steht der Termin?«, fragte Sandra ohne lange Vorrede, denn jeden Moment konnte Michael seine Nase zur Tür reinstecken.

»Von uns aus, ja. Alle haben den Termin eingetragen. Sogar Müller, Michaels Chef, kommt mit. Näheres weiß Arndt. Aber der ist gerade im Dienst.«

»Das hört sich sehr gut an. Ihr könnt mir eine Nachricht schicken, wie viele ihr seid. Dann gebe ich das an Henning und Birgit durch. Die haben schon ein paar Zimmer reserviert«, antwortete Sandra.

»Dein Mann ahnt immer noch nichts?«, fragte Wiebke.

»Bestimmt nicht«, lachte Sandra, dann horchte sie und flüsterte: »Ich glaube, er kommt. Wechseln wir das Thema.« Als der Inselpolizist Michael Röder die Küche betrat, hörte er nur Worte wie Grünkohl, Möhren und Bio-Frischmilch in Flaschen.

Bald darauf beendete Sandra das Gespräch mit ihrer Freundin und berichtete vom Besuch des Tierarztes. »Spaziergang ist untersagt«, erklärte sie. »Nur zur Abwicklung des großen und kleinen Geschäftes soll er nach draußen.«

»So machen wir es«, sagte Röder. »Und wie geht es meinem Freund Arndt?«

»Er ist im Dienst. Also muss es ihm gut gehen.«

Röder lachte. »Ja, das denke ich auch. Allerdings schätze ich, dass es ihn auch mal wieder nach Baltrum zieht. Einfach so. Ohne, dass ein Einsatz auf ihn wartet. Wenn er nicht kommt, werde ich ihn besuchen. Meine Vespa wartet schon ungeduldig in Neßmersiel auf mich.«

»Hast du da schon einen Termin im Auge?«, fragte Sandra ahnungsvoll.

»Ich dachte so an das Wochenende in 14 Tagen. Dann ist Wille noch hier, und ich kann mir problemlos freinehmen. Was hältst du davon?«

»Das wäre … hätte …« Sie riss sich zusammen. »Das wäre zu besprechen. Mal schauen, was dann anliegt.« Sie stand auf. »Ich muss zu Stadtlander. Ich habe eine Jacke für mich bestellt. Die soll heute ankommen.«

»Dann werde ich mal wieder die Wache besetzen. Wille ist auf Streife.«

Fast fluchtartig verließ Sandra die Küche. Wie konnte sie ihren Mann nur von seinen Reiseplänen abbringen? Sie musste unbedingt noch einmal mit Wiebke sprechen.

3

Hagen Krasmer hatte es kaum glauben wollen, als sein Vermieter per Mail mitgeteilt hatte, dass der Schlüssel in der Haustür stecken würde. Doch genau so war es. Als sie ankamen, genügte ein kleiner Dreh, und sie konnten das Häuschen betreten.

Er ließ Dora den Vortritt. Sie juchzte verhalten. »Meine Güte, das ist schön hier. Schau mal, die blauen Kacheln dort hinter dem Ofen. Wie gemütlich! Danke, dass du mich zu diesem Urlaub überredet hast.«

Hagen nickte nur kurz. Sollte sie es Urlaub nennen. »Ich hole die Koffer rein. Bis gleich.« Er nahm erst den eigenen von der Wippe, was zur Folge hatte, dass der Handkarren mit lautem Krachen unter dem Gewicht von Doras Koffer nach hinten schlug. Klar. Das musste so kommen. Er hatte die Karre verkehrt beladen. Dabei hätte er es besser wissen müssen.

Er stellte den Koffer im Schlafzimmer ab und wollte den zweiten holen, als Dora ihn von hinten umfasste. »Schatz, gehen wir gleich an den Strand?«

Er blieb stehen, löste ihre Arme vorsichtig und drehte sich um. »Wir müssen erst einmal ankommen.« Er deutete auf den Koffer. »Während du auspackst, werde ich einkaufen.«

Sie schaute ihn mit fragenden Augen an. »Gehen wir nicht essen?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein, heute nicht. Ich habe keine Lust. Ich hole uns etwas.«

Er sammelte seine ganze Kraft, um Doras Koffer in das Häuschen zu bringen. Vergeblich hatte er zu Hause versucht, ihr zu erklären, dass sie mit weniger Dingen auskommen konnte. Aber sie hatte sehr ungehalten reagiert. So hatte er sie packen lassen. Es waren schließlich nur kurze Wege.

Er half ihr, den Koffer auf das Bett zu legen und ihn zu öffnen. Sofort quollen ihm mehrere Paar Schuhe und die prall gefüllte Kosmetiktasche entgegen, als hätten die Teile nur darauf gewartet, befreit zu werden.

Dora lachte. »Schau mal. Das ist wie neulich. In diesem Theaterstück. Wie hieß es noch?«

Gute Frage. Er wusste es nicht. »Ist doch egal. Du packst jetzt aus, und ich gehe los«, sagte er behutsam, nahm seine Geldbörse und schloss die Haustür hinter sich ab.

Er nahm das Fahrrad, das, ebenfalls mit dem Vermieter abgesprochen, auf ihn wartete, klemmte die Wippe dahinter und fuhr ins Westdorf. Wenn er dem Internet Glauben schenken durfte, gab es zwei Lebensmittelmärkte auf der Insel. An einem würde er schon vorbeikommen. Er fuhr an den Wiesen vorbei, auf denen einige Pferde grasten, und bog kurz vor dem Hafen rechts ab. Ein wenig ging es aufwärts, dann sah er ein hölzernes Gestell mit einer Glocke und dahinter eine kleine Kirche. Rechts daneben zeigte ihm ein leuchtendes Werbeschild, dass er eine Einkaufsmöglichkeit gefunden hatte.

Er ging hinein und packte Milch, Butter, Kartoffeln, Obst und alles außer frischen Brötchen, was sie in den nächsten Tagen zum Frühstück, Mittag- und Abendessen benötigten, in den Einkaufswagen. Auch eine Flasche Wein und ein paar Kekse durften nicht fehlen. Wie gut, dass er die Wippe dabeihatte. Dora würde sich sicher wundern, wenn sie das alles sah, aber es nützte nichts. Sie würden sich ihre Mahlzeiten in der Wohnung zubereiten. Hagen stöhnte leise. Es war nicht einfach, wenn alles auf seinen Schultern lastete. Aber er tat es für Dora.

»129 Euro und 35 Cent«, holte die Kassiererin ihn aus seinen Gedanken. Er legte die restliche Ware wieder in den Einkaufswagen, schob ihn nach draußen und packte die Wippe voll.

»Guck mal, Mama, der Mann hat aber viel. Gibst du uns was ab?« Ein kleiner Junge mit blondem Haarschopf griff, noch ehe Hagen reagieren konnte, nach den Keksen.

Doch die Mutter des Jungen reagierte schnell, nahm ihrem Sprössling die Kekse wieder ab und legte sie zurück. »Entschuldigung. Kleine Jungs müssen noch viel lernen«, sagte sie lächelnd. »Aber große manchmal auch. Kekse sollten nach dem Einkauf immer unten liegen. Das vermindert die Diebstahlrate. Und«, sie zeigte zum Himmel, »die Schmelzrate, wenn die Sonne scheint und es sich um Schokoladenkekse handelt.«

»Sie haben recht«, erwiderte Hagen freundlich. Tatsächlich war die Sonne herausgekommen. Allerdings zeigte das Thermometer sicher keine sommerlichen Temperaturen an. Er nahm das Kekspaket und öffnete es. »Es zeugt jetzt nicht gerade von Konsequenz, aber ich möchte Ihrem Sohn und natürlich Ihnen einen Keks anbieten, wenn ich darf.«

»Sie dürfen. Schließlich ist Urlaub. Da kann man Ausnahmen machen. Sind Sie heute angekommen?«, fragte sie mit einem Blick auf die Wippe.

Er nickte. »Ja. Mein erster Einkauf. Meine Frau und ich gehen nicht gerne essen. Daher die Menge.«

»Dann man guten Appetit. Den werden Sie in den nächsten Tagen haben. Das Nordseeklima macht hungrig. Ich habe da Erfahrung.« Sie strich sich über ihren Bauch, nahm zwei Kekse aus der Packung, steckte einen ihrem Sohn und einen sich selbst in den Mund, winkte und verschwand im Laden.

Auf der Höhe des Schwimmbades hatte er so langsam das Gefühl, dass ihn die Kraft verließ. Seit Jahren war er nicht mehr Fahrrad gefahren. Zu Hause in Neuss wohnten sie neben einem Supermarkt. Dorthin war er stets zu Fuß unterwegs. Alles andere erledigte er mit dem Auto, wenn Dora es nicht benötigte, um zu Drehorten zu fahren. Aber in letzter Zeit spielte sie wieder mehr Theater im benachbarten Düsseldorf. So war sie, wenn keine Proben anstanden, nur ab dem späten Nachmittag damit unterwegs. Und wenn sich alles so entwickelte, wie er sich das wünschte, bliebe das so.

Er bremste, dort, wo sich die Straßen kreuzten. Links fiel ihm ein Schriftzug auf dem Dach eines großen Gebäudes auf. Strandcafé las er. Rechts in der Ferne sah er ein Hotel. Er stieg wieder auf. Geradeaus war sicher die richtige Entscheidung. Schließlich befand sich ihre Unterkunft im Ostdorf. Irgendwelche entgegenkommenden Menschen nach dem Weg zu fragen, wäre die schlechteste Entscheidung. Er fuhr an einem Fischgeschäft vorbei, sah links eine große Düne, zu der ein Weg hinaufführte. Vielleicht gab es ja mal eine Möglichkeit, dort hinaufzugehen und den vermutlich grandiosen Ausblick zu genießen. Zweimal wechselte er die Richtung, dann fand er sich vor dem kleinen Ferienhaus wieder, das etwas zurückgesetzt, mit einem schmalen Blumenbeet vor dem Fenster, sehr einladend wirkte.

Er stellte das Rad ab und hatte die vage Idee, die Wippe in die Wohnung zu fahren. Doch sie erwies sich als fünf Zentimeter zu breit für die Haustür. So schob er sie möglichst nah heran, stieg darüber in die Küche, was ihm augenblicklich ziemlich dämlich vorkam. Aber er hatte Zeit zum Üben. Sie hatten dieses Häuschen für drei Wochen gemietet. Gegebenenfalls mit Option auf Verlängerung.

Der Vermieter hatte sofort zugestimmt. »In den November hinein kommt sowieso keine Anfrage mehr. Das kriegen wir geregelt.«

»Schatz, was hast du denn da alles mitgebracht?« Dora war aus dem Schlafzimmer getreten und schaute fassungslos auf das, was er bereits zur weiteren Sortierung auf den Küchentisch gestapelt hatte.

Er zuckte mit den Schultern. »Wir bleiben eine lange Zeit, und die Saison neigt sich dem Ende zu. Wer weiß, ob die Läden dann genügend Auswahl haben.«

»Aber die Restaurants, die haben geöffnet.« Sie nahm eine der drei kleinen Steckrüben hoch. »Die … die … die mag ich nicht.«

»Steckrübe«, sagte Hagen nur, nahm ihr die braune Knolle aus der Hand und legte sie wieder zu den anderen. »Ruh dich aus. Ich räume hier weg und bereite dann ein Abendessen.«

»Aber wir wollten doch …«

»Leg dich hin«, wiederholte er leise, aber eindringlich. Am liebsten hätte er geschrien, aber das hätte alles nur schlimmer gemacht.

4

»Füllst du bitte den Aufschnitt auf?« Eva Hinrichs beugte sich über die Ladentheke und deutete auf die Stelle, wo vor zehn Minuten noch jede Menge luftgetrocknete Würstchen gelegen hatten. »Strandstöckchen« hatte Sandra sie getauft, und sie verkauften sich wie verrückt. Der Bauer hinter dem Deich, der als Fleischer die von ihm gezogenen Tiere auch verarbeitete und von dem sie die salamiartigen Würste bezogen, kam mit der Herstellung kaum nach.

Jann ging ins Lager und schaute im Kühlraum nach. Ein Glück – eine Handvoll wartete auf den Verzehr. Er nahm sie mit in den Laden, drapierte sie sorgfältig zwischen Leberwurst und Schinken und wollte, da kein Kunde im Laden war, wieder nach hinten, um Bananen zu holen, als seine Chefin ihn zurückhielt.

»Jann, hör mal, eigentlich war doch abgesprochen, dass du nur vier Wochen bei uns bleibst. Aber mir gefällt sehr gut, wie du dich eingearbeitet hast, und daher meine Frage: Möchtest du nicht ganzjährig bei mir beschäftigt sein? Im Winter ist nicht viel zu tun, aber ich kann mir dann mal eine Auszeit nehmen, und Sandra wollte sowieso öfter ans Festland. So habe ich mir gedacht …«

Jann schaute Eva Hinrichs erstaunt an. Damit hatte er nun gar nicht gerechnet. Ein winziges bisschen gehofft, ja, aber so richtig? Nein. Zumal im Winter wirklich nicht viel zu tun war.

»So habe ich mir gedacht, dass du dann ja eine vernünftige Bleibe brauchst, und habe mit Julia Coordes gesprochen. Du weißt, das ist die von der GENOBA. Sie hat versprochen, sich nach etwas Passendem umzusehen. Na, was sagst du nun?« Eva Hinrichs sah ihn erwartungsvoll an.

Was sollte er sagen? Selbst wenn er gewollt hätte – die Überraschung war ihm auf die Stimme geschlagen, sodass ihm nur übrig blieb zu nicken.

»Ein bisschen mehr Freude hätte ich schon erwartet.« Eva Hinrichs ging vor die Theke und schob die beiden Stühle an den Tisch. Meistens war die Ecke mit Kaffee trinkenden Gästen oder Insulanern besetzt. Vor einer halben Stunde erst hatten zwei Frauen es sich dort gutgehen lassen.

Jann räusperte sich. Einmal. Zweimal. Dann krächzte er. »Frau Hinrichs, äh, Eva. Es kommt unerwartet, aber ich bin, so glaube ich, sehr begeistert. Ich mag dich und Frau Röder und den Laden hier. Ich mag Baltrum, den Strand und kann gerne auf das Leben in der Stadt verzichten. Also ja. Ich nehme dein Angebot gerne an.«

Sie drehte sich zu ihm um. »Das hatte ich gehofft. Winter ist auch die Zeit, Kontakte zu knüpfen. Es gibt viele Vereine und Gruppierungen hier. Du kannst dich im Kultur- und Sportverein engagieren, dem Bootsklub beitreten oder im Shantychor singen.«

Er lachte. »Wenn ich mich beim Shantychor vorstelle, mache ich mich ziemlich sicher sehr unbeliebt. Da solltest du mal meinen Musiklehrer von damals fragen. Er war ein sehr geduldiger Mensch, ist jedoch an meinem schrägen Gesang verzweifelt. Aber alles andere kann ich mir überlegen.«

»Gut. Dann sage ich Frau Coordes Bescheid. Mit dem Bezahlen der Miete hast du sicher kein Problem, oder? Schließlich verdienst du bei mir gut.«

Jann schüttelte den Kopf. Nein, das sollte machbar sein. Auch wenn die Mieten hier auf der Insel wohl höher waren als am Festland.

»Darf man nach deinem Leumund fragen? Kein Zusammenstoß mit dem Gesetz in deinem früheren Leben?«

»Alles klar«, erwiderte er knapp.

»Gut, dann gehe ich mal. Wenn ich wieder da bin, machst du Pause.« Sie verschwand im Lager, und Jann atmete tief durch. Sein neues Leben konnte gleich mit dem nächsten Kunden beginnen.

»Ich hätte gerne Hafergrütze.«

»Was bitte?«

»Hafergrütze.«

Jann überlegte einen Moment. So kamen sie jedoch nicht weiter. Er hatte keine Ahnung, was der Mann von ihm wollte. »Würden Sie mir bitte erklären, was das ist?«, bat er den Kunden.

»Hafergrütze ist ein Nahrungsmittel aus zerkleinerten Haferkörnern, und der Ostfriese braucht es für Grünkohl. De Tied beginnt, und ohne Hafergrütze schmeckt der Kohl einfach nicht. Er bindet das Gemüse, verstehen Sie?«

Ja, er verstand, wusste dennoch nicht, wo genau im Laden er danach suchen sollte.

»Im letzten Herbst stand es dort.« Der Mann zeigte auf das Regal, in dem auch Gerstenflocken und andere Getreideprodukte standen. Und wirklich, dort sah Jann die Tüte, die mit Hafergrütze gefüllt war. Er nahm sie und stellte sie auf die Theke. »Darf es sonst noch etwas sein?«

»Pinkel hebbt ji nich?«

Langsam reichte es. Heute Morgen die Sache mit den losen Eiern, und nun wollte der Typ Pinkel. Wo war er gelandet?

»Also Pinkel ist eine Wurst, die besonders in Oldenburg und in Bremen gerne zum Grünkohl gegessen wird. Ich bin zwar Ostfriese und sollte Kohlwurst essen, bin jedoch ein großer Fan der Bremer Pinkel. Es gibt einfach nichts Besseres. Aber da gehen die Meinungen sicher auseinander. Allerdings – im letzten Jahr hat Eva welche besorgt. Daher meine Frage.«

»Ich werde mich darum kümmern. Wenn Sie morgen noch einmal reinschauen, dann weiß ich mehr«, versprach Jann.

»Dann fragen Sie doch bitte auch nach Pümmelwurst. Vielleicht hat sie die Möglichkeit, auch daran zu kommen.«

»Und was ist das nun?« Ihm war klar, wollte er bleiben, musste er sich an all diese seltsamen Namen gewöhnen.

»Das ist eine Mettwurst, die vier bis sechs Wochen an der Luft trocknet. Sie ist meistens aus Schweinefleisch hergestellt. Auch eine echt ostfriesische Spezialität.«

»Danke für den Hinweis«, sagte Jann. »Auch darum kümmere ich mich.« Evas Bauer hinterm Deich kannte sich bestimmt bestens mit ostfriesischen Essgewohnheiten aus.

»Gut. Dann nehme ich jetzt erst einmal zwei Strandstöckchen. Die brauche ich, um die Zeit besser rumzukriegen, bis der Grünkohl fertig ist. Ach ja, auch ein Kilo festkochende Kartoffeln stehen auf meiner Einkaufsliste.«

Jann wog die Kartoffeln ab. »Das war es?«

»Ja.«

Er nannte den Preis, kassierte und bat um den Namen des Mannes. »Damit Frau Hinrichs weiß, wer gefragt hat.«

»Fiete Peters. Eva kennt mi. Ik arbeid mit ehr tosamen bi Baltrumer Zukunft.

Jann notierte den Namen auf einem Zettel, und gleich darauf verließ Peters den Laden. Es dauerte jedoch nur einen kurzen Moment, dann kam der nächste Kunde. Jann schaute zur Tür und hatte das Gefühl, dass sein altes Leben ihn plötzlich einholte. »Markus?«

»Jann – was machst du hier?«, fragte der andere, wohl ebenso erstaunt.

»Wie du siehst, arbeite ich hier im Bioladen. Und es geht mir gut«, fügte er nachdrücklich hinzu.

»Das ist ja ein Ding. Das letzte Mal trafen wir uns im Hambi auf einem Baum, nicht wahr? Du hattest damals noch einen Bart und lange Haare.«

Ja, der Hambacher Forst. Auch er gehörte zu seinem früheren Leben. Aber damit hatte er abgeschlossen. Es nützte nichts. Er musste wohl antworten. »Ja, das stimmt wohl. Aber nun bin ich ein neuer Jann. Nicht nur äußerlich.«

Markus lachte. »Also nicht mehr der, der dem Polizisten ins Gesicht getreten hat, als er dich vom Baum holen wollte. Ich verstehe. Du rettest jetzt die Natur, indem du Biowaren verkaufst. Auch eine Möglichkeit!«

»Der eine so, der andere so.« Langsam wurde Jann böse. Schließlich stand sein alter Mitbewohner hier vor ihm und hatte offensichtlich auch der Bleibe im Wald den Rücken gekehrt. »Was möchtest du?«

»Kaufen möchte ich gar nichts, sondern Frau Hinrichs sprechen. Wir haben einen Drehtermin für morgen früh, und ich bin abgeordnet zu fragen, ob das so passt«, erklärte Markus. »Ich bin Tonassistent eines Fernsehteams.«

»Meine Chefin ist nicht da, aber soweit ich weiß, hat sie den Termin im Kalender. Ruf sie an, dann weißt du mehr.«

»Hallo, Junge. Nun mal etwas freundlicher«, protestierte Markus. »Vor zwei Jahren hast du sogar gelächelt, als du dem …«

»Ich weiß. Die Zeiten sind vorbei, versteh das. Ich möchte nicht mehr daran erinnert werden.« Schlagartig erinnerte sich Jann an Evas Frage nach dem Leumund. Wenn sie herausfand, was damals passiert war, dann wurde es nichts. Weder mit dem Job noch mit der Wohnung.

»Keine Sorge.« Markus winkte ab. »Aber ich möchte gerne alte, nein, gute Erinnerungen austauschen. Wie wäre es heute Abend?«

Was sollte er tun? Er wollte nicht. Gar nicht. Aber was blieb ihm übrig? Verweigerte er sich, würde Markus mit seinem Wissen morgen vielleicht bei seiner Chefin hausieren gehen, und das war das Letzte, was er gebrauchen konnte. »Also gut. Heute 20 Uhr in der Kleinen Freiheit.« Jann drehte sich um, ließ Markus ohne ein weiteres Wort stehen und räumte das Regal mit dem Kaffee aus. Warum, war ihm völlig egal.

5

Klara Becker schaute ungehalten auf ihre Uhr. Nein, sie hatten sich nicht versehen. Ort und Uhrzeit stimmten. Nur Julia Coordes war nicht da. Dabei hatten sie vor einer Stunde miteinander telefoniert, und da schien alles klar zu sein. Jetzt standen sie vor dem Haus, das die Frau ihnen genannt hatte, und standen sich die Beine in den Bauch.

»Bist du sicher, dass wir hier richtig sind?«, brummte ihr Mann.

Sie nickte. »Ja. Haus Wassersicht. Genau das ist es«, erwiderte Klara. »Nach den Straßennamen konnten wir schließlich nicht gehen, die gibt es hier nicht.« Auch dass die Nummern der Häuser die Reihenfolge der Bebauung wiedergaben, hatte sie bei ihrem ersten Besuch auf der Insel erst mühevoll lernen müssen. Da genau war es ihr passiert, dass sie völlig durcheinander an einer falschen Ecke ihren Gesprächspartner gesucht hatte.

»Ich möchte wirklich gerne wissen, wo die Tante bleibt. Ich habe die Kamera nicht umsonst in Stellung gebracht.«

Sie musste Bertus zustimmen. Das Einrichten der Kamera nahm einige Zeit in Anspruch. Und wenn Frau Coordes nicht kam, war alles umsonst. Auch Markus wirkte nicht so gelassen wie üblich. Klara Becker nahm ihr Handy heraus. Doch gerade, als sie die Verbindung herstellen wollte, hörte sie eine helle Stimme.

Eine ältere Frau mit wehenden Haaren kam in schneller Fahrt die D-Straße herunter. »Entschuldigung«, rief sie von Weitem. »Bin schon da.« Sie sprang vom Rad und reichte allen die Hand. »Mein Hund war ausgebüxt. Und ehe der sich in den Dünen über Fasane und Kaninchen hermacht – was er gerne macht – musste ich ihn erst einmal wieder einfangen. Aber nun bin ich da. Sollen wir?«

Klara atmete tief durch. Entweder hatte die Frau nur ein schlechtes Gewissen, oder sie gehörte zu denen, die einfach nicht aufhörten zu reden, wenn man sie ließ. »Ja, wir sollen. Schön, dass Sie da sind. Gehen wir erst hinein und verschaffen uns einen Überblick?«

Julia Coordes zögerte. »Ja … nein. Bitte lassen Sie uns einen Moment warten. Der Architekt kommt ebenfalls, und der kann Ihnen bestimmt genauere Daten nennen.«

»Gut, dann nehmen wir hier draußen schon einmal eine Sequenz auf«, stimmte sie zu. Sie rief sich die Fragen ins Gedächtnis, die sie Julia Coordes zu Baltrumer Zukunft stellen wollte. Im Haus selber würde es um die Wohnungsbaugenossenschaft gehen. Ein Thema, das für den Sender eher zweitrangig war, jedoch aus ihrer Sicht durchaus dazugehörte. Sie nickte Bertus und Markus zu und begann, indem sie die Frau zunächst vorstellte. Dann fragte sie: »Wie kamen Sie auf die Idee, diese Gruppierung zu gründen?«