Becherhaus – Einsame Schutzhütte über den Wolken - Christjan Ladurner - E-Book

Becherhaus – Einsame Schutzhütte über den Wolken E-Book

Christjan Ladurner

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Beschreibung

Das Becherhaus, das im fernen Jahre 1894 von der Sektion Hannover des „Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins“ erbaut wurde, ist die höchste Schutzhütte Südtirols und befindet sich im Besitz des Landes. Die Hütte thront auf 3200 Metern Höhe auf dem Gipfel des Bechers in den Stubaier Alpen und überragt den Übeltalferner, den größten Gletscher Südtirols. Der Leser erhält nicht nur spannende Einblicke in die Entstehungsgeschichte und den Werdegang des Schutzhauses, sondern auch in die abwechslungsreiche und oft gefährliche Arbeit des Hüttenwirtes Erich Pichler, der fast genau zwei Jahrzehnte im Sommer die Hütte mit seiner Familie bewirtschaftete. Dem Autor Christjan Ladurner, selbst ein erfahrener Bergsteiger, ist es gelungen, die Erinnerungen des Hüttenwirts in eine spannende Erzählung zu packen.

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Seitenzahl: 227

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Vorwort

Danksagung

Hinauftragen, Hinuntertragen und Herumtragen

Wie das Becherhaus auf den Becher kam

Für das Becherhaus beginnt ein neues Jahrhundert

Erich erzählt über seine zwanzig Jahre als Hüttenwirt

Hüttenwirt werden ist nicht schwer, Hüttenwirt sein dagegen sehr

„Was ist eine Lama?“

Wasser hat die Eigenschaft, den Berg hinunter zu rinnen

Auszeit …

Familienleben am Becher

Das Stammpersonal

Geschichten rund ums das Becherhaus

Der letzte Sommer

Der Umbau des Becherhauses 2020/21

Das Becher-Team von Peter Trenkwalder

Anekdoten und Zitate

Aus der Historie des Becherhauses

Die neuen Hüttenwirte – Familie Lantschner

www.ratschings.info

Vorwort

Es ist nicht so, dass Schreiben immer Freude bereitet. Doch die Arbeit am Buch über das Becherhaus, das in den letzten 2 Jahrzehnten vom Hüttenwirt Erich Pichler geführt wurde, hat mir sehr viel Freude bereitet und ging leicht von der Hand. Erich hatte seine Hausaufgaben gemacht und fast zwanzig Jahre lang Material gesammelt: historische Auszüge aus den Annalen des Alpenvereins, Zeitungsberichte und Kurzfilme. Zudem verfügt er über einen unschätzbaren Fundus an Erfahrungen, an Erlebnissen und Ereignissen, die mit dem Becherhaus zusammenhängen.

Die Corona-Pandemie hat meine beruflichen Pläne als Bergführer in Übersee gehörig durchkreuzt. Plötzlich hatte ich viel Zeit, ein Buch zu schreiben. Ende November packte ich meinen Koffer, nachdem die Bewegungsfreiheit in meiner Sommerheimat Südtirol urplötzlich wieder eingeschränkt wurde – und machte mich auf den Weg ins Exil. Den ersten Halt legte ich in der kleinen Ortschaft Duved in Schweden ein, drei Breitengrade südlich des nördlichen Polarkreises gelegen. Im Januar brachte mich dann die Reise nach Canmore im Westen Kanadas, wo ich dieses Buch fertiggeschrieben habe.

Erich ist ein begnadeter Erzähler. Kaum hatten wir erste Gedanken ausgetauscht, kam der Stein ins Rollen, es gab es kein Halten mehr, Erichs Redefluss war bei unseren Gesprächen kaum zu bremsen. Unsere wöchentlichen Treffen hielten wir mittels Videokonferenz ab. Eine wunderbare technologische Einrichtung, mit der Erich nicht sonderlich vertraut war. Deshalb gebührt mein ganz besonderer Dank seiner älteren Tochter Leonie, die sich als Kind der modernen Welt mit diesen Dingen bestens auskennt. Sie nahm sich die Zeit, St. Martin in Passeier und Canmore virtuell zu verknüpfen; sie war immer geduldig und nie ungehalten. Leonie war das Bindeglied zwischen ihrem Vater und mir, den ich zwar in meinen jungen Jahren persönlich kennengelernt, aber selten oben am Becherhaus besucht habe. Nichtsdestotrotz, die mächtigen Berge, die das Schutzhaus umgeben, kenne ich gut, auch bin ich ein ausgebildeter Hubschrauberpilot und zudem habe ich als Bergführer viel Zeit auf Schutzhütten verbracht. Somit konnte ich mich gut in Erichs Erzählungen hineinleben. Zum Schluss möchte ich mich auch noch bei allen „Becherhäuslern“ bedanken, die mir bei der Recherche zum Buch geduldig zur Seite standen. Ich hoffe, dass die Geschichte dieser ehrwürdigen Hütte und des dazugehörigen Hüttenwirts den Lesern erstaunliche Einblicke in eine ihnen verborgene Welt gewähren wird.

Christjan Ladurner – Winter 2020/21, Vöran, Duved und Canmore

Danksagung

Für mich ist ein langer und sehr prägender Abschnitt meines Lebens zu Ende gegangen: Das Becherhaus werde ich in Zukunft nur mehr als Bergführer besuchen. 19 Sommer oben am Becher waren nur möglich, weil mir so viele Menschen immer wieder beratend zur Seite standen, mich bei der Lösung von unlösbar erscheinenden Problemen unterstützten, mich motivierten und immer wieder einmal in letzter Minute auf der Hütte aushalfen. Ich erinnere mich sehr gut an meine Helfer, doch sie namentlich aufzulisten ist einfach nicht möglich.

Am Ende meiner Laufbahn als Hüttenwirt möchte ich an alle einen großen Dank aussprechen, die mir diese Karriere überhaupt ermöglicht haben. An erster Stelle geht mein Dank an meine geduldige Familie, an Andrea und unsere beiden Töchter Leonie und Emma.

Bedanken möchte ich mich weiters beim Amt für Bauerhaltung, das immer eine offenes Ohr für mich hatte, bei meinen zuverlässigen Lieferanten, bei der Hubschraubermannschaft, die das Becherhaus versorgt hat, bei der Hubschrauberbesatzung des Aiut Alpin unter der Leitung von Raffael Kostner, bei den unzähligen Mitarbeitern am Becherhaus und der treuen Stammmannschaft, die mich fast zwei Jahrzehnte lang begleitete. Ohne die zahlreichen Bergsteiger und Tagesgäste, die auf die Hütte gekommen sind, wäre ich ein einsamer Hüttenwirt gewesen und ohne die vielen Handwerker wäre das Hüttenleben oft zum Stillstand gekommen.

Mein großes „Vergelt’s Gott“ gilt allen, die das Becherhaus zu der Schutzhütte gemacht haben, die ich heute mit viel Stolz an den neuen Hüttenwirt übergeben kann.

Erich Pichler

„Wenn du das Becherhaus erreicht hast, dann bist du ganz oben angekommen. Es gibt keinen Weiterweg zum Gipfel wie von der Payerhütte auf den Gipfel des Ortlers oder von der Hörnlihütte auf das Matterhorn. Obwohl das Schutzhaus direkt auf dem gleichnamigen Gipfel liegt, geht man nicht zum Becher, sondern man geht aufs Becherhaus. Während man bei anderen Schutzhütten dem Wirt so manches verzeiht – für den Bergsteiger, der den Gipfel erklimmen will, ist die Hütte der Ausgangspunkt für die Gipfelbesteigung –, wird dem Wirt vom Becherhaus nichts verziehen. Viele Dinge, mit denen ich vor meiner Zeit als Hüttenwirt nicht vertraut war, musste ich im Schnelldurchlauf lernen. Und vor allem habe ich lernen müssen, für den Bergsteiger, der aufs Becherhaus kommt, eine Welt zu schaffen, die einen Besuch wert ist. Ansonsten wäre die Hütte wahrscheinlich sehr oft leer geblieben. Auf einer Höhe von 3200 Metern haben wir, meine Familie, meine Mitarbeiter und ich, sozusagen in Symbiose mit der atemberaubenden Natur gelebt und es ist uns gelungen, der Hütte eine Seele einzuhauchen, die der Gast spüren konnte.“

Erich Pichler,

Hüttenwirt am Becherhaus in den Jahren 2001 bis 2020

Hinauftragen, Hinuntertragen und Herumtragen

Wie die folgenden Geschichten belegen, war und ist das Lasten-Tragen immer noch eng mit dem Becherhaus verbunden.

Im März des Jahres 1894 begann der Hüttenbau mit dem Transport der insgesamt 25 Tonnen Baumaterial zu dem auf 3200 Metern Höhe gelegenen Bauplatz. Dabei galt es, etwas mehr als 1800 Höhenmeter zu überwinden. Bis hinauf zur Örtlichkeit „Aglsboden“ verwendete man große Pferdeschlitten, die auf dem gefrorenen Firn gut vorankamen. Vom Bergbau am Schneeberg und vom Erztransport im benachbarten Lazzacher Tal wurde das Prinzip der Bremsbahnen übernommen. Ein genau dosiertes Gegengewicht wurde dazu benutzt, mithilfe eines Stahlseiles und einer Umlenkrolle ein Transportgut hochzuziehen oder abzulassen. Stück für Stück baute man die Bremsbahnen nach obenhin weiter, bis für die lange Traverse unterhalb des Bechergipfels wieder Schlitten eingesetzt werden konnten. Das letzte Stück aber, der eigentliche Becherfelsen, musste mit Muskelkraft überwunden werden. Träger aus dem Tal schleppten 25.000 Kilogramm an Brettern, Sand, Kalk und Balken – die zum Teil 12 Meter lang und bis zu 80 Kilogramm schwer waren – hinauf auf den Gipfel des Bechers.

***

„Unsere Tochter Leonie kam am 6. August 2005 zur Welt“, erinnert sich Erich Pichler, der damals das Becherhaus bewirtschaftete. „Den darauffolgenden Sommer – es war mein sechstes Jahr als Hüttenwirt – wollte ich unbedingt zusammen mit meiner kleinen Familie am Becherhaus verbringen. Nach einer längeren Beratung mit dem Kinderarzt Dr. Hubert Messner 1, der dem Vorhaben nichts entgegenzusetzen hatte, entschieden wir, mit Leonie die erste Hochgebirgstour anzutreten.“

Andrea, Erichs Frau und ihr Vater, Großvater Richard also, übernahmen Ende Juli 2006 die erste Etappe des „Transportes“ der 11 Monate alten Leonie vom Talschluss in Ridnaun bis auf die Teplitzer Hütte. Dort übernachteten die Träger und ihre kleine Last. „Nachdem ich in der Früh die Arbeiten auf der Hütte erledigt hatte, überließ ich den Rest meinen Angestellten und rannte bei schönstem Wetter hinunter auf die Teplitzer Hütte. Als ich endlich in einer kleinen Kammer der Hütte das schlafende und fest verpackte ‚Poppele‘ 2 in Empfang nehmen durfte, war mir nicht mehr ganz wohl. Was, wenn die Kleine krank werden würde, das Wetter schlecht war und der Helikopter nicht fliegen konnte? Wie sollte ich Leonie bei Sturm ins Tal bringen, ohne dass sie dabei erfror?

Einer seiner bewegendsten Momente: Erich mit seiner Tochter Leonie (11 Monate) auf dem Weg zum Becherhaus

Die kleine Familie auf dem Weg zur Schutzhütte

Leonie beim Schneemannbauen mitten im August

Midl, die Wirtin der Teplitzer Hütte, die mir von Anfang an mit Rat und Tat zur Seite stand, meinte nur, ich solle mein Kind hinauf zum Becher tragen, der Rest würde sich von selbst ergeben.

Es war ein langer, unvergesslicher Anstieg. Das Tragen war ich gewohnt und das ‚Poppele‘ in der Rückentrage wog nicht viel. Den Becherfelsen hat unsere kleine Familie über den Klettersteig erreicht.“ Darüber berichtet Leonie, Erichs Tochter: „Tata 3 ist heute noch überzeugt davon, dass meine Höhenangst die Folge dieser ersten Klettertour ist. Im Laufe der Jahre hat man herausgefunden, dass sie mit meiner Sehschwäche zusammenhängt. Wie hätte ich denn als Kind Angst haben können, wenn ich kaum sehen konnte, wo es hinging?“

* * *

In der zweiten Junihälfte 2013 hatten Erich und seine Mannschaft am Hubschrauberlandeplatz unter dem Timmelsjoch fast 14 Lastennetze mit insgesamt 10.000 Kilogramm Nachschub für das Becherhaus beladen. Es war an der Zeit, die Hütte für die Sommersaison vorzubereiten. Das Wetter im Tal war gut, während oben in den Bergen der Wind blies und die Gipfel immer wieder in den Wolken verschwanden.

Holger, ein langjähriger Gehilfe aus Solingen in Deutschland, war mit seinem Sohn angereist. Wie schon die vorhergehenden Jahre hatte er sich seinen Urlaub für das Aufsperren des Becherhauses aufgespart. Für Erich war er inzwischen zum unentbehrlichen und äußerst gewissenhaften Mitarbeiter geworden. Der Helikopter hatte Erich an Bord, seine Frau Andrea und Holger sowie Material, das sofort auf der Hütte benötigt wurde. Mit dem zweiten Flug sollten Holgers Sohn und die Gehilfen folgen, dann die Lastennetze. Der Pilot hatte wegen der sich ständig ändernden Wolkensituation Mühe, die Scharte zu überfliegen, die den Übeltalferner vom Becherhaus, das immer wieder im Nebel verschwand, trennte.

„Endlich waren wir oben“, erinnert sich Erich. „Irgendetwas war bei meiner Planung schiefgelaufen. Holger, meine Frau Andrea und ich waren auf der Hütte, Holgers Sohn und die Gehilfen unten am Hubschrauberlandeplatz, 1000 Höhenmeter tiefer, während das Wetter sich von Minute zu Minute verschlechterte. Lange Zeit warteten wir vergeblich auf eine Wetterbesserung, bis wir entschieden, die Maschine unten im Tal mit den allernotwendigsten Lebensmitteln und Holgers Sohn zu beladen. Dann zog der Pilot den Hubschrauber, um überhaupt etwas Sicht zu haben, die Felswände entlang nach oben. Er musste einen langen Umweg über den Schneeberg ins Ridnauntal fliegen und von dort den Randmoränen der Gletscherlandschaft folgen, um überhaupt das Becherhaus zu finden, auf dem inzwischen ein Sturm tobte. Mit Mühe schaffte es der Helikopter danach mit Andrea an Bord zurück ins Tal, während es auf der Hütte zu schneien begann.“

Der Stromgenerator, das Herzstück der Hütte, der auch den Strom für die Wasserpumpe liefert, ließ sich nicht starten. Das Dieselaggregat hatte inzwischen 40 Jahre auf dem Buckel und trotz fleißiger Wartung – Erich wusste, welche Konsequenzen ein Ausfall mit sich bringen würde – verweigerte der Anlasser seinen Dienst. Keine Sicht, kein Helikopter, kein Strom, kein Wasser, das Mobiltelefon funktioniert am Becherhaus, wenn es Lust dazu hat. Die Auskunft der Werkstätte im Tal war ernüchternd: Bestandteile für das in die Jahre gekommene Aggregat gäbe es keine mehr. Endlich fand sich irgendwo in einem Lager in Bozen ein Anlasser. Auf der Hütte spendete nur der Herd etwas Wärme und ein paar Kerzen ein wenig Licht. Draußen tobte der Schneesturm, die Solarzellen waren eingeschneit und vereist, ohne Sonne lieferten sie keinen Strom, die Batterien waren alle entladen.

Erich erinnert sich: „Wir saßen einen Tag bei widrigsten Bedingungen auf der Hütte fest. Ich wagte es nicht, im Schneesturm den Weg über die Schwarzwandscharte zu nehmen. Obwohl am nächsten Tag das Wetter immer noch miserabel war, entschied ich trotzdem, mit den Tourenskiern den Übeltalferner hinüber zur Scharte zu queren, um dann zur Timmelsjochstraße im hintersten Passeiertal abzufahren. Von dort fuhr ich mit dem Auto nach Bozen, holte den Anlasser und begann nach einer Übernachtung zu Hause mit dem mühevollen Aufstieg.

Mit dem Anlasser im Rucksack und bei 70 Zentimeter Neuschnee auf den letzten Höhenmetern Richtung Becherhaus

Der Motoranlasser wog 15 Kilogramm und es stürmte immer noch. Als ich die letzten Meter über den Becherfelsen zur Hütte aufstieg, war ich am Ende meiner Kräfte. Die langen Stunden im lawinengefährdeten Gelände, die Ungewissheit, ob ich die Hütte von der Schwarzwandscharte aus überhaupt wiederfinden würde, und die Überquerung des Gletschers, allein und ohne Seil, hatten mir ordentlich zugesetzt. Das Gewicht des Rucksacks, in dem der Anlasser zusammen mit der notwendigen Ausrüstung zum Überleben verstaut war, spürte ich nach einer Weile gar nicht mehr. Ich glaube, Holger und sein Sohn waren sich nicht mehr ganz sicher, ob ich jemals wieder auf der Hütte auftauchen würde …“

* * *

Auf einer so hoch gelegenen Hütte mit ihrer komplexen Logistik ist das Beenden der Sommersaison fast immer ein hektisches, nervenaufreibendes Unterfangen. Der Wirt möchte auf alle Fälle die schönen Herbsttage für das immer willkommene Extra-Einkommen nutzen, muss aber darauf vorbereitet sein, bei einem plötzlichen Schlechtwettereinbruch oder herbstlichem Nebel eine schnelle Entscheidung zu treffen. Am einfachsten wäre es, zu Fuß zurück ins Tal zu gehen. Wäre es …

„Einmal hatten wir die Hütte schon eingewintert, den Stromgenerator hatte ich vom Netz genommen und die Batterien kältefest verpackt. Die Warmwasserbehälter am Küchenherd waren alle schon geleert worden und wir warteten bei strahlendem Sonnenschein auf den Hubschrauber. Es gibt nichts Schlimmeres, als eine eingewinterte Schutzhütte im Hochgebirge. Die Fensterläden waren geschlossen, Feuchtigkeit machte sich breit, kein wärmendes Feuer, kein Strom und gerade unterhalb des Becherfelsens eine undurchdringliche Nebeldecke. Keine Aussicht auf den Hubschrauber. Wir hätten zu Fuß ins Tal gehen können, doch es gab noch reichlich Verpflegung auf der Hütte, vor allem aber eine Menge Fleisch. So viel, dass ein Hinuntertragen nicht in Frage kam, und den Raben wollte ich es auch nicht überlassen. Tagelang warteten wir in der kalten Hütte, bis sich die Hubschraubermannschaft dazu entschließen konnte, einen Flug zu wagen. Der Flughelfer hatte Erich mitgeteilt, dass es – wenn überhaupt – nur einen Flug geben würde. Als die Maschine neben der Hütte landete, war sie bis auf den Pilotensitz komplett leer. Man hatte im Tal vorsorglich alle Sitze ausgebaut, um möglichst viel Platz zu schaffen. Alles, was am Hubschrauberlandeplatz auf dem Becherhaus bereitstand, wurde in die Maschine verladen. Erich beschreibt die beengten Verhältnisse in der Maschine: „Wir setzten uns auf die Kartonschachteln und mussten die Köpfe einziehen, damit wir überhaupt Platz fanden. Der Flughelfer kniete neben dem Piloten am Fenster und gab andauernd Anweisungen, als wir im dichten Nebel der Felswand entlang nach unten zu schweben versuchten. Immer wieder musste der Pilot die Maschine nach oben ziehen, es war unmöglich, die Nebeldecke zu durchstoßen. Nach unzähligen Versuchen, der Treibstoff drohte auszugehen, erreichten wir die andere Seite des Brennerpasses und somit Österreich. Beim Obernberger See tat sich endlich ein Loch in der Nebeldecke auf und im Tiefflug ging es über den Brenner bis nach Sterzing.

Der Hüttenwirt beim Einbau des neuen Anlassers

Der Hubschrauber, die schnelle Verbindung zur Außenwelt, beim Anflug am Becherhaus

Das Schreiben war nie meine Stärke gewesen, aber im Kopfrechnen war ich gut. Während des langen Fluges dachte ich immer wieder daran, wie beschwerlich das Geldverdienen auf dem Becherhaus sein kann und wie viele Flugminuten ich gerade eben verprasst hatte. Und das nur, weil ich die übriggebliebene Verpflegung nicht den Raben überlassen wollte und dieses Mal das Tragen, das so eng mit meinem Hüttenleben verbunden war, nicht in Frage kam.“

* * *

Es war im August des Jahres 2014. 32 Gäste, darunter zwei Damen mittleren Alters, nächtigten auf der Hütte. Die Damen aus Braunschweig führe ich hier extra an, denn die nächsten beiden Tage wurden sie zu Hauptakteurinnen oben am Becherhaus und in den Stubaier Alpen.

Die Meteorologen hatten sehr schlechtes Wetter vorausgesagt, das Tief sollte schon während der Nacht mit Schneefall die Hütte erreichen. Und so war es dann auch. Der Wind rüttelte die ganze Nacht am alten Gemäuer. Es fühlte sich an, als ob er dieses Mal endlich die Hütte vom Becher fegen wollte, was ihm über 100 Jahre lang nicht gelungen war. Am nächsten Morgen lagen 20 bis 30 Zentimeter Neuschnee, die Sicht war gleich null. Erich bereitete das Frühstück zu und bot sich dann an, die Gäste über den Klettersteig nach unten zu begleiten, bis zu dem Punkt, wo man die Wegmarkierungen wieder erkennen konnte. „Wie so oft musste ich als Hüttenwirt aushelfen, weil sonst niemand da war. Auf dem Becherhaus war es nicht wie auf der Payerhütte oder der Hörnlihütte, wo immer Bergführer nächtigen und deshalb auch bei unvorhergesehenen Ereignissen aushelfen können. Hier am Becherhaus war ich Bergführer, Bergretter und Hüttenwirt in einer Person.“

Die beiden Damen, die ebenfalls am Vortag auf die Hütte aufgestiegen waren und nur bescheiden konsumiert hatten, wollten sich nicht der Gruppe anschließen. Ihr Reisebudget wäre sehr eng bemessen, so erzählten sie. Deshalb wollten sie Richtung Wilder Freiger bis zum sogenannten Signalkopf aufsteigen und von dort über die Nürnberger Hütte ins Stubaital absteigen. So würden sie sich das Geld für den Linienbus von Ridnaun nach Sterzing und einen Teil der Spesen für die Zugfahrkarte einsparen. Der Aufstieg vom Becherhaus zum Wilden Freiger ist nicht sehr lang. Er folgt einem Grat, der zum Teil gesichert ist und auf dem man sich auch bei Schlechtwetter relativ gut orientieren kann, wobei der Weg direkt über den Signalkopf führt, der somit nur schwer zu verfehlen ist. Eine ganz andere Sache ist der Abstieg vom Gipfel: ohne Sicht und über anfangs weitläufige Gletscherflächen ein nicht ungefährliches Unterfangen.

Erich erinnert sich: „Kaum war ich wieder auf der Hütte, habe ich den Ofen ordentlich eingeheizt und einen ‚Wachdienst‘ eingeteilt, der immer wieder Holz nachlegen musste. Bergsteiger würden bei diesem Wetter keine auftauchen, da war ich mir sehr sicher und so verkroch ich mich auf die Bank hinter dem warmen Ofen. Das Mobiltelefon hatte ich auch ausgeschaltet, sonst würde es, so wie immer während der Sommermonate, ununterbrochen klingeln. Wer heute anruft, dachte ich mir, der wird auch morgen wieder anrufen.“ In der Hütte wurde es still, jeder war mit sich selbst beschäftigt, während draußen weiterhin der Sturm tobte. Ein Wettersturz im August war für die Hüttenbesatzung inzwischen keine Neuigkeit mehr.

Die Bergrettung Ridnaun und die Finanzwache mit der verletzten Bergsteigerin beim Abmarsch vom Becherhaus

Gemütliches Zusammensein in der Becherstube am Vorabend des Abtransportes

Gegen halb drei Uhr am Nachmittag kam dann jemand mit schleppenden Schritten über die Stiege nach oben. Der Hüttenwirt erzählt: „Ich hörte die Schritte und war nicht besonders begeistert, einen durchfrorenen Gast bewirten zu müssen! Plötzlich stand jemand in der Gaststube, der wie ein Darsteller aus uns allen bekannten Everest-Filmen wirkte. Die Kleidung war vereist, in den Haaren und im Gesicht hatte sich Raureif festgesetzt, der Blick war starr und ohne Fokus. Wie ein Geist, der aus dem Nichts bei uns auf der Hütte aufgetaucht war, stand die Person vor uns, ohne ein Wort zu sagen. Dann endlich erkannte ich eine der beiden Bergsteigerinnen, die heute am Morgen Richtung Signalkopf und Stubaital aufgebrochen waren.“

Auf der Rückseite des Signalkopfes waren die zwei Damen vom Weg abgekommen und über sieben Stunden lang bei Wind, der Spitzen von 80 Kilometer pro Stunde erreichte, herumgeirrt. Schließlich fanden sie den Signalkopf wieder und stiegen Richtung Becherhaus ab. Dort, wo die Sicherungsseile endeten, rutschte eine der beiden aus und stürzte in das darunterliegende Felsgelände. Ob die Alpinistin noch am Leben war, das wusste ihre Freundin nicht. Diese war inzwischen von Andrea, Leonie und Emma mithilfe der Mitarbeiterinnen Sigrid und Alexandra versorgt worden, während sie über den Irrweg berichtete.

„Zuerst einmal war ich ein wenig erbost, hatte ich doch die beiden Damen am Morgen noch auf die Gefahren einer Überschreitung des Freigers bei extremen Wetterbedingungen aufmerksam gemacht. Dann begann in meinem Kopf ein Film abzulaufen, den ich dort wahrscheinlich für solche Ereignisse gespeichert hatte. Hubschrauber? Unmöglich! Bergrettung? Mindestens sechs Stunden Aufstieg! Das Mobiltelefon funktioniert nur an bestimmten Punkten; wir hatten nämlich noch kein Funkgerät. Alles, was wir besaßen, waren zwei kleine ‚Spielzeugfunkgeräte‘. Wir waren nur zu sechst auf der Hütte: meine Frau Andrea, meine Töchter Leonie und Emma, zwei Mitarbeiterinnen und ich.“

Viele Jahre als Bergführer und Hüttenwirt hatten Erich gezeigt, wie man mit Extremsituationen, die aus dem Nichts auftauchen, umgeht. „Während ich in meine Bergbekleidung schlüpfte, den kleinen, immer griffbereiten Notfallrucksack mit Tee und einer zusätzlichen Decke bepackte, gab ich meiner Mannschaft die Anweisung, nach einem Punkt zu suchen, wo das Mobiltelefon Empfang hatte, und einen Notruf abzusetzen, um die Bergrettung im Tal in Bereitschaft zu versetzen. Wenn die verunglückte Alpinistin noch am Leben war, dann musste ich versuchen, sie bis zur Hütte zu schaffen; zusammen mit meiner Mitarbeiterin Sigrid, aber ohne weitere Hilfe. Ich musste sie tragen, es kam nur diese Option in Frage.“

Als Erich vor die Tür trat, traf ihn der Wind mit einer Gewalt, die er sich nicht erwartet hatte und trieb ihm Schneekristalle ins Gesicht, die sich wie tausende Messerstiche anfühlten. Die Umgebung des Bechers hatte Erich im Kopf gespeichert; auf diese virtuelle Landkarte zurückgreifend, gelang es ihm, den Weg zur abgestürzten Bergsteigerin zu finden.

„Als ich sie unterhalb des Steiges, zwischen den Felsen verkeilt, auffand, war sie schon nicht mehr ansprechbar, aber sie lebte noch. Sofort wickelte ich sie zusammen mit einer Wärmepackung in die mitgebrachte Decke. Die Verletzungen am Bein – ein Schien- und ein Wadenbeinbruch – waren zum Glück nicht lebensbedrohlich, ich schiente die Beine, so gut es ging, wollte aber wegen der einsetzenden Unterkühlung keine Zeit verschwenden. Da mein Mobiltelefon hier Gott sei Dank Empfang hatte, besprach ich mich kurz mit der Bergrettung im Tal. Dann fertigte ich aus einem Stück Seil eine Rückentrage, in die ich die Verletzte, die inzwischen das Bewusstsein wiedererlangt hatte, mit viel Mühe verpackte. Sigrid übernahm den schweren Rucksack der Verletzten und dazu noch meinen Notfallrucksack.“

Nur mit äußerster Kraftanstrengung gelang es Erich, die Bergsteigerin von der Unfallstelle bis auf den Steig zu hieven. Von dort musste er sie weiter zur Hütte tragen. Immer wieder verlor die verletzte Frau, die er auf seinem Rücken festgebunden hatte, damit er sich mit den Händen an den vereisten Felsen festhalten konnte, das Bewusstsein. Gerade als Erich ein ungemein ausgesetztes Stück Weg passierte – eine Stelle am Grat, wo dieser auf beiden Seiten fast 400 Meter abfällt – erwachte die Patientin aus der Bewusstlosigkeit.

Der Hüttenwirt besinnt sich: „Es war nicht genug, dass der Wind tobte, die Sicht fast null war und sich das Gewicht des ,ungewollten‘ Gastes immer mehr bemerkbar machte, nein, dazu kam noch das Gejammer der verletzten Bergsteigerin, die Gott anrief und prophezeite, dass wir beide abstürzen und auf der Stelle tot sein und im Gebirge jämmerlich zu Grunde gehen werden.

„Ich war irgendwie sogar froh, als meine ,Passagierin‘ wieder das Bewusstsein verlor, denn ich hatte auf keinen Fall vor, kurz vor Erreichen des Becherhauses zu sterben und musste mich außerdem mit meinen letzten Kräften am Sicherungsseil festhalten. Als ich endlich die Sissi-Stufen erreichte, die zum Hütteneingang führten, war ich am Ende meiner Kräfte, meine Beine gehorchten nicht mehr, die Energien waren verbraucht. Ich löste die verletzte Bergsteigerin aus dem behelfsmäßigen Tragesitz, um sie dann, indem ich mich an ihrem Klettergurt festhielt, Stufe für Stufe durch den orkanartigen Wind bis zum Becherhaus zu ziehen.“

In der warmen Stube war eine Art Notaufnahme eingerichtet worden. Andrea, Emma und Leonie hatten Wärmflaschen und Decken vorbereitet. Gemeinsam halfen sie der Verunfallten aus den nassen Kleidern; nach ein paar Tassen Tee erholte sich die Patientin erstaunlicherweise schnell und verlangte bald schon nach einem Stück Kuchen.

„Bei mir dauerte es wesentlich länger, bis ich mich erholt hatte“, erinnert sich Erich. „Ich hatte mein Letztes gegeben, wollte nur eine warme Suppe und etwas Ruhe, als wie aus dem Nichts eine 22 Mann starke Bergrettungsmannschaft zusammen mit einem Notarzt auftauchte. Genaugenommen steckte der Notarzt am Klettersteig fest und musste erst noch von den Bergrettungsmännern aufgeseilt werden. Ich hatte nun eine Hütte voller Bergretter zu versorgen, die ihre Kleidung trocknen mussten und nach Bier verlangten. Anstatt hinter dem warmen Ofen auf der Bank auszuruhen, landete ich in der Küche, um das Abendessen zuzubereiten und für den nächsten Morgen das Frühstück.“

Das Wetter war in der Früh immer noch schlecht; die verunglückte Bergsteigerin wurde in einen Akia 4 verpackt und über die Sissi-Stufen zum Gletscher abgeseilt. Als die Rettungsmannschaft etwas weiter unten angekommen war, öffnete sich ein Wetterfenster, das es dem bereitstehenden Hubschrauber des Aiut Alpin 5 ermöglichte, zum Übeltalferner aufzusteigen. In mehreren Flügen wurden die Patientin und die Bergretter ausgeflogen, wobei der Pilot bei immer noch ziemlich schlechtem Wetter einen langen Umweg über österreichisches Gebiet machen musste.

Während die Presse am nächsten Tag ihre Helden feierte, stand Erich schon wieder in der Küche.