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Das Wort „Bewusstsein“ ist eines der am häufigsten verwendeten Wörter in der spirituellen und wissenschaftlichen Literatur. Gleichzeitig gehört es zu den am häufigsten missverstandenen Begriffen. Doch ist das Bewusstsein für alles im Leben von zentraler Bedeutung. Ein Verständnis dessen, was Bewusstsein ist, sowohl intellektuell als auch spirituell, ist wichtig, um Leben und Schöpfung, die spirituelle Reise und die Entwicklung des Lebens zu verstehen. Angesichts seiner immensen Bedeutung für Sri Aurobindos Yoga und die Metaphysik der Schöpfung konzentriert sich diese Ausgabe von ALLES LEBEN IST YOGA auf dieses Schlüsselwort, damit Licht auf das geworfen werden kann, was eigentlich die Quelle des Lichts ist!
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Omsriaurobindomira
ALLES
LEBEN
IST
YOGA
All life is Yoga. – Sri Aurobindo
Sri Aurobindo | Die Mutter
SRI AUROBINDO
DIGITAL EDITION
BERCHTESGADENER LAND
www.sriaurobindo.center
© Copyright 2025
Herausgeber
AURO MEDIA
Verlag und Fachbuchhandel
Wilfried Schuh
Deutschland
www.auro.media
eBook Design
SRI AUROBINDO DIGITAL EDITION
Deutschland, Berchtesgaden
Bewusstsein
Auszüge aus den Werken von
Sri Aurobindo und der Mutter
Zweite Auflage 2025
ISBN 978-3-96387-047-7
© Fotos und Textauszüge
Sri Aurobindos und der Mutter:
Sri Aurobindo Ashram Trust
Puducherry, Indien
Blume auf dem Cover:
Helianthus. Gelb, gefüllt.
Die von der Mutter gegebene spirituelle Bedeutung:
Intensität des Bewusstseins im vollen supramentalen Licht
Es ist strahlend und glänzend um die Welt zu erleuchten.
Überall auf der Welt wächst das Interesse an Spiritualität und Yoga. Man kann eine zunehmende Suche nach dem wahren Sinn und Zweck des Lebens erkennen, eine Suche nach tieferen Lösungen für die Probleme, mit denen wir alle konfrontiert sind, und man kann eine zunehmende Bemühung beobachten, am evolutionären Wandel und Fortschritt der Menschheit beitragen zu wollen.
Bei dieser Suche und Bemühung wenden sich immer mehr Menschen an Sri Aurobindo und die Mutter, um Führung und Kraft zu finden. Aber in den umfangreichen Werken Sri Aurobindos und der Mutter wissen wir oft nicht, wo wir Antworten auf unsere Fragen finden können. Aus diesem Grund haben wir zu bestimmten Themen des alltäglichen Lebens einfache Auszüge aus ihren Werken zusammengetragen, die für die Sadhana eine praktische Orientierung im Alltag geben sollen, denn wahre Spiritualität bedeutet nicht, sich vom Leben abzukehren, sondern das Leben mit einer Göttlichen Vollkommenheit zu vollenden.
Diesbezüglich sagte die Mutter:
„Sri Aurobindo sollte nicht nach Büchern studiert werden, sondern nach Themen – was er über das Göttliche, die Einheit, die Religion, die Evolution, die Erziehung, die Selbstvervollkommnung, das Supramental, usw. gesagt hat.“ (CWM Vol. 12, p. 206)
Bei einer anderen Gelegenheit sagte sie:
„Wenn du wissen willst, was Sri Aurobindo zu einem bestimmten Thema gesagt hat, musst du zumindest alles lesen, was er zu diesem Thema geschrieben hat. Man wird dann sehen, dass er die widersprüchlichsten Dinge gesagt zu haben scheint. Aber wenn man alles gelesen und ein wenig verstanden hat, sieht man, dass all die Widersprüche sich ergänzen und in einer integralen Synthese geordnet und geeint sind.“ (CWM Vol. 16, pp. 309-10)
Unsere Titel aus der Reihe ALLES LEBEN IST YOGA sind ein Versuch, etwas mehr Klarheit über ein bestimmtes Thema zu gewinnen und so vielleicht unsere persönlichen Bemühungen in die richtige Richtung zu lenken. Denn Sri Aurobindo sagt:
„Es ist stets wünschenswert, sich in die richtige Richtung zu bemühen; selbst wenn man scheitert, bringt das Bemühen ein bestimmtes Ergebnis und ist niemals verloren.“ (CWSA Vol. 29, p. 87)
Die Übersetzung der Textstellen von Sri Aurobindo erfolgte aus dem ursprünglichen Englisch, während die meisten Passagen der Mutter bereits Übersetzungen aus dem Französischen waren. Fast alle Texte der Mutter wurden ihren Gesprächen, die sie mit Kindern und Erwachsenen führte, entnommen, einige ihren Schriften. Wir müssen außerdem berücksichtigen, dass die Auszüge ihrem ursprünglichen Zusammenhang entnommen wurden und dass jede Zusammenstellung ihrer Natur nach möglicherweise einen persönlichen und subjektiven Charakter hat. Es wurde jedoch der aufrichtige Versuch unternommen, der Vision Sri Aurobindos und der Mutter treu zu bleiben.
Die Textauszüge sind vom Verlag zum Teil mit Kapiteln und Überschriften versehen worden, um ihre Themen hervorzuheben. Sofern es möglich war, wurden sie in Anlehnung eines Satzes aus dem Text selbst gewählt.
Sri Aurobindo und die Mutter machen von der in der englischen Sprache gegebenen Möglichkeit, Wörter groß zu schreiben, um ihre Bedeutung hervorzuheben, häufig Gebrauch. Mit dieser Großschreibung bezeichnen sie meist Begriffe aus übergeordneten Daseinsbereichen, doch auch allgemeine wie Licht, Friede, Kraft usw., wenn sie ihnen einen vom üblichen Gebrauch abweichenden Sinn zuordnen. Diese Begriffe wurden in diesem Buch kursiv hervorgehoben, um dem Leser zu einer leichteren Einfühlung in diese subtilen Unterscheidungen zu verhelfen.
Eckige Klammern bezeichnen Einfügungen des Übersetzers, die um des besseren Verständnisses willen angebracht erschienen. Einige wenige Sanskritwörter wie Sadhana, Sadhaka, Yoga usw. wurden eingedeutscht, da sie durch ihren häufigen Gebrauch bereits als Bestandteil der deutschen Sprache angesehen werden können. Alle anderen Sanskritwörter sind kursiv hervorgehoben, wobei auf diakritische Transkriptionszeichen verzichtet wurde.
Die kursiv geschriebenen Textpassagen vor den Worten Sri Aurobindos und der Mutter sind Fragen bzw. Antworten von Schülern oder sonstige erläuternde Texte.
Titelseite
Impressum
Anmerkung des Herausgebers
Zitate
1. WAS IST BEWUSSTSEIN?
1. Macht der Wahrnehmung und schöpferische Energie
2. Wahrnehmung und Kraft
3. Bewusstsein – Die grundlegende Tatsache im Dasein
4. Die wissenschaftliche Auffassung von Bewusstsein
5. Bewusstsein und Phänomen
6. Was ist Bewusstsein
7. Wissen durch Identifikation des Bewusstseins
8. Selbstbegrenzung des einen Bewusstseins
9. Freiheit und Vorherbestimmung – Bewusstsein ist multidimensional
10. Bewusstsein und seine Instrumente
11. Waches und schlafendes Bewusstsein
12. Verschiedene Bewusstseinszustände
13. Jedes Element ist Teil des Ganzen
14. Individuelles und universales Bewusstsein
15. Das Ausgerichtetsein des Bewusstseins
16. Die doppelte Natur im Menschen
17. Das den Menschen umhüllende Bewusstsein
18. Das Bewusstsein des Körpers
19. Zonen des Bewusstseins
20. Die Bewusstseinszentren oder Chakras
21. Der Sitz des Göttlichen Bewusstseins im Menschen
22. Gnostisches Bewusstsein
2. DER BEWUSSTSEINSWANDEL
1. Bewusst werden
2. Mit dem Bewusstsein Schwierigkeiten begegnen
3. Notwendigkeit der Einbeziehung des physischen Bewusstseins
4. Die Erfahrung des Bewusstseinswandels
5. Das Wachstum des Bewusstseins
6. Das Finden des wahren Bewusstseins
7. Das Huhn und das Ei
8. Bewusstsein und Technik
9. Über dem Leid stehen
10. Was ist das Beste für uns?
11. Das Bewusstsein während der Aktivität hoch halten
12. Die Erweiterung des Bewusstseins
13. Identifikation durch Konzentration
14. Das Verständnis für andere
15. Zusammenarbeit
16. Entwicklung des kosmischen Bewusstseins
17. Die Wende des Bewusstseins
18. Um die Welt zu ändern, musst du dich ändern
19. Der Wandel des Bewusstseins
20. Göttliches Bewusstsein und Transformation
Bibliographie
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titelseite
Copyright
Vorwort
Quellenangaben
Eine spirituelle Evolution, eine Evolution des Bewusstseins in der Materie in einer ständigen, sich entfaltenden Selbst-Gestaltung, bis die Form den innewohnenden Geist offenbaren kann, ist also der Grundton, das zentrale bedeutungsvolle Motiv der irdischen Existenz.
– Sri Aurobindo
Man mag in sich selbst suchen, man mag sich erinnern, mag beobachten. Man muss erkennen, was geschieht, man muss aufmerksam sein. Das ist alles. Manchmal – wenn man eine hochherzige Tat sieht, von etwas Außergewöhnlichem hört, wenn man zum Zeugen von Heldentum oder Edelmut oder Seelengröße wird, wenn man jemanden trifft, der ein besonderes Talent aufweist oder der in einer außergewöhnlichen oder wunderbaren Weise handelt – löst das eine Art Begeisterung oder Bewunderung oder Dankbarkeit aus, die plötzlich im Wesen erwacht und die Tür zu einem Zustand öffnet – einem neuen Bewusstseinszustand, einem Licht, einer Wärme, einer Freude, die man zuvor nicht kannte.
– Die Mutter
Worte Sri Aurobindos
Bewusstsein ist nicht nur eine Macht der Wahrnehmung des Selbstes und der Dinge, es ist oder besitzt ebenfalls eine dynamische und schöpferische Energie. Es kann seine eigenen Reaktionen bestimmen oder sich der Reaktionen enthalten. Es vermag nicht nur auf Kräfte zu reagieren, sondern kann aus sich Kräfte erschaffen oder hervorbringen. Bewusstsein ist Chit, doch ebenfalls Chit Shakti.
Bewusstsein wird meist mit dem Mental identifiziert, doch das mentale Bewusstsein ist nur der menschliche Bereich, der genausowenig alle möglichen Bewusstseinsbereiche erfasst, wie menschliches Sehen alle Farbabstufungen oder menschliches Hören alle Tonabstufungen erfasst – denn es gibt vieles darunter und darüber, das für den Menschen unsichtbar und unhörbar ist. Ebenso gibt es Bewusstseinsbereiche über und unter der menschlichen Ebene, mit denen der durchschnittliche Mensch keinen Kontakt hat und die ihm daher unbewusst erscheinen – supramentale, obermentale und submentale Bereiche.
Wenn Yajnavalkya sagt, dass es kein Bewusstsein im Brahman-Zustand gäbe, spricht er von einem Bewusstsein, wie das menschliche Wesen es kennt. Der Brahman-Zustand ist der eines höchsten Daseins, das sich im höchsten Grade seiner selbst bewusst ist, svayamprakasa – es ist der Zustand von Sachchidananda,Sein-Bewusstsein-Seligkeit. Selbst wenn man davon als „jenseits von Dem“ spricht, paratparam, bedeutet dies nicht, dass es ein Zustand des Nicht-Seins oder Nicht-Bewusstseins ist, sondern dass er sich vielmehr jenseits der höchsten spirituellen Sphäre des kosmischen Daseins und Bewusstseins befindet (jenem „Ursprung darüber“ in dem erleuchteten Paradoxon des Rigveda). Aus der Beschreibung des chinesischen Tao und des buddhistischen Shunya geht hervor, dass jenes ein Nichts ist, in dem alles ist – genauso ist es mit der Verneinung des Bewusstseins dort. Überbewusst oder unterbewusst sind nur relative Ausdrücke. Wenn wir uns in das Überbewusste erheben, sehen wir, dass es ein größeres Bewusstsein ist als unser bislang höchstes und es uns daher in unserem normalen Dasein verschlossen ist; und wenn wir in das Unterbewusste eintreten können, finden wir dort ein Bewusstsein, das anders als das unsere an seiner untersten mentalen Grenze und uns aus diesem Grund normalerweise nicht zugänglich ist. Das Nichtbewusste schließlich ist nichts als ein involvierter Bewusstseinszustand, der – obschon auf andere Weise als das Tao oder Shunya – alle Dinge unterdrückt in sich enthält, so dass unter einem Druck von oben oder von innen sich alles daraus zu entfalten vermag – „eine untätige Seele mit nachtwandlerischer Kraft“.
Die Abstufungen des Bewusstseins sind universale Zustände, die nicht von der Einstellung der subjektiven Persönlichkeit abhängen. Vielmehr wird die Einstellung der subjektiven Persönlichkeit von der Bewusstseinsebene bestimmt, auf der sie gemäß ihrem Typus oder evolutionären Entwicklungsstadium eingeordnet ist.
Es ist deutlich, dass mit Bewusstsein etwas gemeint ist, das im Wesentlichen durchweg das Gleiche, jedoch seinem Zustand, seiner Voraussetzung und Wirkungsweise nach verschieden ist. Es können in ihm in andersartigen Abstufungen oder Formen jene Tätigkeiten, die wir Bewusstsein nennen, bestehen, und zwar in einem entweder unterdrückten, ungeordneten oder in einem unterschiedlich geordneten Zustand. In anderen Zuständen hingegen können sich andere Tätigkeiten manifestieren, die unterdrückt, ungeordnet oder latent in uns vorhanden oder aber weniger vollkommen manifestiert, weniger ausgebreitet, weniger intensiv und machtvoll sind als in jenen höheren Bereichen oberhalb unserer höchsten mentalen Grenze.
Worte Sri Aurobindos
Bewusstsein besteht aus zwei Elementen, dem Wahrnehmen des Selbstes und der Dinge und Kräfte sowie aus bewusster Macht. Das Wahrnehmen ist zuerst erforderlich, das heißt du musst die Dinge im rechten Bewusstsein wahrnehmen, in der rechten Weise, du musst sie in ihrer Wahrheit sehen. Doch das Wahrnehmen als solches ist nicht genug. Es müssen ein Wille und eine Kraft vorhanden sein, die das Bewusstsein wirksam machen. Jemand kann sich dessen, was verändert und zurechtgerückt werden muss, voll bewusst sein, ist aber unfähig, die Veränderung zu vollziehen. Ein anderer mag die Willenskraft besitzen, doch – da ihm die rechte Wahrnehmung fehlt – nicht in der Lage sein, sie in der rechten Weise und am rechten Ort anzuwenden. Der Vorteil ist, im seelischen Bewusstsein zu leben, dass du die rechte Wahrnehmung besitzt, dass dein Wille sich im Einklang mit dem Willen der Mutter befindet und du die Kraft der Mutter rufen kannst, damit sie die Wandlung vollzieht. Denjenigen, die im Mental und Vital leben, fällt dies nicht leicht. Sie müssen meist ihre persönliche Bemühung einsetzen, da die Wahrnehmung, der Wille und die Kraft des Mentals und Vitals verstreut und unvollkommen sind und die verrichtete Arbeit unvollständig und unbestimmt ist. Allein im Supramental sind Wahrnehmung, Wille und Kraft immer eine Bewegung und selbsttätig wirksam.
Worte Sri Aurobindos
Wenn Bewusstsein und Energie das Gleiche wären, hätte es keinen Sinn, zwei verschiedene Begriffe dafür zu gebrauchen. An Stelle von „Ich bin mir meiner Fehler bewusst“ könnte man sagen: „Meine Fehler sind in mir wirksam.“ Und wenn ein Mensch schnell läuft, könnte man sagen: „Er läuft mit großem Bewusstsein.“ Bewusstsein ist das, was die Dinge wahrnimmt – Energie ist eine in Tätigkeit versetzte Kraft, welche die Dinge tut. Bewusstsein kann Energie enthalten, bewahren oder ausströmen. Das bedeutet jedoch nicht, dass es nur ein anderes Wort für Energie ist und es sich nach außen wenden muss, sobald die Energie sich nach außen wendet, und dass es nicht zurücktreten und die tätige Energie beobachten kann. Wenn eine große Trägheit in dir ist, heißt das nicht, dass du und die Trägheit das Gleiche sind und wenn die Trägheit sich erhebt und dich überwältigt, dass du es bist, der sich erhebt und sich selbst überwältigt.
Worte Sri Aurobindos
Alles Leben hier ist ein Stadium oder ein Umstand der fortschreitenden Evolution eines Geistes, der sich in der Materie involviert hat und nun darauf hinarbeitet, sich in dieser widerstrebenden Substanz zu manifestieren. Dies ist das ganze Geheimnis des irdischen Daseins.
Doch der Schlüssel zu diesem Geheimnis ist nicht im Leben selbst oder im Körper zu suchen. Das Schlüsselwort findet sich weder im Embryo noch im Organismus, denn diese sind nur physische Hilfsmittel oder Grundlagen: Das einzige wahrhaft bedeutsame Rätsel dieser Welt ist das Auftreten und Wachsen des Bewusstseins in der ungeheuren stummen Gedankenlosigkeit der Materie. Das Entrinnen des Bewusstseins aus einer scheinbaren anfänglichen Nichtbewusstheit – verhüllt und latent war es stets zugegen, denn sogar die Nichtbewusstheit der Materie ist nur ein verkapptes Bewusstsein – sowie das Ringen des Bewusstseins nach Selbstfindung, sein Streben nach der ihm eingeborenen Ganzheit, Vollkommenheit, Freude, Stärke, Meisterschaft, Harmonie, Freiheit und nach seinem inhärenten Licht – dies ist das anhaltende Wunder und doch das natürliche und alles erklärende Phänomen, dessen Beobachter, Bestandteil, Werkzeug und Vermittler wir alles in einem sind.
Ein Bewusstsein, ein Sein, eine Macht, eine Freude waren hier von Anbeginn eingesperrt in dieser scheinbaren Leugnung ihrer selbst, dieser ursprünglichen Nacht, dieser Dunkelheit und Unwissenheit der materiellen Natur. Jenes, das ist und immer war, das für immer frei, vollkommen, ewig und unendlich ist, das alles ist, was wir Gott, Brahman oder Geist nennen, hat sich hier in sein eigenes selbstgeschaffenes Gegenteil eingeschlossen. Der Allwissende hat sich im Nichtwissen, der Allbewusste im Nichtbewusstsein versenkt, der Allweise in immerwährende Unwissenheit. Der Allmächtige hat sich in einer unermesslichen kosmischen Trägheit verkörpert, die nur ihrem eigenen Antrieb gehorcht und nur durch Auflösung erschafft. Das Unendliche hat sich durch eine grenzenlose Zersplitterung zum Ausdruck gebracht. Der Allselige hat eine ungeheure Empfindungslosigkeit angelegt, aus der er sich mit Kummer, Schmerz, Hunger und Begehren als seine Mittel freikämpft. Woanders ist das Göttliche; hier im körperlichen Leben, in dieser düsteren materiellen Welt, scheint es beinahe so zu sein, als wäre das Göttliche noch nicht, sondern sei erst im Werden, Theos ouk estin alla gignetai. Dieses allmähliche Werden des Göttlichen aus seinen eigenen, phänomenal gegebenen Gegensätzen ist der Sinn und der Zweck der irdischen Evolution.
Das Wesen der Evolution besteht nicht in der Entwicklung eines immer besser organisierten Körpers oder eines immer leistungsfähigeren Lebens – diese stellen nur die Maschinerie und die äußeren Umstände. Die Evolution ist das Ringen eines in der Materie schlafwandelnden Bewusstseins nach äußerstem Erwachen, nach höchster Freiheit, letzter und weitester Selbstfindung und nach völligem Besitz seiner selbst und aller seiner Möglichkeiten. Die Evolution ist die Emanzipation einer in Form und Kraft verborgenen Seele, die sich offenbart; sie ist das langsame Werden einer Gottheit, das Wachsen eines göttlichen Geistes.
Der mentale Mensch ist weder das Ziel noch der Zweck, weder die Erfüllung noch der letzte und höchste Sinn dieser Evolution. Er ist zu unbedeutend und zu unvollkommen, um das Endergebnis aller dieser Geburtswehen der Natur zu sein. Der Mensch ist nicht endgültig; er ist ein Übergangswesen, ein instrumentales Provisorium.
Dieser Charakter der Evolution und diese überleitende Rolle des Menschen sind nicht sogleich offensichtlich. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte es so aussehen, als wäre die Evolution – zumindest die physische Evolution – mit dem Menschen als ihrem besten und doch so ärmlichen Ergebnis an ihrem Ende angelangt, als wären keine neuen Wesen, keine höheren Schöpfungen mehr zu erwarten. Dieser Anschein kann jedoch nur solange bestehen, wie wir unseren Blick auf die äußeren Formen richten statt auf die innere Bedeutung des ganzen Vorgangs. Im Grunde sind nämlich die Materie, die körperliche Existenz und das Leben nichts anderes als die notwendigen Vorbedingungen der zu vollbringenden Aufgabe. Wenn es zutrifft, dass neue lebende Formen nicht länger spontan auftreten, dann nur deshalb nicht, weil die evolutionäre Kraft jetzt entweder überhaupt nicht oder nicht in erster Linie mit der Evolution solcher Formen beschäftigt ist, sondern vielmehr mit der Entfaltung neuer Fähigkeiten des Bewusstseins. Sobald die Natur, als Göttliche Schöpfermacht, einen aufrechten Körper geformt hatte, der zu denken und zu planen vermochte, der in der Lage war, sich selbst und die äußere Welt zu erforschen und bewusst auf die Welt und sich selbst einzuwirken, hatte sie, was sie zum Erreichen ihres geheimen Ziels benötigte. Sie verwies alles andere auf den zweiten Rang und richtete alle ihre höheren Kräfte auf dieses lange verborgene Ziel. Bis dahin bestand alles in einer langen, sorgfältigen und beharrlichen Vorbereitung. Die ganze Zeit hindurch war jedoch die Entwicklung des Bewusstseins mit dem Auftreten des Menschen als dem entscheidenden Wendepunkt in ihr eingehüllt als ihr letztes Anliegen und ihr wahres Ziel.
Diese langsame Vorbereitung der Natur erstreckte sich über ungeheure Zeitspannen und endlose Räume, in denen diese ihr einziges Anliegen zu sein schien. Ihr eigentliches Anliegen kommt uns dagegen so vor – wenigstens wenn wir es mit dem nach außen gerichteten Blick des Verstandes betrachten –, als hätte es sich zu guter Letzt als ein Zufall ergeben, und auch dies nur für eine bestimmte Zeit und auf einem winzigen Fleckchen in einem kaum bemerkbaren Winkel einer der kleineren Milchstraßensysteme eines möglicherweise unbedeutenden Universums unter diesen vielen unbegrenzten Endlichkeiten, diesen zahllosen Universen. Wenn dem so wäre, könnten wir immer noch entgegnen, dass für das Unendliche und Ewige Zeit und Raum keine Bedeutung haben. Für Jenes ist es keine vergeudete Mühe – wie es das für unser kurzes, vom Tod gehetztes Leben wäre —, Trillionen von Jahren hindurch zu arbeiten, um für einen einzigen Augenblick zu erblühen. Aber auch dieses Paradoxon besteht nur scheinbar, da die Geschichte dieser einen Erde nicht die ganze Geschichte der Evolution ist. Auch jetzt gibt es anderswo andere Erden, und selbst hier gingen uns viele Erdzyklen voraus, und viele werden auf uns folgen.
Die Natur mühte sich für ungezählte Millionen von Jahren, ein mit lodernden Sonnen und Sternsystemen erfülltes Weltall zu erschaffen: Für eine geringere, aber immer noch unabsehbare Anzahl von Jahrmillionen konzentrierte sie sich darauf, diese Erde zu einem bewohnbaren Planeten zu machen. Während dieser ganzen Zeit war sie allein mit der Evolution der Materie beschäftigt, zumindest dem Anschein nach; das Leben und das Mental blieben in einem scheinbaren Nichtsein verborgen. Doch es kam die Zeit, da das Leben sich manifestieren konnte, zuerst als eine Schwingung im Metall, dann als ein Wachsen und Suchen, ein Sich-nach-innen-Zurückziehen und ein Auswärts-Fühlen in der Pflanze, schließlich als instinktmäßiges Verhalten und Sinneswahrnehmung, als eine Verflechtung von Freude, Schmerz, Hunger, Empfindung, Angst und Kampf im Tier – ein erstes organisiertes Bewusstsein und der Anfang des so lange vorbereiteten Wunders. Von da an war sie nicht mehr ausschließlich mit der Materie um ihrer selbst willen beschäftigt, sondern vor allem mit dem pulsierenden, für die Lebensentfaltung geeigneten Protoplasma. Die Evolution des Lebens wurde zu ihrem einzigen mit Eifer verfolgten Ziel. Langsam manifestierte sich dann auch das Mental im Leben, erst als ein intensiv fühlendes, ein unfertiges denkendes und planendes vitales Mental im Tier, im Menschen dann jedoch voll organisiert und ausgestattet als das zwar noch unvollkommene, aber sich ständig weiter entwickelnde mentale Wesen, als der Manu, das denkende, sinnende, sich sehnende und bereits selbstbewusste Geschöpf. Und von diesem Zeitpunkt an war weniger eine tiefgreifende Veränderung des Lebens als vielmehr das Wachstum des Mentals – dieses wunderbaren Abenteuers – ihre vorrangige Beschäftigung. Die Evolution des Körpers schien damit an ihrem Ende angelangt zu sein. Das Leben selbst evolvierte nur noch wenig und nur soweit, wie es dem Ausdruck des Mentals dienlich war, welches nun im lebenden Körper eine Erhöhung und Ausweitung erfuhr. Eine unsichtbare innere Evolution wurde die große Absicht und Leidenschaft der Natur.
Und wenn das Mental alles für das Bewusstsein Erreichbare wäre, wenn das Mental selbst die geheime Gottheit wäre, wenn es nichts Höheres gäbe, keine ausgedehnteren, wundervolleren Bereiche, dann müsste es dem Menschen gestattet sein, sein Mental und sich selbst zu vollenden. Jenseits von ihm gäbe es dann nichts oder bräuchte es nichts zu geben, was das Bewusstsein zu seinen eigenen Gipfeln trägt, was ihm seine grenzenlosen Weiten erschließt, was mit ihm in unergründliche Tiefen taucht. Er würde die Natur dadurch zu ihrer Erfüllung führen, dass er sich selbst vollendet. Die Evolution würde mit einem Menschen-Gott als der Krone der irdischen Zyklen enden.
Aber das Mental ist nicht alles. Jenseits des Mentals gibt es ein größeres Bewusstsein, ein Supramental und einen Geist. So wie die Natur im Tier, dem vitalen Wesen, darum bemüht war, aus ihm heraus den Menschen zu manifestieren, den Manu, den Denker, so müht sie sich hart im Menschen, dem mentalen Wesen, um aus ihm heraus eine spirituelle und supramentale Gottheit zu manifestieren, den wahrheitsbewussten Seher, den durch Wesenseinheit Erkennenden, das verkörperte Transzendente und Universale in der individuellen Natur.
Von der Scholle und dem Metall zur Pflanze, von der Pflanze zum Tier, vom Tier zum Menschen – soweit hat ihre Reise die Natur bisher geführt. Ein gewaltiger Abschnitt oder ein riesiger Sprung steht ihr noch bevor. Wie einst von der Materie zum Leben und vom Leben zum Mental, muss sie nun vom Mental zum Supramental übergehen, vom Menschen zum Übermenschen. Dies ist der Abgrund, den sie zu überbrücken, das äußerste Wunder, das sie zu vollbringen hat, ehe sie sich von ihrem Kampf und ihrer Unzufriedenheit erholen und verherrlicht und verwandelt im Glanze jenes höchsten Bewusstseins stehen kann, zufrieden mit ihrer Arbeit.
Das Untermenschliche war einst ihr Höchstes. Das Menschliche löste es ab und schreitet nun der Zeit voraus. Aber noch immer wartet vor ihr als das Ziel und die Hoffnung der Zukunft das Supramental, der Übermensch, eine noch nicht geborene, noch nicht erlangte Herrlichkeit.
Worte Sri Aurobindos
Bewusstsein ist etwas Grundlegendes, die grundlegende Tatsache im Dasein, und die Energie, das Fließen, die Bewegung des Bewusstseins erschaffen das Universum und alles, was es enthält. Sowohl der Makrokosmos als auch der Mikrokosmos sind nichts als Bewusstsein, das sich selber ordnet. Wenn zum Beispiel Bewusstsein in seiner Bewegung oder vielmehr in einer gewissen Richtung seiner Bewegung sich in seinem Wirken verliert, wird es eine scheinbar „unbewusste“ Energie. Wenn es sich in der Form verliert, wird es zum Elektron, dem Atom, dem stofflichen Objekt. In Wirklichkeit aber ist es immer noch Bewusstsein, das in der Energie wirkt und sowohl die Form als auch die Evolution der Form bestimmt. Sobald es sich langsam, evolutionär aus der Materie befreien will, doch immer noch in der Form eingeschlossen, taucht es als Leben, als Tier, als Mensch empor und kann sich aus seiner Involution noch weiter entfalten und mehr werden als nur Mensch. Wenn du dies verstehst, sollte es nicht schwer sein, weiterhin zu erkennen, dass es sich subjektiv als ein körperliches, ein vitales, ein mentales und als ein seelisches Bewusstsein ausdrücken kann. All diese sind im Menschen gegenwärtig, doch da sie im äußeren Bewusstsein vermischt sind und ihren wahren Grund dahinter im inneren Wesen haben, vermag man sie allein dann voll wahrzunehmen, wenn man den zutiefst begrenzenden Stress des Bewusstseins, der uns in unserem äußeren Wesen leben lässt, auflöst und erwacht und sich im inneren Wesen sammelt. Das Bewusstsein in uns muss durch seine nach außen gerichtete Konzentration, seinen nach außen gerichteten Stress all diese Dinge hinter eine Wand oder einen Schleier schieben. Daher muss es diese Wand oder diesen Schleier niederreißen, damit es wiederum in sein Ausgerichtetsein auf die inneren Teile des Wesens zurückfinden kann – das ist es, was wir „innerlich leben“ nennen. Dann erscheint uns unser äußeres Wesen als etwas Kleines, Oberflächliches, und wir sind oder werden uns des weiten, reichen und unerschöpflichen Königreiches in uns bewusst. Auf gleiche Weise trennt das Bewusstsein in uns mit Hilfe eines Lids oder einer Hülle oder wie immer man es nennen will die niederen Ebenen von Mental, Leben und Körper, die von der Seele gestützt werden, von den höheren Ebenen, welche die spirituellen Königreiche bergen, in denen das Selbst immer frei und unbegrenzt ist. Es vermag jedoch das Lid oder die Hülle aufzureißen und nach dort aufzusteigen, das Selbst zu werden, frei und weit und leuchtend, oder aber von dort den Einfluss, den Widerschein und schließlich sogar die Gegenwart und Macht des höheren Bewusstseins in die niedere Natur herabzubringen.
Nun also, das ist Bewusstsein. Es ist nicht aus Teilen zusammengesetzt, es ist grundlegend für das Wesen und drückt selbst alle Teile, die es manifestieren will, aus. Es entwickelt sie durch ein fortschreitendes Herabkommen von oben nach unten, von spirituellen Ebenen bis hin zur Involution in der Materie, oder es drückt sie in einem aufwärtsgerichteten, sichtbaren Wirken aus durch das, was wir Evolution nennen. Will es in dir durch den Ego-Sinn wirken, glaubst du, es ist das klar umrissene individuelle „Ich“, das alles tut. Wenn es sich aber von diesem begrenzten Wirken zu befreien beginnt, wirst du dein „Ich“-Gefühl ausdehnen, bis es in der Unendlichkeit zerbirst und aufhört zu bestehen, oder aber du streifst es ab und entfaltest dich in spiritueller Weite.
Worte Sri Aurobindos
Die gewöhnliche Auffassung von Bewusstsein basiert auf normaler oberflächlicher Erfahrung plus Wissenschaft. Für die Naturwissenschaft ist das Bewusstsein ein temporäres Phänomen in einer unbewussten Welt, etwas, das sich entfaltete in einer belebten Organisation, die sich irgendwie in einer ursprünglich unbelebten und unbewussten Materie herausgebildet hat. Es ist dem Leben nicht innewohnend, denn die Pflanze besitzt es nicht. Es ist vielmehr ein wachsendes Aufflackern, das – sobald es einmal etabliert ist – zeitweise im Schlaf und beim Aufwachen andauert, während des Lebens fortbesteht und mit der Auflösung des Lebens verschwindet. Der gewöhnliche Verstand identifiziert das Bewusstsein mit dem menschlichen Wachbewusstsein, das möglicherweise auch vom Tier benutzt wird – obwohl das nicht sicher ist, denn viele gestehen dem Tier kein Bewusstsein zu. Ein Mensch ist bewusst, während er lebt. Wenn er tot ist, verschwindet das Bewusstsein. Wenn er schläft, betäubt, narkotisiert, anästhesiert oder in Trance ist, wird seine Bewusstheit unterbrochen; er ist vorübergehend bewusstlos. Inwieweit ist diese wissenschaftlich-oberflächliche Ansicht korrekt oder haltbar? Denn sie wirft zwei grundlegende Fragen auf – ist das Oberflächenbewusstsein die einzige mögliche Form des Bewusstseins, und ist das Bewusstsein gleichbedeutend mit dem Verstand, ist alles Bewusstsein also mental, oder sind andere Formen davon, supramental oder submental, möglich?
Worte Sri Aurobindos
Sich dessen bewusst zu werden, was in der eigenen Natur geändert werden muss, ist der erste Schritt dazu, es zu ändern. Aber man muss die Abläufe in der eigenen Natur beobachten, ohne zu verzweifeln oder zu denken: „Es ist hoffnungslos“ oder „Ich kann mich nicht ändern.“
Worte der Mutter
„Sich kennen und sich meistern“, was heißt das?
Das heißt, sich seiner inneren Wahrheit bewusst sein, der verschiedenen Teile seines Wesens und ihres Wirkens. Man muss wissen, warum man dies tut, warum jenes: Man muss seine Gedanken kennen, seine Gefühle, all seine Handlungen, all seine Regungen, das, wozu man fähig ist, und so weiter. Und sich zu kennen genügt nicht: Dies Wissen muss eine bewusste Meisterung mit sich bringen. Sich vollkommen kennen heißt, sich vollkommen meistern.
Aber das braucht ein beständiges Streben. Es ist nie zu früh zum Anfangen, nie zu spät zum Fortfahren. Sogar wenn du noch ganz klein bist, kannst du beginnen, dich zu erforschen und zu erkennen und nach und nach zu meistern. Und sogar dann, wenn du sogenannt „alt“ bist, recht betagt bist, ist es nicht zu spät, die Anstrengung zu machen, sich immer besser zu erkennen und immer besser zu meistern. Das ist die Wissenschaft vom Leben.
Um sich zu vervollkommnen, muss man sich erst seiner selbst bewusst werden. Zum Beispiel ist es dir in deinem Leben bestimmt schon öfters passiert, dass dich jemand plötzlich fragt: „Warum hast du das getan?“, und darauf antwortest du unwillkürlich: „Ich weiß es nicht.“ Fragt dich jemand: „Woran denkst du?“, antwortest du: „Ich weiß es nicht“. „Warum bist du müde?“ – „Ich weiß es nicht“. „Warum bist du glücklich?“ – „Ich weiß es nicht“, und so weiter fort. Ich könnte fünfzig Leute nehmen und sie unvermittelt, unvorbereitet fragen: „Warum hast du das getan?“ Und sind sie innerlich nicht „wach“, so antworten sie alle: „Ich weiß es nicht.“ (Natürlich spreche ich da nicht von jenen, die eine Disziplin ausgeübt haben, sich zu erkennen und ihre Regungen bis zum Äußersten zu verfolgen. Jene können sich natürlich besinnen, sich sammeln und richtig antworten, wenn auch erst nach einer Weile.) Du kannst sehen, dass es sich so verhält, wenn du dich den Tag über gut beobachtest. Du sagst etwas und weißt gar nicht, warum du es sagst – erst nachdem die Worte deinen Mund verlassen haben, merkst du, dass es nicht eigentlich das war, was du sagen wolltest. Du besuchst zum Beispiel jemanden und nimmst dir vor, etwas ganz Bestimmtes sagen zu wollen. Stehst du aber vor dem Betreffenden, so sagst du nichts, oder andere Worte entschlüpfen deinem Mund. Bist du imstande zu sagen, inwieweit die Atmosphäre des anderen dich beeinflusst und daran gehindert hat, das zu sagen, was du dir vorgenommen hast? Wie viele sind imstande, es zu sagen? Sie erkennen gar nicht, dass der andere sich in der und der Verfassung befand und sie ihm darum nicht sagen konnten, was sie gewollt hatten. Natürlich gibt es sehr offenkundige Fälle, wo du Menschen in so schlechter Laune antriffst, dass du sie um nichts bitten kannst. Davon spreche ich nicht. Ich spreche von der klaren Wahrnehmung der gegenseitigen Beeinflussungen, nämlich was auf deine Natur einwirkt und von ihr zurückwirkt. Diese Wahrnehmung fehlt für gewöhnlich. Auf einmal fühlt man sich beispielsweise unwohl oder man fühlt sich froh, aber wie viele können sagen: „Das ist es.“? Und das ist auch schwer zu wissen. Es ist durchaus nicht leicht. Man muss schon sehr wach sein, stets in einem sehr aufmerksamen Zustand der Beobachtung.
Manche Menschen schlafen zwölf Stunden am Tag, und während der übrigen Zeit sagen sie: „Ich bin wach.“! Und manche schlafen zwanzig Stunden am Tag, und den Rest der Zeit sind sie auch nur halb wach! Um in diesem Zustand aufmerksamer Beobachtung zu sein, musst du sozusagen überall Antennen haben, die mit deinem wahren Bewusstseinszentrum in dauernder Verbindung stehen. Auf diese Weise verzeichnest du alles und ordnest alles, du lässt dich nicht mehr überraschen oder täuschen, und du kannst nichts anderes sagen als das, was du willst. Wie viele aber leben so als in ihrem Normalzustand? Genau das meine ich, wenn ich davon spreche, „bewusst zu werden“. Willst du aus den Bedingungen und Umständen, in denen du dich befindest, den größten Nutzen ziehen, so musst du völlig wach sein. Du darfst dich nicht überraschen lassen, nicht Dinge tun, ohne zu wissen warum, nicht Dinge sagen, ohne zu wissen warum. Du musst dauernd wach sein.
Du musst auch begreifen, dass du nicht ein gesondert lebendes Einzelwesen bist, sondern dass das Leben ein ständiger Austausch von Kräften ist, von Bewusstsein, von Schwingungen, von Bewegungen aller Art. Das ist wie in einer Menschenmenge: Wenn jedermann drängt, gehen alle vorwärts, und wenn alle zurückweichen, geht jedermann zurück. Dasselbe geschieht in der inneren Welt, in deinem Bewusstsein. Ständig wirken und reagieren dort Kräfte und Einflüsse auf dich, und es ist wie ein Gas in der Atmosphäre, und bist du nicht ganz und gar wach, so treten diese Dinge in dich ein, und erst wenn sie richtig in dir drin sind und dann wieder herauskommen, so als kämen sie von dir selbst, nimmst du sie wahr. Wie oft treffen Menschen solche, die nervös, wütend und schlecht gelaunt sind, und sie werden ebenfalls nervös, wütend, schlecht gelaunt, einfach so, ohne zu wissen warum. Wie kommt es, dass du gegen bestimmte Personen sehr gut spielst, während du gegen andere nicht spielen kannst? Oder diese ganz ruhigen, gar nicht bösen Menschen, die in einer zornigen Menge auf einmal zornig werden! Und niemand weiß, wer angefangen hat: Etwas ist vorbeigekommen und durch das Bewusstsein gefegt. Es gibt Menschen, die derartige Störungen auslösen können, und die anderen antworten darauf, ohne zu wissen warum. Alles ist so, von den kleinsten Dingen bis zu den größten.
Um in der Gemeinschaft seinen individualisierten Status zu bewahren, muss man sich seiner selbst absolut bewusst sein. Was für eines Selbstes? – Das Selbst, das über aller Vermischtheit steht, das heißt das, was ich die Wahrheit deines Wesens nenne. Und solange du der Wahrheit deines Wesens nicht bewusst bist, wirst du von allem möglichen bewegt, ohne es im geringsten zu bemerken. Das kollektive Denken, die kollektive Suggestion ist ein ungeheurer Einfluss, der fortwährend auf das individuelle Denken einwirkt. Und das Außergewöhnliche dabei ist, dass man es nicht bemerkt. Man meint, man denke eben „so“, tatsächlich aber denkt die Gemeinschaft „so“. Die Masse ist immer dem Einzelnen unterlegen. Nimm Menschen von gleicher Qualität, der gleichen Kategorie, nun, wenn sie allein sind, dann stehen sie mindestens zwei Grade höher als ihresgleichen in der Menge. Es gibt da eine Vermischung von Dunkelheit, von Unbewusstheit, und man gleitet zwangsläufig in diese Unbewusstheit ab. Um dem zu entgehen, gibt es nur ein Mittel: sich seiner selbst bewusst zu werden – immer bewusster und immer aufmerksamer.
Versuche folgende kleine Übung: Zu Beginn des Tages sagst du dir: „Ich werde nicht sprechen, ohne zu denken, was ich sage.“ Du glaubst, du denkst all das, was du sagst, nicht wahr? Das ist keineswegs der Fall. Du wirst feststellen, wie oft das Wort, das du nicht äußern willst, dir entschlüpfen will, und dass du dich bewusst anstrengen musst, es daran zu hindern.
Ich kannte Menschen, die sehr gewissenhaft versuchten, nicht zu lügen, aber sobald sie sich in einer Gruppe befanden, erzählten sie unwillkürlich Lügen, anstatt die Wahrheit zu sagen. Sie hatten nicht die Absicht, es zu tun, dachten noch vor einer Minute nicht, dass sie es tun würden, es kam einfach „so“. Warum? – Weil sie sich unter Lügnern befanden. Da war eine Atmosphäre der Falschheit, und sie wurden ganz schlicht von deren Krankheit angesteckt!
Nach und nach, langsam, beharrlich, indem man am Anfang gut Sorge trägt und sehr aufmerksam ist, wird man auf diese Weise bewusst, lernt, sich zu erkennen und dann auch Meister seiner selbst zu werden.
Worte der Mutter
Wie kann man sich auf den Yoga vorbereiten?
Bewusst sein vor allem. Wir sind uns bloß eines geringen Teils unseres Wesens bewusst, im Übrigen sind wir unbewusst. Es ist diese Unbewusstheit, die uns an unsere niedere Natur gebunden hält und darin jede Veränderung und alle Umwandlung verhindert. Dieser Unbewusstheit bedienen sich die ungöttlichen Kräfte, um in uns einzudringen und uns zu versklaven. Du musst dir deiner selbst bewusst werden, deiner Natur und deiner Regungen. Du musst wissen, wie und warum du etwas tust, fühlst oder denkst. Du musst deine Beweggründe und Antriebe verstehen, die verborgenen und die in Erscheinung tretenden Kräfte, die dich handeln lassen. Du musst gewissermaßen den Mechanismus deines Wesens in kleine Teile zerlegen. Erst wenn du bewusst bist, kannst du beurteilen und auswählen, kannst du wahrnehmen, welche Kräfte dich herunterziehen und welche dich weiterbringen. Und wenn du zu wissen vermagst, was zu tun und zu lassen ist, wenn du das Wahre vom Falschen, das Göttliche vom Ungöttlichen unterscheiden kannst, dann musst du strikt nach diesem Wissen handeln, das heißt entschlossen das eine zurückweisen und das andere annehmen. Bei jedem Schritt bist du vor diese Dualität gestellt, und bei jedem Schritt hast du deine Wahl zu treffen. Du musst geduldig, ausdauernd und wachsam sein – „schlaflos“, wie die Adepten sagen; du musst es immer ablehnen, dem Ungöttlichen die geringste Gelegenheit gegen das Göttliche zu geben.
Worte Sri Aurobindos
Um etwas von sich zurückweisen zu können, muss man sich zuerst der Einflüsse der Natur bewusst werden, mit einer klaren inneren Erfahrung ihrer Wirkensweisen und entdecken, wo sie tatsächlich in der Natur liegen. Dann kann man daran arbeiten, sie auszusortieren, wenn es sich um einen gänzlich falschen Einfluss handelt, oder man kann ihn umwandeln, wenn er nur eine Entstellung einer höheren und wahreren Eigenschaft darstellt. Das oder etwas Ähnliches wird manchmal grob und unvollkommen mit einem rudimentären und ungenügenden Wissen im System der Psychoanalyse versucht. Der Prozess der Anhebung der niederen Beweggründe der Natur in das volle Licht des Bewusstseins ist unvermeidlich, um sie zu erkennen und mit ihnen umzugehen, denn ohne diesen Prozess kann es keine vollständige Änderung geben. Sie kann aber nur wirklich gelingen, wenn ein höheres Licht und eine höhere Kraft genügend daran arbeiten, um früher oder später die Kraft der Neigung zu Begierden zu überwinden, die diese Änderung aufhält.
Worte der Mutter
Um an deiner Perfektion zu arbeiten, ist der erste Schritt, dir deiner selbst bewusst zu werden und die verschiedenen Teile deines Wesens und ihre entsprechenden Aktivitäten zu erkennen. Du musst lernen, diese verschiedenen Teile voneinander zu unterscheiden, so dass du klar ihren Ursprung erkennen kannst, die Aktivitäten der vielen Impulse, Reaktionen und der unterschiedlichen Willensrichtungen, die miteinander im Wettstreit liegen und dich zum Handeln antreiben. Das ist ein arbeitsames Selbststudium, das viel Ausdauer und Aufrichtigkeit verlangt. Denn die Natur des Menschen, vor allem seine mentale Natur, hat eine spontane Neigung, für alles, was man denkt, fühlt, sagt und tut, eine günstige Erklärung zu finden. Nur wenn wir diese Neigungen in uns mit großer Sorgfalt beobachten und sie sozusagen vor das Tribunal unseres höchsten Ideals stellen, mit dem aufrichtigen Willen, uns dessen Urteil zu unterwerfen, können wir darauf hoffen, in uns ein Unterscheidungsvermögen zu entwickeln, das sich niemals irrt. Denn wenn wir uns wirklich weiterentwickeln wollen und die Kapazität erlangen wollen, die Wahrheit unseres Wesens zu erkennen, das heißt, das, wofür wir wirklich geschaffen sind, das, was wir unsere Mission auf dieser Erde nennen können, dann müssen wir auf sehr regelmäßige und dauerhafte Weise alles von uns zurückweisen oder aus uns herauswerfen, was mit der Wahrheit unserer Existenz nicht übereinstimmt und ihr entgegengesetzt ist. Auf diese Weise können nach und nach alle Teile und Elemente unseres Wesens zu einem homogenen Ganzen um unser seelisches Zentrum herum geordnet werden und unsere innerste wahre seelische Natur ausdrücken. Es dauert sehr lange, bis diese Arbeit der Einigung einen bestimmten Grad der Vollkommenheit erreicht. Deshalb müssen wir uns mit Geduld und Ausdauer ausrüsten, um sie zu vollenden, mit der Entschlossenheit, unser Leben zu verlängern, damit wir Erfolg mit unserer Bemühung haben.
Worte der Mutter
Man sollte niemals versäumen, sein Zimmer sauber zu machen, das ist sehr wichtig; innere Reinheit ist mindestens so wichtig wie äußere Reinheit.
Vivekananda hat irgendwo geschrieben (Ich kenne das Original nicht, sondern habe nur die französische Übersetzung gelesen): „Man soll jeden Morgen seinen Körper und seine Seele reinigen, aber wenn du für beides nicht die Zeit hast, ist es besser, die Seele zu reinigen als den Körper.“
Wie können wir wissen, ob die schmutzigen kleinen Dinge in uns sich versteckt haben oder ob sie wirklich verschwunden sind?
Man kann ein kleines Experiment versuchen. Ich habe gesagt, dass man eine Taschenlampe nehmen kann, ein starkes Licht und damit im eigenen Wesen eine Runde läuft, um sich selbst innerlich auszuleuchten. Wenn man sehr aufmerksam ist, kann man leicht die hässlichen Ecken in sich finden. Nehmen wir an, du hast diese schöne Erfahrung, als Antwort auf deine innere Sehnsucht erscheint ein starkes Licht in dir, das dich mit innerer Freude, Kraft und Erkenntnis überflutet, und du hast den Eindruck, dass du dich an dem Punkt befindest, an dem du umgewandelt wirst, und dann geht die Erfahrung vorbei – sie geht immer vorbei, nicht wahr, besonders am Anfang – plötzlich hört sie auf. Dann sagst du dir, wenn du nicht aufmerksam bist: „Da, sieh‘ mal, die schöne Erfahrung ist gekommen und wieder gegangen! Ich Ärmster; sie hat mir nur einen Geschmack von ihrem Wirken vermittelt und dann hat sie mich fallen lassen.“ Nun, es ist dumm, so zu denken. Du solltest dich besser fragen: „Schau‘, ich war nicht fähig, die Erfahrung zu halten, aber warum nicht?“ So, dann nimmst du eine Taschenlampe und gehst eine Runde damit in dir selbst und versuchst, die sehr enge Beziehung zu finden zwischen der Änderung in deinem neuen Bewusstsein, das die Erfahrung brachte und den Vorgängen in dir, die das Aufhören der Erfahrung begleitet haben. Und wenn du sehr sehr aufmerksam bist und die Runde in deinem Inneren ganz gewissenhaft machst, wirst du feststellen, dass plötzlich ein Teil deines vitalen Gefühls oder deines Denkens oder deines Körpers nicht mitgemacht hat und die Erfahrung nicht aufrechterhalten hat. Anstatt mental in Gedanken regungslos, still und aufmerksam zu bleiben, hat etwas in dir angefangen zu fragen: „Warte mal einen Moment, was ist das hier für eine Erfahrung? Was bedeutet sie?“ Dieser Teil in dir begann damit, eine Erklärung zu finden, wollte das haben, was er eine „Erkenntnis“ nennt. Oder vielleicht hat in deinem vitalen Gefühl etwas angefangen, diese Erfahrung zu genießen: „Oh, wie angenehm diese Erfahrung ist! Wie sehr ich wünsche, dass sie wächst, wie gut, wenn sie konstant bliebe, wie…“ Oder etwas im körperlichen Bereich sagte sich: „Oh, es ist etwas anstrengend, die Erfahrung auszuhalten, wie lange werde ich fähig sein, sie zu bewahren?“ Was du in dir finden wirst, ist vielleicht nicht ganz so offensichtlich wie all das, was ich beschreibe, aber ein klein wenig so, verborgen, steckt es irgendwo in dir. Du wirst immer eine von diesen drei Ursachen oder andere, vergleichbare in dir finden. Hier braucht man eine Laterne: wo ist der schwache Punkt in einem selbst? Wo ist der Egoismus? Wo steckt das Verlangen? Wo befindet sich der alte Schmutz, den wir nicht länger wollen? Wo ist das Ding, das sich zurückhält, anstatt sich selbst dem Licht des Bewusstseins zu übergeben, sich ihm zu öffnen, sich zu befreien? Was ist es in mir, das sich abwendet und versucht, einen Vorteil aus der Erfahrung zu ziehen, und sich die Frucht der Erfahrung aneignen möchte? Oder besser, was ist es, das zu schwach oder zu hart ist, zu rigide, um der Entwicklung der Erfahrung zu folgen? Das fragst du dich und von da an bist du auf dem richtigen Weg, du fängst an, das Licht, das du gerade empfangen hast, genau darauf zu richten. Das musst du tun, das Licht so darauf fokussieren, dass der Widerstand sich auflöst.
Es wird dir nicht am ersten Tag gelingen, aber mache es einfach andauernd und nach und nach, oder vielleicht eines Tages ganz plötzlich, wird die Sache verschwinden. Dann wirst du nach einer Weile merken, dass du ein anderer Mensch geworden bist.
Worte Sri Aurobindos
Die Mutter hat nicht von Selbstanalyse gesprochen, das sind mentale Methoden, es sind keine spirituellen Methoden. Was die Mutter meinte, war nicht die Analyse, sondern die Schau von sich selbst und all der lebendigen Aktivitäten seiner eigenen Natur, eine lebhafte Beobachtung der Persönlichkeiten und Kräfte, die auf der Bühne unseres Wesens auftreten, ihrer Motive, ihrer Impulse, ihres Potenzials, eine Beobachtung, die genauso interessant ist wie das Zuschauen bei einem Drama oder das Lesen einer Novelle, es ist eine lebendige Vision und Wahrnehmung, wie die Dinge in uns getan werden, was uns auch eine aktive Meisterschaft über dieses innere Universum verleiht. Diese Dinge werden nur dann zu trocken, wenn man sie mit dem analytischen oder rationalen Verstand untersucht, nicht, wenn man ihnen zuschaut und sie intuitiv als einen Ausdruck des Lebens behandelt. Wenn du diese Beobachtungen nicht vom intellektuellen oder ethischen, sondern vom inneren spirituellen Standpunkt aus machen würdest, wäre es verhältnismäßig leicht für dich, aus deinen Schwierigkeiten heraus zu kommen, zum Beispiel, würdest du sofort herausfinden, woher dieser irrationale Impuls, zu fliehen, herkam, und er hätte keine Macht über dich. Natürlich kann das alles mit der besten Wirkung erreicht werden, wenn du vom Spiel deiner Natur zurücktrittst, es aus einer gewissen Distanz mit Abstand betrachtest und zum LeitendenBeobachter oder zum Zuschauer-Spieler-Manager deiner Natur wirst. Das geschieht, wenn du diese Position des Sich-Selbst-Betrachtens einnimmst.
Worte der Mutter
Sich der verschiedenen Beweggründe in sich selbst bewusst zu werden und zu wissen, was man macht und warum, ist der unverzichtbare Ausgangspunkt. Ein Kind sollte gelehrt werden, seine Reaktionen und Impulse zu bemerken und deren Ursachen zu erkennen und zu einem guten Beobachter seiner selbst zu werden. Es sollte lernen, seine Wünsche, seine Reaktionen von Wut und Leidenschaft, seine Besitzinstinkte und seine Instinkte der Aneignung und des Beherrschen-Wollens wahrzunehmen und zu unterscheiden, sowie deren gegenteilige Entsprechungen von Schwäche, Entmutigung, Depression und Verzweiflung und auch deren Hintergrund der Selbstgefälligkeit, der all das unterstützt.
Worte Sri Aurobindos
Der normale Mensch ist sich vieler Dinge nicht bewusst, die in ihm ablaufen, denn seine vitale Natur versteckt sie vor seinem Denken und befriedigt sie, ohne dass der Verstand realisiert, welche Kraft ihn zum Handeln bewegt – so werden Dinge, die unter dem Vorwand von Nächstenliebe, Menschlichkeit, Gottesdienst usw. getan werden, größtenteils durch das Ego motiviert, das sie als Rechtfertigung für sich benutzt und sich hinter ihnen versteckt. Im Yoga muss dieses verdeckte Motiv aus seinem Versteck geholt, entlarvt und abgeschafft werden. Zweitens, manche Dinge werden im normalen Leben unterdrückt und verbleiben in der Natur, verdrängt, aber nicht überwunden. Sie können jeden Tag wieder auftauchen oder können sich in verschiedenen nervösen oder anderen Störungen des Verstandes, des Gefühls oder des Körpers ausdrücken, ohne dass es offensichtlich wird, was deren wirkliche Ursache ist. Das wurde kürzlich durch europäische Psychologen entdeckt und stark betont und es wurde in einer neuen Wissenschaft, der Psychoanalyse, auch überbewertet. Auch hier muss man in der Sadhana diese unterdrückten Impulse bewusst machen und sie überwinden.
Worte der Mutter
Was auch immer man sich bewusst machen möchte, zuerst muss man es wollen. Und wenn ich sage: „Es wollen“, meine ich damit nicht, dass du an einem Tag sagst: „Oh, ich möchte es sehr!“, und es zwei Tage später völlig vergessen hast.
Um es zu wollen, braucht man eine dauernde, unterstützende, konzentrierte Bemühung, eine beinahe ausschließliche Beschäftigung des Bewusstseins damit. Das ist der erste Schritt. Es gibt noch viele andere: eine sehr aufmerksame Beobachtung seiner selbst, eine sehr durchdringende Analyse, eine sehr wache Unterscheidung von dem, was in diesem Bemühen rein ist und was nicht.
Worte Sri Aurobindos
Wenn man im wahren Bewusstsein lebt, fühlt man das Verlangen als etwas, das außerhalb von einem selbst existiert und von der universalen niederen Prakriti von außen in das Denken oder das vitale Gefühl hereinkommt. Im normalen menschlichen Gemütszustand wird das nicht so empfunden, die Menschen nehmen das Verlangen erst dann wahr, wenn es schon da ist, nachdem es in sie hineingekommen und einen Unterschlupf oder eine gewohnheitsmäßige Anhaftung vorgefunden hat, und deshalb denken sie, dass es ihr eigenes ist und Teil von ihnen selbst. Darum ist die erste Bedingung dafür, ein Verlangen loszuwerden, mit dem wahren Bewusstsein wahrzunehmen, dass es außerhalb von einem selbst in der universalen niederen Natur existiert, denn dann wird es viel leichter, es wegzuschicken, als wenn man so mit ihm kämpft, als wäre es ein Bestandteil von einem selbst, der aus dem Wesen herausgeworfen werden muss. Es ist leichter, es als einen Eindringling von außen hinauszuwerfen, als es als etwas herauszuschneiden, was man als Teil seiner Substanz empfindet.
Worte der Mutter
Was kann man tun, um sich für den Yoga vorzubereiten? (Gespräche der Mutter, 7. April 1929)
Ich habe der Person, die mir diese Frage gestellt hat, geantwortet: „Werde vor allem zuerst bewusst.“ Die Person versuchte also bewusst zu werden und sagte mir ein paar Monate später: „Oh, was hast du mir für ein hässliches Geschenk gemacht! Früher schienen die Menschen in meinen Beziehungen alle so nett zu sein. Ich empfand Wohlwollen, sie waren so nett zu mir und nun, seit ich bewusst werde, sehe ich alle möglichen Dinge in mir, die nicht sehr schön sind, und gleichzeitig sehe ich auch in anderen Dinge, die überhaupt nicht gut sind!“ Ich antwortete ihr: „Sehr gut möglich! Wenn du keine Unannehmlichkeiten haben willst, ist es besser, nicht aus deiner Unwissenheit herauszukommen.“
Deshalb ist der erste Schritt herauszufinden, ob man die Wahrheit sehen und erkennen will oder bequem in seiner Unwissenheit verharren will.
Worte der Mutter
Das erinnert mich an eine Dame, die, nachdem sie allmählich bewusst wurde, zu mir sagte: „Bevor ich dir zugehört habe, hatte ich Vertrauen in die Menschen, jeder war nett und ich war glücklich. Jetzt, da ich klar sehe und bewusst geworden bin, habe ich meine ganze Gelassenheit verloren. Es ist schrecklich, bewusst zu werden.“
Was kann man da machen? Noch bewusster werden.
Worte der Mutter
Liebe Mutter, wann kann man wissen, dass man bewusst ist?
Das ist immer relativ. Man ist niemals völlig unbewusst und niemals vollständig bewusst. Es ist ein fortschreitender Zustand.
Es kommt aber eine Zeit, wenn man beobachten kann, was in einem selbst vor sich geht, und man seine Beweggründe studieren und deren Ursachen herausfinden kann, anstatt die Dinge automatisch zu tun, angetrieben von einem Bewusstsein und einer Kraft, die man nicht bemerkt. Gleichzeitig kann man damit beginnen, Kontrolle über das auszuüben, was in uns selbst geschieht, und auch über die Einflüsse, die von außen auf uns einströmen und unser Handeln bestimmen. Das geschieht am Anfang fast völlig unbewusst und beinahe unfreiwillig, aber stufenweise immer bewusster, bis unser Wille erwacht und leitend eingreift. Dann, in diesem Moment, in dem der bewusste Wille fähig ist, das Bewusstsein zu führen, könnte man sagen: „Ich bin bewusst geworden“. Das bedeutet nicht, dass man schon eine umfassend perfekte Bewusstheit entwickelt hat, sondern, dass man einen Anfang gemacht hat: zum Beispiel, dass man fähig ist, all seine Reaktionen zu beobachten und dass man eine gewisse Kontrolle über sie hat, und denjenigen, denen man zustimmt, freies Spiel des Ausdrucks zu erlauben, und diejenigen zu prüfen, zu stoppen, und abzuschaffen, denen man nicht zustimmt.
Außerdem musst du in dir selbst so etwas wie ein inneres Ziel, einen inneren Sinn oder ein Ideal empfinden, dem du folgst, und das du verwirklichen möchtest; etwas mehr als den bloßen Instinkt, der dich dazu zwingt zu leben, ohne zu wissen, wie oder warum. Zu diesem Zeitpunkt, an dem das eintritt, kannst du sagen, dass du bewusst bist, aber nicht vollkommen bewusst. Und mehr noch, diese Vollkommenheit des Bewusstseins schreitet immer weiter voran und ich glaube, deshalb kann niemand von sich sagen, dass er vollständig bewusst ist; man ist auf dem Weg dazu, vollkommen bewusst zu werden, aber man ist es noch nicht.
Worte der Mutter
Schwierigkeiten kommen stets aus dem Ego, nämlich von der persönlichen, mehr oder weniger egoistischen Reaktion, die man gegenüber den Umständen, den Ereignissen, den Menschen seiner Umgebung, seinen Lebensbedingungen hat. Sie kommen auch von diesem Gefühl her, in einer Art Schale, einem Gehäuse, eingeschlossen zu sein, das das Bewusstsein daran hindert, sich mit den höheren und größeren Wirklichkeiten zu vereinigen.
Man kann sehr gut denken, dass man weit sein will, dass man universal sein will, dass alles der Ausdruck des Göttlichen ist, dass man keinen Egoismus haben darf – man kann vieles denken –, aber das ist nicht unbedingt eine Heilung, weil man sehr oft weiß, was man tun soll und es dann aus diesem oder jenem Grund doch nicht tut.
Doch wenn du, sooft du mit einer Angst, einem Leiden, einer inneren Auflehnung, einem Schmerz oder einem Gefühl des Unvermögens fertig werden musst – was einem so alles auf dem Weg passiert und was genau deine Schwierigkeiten sind –, wenn du da physisch, das heißt, in deinem Körperbewusstsein, den Eindruck hast, weit zu werden, man könnte sagen, dich auseinanderzufalten – du empfindest dich als etwas, das ganz zusammengefaltet ist, eine Falte auf der anderen, wie Stoff, der gefaltet, nochmals gefaltet und abermals gefaltet wird –, wenn du dann diesen Eindruck hast, dass das, was dich festhält und drückt und unter dem du leidest oder das dich in der Bewegung behindert, wie ein Stoff ist, der zu straff, zu eng gefaltet ist oder wie ein Paket, das zu stark verschnürt, zu dick verpackt ist, und dass du langsam, ganz allmählich alle diese Falten aufmachst und dich ausbreitest, so wie man einen Stoff auseinanderfaltet oder ein Papier und man es glatt streicht, dass man sich glatt und sehr weit macht, so weit man kann, indem man sich so weit wie möglich ausbreitet, indem man sich öffnet und sich in einer Haltung völliger Passivität ausdehnt, mit „dem Gesicht zum Licht“, wie man es nennen könnte: Wenn man sich nicht über seine Schwierigkeit kauert, sich über sie krümmt, sie sozusagen in seiner Person einschließt, sondern sich im Gegenteil entfaltet, soviel man kann, so vollkommen wie man kann, indem man die Schwierigkeit dem Licht zeigt – dem Licht, das von oben kommt –, wenn du das in allen Bereichen tust, und selbst wenn du gedanklich nicht so weit kommst – weil es manchmal schwierig ist –, wenn du dir vorstellen kannst, dass du das physisch machst, beinahe stofflich, wenn du also mit deinem Auseinanderfalten und Ausbreiten fertig bist, wirst du merken, dass mehr als drei Viertel der Schwierigkeit weg sind. Und dann noch ein wenig Kleinarbeit, um das Licht zu empfangen, und das letzte Viertel ist verschwunden.
Das ist viel leichter, als mit seinem Denken gegen eine Schwierigkeit anzukämpfen, denn wenn du beginnst, mit dir selber zu diskutieren, wirst du merken, dass es Argumente dafür und dagegen gibt, die so zwingend sind, dass es ganz unmöglich ist, sich ohne ein höheres Licht aus der Affäre zu ziehen. Dort kämpfst du nicht gegen die Schwierigkeit an, du versuchst nicht, dich selbst zu überzeugen, du breitest dich einfach vor dem Licht aus, wie wenn du dich auf dem Sand in der Sonne ausstreckst. Und du lässt das Licht sein Werk tun. Das war‘s.
Worte der Mutter
Für die meisten Aspiranten ist das Mittel der Meditation, der Konzentration, der Rückzug aus dem physischen Leben, der Ablehnung physischer Betätigungen sicherlich viel leichter als das Mittel des Handelns. Aber sie lassen das physische Bewusstsein wie es ist, ohne es je zu verändern, und man erreicht überhaupt nichts, außer dass man wie der Sadhu oder der Asket wird, der ganz aus dem aktiven Leben aussteigt und in einer ständigen Konzentration oder Meditation verbleibt. Das heißt ein ganzer Wesensteil wird nie umgewandelt. Und für diese Leute besteht die Lösung überhaupt nicht darin, ihn umzuwandeln, sondern einfach darin, ihn abzulehnen, aus ihrem Körper so schnell wie möglich herauszukommen. So hat man Yoga seinerzeit verstanden, weil das offensichtlich viel leichter ist. Aber das wollen wir nicht.
Wir wollen die Umwandlung des physischen Bewusstseins, nicht seine Ablehnung.
Und so hat Sri Aurobindo in diesem Fall als das direkteste und vollständigste Hilfsmittel die Überantwortung an das Göttliche gutgeheißen, eine Hingabe, die man allmählich immer vollständiger leistet, das physische Bewusstsein und die physischen Tätigkeiten inbegriffen. Und wenn einem dies gelingt, wird das Physische zu einer Hilfe, anstatt ein Hindernis zu sein.
Worte der Mutter
Mutter, wie soll man sein Bewusstsein ändern?
Es gibt natürlich viele Wege, doch jeder muss es auf die Weise tun, die ihm zugänglich ist, und der Hinweis auf den Weg kommt meist spontan durch etwas wie eine unerwartete Erfahrung. Und für jeden scheint es etwas anderes zu sein. Man mag zum Beispiel die Wahrnehmung des gewöhnlichen Bewusstseins haben, das an der Oberfläche ausgebreitet ist, horizontal, und das auf einer Ebene arbeitet, die gleichzeitig die Oberfläche der Dinge und die in Kontakt mit der oberflächlichen äußeren Seite der Dinge, mit Menschen und Umständen ist, und dann plötzlich, aus dem einen oder anderen Grund – wie gesagt: für jeden ist es verschieden – findet ein Wechsel nach oben statt. Und anstatt die Dinge horizontal zu sehen, sich auf der gleichen Ebene mit ihnen zu befinden, dominierst du sie plötzlich und siehst sie von oben, in ihrer Ganzheit, anstelle einer kleinen Anhäufung von Dingen, die dir gerade unmittelbar am nächsten sind. Es ist, als würde dich etwas nach oben ziehen und dich die Dinge von einem Berggipfel oder Flugzeug aus sehen lassen. Anstatt jede Einzelheit auf ihrer eigenen Ebene zu sehen, siehst du jetzt das Ganze von weit oben als eine Einheit.
Es gibt viele Wege, diese Erfahrung zu haben, doch im Allgemeinen kommt sie wie zufällig zu dir – eines schönen Tages.
Oder aber man kann eine Erfahrung haben, die beinahe das Gegenteil ist, aber auf das Gleiche hinausläuft. Plötzlich taucht man in eine Tiefe. Man entfernt sich von dem wahrgenommenen Ding, es erscheint fern, oberflächlich, unwichtig. Man tritt in eine innere Stille oder innere Ruhe oder eine innere Schau der Dinge ein, in ein tiefes Gefühl, eine vertrautere Wahrnehmung der Umstände und Dinge, in der alle Werte sich verändern. Und man wird sich einer gewissen Einheit bewusst, einer tiefen Identität, die trotz der verschiedenen Erscheinungsformen eins ist.
Oder aber, ebenso plötzlich, schwindet der Sinn der Begrenzung und man tritt in die Wahrnehmung einer Art unendlicher Dauer ein, anfangslos und endlos, von etwas, das immer gewesen ist und immer sein wird.
Diese Erfahrungen kommen plötzlich zu dir, blitzartig, eine Sekunde, einen Augenblick lang in deinem Leben, und du weißt nicht, warum oder wie…
CWSA Vol. 29, p. 312
CWM Vol. 8, pp. 404-05
CWSA Vol. 28, pp. 15-17
CWSA Vol. 28, pp. 24-25
CWSA Vol. 28, p. 25
CWSA Vol. 12, pp. 165-68
CWSA Vol. 28, pp. 22-23
CWSA Vol. 28, p. 19
CWSA Vol. 28, p. 15
CWM Vol. 4, pp. 233-34
CWM Vol. 3, p. 167
CWM Vol. 10, pp. 219-20
CWM Vol. 3, pp. 28-31
CWM Vol. 4, pp. 40-41
CWM Vol. 4, p. 41
CWM Vol. 7, p. 131
CWM Vol. 7, p. 233
CWSA Vol. 28, pp. 19-20
CWSA Vol. 28, pp. 20-21
CWSA Vol. 28, pp. 89
CWSA Vol. 28, pp. 89-90
CWSA Vol. 28, 213
CWSA Vol. 28, 213
CWSA Vol. 28, 213-14
CWM Vol. 5, pp. 294-95
The Mother: Conversation with a disciple, October 27, 1962
CWSA Vol. 28, p. 229
CWSA Vol. 28, p. 231
CWSA Vol. 28, p. 231
CWSA Vol. 28, p. 232
CWM Vol. 3, pp. 62-63
CWM Vol. 4, p. 157
CWSA Vol. 31, p. 89
CWM Vol. 4, pp. 33-37
CWM Vol. 3, p. 2
CWSA Vol. 31, p. 614
CWM Vol. 12, pp. 3-4
CWM Vol. 4, pp. 359-61
CWSA Vol. pp. 25-25
CWM Vol. 12, p. 22
CWSA Vol. 28, p. 421
