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„Wir sind nicht für den Frieden, sondern für den Sieg gekommen, denn in einer Welt, die von den feindlichen Kräften regiert wird, muss der Sieg vor dem Frieden kommen.“ (Die Mutter)
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Omsriaurobindomira
ALLES
LEBEN
IST
YOGA
All life is Yoga. – Sri Aurobindo
Sri Aurobindo | Die Mutter
SRI AUROBINDO
DIGITAL EDITION
BERCHTESGADENER LAND
www.sriaurobindo.center
© Copyright 2025
Herausgeber
AURO MEDIA
Verlag und Fachbuchhandel
Wilfried Schuh
Deutschland
www.auro.media
eBook Design
SRI AUROBINDO DIGITAL EDITION
Deutschland, Berchtesgaden
Wahrheit und Falschheit
Auszüge aus den Werken von
Sri Aurobindo und der Mutter
Zweite Auflage 2025
ISBN 978-3-96387-068-2
© Fotos und Textauszüge
Sri Aurobindos und der Mutter:
Sri Aurobindo Ashram Trust
Puducherry, Indien
Blume auf dem Cover:
Nerium oleander. Rosenrosa, gefüllt.
Die von der Mutter gegebene spirituelle Bedeutung:
Hingabe aller Falschheit
Lasst uns unsere Falschheiten dem Göttlichen darbringen, so dass Er sie in erfreuliche Wahrheiten umwandeln möge.
Überall auf der Welt wächst das Interesse an Spiritualität und Yoga. Man kann eine zunehmende Suche nach dem wahren Sinn und Zweck des Lebens erkennen, eine Suche nach tieferen Lösungen für die Probleme, mit denen wir alle konfrontiert sind, und man kann eine zunehmende Bemühung beobachten, am evolutionären Wandel und Fortschritt der Menschheit beitragen zu wollen.
Bei dieser Suche und Bemühung wenden sich immer mehr Menschen an Sri Aurobindo und die Mutter, um Führung und Kraft zu finden. Aber in den umfangreichen Werken Sri Aurobindos und der Mutter wissen wir oft nicht, wo wir Antworten auf unsere Fragen finden können. Aus diesem Grund haben wir zu bestimmten Themen des alltäglichen Lebens einfache Auszüge aus ihren Werken zusammengetragen, die für die Sadhana eine praktische Orientierung im Alltag geben sollen, denn wahre Spiritualität bedeutet nicht, sich vom Leben abzukehren, sondern das Leben mit einer Göttlichen Vollkommenheit zu vollenden.
Diesbezüglich sagte die Mutter:
„Sri Aurobindo sollte nicht nach Büchern studiert werden, sondern nach Themen – was er über das Göttliche, die Einheit, die Religion, die Evolution, die Erziehung, die Selbstvervollkommnung, das Supramental, usw. gesagt hat.“ (CWM Vol. 12, p. 206)
Bei einer anderen Gelegenheit sagte sie:
„Wenn du wissen willst, was Sri Aurobindo zu einem bestimmten Thema gesagt hat, musst du zumindest alles lesen, was er zu diesem Thema geschrieben hat. Man wird dann sehen, dass er die widersprüchlichsten Dinge gesagt zu haben scheint. Aber wenn man alles gelesen und ein wenig verstanden hat, sieht man, dass all die Widersprüche sich ergänzen und in einer integralen Synthese geordnet und geeint sind.“ (CWM Vol. 16, pp. 309-10)
Unsere Titel aus der Reihe ALLES LEBEN IST YOGA sind ein Versuch, etwas mehr Klarheit über ein bestimmtes Thema zu gewinnen und so vielleicht unsere persönlichen Bemühungen in die richtige Richtung zu lenken. Denn Sri Aurobindo sagt:
„Es ist stets wünschenswert, sich in die richtige Richtung zu bemühen; selbst wenn man scheitert, bringt das Bemühen ein bestimmtes Ergebnis und ist niemals verloren.“ (CWSA Vol. 29, p. 87)
Die Übersetzung der Textstellen von Sri Aurobindo erfolgte aus dem ursprünglichen Englisch, während die meisten Passagen der Mutter bereits Übersetzungen aus dem Französischen waren. Fast alle Texte der Mutter wurden ihren Gesprächen, die sie mit Kindern und Erwachsenen führte, entnommen, einige ihren Schriften. Wir müssen außerdem berücksichtigen, dass die Auszüge ihrem ursprünglichen Zusammenhang entnommen wurden und dass jede Zusammenstellung ihrer Natur nach möglicherweise einen persönlichen und subjektiven Charakter hat. Es wurde jedoch der aufrichtige Versuch unternommen, der Vision Sri Aurobindos und der Mutter treu zu bleiben.
Die Textauszüge sind vom Verlag zum Teil mit Kapiteln und Überschriften versehen worden, um ihre Themen hervorzuheben. Sofern es möglich war, wurden sie in Anlehnung eines Satzes aus dem Text selbst gewählt.
Sri Aurobindo und die Mutter machen von der in der englischen Sprache gegebenen Möglichkeit, Wörter groß zu schreiben, um ihre Bedeutung hervorzuheben, häufig Gebrauch. Mit dieser Großschreibung bezeichnen sie meist Begriffe aus übergeordneten Daseinsbereichen, doch auch allgemeine wie Licht, Friede, Kraft usw., wenn sie ihnen einen vom üblichen Gebrauch abweichenden Sinn zuordnen. Diese Begriffe wurden in diesem Buch kursiv hervorgehoben, um dem Leser zu einer leichteren Einfühlung in diese subtilen Unterscheidungen zu verhelfen.
Eckige Klammern bezeichnen Einfügungen des Übersetzers, die um des besseren Verständnisses willen angebracht erschienen. Einige wenige Sanskritwörter wie Sadhana, Sadhaka, Yoga usw. wurden eingedeutscht, da sie durch ihren häufigen Gebrauch bereits als Bestandteil der deutschen Sprache angesehen werden können. Alle anderen Sanskritwörter sind kursiv hervorgehoben, wobei auf diakritische Transkriptionszeichen verzichtet wurde.
Die kursiv geschriebenen Textpassagen vor den Worten Sri Aurobindos und der Mutter sind Fragen bzw. Antworten von Schülern oder sonstige erläuternde Texte.
Titelseite
Impressum
Anmerkung des Herausgebers
1. DAS MYSTERIUM DES DASEINS
Zitat
1. Das Rätsel dieser Welt
2. DIE WAHRHEIT
Zitate
1. Was ist die Wahrheit?
2. Die Wahrheit eines jeden Wesens
3. Die Wahrheit wird triumphieren
4. Falschheit und Wahrheit
5. Wähle die Wahrheit!
6. Abstufungen der Wahrheit
7. Lasst uns der Wahrheit dienen
8. Wahrheit im Sprechen
9. Wahrheit in Wissenschaft und Yoga
3. UNWISSENHEIT UND FALSCHHEIT
Zitat
1. Die Unwissenheit – ihr Ursprung und ihre Natur
2. Die Unwissenheit ablegen, in das Wissen eintreten
3. Aus der siebenfachen Unwissenheit zum siebenfachen Wissen
4. Der Ursprung von Falschheit, Irrtum, Leid und Bösem
5. Das Problem des Irrtums
6. Das Problem der Falschheit und des Bösen
7. Warum sind wir mit dem Sinn für Gut und Böse belastet?
8. Warum ist die Schöpfung voller Falschheit?
4. DER SIEG ÜBER FEINDLICHE KRÄFTE
Zitat
1. Die Mächte der Finsternis und ihre Funktionsweise
2. Das Heilmittel
3. Die Bezwingung der feindlichen Kräfte
5. YOGA UND FEINDLICHE KRÄFTE
Zitat
1. Feindliche Kräfte und Schwierigkeiten im Yoga
2. Angriffe durch die feindlichen Kräfte
3. Der Umgang mit feindlichen Angriffen
4. Wie man feindlichen Kräften begegnet, die unsichtbar und doch lebendig sind
5. Halte an der Wahrheit fest
Bibliographie
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titelseite
Copyright
Vorwort
Quellenangaben
Was wir als Irrtum ansehen, ist häufig Symbol, Verkleidung, eine verdorbene oder missgestaltete Form einer Wahrheit.
– Sri Aurobindo
Worte Sri Aurobindos
Es ist nicht zu leugnen und wird von keiner spirituellen Erfahrung geleugnet, dass diese Welt weder ideal noch zufriedenstellend ist, da sie allzu deutlich vom Siegel der Unzulänglichkeit, des Leidens und des Bösen geprägt ist. Diese Erkenntnis ist gleichsam der Ausgangspunkt des spirituellen Strebens überhaupt – mit Ausnahme bei jenen wenigen, denen die höhere Erfahrung unmittelbar zuteil wurde und die nicht zu ihr gezwungen wurden durch das mächtige, unwiderlegbare, leidvolle und entsagende Wissen um jenen Schatten, der den gesamten Bereich dieses manifestierten Daseins überlagert. Dennoch bleibt die Frage offen, ob dies tatsächlich – wie behauptet wird – das wesentliche Merkmal der ganzen Manifestation sei und ob es, zumindest solange es eine physische Welt gibt, notwendigerweise zu deren Natur gehört. Damit müsste man das Verlangen, geboren zu werden, den Willen, sich zu offenbaren oder schöpferisch auszudrücken, als die Ursünde schlechthin betrachten und die Abkehr von Geburt oder Offenbarung als einzig möglichen Weg der Erlösung. Für diejenigen, die es derart oder ähnlich sehen – und diese sind immer in der Überzahl gewesen –, gibt es wohlbekannte Auswege und direkte Abkürzungen zu spiritueller Befreiung. Doch ebenso gut kann es sich anders verhalten und unserer Unwissenheit oder unserem begrenzten Wissen nur so vorkommen; die Unvollkommenheit, das Böse, das Leid könnten zwar ein bedrückender Umstand oder ein schmerzhafter Übergang sein, doch nicht die eigentliche Grundbeschaffenheit der Schöpfung, nicht die eigentliche Essenz des Geborenwerdens in der Natur. Wenn dies stimmt, dann läge die höchste Weisheit nicht in der Flucht, sondern im Streben nach einem Sieg auf Erden, in einer bejahenden Verbindung mit dem Willen, der hinter der Welt steht, in einer Entdeckung der spirituellen Pforte zur Vollkommenheit, die gleichzeitig die Öffnung ist für die gänzliche Herabkunft des Göttlichen Lichtes und Wissens, der Göttlichen Macht und Glückseligkeit.
Jede spirituelle Erfahrung bestätigt das Vorhandensein eines Bleibenden über der Vergänglichkeit dieser manifestierten Welt, in der wir leben, und über diesem beschränkten Dasein, in dessen engen Grenzen wir umherirren und uns mühen. Die Merkmale dieses Bleibenden sind Unendlichkeit, Selbst-Sein, Freiheit, absolutes Licht, absolute Glückseligkeit. Gibt es nun wirklich diesen unüberbrückbaren Abgrund zwischen dem Jenseitigen und dem Hiesigen, sind sie tatsächlich zwei ewige Gegensätze, und nur indem der Mensch dieses Abenteuer in der Zeit hinter sich lässt, nur indem er den Sprung über den Abgrund tut, vermag er das Ewige zu erreichen? Diese Auffassung scheint am Ende einer bestimmten Tradition der Erfahrung zu stehen, welcher der Buddhismus in unerbittlicher Konsequenz folgte und ebenfalls – nicht ganz so unerbittlich – eine Art monistische Spiritualität, die eine gewisse Verbindung der Welt mit dem Göttlichen zulässt, diese aber dennoch in ihrem letzten Bezug sich als Wahrheit und Illusion gegenüberstellt. Daneben gibt es eine andere, unbezweifelbare Erfahrung, dass das Göttliche in allem hier gegenwärtig ist, hinter allem und über allem, dass alles in Jenem ist und Jenes ist, sobald wir uns von seiner Erscheinungsform zu seiner Wirklichkeit zurückwenden. Es ist eine bezeichnende und erhellende Tatsache, dass einer, der Brahman erkennt, in einer Art absoluten Frieden zu leben vermag, im Licht und in der Glückseligkeit des Göttlichen, auch wenn er sich in dieser Welt bewegt und in ihr handelt und all ihre Schläge erträgt. Es gibt also noch etwas anderes als diese scharfe, trennende Gegensätzlichkeit, es gibt ein Geheimnis, ein Rätsel, das vermutlich eine weniger verzweifelte Lösung zulässt. Diese spirituelle Möglichkeit weist über sich selbst hinaus und bringt einen Hoffnungsstrahl in die Finsternis unseres gefallenen Daseins.
Und sofort erhebt sich eine erste Frage: Ist diese Welt für immer eine unveränderliche Folge gleicher Erscheinungsformen oder gibt es in ihr ein evolutionäres Streben, eine evolutionäre Wirklichkeit, irgendwo eine Leiter des Aufstiegs aus einer ursprünglichen, scheinbaren Nichtbewusstheit in ein mehr und mehr entwickeltes Bewusstsein, das von jeder Entwicklungsstufe weiter ansteigt, um bei den höchsten Gipfeln aufzutauchen, die bislang noch außerhalb unseres normalen Fassungsvermögens liegen? Wenn dem so ist, worin besteht der Sinn, das grundlegende Prinzip, das logische Ziel dieses Vorwärtsschreitens? Denn alles scheint auf derartiges Vorwärtsschreiten als Tatsache hinzuweisen, – auf eine spirituelle und nicht nur physische Evolution. Auch hier gibt es eine bestätigende Tradition spiritueller Erfahrung, in der wir entdecken, dass das Nichtbewusste, von dem alles seinen Ausgang nimmt, nur Schein ist, denn ihm ist ein Bewusstsein mit endlosen Möglichkeiten involviert, ein Bewusstsein, das nicht begrenzt, sondern kosmisch und unendlich ist, ein verborgenes und in sich eingekerkertes Göttliches, gefangen in der Materie, doch alle Möglichkeiten in seinen geheimen Tiefen bergend. Aus dieser scheinbaren Nichtbewusstheit wird jede Macht zu ihrer Zeit enthüllt, zuerst die geordnete Materie, die den innewohnenden Geistes verbirgt, dann das Leben, das in der Pflanze auftaucht und sich im Tier mit einem wachsenden Mental verbindet, dann das Mental selbst, das sich im Menschen entwickelt und ordnet. Diese Evolution, dieses spirituelle Vorwärtsschreiten, – wird es hier in dem unvollkommenen mentalen Wesen, Mensch genannt, zum Stillstand kommen? Oder besteht ihr ganzes Geheimnis lediglich in einer Folge von Wiedergeburten, deren einziges Ziel und einziger Zweck es ist, sich jenem Punkt entgegenzuarbeiten, an dem sie ihre eigene Sinnlosigkeit erkennt und, auf sich selbst verzichtend, den Sprung in ein ursprünglich ungeborenes Sein oder Nicht-Sein tut? Zumindest besteht die Möglichkeit und ab einem gewissen Punkt die Gewissheit, dass es ein weit größeres Bewusstsein gibt als jenes, das wir Mental nennen; und wenn wir die Leiter weiter ansteigen, können wir einen Punkt erreichen, an dem die Umklammerung der stofflichen Nichtbewusstheit, die vitale und mentale Unwissenheit, endet. Ein Bewusstseinsprinzip gelangt hier zur Manifestation, das nicht nur teilweise und unvollkommen, sondern radikal und gänzlich dieses gefangene Göttliche befreit. In dieser Sicht erscheint jedes Stadium der Evolution als Ergebnis der Herabkunft einer immer größeren und höheren Bewusstseins-Macht, die das Erdendasein erhebt und eine neue Daseinsebene schafft; die höchsten jedoch müssen noch herabkommen und das Rätsel des Erdendaseins wird durch ihre Herabkunft seine Lösung erfahren, und nicht nur die Seele, sondern die Natur selbst wird ihre Befreiung erlangen. Dies ist die Wahrheit, die zu Beginn aufflackerte und die später immer deutlicher in ihrer ganzen Fülle von dem Geschlecht jener Seher geschaut wurde, die der Tantrismus die Helden-Seher oder göttlichen Seher nennen würde, und die sich jetzt dem Stadium ihrer vollen Enthüllung und Erfahrung nähern könnte. Und wie schwer auch immer die Last des Haders und des Leidens und der Finsternis in dieser Welt sei, wenn dies uns als hohes Ergebnis erwartet, wird alles Vorherige von den Starken und Wagemutigen im Hinblick auf die Herrlichkeit, die kommen wird, als nicht zu hoher Preis gewertet werden. Auf jeden Fall, der Schatten weicht; ein Göttliches Licht dämmert über der Erde, nicht nur ein ferner, unerreichbarer Schein.
Trotzdem bleibt die Frage bestehen, warum all dies notwendig war – diese rohen Anfänge, der lange, stürmische Weg, warum dieser hohe, kaum zu leistende Preis, warum all das Böse und das Leid? Was hingegen das Wie des Sturzes in die Unwissenheit im Gegensatz zu dem Warum anbelangt, die wirkende Ursache, so findet man in aller spirituellen Erfahrung eine wesenhafte Übereinstimmung. Die Spaltung, die Trennung, das Prinzip der Absonderung von jenem Bleibenden und Einen waren die Ursache, und weil das Ego sich in der Welt festsetzte und sein Begehren, seine Selbst-Anmaßung hervorkehrt und diese der Einung mit dem Göttlichen sowie dem Einssein mit dem Ganzen vorzieht; statt der einen höchsten Kraft, der höchsten Weisheit, statt dem einen höchsten Licht, welche die Harmonie aller Kräfte bestimmen, konnte sich jede Idee und Kraft und Form der Dinge so weit wie möglich in der Vielzahl unendlicher Möglichkeiten durch ihren eigenen Willen – und in der Folge unweigerlich durch den Widerstreit mit anderen – entwickeln. Die Spaltung, das Ego, ein unvollkommenes Bewusstsein, das Suchen und Kämpfen einer auf sich bedachten Selbstanmaßung sind die wirkende Ursache von Leid und Unwissenheit dieser Welt. Sobald die verschiedenen Bewusstseinsformen sich von dem einen Bewusstsein absonderten, fielen sie notgedrungen in die Unwissenheit, und die letzte Konsequenz der Unwissenheit war die Nichtbewusstheit. Aus einer dunklen, ungeheuerlichen Nichtbewusstheit erhebt sich diese stoffliche Welt und aus ihr eine Seele, die sich über die Evolution zur Bewusstheit durchringt, angezogen von dem verborgenen Licht und emporstrebend, zwar blind noch, hin zur verlorenen Gottheit, aus der sie stammt.
Doch warum geschah all dies überhaupt? Eine weitverbreitete Art, diese Frage zu stellen und zu beantworten, sollte von Anfang an ausgeschieden werden, – nämlich die typisch menschliche Art: das ethische Aufbegehren, die Missbilligung, der emotionale Aufschrei. Denn wir haben es nicht, wie einige Religionen vermuten, mit einer überkosmischen, willkürlichen, persönlichen Gottheit zu tun, die selber völlig unbeteiligt an dem Sturz ist und die das Böse und das Leid jenen Geschöpfen auferlegte, die sie in einer Laune durch ihr fiat erschuf. Das Göttliche ist, wie wir wissen, ein Unendliches Wesen, in dessen unendliche Manifestation diese Dinge gerieten, – es ist das Göttliche selbst, das hier ist, hinter uns, das die Manifestation durchdringt und die Welt mit seinem Einssein stützt. Es ist das Göttliche in uns, das selber die Bürde des Sturzes und seine dunkle Folge trägt. Und wenn Es für immer in seinem vollkommenen Licht, seiner Seligkeit, seinem Frieden über allem steht, dann ist Es ebenfalls hier. Sein Licht, seine, Seligkeit und sein Frieden stützen insgeheim alles auf Erden; und in uns selber wohnt ein Geist, eine zentrale Gegenwart, – größer als unsere Persönlichkeiten der Oberfläche – die, wie das höchste Göttliche selbst vom Schicksal, das sie erduldet, nicht überwältigt wird. Wenn wir dieses Göttliche in uns entdecken, wenn wir uns selbst als diesen Geist erkennen, der von gleicher Essenz und gleichem Wesen wie das Göttliche ist, dann haben wir unsere Pforte der Befreiung gefunden und in ihr vermögen wir, inmitten der Disharmonien der Welt, wir selbst zu sein, – leuchtend, heiter und frei. Dies ist die altersgraue Erkenntnis spiritueller Erfahrung.
Und dennoch, was ist der Sinn, was der Ursprung dieser Disharmonie – warum entstand diese Spaltung, dieses Ego, diese Welt einer leidvollen Entfaltung? Warum mussten das Böse und der Kummer in das göttliche Gute eindringen, in die Glückseligkeit, in den Frieden? Es ist schwierig, dies dem menschlichen Verstand auf seiner Ebene zu beantworten, denn das Bewusstsein, dem der Ursprung dieses Phänomens angehört – vor dem es gleichsam in überintellektueller Erkenntnis gerechtfertigt steht –, ist ein kosmisches und nicht das individualisierte menschliche Erkenntnisvermögen; es sieht in weitere Räume, hat eine andere Schau, ein anderes Wissen, andere Bewusstseinsbegriffe als der menschliche Verstand und das menschliche Gefühl. Dem menschlichen Mental könnte man vielleicht derart antworten: das Unendliche ist in sich zwar frei von diesen Störungen, doch mit dem Beginn der Manifestation begann ebenfalls die unendliche Möglichkeit; und unter den unendlichen Möglichkeiten, die zu verwirklichen Aufgabe der universalen Manifestation ist, war die Verneinung ganz offensichtlich eine Möglichkeit, jene scheinbar so wirkungsvolle Verneinung der Macht, des Lichts, des Friedens, der Glückseligkeit mit all ihren Folgen. Auf die Frage, warum diese Möglichkeit angenommen wurde, lautet die Antwort des menschlichen Verstandes, die der Kosmischen Wahrheit am nächsten kommt, folgendermaßen: in den Beziehungen oder im Übergang des Einen Göttlichen zum Göttlichen in den Vielen wurde diese unheilvolle Möglichkeit an einem bestimmten Punkt zur Unvermeidlichkeit. Und einmal vorhanden, übt sie auf die Seele, welche in die sich entfaltende Manifestation herabkommt, eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus, die diese Unvermeidbarkeit hervorruft, – eine Anziehung, die in menschlichen Begriffen auf der Erd-Ebene als Ruf des Unbekannten gedeutet werden kann, als die Freude an der Gefahr, an der Schwierigkeit, am Abenteuer, als Wille, das Unmögliche zu versuchen und das Unvorhersehbare zu verwirklichen, als Wille, das Neue und Unerschaffene mit dem eigenen Selbst und Leben als Stoff zu erschaffen, die Faszination der Widersprüche und ihre schwierige Harmonisierung. Diese Dinge, übertragen auf ein anderes überphysisches, übermenschliches Bewusstsein, höher und weiter als das mentale, waren die Versuchung, die zum Fall führte. Denn für das ursprüngliche Lichtwesen, das im Begriff war, herabzukommen, gab es nur ein Unbekanntes, die Tiefe des Abgrunds und die Möglichkeiten des Göttlichen in der Unwissenheit und Nichtbewusstheit. Andererseits geht vom GöttlichenEinssein eine unendliche Billigung aus, mitleidsvoll, zustimmend, hilfreich, ein höchstes Wissen, dass all dies zu geschehen habe, dass das einmal Erschienene ausgearbeitet werden müsse, dass sein Vorhandensein in gewisser Weise Teil einer unermesslichen, unendlichen Weisheit sei, dass der Sturz in die Nacht zwar unvermeidlich war, doch das Auftauchen in einen neuen, noch nie dagewesenen Tag ebenfalls gewiss sei und allein auf diese Weise eine bestimmte Manifestation der Höchsten Wahrheit bewirkt werden könne – nämlich durch Ausarbeitung seiner formgewordenen Gegensätze als Ausgangspunkt der Evolution und als Voraussetzung eines umwandelnden Neu-Auftauchens. In dieser Billigung war ebenfalls die Bereitschaft zum großen Opfer mit eingeschlossen, die Herabkunft des Göttlichen selbst in diese Nichtbewusstheit, damit es die Bürde der Unwissenheit und ihre Folgen auf sich nehme, damit es als Avatar und Vibhuti vermittle und unter dem zweifachen Zeichen des Kreuzes und des Sieges der Erfüllung und Befreiung entgegenschreite. Ist dies eine zu phantasievolle Darlegung einer nicht auszudrückenden Wahrheit? Doch wie vermöchte man, ohne Gleichnisse zu gebrauchen, dem Verstand ein Mysterium deuten, das weit jenseits seiner selbst liegt? Erst wenn man die Schranke der begrenzten Intelligenz überschritten und die kosmische Erfahrung, das kosmische Wissen geteilt hat, welche die Dinge in ihrem Einssein sehen, nehmen die höchsten Realitäten hinter diesen Gleichnissen – Gleichnisse, die mit der Wirklichkeit der Erde übereinstimmen – ihre göttlichen Formen an und werden als einfach und natürlich empfunden und als essentiell in den Dingen enthalten. Allein indem man in dieses größere Bewusstsein eintritt, vermag man die Unausweichlichkeit seiner Materialisierung und ihres Zieles zu erkennen.
Dies ist in der Tat nur die Wahrheit der Manifestation, wie sie sich dem Bewusstsein an der Grenzlinie zwischen der Ewigkeit und dem Herabstieg in die Zeit darstellt, wo die Beziehung zwischen dem Einen und den Vielen in der Evolution selbstbestimmt ist, ein Bereich, in dem alles Künftige enthalten, doch noch nicht wirksam ist. Doch das befreite Bewusstsein kann sich höher erheben, dorthin, wo das Problem nicht länger besteht, und es von dort im Licht einer höchsten Einheit sehen, in der alles in der selbst-tätigen, selbst-seienden Wahrheit der Dinge vorherbestimmt ist und gerechtfertigt steht vor einem absoluten Bewusstsein, vor einer absoluten Weisheit einem absoluten Entzücken, die sich hinter der gesamten Schöpfung und Nicht-Schöpfung befinden; sowohl Bejahung als auch Verneinung werden dort von jener unsagbaren Realität her gesehen, die diese befreit und harmonisiert. Doch dieses Wissen ist dem menschlichen Mental nicht deutlich zu machen, seine Lichtsprache ist zu unlesbar, das Licht selbst ist zu hell für ein Bewusstsein, das an die Schwere und Dunkelheit des kosmischen Rätsels gewöhnt und darin verstrickt ist, als dass es dem Faden zu folgen oder das Geheimnis zu erkennen vermöchte. Jedenfalls können wir seine volle Bedeutung erst dann erkennen und unsere Seele von dem Mysterium befreien, wenn wir uns in den Geist jenseits des Bereiches von Finsternis und Kampf erheben. Zu dieser Höhe der Befreiung aufzusteigen, ist der wahre Ausweg und das einzige Mittel, unanzweifelbares Wissen zu erlangen.
Doch diese Befreiung und Transzendenz auferlegt nicht notwendigerweise eine Abkehr, ein Sich-Los-lösen von der Manifestation. Sie kann eine Befreiung in das Wirken des höchsten Wissens vorbereiten und eine Intensität von Macht, welche die Welt umzuwandeln und das evolutionäre Streben zu erfüllen vermag. Es ist ein Aufstieg, von dem es keinen Sturz mehr gibt, sondern ein beflügeltes, sich selbst tragendes Herabkommen von Licht und Kraft und Ananda.
Was der Kraft des Seienden innewohnt, manifestiert sich als Werden; doch welcher Art die Manifestation sein wird, ihre Grundzüge, das Gleichgewicht ihrer Kräfte, die Ordnung ihrer Prinzipien, hängt von dem handelnden Bewusstsein ab, das in der schöpferischen Kraft wirkt, es hängt von der Bewusstseinsmacht ab, die das absolute Sein für die Manifestation aus sich entlässt. Es liegt in der Natur dieses Seins, seine Bewusstseinsmächte abstufen und verändern zu können und entsprechend dieser Abstufung oder Veränderung die Welt, den Grad und das Ausmaß seiner Selbstenthüllung zu bestimmen. Die manifestierte Schöpfung ist durch diejenige Bewusstseinsmacht, der sie angehört, begrenzt, und sie erkennt und lebt ihr entsprechend; sie vermag erst dann mehr zu erkennen, machtvoller zu leben, ihre Welt zu verändern, wenn sie sich einer größeren Bewusstseins-Macht darüber öffnet, ihr entgegenstrebt oder sie zum Herabkommen bewegt. Dies aber findet in der Bewusstseins-Evolution unserer Welt statt, nämlich dass eine Welt unbelebter Materie unter dem Druck dieser Notwendigkeit eine Macht des Lebens, eine Macht des Mentals hervorbringt, die neue Schöpfungsformen in diese einbringen und schließlich dahingehend wirken, eine supramentale Macht zur Herabkunft zu bewegen. Darüber hinaus wirkt eine schöpferische Kraft zwischen zwei Bewusstseinspolen. Einerseits besteht zuinnerst und darüber ein geheimes Bewusstsein, das alle Möglichkeiten in sich birgt – dort ewig manifest, hier noch der Befreiung harrend –, ein Bewusstsein des Lichts, des Friedens, der Macht und Glückseligkeit. Auf der anderen Seite gibt es noch ein anderes, ein äußeres an der Oberfläche und unter uns, das vom scheinbaren Gegenteil ausgeht, von der Unbewusstheit und Trägheit, von blinder Kraft und der Möglichkeit des Leidens, und dieses wächst, indem es in sich immer höhere Mächte aufnimmt, die seine Manifestation in immer größeren Ausdrucksformen erstehen lassen. Jede Neu-Schöpfung dieser Art lässt einen Teil der inneren Macht in Erscheinung treten und ermöglicht hierdurch die Herabkunft der darüber wartenden Vollkommenheit mehr und mehr. Solange die äußere Persönlichkeit, mit der wir uns identifizieren, in den niederen Bewusstseins-Mächten zentriert ist, ist ihr das Rätsel ihres eigenen Daseins, ihres Zwecks, ihrer Notwendigkeit ein unlösbares Mysterium; wenn diesem äußeren mentalen Menschen überhaupt ein Stück der Wahrheit vermittelt wird, erfasst er sie nur unvollkommen, er missdeutet und missbraucht sie vielleicht und lebt ihrer nicht gemäß. Sein eigentlicher Wanderstab besteht eher aus dem Feuer des Glaubens als aus einem erlebten und nicht zu bezweifelnden Licht der Erkenntnis. Nur indem er sich in ein höheres Bewusstsein erhebt, jenseits der mentalen Grenze, das ihm daher zur Zeit noch überbewusst ist, kann er aus seiner Unfähigkeit und Unwissenheit auftauchen. Seine volle Befreiung und Erleuchtung wird kommen, wenn er die Grenzlinie überschreitet und in das Licht eines neuen, überbewussten Daseins eintritt. Das ist die Transzendenz, die das Ziel der Mystiker und spirituell Suchenden ist.
Doch an der Schöpfung würde dies an sich nichts ändern. Das Entweichen einer befreiten Seele aus der Welt verändert diese Welt nicht. Doch wenn das überschreiten der Grenzlinie nicht nur einem Aufsteigen, sondern auch einer Herabkunft zugewandt wäre, bedeutete dies die Umwandlung der Linie von dem, was sie jetzt ist, ein Lid, eine Barriere, in einen Durchgang für die höheren Bewusstseinsmächte des absoluten Seins, die sich jetzt noch über ihr befinden. Es würde eine neue Manifestation auf Erden bedeuten, ein Einbringen höchster Mächte, die die Grundbedingungen hier völlig umkehrten, und zwar derart, dass dies eine Schöpfung hervorbrächte, die in die volle Flut spirituellen und supramentalen Lichtes erhoben wäre, an Stelle einer, die sich in das Halblicht des Mentals aus der Finsternis stofflicher Nichtbewusstheit erhebt. Nur in solchem vollen Licht des verwirklichten Geistes könnte das verkörperte Wesen die Bedeutung und zeitweilige Notwendigkeit seines Herabstiegs in die Finsternis und deren Bedingungen erkennen – und alles, was damit verbunden ist – und diese gleichzeitig auflösen und lichthaft verwandeln in eine Erdmanifestation des befreiten und nicht mehr des verhüllten und verborgenen oder scheinbar entstellten Göttlichen.
Die Göttliche Wahrheit ist größer als irgendeine Religion oder ein Glaubensbekenntnis oder eine Schrift oder Idee oder Philosophie – du darfst dich an keines dieser Dinge binden.
– Sri Aurobindo
Wer aufrichtig der Wahrheit dienen will, wird die Wahrheit erkennen.
– Die Mutter
Worte der Mutter
Es gibt nur eine Wahrheit, so wie nur ein einziges Göttliches gibt.
Worte der Mutter
Die Wahrheit ist nicht linear, sondern global; sie ist nicht aufeinanderfolgend, sondern simultan. Darum kann sie nicht in Worte gefasst werden: sie muss gelebt werden.
Worte der Mutter
Was ist die Wahrheit? Was meinst du, wenn du von „der Wahrheit“ sprichst?
Du möchtest eine mentale Definition der Wahrheit. Die Wahrheit kann nicht in mentalen Begriffen ausgedrückt werden. Ja, so ist es. Und alle Fragen, die gestellt werden, sind mentale Fragen.
Die Wahrheit kann nicht formuliert werden, sie kann nicht definiert werden – sie muss gelebt werden.
Und derjenige, der ganz und gar der Wahrheit geweiht ist, der die Wahrheit leben will, der Wahrheit dienen will, wird in jedem Moment wissen, was zu tun ist: es wird eine Art Intuition oder Offenbarung sein (meistens ohne Worte, doch manchmal auch in Worte gefasst), die einen in jeder Minute wissen lässt, was die Wahrheit dieser Minute ist. Und das macht es so interessant. Du willst „die Wahrheit“ als etwas gut Definiertes, gut Klassifiziertes, gut Begründetes erkennen, und danach ruhst du dich aus: Es gibt keinen Grund mehr, weiter zu suchen! Du greifst sie auf und sagst: „Hier, dies ist die Wahrheit“, und dann wird sie festgelegt. So haben es alle Religionen getan. Sie haben ihre Wahrheit als Dogma festgeschrieben. Aber es ist nicht mehr die Wahrheit.
Die Wahrheit ist etwas Lebendiges, das sich bewegt, sich ausdrückt in jeder Sekunde, und sie ist ein Weg, sich dem Höchsten zu nähern. Jeder hat seinen eigenen Weg, sich dem Höchsten zu nähern. Vielleicht gibt es einige, die sich ihm von allen Seiten zugleich nähern können, doch da sind jene, die sich durch Liebe nähern, jene, die sich durch Macht nähern, jene, die sich durch Bewusstsein nähern und diejenigen, die sich durch die Wahrheit nähern. Doch jeder dieser Aspekte ist so absolut, imperativ und undefinierbar wie der höchste Herr selbst. Der höchste Herr ist absolut, imperativ und undefinierbar, nicht greifbar in seinem Handeln, und seine Eigenschaften besitzen diese gleiche Qualität.
Wenn man das einmal weiß, wird der, der sich in den Dienst einer dieser Aspekte stellt, wissen (es ist im Leben, in der Zeit, in der Bewegung der Zeit ausgedrückt), er wird in jedem Augenblick wissen, was Wahrheit ist, und wird in jeder Minute wissen, was Macht ist, und er wird in jeder Minute wissen, was Liebe ist. Und es ist eine vielfältige Macht, Liebe, Wahrheit, ein vielfältiges Bewusstsein, das sich auf unzählige Weise offenbart, so wie sich der Herr selbst auf unzählige Weise in der Schöpfung offenbart.
Worte der Mutter
Intellektuell gesehen ist die Wahrheit der Punkt, in dem sich alle Gegensätze treffen und zusammenschließen, um eine Einheit zu bilden.
Praktisch gesehen ist die Wahrheit die Hingabe des Ego, um die Geburt und Offenbarung des Göttlichen zu ermöglichen.
Zweifel ist die beste Waffe, die das Ego benutzt, um sich vor der Auslöschung zu schützen.
Worte der Mutter
Um die Wahrheit zu erkennen, solltest du ohne Vorlieben und Begehren sein, und strebst du nach der Wahrheit, muss dein Mental still sein.
Worte der Mutter
Das Absolute eines jeden Wesens ist seine einzigartige Beziehung zum Göttlichen und seine einzigartige Weise, das Göttliche in der Manifestation auszudrücken.
Das ist es, was man hier in Indien die Wahrheit des Wesens nennt, oder das Gesetz des Wesens, das Dharma des Wesens: das Zentrum und der Ursprung der Individualität.
Jeder trägt in sich selbst seine Wahrheit, die eine einzigartige Wahrheit, die allein ihm zugehört und die er in seinem Leben ausdrücken muss. Was ist nun diese Wahrheit? Das ist die Frage, die mir gestellt wurde:
Was ist diese Wahrheit des Wesens, und wie drückt sie sich äußerlich im physischen Leben aus?
Sie drückt sich folgendermaßen aus: jede Individualität hat eine direkte und einzigartige Beziehung zum Höchsten, dem Ursprung, Das, was jenseits aller Schöpfung ist. Es ist diese einmalige Beziehung, die sich in seinem Leben ausdrücken muss, durch eine einzigartige Weise der Verbindung mit dem Göttlichen. Demzufolge steht jeder direkt und ausschließlich mit dem Göttlichen in Beziehung – die Beziehung, die man zum Göttlichen hat, ist einmalig und exklusiv. Das bewirkt, dass du vom Göttlichen die Ganzheit der Beziehung empfängst, die dir möglich ist, wenn du fähig bist, sie zu empfangen. Das ist kein Teilen, kein Teil oder eine Wiederholung, sondern es ist ausschließlich und allein die Beziehung, die jeder Einzelne mit dem Göttlichen haben kann. Also, vom psychologischen Gesichtspunkt aus, hat man diese direkte Beziehung zum Göttlichenganz allein.
Man ist ganz allein mit dem Höchsten.
Die Beziehung, die man zu Ihm hat, wird niemals ihresgleichen haben, mit einer anderen identisch sein. Es gibt nicht zwei, die sich gleichen und demzufolge kann dir nichts genommen werden, um einem Anderen gegeben zu werden, nichts kann dir entzogen werden, das einem Anderen gegeben würde. Und wenn diese Beziehung aus der Schöpfung verschwinden würde, dann wäre sie wirklich verschwunden – was unmöglich ist.
Das bedeutet, wenn man in der Wahrheit seines Wesens lebt, dann ist man ein unverzichtbarer Teil der Schöpfung. Natürlich will ich damit nicht sagen, wenn man lebt, was man zu sein glaubt, sondern: Wenn man die Wahrheit seines Lebens lebt, wenn man durch Entwicklung mit der Wahrheit seines Wesens in Berührung kommt, dann befindet man sich sofort in einer einmaligen und ausschließlichen Beziehung zum Göttlichen, die nicht ihresgleichen hat.
So ist es.
Da das die Wahrheit deines Wesens ist, ist es natürlich das, was du in deinem Leben ausdrücken musst.
Worte der Mutter
Sobald man davon überzeugt ist, dass es eine lebendige und reale Wahrheit gibt, die sich in einem objektiven Universum auszudrücken sucht, scheint es das einzig Wichtige und Wertvolle zu sein, sich mit dieser Wahrheit zu verbinden, sich mit ihr so vollkommen wie nur möglich zu identifizieren und nur noch ein Instrument zu sein, sie auszudrücken, sie stets lebendiger und greifbarer werden zu lassen, so dass sie in immer vollkommenere Weise offenbar werden möge. Alle Theorien, alle Prinzipien, alle Wege sind mehr oder weniger gut, entsprechend ihrer Möglichkeit, diese Wahrheit auszudrücken; und je weiter man auf diesem Weg vorangeht, wenn man alle Grenzen der Unwissenheit überschreitet, dann wird einem klar, dass es die Totalität dieser Offenbarung ist, ihre Ganzheit, die zum Ausdruck dieser Wahrheit notwendig ist, dass nichts ausgelassen werden darf, und vielleicht, dass nichts wichtiger oder weniger wichtig ist. Das einzig Notwendige ist eine Harmonisierung des Ganzen, die bewirkt, dass sich jedes Ding an seinem Platz befindet, in seiner wahren Beziehung zu allen anderen, so dass sich die totale Einheit harmonisch offenbaren möge…
Man hat den Eindruck, dass eine einzige Bewegung – wie klein sie auch sein mag, wie unwichtig sie auch erscheinen mag –, die im Einklang mit dieser Wahrheit steht, wertvoller ist als die wunderbarsten Argumente.
Möge ein einziger Tropfen des Lichts in dir scheinen und er wird die Dunkelheit wirkungsvoller auflösen als die schönsten Reden über das Wesen des Lichtes und was es vermag.
Worte der Mutter
Kann ein Kind sich der inneren Wahrheit bewusst werden wie ein Erwachsener?
Für ein Kind ist das ganz klar, denn es ist eine Wahrnehmung ohne alle Komplikationen der Sprache oder des Denkens – es ist das, was das Kind sich entspannt fühlen lässt oder aber nicht (es ist nicht notwendigerweise Freude oder Sorge, die nur dann kommen, wenn die Sache sehr intensiv ist). Und all das ist viel klarer im Kind als im Erwachsenen, denn dieser hat immer einen mentalen Geist, der arbeitet und seine Wahrnehmung der Wahrheit trübt.
Einem Kinde Theorien zu geben nützt überhaupt nichts, denn sobald sein Mental erwacht, wird es tausend Gründe finden, deinen Theorien zu widersprechen, und es wird recht haben.
Dieses kleine, wahre Ding im Kind ist die göttliche Gegenwart im Seelischen – sie ist auch in Pflanzen und Tieren. In Pflanzen ist sie nicht bewusst, in Tieren beginnt sie bewusst zu sein, und in Kindern ist sie sehr bewusst.
Worte der Mutter
Es gibt diese Idee, dass jeder einer Gattung angehört, dass zum Beispiel die Tanne niemals die Eiche wird und die Palme niemals der Weizen. Das ist offensichtlich. Aber das ist etwas anderes: es bedeutet, dass die Wahrheit deines Wesens nicht die Wahrheit des Wesens deines Nachbarn ist. Doch in der Wahrheit deines Wesens, entsprechend deiner eigenen Formation, ist dein Fortschritt fast unbegrenzt. Er ist nur durch deine Überzeugung begrenzt, dass er begrenzt ist, und durch die Unkenntnis der wahren Vorgehensweise, ansonsten…
Es gibt nichts, was man nicht tun könnte, wenn man weiß, wie es zu tun ist.
Worte der Mutter
Wenn man die Wahrheit in den Dingen findet, bedeutet das, dass man das Göttliche gefunden hat?
Sicherlich! In allem, was es auch sein mag, ist das der einzige Weg. Es gibt nichts, was nicht eine ewige Wahrheit in sich trägt, sonst könnte es nicht existieren. Das Universum könnte nicht für ein Tausendstel einer Sekunde existieren, wenn es nicht eine Wahrheit in sich enthielte…
Das Bemerkenswerteste ist, dass du, wenn du aufrichtig bist, herausfinden wirst, warum die Dinge so sind und in welcher Weise sie so sind: die Ursache, den Ursprung und den Prozess. Denn es ist eine einzige Sache. Da ist das, was wir die Wahrheit nennen, die Grundlage von allem; denn wenn das nicht wäre, dann wäre nichts. Hast du einmal die Wahrheit gefunden, dann findest du den Ursprung, du findest die Mittel, die Ursache zu ändern – in welcher Weise es so ist, warum es so ist und die Mittel, es zu ändern. Wenn du mit dem Göttlichen in Berührung bist, dann hast du den Schlüssel zu allem. Du kennst das Wie, das Warum und den Prozess der Wandlung.
Da gibt es etwas zu tun: zu arbeiten, es ist so interessant. Du repräsentierst eine kleine angesammelte Masse von Substanz, die dich bildet. Gehe nach innen und finde den Schlüssel. Du musst nur tief nach innen gehen. Du kannst nicht sagen: „Das geht über mich hinaus, es ist zu groß für mich.“ Gehe in deine kleine Person hinein und du wirst den Schlüssel finden, der alle Türen öffnet.
Wann immer etwas zu geschehen hat, tauchen Kräfte auf, die sich einmischen wollen. Vermutlich wollen sie uns zeigen, dass das leichte Dahinwandern und der breite, weit offenliegende und dornenlose Pfad nur dem vedischen rtam, satyam, brhat [dem Recht, der Wahrheit, der Weite] angehören und dass wir uns nach dorthin aufmachen müssen – wenn wir können.
– Sri Aurobindo
Worte Sri Aurobindos
Die Unwissenheit kann den Ursprung ihres Daseins oder den Ausgangspunkt für ihr zertrennendes vielfaches Wirken nicht im absoluten Brahman oder im integralen Sachchidananda haben. Sie gehört nur einem partiellen Wirken des Wesens an, mit dem wir uns identifizieren, so wie wir uns im Körper mit diesem partiellen, vordergründigen Bewusstsein identifizieren, das zwischen Schlafen und Wachen abwechselt. Tatsächlich ist gerade diese Identifikation, die die ganze übrige Wirklichkeit in den Hintergrund drängt, die grundlegende Ursache der Unwissenheit. Wenn nun die Unwissenheit kein Element oder keine Macht darstellt, die der absoluten Natur des Brahman oder Seiner Vollständigkeit eigen ist, kann es auch keine ursprüngliche und primäre Unwissenheit geben. Wenn Maya eine ursprüngliche Macht des Bewusstseins des Ewigen sein soll, kann sie selbst nicht Unwissenheit oder irgendwie mit der Natur der Unwissenheit verwandt sein. Vielmehr muss sie eine transzendente und universale Macht des Selbst-Wissens und des All-Wissens sein. Die Unwissenheit kann da nur als eine untergeordnete und nachträgliche, als partielle und relative Bewegung intervenieren. Ist sie dann etwas, das der Vielfalt der Seelen innewohnt? Entsteht sie gleichzeitig dann, wenn Brahman sich selbst in der Vielfalt schaut? Besteht diese Vielfalt aus einer Summe von Seelen, von denen jede ihrer eigentlichen Natur nach bruchstückhaft und von all den übrigen Seelen im Bewusstsein getrennt ist, unfähig dazu, ihrer überhaupt anders bewusst zu werden als der Dinge, die außerhalb von ihr liegen, die höchstens durch Kommunikation von Körper zu Körper, von Mental zu Mental verknüpft werden, jedoch zur Einheit unfähig sind? Wir haben gesehen, dass wir das nur in unserer vordergründigsten Bewusstseinsschicht, im äußeren Mental und physischen Wesen zu sein scheinen. Sobald wir in eine subtilere, tiefere, umfassendere Wirkensweise unseres Bewusstseins zurücktreten, finden wir, dass die Trennungswände dünner werden und zuletzt überhaupt keine Trennungswand und keine Unwissenheit mehr übrig bleiben.
Der Körper ist das äußere Zeichen und die niederste Basis der scheinbaren Zertrennung, die die Natur bei ihrem Sturz in Unwissenheit und Nichtbewusstheit des Selbsts zum Ausgangspunkt macht, um durch die individuelle Seele die Einheit wiederzugewinnen, Einheit selbst inmitten der ausgeprägtesten Formen ihres vielfältigen Bewusstseins. Körper können miteinander nur durch äußere Mittel und über einen Abgrund von Äußerlichkeiten hinweg zur Kommunikation gelangen. Sie können ineinander durch einen Spalt eindringen, um einander zu durchdringen. Oder sie können sich einer Lücke im anderen Körper, einer vorher vorhandenen Teilung, bedienen. Sie können sich nur miteinander vereinen, wenn sie einander zerbrechen und verzehren, einander verschlingen und absorbieren oder den anderen sich assimilieren oder miteinander so verschmelzen, dass beide Gestaltungen verschwinden. Auch das Mental ist, wenn es mit dem Körper identifiziert ist, durch dessen Begrenzungen behindert. An sich ist es aber subtiler. Bei zwei Wesen kann das Mental des einen in das des anderen ohne eine Verletzung oder Zerteilung eindringen. Beide können ihre Substanz ohne gegenseitige Schädigung miteinander austauschen. Sie können in gewisser Welse zu beiderseitigen Teilen werden. Doch besitzt auch das Mental seine eigene Form, die dem anderen Mental gegenüber gesondert ist und sich in dieser Gesondertheit behaupten kann. Wenn wir zum Bewusstsein der Seele zurückgehen, verringern sich die der Einheit entgegenstehenden Widerstände und hören schließlich ganz auf. Die Seele kann sich in ihrem Bewusstsein mit dem anderer Seelen identifizieren. Sie kann diese in sich aufnehmen. Sie kann in jene eingehen und zum Inhalt dieser werden und so ihre Einheit mit diesen verwirklichen. Das alles kann im völligen Wachzustand stattfinden, der alle Unterschiedlichkeiten beobachtet und in Betracht zieht, aber über sie hinausgeht, – und nicht in einem gestaltlosen ununterscheidbaren Schlaf, in einem Nirvana, in dem alle Unterschiede und Individualitäten von Seele, Mental und Körper verloren sind.
Darum ist die Unwissenheit und die selbst-begrenzende Zerteilung nicht der Vielfalt der Seelen eingeboren und auch nicht unüberwindlich. Sie ist nicht die wahre Natur der Vielfalt des Brahman. So wie Brahman die Passivität und die Aktivität überragt, so überragt er auch die Einheit und die Vielfalt. Er ist in sich selbst eins, jedoch nicht mit einer sich selbst-begrenzenden Einheit, von der die Macht der Vielfalt ausgeschlossen wäre, so wie das bei der gesonderten Einheit des Körpers und des Mentals der Fall ist. Er ist nicht das mathematische Integral, die Eins, die unfähig ist, in sich die Hundert zu enthalten und die deshalb weniger ist als die Hundert. Er ist eins in sich selbst, und er ist auch eins in den Vielen, und die Vielen sind eins in ihm. Mit anderen Worten, Brahman ist in seiner Einheit des Geistes seiner vielfachen Seelen bewusst, und er ist in dem Bewusstsein seiner vielfältigen Seelen der Einheit aller Seelen inne. In jeder Seele ist er, der immanente Geist. Als der Herr in jedem Herzen ist er seiner Einheit bewusst. Der durch ihn erleuchtete Jivatman, seiner Einheit mit dem Einen bewusst, nimmt auch seine Einheit mit den Vielen wahr. Unser vordergründiges Bewusstsein, das mit dem Körper und mit dem zerteilten Leben und dem zerteilenden Mental identisch ist, ist unwissend. Aber auch dieses kann erleuchtet und bewusst gemacht werden. Die Vielfalt ist also nicht die notwendige Ursache der Unwissenheit.
Unwissenheit tritt, wie wir schon festgestellt haben, erst auf einer späteren Stufe, als eine spätere Bewegung, auf, wenn das Mental sich von seiner spirituellen und supramentalen Basis getrennt hat. Sie erreicht ihre Höhe in diesem Erdenleben dort, wo sich das individuelle Bewusstsein in den Vielen durch das zerteilende Mental mit der Form identifiziert, die die einzige sichere Basis für die Zerteilung ist. Was ist aber die Form? Sie ist, wenigstens so, wie wir sie hier sehen, eine Ausgestaltung von konzentrierter Energie, eine Konzentration von Bewusstseinskraft in ihrer Bewegung, eine Verknüpfung, die durch einen ständigen Wirbel von Aktivität im Dasein erhalten wird. Aber aus welcher transzendenten Wahrheit oder Wirklichkeit sie auch hervorgehen oder welche sie auch zum Ausdruck bringen mag, sie ist in keinem ihrer Teile von selbst dauerhaft und ewig in der Manifestation. Sie ist weder ewig in ihrer Ganzheit noch in den sie konstituierenden Atomen. Denn diese können dadurch zertrümmert werden, dass man in einer dauerhaften konzentrierten Aktion die Energie-Verknüpfung auflöst, die das einzige ist, was ihre scheinbare Stabilität erhält. Eine Konzentration von tapas in Bewegung von Kraft auf die sie im Dasein erhaltende Form bringt die physische Grundlage für die Zerteilung zustande. Aber alle Dinge in der Aktivität sind, wie wir gesehen haben, eine Konzentration von tapas in Bewegung von Kraft auf sein Objekt. Der Ursprung der Unwissenheit muss also in einer gewissen in sich selbst absorbierten Konzentration von tapas, von Bewusster-Kraft, gesucht werden, die auf eine separate Bewegung der Kraft einwirkt. Für uns nimmt das den Anschein an, als ob sich das Mental mit der separaten Bewegung identifiziere und sich auch innerhalb der Bewegung getrennt mit jeder der Formen identifiziere, die aus ihr hervorgehen. So bildet die Unwissenheit eine Wand von Separation, die das Bewusstsein in jeder Gestalt davon ausschließt, dass es seines eigenen totalen Selbsts oder des Bewusstseins anderer verkörperter Wesen und des universalen Wesens gewahr wird. Hier müssen wir Ausschau halten nach dem Geheimnis der in Erscheinung getretenen Unwissenheit des verkörperten mentalen Wesens ebenso wie der großen in Erscheinung getretenen Nichtbewusstheit der physischen Natur.
Worte Sri Aurobindos
In der wesentlichen Tatsache seines universalen Seins ist Brahman eine Einheit und eine Vielfalt, die einander bewusst und ineinander bewusst sind. In seiner Wirklichkeit ist Brahman jenseits des Einen und der Vielen, enthält beide in sich und ist beider bewusst. Darum kann die Unwissenheit nur als ein untergeordnetes Phänomen durch eine Bewusstseins-Konzentration zustande kommen, die in ein Teil-Wissen oder ein Teil-Wirken des Wesens versunken ist und alles Übrige von ihrem Wahrnehmen ausschließt. Das mag entweder zu einer Konzentration des Einen in sich selbst unter Ausschluss der Vielen oder zu einer Konzentration der Vielen in ihrer eigenen Aktivität führen, wobei die All-Bewusstheit des Einen ausgeschlossen ist. Oder das individuelle Wesen ist in sich selbst konzentriert unter Ausschluss sowohl des Einen wie der übrigen Vielen, die dann für es gesonderte, in seine unmittelbare Bewusstheit nicht mit eingeschlossene Einheiten sind. Es ist aber auch möglich, dass an einem gewissen Punkt eine allgemeine Regel exklusiver Konzentration gilt oder eintritt, die in allen diesen drei Richtungen wirksam ist, eine Konzentration gesonderten aktiven Bewusstseins in einer gesonderten Bewegung. Das findet aber nicht in dem wahren Selbst statt, sondern in der Kraft des aktiven Wesens, in Prakriti.
Wir ziehen diese Hypothese den anderen vor, weil keine der anderen, für sich allein genommen, alle Fakten des Seins in sich enthalten oder miteinander in Einklang bringen kann. Das integrale Brahman kann in seiner Vollständigkeit nicht der Ursprung der Unwissenheit sein, da seine Vollständigkeit eigentlich All-Bewusstsein ist. Das Eine kann in seinem bewussten integralen Wesen das Vielfältige nicht ausschließen, weil sonst das Vielfältige überhaupt nicht existieren würde. Höchstens könnte es fern vom kosmischen Kräftespiel in seinem Bewusstsein irgendwo in den Hintergrund treten, um im individuellen Wesen eine ähnliche Bewegung möglich zu machen. In der Vollständigkeit der Vielen oder in jedem Selbst der Vielen können diese nicht wirklich unwissend sein hinsichtlich des Einen oder der anderen Vielen, weil wir unter „Viele“ das gleiche göttliche Selbst in allen verstehen, das hier zwar individualisiert, doch im bewussten Wesen mit allen und auch mit dem ursprünglichen und transzendenten Wesen in einer einzigen Universalität eins ist. Unwissenheit ist darum nicht der natürliche Charakter des Bewusstseins der Seele, selbst nicht der individuellen Seele. Sie ist das Ergebnis dessen, dass durch ein gewisses Wirken in der Bewusstseins-Kraft das Besondere hervorgehoben wird, wenn diese ganz in ihrer Aktivität versunken ist und ihr Selbst und die vollständige Wirklichkeit der Natur vergisst, Dieses Wirken kann nicht das ganze Wesen oder die ganze Kraft des Wesens ausmachen. Denn der Charakter dieser Vollständigkeit ist ein ganzes und nicht ein partielles Bewusstsein. Es muss sich um eine vordergründige oder partielle Bewegung handeln, die in einer oberflächlichen oder partiellen Aktion des Bewusstseins und der Kraft versunken, in seine äußere Form konzentriert ist und alles Übrige vergisst, das nicht in der äußeren Gestalt beschlossen und offenkundig wirksam ist. Die Unwissenheit ist das absichtliche Vergessen des Selbsts und des Alls in der Natur. Sie schiebt diese beiseite und stellt sie in den Hintergrund zurück, um allein das zu tun, was sie in einem bestimmten äußeren Spiel des Seins zu tun hat.
In der Unendlichkeit des Wesens und seiner unendlichen Bewusstheit ist die Konzentration des Bewusstseins, tapas, stets als innewohnende Macht von Bewusstseins-Kraft gegenwärtig. Sie ist ein selbst-verhaltenes oder in sich oder auf sich oder auf sein Objekt konzentriertes Innesein der ewigen Bewusstheit. Das Objekt ist aber in irgendeiner Weise stets sie selbst, ihr eigenes Wesen oder eine Manifestation oder Bewegung ihres Wesens. Die Konzentration mag wesenhaft sein. Sie mag sogar ein einziges Innewohnen oder völliges Versunkensein in den Grund ihres eigenen Wesens sein, eine erleuchtete oder selbst-vergessene Versenkung in sich. Sie kann eine vollständige, eine ganz oder teils mannigfaltige Konzentration sein. Sie mag auch die gesonderte Berücksichtigung eines einzigen Feldes ihres Wesens oder ihrer Bewegung sein, eine ausschließliche, punktartige Konzentration auf ein einziges Zentrum oder ein völliges Aufgehen in einer einzigen objektiven Form ihres Selbst-Seins. Die erste, die wesenhafte Konzentration ist am einen Ende das überbewusste Schweigen und am anderen Ende das Nichtbewusste. Die zweite, die vollständige, ist das umgreifende Bewusstsein von Sachchidananda, die supramentale Konzentration. Die dritte, die mannigfaltige, ist die Methode der zusammenfassenden oder globalen obermentalen Bewusstheit. Die vierte, die abgesonderte, ist charakteristisch für die Art der Unwissenheit. Die höchste Vollständigkeit des Absoluten hält alle diese Zustände oder Mächte seines Bewusstseins als ein einziges unteilbares Wesen zusammen. Es schaut auf sie alle als sein Selbst in Manifestation mit gleichzeitiger Selbst-Schau.
Man könnte also sagen, Konzentration im Sinne verhaltenen Innewohnens in sich selbst oder bezogen auf sich als Objekt gehöre zur eigentlichen Natur des bewussten Wesens. Denn obwohl es eine unendliche Ausweitung und weite Ausstreuung von Bewusstsein gibt, bleibt es doch eine verhaltene oder im Selbst enthaltene Ausweitung oder eine verhaltene oder im Selbst enthaltene Ausstreuung. Wenn es auch scheinbar eine Zerstreuung seiner Energien ist, ist es doch in Wirklichkeit eine Form von Austeilung und in einem Bereich seiner Außenseite nur möglich, weil sie von einer zugrunde liegenden, verhaltenen Konzentration getragen und unterstützt wird. Eine ausschließliche Konzentration auf ein einzelnes Subjekt oder Objekt oder in einem Bereich des Wesens oder einer Bewegung ist kein Verneinen der Bewusstheit des Geistes oder ein Heraustreten aus ihr, vielmehr eine der Formen, in denen sich die Macht von tapas selbst sammelt. Wenn aber die Konzentration exklusiv ist, bewirkt sie, dass alles übrige Selbst-Wissen hinter ihr zurückgehalten wird. Sie mag sich immer dieses Übrigen bewusst sein, handelt aber, als wäre sie dessen nicht bewusst. Das wäre aber noch kein Zustand oder Handeln der Unwissenheit. Erst wenn das Bewusstsein durch die Konzentration eine Wand der Ausschließung errichtet und sich dadurch selbst auf ein einzelnes Feld, auf einen Bereich oder einen Haltepunkt in der Bewegung so begrenzt, dass es nur dessen bewusst wird und alles andere als außerhalb von sich auffasst, haben wir das Prinzip eines sich selbst begrenzenden Erkennens, das zu einem separativen Wissen führen und seinen Höhepunkt in positiver und effektiver Unwissenheit finden kann.
Wir können eine gewisse Ahnung dessen, was das bedeutet und wozu es beim Handeln führt, bekommen, wenn wir die Art einer ausschließenden Konzentration im mentalen Menschen, in unserem eigenen Bewusstsein, betrachten. Zuerst müssen wir beachten, dass das, was wir gewöhnlich unter dem Menschen verstehen, nicht sein inneres Selbst ist; es ist nur die Summe einer sichtbaren, dauernden Bewegung von Bewusstsein und Kraft in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, der wir diesen Namen geben. Es ist das, was in der äußeren Erscheinung alles Wirken des Menschen leistet, alle seine Gedanken denkt und alle seine Empfindungen fühlt. Diese Energie ist eine Bewegung von Bewusstseins-Kraft, die in einem vorübergehenden Strom innerer und äußerer Wirkensweise konzentriert ist. Wir wissen aber, dass hinter diesem Energie-Strom ein ganzes Meer von Bewusstsein existiert, das zwar des Stromes bewusst, dessen aber der Strom unbewusst ist. Denn diese Summe von Energie an der Oberfläche ist eine Auswahl, ein Resultat von allem Übrigen, das unsichtbar ist. Dieses Meer ist das subliminale Selbst, das überbewusste, das unterbewusste, das des Inneren oder das der Außenwelt bewusste Wesen, ferner die Seele, die seelische Wesenheit, die dies alles zusammenhält. Der Strom ist der natürliche, der äußere Mensch. In diesem an seiner Oberfläche lebenden Menschen ist tapas, die dynamische Bewusstseins-Kraft des Wesens, vordergründig in einer bestimmten Menge von Wirkensweisen an der Außenseite konzentriert. Alles Übrige von seinem Selbst hat es zurückgestellt und kann dessen nur vage im unartikulierten Hintergrund seines bewussten Seins gewahr werden. Es ist dessen aber nicht in der vordergründigen, von der Oberfläche in Anspruch genommenen Bewegung bewusst. Es ist nicht eigentlich, zumindest nicht in jenem Hintergrund oder in jenen Tiefen, in einem wesentlichen Sinn des Wortes über sich selbst unwissend. Aber es hat für die Zwecke seiner Bewegung an der Oberfläche und innerhalb dieser Bewegung sein wirkliches, größeres Selbst vergessen, da es allein von dem in Anspruch genommen und ausschließlich auf das konzentriert ist, was es in seinem vordergründigen Bereich tut. In Wirklichkeit vollzieht jedoch jenes verborgene Meer und nicht die oberflächliche Strömung alles Wirken: Das Meer ist die Ursache dieser Bewegung, nicht die bewusste Welle, die es emporwirft, einerlei, was das Bewusstsein dieser Woge, die in ihre Bewegungen versunken ist, in diesen lebt und nichts anderes sieht als diese, darüber denken mag. Und dieses Meer, dieses wirkliche Selbst, das integrale bewusste Wesen, die integrale Kraft des Wesens, ist nicht unwissend. Sogar die Woge ist nicht wesenhaft unwissend, denn sie enthält in sich selbst das ganze Bewusstsein, das sie zwar vergessen hat, ohne das sie aber gar nicht wirken oder weiterbestehen könnte. Sie ist aber selbstvergessen, in ihrer eigenen Bewegung völlig aufgegangen, zu sehr darin versunken, als dass sie etwas anderes als diese Bewegung zur Kenntnis nehmen könnte, solange diese sie ständig und vor allem anderen beschäftigt. Ein begrenztes praktisches Sich-selbst-Vergessen, aber keine essenzielle und bindende Selbst-Unwissenheit ist die Art dieser ausschließenden Konzentration, die jedoch die Wurzel von dem ist, was sich als Unwissenheit auswirkt.
So sehen wir auch: Zwar ist der Mensch in Wirklichkeit ein unteilbarer Strom von tapas, von bewusster Energie in der Zeit: Er kann in der Gegenwart nur aufgrund der Summe der Kraft seines vergangenen Wirkens handeln, und er erschafft bereits seine Zukunft durch seine vergangene und gegenwärtige Aktivität. Dennoch lebt er, vom gegenwärtigen Augenblick völlig absorbiert, von einem Augenblick zum anderen. Darum weiß er in dieser oberflächlichen Aktivität seines Bewusstseins nichts von seiner Zukunft und ebensowenig etwas von seiner Vergangenheit, abgesehen von jenem kleinen Teil von ihr, den er sich jeden Augenblick durch seine Erinnerung zurückzurufen vermag. Er lebt jedoch nicht wirklich in der Vergangenheit. Was er zurückruft, ist nicht die Vergangenheit selbst, sondern nur ihr Gespenst, der begriffliche Schatten einer Wirklichkeit, die jetzt für ihn tot, nicht-existent, nicht mehr im Dasein ist. Aber all das ist ein Wirken der vordergründigen Unwissenheit. Das wahre Bewusstsein in seinem Inneren ist sich seiner Vergangenheit nicht unbewusst. Es bewahrt sie, nicht notwendigerweise in der Erinnerung, sondern im Wesen, als noch aktiv, lebendig und in ihren Ergebnissen greifbar. Es sendet diese von Zeit zu Zeit empor in die Erinnerung, konkreter dem äußeren bewussten Wesen, im Resultat eines vergangenen Handelns oder vergangener Ursachen – das ist in Wirklichkeit die Erklärung für das, was man Karma nennt. Dieses wahre Bewusstsein nimmt auch die Zukunft wahr oder kann das tun. Denn irgendwo im inneren Wesen ist ein Bereich des Erkennens, der für Zukunfts-Wissen, für einen Zeit-Sinn, für eine Zeit-Schau, für ein Zeit-Verstehen offen ist, das ebenso voraus wie nach rückwärts schaut. Etwas in ihm lebt unteilbar in den drei Zeiten und enthält alle scheinbaren Zerteilungen in sich. Es hält in sich die Zukunft zu ihrer Manifestation bereit. Hier also, in dieser Gewohnheit, nur in der Gegenwart zu leben, haben wir ein zweites Versunkensein, eine zweite ausschließende Konzentration, die das Wesen weiter kompliziert und eingrenzt, die aber den sichtbaren Ablauf des Wirkens dadurch vereinfacht, dass sie dieses nicht auf den ganzen unendlichen Ablauf der Zeit, sondern auf eine begrenzte Aufeinanderfolge von Augenblicken bezieht.
Darum ist der Mensch in seinem äußeren Bewusstsein sich selbst gegenüber dynamisch und praktisch der Mensch des Augenblicks, nicht der Mensch der Vergangenheit, der einst war und nicht mehr existiert, und auch nicht der Mensch der Zukunft, der noch nicht existiert. Durch Erinnerung verbindet er sich mit dem einen, durch Vorausahnen mit dem anderen. Sein Ego-Sinn durchläuft beständig die drei Zeiten. Dieser ist aber eine zentralisierende mentale Konstruktion, kein wesenhaftes und umfassendes Sein, das alles in sich enthält, was war, ist und sein wird. Hinter ihm steht eine Intuition des Selbsts. Diese ist aber eine fundamentale Identität, die von den Wandlungen seiner Personalität nicht beeinträchtigt wird. Er ist in seiner vordergründigen Wesensgestaltung nicht jenes, sondern das, was er im Augenblick ist. Dennoch ist dieses Dasein im Augenblick die ganze Zeit über nicht die wirkliche oder die ganze Wahrheit seines Wesens, sondern nur eine praktische oder pragmatische Wahrheit für die Zwecke der Abläufe an der Außenseite seines Lebens und in dessen Grenzen. Sie ist Wahrheit, keine Unwirklichkeit. Aber sie ist Wahrheit nur in ihrem positiven Tell. In ihren negativen Teilen ist sie Unwissenheit. Diese negative Unwissenheit begrenzt auch die praktische Wahrheit und entstellt sie oft so, dass das bewusste Leben des Menschen gemäß der Unwissenheit, einem partiellen, halb-wahren und halb-falschen Wissen verläuft und nicht Im Einklang mit der wirklichen Wahrheit seiner selbst, die er vergessen hat. Weil jedoch sein wirkliches Selbst in Wahrheit die bestimmende Macht ist und alles insgeheim vom Hintergrund her lenkt, bestimmt in Wirklichkeit ein hintergründiges Wissen den gestalteten Verlauf seines Daseins. Die vordergründige Unwissenheit bildet eine notwendige, begrenzende äußere Linie und liefert die Faktoren, durch die seinem Bewusstsein und seinem Wirken die äußere Färbung und Richtung gegeben werden, die er für sein gegenwärtiges menschliches Leben und seinen jetzigen Augenblick braucht. In derselben Welse und aus demselben Grund identifiziert sich der Mensch auch nur mit dem Namen und der Gestalt, die er in seinem gegenwärtigen Dasein trägt. Er weiß nichts von seiner Vergangenheit vor der Geburt und ebensowenig von seiner Zukunft nach dem Tod. Aber alles, was er vergisst, ist in dem alles-bewahrenden integralen Bewusstsein in seinem Inneren enthalten und bleibt gegenwärtig und wirksam.
Es gibt noch eine untergeordnete pragmatische Verwendung einer ausschließenden Konzentration im Vordergründigen, die uns, trotz ihres vordergründigen Charakters, einen Hinweis geben kann. Der äußere Mensch lebt von einem Augenblick zum anderen. Er spielt in seinem gegenwärtigen Leben sozusagen verschiedene Rollen. Während er mit jeder einzelnen Rolle beschäftigt ist, kann er sich ausschließlich auf sie konzentrieren und ist von ihr so absorbiert, dass er sein ganzes übriges Dasein vergisst, es für den Augenblick nach hinten verdrängt und im gleichen Maß sich selbst vergisst. Für den Augenblick ist dieser Mensch der Schauspieler, der Dichter, der Soldat oder das, wozu er durch ein besonderes und charakteristisches Wirken der Kraft seines Wesens, durch sein tapas, seine vergangene bewusste Energie und das Handeln, das sich daraus entwickelt, konstituiert oder gestaltet wurde. Er ist nicht nur fähig, sich an diese ausschließliche Konzentration auf einen Teil seines Wesens für den Augenblick ganz hinzugeben, sondern sein Erfolg im Wirken hängt weithin von der Vollständigkeit ab, mit der er so all sein übriges Wesen beiseite lassen und nur in seinem unmittelbaren Werk leben kann. Dennoch können wir allezeit sehen, dass es der ganze Mensch ist, der in Wirklichkeit die Handlung vollzieht, und nicht nur dieser besondere Teil von ihm. Was er tut, die Art, wie er es tut, die Elemente, die er bei seinem Tun verwendet, und das Gepräge, das er seinem Werk verleiht, sind abhängig von seinem ganzen Charakter, seinem Mental, seiner inneren Gestaltung, seinem Genie, von allem, wozu ihn seine Vergangenheit gemacht hat und nicht allein seine Vergangenheit in diesem Leben, sondern auch in anderen Lebensabläufen. Und wiederum ist nicht nur seine Vergangenheit, sind vielmehr Vergangenheit, Gegenwart und vorausbestimmte Zukunft sowohl von ihm selbst als auch seiner Umwelt die bestimmenden Faktoren seines Wirkens. Der gegenwärtige Schauspieler, Dichter oder Soldat in ihm ist nur eine gesonderte Bestimmung seines tapas. Es ist die Kraft des Wesens, die für eine besondere Art des Wirkens seiner Energie, für eine gesonderte Bewegung von tapas organisiert und befähigt ist – und diese Befähigung ist keine Schwäche, kein Mangel, sondern eine große Macht des Bewusstseins -, sich in diesem besonderen Wirken ganz zu verzehren, so dass er zeitweilig all sein Übriges vergisst, obwohl doch jenes Übrige die ganze Zeit im Hintergrund des Bewusstseins und im Wirken selbst gegenwärtig und aktiv ist oder seinen Einfluss auf die Gestaltung des Werkes ausübt. Diese aktive Selbst-Vergessenheit des Menschen in seinem Werk und in der Rolle, die er spielt, unterscheidet sich von der anderen, tieferen Selbst-Vergessenheit insofern, als die Trennungswand weniger deutlich in Erscheinung tritt und auf die Dauer nicht vollständig ist. Das Mental kann seine Konzentration auflösen und jederzeit von seinem Werk in das Bewusstsein jenes umfassenderen Selbsts zurücktreten, dessen Teil-Wirksamkeit es war. Der äußere, der nur im Sichtbaren lebende Mensch, kann nicht ebenso aus eigenem Willen zu dem wirklichen Menschen in seinem Inneren zurücktreten. Unter außergewöhnlichen Bedingungen seiner Mentalität kann er das auf abnorme oder übernormale Weise nur bis zu einem gewissen Grad oder dauernd als das Ergebnis eines langen und harten Selbst-Trainings, einer Selbst-Vertiefung und Selbst-Erhöhung oder Selbst-Ausweitung. Immerhin kann er zurücktreten. Darum ist der Unterschied nur ein phänomenaler, kein essenzieller. Im wesentlichen ist es in beiden Fällen dieselbe Bewegung einer ausschließenden Konzentration, wobei der Mensch in einen besonderen Aspekt seiner selbst, in ein Handeln, eine Bewegung von Kraft absorbiert ist. Jedoch sind die Umstände verschieden, und es handelt sich um eine andere Art des Wirkens.
