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Bigna stibitzt mit Leidenschaft Erdbeeren aus Nachbars Garten. Das Mädchen aus der Val Müstair philosophiert mit kindlicher Radikalität über Gott und die Welt, das Christkind und die Staus in ihrem kleinen Alpendorf. Eine »Entsorgungsstelle für liegengebliebene, doppelte und ungeliebte Geschenke und Dinge aller Art« wird gegründet. Vor allem aber liebt das Kind, das bald nicht mehr Mädchen noch Junge sein will, sondern eben einfach Bigna, das immer größer wird und immer größere Fragen stellt, die Berge. Dann allerdings möchte der lange abwesende Vater Bigna zu sich in die Stadt holen. Eine warmherzige und schelmische Geschichte über fast alles, was im Leben wichtig ist.
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Seitenzahl: 176
Veröffentlichungsjahr: 2026
Tim Krohn
Atlantis
Auf der alten Mauer, die unseren Obstgarten umgibt, sonnen sich gern Katzen, die fuchsrote unserer Nachbarin und wilde. Auch ein kleines Mädchen sitzt oft da, Bigna, sie ist die Tochter einer der Weberinnen. Sie ist vielleicht vier Jahre alt, und ich wundere mich jedes Mal, wie leicht sie die Mauer erklimmt. Im Sommer bat sie mich um Erdbeeren, im Herbst waren es Himbeeren oder Äpfel.
Nein, sie bat nicht, sie sagte nur: »Gib mir Erdbeeren.« Und während ich mit ihr über Dinge redete, die mir gerade so einfielen, stopfte sie sich den Mund voll.
Nachdem Not, der Bauer des Guts unten am Bach, mich mit ihr gesehen hatte, sprach er mich bei nächster Gelegenheit an. Das überraschte mich, denn Not war als hartnäckiger Schweiger bekannt.
»Dieses Mädchen ist mir nicht geheuer«, erklärte er mir, »die wird dem Dorf noch Probleme machen.«
Und als ich fragte, warum er das denke, erzählte er, dass sie oft zu ihm in den Stall kam, während er melkte. »Ich auch«, sagte sie jedes Mal, und obwohl er ihr mehrmals auseinandergesetzt hatte, dass sie zum Melken zu klein sei und er nicht riskieren wolle, dass sie von einem Huf getroffen werde, sagte sie es immer wieder. »Ich war schon bei Chatrina, ihrer Mutter, um ihr zu sagen, sie soll das Kind nicht so herumstreunen lassen«, schloss er richtig echauffiert. »Aber die antwortete nur, dass sie nun einmal arbeiten muss und das Kind so lange schließlich nicht anbinden kann.«
»Vielleicht meint Bigna gar nicht das Melken, wenn sie ›ich auch‹ sagt«, bemerkte ich aufs Geratewohl.
»Was denn sonst?«, fragte Not.
Darauf hatte ich auch keine Antwort, aber ich schlug vor, dass Not sie fragte, wenn sie das nächste Mal zu ihm in den Stall kam.
Das hatte er getan, als wir einander zwei Tage später auf unserem kleinen Markt begegneten.
»Stell dir vor«, berichtete er regelrecht empört, »dieses Gör behauptet, von mir geträumt zu haben. Im Traum soll ich behauptet haben, dass ich einsam bin. Ich und einsam – als hätte ich nicht meine Kühe!«
Not hatte nicht nur seine Kühe, er hatte auch Frau und Kinder. Aber mehr als an ihn dachte ich an Bigna.
»Hast du das Chatrina erzählt?«, fragte ich. »Ich meine, dass ihre Tochter sich einsam fühlt?«
Doch Not sagte nur: »Was geht das mich an?«
Also erzählte ich es Chatrina, die Weberei ist gleich um die Ecke.
Sie stutzte. »Dass Not einsam ist, glaube ich gern. Aber warum Bigna? Sie hat doch mich.«
Und Bigna lachte nur, als ich sie fragte, und schenkte mir drei Haselnüsse, die sie gesammelt hatte.
Als ich gestern ein paar Schritte ging, hörte ich Bigna von unten vom Bach her rufen. Ich wusste gleich, warum. Zwei Tage zuvor hatte ich dort ein totes Reh liegen sehen. Ich hatte vor, den Wildhüter anzurufen, doch als ich heimkam, brannte meiner Frau das Öl in der Pfanne, und darüber ging das Reh vergessen.
»Da liegt ein Tier mit einem Loch«, rief Bigna, als ich zu ihr hinabstieg. Vor Aufregung oder Ungeduld hüpfte sie beidbeinig auf und ab.
»Ich weiß, ein Reh«, sagte ich.
»Aber warum hat es ein Loch?«, fragte sie.
Das Reh lag da, als schlafe es, halb eingerollt, den Kopf zwischen den Vorderläufen. Im Nacken oder etwas tiefer, unterhalb der Schulterblätter, hatte es ein kraterförmiges Loch, und die inneren Organe fehlten. Offenbar hatte etwas an ihm genagt.
»Vielleicht hat es der junge Wolf gerissen, den sie auf der Passhöhe gesichtet haben«, riet ich.
Dagegen sprach, dass kaum Blut zu sehen war. Das fiel auf der dürren Wiese kaum auf, doch zwei Tage zuvor hatte noch Schnee gelegen, und ich hatte zwar weiter oben am Hang immer wieder Haarbüschel gefunden und auch einzelne Blutflecken, aber nirgends eine Lache oder Kampfspuren. »Vielleicht ist es auch erfroren, oder es war krank«, sagte ich.
»Das wäre aber traurig.«
»Trauriger, als wenn der Wolf es reißt?«
Bigna nickte. »Es ist doch ein Reh. Rehe werden nun mal gefressen. Jedenfalls, wenn ich ein Reh wäre, würde ich lieber vom Wolf gefressen, als dass ich sterbe, weil ich krank bin.«
»Aber traurig ist beides.«
Bigna sah mich an, als hätte sie mir mehr Grips zugetraut. »Wenn Mama am Abend aus der Weberei kommt, stöhnt sie auch, weil ihr alles weh tut. Aber zufrieden ist sie doch.«
»Du meinst, das Reh stirbt zufrieden, weil es Futter für den Wolf sein darf?«, fragte ich nach.
Aber Bigna hörte nicht mehr zu. Sie beugte sich vor, um das Tier zu untersuchen.
»Nicht anfassen«, bat ich.
Also richtete sie sich wieder auf, nahm meine Hand und betrachtete das Reh. Dann zuckte sie mit den Schultern und sagte: »Aus die Maus. Was machen wir jetzt?«
»Ich gehe heim und rufe den Wildhüter an«.
»Wozu?«
»Damit er das Reh holt und verbrennen lässt.«
»Verbrennen? Wieso kann er es nicht liegen lassen?«, fragte sie betrübt. »Vielleicht isst der Wolf noch auf.«
»Es kann auch ein tollwütiger Hund gewesen sein«, sagte ich. »Das wäre gefährlich.«
Bigna seufzte. »Wenn mich etwas fressen würde, hätte ich aber lieber, dass es aufisst.«
Gestern wollte ich im Garten schreiben. Als ich schimpfend in den Taschen meiner Jacke und im Gras nach meiner Lesebrille suchte, schwang Bigna sich auf die Gartenmauer und fragte: »Wieso schimpfst du so?«
»Ich finde meine Lesebrille nicht.«
»Was willst du denn lesen?«
»Ich will nicht lesen, ich will schreiben.«
»Und wozu brauchst du dann die Brille?«
»Um zu lesen, was ich geschrieben habe.«
»Weißt du denn nicht, was du geschrieben hast?«, bohrte Bigna.
Ich wurde langsam nervös, denn ich sollte den Text am Abend abliefern, und die Brille war nicht zu finden. Ich ging zurück ins Haus, aber dort fand ich sie auch nicht. Als ich zurückkam, saß Bigna an meinem Computer und spielte mit der Tastatur.
»Ich wollte dir die Schrift größer machen«, behauptete sie, als ich sie verscheuchte. »Wenn meine Mama etwas nicht lesen kann, macht sie die Schrift größer.«
»Ich habe ja noch gar nicht angefangen zu schreiben«, sagte ich. »Da kann man auch nichts größer machen. Ich brauche die Brille, sonst kann ich mich nicht konzentrieren.«
»Wozu ist denn die Brille, die du auf dem Kopf hast?«, fragte Bigna.
Es war meine Lesebrille, und nachdem ich mich bedankt hatte, verabschiedete ich mich und versuchte einen Anfang zu finden.
»Wieso schreibst du denn jetzt nicht?«, fragte Bigna nach einer Weile. »Ist es doch die falsche Brille? Vielleicht brauchst du eine stärkere. Mama sagt immer: ›Wenn es so weitergeht, werde ich noch blind.‹ Vielleicht wirst du blind.«
Ich dachte an meine Mutter, die tatsächlich altersblind war. »So alt bin ich noch nicht. Und bis ich so alt bin, muss ich noch eine Menge schreiben.«
»Warum?«
»Um Geld zu verdienen. Außerdem macht es mir Freude. Auch wenn es nicht immer so aussieht.«
»Wenn du blind bist, brauchst du kein Geld mehr?«
»Dann bekomme ich Geld fürs Blindsein.«
»Und dann schreibst du nicht mehr?«
»Ich weiß es nicht«, sagte ich ehrlich. »Im Alter geht der Blick nach innen. Deshalb ist es auch ganz in Ordnung, wenn man nichts mehr sieht. Ich weiß nicht, ob man dann noch etwas zu erzählen hat.«
»Wieso, dann kann man doch erzählen, was man innen sieht.«
»Ich glaube ja, innen ist nichts. Das Innere des Menschen ist weit und leer. Auf schöne Weise leer.«
»Dunkel?«
»Nein, hell«, behauptete ich.
Darüber dachte Bigna nach, während ich endlich die ersten Zeilen meines Textes schrieb. Sie wartete, bis ich absetzte, ehe sie feststellte: »Dann ist innen aber schöner als außen. Außen ist immer alles so voll, und dunkel auch oft.«
»Ja«, sagte ich nur, denn in Gedanken formulierte ich bereits den nächsten Satz.
»Aber wozu haben wir dann Augen?«, fragte Bigna fast gereizt. Ich hatte keine Zeit zu antworten, denn nun überschlugen sich meine Gedanken, und sah erst auf, als Bigna rief: »Ach so, jetzt weiß ich: Das Beste kommt zuletzt. Wie beim Nachtisch.«
Als ich heute in den Garten kam, um den Bohnen eine Rankhilfe zu geben, machte Bigna sich in der Igelecke zu schaffen. Dort lagerte ein Haufen Schnittholz. »Pass auf die Brennnesseln auf«, rief ich ihr zu, doch sie stapfte zielstrebig ins Dickicht und zerrte unseren alten Weihnachtsbaum hervor. Er war tot, alle Nadeln abgefallen, ein paar Goldfäden mit Resten von Stanniolpapier und etwas Kerzenwachs machten ihn noch trostloser. Sie schleppte ihn auf den Kartoffelacker.
»Wozu brauchst du den?«, fragte ich und half, den Fuß so einzugraben, dass der Baum stand.
»Um Weihnachten zu feiern natürlich.«
»Ende Juni?«
Doch Bigna hatte keine Zeit, mit mir zu diskutieren. Sie stieg auf den Eimer mit der Brennnesseljauche, beugte sich übers Kompostgitter und wühlte im Küchenabfall – fast fiel sie hinein. Sie sammelte Apfel-, Bananen- und Gurkenschalen, Fenchelkraut, faule Kirschen mit Stiel und Rhabarberfäden, um damit den Baum zu schmücken. Sie bewarf ihn mehr, als dass sie ihn behängte, auch einen Regenwurm und zwei Nacktschnecken platzierte sie auf seinen Ästen.
»Ich weiß nicht, was das mit Weihnachten zu tun hat«, bemerkte ich vorsichtig.
»Gefällt er dir nicht?«, fragte Bigna herausfordernd.
»Wenigstens ein paar Kerzen sollte er haben«, fand ich und bot an, im Haus welche zu holen, »schließlich ist Weihnachten das Fest des Lichts.«
»Sieh mal hoch«, forderte sie mich auf. Wie meist bei uns war der Himmel tiefblau, die Sonne strahlte. »Außerdem feiern auch die Australier im Sommer Weihnachten.«
Dagegen konnte ich wenig sagen, und so widmete ich mich erneut den Bohnen. Erst als sie aus voller Kehle Quaida not, soncha not krähte, schrie ich gegen den Lärm an: »Auf Deutsch heißt es Schlaf in himmlischer Ruh.«
»Auf Romanisch auch«, brüllte sie zurück, obwohl sie ja nun nicht mehr sang und nur ein paar Schwalben zu hören waren und eine Kröte, die in unserem Abwasserschacht wohnte.
Ich pflückte ein paar Erdbeeren und teilte mit ihr. »Für mich hat Weihnachten mit Stille zu tun, mit Reinheit und innerer Ruhe. Deshalb ist der Schnee so wichtig.«
»Die Australier haben aber nun mal keinen Schnee«, antwortete Bigna mit funkelndem Blick, »sollen sie deshalb keine Weihnachten haben? Im Sommer hat Weihnachten mit Krach zu tun, mit Dreck und Wut. Das ist auch wichtig. Hast du ein Feuerzeug? Dann zünden wir jetzt den Baum an.«
Einmal im Jahr haben wir im Dorf Flohmarkt. Bald ist es wieder so weit, und gestern kam Bigna zu mir und sagte: »Ich will am Markt einen Stand haben, du musst mir helfen.« –
»Was willst du denn verkaufen?«
Sie sah mich irritiert an. »Das habe ich mir noch gar nicht überlegt.«
»Du könntest Blumen pflücken.«
»Nein, ich will Geld verdienen.«
»Ja, ja, du pflückst Blumen und verkaufst sie.«
»Aber die Blumen gehören mir doch nicht.«
»Sie gehören dem, der sie pflückt, außer du stiehlst sie in einem Garten.«
»Aber die Wiese gehört auch jemandem«, sagte Bigna fast vorwurfsvoll, »außerdem nehme ich sie den Kühen weg. Dafür kann ich kein Geld nehmen.«
»Vielleicht geben sie ja die Leute, die sie kaufen, ihren Kühen zu fressen«, sagte ich im Versuch, einen Scherz zu machen, aber Bigna stampfte mit dem Fuß auf.
»Das mit den Blumen ist eine schlechte Idee, gib mir eine bessere.«
»Male Bilder, Erwachsene kaufen gern Bilder.«
»Ich habe nur Wasserfarben«, antwortete Bigna, als erledige sich damit das Thema von selbst.
»Ja und?«
Sie sah mich an, als bereue sie inzwischen, mich um Hilfe gebeten zu haben. »Und wenn es regnet? Dann habe ich keine Bilder mehr und verdiene kein Geld.« Tatsächlich regnete es oft, wenn Flohmarkt war.
»Wozu brauchst du überhaupt Geld?«, wollte ich wissen, doch Bigna überhörte meine Frage.
»Außer dein Stand hat ein Dach«, sagte sie.
»Welcher Stand?«
»Du baust mir doch einen Stand.«
»Ich habe keine Zeit, dir einen Stand zu bauen. Eine Kiste kann ich dir geben, meinetwegen male ich sie noch an. Und ein Stühlchen kann ich dir borgen.«
»Was kann ich denn auf einer Kiste verkaufen? Außer Bildern und Blumen?«
»Du könntest mit den Leuten reden. Erwachsene zahlen oft Geld dafür, dass jemand mit ihnen redet.«
»Worüber?«
»Was sie gerade beschäftigt.«
»Was beschäftigt denn Erwachsene?«
»Zum Beispiel ein Kind, dass sie löchert, wenn sie eigentlich arbeiten sollten.«
»Dafür bezahlen sie?«
»Wenn du ihnen sagst, was du denkst, ja. Die Erwachsenen sagen selten, was sie denken.«
»Was ich dazu denke, dass ich mit dir rede, wenn du arbeiten willst?«
»Zum Beispiel.«
»Wenn ich du wäre, und du wärst ich, dann würde ich dich wegschicken.«
»Dann geh jetzt und lass mich fertig schreiben.«
»Wann bekomme ich meine Kiste?«
»Morgen.«
»Und mein Geld?«
»Welches Geld?«
»Ich habe ziemlich lange mit dir geredet.«
Jedes Jahr, kurz vor Advent, wird die Straße unseres Dorfs mit leuchtenden Sternen geschmückt. Das erledigt ein unermüdliches Trüpplein altgedienter oder pensionierter Gemeindearbeiter und Handwerker, die dafür sehr aufwändig auf Leitern herumkraxeln und durch Fensternischen klettern.
Als ich gestern aus dem Haus trat, um wie üblich die Post zu holen, war es wieder so weit, und unter der großen fahrbaren Leiter stand Bigna und sah mit offenem Mund zu.
»Das ist der schönste Beruf der Welt«, sagte sie, als sie mich entdeckte. »Wenn ich groß bin, hänge ich auch Sterne auf.«
»Ja, diese Sterne machen etwas her. Nur leider ist es kein Beruf, die Männer machen das ehrenamtlich.«
»Was heißt das: ehrenamtlich?«
»Dass sie kein Geld dafür bekommen.«
»Im Gegenteil«, sagte Jon, der Schreiner, der den Trupp anführte. »Die Sterne haben wir aus der eigenen Tasche bezahlt.«
Und Duri rief von oben, von der Leiter herab: »Wenn ich herunterfalle, komme ich dafür direkt in den Himmel.«
Die Männer lachten, nur Bigna fragte sehr ernst: »Was ist, wenn du auf mich fällst? Komme ich dann auch in den Himmel?«
Inzwischen hatte sich eine ganze kleine Schar von Zuschauern versammelt. »Na ja, wäre da nicht die Erbsünde«, flachste einer, offenbar war das eine Anspielung, denn diesmal lachten nur einige Auserwählte.
Rudolf, der Sattler, flüsterte mir ins Ohr: »Ihr Vater war nicht der Sauberste.«
Ein anderer hatte Duri inzwischen geraten, sich freiwillig hinunterzustürzen: »Bei deinem Lebenslauf ist das ein Schnäppchen.«
Aber Bigna beharrte auf einer Antwort, und als sie sie nicht bekam, wurde sie böse, trat gegen die Leiter und rief: »Ihr dürft nicht lachen. Das ist wichtig. Wenn ich nicht in den Himmel komme, will ich überhaupt nicht sterben.«
Ich kauerte zu ihr nieder und fasste ihre Hände. »Ich bin sicher, dass du in den Himmel kommst«, sagte ich ehrlich. »Ich wüsste nicht, wer sonst. Du wärst ein wunderbarer Engel. Trotzdem hoffe ich, du bleibst noch ganz lange bei uns.«
»Das hoffe ich auch«, sagte sie. »Wer weiß nämlich, ob die Sterne im Himmel so schön sind wie unsere.«
Einer der Zuschauer, der pensionierte Dorfpfarrer, erzählte ihr daraufhin etwas vom Licht Gottes, von dem diese Sterne allenfalls schäbige Vorboten seien. Doch Bigna schüttelte schon den Kopf, während er noch redete. Danach zeigte sie hoch zu jenem Stern, der inzwischen über unseren Köpfen hing, und sagte: »Warte, bis Jon den Strom anstellt.«
Dieses Jahr kam der Winter früh, die Kälte fraß sich im Tal fest. Es ist die Zeit, in der man die Nachbarn durchs geschlossene Fenster grüßt. Als ich Bignas Mutter Chatrina zur Weberei gehen sah, fiel mir auf, dass ich auch Bigna lange nicht gesehen hatte. Ich zog schnell Mantel und Hut an und eilte ihr nach.
»Ist Bigna krank? Man sieht sie gar nicht mehr.«
Chatrina rieb sich die erfrorene Nase. »Sie hat einen neuen Lieblingsplatz. Not sagt, sie hockt immer in seinem Stall.«
Also ging ich hinunter zu Nots Hof. Bigna saß bei den Kühen im Futtertrog. »Ich habe dich vermisst«, sagte ich und bot ihr einen Keks an, den ich in der Manteltasche gefunden hatte.
Sie versuchte, mit dem Keks einen Jungstier zu füttern. Als er Bigna mit seinem massigen Schädel wegschob, biss sie ein Stück ab und hielt ihm den Rest nochmals hin. »So geht das. Optimale Fresslust.« Der Stier versuchte, den Keks mit der Zunge zu fassen, doch dann fiel er ins Stroh, und der Stier wandte sich ab.
»Bist du den ganzen Tag hier?«, fragte ich.
Sie nickte. »Ich lerne lesen.« Am Balken über ihr hing ein Stück Pappe, sie reckte sich, fuhr mit dem Finger den Buchstaben nach und las vor: »UFA-Besamungskalender. Optimale Fresslust und Frucht-barkeit mit UFA-Mineralsalz von Ihrer landwirtschaftlichen Genossenschaft.« Sie las fast flüssig.
»Gib zu, das kannst du auswendig.«
Bigna kicherte, dann las sie mir die Wochentage vor.
»Wir haben ganz viele Bücher, auch solche mit Bildern«, sagte ich, »und bei uns ist es wärmer.«
»Ich brauche keine Bücher, ich schreibe selber.« Bigna zog mich zum Stallfenster. Es war über und über mit Eisblumen bedeckt. Darüber, offenbar mit Spucke und Dreck gemalt, zogen sich Buchstaben, manche sahen aus wie erfunden. »Lies.«
Ich versuchte es, ohne Erfolg.
Bigna nahm meinen Finger, führte ihn von unten nach oben in Schlangenlinie von Buchstabe zu Buchstabe und las: »Las ormas da las fluors.« Die Seelen der Blumen. »Die Eisblumen, das sind die Seelen der Blumen, die im Sommer blühen, ich schenke sie dir, für den Keks.«
Ich lachte. »Selbst wenn Not mir das Fenster mitgäbe, würden sie zuhause doch gleich schmelzen.«
Bigna stutzte, dann sagte sie entschieden: »Nein, du irrst dich. Die Seelen, das ist das, was bleibt.«
Nach der großen Kälte versank das Dorf im Schnee. Wir bewegten uns auf schmalen Pfaden, daneben türmten sich die Schneemassen. Bigna blieb weiter verschwunden. Ich malte mir aus, dass sie ihre eigenen Gänge durch die Gassen grub oder in Nots Stall im Heu Winterschlaf hielt. Erst als Ende Januar die Sonne wieder durchbrach, der Schnee zusehends verdampfte und die Räummannschaften die Pfade wieder zu Straßen und Plätzen frästen, sah ich sie durchs Dorf rennen und jeder und jedem, der ihr begegnete, »Bun di, bun on« wünschen, frohes Neujahr – ganz so, als ob sie tatsächlich die ersten Wochen verschlafen hätte.
Inzwischen war die Frist für Neujahrswünsche längst verstrichen – die meisten sagen, mit Dreikönig, für einige gilt auch der 15., Tag des heiligen Habakuk, als Grenze. Die Leute lachten entweder oder erwiderten flapsig: »Bun di, bun rest.« Darüber empörte Bigna sich jedes Mal von Neuem und zeterte. Sie bestand darauf, dass man ihr viele schöne Dinge wünschte.
Als ich auf der Post ihre Mutter Chatrina traf, erzählte sie: »Daran bin ich schuld. Bigna lag zu Neujahr mit Grippe im Bett. Dabei hatte sie sich so darauf gefreut, Neujahrswünsche einzusammeln. Ich musste sie wieder und wieder vertrösten, die Grippe war sehr hartnäckig.«
Als Bigna einer kleinen Gruppe Skitouristen nachstellte und wieder schimpfte, was das Zeug hielt, fing ich sie ab. »Bun di, bun on«, sagte ich, »ein glückliches, gesundes, fröhliches, leichtes Jahr wünsche ich dir.«
»Und ein langes«, forderte sie.
»Und ein langes. Warum das?«
»Weil ich im Bett liegen musste, und jetzt ist das Schönste schon vorbei.«
»Es war Winter, jetzt ist immer noch Winter. Du hast nichts verpasst.«
»Doch, den Anfang. Jetzt sind alle mittendrin, und ich war nicht dabei, das ist gemein. Und dann wünschen sie mir nicht mal etwas.«
»Das waren Touristen aus der Stadt, dort wünscht man sich nichts. Man grüßt sich nicht einmal. Wahrscheinlich verstehen sie auch kein Romanisch. Und du hast mir auch noch nichts gewünscht.«
»Stimmt«, sagte sie überrascht. »Bun di, bun rest.«
»Ich denke, du findest den Spruch doof?«
»Ja, aber es ist lustig, ihn zu sagen.«
Wenn im Flachland schon Krokusse und Narzissen blühen, schmilzt bei uns erst zaghaft der Schnee. Unser Frühling kündigt sich anders an. Die Sonne schafft es mittags wieder über den Piz Mezdi. Die Siebenschläfer wachen auf und rumoren hinter der Täfelung unseres alten Bauernhauses. Und es ist die kurze Zeit der Hausspinnen. Nur zweimal im Jahr zeigen sie sich, bei der ersten Kälte und der ersten Wärme. Es sind keine Netzspinnen, sondern Jagdspinnen, und für einige Tage sind wir nirgends vor ihnen sicher. Gestern fiel plötzlich eine aus einer Mütze unseres Neugeborenen, die ich aufhob. Ich schrie vor Schreck, zog den Hausschuh aus und machte kurzen Prozess.
Gerade da kam Bigna in die Tür. Sie kommt nun manchmal zu uns, um Bücher anzusehen. Sie schrie auch, aber so, dass es in der Gasse hallte. Sie schrie, schimpfte und weinte zugleich.
»Mörder«, rief sie, »aschaschin!«
Ich holte ein Küchenpapier, um die tote Spinne wegzuputzen. Als ich wiederkam, kniete Bigna vor der kleinen, plattgeschlagenen Leiche, sah sie fassungslos an und vergoss richtig heftig Tränen.
»Darf ich sie wegmachen?«, fragte ich.
Bigna schüttelte den Kopf. »Erst musst du dich bei ihr entschuldigen.«
»Entschuldige«, sagte ich und nahm ihre Überreste mit dem Papier auf.
Bigna blieb knien, starrte den Fleck auf dem Granit an und schüttelte immer wieder den Kopf. Die Tränen versiegten, aber das Schluchzen blieb.
»Es tut mir wirklich leid. Ich wollte unser Baby beschützen.«
»Sie war doch gar nicht beim Baby.«
Und ich hatte auch nicht die Wahrheit gesagt: Ich hätte die Spinne genauso erschlagen, wenn wir kinderlos wären. In unser Haus verirren sich viele Tiere. Spinnen, Mücken, Bienen, Wespen, Tausendfüßler, all die fange ich und setze sie aus. Siebenschläfer fahre ich sogar über den Pass und setze sie im Nationalpark aus. Ekle ich mich, gebe ich dem Tier einen Namen, Erich ist beliebt, und Erna. Manchmal erfinde ich ihm eine ganze kleine Biografie. Jagdspinnen lassen mir dafür keine Zeit.
