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Der beliebte Entertainer Yared Dibaba über Vielfalt und ein besseres Miteinander Geboren im ostafrikanischen Hochland von Oromiya in Äthiopien, aufgewachsen auf dem platten norddeutschen Land im Kreis Oldenburg und seit fast 30 Jahren in Hamburg zu Hause: Yared Dibaba. Der beliebte Entertainer liebt es, Plattdeutsch zu sprechen. Sein Markenzeichen sind sein ansteckendes Lachen und seine positive Art. Halt und Zuversicht gibt ihm sein christlicher Glaube. Diskriminierung und Alltagsrassismus Und er kennt auch bedrohliche Zeiten. Mit seiner Familie hat er den Bürgerkrieg in Äthiopien erlebt, sie waren in Lebensgefahr und mussten fliehen. In Norddeutschland angekommen, fühlte er sich lange zwischen zwei Welten. Sowohl Oromiya als auch der Norden sind seine Heimaten. Auf der einen Seite ist er hier zu Hause und erlebt gleichzeitig Diskriminierung. Sein Buch ist eine warmherzige, humorvolle und zugleich tiefgreifende Auseinandersetzung mit Identität, Alltagsrassismus und der Frage, wie wir ein echtes »Wir-Gefühl« in einer vielfältigen Gesellschaft schaffen können. Eine Einladung zum Dialog Dibaba sagt: »Es ist an der Zeit, dass wir lernen, anders, verständnisvoller und offener miteinander umzugehen. Denn die meisten Menschen, die ich kenne, haben selbst auch mehr als einmal Diskriminierung erfahren. Deshalb erzähle ich in diesem Buch meine Geschichte, stellvertretend für viele. Keine Angst: Es geht mir nicht darum, mahnend den Zeigefinger zu erheben und Forderungen aufzustellen. Ich suche immer das Verbindende, nicht das Trennende. Wer mein Buch liest, wird viel zu lachen haben – selbst wenn einem manchmal das Lachen im Halse stecken bleibt.«
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Seitenzahl: 222
Veröffentlichungsjahr: 2026
Yared Dibaba
Für eine Zukunft, in der das Wir gewinnt
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Yared Dibaba – der beliebte Entertainer mit dem ansteckenden Lachen liebt es, Plattdeutsch zu sprechen und gute Geschichten zu erzählen. Halt und Zuversicht gibt ihm sein christlicher Glaube. Und er kennt auch bedrohliche Zeiten …
Mit seiner Familie hat er den Bürgerkrieg in Äthiopien erlebt, sie waren in Lebensgefahr und mussten fliehen. In Norddeutschland angekommen, fühlte er sich lange zwischen zwei Welten. Sowohl das Hochland von Oromiya als auch der platte Norden Deutschlands sind seine Heimaten. Auf der einen Seite ist er hier zu Hause und erlebt gleichzeitig Diskriminierung.
Dieses Buch ist eine warmherzige, humorvolle und zugleich tiefgreifende Auseinandersetzung mit Identität, Alltagsrassismus und der Frage, wie wir ein echtes »Wir-Gefühl« in einer vielfältigen Gesellschaft schaffen können.
Weitere Informationen finden Sie unter: www.bene-verlag.de
Widmung
Prolog
Bin da!
Lust auf Neues – wer noch?
Die andere Seite
Chuck Norris macht keine Fehler
Griff nach dem Mond …
»Wir haben schon einen Schwarzen«
Glück
Humor
Mama und Papa
Ich feiere …
Äthiopien
Sprachen
Heimweh
Flucht
Antirassismus
Kleines Begriffswörterbuch
»Wie sag ich es denn nun richtig?«
Was kann ich konkret tun?
Praktische AlltagsImpulse
Roter Terror
Heute
Essen
»Yared spielt den Melchior!«
Kopfkino
Allein unter Weißen – Schule
Privileg
Oromos und Ossis
Ich bin Yared Dibaba
Danke
Lese- und Hörtipps zum Thema Antirassismus
Bücher:
Podcasts:
Websites:
Kabajaa fi yaadannoo uummata Oromoo.Düt Book heff ik dat Volk vun de Oromos todacht.Ich widme dieses Buch dem Volk der Oromos.
Ich möchte einfach nur reinbeißen!
Sie ist rot wie frisch geröstete Kaffeebohnen, kurz bevor sie knacken, und warm wie die Decke, die uns die Mittagssonne über die Schultern legt. Der Regen hat sie gerade eben erst geküsst, und jetzt riecht sie, als hätte jemand frisches Brot gebacken. Am liebsten möchte ich meine Lippen in sie hineindrücken, ein Stück abbeißen, sie schmecken, und spüren, wie sie unter meinen Zähnen nachgibt.
Ich knie im Staub und überlege, ob man Erde essen kann. Nicht irgendeine Erde – diese hier. Ich atme tief ein. Zuhause hat genau diesen Geruch. Es duftet nach Versprechen und nach Geschichten, nach mir.
Die Erde in Oromiya ist kein Beige, kein blasses Irgendwas, das man nur so im Vorbeigehen wahrnimmt. Sie ist rot. Warmrot. Fast orange. Als hätte jemand das Sonnenlicht einfach in den Boden hineingeknetet – eisenreich, kräftig und satt.
Doch nur kurze Zeit später sehe ich nur noch Grün. Gepflegten Rasen, die Blätterkronen von Bäumen. Keine üppig violett blühenden Bougainvilleas am Rand, keine knallroten Hibiskusblüten, dafür ein Leben, das kaum nach Farbe schmeckt, aber nach Überleben.
Wir sind geflohen, und ich bin zehn Jahre alt und jetzt hier: in Falkenburg, Landkreis Oldenburg. Gerade starre ich auf einen Quadratmeter Wiese und frage mich, wie die saftig aussehenden Halme wohl schmecken. Schmeckt das nach Zuhause? Oder nur nach »Hier sind wir erst einmal sicher«? Schmeckt es nach Versprechen, und riecht es nach Abenteuer? Oder nach »Muss ja.«?
Schmeckt es nach Leben? Nach mir? Ich reiße einen Halm ab. Beiße rein und schmecke: Gras. Und ein wenig Neugier. Gewürzt mit etwas, das ich noch gar nicht kenne. Was ist das? Keine Ahnung, ob es mir schmeckt, aber es schmeckt nach mehr und löst Fragen aus: Kann ich hier bleiben? As jiraachuu nan danda’aa? Kann ich hier sein?
Ich bin da.
Und ich frage mich: Wer noch?
Der erste Mensch, den ich überhaupt gesehen habe, war eine weiße Frau. Nicht meine Mutter, nicht mein Vater – sondern Schwester Waltraud Siek von der deutschen Mission: jung, ganz in Weiß, mit Haube auf dem Kopf und dem Kommando in der Hand. Ich komme am 8. April 1969 in meinem Elternhaus in Ayiraa, Oromiya, zur Welt, 2000 Meter über dem Meer – und quasi gleich mitten in einer internationalen Großveranstaltung.
Es ist kurz nach zwei am Nachmittag. Ein laues Lüftchen weht durchs offene Schlafzimmerfenster, die Vorhänge flattern rein und raus, als würden sie mich willkommen winken. Über uns eiert ein alter Ventilator und quietscht, als würde er selbst in den Wehen liegen. Um das Bett meiner Mutter wuseln sechs Menschen herum: Schwester Waltraud am Fußende, Schwester Wesenik und Frau Doktor Knoche am Kopfende, dazu noch zwei Oromo-Frauen aus der Klinik, die Wasser und Lappen reichen. Meine Mutter schreit vor Schmerzen, Schwester Waltraud ruft und spricht ihr gut zu.
Auch ich habe starke Schmerzen, dieser Druck am Kopf, es ist der erste Schmerz meines Lebens. Dann ein Rums, ein Blitz, grelles Licht – Ich bin da!
Schnell muss ich die Augen zusammenkneifen. Alles ist kalt und so unglaublich hell. Vor allen Dingen das Gesicht von Schwester Waltraud, das sich mir nähert, während sie mich hochnimmt, um mich zu begutachten und auf die Brust meiner Mutter zu legen.
Zum Glück habe ich sie die letzten neun Monate gespürt und kenne durch sie das Gefühl von Sicherheit. Wenn sie in der Nähe ist, ist alles gut. Neun Monate lang war es warm, weich und sicher – Kinners, was war das gemütlich da drin! Und jetzt so was. Aber ich komme in vertrauter Umgebung zur Welt, im Haus von Mama und Papa.
Auch wenn die erste Begegnung meines Lebens schon nach »Kulturelle Vielfalt für Fortgeschrittene« aussah, frage ich mich, ob Hausgeburtenkinder wohl später generell entspannter durchs Leben gehen? Denn sie starten im Schlafzimmer der Eltern, im Wohnzimmer der Familie oder manchmal sogar in der Badewanne. Und das ist ja eigentlich ein wunderbarer Rahmen, auch wenn es anstrengend ist, ins Leben zu starten.
Als ich zur Welt kam, war es völlig normal, dass Kinder zu Hause geboren wurden. Hausgeburten waren bei uns zu Hause in Oromiya die Regel, ins Krankenhaus ging man eher nur bei Komplikationen. Kliniken wurden von den christlichen Missionen betrieben. Das medizinische Personal war in Ayiraa deutsch, während die Pflegeassistent*innen Oromos waren. Schwester Waltraud, die uns manchmal besuchte, war also eine »richtige« Schwester, wie es früher hieß.
Ich komme in dem Bett zur Welt, in dem ich vermutlich auch gezeugt wurde. Betonung auf »vermutlich« – ich hab da keine Beweise. Und selbst wenn: Will ich das wissen? Eher nicht. Meine Eltern würde ich dazu jedenfalls nicht befragen. Bei uns Oromos redet man über so etwas nicht. Heute erst recht nicht, seit Christentum und Islam ihre Finger in unsere Kultur gesteckt haben – und damit nicht nur den Sex ordentlich unter die eigene Decke aus Scham und Schweigen verbannt haben, sondern gleich auch den natürlichen Umgang mit den natürlichsten Dingen der Welt – wie eben auch der Geburt.
Mission und Religion kamen nicht nur mit Bibel und Koran, sondern brachten mit den neuen Kirchenliedern und Gebeten auch eine ganz neue Art von Regelkatalog fürs Leben mit. Was ist Gut und Böse, Richtig und Falsch? Für die meisten Themen gab es nun neue Gebote und Verbote. Kurz gesagt: Sie brachten nicht nur ihren Gott ins Land, sondern auch jede Menge neue Tabus, die sich wie unsichtbare Wände zwischen uns und unsere natürlichen Lebensweisen schoben. Die Missionar*innen kamen damals mit der festen Überzeugung, uns Oromos unbedingt einen Gott bringen zu müssen – als hätten wir im äthiopischen Hochland, auf 2000 Metern Höhe einfach bislang noch keinen gefunden. Ganz so, als wäre unser Land ein gottfreier Raum, der nur auf eine Bibel wartete. Dabei hatten wir längst einen Gott – Waaqaa, den Gott des Himmels, Schöpfer allen Lebens. Einen Gott, der unsere Berge erschaffen hatte, Flüsse und Regenzeiten lenkte. Ihm brachten wir Opfer, ehrten ihn mit Festen und Geschichten, lange bevor irgendwer in weißen Kleidern und Hauben beschloss, wir bräuchten ihre »richtige« Religion. Aber für die Mission war klar: »Liebe Fische, lasst uns euch das Konzept ›Wasser‹ erklären.«
Papa kommt erst viel später an dem Tag meiner Geburt ins Zimmer, um mich zu begrüßen und um nach Mama zu sehen. Seine Stimme kenne ich schon, tief und warm. Als ich sie höre, weiß ich instinktiv: Das ist mein Papa.
Bei uns Oromos gehörte es sich damals nicht, dass Männer bei einer Geburt dabei sind. Das war Frauensache. Ob das heute mittlerweile anders ist, kann ich nicht sagen. Ich war schon so lange nicht mehr dort.
Und so beginne ich mein Leben: mitten im Gewusel, zwischen Kulturen, grellem Licht, weiblicher Stärke – schon der erste Atemzug erzählt mir: Alles, was kommt, wird intensiv, wild, manches schmerzhaft und vieles ganz schön aufregend.
»Sei nicht so neugierig!« – das haben wir alle schon einmal gehört. Als Kind, wenn die Warum-Fragen nicht aufhören wollten, als Teenie, wenn wir die Erwachsenendinge hinterfragt haben. Und selbst später, als Erwachsene, wenn wir noch mal genauer hingeschaut haben, wo andere lieber wegsehen. Oder wenn wir Fragen stellen, bei denen es gesellschaftlicher Konsens zu sein scheint, dass wir sie nicht stellen. Beispielsweise: »Wie viel verdienst du eigentlich?« oder »Und welche Partei hast du so gewählt?«
Für mich war Neugier nie eine Last oder ein Laster – sondern Motor. Ich hab Bock auf andere. Mich interessieren Menschen. Und zwar ganz ehrlich: alle und alles. Die kleinen Unterschiede, die großen Unterschiede, die Dinge, die man sofort sieht, und die, die man erst nach und nach entdeckt. Etwas, das mich aus meiner Komfortzonerauszieht. Was andere oft als Risiko sehen, ist für mich eine Einladung. Und ja, manchmal auch eine Mutprobe. Ein bisschen Nervenkitzel. Aber genau das ist der Kick: neue Menschen, neue Räume, neue Geschichten.
Neugier hat ja oft ein schräges Image. Sie wird misstrauisch beäugt, belächelt oder kritisiert. Schon die alten Philosophen haben sie ambivalent gesehen: Augustinus zum Beispiel war überzeugt davon, dass das Zentrum von Neugier in den Augen sitzt, weil wir ständig über den Horizont hinausschauen wollen. Der Sehsinn neige mehr als andere Sinne dazu, sich in die Ferne zu richten. Wir können vorausschauen, zurückblicken, über die Gegenwart hinausdenken. Davon einmal abgesehen, dass er dadurch sämtlichen Menschen mit Sehbehinderung ein Zentrum der Neugierde abgesprochen hat, blieb schlussendlich für Augustinus die Neugier auch ein Laster. Er hielt sie im besten Wortsinne für eine Gier. Eine, die immer zu einer Habgier führe oder sich in einer Sensationssucht pathologisiere, die wir von Gaffern nach Unfällen kennen. Eine Sucht, lieber hinzuglotzen, wenn’s irgendwo brennt, statt mit anzupacken. Sprich: lieber gaffen als helfen. Schon damals ein Problem – nicht erst heute: Bereits im 18. Jahrhundert hat das Kurfürstentum Trier eine Art Anti-Gaffer-Gesetz erlassen, dass »von mancherley bey solchen Unglücken gleichgültigen Leuten statt einer Beyhülfe nur die Zeit mit Zuschauen zugebracht« werde. Die Obrigkeit habe daher »das anwesende Volk, insofern es die Noth erfordert, zur Arbeit anzuweisen« und »die untauglichen Personen wegzuschaffen«.
Thomas von Aquin hat das im Mittelalter ähnlich lasterhaft gesehen – er saß da mit ernstem Blick und sortierte Neugier brav in gut, gar tugendhaft (»Wissbegierde«) und böse (curiositas). Als müsste man Neugier zähmen wie eine wilde Katze. Sie ist gefährlich und führt uns leicht auf Abwege. Wir sollen uns halt nicht in Dinge einmischen, die uns nichts angehen. Auch im 19. Jahrhundert ist Neugier noch nichts Gutes: Im Struwwelpeter lesen wir immer noch, wie gefährlich Neugier sei – und zwar vor allem für Mädchen.
Mädchen wurde quasi eingebläut, dass Neugier »unartig« sei und bestraft werden müsse, um sie in traditionelle Rollen zu zwängen und ihre Selbstbestimmung einzuschränken. Ein Spiegel patriarchaler Ängste vor selbstbewussten, wissbegierigen Frauen. Ganz ehrlich: Vielleicht ist genau diese Angst vor dieser Neugier schon das beste Argument dafür, wie wichtig sie für uns alle ist.
2023 hat Springer Nature eine Studie veröffentlicht, die für mich das, was ich irgendwie schon immer gefühlt habe, auch wissenschaftlich bestätigt: »Über das Zusammenspiel von Neugier, Vertrauen und Wichtigkeit beim Erkennen von Informationen.«
Klar, das ist auch eher so eine Überschrift, da blättert man im Wartezimmer sitzend die Seite in der Apotheken Umschau doch lieber schnell weiter – ist aber tatsächlich spannend: Wenn Infos wirklich wichtig sind, brennt uns Neugier unter den Nägeln, selbst wenn wir skeptisch sind, egal, ob und wie sehr ich dem, was ich lese oder höre, vertraue. Im Gegensatz dazu steigt Neugier bei Infos, die nur halb so wichtig sind, nur dann, wenn wir zumindest ein bisschen Vertrauen in den Menschen oder anderweitige Quellen haben. Heißt: Neugier ist kein naives Bauchgefühl, sie ist ein komplexes Zusammenspiel aus Wert, Vertrauen und Motivation. Und genau das spiegelt mein Leben wider: Ich will wissen, verstehen, ausprobieren.
Warum also habe ich so einen Bock auf Neues?
Schon immer war mir klar: Neues erkunden kann – komplett ungebremst – natürlich gefährlich sein. Aber: Angst dämpft Neugier nicht unbedingt, sie kann sie auch pushen. Und trotzdem – oder genau deshalb – feiere ich sie. Weil Neugier mich mein Leben lang begleitet hat. Weil sie nicht nur ein Luxus ist, sondern ein Überlebensinstinkt. Neugier ist evolutionär verankert, angeboren: Sie hilft uns, Ressourcen zu finden, Gefahren zu erkennen, uns in unserer sozialen Umgebung zurechtzufinden. Ohne Neugier wären wir nie weiter gekommen als bis zum Ausgang der Höhle.
Neugier war bei mir nie nur ein kleiner Funken. Sie hat mich dazu gebracht, Perspektiven zu wechseln und Positionen einzunehmen, die sich teilweise diametral widersprechen. Sie war von Anfang an wie ein unvermeidbarer Drang in mir; fast so etwas wie ein Dauerzustand. Doch ein Zufall ist sie nicht – sie ist gewachsen aus meiner Biografie, geformt von Erfahrungen, Wendungen und Umwegen:
Ich bin nicht nur in einer Kultur, in einem Land verwurzelt, sondern in mehreren. Meine Identität formt sich durch Oromiya, Kenia und Deutschland. Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, die jeweiligen »Codes« wie Sprache, Verhalten, Verhaltenserwartungen und Umgangsformen zu wechseln. Es wurde für mich zu einer Selbstverständlichkeit, zwischen den Welten zu switchen. Dadurch, dass ich eben nicht in einer Monokultur groß geworden bin, bin ich immer wieder in verschiedene »Bubbles« hineingerutscht:Dorfjugend und Posaunenchor, die Welt der Modenschauen, die Arbeit meines Vaters für das Lutherstift und die Oromo-Community – alles eigene »Bubbles« mit eigenen Logiken. Und ich wollte überall dabei sein, immer teilhaben. Die Balance zwischen den Welten austarieren. Ich war Weltmeister im »Bubble-Hopping«, bevor Instagram und TikTok überhaupt erfunden waren. Trotzdem war es herausfordernd: Wie erkläre ich zum Beispiel in der Modewelt der Reichen und Schönen, dass ich aus einem Land komme, wo Hunger, Armut, Bürgerkrieg herrschen? Ebenso weit weg von dieser Welt waren natürlich die Dorfjugend und der Posaunenchor.
Es war ziemlich häufig das Leben selbst, das mich in diese Räume geschoben hat. Zunächst geschah dies ganz und gar nicht freiwillig, es gab auch innere und äußere Widerstände. Aber plötzlich macht es dann doch Bock. Und alles in mir feiert. Denn das Gefühl der Zugehörigkeit macht Bock. Und Zugehörigkeit wurde schon früh für mich überlebenswichtig.
Immer war es mein Anliegen, »einer von denen sein«, auf Augenhöhe, egal wie hoch oder tief diese Höhe vermeintlich schien. Ich wollte unbedingt zu jeder dieser »Bubbles« dazugehören – und gleichzeitig mussten sie streng voneinander getrennt bleiben. Denn ich hatte, glaube ich, Angst davor, dass das Wissen der einen »Bubble« meine Position in der anderen schwächen könnte. Das klingt jetzt fast absurd, doch es war damals herausfordernd für mich, und manchmal auch belastend – denn beim Tanzen auf allen Hochzeiten kann man schon einmal die Tanzschritte durcheinanderbringen. Es war jedenfalls eine harte und gleichzeitig wertvolle Schule meiner Neugier. Und es hat sich in mir eingeprägt, dass Zugehörigkeit nicht aus einer statischen Identität kommt, sondern aus der Bereitschaft, hinzuschauen, zuzuhören und mich ein Stück weit auf das Neue einzulassen.
Aber Hand aufs Herz: Seit wann machen einem Selbstverständlichkeiten und Gewohnheiten plötzlich gute Laune? Warum sind sie bei mir mit Partygefühlen verbunden, mit Momenten, in denen alles in mir feiert? Also wieso wird bei mir aus einem genauen Hinsehen plötzlich ein inneres Konfetti-Gewitter?
Erklären kann ich das nicht, aber ich weiß, dass es sich immer dann einstellt, wenn mir neue Menschen, neue Lebensstile, neue Gedanken begegnen. Es ist kein rationales Empfinden, nach dem Motto: »Oh, wie schön, da gibt’s neue Infos«, wie es die Forschung im Springer Nature-Magazin nüchtern beschreibt. Für mich ist es eine Kraft, die mich lebendig fühlen lässt.
Mit zunehmendem Alter merke ich natürlich auch an mir selbst, dass die Bequemlichkeit allmählich lauter wird. »Bleib lieber im Alten, das kennst du. Da ist’s sicher. Und schön kommodig«, lockt mich eine müde, innere Stimme. Auch ich möchte all das Vertraute und das, was ich habe, lieber konservieren. Möchte dort sein, wo ich mich schon auskenne. Das ist ja auch erst mal verständlich. Wir wollen die Dinge, die wir erreicht haben oder besitzen, nicht verlieren, und deswegen wollen wir uns lieber daran festklammern. Sogar an den Sachen, die gar nicht mal so gut sind. Deshalb wagen wir es nicht, nach links und rechts zu schauen, neue Dinge kennenzulernen. So als wollten wir nicht riskieren, uns letzten Endes in all dem Neuen zu verlieren. Doch genau da halte ich aktiv dagegen. Neugier muss wie ein Muskel bewegt werden. Ein Muskel muss in Bewegung bleiben, sonst wird er steif. Deshalb trainiere ich meine Neugier und meine Beweglichkeit. Und das mal mit kleinen Mutproben, manchmal aber auch mit sehr großen. Zum Beispiel, als ich die Sendung Sex lieben, Ohjaaa für den WDR moderiert habe. Das war Neuland pur für mich. Über Sexualität vor laufender Kamera zu reden, mit meiner Scham umzugehen, das eigene Erröten auszuhalten, BDSM verstehen lernen – und begreifen, warum Schmerz manchmal Teil von Lust sein kann. Mich auf Welten einzulassen, die so weit weg von meiner Lebens- und Lustrealität sind – das hat mir eine ganz neue Tiefe gegeben. Aber es war auch sehr herausfordernd. Überwindung pur. Und wieder eine neue Tiefe. Wieder ein Stück Welt – und ein Stück ich. Denn ich habe verstanden, wie wichtig es ist, mich selbst zu überwinden, und voll ins Risiko zu gehen, weil ich dadurch nicht nur die Welt entdecke, sondern immer auch mich selbst.
Besonders wenn ich Räume betrete, die mir fremd sind, muss ich erst einmal herausfinden, wer ich eigentlich in diesem Setting bin. Wo ich stehe. Bin ich bereits mittendrin? Befinde ich mich am Rand? Wer spricht eigentlich mit mir, und was ist die Erwartungshaltung an mich? Auf diese Weise verändere ich mich, wachse, entdecke Teile von mir, die ich ohne diese Begegnung wahrscheinlich nie gefunden hätte. Neugier hilft mir, mich selbst besser kennenzulernen.
Meine Hoffnung ist groß, dass ich umso besser mit dem Schritt halten kann, was sich draußen verändert, je öfter ich den Neugier-Muskel trainiere. Dass die Neugierigen es leichter haben in einer Welt, in der sich alles ständig umkrempelt, davon bin ich überzeugt. Wandel als Einladung zu verstehen, sich auf den Weg zu machen – und nicht als Schreckgespenst. Klar, das Bequeme wäre manchmal einfacher …
Neugier ist für mich eine Kraft, die sich durch alles Neue, was ich entdecke und erlebe, immer wieder auflädt. Begegnung um Begegnung. Perspektive um Perspektive. Reise um Reise. Es ist wie eine Spirale nach oben: Je mehr ich mich traue, desto stärker werde ich. Je mehr ich Neues wage, desto mehr Lust wächst in mir auf das nächste Unbekannte, das nächste Abenteuer.
Lieber Augustinus, Neugier ist keinesfalls eine schnöde Gier, kein »billiges interessiert sein« oder etwas, das sich nur durch Sensationen nährt. Sie ist ein Schlüssel, ein Türöffner, der uns näher zu anderen Menschen und zu uns selbst bringt. Ein Ausdruck des Widerstands gegen jedwede Gleichgültigkeit – und der stärkste Antrieb, menschenfreundlich zu bleiben.
Und wenn man diese Eigenschaft der Neugier früher vor allem Frauen zugeschrieben hat, dann wussten diese wohl schlicht sehr viel eher, was es braucht: dass ein echtes Miteinander nur mit wahrhaftigem Interesse aneinander funktioniert.
Neugier heißt nicht: kopflos ins Feuer rennen, nur um zu wissen, wie heiß es ist. Man ist gut beraten, rechtzeitig stehen zu bleiben, um eine Situation richtig einzuschätzen. Und manchmal ist ein Schritt zurück nicht Feigheit, sondern Fürsorge. Nicht aus Angst halte ich inne, sondern aus Selbstverantwortung. Ich nenne das mein Ampelsystem für Neues.
Grün: Jetzt probiere ich etwas aus, laufe los. Offen, bereit, voller Energie.
Gelb: Atmen, schauen, abwägen. Es kribbelt auf alle Fälle im Bauch, und dem will nachgespürt werden.
Rot: Stopp – heute lieber nicht. Vielleicht auch nie.
Beispielsweise habe ich ein grünes Gefühl, wenn mich jemand spontan zum Essen einlädt, mir aber die landestypische Art völlig fremd ist. Ich probiere das auf jeden Fall aus, sage zu und erlebe etwas Neues. Oft bekomme ich dann dabei sogar Geschichten aus einem mir bislang fremden Land erzählt. Mein Gefühl kann dabei auch schon einmal auf gelb umspringen, wenn sich aus dem lockeren Gespräch bei Tisch eine Diskussion entwickelt, die mir nicht behagt. Dann stelle ich Fragen, hake nach – es ist spannend.
Vielleicht macht in einer solchen Situation jemand eine Bemerkung, die ich nicht akzeptieren kann oder will, dann muss ich meine Grenzen benennen. Manchmal beende ich auch ein solches Gespräch. Denn es gibt rote Linien, die für mich gesetzt sind. Beispielsweise rassistische Gedanken, die ich nicht toleriere.
Vielfalt zuzulassen, ist das eine. Grenzen zu benennen, das andere. Dort, wo Gesprächspartner*innen den Boden eines menschlichen Miteinanders und des Respekts verlassen, gilt es für mich, klar zu sagen, dass ich dies so nicht hinnehme. Wir sind nicht alle gleich offen, neugierig oder belastbar. Wir haben unterschiedliche Sichtweisen, und wir nehmen das eine oder andere ganz anders wahr als unser Gegenüber. Bei allem Verständnis für unterschiedliche Wege gilt es, sich selbst zu schützen.
Genügt es, sich im Zweifel besser aus dem Weg zu gehen, um Vielfalt zu leben? Aber reicht das schon mit Blick auf ein gutes Miteinander? Nebeneinanderher zu leben und höflich Distanz zu wahren – kann das als Lösung für ein gutes Miteinander funktionieren? Ist das tatsächlich eine Option?
Mit Menschen klarzukommen, die mir ähnlich sind – easy. Doch die echte Herausforderung wartet dort, wo es unbequem wird. Wo Haltungen aufeinanderprallen. Wo wir einander fremd sind. Wenn Menschen ganz anders denken als ich, ihr Gesagtes mich irritiert oder sogar verletzt, ist es kompliziert und schwer.
Schon eine Weile trage ich etwas mit mir herum. Vor ein paar Jahren habe ich ein Paar getroffen, nett, aufgeschlossen im Gespräch, auch wertschätzend mir gegenüber. Dann habe ich festgestellt, dass die beiden auf einer alltäglichen Ebene anders denken als ich.
Menschen haben unterschiedliche Sichtweisen, das ist normal. Aber nun lese ich von den beiden, die mir auf den ersten Blick eigentlich sympathisch waren, Beiträge im Netz, die diskriminieren und Vorurteile füttern. Sie teilen Memes, die Menschen zu Klischees degradieren. Und sie schreiben Kommentare, die mich verletzen und sogar wütend machen. Egal, ob es um Diversität, Migration oder Menschenrechte geht – unsereSichtweisen könnten kaum gegensätzlicher sein.Das Paar hat meine Konzerte besucht, gelacht, geklatscht, genickt. Und dann so etwas … Wie passt das zusammen? Ich versteh’s nicht.
Immer wieder spiele ich mit dem Gedanken, die beiden Menschen anzurufen, mit denen mich diese widersprüchliche Erfahrung verbindet. Vielleicht sollte ich mit ihnen reden. Ich würde gerne fragen: Woher kommt eure Angst? Was steckt hinter eurer Sorge, euer Kind könnte in der Schule plötzlich »in der weißen Minderheit« sein? Was habt ihr für ein Menschenbild? Wie fühlt sich diese Angst an? Und wie passt sie zu dem sicheren Leben, das ihr führt – mit Arbeitsplatz, Frieden, Haus, vollem Kühlschrank? Warum ist eure Angst trotz all dieser Sicherheiten so groß?
Ob ich wirklich bereit bin, mich auf so ein Gespräch einzulassen, weiß ich nicht. Vielleicht bräuchte es eine weitere Person, die das Gespräch lenkt, wenn die Dinge zu heftig werden, und vermittelt. Aber ich bin unsicher, ob das dazu führt, dass entweder die beiden oder ich selbst mit der Wahrhaftigkeit hinterm Berg halten. Dass sie sich nicht trauen, alles zu sagen oder nur die halbe Wahrheit.
Wenn ein Miteinander gelingen soll, auch wenn wir unterschiedliche Haltungen haben, braucht es mehr als einfach nur den Wunsch, sich zusammen hinzusetzen und Fragen zu stellen. Es braucht einen versierten Mediator und einen guten Ort.
In solchen Momenten denke ich oft an den Odaa. Der Odaa ist nicht nur irgendein Baum. Es ist ein Maulbeerfeigenbaum, der tief verwurzelt ist im Leben der Oromo – als zentraler Treffpunkt, Heiligtum und Symbol. Unter dem Odaa versammelten sich die Menschen des Dorfes, die Ältesten und gewählte Regierende des Oromo-Volkes. Der Baum ist ziemlich robust – er kann locker ein paar Hundert Jahre alt werden. Anders als der »normale« Feigenbaum wirft er seine Blätter nicht ab, sondern bleibt immergrün. Seine Blätter sind zwar kleiner, dafür herzförmig, und das Laub wächst dicht und breit, sodass sein Blätterdach großzügig Schatten schenkt.
Der Baum ist das Herzstück des Gadaa-Systems – der jahrhundertealten, demokratischen Gesellschaftsordnung der Oromos. In seinem schützenden Schatten wurde Mitbestimmung gelebt und Gemeinschaft geübt. Hier wurde beraten, debattiert, man hat Gesetze beschlossen, Konflikte geklärt und geschlichtet. Der Odaa war unser Parlament, Gericht und Tempel zugleich. Ein Sinnbild für Gerechtigkeit und Demokratie.
Auch spirituell hat der Baum immense Bedeutung. Der Odaa am Horaa-See, ein heiliger Ort für die Oromo, ist bis heute ein Platz, an dem man dem Schöpfer allen Seins, Waaqaa, ganz nahe ist. Bei meiner letzten Reise im Jahr 2019, ziemlich genau vierzig Jahre nach unserer Flucht, war ich zusammen mit meiner Mutter und meinem Bruder an diesem Ort. Es war ein zutiefst spirituelles, berührendes Erlebnis – als würden Himmel, Erde und Menschen hier Schutz und Schatten finden.
Wenn Menschen sich unter dem Odaa versammeln, soll jede Stimme gehört werden. Der Baum fordert von allen Respekt und Toleranz. Auch auf der Oromo-Flagge steht der Odaa im Zentrum. Für mich ist er so wichtig, dass ich ihn als kleinen goldenen Anhänger an einer Kette trage – als Zeichen meiner Herkunft, meiner Familie, meiner Kultur.
Ich wünsche mir einen solchen Baum für Gespräche, wie ich sie mit den beiden Menschen, die ich so wenig verstehen kann, führen möchte. Nicht allein sein, sondern im »Schatten« eines dafür auserkorenen Ortes, in einer Atmosphäre, die Dialog und Ambiguität zulässt. Einem Ort, der Raum gibt für Widerspruch und Versöhnung, Klarheit und Vielstimmigkeit, Schutz und Spannung. So ein Gespräch, wie es in mir gerade drängt, braucht eben nicht nur Worte. Es braucht einen Rahmen, einen Ort und vielleicht mehr als uns selbst. Wie sähe unser Miteinander, unsere Gesellschaft aus, wenn wir mehr solche Odaa-Orte hätten?
Ambiguitätstoleranz ist die Fähigkeit, mehrdeutige Situationen und widersprüchliche Handlungsweisen zu ertragen.Das heißt aber nicht, alles durchgehen zu lassen, sondern Spannung auszuhalten. Die bestehenden Spannungen kann ich mit großer Wahrscheinlichkeit in einem einmaligen Gespräch nicht einfach auflösen. Und vielleicht ist das auch Teil der Antwort: Da ist einerseits die persönliche Begegnung, die so wichtig ist, weil sie Wärme und Offenheit zulässt. Und da ist andererseits die klare Grenze, die ich sehe. Verstehen will ich ja! Doch Menschenrechte sind für mich nicht verhandelbar, und die Würde des Menschen ist unantastbar – oder wie es so gut im Text des Liedes »Wi sünd een« der Deichgranaten heißt:
