Blick aus toten Augen - Ruth Rendell - E-Book

Blick aus toten Augen E-Book

Ruth Rendell

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Beschreibung

Wer war diese Frau wirklich? An einem schwülen Augustabend entdeckt ein kleiner Junge unter einer Hecke die blutüberströmte Leiche einer Frau. Als Inspector Wexford am Tatort eintrifft, hat er außer einem Namen zunächst kaum Hinweise auf die Identität des Opfers. Anhand der Erzählungen der Dorfbewohner von Kingsmarkham versucht Wexford sich ein Bild von der Toten zu machen, die allem Anschein nach wohlhabend und erfolgreich war: Wer hatte ein Motiv, Rhoda Comfrey umzubringen? Und warum lassen sich im fernen London keinerlei Hinweise auf die Tote finden, einer Stadt, in der sie zwanzig Jahre lang lebte? Erst eine schockierende Enthüllung am Ende der langwierigen Ermittlungen wird das Rätsel um den Mord lösen … »Ruth Rendell ist ohne Frage eine der besten Krimiautorinnen der Welt. Eine Meisterin im Aufdecken der Abgründe unter der Decke einer scheinbar kleinbürgerlichen Wohlanständigkeit.« Frankfurter Rundschau Preisgekrönte und feingezeichnete psychologische Spannung für die Leserinnen und Leser von Nicci French und P. D. James – alle Bände der »Inspector Wexford«-Reihe können unabhängig voneinander gelesen werden. In Band 11 führt eine Spur Inspector Wexford bis ins weit entfernte Kalifornien … 

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Seitenzahl: 226

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über dieses Buch:

 

eBook-Neuausgabe Februar 2026

Die englische Originalausgabe erschien erstmals 1978 unter dem Originaltitel »A Sleeping Life« bei Verlagsgruppe Random House, London. Die deutsche Erstausgabe erschien 2000 unter dem Titel »Leben mit doppeltem Boden« im Wilhelm Goldmann Verlag, München

Copyright © der englischen Originalausgabe 1978 by Ruth Rendell

Copyright © der deutschen Erstausgabe 2000 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © der Neuausgabe 2026 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Shutterstock/Nature Peaceful, WeerasakBooth und AdobeStock/teostudio, skipper Roland

eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (mk)

 

ISBN 978-3-96898-365-3

 

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Bei diesem Roman handelt es sich um ein rein fiktives Werk, das vor dem Hintergrund einer bestimmten Zeit spielt oder geschrieben wurde – und als solches Dokument seiner Zeit von uns ohne nachträgliche Eingriffe neu veröffentlicht wird. In diesem eBook begegnen Sie daher möglicherweise Begrifflichkeiten, Weltanschauungen und Verhaltensweisen, die wir heute als unzeitgemäß oder diskriminierend verstehen. Diese Fiktion spiegelt nicht automatisch die Überzeugungen des Verlags wider oder die heutige Überzeugung der Autorinnen und Autoren, da sich diese seit der Erstveröffentlichung verändert haben können. Es ist außerdem möglich, dass dieses eBook Themenschilderungen enthält, die als belastend oder triggernd empfunden werden können. Bei genaueren Fragen zum Inhalt wenden Sie sich bitte an [email protected] .

 

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Ruth Rendell

Blick aus toten Augen

Kriminalroman: Inspector Wexford ermittelt 10

Aus dem Englischen von Ute Tanner

 

Für Elaine und Lesley Gray

Kapitel 1

 

Ausnahmsweise kam er heute einmal früh nach Hause. Aber vielleicht würde das in der nächsten Zeit sogar zum Dauerzustand. Der August war nicht nur für gesetzestreue Bürger, sondern auch für Kriminelle der traditionelle Urlaubsmonat. Während er in seine Straße einbog, fiel Wexford ein, daß seine Enkel da sein würden. Das paßte gut. Es war noch reichlich drei Stunden hell, da konnte er mit ihnen zum Fluß gehen. Robin plagte ihn schon lange deswegen. Seit seine Mutter ihm »Der Wind in den Weiden« vorgelesen hatte, war es sein größter Wunsch, einmal eine Wasserratte zu sehen.

Vor dem Haus stand Sylvias Wagen. Sonderbar, dachte Wexford. Er war der Meinung gewesen, die Jungen würden über Nacht bei ihnen bleiben. Während er seinen eigenen Wagen vorsichtig an dem seiner Tochter vorbeimanövrierte, kam Sylvia im Laufschritt aus dem Haus, den brüllenden Ben auf dem Arm, gefolgt von dem sechsjährigen Robin, der ebenfalls alles andere als vergnügt aussah. Er lief auf seinen Großvater zu.

»Du hast mir versprochen, daß wir zu der Wasserratte gehen!«

»An mir soll’s nicht liegen. Ich denke, ihr übernachtet bei uns?« Sylvias Gesicht war puterrot – vor Zorn oder vielleicht auch nur vom Laufen, denn es war sehr heiß.

»Falsch gedacht, Dad. Mein lieber Ehemann hat wieder mal alle Pläne über den Haufen geworfen – und das ausgerechnet an unserem Hochzeitstag. Hör auf zu brüllen, Ben! Er bringt einen Kunden zum Abendessen mit, und ich darf natürlich wieder mal Köchin spielen und die Kinder holen.«

»Warum läßt du sie denn nicht hier?« fragte Wexford.

»Au ja«, krähte Robin. »Laß uns doch hier, Mammi, bitte!«

»Kommt überhaupt nicht in Frage. Warum mußt du ihnen auch noch Flausen in den Kopf setzen, Dad? Ich bringe sie jetzt nach Hause, soll Neil sehen, wie er sie ins Bett bekommt.«

Sie drängte die beiden Kinder in den Wagen und fuhr los. Die Fenster waren alle offen, und das Brüllen der beiden kleinen Jungen – Robin hatte jetzt in das Protestgeschrei seines Bruders eingestimmt – wetteiferte mit dem Brüllen des mißhandelten Motors. Wexford ging achselzuckend ins Haus. Es hatte offensichtlich eine Szene gegeben, aber so wie er seine Frau kannte, war sie gegen Aufregungen dieser Art weitgehend immun. Erwartungsgemäß saß sie seelenruhig im Wohnzimmer und sah sich das Ende einer Kindersendung im Fernsehen an. Im ganzen Zimmer lagen Bücher herum, auf einem hohen Stapel saß ein Teddybär.

»Was ist denn in Sylvia gefahren?«

»Emanzipation«, erklärte Dora Wexford. »Wenn Neil einen Kunden mitbringen will, soll er sich gefälligst selber um die Vorbereitungen kümmern, soll nachmittags heimkommen, putzen, den Tisch decken ... Die Kinder hat sie nur abgeholt, weil er sie schlafen bringen soll. Und auf dem Heimweg wird sie die Stimmung so aufheizen, daß er sich damit schwertun dürfte.«

»Du liebe Güte! Und ich habe sie immer für ein halbwegs vernünftiges Mädchen gehalten.«

»Es ist der reinste Tick bei ihr. Monatelang geht das jetzt schon so. Ihr Männer seid die Herren der Welt, wir sind die Sklavinnen, unbedeutende Anhängsel.«

»Warum hast du mir davon nie etwas erzählt?«

Dora schaltete den Fernseher aus. »Du hattest deine Arbeit und hättest bestimmt keine Lust gehabt, dir nach Feierabend noch all diesen Unfug anzuhören. Mich hat sie tagtäglich damit berieselt.«

Wexford hob die Augenbrauen. »Es ist also Unfug?«

»So in Bausch und Bogen möchte ich das nicht sagen. Ihr Männer habt es nach wie vor besser in unserer Welt, da gibt es gar nichts. Verstehen kann ich es schon, daß es Sylvia nicht paßt, mit den Kindern zu Hause zu sitzen, und ›ihr Leben zu vertun‹, wie sie es ausdrückt, während Neil auf der Erfolgsleiter immer höher klettert.« Dora lächelte. »Und dabei, sagt sie, hat sie ein besseres Abitur gebaut als er. Verstehen kann ich es schon, daß sie sich langweilt, wenn Ehepaare zu Besuch kommen, und die Männer mit Neil über Architektur diskutieren, während die Frauen sie in eine Erörterung über das beste Putzmittel fürs Bad verwickeln. O ja, verstehen kann ich das schon ...«

Ihr Mann sah sie an. »Geht dir das denn auch so?«

»Vergessen wir unsere lästige Tochter«, sagte Dora lachend. »Du bist so schön früh dran, daß ich gedacht habe, wir könnten nach dem Essen noch ein bißchen weggehen.«

»Gern.« Er zögerte einen Augenblick. »Aber – ihre Ehe ist doch nicht in Gefahr, oder? Ich habe mir immer eingebildet, daß die beiden sehr glücklich miteinander sind.«

»Hoffen wir, daß es sich wieder gibt. Wenn wir irgendwas sagen oder tun, machen wir wahrscheinlich alles nur noch schlimmer.«

»Bestimmt. Wohin gehen wir? Ins Kino? Oder ins Freilichttheater in Sewingbury?«

Ehe sie antworten konnte, läutete das Telefon.

»Es wird Sylvia sein«, sagte sie, »wegen Bens Teddy, den er bei uns vergessen hat. Gehst du bitte hin, Liebling? Und noch was, Reg: Sag ihr doch bitte, daß wir ihn im Vorbeifahren abgeben, ja? Heute habe ich schon lange genug seelischen Mülleimer gespielt.«

Wexford nahm ab. Daß es nicht seine Tochter war, die anrief, sah Dora, noch ehe er ein Wort gesagt hatte. Sie kannte diesen Gesichtsausdruck.

»Nicht alle gehen im August auf Urlaub«, sagte er, als er aufgelegt hatte. »Eine Tote – knapp einen Kilometer von hier entfernt.«

Er zog den Schlips wieder fest und rollte die Hemdsärmel herunter. »Ich muß gleich los. Was wirst du tun? Am Fernseher herumschalten, bis ich ihn wieder reparieren darf? Du hast es bestimmt schon manchmal bereut, daß du mich geheiratet hast.«

»Bisher noch nicht, aber vielleicht kommt das noch ...«

Wexford lachte, gab ihr einen Kuß und fuhr zurück in die Richtung, aus der er gekommen war.

 

Kingsmarkham ist eine ansehnliche Stadt in Sussex. Forest Road, die letzte Straße, die postalisch noch zu Kingsmarkham gehört, geht von der Pomfret Road ab, aber um sie zu erreichen, nehmen die meisten Anwohner, um abzukürzen, den Fußpfad, der vom Ende der High Street über ein Feld führt. Wexford parkte seinen Wagen dort, wo der Fußpfad an den »Carlyle Villas«, zwei Einfamilienhäusern, in die Forest Road einmündet, und folgte dem Weg an einer hohen Ligusterhecke und Kleingärten entlang, bis er am Rand eines Wäldchens eine kleine Gruppe von Männern stehen sah.

Er erkannte Inspektor Michael Burden, Dr. Crocker, den Polizeiarzt, und zwei Fotografen. Burden kam auf ihn zu und sagte leise etwas zu ihm. Wexford nickte. Ohne einen Blick auf die Leiche zu werfen, ging er zu Detective Loring hinüber, der mit einem blassen, ziemlich aufgelöst wirkenden jungen Mann etwas abseitsstand.

»Mr. Parker?«

»Ganz recht.«

»Sie haben die Leiche gefunden?«

Parker nickte. »Eigentlich mein Sohn.« Er selbst mochte kaum älter als fünfundzwanzig sein. »Aber ich glaube – ich hoffe jedenfalls, daß er es nicht mitgekriegt hat. Er ist erst sechs.«

Sie setzten sich auf eine der Bänke, die eine fürsorgliche Stadtverwaltung dort für die Senioren aufgestellt hatte. »Erzählen Sie mal«, forderte Wexford ihn auf.

»Ich hatte ihn zu meiner Schwerster gebracht, damit meine Frau in Ruhe die beiden anderen ins Bett stecken konnte. Ich wohne in einem der Bungalows in der Forest Road, im Bella Vista, das Haus da drüben mit dem grünen Dach. Vorhin holte ich Nicky ab, er spielte mit seinem Ball, der plötzlich in das lange Gras unter der Hecke rollte. Nicky lief hinterher. ›Da unten ist eine Frau‹, sagte er. Ich hatte schon so ein komisches Gefühl, ging hin und – ja, also, ich weiß, ich hätte es nicht tun dürfen, aber ich hab ihre Jacke zurechtgezogen. Nicky ist doch erst sechs und – es war Blut da, es sah nicht schön aus.«

»Verstehe«, meinte Wexford. »Sonst haben Sie nichts berührt?«

Parker schüttelte den Kopf. »Ich habe Nicky gesagt, die Dame sei krank, und wir würden jetzt heimgehen und den Arzt anrufen. Ich glaube nicht, daß er kapiert hat, was los ist, ich hoffe es jedenfalls nicht. Ich brachte ihn heim und rief die Polizei an. Ehrlich, wenn ich allein gewesen wäre, hätte ich sie nicht angefaßt.«

Wexford lächelte ihm beruhigend zu. »Es war eine Ausnahmesituation, Mr. Parker. Ich hätte es an Ihrer Stelle genauso gemacht.«

Parker stand auf. »Also eigentlich geht es mich ja nichts an, aber ... Ich weiß, wer sie ist. Vielleicht haben Sie noch nicht ...«

»Nein, wir wußten es noch nicht. Wer ist sie denn?«

»Eine gewisse Miss Comfrey. Ihr Vater wohnt hier. Carlyle Villas, das Haus mit der blaugestrichenen Haustür. Sie muß dort übernachtet haben. Ihr Vater liegt im Krankenhaus. Oberschenkelhalsbruch.«

»Vielen Dank, Mr. Parker.«

Wexford überquerte den sandigen Weg, und Burden trat beiseite, um ihm die Sicht auf die Leiche freizugeben. Die Tote war eine große, knochige Frau mittleren Alters. Das Gesicht war stark geschminkt, die grauen Augen waren weit geöffnet. Wexford meinte in ihnen ein spöttisches Glimmen, selbst im Tod noch eine leise Verachtung zu sehen. Aber wahrscheinlich spielte ihm da seine Phantasie einen Streich.

Unter dem fest gebundenen blauen Kopftuch waren dunkle Haare zu erkennen. Einen der hochhackigen Schuhe mit altmodischen Pfennigabsätzen hatte sie verloren, er hing an einem Brombeerbusch. Auf ihren Hüften lag eine große rote Handtasche. Sie trug keine Ringe, keine Uhr, nur eine Kette aus schweren roten Glasperlen um den Hals. Die Fingernägel waren kurz geschnitten und grellrot lackiert.

Wexford kniete nieder und öffnete, seine Hände mit einem Tuch schützend, die Handtasche. Sie enthielt einen Schlüsselring mit drei Schlüsseln, eine Schachtel Streichhölzer, eine Packung Zigaretten, aus der vier fehlten, einen Lippenstift, eine altmodische Puderdose, eine Brieftasche, etwas loses Kleingeld. Keine Geldbörse. Keine Briefe oder Ausweispapiere. Die neu und teuer aussehende Brieftasche aus schwarzem Leder enthielt zweiundvierzig Pfund. Ein Raubmord war es demnach nicht gewesen.

Es fand sich kein Hinweis auf ihre Adresse, ihren Beruf oder ihre Identität – keine Kreditkarte, keine Scheckkarte, kein Scheckbuch.

Wexford schloß die Tasche und schlug ihre Jacke zurück. Das Oberteil des Kleides war schwarz von geronnenem Blut. In der dunkel verkrusteten Masse waren deutlich zwei Stichwunden zu erkennen.

Kapitel 2

 

Wexford trat zurück, und der Arzt kniete sich wieder neben die Tote. »Keine Spur von der Waffe, nehme ich an?« fragte er Loring.

»Nein, aber wir haben auch noch nicht sehr intensiv gesucht.«

»Dann fangen Sie bitte an, Sie und Gates und Marwood. Es muß ein Messer gewesen sein.« Allerdings, dachte er pessimistisch, waren die Aussichten, die Tatwaffe zu finden, minimal. »Und wenn Sie nichts finden, können Sie sich die Häuser in der Forest Road vornehmen. Parker und die Carlyle Villas überlassen Sie bitte mir und Burden.«

Dann wandte er sich an Dr. Crocker. »Wie lange ist sie tot, Len?«

»Allzuviel Genauigkeit darfst du so auf den ersten Blick nicht erwarten. Die Totenstarre ist voll da, aber in dieser Hitze hat sie vermutlich früher als sonst eingesetzt. Seit mehr als achtzehn Stunden, würde ich sagen. Vielleicht auch länger.«

»Danke.« Wexford nickte Burden zu. »Hier ist für uns nichts mehr zu tun, Mike. Auf geht’s – zu Carlyle Villas und zu Parker.«

Die beiden Kriminalbeamten trennte ein Altersunterschied von fast zwanzig Jahren. Früher waren sie sich so wenig ähnlich gewesen, daß sie durch ihre gegensätzlichen Erscheinungen leicht einen komischen Effekt erzielt hatten. Aber Wexford hatte sein überschüssiges Fett verloren, während Burden schon immer schlank gewesen war. Er sah bei Weitem besser aus als der ältere, aber seine fast klassischen Züge waren von bitteren Erfahrungen geprägt. Wexfords eigentlich häßliches Gesicht wirkte durch seine wache Intelligenz und seine Lebendigkeit sehr viel anziehender und vertrauenerweckender – auch und gerade auf Frauen.

Wortlos gingen sie zur Forest Road zurück. Noch gab es nichts zu sagen. Ein Mord ist für einen Polizeibeamten kein Ende, sondern ein Anfang.

Die beiden Häuser, vor denen Wexford seinen Wagen geparkt hatte, besaßen einen gemeinsamen Giebel. Auf einer Tafel in seiner Spitze standen Name und Baujahr: Carlyle Villas, 1902. Wexford klopfte ohne viel Hoffnung an der blauen Haustür. Tatsächlich rührte sich nichts im Haus. Auch im Nebenhaus öffnete niemand.

Enttäuscht überquerten sie die Straße. Forest Road war eine Sackgasse, durch eine steinerne Mauer begrenzt, hinter der sich Wiesen und Wälder erstreckten. Außer Carlyle Villas standen hier etwa ein Dutzend Häuser, eine kleine Gruppe einfacher Häuschen nahe der Mauer, zwei, drei neuere Bungalows, ein gedrungenes graues Pförtnerhaus, das einst am Tor eines lange verschwundenen Herrenhauses gestanden hatte. Bella Vista stammte offensichtlich aus der Zeit, als der Einfluß Hollywoods selbst in diese entfernte Ecke von Sussex vorgedrungen war, es hatte Fenster aus gewölbtem Glas und ein Dach mit grünen Ziegeln.

Nicky war noch auf; er saß mit seiner Mutter im Wohnzimmer, das ebenso gemütlich-unordentlich wirkte wie bei Wexford daheim. Wenn Parker das junge Mädchen nicht als seine Frau vorgestellt hätte, würde Wexford sie für eine Halbwüchsige gehalten haben. Sie hatte die glatte Stirn und die runden Wangen, das seidige Haar und die unschuldigen Augen eines Kindes.

Parker sagte, heftige Grimassen schneidend: »Das ist der Arzt, Nicky, er ist sicher gekommen, um uns zu sagen, daß es der Dame wieder gut geht.«

Nicky vergrub sein Gesicht an der Schulter der Mutter.

»Alles in Ordnung«, log Wexford. »Sie ist schon wieder putzmunter.«

»Geh jetzt zu Nanna, Nicky, du darfst bestimmt bei ihr fernsehen.«

Die Spannung löste sich etwas, als das Kind das Zimmer verlassen hatte. »Danke«, sagte Parker. »Ich hoffe nur, daß er nichts zurückbehalten hat.«

»Kaum. Zum Zeitunglesen ist er noch zu klein, höchstens beim Fernsehen werden Sie vielleicht in den nächsten Tagen ein bißchen aufpassen müssen. Sie sagen, Miss Comfreys Vater sei im Krankenhaus, Mr. Parker. Wissen Sie, in welchem Krankenhaus er liegt?«

»Im Royal Infirmary in Stowerton. Wann war der Unfall, Stell, weißt du das noch?«

»Im Mai«, antwortete Stella Parker. »Miss Comfrey wollte ihn besuchen, sie kam mit dem Taxi vom Bahnhof, und als er sie sah, rannte er aus dem Haus und fiel hin und brach sich den Oberschenkel, stellen Sie sich das vor! Sie haben ihn dann mit dem Taxi gleich ins Krankenhaus gebracht, und dort liegt er seitdem. Ich hab es nicht selber gesehen, Mrs. Crown hat es mir erzählt. Miss Comfrey hat ihn bisher einmal dort besucht. Sie ist früher auch nicht oft gekommen, stimmt’s, Brian?«

»Höchstens ein- bis zweimal im Jahr«, bestätigte Parker.

»Ich wußte von Mrs. Crown, daß sie gestern kommen wollte. Aber ich habe sie nicht gesehen, ich kannte sie auch nicht näher.«

»Wer ist Mrs. Crown?« fragte Burden.

»Miss Comfreys Tante. Sie wohnt neben Mr. Comfrey«

»Leider ist dort niemand zu Hause.«

»Ich will mich ja nicht aufdrängen«, meinte Stella Parker, die offenbar sehr viel schneller schaltete als ihr Mann, »aber ich lese auch gelegentlich einen Krimi – und wenn Sie Hintergrundmaterial brauchen, können Sie gar nichts Besseres tun, als mit Brians Großmutter zu sprechen. Sie hat ihr ganzes Leben lang hier gewohnt, in einem der Häuschen da unten ist sie zur Welt gekommen.«

»Ihre Großmutter wohnt bei Ihnen, Mr. Parker?«

»Sie hat uns mit ihren Ersparnissen geholfen, das Haus hier zu kaufen«, erwiderte der junge Mann, »und ist dann zu uns gezogen. Es war eine ideale Lösung, nicht Stell? Eine erstaunliche Frau, meine Großmutter ...«

Wexford stand lächelnd auf. »Kann sein, daß ich die alte Dame noch ausfragen werde, aber nicht mehr heute. Ich lasse Sie noch wegen der amtlichen Leichenschau benachrichtigen, Mr. Parker. Wann, meinen Sie, wird Mrs. Crown heimkommen?«

»Sobald die Pubs geschlossen haben«, antwortete Parker.

 

»Ich würde vorschlagen, daß wir zuerst ins Krankenhaus fahren«, sagte Wexford. »Nach Crockers ungefährer Zeitangabe sieht es so aus, als sei Rhoda Comfrey ermordet worden, als sie von dem Besuch bei ihrem Vater zurückkam. Sie hat vermutlich die Abkürzung über den Fußpfad genommen.«

»Vielleicht erfahren wir von der kneipenliebenden Tante Näheres. Und wenn der alte Knabe einigermaßen ansprechbar ist, bekommen wir von ihm bestimmt die Londoner Adresse seiner Tochter.«

»Dazu müssen wir ihm erst mal beibringen, daß seine Tochter tot ist«, meinte Wexford.

Besucher des Krankenhauses hatten sich in einer Schlange vor der Bushaltestelle am Stowerton Royal Infirmary aufgestellt. Hatte auch Rhoda Comfrey am vergangenen Abend dort gestanden? Es war zehn nach acht.

Der Mann an der Pforte wies ihnen den Weg zu der Station, auf der James Albert Comfrey lag. Sie gingen einen Korridor entlang und zwei Treppen hoch. An der geschlossenen Glastür stellte sich ihnen eine Krankenschwester deutlich fernöstlicher Herkunft entgegen und zwitscherte, daß die Besuchszeit beendet sei.

»Polizei«, sagte Burden. »Holen Sie bitte die Stationsschwester.«

»Wenn Sie so nett sein würden ...«, setzte Wexford hinzu. »Mußt du immer so verdammt ruppig sein, Mike?«

Die kleine Asiatin kam mit Schwester Lynn zurück, einer hochgewachsenen, dunkelhaarigen Irin Mitte Zwanzig.

Mit mißbilligendem Zungenschnalzen hörte sie sich Wexfords kurzen Bericht an. »Wie schrecklich! Eine Frau, die abends zu Fuß allein herumspaziert, ist doch heutzutage ihres Lebens nicht mehr sicher! Und gestern Abend war Miss Comfrey noch hier und hat ihren Vater besucht.«

»Wir werden mit ihm sprechen müssen, Schwester.«

»Aber nicht mehr heute Abend, Chief Inspector, tut mir leid. Die alten Herren sind schon alle für die Nacht versorgt, es würde sie alle nur wieder durcheinanderbringen, und ich habe in zehn Minuten Dienstschluß. Ich sage es ihm morgen selbst, aber ob er es mitkriegt, kann ich nicht versprechen.«

»Er ist senil?«

»Senil? Das ist ein dehnbarer Begriff, Chief Inspector. Er ist fünfundachtzig und hat einen schweren Schlaganfall gehabt. Meist schläft er. Sie vertun nur Ihre kostbare Zeit, wenn Sie mit ihm reden. Ich bring’s ihm bei, so gut ich kann. Sonst noch was?«

»Miss Comfreys Adresse bitte.«

»Aber gern.« Schwester Lynn winkte einem dunkelhäutigen jungen Mädchen, das mit einem Medikamentenwagen hinter ihnen aufgetaucht war. »Suchen Sie bitte Miss Comfreys Adresse aus den Akten heraus, Schwester Mahmud.«

»Haben Sie gestern Abend mit Miss Comfrey gesprochen, Schwester?«

»Nur ganz kurz. Ich habe sie begrüßt und ihr gesagt, daß das Befinden ihres Vaters unverändert ist. Später haben wir uns noch voneinander verabschiedet. Sie ist zusammen mit Mrs. Wells gegangen. Der Mann von Mrs. Wells liegt in dem Bett neben Mr. Comfrey Aha, hier kommt die Adresse. Danke, Schwester. Carlyle Villas, Forest Road 1, Kingsmarkham.« Schwester Lynn warf noch einen Blick auf die Karte. »Offenbar kein Telefon.«

»Das ist die Adresse von Mr. Comfrey«, widersprach Wexford. »Aber wir brauchen die Anschrift seiner Tochter.«

»Aber das ist doch auch der Wohnsitz der Tochter!«

Wexford schüttelte den Kopf. »Nein, die Tochter wohnte in London.«

»Bedauere, das ist alles was wir haben«, meinte Schwester Lynn ziemlich frostig. »Wir sind immer davon ausgegangen, daß Miss Comfrey mit ihrem Vater zusammen in Kingsmarkham wohnt.«

»Da sind Sie leider auf dem Holzweg. Was hätten Sie gemacht, wenn Sie sich mit ihr in Verbindung hätten setzen müssen, zum Beispiel, wenn es ihrem Vater schlechter gegangen wäre?«

»Wir hätten einen Brief geschrieben oder einen Boten geschickt.« Schwester Lynn machte ein ärgerliches Gesicht. Sie faßte die Frage offenbar als persönliche Beleidigung auf. »Aber das wäre nicht nötig gewesen, Miss Comfrey hat fast jeden Tag angerufen.«

»Und das, obgleich sie angeblich kein Telefon hatte? Ich brauche die Adresse, Schwester. Lassen Sie mich mit Mr. Comfrey sprechen.«

Sie sah auf die Uhr. »Ich sage Ihnen doch, der alte Herr dämmert nur noch dahin. Und eine Adresse kann er Ihnen ebensowenig geben wie mein kleiner Hund zu Hause.«

»Na schön. Dann brauche ich zumindest die Anschrift von Mrs. Wells.« Die bekamen sie. »Wir kommen morgen wieder«, versprach Wexford.

»Tun Sie, was Sie nicht lassen können.«

Der Chief Inspector wandte sich an Burden, dem anzusehen war, daß ihm sein ruppiger Ton von vorhin im Nachhinein vollauf gerechtfertigt erschien. »Dann werden wir uns die Adresse eben von der Tante geben lassen. Aber ist es nicht merkwürdig, daß sie dem Krankenhaus nicht verraten mochte, wo sie wohnt?«

»Merkwürdig? Ich weiß nicht recht ... Alte Leute können zu einer echten Belastung werden, die meist die Frauen zu tragen haben. Früher oder später wird Comfrey ja sicher entlassen; allein kommt er dann nicht mehr zurecht. Wohin dann mit ihm? Eine bessere Lösung als eine Tochter, die noch dazu alleinstehend ist, konnten sich die Herren Ärzte und die Wichtigtuer vom Sozialamt doch gar nicht wünschen. Von einem Sohn würde man nicht ohne Weiteres erwarten, daß er sich um den Vater kümmert. Wenn im Krankenhaus ihre richtige Adresse bekannt gewesen wäre, hätte man ihn vielleicht schon längst zu ihr abgeschoben.«

»Also von dir hätte ich nun am allerwenigsten Propaganda für die weibliche Gleichberechtigung erwartet«, sagte Wexford. »Man erlebt doch immer wieder Überraschungen ... Aber ich sehe einen gewissen Widerspruch in deiner Argumentation. Im Krankenhaus glaubt man doch, daß der alte Comfrey mit seiner Tochter zusammenwohnt. Umso leichter müßte er sich eigentlich nach Hause abschieben lassen.«

»Dafür findet sich bestimmt eine Erklärung. Es ist doch nicht wichtig, oder?«

»Es ist ein Verhalten, das nicht der Norm entspricht, und dadurch wird es für mich wichtig. Auf zu Mrs. Wells, Mike, und dann zurück zur Forest Road. Dort warten wir auf die Tante.«

 

Mrs. Wells war eine langsam sprechende und leicht konfuse Siebzigjährige. Sie war vorher schon zweimal bei Besuchen im Krankenhaus mit Rhoda Comfrey ins Gespräch gekommen, einmal im Mai und einmal im Juli. Gestern Abend waren sie um acht Uhr fünfzehn zusammen in den Bus vor dem Krankenhaus gestiegen. Worüber sie gesprochen hatten? Hauptsächlich über die Hüftoperation ihres Mannes, meinte Mrs. Wells. Miss Comfrey hatte nicht viel gesagt, sie hatte einen nervösen Eindruck gemacht. Wahrscheinlich machte sie sich Sorgen um ihren Vater. Nein, wo sie in London wohnte, wußte sie nicht. Sie hatte gedacht, Mrs. Comfrey sei in der Forest Road zu Hause.

 

Sie fuhren zurück zum Revier. Die Tatwaffe hatte sich nicht gefunden, und bei den Befragungen in den Häusern der Forest Road hatte sich nichts Verwertbares ergeben. Niemand hatte am vergangenen Abend etwas Ungewöhnliches beobachtet. Flüchtig hatten alle, mit denen Wexfords Leute gesprochen hatten, Rhoda Comfrey gekannt, aber nur ein Anwohner hatte sie um 18.20 Uhr das Haus ihres Vaters verlassen sehen. Von dort aus mußte sie mit dem Bus nach Stowerton gefahren sein. Ihre Londoner Adresse war den Bewohnern der Forest Road sämtlich unbekannt.

»Sie warten vor Mrs. Crowns Haus, Loring«, bestimmte Wexford. »Ich fahre schnell heim und esse einen Happen. Wenn sie kommt, rufen Sie mich bitte an.«

Kapitel 3

 

Dora hatte offenbar genäht, aber die Arbeit wieder beiseitegelegt. Als er kam, las sie einen Roman. Sie stand sofort auf, brachte ihm einen Teller Suppe, Hühnersalat und Obst. Er sprach zu Hause selten vom Dienst – eigentlich nur, wenn der Druck unerträglich wurde. Sein Zuhause war ihm eine Zuflucht, und er hatte sich genau in die Frau verliebt, die es fertigbrachte, ihm diese Zuflucht zu schaffen und zu bewahren. Ob es ihr schwerfiel? Sah sie sich als Dulderin, die diente und wartete, während der Mann im Leben stand? Bei diesem Gedanken regte sich wieder die Sorge, die er in den letzten drei Stunden verdrängt hatte.

»Was Neues von Sylvia?« fragte er.

»Neil hat den Teddy abgeholt. Ben mochte ohne ihn nicht einschlafen.« Sie legte ihm eine Hand auf den Arm. »Zerbrich dir nicht unnötig den Kopf, Reg. Sylvia ist eine erwachsene Frau und muß mit ihren Problemen allein fertig werden.«

»Dein Sohn bleibt dein Sohn, bis es Hochzeit tät geben«, zitierte ihr Mann, »die Tochter bleibt dein fürs ganze Leben.«

»Telefon.« Sie seufzte, aber es klang nicht aufrührerisch.

»Bleib nicht auf, bis ich komme«, sagte Wexford.

Jetzt, zehn Minuten vor elf, war es stockdunkel. Der Himmel stand voller Sterne. In den Carlyle Villas 2 brannte Licht, die anderen Häuser in der Straße lagen im Dunkel. Er klingelte.

»Mrs. Crown?«

Sie roch nach Gin und empfing ihn mit der Betrunkenen eigenen Sorglosigkeit, die weder Angst noch Zurückhaltung oder Mißtrauen kennt. Vielleicht war sie aber auch immer so. Er stellte sich vor und sagte ihr, weshalb er gekommen war.

»Nein, so was! Ausgerechnet Rhoda! Ganz schöner Schock. Da brauch ich was zu trinken. Für Sie auch?«