Die Leiche im Steinbruch - Ruth Rendell - E-Book
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Die Leiche im Steinbruch E-Book

Ruth Rendell

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Beschreibung

Wer hoch steigt, kann umso tiefer fallen … Als während eines Hippie-Festivals die Leiche einer jungen Frau in einem nahegelegenen Steinbruch gefunden wird, sind Inspector Wexford und sein Kollege Burden von der Polizei Kingsmarkham als Erste am Tatort. Das Gesicht des Opfers wurde mit einem Flaschenhals bis zur Unkenntlichkeit entstellt – doch wer könnte in einer Atmosphäre des Friedens und der Liebe zu solcher Gewalt fähig sein? Schnell ist klar, dass die Tote bereits einige Tage zuvor ermordet wurde, und dass sie kurz vor dem Tod eine Verabredung hatte – ausgerechnet mit Zeno Vedast, dem Headliner des Festivals. Doch der hat ein hieb- und stichfestes Alibi … »Wexford ist zu einem alten Freund geworden, der mit dem Alter immer besser wird.« Herald Preisgekrönte und feingezeichnete psychologische Spannung für die Leserinnen und Leser von Ian Rankin und Ann Cleeves – alle Bände der »Inspector Wexford«-Reihe können unabhängig voneinander gelesen werden. In Band 9 muss Inspector Wexford einen Mord ohne Motiv aufklären … 

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über dieses Buch:

 

Als während eines Hippie-Festivals die Leiche einer jungen Frau in einem nahegelegenen Steinbruch gefunden wird, sind Inspector Wexford und sein Kollege Burden von der Polizei Kingsmarkham als Erste am Tatort. Das Gesicht des Opfers wurde mit einem Flaschenhals bis zur Unkenntlichkeit entstellt – doch wer könnte in einer Atmosphäre des Friedens und der Liebe zu solcher Gewalt fähig sein? Schnell ist klar, dass die Tote bereits einige Tage zuvor ermordet wurde, und dass sie kurz vor dem Tod eine Verabredung hatte – ausgerechnet mit Zeno Vedast, dem Headliner des Festivals. Doch der hat ein hieb- und stichfestes Alibi …

eBook-Neuausgabe Januar 2026

Die englische Originalausgabe erschien erstmals 1973 unter dem Originaltitel »Some Lie and Some Die« bei Hutchinson Ltd., London. Die deutsche Erstausgabe erschien 1997 unter dem Titel »Phantom in Rot« im Wilhelm Goldmann Verlag.

Copyright © der englischen Originalausgabe 1973 by Ruth Rendell

Copyright © der deutschen Erstausgabe 1997 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © der Neuausgabe 2026 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Shutterstock/Frank Wagner und AdobeStock/DigitalArt Max

eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (mk)

 

ISBN 978-3-96898-362-2

 

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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people . Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!

 

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Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit gemäß § 31 des Urheberrechtsgesetzes ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected] . Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

 

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Bei diesem Roman handelt es sich um ein rein fiktives Werk, das vor dem Hintergrund einer bestimmten Zeit spielt oder geschrieben wurde – und als solches Dokument seiner Zeit von uns ohne nachträgliche Eingriffe neu veröffentlicht wird. In diesem eBook begegnen Sie daher möglicherweise Begrifflichkeiten, Weltanschauungen und Verhaltensweisen, die wir heute als unzeitgemäß oder diskriminierend verstehen. Diese Fiktion spiegelt nicht automatisch die Überzeugungen des Verlags wider oder die heutige Überzeugung der Autorinnen und Autoren, da sich diese seit der Erstveröffentlichung verändert haben können. Es ist außerdem möglich, dass dieses eBook Themenschilderungen enthält, die als belastend oder triggernd empfunden werden können. Bei genaueren Fragen zum Inhalt wenden Sie sich bitte an [email protected] .

 

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Ruth Rendell

Die Leiche im Steinbruch

Kriminalroman: Inspector Wexford ermittelt 8

Aus dem Englischen von Ute Tanner

 

dotbooks.

Meinem Sohn Simon Rendell, der auf Festivals geht, und meinem Vetter Michael Richards, der den Song schrieb, ist dieses Buch in Liebe und Dankbarkeit zugeeignet

Wunschtraumbild

 

Ihr Haar im Wind, ihr Lächeln kann ich missen, Fernsein und Warten stören mich nicht mehr, Doch ach, der Wind hat Lippen nicht zum Küssen. Ihr Kuß war heiß ... Ich will sie, ich brauch sie so sehr.

 

Sei mir nah, komm zu mir Und erklär mir, wofür Die einen Nur weinen, Indes andren beschieden Die Lüge, die Not, Das Sterben, der Tod.

 

Denk doch, mein Liebling, an mein leeres Leben, Das Licht nicht mehr, das Blüten nicht erfüllt. Kann es für uns ein Wir denn nicht mehr geben? O komm, web mit an meinem Wunschtraumbild.

 

Sei mir nah, komm zu mir ...

 

Fast ist’s das Haus, das wir einst hatten,

Dem Liebe sie und Blumen schenkt. Gemeinsam sitzen wir im Schatten, Bis sanft mein Traum die Nacht umfängt.

 

Sei mir nah, komm zu mir ...

 

Der harsche Morgen hat sie fortgenommen, Die Nacht mag nichts verraten, füg dich drein, Mir blieb das Warten, Hoffen auf ihr Kommen Und ihren Wunsch, erneut ganz mein zu sein.

 

Sei mir nah, komm zu mir ...

Kapitel 1

 

»Aber warum müssen sie zu uns kommen? Ausgerechnet zu uns? Es gibt doch weiß Gott genügend Gegenden, wo sie sich zusammenfinden können, ohne eine Menschenseele zu stören. Im schottischen Hochland zum Beispiel. Oder in Dartmoor. Wieso es ausgerechnet uns trifft, ist mir ein Rätsel. Ehrlich.«

Detective Inspector Michael Burden äußerte sich bereits seit Monaten tagtäglich in diesem oder ähnlichem Sinne. Diesmal aber schwang in seiner Stimme ein neuer Ton – ein Ton verbitterter Ratlosigkeit. Sich das Kommende auszumalen, war schlimm genug gewesen. Doch was sich jetzt zehn Meter unter ihm auf Kingsmarkhams Hauptstraße abspielte, war Realität, und er machte das Fenster auf, um sie besser – oder in deprimierenderen Details – beobachten zu können.

»Zu Tausenden kommen sie die Bahnhofsstraße herunter. Und das ist nur ein Bruchteil, wenn man bedenkt, daß viele ja auch andere Transportmöglichkeiten nutzen werden. Es ist eine regelrechte Invasion. Herrgott, da kommt der schwarze Riese persönlich. Sie sollten mal seinen Mantel sehen. Wie in der Geschichte vom Rattenfänger von Hameln, die hab ich mal in einem von Pams Schulbüchern gelesen.«

Sein Zimmergenosse hatte bisher auf diesen Erguß nicht reagiert. Er war groß und schwer und zwanzig Jahre älter als der Inspector und stand somit in einem Lebensabschnitt, in dem man nur noch zögernd von einem ›Mann mittleren Alters‹ spricht, weil einem die Bezeichnung ›älterer Herr‹ soviel passender erscheint. Ausgesprochen gut hatte er nie ausgesehen. Mit zunehmendem Alter und nachdem er fast alle Haare verloren hatte, war das Gesicht mit den Hängebacken nicht schöner geworden, aber sein Ausdruck, der nicht so sehr Gutmütigkeit als vielmehr Toleranz allem, nur nicht der Intoleranz gegenüber verriet, machte diese Äußerlichkeiten wieder wett und verlieh seinen Zügen etwas durchaus Anziehendes. Er saß an seinem Rosenholzschreibtisch und versuchte, eine Richtlinie über die Verhütung von Straftaten zu Papier zu bringen. Jetzt schüttelte er ungeduldig den Kopf und legte den Stift aus der Hand.

»Uneingeweihte«, sagte Chief Inspector Wexford, »könnten auf den Gedanken kommen, daß Sie von einer Rattenplage reden.« Er schob seinen Sessel zurück und stand auf. »Müssen Sie alles so eng sehen? Es sind junge Leute, die ein bißchen Spaß haben wollen, nicht mehr und nicht weniger.«

»Warten Sie nur ab, bis die ersten Autos in Flammen stehen, die Ladendiebstähle sich häufen, anständige Bürger zusammengeschlagen werden und ... und die Hell’s Angels anrücken. Dann sprechen wir uns wieder.«

»Vielleicht. Kommt Zeit, kommt Rat. Lassen Sie mich auch mal ran.«

Burden verlegte widerwillig seinen Beobachtungsposten und machte ein paar Zentimeter Fenster für Wexford frei. Man schrieb den 10. Juni, es war der frühe Nachmittag eines herrlichen Sommertages. Die High Street war belebt, wie stets am Freitag, Autos fuhren Parkplätze an und entfernten sich wieder, Frauen schoben Kinderwagen, gestreifte Markisen an den Ladenfronten schützten die Passanten vor einer fast südlichen Sonne, und auf den Bänken vor dem Dragon saßen Arbeiter und tranken Bier. Doch nicht diese Leute hatten Burdens Aufmerksamkeit erregt, sie verfolgten den Ansturm ebenso gespannt und manche ebenso feindselig wie er. Es war eine wahre Flut von Jugendlichen mit geschulterten Rucksäcken und schlenkernden Transistorradios in der Hand, die über die Straße zu der Bushaltestelle an der Baptistenkirche schwappte. Die am Zebrastreifen wartenden Wagen hupten protestierend, aber sie vermochten ebensowenig gegen den stetigen Strom, wie die Wellen des Roten Meers gegen die Kinder Israels. Es waren immer mehr, vielleicht nicht Tausende, aber ein paar Hundert, die lachend, drängelnd, singend näherkamen. Ein Junge, auf dessen T-Shirt ein aufgedruckter Che-Guevara-Kopf prangte, streckte einem zornigen Autofahrer die Zunge heraus und hob zwei Finger.

Jeans beherrschten das Bild. Die meisten dieser jungen Leute hatten ihre Schulzeit noch nicht lange hinter sich, manche gingen auch noch zur Schule, und Auflehnung gegen die Schuluniform gehörte bei ihnen gewissermaßen zum guten Ton. Hier aber präsentierten sie sich doch wieder in Uniform, allerdings in einer selbstgewählten: Blaue Baumwollhosen und Hemdblusen, langes Haar, nackte Füße. Hier und da aber gab es Versuche, sich völlig von konventionellen Bekleidungsnormen freizumachen, wie bei dem Mädchen in dem roten Bikinioberteil und dem schmutzigen knöchellangen Satinrock und ihrem Begleiter, der schwitzend, aber glücklich, in schwarzem Leder herumlief. Sie alle überragte der junge Mann, der Burden vorhin aufgefallen war, ein gut gebauter, hochgewachsener Neger mit glänzendschwarzem Haarschopf, dessen bronzefarbener Körper vom Hals bis zu den Knöcheln in einen schwarz-weißen Mantel aus kurzgeschorenem Fell eingehüllt war.

»Und das ist erst der Anfang«, sagte Burden, als Wexford seiner Meinung nach Zeit genug gehabt hatte, die Lage zu überschauen. »So geht es die ganze Nacht durch und morgen auch noch. Was machen Sie denn für ein Gesicht? Als ob ... ja, als ob Sie was verloren hätten.«

»Hab ich auch. Meine Jugend. Ich würde gern zu denen da unten gehören und mit zum Popfestival ziehen. Sie nicht?«

»Nein, ehrlich nicht. Mein Fall wäre das nie gewesen. Diese jungen Leute werden eine Menge Ärger und einen Mordskrach machen und den Ärmsten, die das Pech haben, in der Sundays-Siedlung zu wohnen, das Wochenende verderben. Mehr will ich dazu gar nicht sagen.« Wie so mancher, der sich dieser Floskel bedient, sagte Burden noch sehr viel mehr dazu. »Meine Eltern haben mich gelehrt, Rücksicht auf meine Mitmenschen zu nehmen, und dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Mal eine Tanzerei am Wochenende und ein paar Bierchen, dazu habe ich früher nicht nein gesagt, aber einen riesigen Park besetzen, bloß um sich auf Kosten anderer zu amüsieren – nein, das hätte ich nicht gewollt. Ich hätte mir immer gedacht, daß ich mir so was gar nicht verdient habe.«

Wexford schnaufte leicht gereizt. »Von dieser penetranten Tugendhaftigkeit wird die Welt auch nicht lustiger. Dann lassen Sie Ihren Jungen wohl auch nicht auf die Fete, was?«

»Morgen Abend kann er zwei Stunden hingehen, um sich diesen Zeno Vedast anzuhören, aber bis elf muß er wieder zu Hause sein. Daß er im Park kampiert, kommt überhaupt nicht in Frage. Er ist schließlich erst fünfzehn. Zeno Vedast! Möchte wetten, daß ihm den Namen seine Paten bei der Taufe nicht gegeben haben. Wahrscheinlich heißt er Jim Bloggs oder so. Er soll hier aus der Gegend stammen. Ein Glück, daß wir ihn los sind. Diese Popmusikmode ist mir unbegreiflich. Warum kann John keine klassische Musik hören?«

»Wie sein Alter, der zu Hause sitzt und auf Gustav Mahler abfährt? Machen Sie’s halblang, Mike.«

»Ich steh nun mal nicht auf Popmusik«, sagte Burden verdrossen. »Die ganze Richtung paßt mir nicht.«

»Macht mich nicht an, Mike. Bleiben wir im Jargon. Wenn wir für unsere Jugend schon die Bullen sind, brauchen wir nicht auch noch kleinkariert daherzureden. Jedenfalls habe ich es satt, nur den Zuschauer zu spielen. Wollen wir uns die Sache nicht mal aus der Nähe ansehen?«

»Jetzt gleich? Morgen, wenn sie anfangen zu raufen und zu zündeln, müssen wir doch sowieso antreten.«

»Ich fahr jedenfalls hin. Sie können das natürlich halten, wie Sie wollen, aber vielleicht lassen Sie sich das Wort eines Mannes durch den Kopf gehen, der auch Puritaner war: ›Bedenket in eurem Herzen, liebe Christenbrüder, daß ihr auch irren könnt.‹«

Dort, wo sich jetzt das Herrenhaus aus der Regency-Zeit erhebt, stand schon seit der normannischen Eroberung ein Haus, das sich Sundays nannte. Woher der Name kommt, weiß kein Mensch. Wahrscheinlich hat er nichts mit dem Tag des Herrn zu tun, sondern geht auf den ersten Bauherrn zurück, der Sir Geffroy Beauvoir de Saint Dieu hieß.

Früher erstreckten sich die Sundays-Ländereien von Kingsmarkham bis nach Forby und darüber hinaus, nach und nach aber wurden immer mehr Wald und Ackerland verkauft, bis nur noch ein kleiner Garten und ein mehrere Morgen großer Park übrigblieben. Nach Ansicht der Umweltschützer ist Sundays ein für alle Mal verschandelt. Die hohen Zedern und die Hainbuchenallee sind zwar noch da, der überwucherte Steinbruch ist bisher unberührt, aber der italienische Garten ist verschwunden, in der Orangerie hat Martin Silk, der jetzige Besitzer, eine Champignonzucht angelegt, und die kürzlich entstandene Sundays-Siedlung verstellt den früher so herrlich weiten Blick.

Die Forbyer Straße zieht sich am Parkrand entlang und schneidet die Siedlung in zwei Teile. Viermal am Tag rollt über diese Straße der Bus nach Forby und hält vor dem Parktor von Sundays, wo sich eine Bedarfshaltestelle befindet. Wexford und Burden stellten den Wagen in einer Parkbucht ab und sahen zu, wie die ersten jungen Pilger aus dem Vierzehn-Uhr-dreißig-Bus kletterten und ihr Gepäck zu dem offenstehenden Tor hinüberschleppten. Am Pförtnerhaus standen Martin Silk und fünf, sechs Helfer, um die Eintrittskarten zu kontrollieren. Wexford stieg aus und las das Plakat, das an einem der Torflügel klebte: »Sundays-Scene, 11. und 12. Juni, Zeno Vedast, Betti Ho, The Verb to Be, Greatheart, The Acid, Emmanuel Ellerman.« Als die Busladung junger Leute in der Hainbuchenallee verschwunden war, trat er an Silk heran.

»Läuft alles, Mr. Silk?«

Silk, ein ziemlich kleingeratener Mann mittleren Alters, hatte schulterlanges graues Haar und – wenn man nicht so genau hinsah oder ihn nicht beim Gehen beobachtete – die Figur eines Zwanzigjährigen. Er war reich und exzentrisch und gehörte zu den Menschen, die sich einfach nicht von ihrer Jugend trennen können. »Natürlich läuft alles«, sagte er brüsk. Mit Gleichaltrigen konnte er nicht viel anfangen. »Es kann überhaupt nichts passieren, sofern Sie uns in Ruhe lassen.«

Er trat zur Seite und setzte ein breites Lächeln auf, während er die Eintrittskarten von fünf, sechs jungen Leuten entgegennahm, deren mit rosa-, orange- und purpurfarbenen Slogans geziertes Wohnmobil am Pförtnerhaus angehalten hatte.

»Willkommen auf Sundays, Freunde. Zelten könnt ihr, wo ihr wollt. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Den Wagen stellt ihr am besten vor dem Haus ab.«

Burden, der inzwischen dazugekommen war, sah dem Wohnmobil nach, das heftig schwankend die Allee hinaufschaukelte. Aus den Fenstern dröhnte laute Musik.

»Hoffentlich wissen Sie, worauf Sie sich da einlassen«, sagte er brummig. »Können Sie mir mal verraten, wieso Sie das überhaupt machen?«

»Weil ich die Jugend liebe, Inspector. Die Jugend und ihre Musik. Von der Insel Wight hat man sie vertrieben, niemand will sie haben. Nur ich. Dieses Festival wird Tausende verschlingen, und den größten Teil des Geldes werde ich aus meiner eigenen Tasche zahlen. Um die ganze Sache finanzieren zu können, mußte ich noch ein Stück Land verkaufen, aber was soll’s? Ich laß die Leute reden ...«

»Die werden dazu wohl auch einiges zu sagen haben, besonders die Umweltschützer«, ereiferte sich Burden. »Die hiesige Bevölkerung ist in der Mehrzahl gegen Ihre Neubauten. Baugenehmigungen können auch rückgängig gemacht werden, so was soll’s schon gegeben haben.«

Wexford sah, daß Silk vor Wut rot angelaufen war, und griff rasch ein.

»Wir hoffen alle, daß das Festival ein Erfolg wird, ich jedenfalls wünsche es Ihnen von Herzen. Ich habe gehört, daß Betti Ho morgen Nachmittag im eigenen Hubschrauber einschweben soll. Stimmt das?« Silk nickte einigermaßen besänftigt, und Wexford fuhr fort: »Wichtig ist, daß die Hell’s Angels nicht hereinkommen und daß es möglichst wenig Ärger gibt. Vor allem wollen wir keine Gewalttätigkeiten, verbrannte Fahrräder und dergleichen, wie wir es damals in Weely erlebt haben. Ich würde gern vor dem Konzert ein paar Worte an die Besucher richten, von Ihrer Bühne aus. Sagen wir morgen Abend um sechs?«

»Meinetwegen, aber passen Sie auf, daß die Leute nicht sauer werden.« Strahlend begrüßte Silk eine Gruppe junger Mädchen, die Gitarren über der Schulter und knöchellange Oma-Kleider trugen, und machte ihnen Komplimente. Die Mädchen kicherten. Sie lachen ihn aus und nicht an, dachte Wexford bei sich, aber die kleine Szene hatte Silks Laune verbessert. Als die Mädchen im Park verschwunden waren, fragte er gnädig: »Möchten Sie sich mal ein bißchen umsehen?«

»Ja, gern«, sagte Wexford.

 

Das Gelände links von der Allee, wo sonst unter Linden und Zedern eine kleine Herde Schwarzbunter graste, war als Lagerplatz vorgesehen. Das Vieh hatte man auf eine Weide hinter dem Haus getrieben, und die ersten Zelte standen schon. Mitten im Park war eine von Bogenlampen umstandene Bühne aufgebaut worden. Wexford, der sonst eine ausgesprochene Abneigung gegen Zäune und befestigte Abgrenzungen hatte, war froh, daß den Park von Sundays eine stachelbewehrte Mauer umgab, die »unerwünschte Elemente«, wie Burden sich ausdrückte, abschrecken würde. Nur an einer Stelle war die Abgrenzung unterbrochen, nämlich am Steinbruch, der sich halbkreisförmig tief in die Kalksteinfelsen an der Forbyer Straße eingegraben hatte. Die beiden Polizeibeamten gingen zum Haus und peilten von der Terrasse aus die Lage.

Ein ambulanter Händler, bei dem man alkoholfreie Getränke, Kartoffelchips und Süßigkeiten erstehen konnte, hatte sich bereits auf der Allee postiert, und die hungrige Jugend stand bei ihm Schlange. Andere, denen es gelungen war, diesen Verlockungen zu widerstehen, steckten an reizvollen Stellen ihre Claims ab und klopften Zeltpflöcke fest. Ein dünner, aber stetiger Strom von Autos und Motorrädern passierte das Tor. Wexford nickte zum Steinbruch hinüber und setzte sich in Bewegung. Burden folgte ihm.

Wer das Glück gehabt hatte, sich einen Tag Urlaub nehmen oder eine Vorlesung schwänzen zu können, war schon frühmorgens angekommen und hatte sich im Park bereits häuslich eingerichtet. Ein junger Mann in marokkanischem Burnus briet Würste über einem Propangaskocher, seine Freunde saßen im Schneidersitz daneben und unterhielten ihn mit Witzen, Gesängen und einer Gitarre. Der Kingsbrook fließt durch den Park von Sundays, unterquert die Forbyer Straße und schlängelt sich dann dicht an der Mauer durch Weiden- und Erlengrund. Der seichte Flußlauf bot sich zum Baden förmlich an. Mehrere junge Leute planschten im Wasser herum, die Mädchen in BH und Höschen, die Jungen in den knapp bemessenen schwarzen Slips, die sich ebenso gut als Unterhosen wie als Badebekleidung nutzen lassen. Als sie die kleine Holzbrücke überquerten, sah Burden so konsequent in die andere Richtung, daß er um ein Haar über ein Pärchen gefallen wäre, das engumschlungen im hohen Gras lag. Wexford lachte.

»O gib sie hin, die schwarzen Zelte deines Stammes, und zieh ins rote Lusthaus meines Herzens ein ...« zitierte er. »So was bekommen wir in der nächsten Zeit hier häufiger zu sehen, Mike, daran müssen Sie sich schon gewöhnen. Letts wird zwei seiner Leute an den Steinbruch stellen müssen, damit wir keine uneingeladenen Gäste bekommen.«

»Meinen Sie wirklich?« fragte Burden. »Mit dem Motorrad kommt man da nicht durch. Im Übrigen«, setzte er bösartig hinzu, »ist es mir völlig egal, wer sich gratis auf Silks dämlichem Festival vergnügt. Hauptsache, uns machen sie keinen Ärger.«

An der Seite des Sundays-Grundstücks war der Hang ungeschützt, auf der anderen Seite stand eine recht gebrechliche Einfriedung aus Latten und Stacheldraht. Jenseits des Stacheldrahts, hinter einem schmalen Grasstreifen, lagen die Gärten von drei Häusern einer kleinen Durchgangsstraße, die sich Pathway nannte. Jedes Grundstück hatte einen hohen Zaun und ein eigenes Gartentor. Wexford sah in den Steinbruch hinein. Er war etwa sieben Meter tief, die Hänge waren mit Brombeerbüschen, Geißblatt und Kletterrosen bewachsen. Die Rosen standen in voller Blüte, zu Tausenden leuchteten sie in sanftem Muschelrosa vor den dunklen Ranken und dem goldlodernden Ginster. Hier und da erhoben sich schlanke, silbrige Birkenstämme. Am Grund des Steinbruchs breitete sich eine kleine Rasenfläche aus, auf der Glockenblumen wippten. Als Wexford hinunterblickte, schien sich eine von ihnen in die Lüfte zu erheben, doch dann erkannte er, daß es keine Blume war, sondern ein Schmetterling, ein Geißklee-Bläuling, glockenblumenblau mit himmelblauen Schwingen.

»Schade, daß sie die Häuser da hingestellt haben. Schön sieht das wahrhaftig nicht aus.«

Burden nickte. »Eigentlich müßte man heutzutage ständig mit halbgeschlossenen Augen durch die Gegend laufen oder sich eine Genickstarre holen.«

»Abends ist es trotzdem hübsch hier, besonders wenn der Mond scheint. Ich freue mich auf Betti Ho. In ihren Liedern tritt sie für den Schutz der Umwelt ein, und wenn wir uns über eins einig sind, Mike, dann doch bestimmt darüber, daß die Umweltverschmutzung aufhören muß. Betti Ho wird Ihnen gefallen. Und ich muß zugeben, daß ich auch auf die Songs von diesem Zeno Vedast gespannt bin.«

»Den hör ich schon zu Hause mehr als genug«, sagte Burden grämlich. «Tag und Nacht dudelt John seine schnulzigen Liebeslieder.«

Sie machten kehrt und gingen unter den Weiden zurück. Einer der Badenden spritzte Wexfords Hosenbeine naß, und Burden brüllte ihn wütend an, aber Wexford lachte nur.

Kapitel 2

 

»Alles in allem benehmen sie sich ja sehr manierlich«, befand Inspector Burden im Ton ungläubigen Erstaunens, als er mit Wexford von einer kleinen Hügelkuppe aus die jeunesse dorée zu seinen Füßen betrachtete. Es war Samstag Nacht oder vielmehr später Abend, der Himmel hing, einer umgestülpten purpurnen Schüssel gleich, über ihnen, in die, wie in eine Perle, der Mond eingelassen war, umgeben von funkelnden Galaxien. Die Sterne schienen hell, und doch reichte ihr Licht nicht aus, so daß man die Bühne, auf der Sterne anderer Art sich produzierten, mit Bogenlampen, Monden aus Menschenhand, angestrahlt hatte.

Die Zelte standen leer, denn ihre Bewohner saßen oder lagen in dem blauschimmernden, taubeperlten Gras, und ihre bizarrbunten Gewänder wirkten in dem natürlichen und künstlichen Mondlicht eher düster, saphir- und rauchfarben. Die Haare schimmerten silbern, nicht von der Zeit, sondern vom Licht der Nacht gebleicht. Die Propangasbrenner waren nicht mehr in Betrieb, aber hier und da brannte ein Feuerchen, von dem spiralförmig dünne blaue Fäden aufstiegen, die sich im Himmelsblau verloren. Der ganze Lagerplatz war in Blautöne getaucht, hier leuchtete es azurfarben, dort, wo Park und Himmel aneinanderstießen, schimmerte es jadeblau, an anderen Stellen wie Eisvogelgefieder, dazwischen erkannte man als dunkelblaue Schatten die hingelagerten aficionados.

»Wie viele mögen es sein, was schätzen Sie?« fragte Wexford.

»Siebzig-, achtzigtausend. Sehr laut sind sie ja nicht.«

»Der Taube Gurren in den alten Ulmen

und ungezählter Bienen Flüsterweisen ...«

zitierte Wexford.

»Ja, vielleicht hätte ich sie nicht mit Ratten vergleichen sollen. Sie sind mehr wie Bienen, ein riesiger Bienenschwarm.«

Das Stimmengesumm hatte eingesetzt, nachdem Betti Ho von der Bühne gegangen war. Einzelne Worte ließen sich nicht unterscheiden, aber die konzentrierte, gespannte Atmosphäre, das Gefühl völliger Einmütigkeit und stiller Empörung, sagten Wexford, daß von den Liedern die Rede war, die sie gerade gehört hatten und mit deren Gesinnung sie einiggingen.