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»Es gab nie irgendwelche Zweifel. Herbert Arthur Painter tötete mit einem Beil seine neunzigjährige Arbeitgeberin durch einen Schlag auf den Kopf, und er tat es wegen 200 Pfund.« Manche Fälle lassen sich nicht mehr vergessen … Inspector Wexford hat nie Zweifel gehegt, dass er bei seinem ersten Mordfall den Täter vor Gericht gebracht hat. Der Fall war klar: eine junge Frau, die von ihrem Handwerker getötet wurde. Nur Henry Archery, der Pfarrer der kleinen Gemeinde, kann die Vergangenheit nicht ruhen lassen – er hat seine ganz eigenen Gründe, an Painters Unschuld zu glauben. Ist Wexford vor 15 Jahren ein folgenschwerer Fehler unterlaufen? Als der Polizeichef an den Schauplatz des Verbrechens zurückkehrt, weckt er weit mehr als nur alte Geister … »Ruth Rendell ist ohne Frage eine der besten Krimiautorinnen der Welt. Eine Meisterin im Aufdecker der Abgründe unter der Decke einer scheinbar kleinbürgerlichen Wohlanständigkeit.« Frankfurter Rundschau Preisgekrönte und feingezeichnete psychologische Spannung für die Leserinnen und Leser von Martha Grimes und P. D. James – alle Bände der »Inspector Wexford«-Reihe können unabhängig voneinander gelesen werden. In Band 3 sorgt das Verschwinden eines stadtbekannten Models für Aufregung im beschaulichen Kingsmarkham …
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Seitenzahl: 350
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Manche Fälle lassen sich nicht mehr vergessen … Inspector Wexford hat nie Zweifel gehegt, dass er bei seinem ersten Mordfall den Täter vor Gericht gebracht hat. Der Fall war klar: eine junge Frau, die von ihrem Handwerker getötet wurde. Nur Henry Archery, der Pfarrer der kleinen Gemeinde, kann die Vergangenheit nicht ruhen lassen – er hat seine ganz eigenen Gründe, an Painters Unschuld zu glauben. Ist Wexford vor 15 Jahren ein folgenschwerer Fehler unterlaufen? Als der Polizeichef an den Schauplatz des Verbrechens zurückkehrt, weckt er weit mehr als nur alte Geister …
eBook-Neuausgabe Februar 2026
Die englische Originalausgabe erschien erstmals 1969 unter dem Originaltitel »A New Lease of Death« bei Hutchinson Ltd., London.
Copyright © der englischen Originalausgabe 1969 by Ruth Rendell
Copyright © der deutschen Erstausgabe 1995 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Bertelsmann GmbH.
Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Shutterstock/Frank Wagner und AdobeStock/Media Srock
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (ma)
ISBN 978-3-69076-898-6
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Ruth Rendell
Kriminalroman: Inspector Wexford ermittelt 2
Aus dem Englischen von Denis Scheck
Für meinen Vater und Simon
Alle Zitate am Anfang der Kapitel stammen aus The Book of Common Prayer und wurden in der 1844 in London erschienenen deutschen Übersetzung wiedergegeben.
Die Reichsgesetze mögen solche Christen, die grober und schwerer Verbrechen schuldig befunden sind, mit dem Tode bestrafen.
Die Religionsartikel
Es war fünf Uhr morgens. Inspector Burden hatte wohl schon mehr Morgendämmerungen gesehen als die meisten, aber er war ihrer nie wirklich überdrüssig geworden, schon gar nicht im Sommer. Er liebte die Stille, den Anblick des ländlichen Städtchens im menschenleeren Zustand, das harte blaue Licht, das von derselben Färbung und Leuchtkraft war wie das Licht der Abenddämmerung, jedoch ohne deren Melancholie.
Vor kaum einer Viertelstunde hatten die beiden Männer, die sie wegen der gestern Abend in einer der Kneipen von Kingsmarkham vorgefallenen Schlägerei verhört hatten, jeder für sich und fast gleichzeitig gestanden. Inzwischen saßen sie in zwei kahlen weißen Zellen im Erdgeschoß dieses unangemessen modernen Polizeigebäudes. Burden stand am Fenster in Wexfords Büro und blickte zum Himmel empor, der eine dem Aquamarinblau eigene grünliche Färbung aufwies. Ein in enger Formation fliegender Vogelschwarm zog über ihn hinweg. Er erinnerte Burden an seine Kindheit, als alles, so wie in der Morgendämmerung, größer, klarer und bedeutungsvoller erschienen war als heute. Müde und ein wenig angewidert öffnete er das Fenster, um den Zigarettenqualm und Schweißgeruch der Jugendlichen hinauszulassen, die mitten im Hochsommer Lederjacken trugen.
Draußen auf dem Gang hörte er, wie Wexford Colonel Grisworld, dem Chief Constable, gute Nacht sagte – oder guten Morgen. Burden fragte sich, ob Grisworld, als er kurz vor zehn mit einer langen Tirade über die Ausmerzung des Rowdytums aufgetaucht war, wohl geahnt hatte, daß er sich die ganze Nacht würde um die Ohren schlagen müssen. Das hast du jetzt von deiner Einmischerei, dachte er boshaft.
Die schwere Eingangstür fiel ins Schloß, und Grisworlds Auto sprang an. Burden sah ihm nach, wie es über den Vorplatz an den großen, mit rosa Geranien bepflanzten Steintrögen vorbei auf die Kingsmarkham High Street rollte. Der Chief Constable fuhr selbst. Burden bemerkte anerkennend und leicht amüsiert, daß Grisworld nur mit ungefähr 45 Kilometer in der Stunde fuhr, bis er an dem schwarzweißen Schild angelangt war, das die Geschwindigkeitsbegrenzung aufhob. Daraufhin beschleunigte der Wagen und geriet auf der leeren Landstraße nach Pomfret rasch außer Sicht.
Als er Wexford eintreten hörte, wandte er sich um. Das plumpe graue Gesicht des Chief Inspectors war noch eine Spur grauer als sonst, aber davon abgesehen, zeigte er keine Anzeichen von Müdigkeit, und in seinen Augen, die dunkel und hart wie Basalt waren, stand ein triumphierendes Leuchten. Er war ein stattlicher Mann von kräftigem Aussehen und mit einer kräftigen, einschüchternden Stimme. Der graue Anzug – einer seiner obligatorischen Zweireiher mit weit unten sitzenden Knöpfen – sah heute schäbiger und zerknitterter aus denn je. Doch er paßte zu Wexford und wirkte fast wie eine zweite Haut über seiner natürlichen, die runzelig und dick war.
»Wieder eine Arbeit erledigt. Wie die alte Frau sagte, als sie dem Mann das Auge ausgestochen hatte.«
Burden nahm solche Sprüche mit stoischer Gelassenheit hin. Er wußte, daß Wexford ihn mit voller Absicht schockieren wollte, und mit schöner Regelmäßigkeit gelang ihm das auch. Er kräuselte die schmalen Lippen zu einem verkniffenen Lächeln. Wexford reichte ihm einen blauen Umschlag, und er war froh über die Ablenkung, durch die er seine leichte Verlegenheit überspielen konnte.
»Das hier hat mir Grisworld gerade gegeben«, sagte Wexford. »Morgens um fünf. Kein Gefühl für gutes Timing.«
Burden warf einen Blick auf den Poststempel aus Essex.
»Von dem Mann, den er erwähnt hat, Sir?«
»Da Verehrerpost aus dem schönen und idyllischen Thringford für mich ja wohl kaum der Normalfall ist, dürfte es sich tatsächlich um diesen Pfarrer handeln. Ein gewisser Mr. Archery, der die Alte-Kumpel-Masche abzieht.« Er ließ sich auf einen der wackligen Stühle sinken, der wie immer ein protestierendes Quietschen von sich gab. Wexford verband mit diesen Stühlen eine Haßliebe, wie es sein Untergebener zu nennen pflegte, und diese Haßliebe erstreckte sich im Grunde auf das gesamte hypermoderne Mobiliar seines Büros. Der schwarz glänzende Boden, der quadratische Nylonteppich, die Stühle mit den schlanken Chrombeinen, die dottergelben Jalousien – sie alle waren Wexfords Ansicht nach nicht »zweckdienlich«, sondern Staubfänger und »Schnickschnack«. Gleichzeitig war er insgeheim aber auch ungeheuer stolz auf sie. Sie hatten ihre Wirkung und dienten dazu, fremden Besuchern zu imponieren, beispielsweise dem Verfasser dieses Briefes, den Wexford nun aus dem Kuvert zog.
Er war auf ziemlich dickes blaues Papier geschrieben. In übertrieben vornehmem Tonfall sagte der Chief Inspector gespreizt: »Da wenden wir uns am besten doch gleich an den Chief Constable von Mid-Sussex, meine Liebe. Schließlich waren wir zusammen in Oxford, nicht wahr?« Er verzog das Gesicht zu einer Art wölfischem Grinsen. »Lagen wohl zusammen am Busen der gleichen Alma mater«, fügte er hinzu. »So was kann ich nicht ausstehen.«
»Stimmt es denn?«
»Stimmt was?«
»Daß sie zusammen in Oxford waren?«
»Keine Ahnung. Irgendwas in der Richtung. Vielleicht waren’s auch die Sportplätze von Eton. Grisworld sagte bloß: ›Jetzt, wo wir diese Gauner hinter Schloß und Riegel haben, möchte ich gern, daß Sie einen Blick auf den Brief eines guten Freundes von mir werfen. Archery ist sein Name, ein prima Kerl. Diese Anlage ist für Sie. Ich möchte, daß Sie ihn nach besten Kräften unterstützen. Soweit ich weiß, hat es etwas mit diesem Halunken Painter zu tun.‹«
»Wer ist Painter?«
»Ein Verbrecher, kam vor fünfzehn oder sechzehn Jahren an den Galgen«, sagte Wexford lakonisch. »Mal sehen, was uns der Herr Pfarrer zu sagen hat.«
Burden sah ihm über die Schulter. Der Brief trug den Absender Pfarrhaus St. Columba, Thringford, Essex. Die griechischen E erweckten instinktiv eine leichte Abneigung in ihm. Wexford las vor:
»›Sehr geehrter Herr, ich hoffe, Sie verzeihen mir, wenn ich Ihre kostbare Zeit in Anspruch nehme ...‹ Was bleibt mir auch anderes übrig? ›...aber ich messe dieser Angelegenheit eine gewisse Dringlichkeit bei. Col. Grisworld, der Chief Constable von Blablabla und so weiter, hat mich freundlicherweise an Sie als den zuständigen Beamten verwiesen, der mir unter Umständen mit diesem Problem weiterhelfen kann, weshalb ich mir, nachdem ich erst ihn zu Rate zog, nun die Freiheit nehme, mich an Sie zu wenden. ‹« Er hüstelte und lockerte sich die zerknitterte graue Krawatte. »Du lieber Himmel – der redet ja lange um den heißen Brei herum. Ah, jetzt kommt er zur Sache. ›Gewiß erinnern Sie sich an den Fall Herbert Arthur Painter ...‹ Und ob. ›Wie ich erfahren habe, leiteten Sie die Untersuchung. Ich hielt es daher für das Beste, mich an Sie zu wenden, ehe ich bestimmte Erkundigen anstelle, die einzuholen ich gänzlich wider meinen Willen gezwungen bin.‹«
»Gezwungen?«
»So schreibt der Mann zumindest. Weshalb, sagt er nicht. Das Weitere besteht aus einer Menge Höflichkeiten, und ob er mich morgen – nein, heute – sprechen könne. Er will mich heute Morgen anrufen, aber er ›setzt meine Bereitwilligkeit voraus, ihn zu empfangen‹.« Er schaute zum Fenster hinaus, wo die Sonne über der York Street aufging, und frönte seiner Vorliebe für entstellte Zitate: »Vermutlich weilt er jetzt gerade in elysischen Gefilden, vollgestopft mit schwerbekömmlichem Hammelfleisch oder was Pfarrer sonst im Schweiße ihres Angesichts zu Abend essen.«
»Um was geht es eigentlich?«
»Du meine Güte, Mike, das ist doch klar wie Kloßbrühe. Ihnen scheint dieser Kram von wegen ›gezwungen sein‹ und ›gänzlich wider meinen Willen‹ entgangen zu sein. Ich kann mir nicht vorstellen, daß er ein sonderlich hohes Gehalt hat. Wahrscheinlich schreibt er zwischen Frühgottesdienst und Mütterkreis wahre Kriminalgeschichten. Falls er darauf spekuliert, den Geschmack der breiten Masse damit zu treffen, daß er Painter aus der Versenkung holt, muß er es verzweifelt nötig haben.«
»Ich glaube, ich erinnere mich an den Fall«, sagte Burden nachdenklich. »Ich war damals gerade aus der Schule gekommen ...«
»Womöglich hat es Sie wohl noch in Ihrer Berufswahl beeinflußt?« spöttelte Wexford. »›Was möchtest du denn werden, mein Sohn?‹ –›Kriminalbeamter, Papa.‹«
Während der fünf Jahre als Wexfords rechte Hand war Burden gegen die Sticheleien immun geworden. Er war sich darüber im Klaren, daß er eine Art Ventil darstellte, der Sündenbock, an dem Wexford seinen derben und manchmal haarsträubenden Humor auslassen konnte. Die Einwohner dieser Kleinstadt, die Wexford ohne Unterschied als »unsere Kunden« bezeichnete, mußten – wenn sie nicht gerade im Verdacht eines Schwerverbrechens standen – damit verschont bleiben. Burdens Aufgabe war es, dem überschäumenden Zorn, Hohn und Spott seines Chefs eine Zielscheibe zu bieten. Nun fiel ihm die Rolle des Blitzableiters zu, in den die Verachtung einschlug, die eigentlich Grisworld und Grisworlds Bekanntem gebührte.
Er sah Wexford verständnisvoll an. Nach einem anstrengenden Tag und einer nervenaufreibenden Nacht war dieser Brief der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte. Wexford hatte sich mit einem Mal versteift vor Ärger, auf seiner Stirn zeigten sich tiefere Falten als sonst, und sein ganzer Körper war von kaum unterdrückter Wut verkrampft, die bei der kleinsten Ungeschicklichkeit losbrechen konnte.
»Diese Painter-Geschichte«, sagte Burden, geschickt in seine Therapeuten-Rolle überwechselnd, »war im Grunde doch eine Routineangelegenheit. Ich habe damals den Fall in der Zeitung verfolgt, weil er die lokale Sensation war, aber ansonsten war, nach meiner Erinnerung, nichts Bemerkenswertes dran.«
Wexford steckte den Brief in den Umschlag zurück und legte ihn in eine Schublade. Seine Bewegungen waren exakt und äußerst beherrscht. Ein falsches Wort, ging es Burden durch den Kopf, und er hätte den Brief zerrissen und die Fetzen auf dem Boden verstreut, wo sich die Putzfrau um die weitere Bearbeitung kümmern konnte. Seine Worte waren unter den gegebenen Umständen offenbar so richtig wie möglich gewesen, denn Wexford sagte mit scharfer, aber beherrschter Stimme: »Für mich war er bemerkenswert.«
»Weil Sie mit ihm betraut waren?«
»Weil es der allererste Mordfall war, den ich persönlich leitete. Für Painter war er bemerkenswert, weil er ihn an den Galgen brachte, und auch seine Frau blieb nicht unberührt. Es hat sie wohl ziemlich erschüttert, soweit diese Frau überhaupt etwas erschüttern konnte.«
Mit wachsender Nervosität registrierte Burden, wie er den Brandfleck betrachtete, den die Zigarette einer der von ihnen Verhörten auf dem zitronengelben Sitzleder des Stuhls hinterlassen hatte. Er wartete auf den großen Knall. Stattdessen fragte Wexford in gleichgültigem Ton:
»Haben Sie kein Zuhause, wo Sie sich mal wieder blicken lassen müßten?«
»Dafür ist es jetzt zu spät«, meinte Burden und unterdrückte ein sich ankündigendes Gähnen. »Außerdem ist meine Frau an die See gefahren.«
Da er ein äußerst familienbewußter Mensch war, kam ihm sein Bungalow wie ausgestorben vor, wenn Jean und die Kinder nicht da waren. Dieser Zug seiner Persönlichkeit bot Wexford viele Gelegenheiten zu Sticheleien und höhnischen Bemerkungen, die sich außerdem seine relative Jugend, sein unerschütterliches stockkonservatives Wesen und seine gewisse pedantische Einstellung zum Ziel erkoren. Doch Wexford sagte nur: »Das habe ich vergessen.«
Burden verstand etwas von seiner Arbeit. Der große häßliche Mann respektierte ihn dafür. Wenn er ihn auch manchmal deswegen aufzog, wußte Wexford die Vorteile doch zu schätzen, die ein Stellvertreter mit sich brachte, dessen würdevolles, gutes Aussehen anziehend auf Frauen wirkte. Wenn sie jenem asketischen Gesicht gegenübersaßen, auf dem sich Mitgefühl abzeichnete, das Wexford »Weichlichkeit« nannte, neigten sie eher dazu, ihr Herz auszuschütten, als bei einem majestätischen fünfundfünfzig jährigen Schwergewicht. Er verfügte jedoch über keine besonders ausgeprägte persönliche Ausstrahlung, so daß ihn sein Vorgesetzter meist in den Hintergrund drängte. Um nun jene aggressive Energie in andere Bahnen zu lenken, mußte er einen Tadel wegen Dummheit in Kauf nehmen.
Er riskierte es. »Wenn Sie die Sache für diesen Archery ohnehin noch mal auseinanderklamüsern müssen, wäre es dann nicht ein guter Gedanke, wenn wir den Tatbestand kurz rekapitulierten?«
»Wir?«
»Dann eben Sie, Sir. Nach so langer Zeit wird Ihre Erinnerung an den Fall wohl auch nicht mehr ganz so deutlich sein.«
Sein Wutanfall wurde von unterschwelligem Lachen begleitet. »Herrgott noch mal! Glauben Sie, ich merke nicht, was in Ihrem Kopf vorgeht? Wenn ich einen Psychiater brauche, gehe ich zu einem Fachmann.« Er hielt inne, und das Lachen verwandelte sich in ein sarkastisches Grinsen. »Schön, es könnte mir vielleicht helfen...« Doch Burden hatte den Fehler begangen, sich zu früh in Sicherheit zu wiegen. »Mir den Tatbestand für diesen verfluchten Mr. Archery wieder in Erinnerung zu rufen, weiter nichts«, fügte Wexford zornig hinzu. »Aber es gibt nichts Rätselhaftes an dem Fall, keine geschickt gelegten falschen Fährten oder so was. Painter war es, keine Frage.« Er deutete nach Osten aus dem Fenster. Rosenrot und Gold überzog den weiten Himmel über Sussex, auf dem sich gedämpfte zartrosa Streifen wie von einem Aquarellpinsel hingemalte Striche abzeichneten. »Das ist so sicher, wie jetzt die Sonne aufgeht«, sagte er. »Es gab nie irgendwelche Zweifel. Herbert Arthur Painter tötete mit einem Beil seine neunzigjährige Arbeitgeberin durch einen Schlag auf den Kopf, und er tat es wegen 200 Pfund. Er war ein brutaler primitiver Rohling. Wenn es je einen gab, auf den die Bezeichnung ›Unmensch‹ wirklich zutraf, dann war es Painter. Komisch, daß sich ein Pfarrer zum Verteidiger von so einem macht.«
»Falls er ihn verteidigt.«
»Warten wir’s ab«, sagte Wexford.
Sie standen vor der Karte, die auf der gelben Rauhfasertapete befestigt war.
»Sie wurde in ihrem Haus umgebracht, nicht?« fragte Burden. »Eines dieser großen Gebäude an der Straße nach Stowerton?«
Die Karte zeigte den ganzen, ziemlich verschlafenen Landkreis. In der Mitte lag Kingsmarkham, ein Marktflecken mit ungefähr 12 000 Einwohnern; die Straßen waren in Braun und Weiß eingezeichnet, das Umland grün mit dunkleren Grünflächen, die für Waldungen standen. Von der Kleinstadt gingen Straßen aus wie Fäden vom Innenrad eines Spinnennetzes, eine nach Pomfret im Süden, eine andere nach Sewingbury im Nordosten. Die vereinzelten Dörfer, Flagford, Clusterwell und Forby, waren winzige Fliegen in diesem Netz.
»Das Haus heißt Victor’s Piece«, sagte Wexford. »Komischer Name. Irgendein General baute es für sich nach den Ashantikriegen.«
»Es liegt ungefähr da.« Burden legte den Finger auf einen senkrechten Faden des Netzes, der von Kingsmarkham nach Stowerton führte, das direkt im Norden lag. Er dachte nach, und schließlich dämmerte es ihm. »Ich glaube, ich kenne das Haus«, sagte er. »Eine scheußliche Bruchbude, außen ganz mit grünem Holz verschalt. Bis vor einem Jahr war es ein Altersheim. Jetzt wird es vermutlich abgerissen.«
»Bestimmt. Es gehören ein oder zwei Hektar Land dazu. Wenn Sie nun im Bild sind, können wir uns ja wieder setzen.«
Burden hatte seinen Stuhl ans Fenster gerückt. Es lag etwas Tröstliches und gleichzeitig Verjüngendes darin, den heraufdämmernden Tag zu beobachten, der wunderschön zu werden versprach. Auf den Feldern lagen lange, dichte blaue Baumschatten, und auf den Schieferdächern der alten Häuser funkelte helles Morgenlicht. Schade, daß er nicht mit Jean hatte wegfahren können. Der Sonnenschein und die frische, berauschende Luft ließen ihn an Urlaub denken und hielten ihn davon ab, sich die Einzelheiten des Falls in Erinnerung zu rufen, der vor langer Zeit Kingsmarkham in Aufruhr versetzt hatte. Er durchforstete sein Gedächtnis und mußte sich zu seiner Schande eingestehen, daß er sich nicht einmal mehr an den Namen der Ermordeten entsann.
»Wie hieß sie eigentlich?« fragte er Wexford. »Es war ein ausländischer Name, nicht? Porto oder Primo oder so.«
»Primero. Rose Isabel Primero. Das war der Name ihres Mannes. Ausländerin war sie aber ganz und gar nicht, sie stammte von Forby Hall. Ihre Familie stellte seit Generationen die Gutsherren von Forby.«
Burden kannte Forby gut. Die wenigen Touristen, die in diese von der Landwirtschaft geprägte Gegend ohne Küstenstreifen oder grünes Hügelland, Burgen oder Kathedralen kamen, ließen es sich nicht entgehen, Forby zu besichtigen. In den Reiseführern stand es lächerlicherweise als fünftschönstes Dorf Englands verzeichnet. An jedem Kiosk im Kreis fand man Ansichtskarten von seiner Kirche. Burden hatte eine gewisse Vorliebe für dieses Dorf, da sich seine Bewohner als fast völlig frei von kriminellen Neigungen erwiesen hatten.
»Dieser Archery könnte doch ein Verwandter sein«, gab er zu bedenken. »Vielleicht will er ein paar Auskünfte für sein Familienarchiv.«
»Da habe ich meine Zweifel«, sagte Wexford und räkelte sich in der Sonne wie eine riesige graue Katze. »Ihre einzigen Verwandten waren ein Enkel und zwei Enkelinnen. Roger Primero, der Enkel, wohnt jetzt auf Forby Hall. Geerbt hat er es nicht, er mußte es kaufen. Näheres weiß ich nicht.«
»Früher lebte einmal eine Familie Kynaston auf Forby Hall, sagt zumindest Jeans Mutter. Aber das muß schon viele Jahre her sein.«
»Stimmt«, sagte Wexford mit einer Spur von Ungeduld in der polternden Baßstimme. »Mrs. Primero war eine geborene Kynaston und ging schon auf die Vierzig zu, als sie Dr. Ralph Primero heiratete. Ihre Familie sah das wohl nicht so gern – aber das ereignete sich auch um die Jahrhundertwende.«
»Was war er, Arzt?«
»Irgendein Facharzt oder so, glaube ich. In Victor’s Piece zogen sie ein, als er in Ruhestand ging. So schrecklich reich waren sie gar nicht. Als der Arzt in den dreißiger Jahren starb, hinterließ er Mrs. Primero ungefähr 10 000 Pfund, davon mußte sie leben. Aus der Ehe war ein Kind hervorgegangen, ein Sohn, aber er starb kurz nach seinem Vater.«
»Soll das heißen, sie lebte allein in diesem Riesenhaus? In ihrem Alter?«
Wexford schürzte die Lippen und versenkte sich in seine Erinnerung. Burden wußte, daß sein Vorgesetzter ein beinahe übernatürliches Gedächtnis besaß. Wenn er sich wirklich für etwas interessierte, hatte er fast so etwas wie das absolute Gedächtnis. »Mrs. Primero hatte eine Hausangestellte«, sagte Wexford. »Sie hieß – heißt, denn sie lebt noch – sie heißt Alice Flower. Sie war ein gutes Stück jünger als Mrs. Primero, etwas über Siebzig, und sie stand seit ungefähr fünfzig Jahren in Diensten ihrer Gnädigen. Sie war ein Dienstmädchen der alten Schule, schon mehr ein Fossil als ein Faktotum. Da sie so lange zusammen waren, könnte man glauben, sie seien Freundinnen geworden statt Herrin und Dienerin, aber Alice wußte, wohin sie gehörte, und bis an den Tag, an dem Mrs. Primero starb, verkehrten sie per »gnädige Frau« und »Alice« miteinander. Ich kannte Alice vom Sehen. Sie war schon ein ziemliches Original, wenn sie zum Einkaufen nach Kingsmarkham kam, besonders als Painter begann, sie in Mrs. Primeros Daimler in die Stadt zu chauffieren. Wissen Sie noch, wie früher die Kindermädchen aussahen? Nein, wohl kaum. Sie sind zu jung. Alice trug jedenfalls immer einen blauen, langen Mantel und ein blaues Filzhütchen, das man damals »sittsam« nannte. Sie und Painter waren beide Dienstboten, doch Alice hielt sich ihm für meilenweit überlegen. Sie pflegte ihre höhere Stellung ihm gegenüber herauszukehren und ihm genau wie Mrs. Primero Anweisungen zu erteilen. Für seine Frau und seine Kumpel hieß er Bert, aber Alice nannte ihn »Biest«. Natürlich nicht ins Gesicht. Das hätte sie sich dann doch nicht ganz getraut.«
»Wollen Sie damit sagen, daß sie Angst vor ihm hatte?«
»In gewisser Beziehung schon. Er war ihr verhaßt, und es ärgerte sie, daß er überhaupt da war. Mal sehen, ob ich noch diesen Zeitungsausschnitt habe.« Wexford zog die unterste Schublade seines Schreibtisches auf, in der er persönliche, halbdienstliche Dinge aufbewahrte, Kuriositäten, die einmal sein Interesse geweckt hatten. Viel Hoffnung hatte er nicht, das Gesuchte zu finden. Zu der Zeit von Mrs. Primeros Ermordung war die Kingsmarkhamer Polizei in einem gelben Backsteingebäude in der Stadtmitte untergebracht. Jenes hatte man vor vier oder fünf Jahren abgerissen und durch diesen verblüffend modernen Neubau am Stadtrand ersetzt. Beim Umzug von dem hohen Kieferschreibtisch an seinen jetzigen aus lackiertem Rosenholz war der Zeitungsausschnitt höchstwahrscheinlich verlorengegangen. Er durchstöberte Notizen, Briefe und seltsame kleine Andenken, bis er schließlich mit triumphierendem Grinsen wieder hochsah.
»Na, wer sagt’s denn, der Unmensch persönlich. Gutaussehender Kerl, wenn man diesen Typ mag. Herbert Arthur Painter, vormals bei der Vierzehnten Armee in Birma. Fünfundzwanzig Jahre alt, angestellt bei Mrs. Primero als Chauffeur, Gärtner und Mädchen für alles.«
Der Ausschnitt war aus dem Sunday Planet und bestand aus mehreren Spalten Text, die eine zweispaltige Abbildung umgaben. Das Foto war scharf, und Painter schaute direkt in die Kamera.
»Merkwürdig«, sagte Wexford. »Er schaute einem immer direkt ins Gesicht. Soll ein Kennzeichen für Aufrichtigkeit sein, falls man an so einen Blödsinn glaubt.«
Burden mußte das Bild schon einmal gesehen haben, aber er hatte es völlig vergessen. Es war ein längliches, gut proportioniertes Gesicht mit einer geraden, wenn auch etwas fleischigen Nase, die sich am unteren Ansatz stark verbreiterte. Painter hatte die dicken, geschwungenen Lippen, die bei Männern wie der derbe Abklatsch eines Frauenmunds wirken, eine flache hohe Stirn und kurzes enggelocktes Haar. Die Locken waren so eng gewellt, daß es aussah, als ob sie an der Kopfhaut zögen und Schmerzen verursachten.
»Er war groß und stattlich«, fuhr Wexford fort. »Ein Gesicht wie ein schöner, zu groß geratener Mops, finden Sie nicht? Während des Kriegs diente er im Fernen Osten, aber falls er unter der Hitze und den Entbehrungen gelitten hat, sah man ihm es damals nicht mehr an. Er strahlte die unverwüstliche Gesundheit eines Brauereigauls aus. Tut mir leid, so viele Tiermetaphern zu verwenden, aber Painter war wie ein Tier.«
»Wie kam es, daß Mrs. Primero ihn in ihre Dienste nahm?«
Wexford nahm den Zeitungsausschnitt wieder an sich, warf einen kurzen Blick darauf und faltete ihn zusammen.
»Seit dem Tod des Doktors«, sagte er, »bis 1947 bemühten sich Mrs. Primero und Alice Flower, das Haus in Schuß zu halten, indem sie hin und wieder ein bißchen Unkraut jäteten und einen Mann aus der Nachbarschaft kommen ließen, wenn ein Brett befestigt werden mußte. Sie können sich das ja ungefähr vorstellen. Nacheinander stellten sie verschiedene Frauen aus Kingsmarkham als Haushaltshilfen an, aber früher oder später kündigten alle, um in die Fabriken zu gehen. Allmählich begann das Haus zu verfallen. Das war nicht weiter überraschend, wenn man bedenkt, daß gegen Kriegsende Mrs. Primero Mitte Achtzig und Alice fast Siebzig war. Außerdem rührte Mrs. Primero, von ihrem Alter mal ganz abgesehen, im Haushalt keinen Finger. Dazu war sie nicht erzogen worden; sie hätte ein Staubtuch nicht von einem Sofaschoner unterscheiden können.«
»War wohl ein ziemlicher Besen, was?«
»Sie war das, wozu sie Gott und ihre Umwelt gemacht hatten«, erklärte Wexford ernst, jedoch mit einem leichten Anflug von Ironie in der Stimme. »Vor ihrem Tod habe ich sie nie gesehen. Sie war eigensinnig, ein wenig geizig, auch das, was man heutzutage »reaktionär« nennen würde, und neigte dazu, diktatorisch und ganz die Herrin des Hauses zu sein. Ich gebe Ihnen mal ein paar Beispiele. Als ihr Sohn starb, standen seine Frau und die Kinder völlig mittellos da. Die Einzelheiten weiß ich nicht, jedenfalls war Mrs. Primero durchaus bereit, ihnen mit Geld unter die Arme zu greifen, sofern dies zu ihren Bedingungen geschah. Die Familie sollte zu ihr ziehen und so weiter. Aber man muß ihr zugutehalten, daß sie sich zwei Haushalte vielleicht nicht leisten konnte. Die andere Geschichte ist, daß sie eine eifrige Kirchgängerin war. Als sie zu alt dafür wurde, bestand sie darauf, daß Alice an ihrer Stelle ging. Wie so eine Art Sündenbock. Aber sie hatte auch ihre guten Seiten. Sie vergötterte ihren Enkel Roger und hatte eine gute Freundin. Darauf kommen wir später noch.
Wie Sie wissen, herrschte nach dem Krieg große Wohnungsnot, und Dienstboten gab es so gut wie gar keine. Mrs. Primero war eine kluge alte Frau und kam auf den Gedanken, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Im Park von Victor’s Piece stand ein Wagenschuppen mit einer Art Speicher darüber. Der Kutschenplatz diente als Garage für den bereits erwähnten Daimler. Seit dem Tod des Doktors hatte ihn niemand mehr gefahren – Mrs. Primero konnte nicht fahren und Alice selbstredend auch nicht. Benzin war sehr knapp, aber auf Bezugsschein bekam man genug für die Einkäufe und eine wöchentliche Spritztour über die Landsträßchen mit den alten Herrschaften.«
»Demnach war Alice also so gut mit ihr befreundet?« warf Burden ein.
»Eine Dame kann doch wohl noch in Begleitung ihres Mädchens spazierenfahren«, sagte Wexford todernst. »Jedenfalls gab Mrs. Primero im Kingsmarkhamer Chronicle eine Anzeige auf, in der ein junger Mann mit handwerklichem Geschick gesucht wurde, der für eine Wohnung und drei Pfund die Woche bereit war, den Garten zu besorgen, Gelegenheitsarbeiten zu verrichten und das Auto zu warten und zu fahren.«
»Drei Pfund!« Burden war Nichtraucher und kein Freund kostspieliger Vergnügungen, aber von den Wochenendeinkäufen, die er für seine Frau erledigte, wußte er, wie wenig mit drei Pfund auszurichten war.
»Damals war das wesentlich mehr wert, Mike«, sagte Wexford, und es klang fast wie eine Entschuldigung. »Mrs. Primero ließ den Speicher neu streichen, Trennwände für drei Zimmer einziehen und Wasserleitungen legen. Eine Nobelherberge war es nicht gerade, aber lieber Himmel, 1947 waren die Leute schon froh, wenn sie überhaupt ein Dach über dem Kopf hatten! Sie erhielt viele Zuschriften, aber aus irgendeinem Grund – weiß Gott, aus welchem – entschied sie sich für Painter. Bei der Verhandlung sagte Alice, sie habe gedacht, seine Frau und die Kleine würden ihn bei der Stange halten. Kommt ganz darauf an, was man unter »bei der Stange halten« versteht, nicht?«
Burden rückte seinen Sessel aus der Sonne. »War die Frau auch bei Mrs. Primero angestellt?«
»Nein, nur Painter. Sie hatte doch das Kind. Es war erst zwei, als sie einzogen. Wäre sie im Haus beschäftigt gewesen, hätte sie das Kind mitbringen müssen. Mrs. Primero hätte das nie geduldet. Was sie betraf, bestand zwischen ihr und den Painters eine unüberbrückbare Kluft. Mein Eindruck war, daß sie während der ganzen Zeit, in der Painter für sie arbeitete, höchstens ein paar Worte mit Mrs. Painter gewechselt hat, und was das kleine Mädchen betrifft – ich glaube, sie hieß Theresa –, wird sie kaum gewußt haben, daß es sie überhaupt gab.«
»Nach einer besonders netten Frau klingt das nicht gerade«, meinte Burden unschlüssig.
»Sie war eine typische Vertreterin ihrer Zeit und Klasse«, sagte Wexford tolerant. »Vergessen Sie nicht, daß sie die Tochter eines Gutsherrn war, und das zu einer Zeit, als Gutsherren noch etwas galten. Für sie war Mrs. Painter mit der Frau eines Pächters vergleichbar. Ich habe keine Zweifel, daß sie, falls Mrs. Painter krank geworden wäre, die alte Alice mit einer Schüssel Suppe und ein paar Decken zu ihr geschickt hätte. Außerdem blieb Mrs. Painter gern für sich. Sie war sehr hübsch, aber äußerst zurückhaltend und die Ehrbarkeit in Person. Painter machte ihr ein wenig Angst, was leicht verständlich ist, denn sie war ein kleines Persönchen und er ein großer, ungeschlachter Rohling. Als ich nach dem Mord mit ihr sprach, fiel mir auf, daß sie blaue Flecken am Arm hatte, zu viele blaue Flecken, um nur von den üblichen Mißgeschicken in der Küche herrühren zu können. Ich möchte wetten, daß ihr Mann sie öfters verprügelte.«
»In Wirklichkeit waren es also zwei völlig getrennte Haushalte«, sagte Burden. »Mrs. Primero und ihr Mädchen lebten für sich in Victor’s Piece, und die Familie Painter in ihrer kleinen Wohnung am anderen Ende des Gartens.«
»Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann. Der Wagenschuppen stand gerade mal dreißig Meter von der Hintertür des Hauses entfernt. Painter ging dort nur hin, um die Kohlen abzuliefern und sich seine Anweisungen zu holen.«
»Aha«, erwiderte Burden. »Jetzt erinnere ich mich. Es ging doch um irgendeine verzwickte Angelegenheit mit den Kohlen. War das nicht mehr oder weniger der entscheidende Punkt bei dem Fall?«
»Painter sollte Holz hacken und Kohlen ins Haus bringen«, fuhr Wexford fort. »Kohlen schleifen war zuviel für Alice, und Painter sollte mittags einen Eimer voll bringen – vorher machten sie nie Feuer – und um halb sieben noch einen. Gegen die Gartenarbeit oder die Wagenpflege hatte er nie etwas einzuwenden, aber bei den Kohlen hörte es bei ihm aus irgendeinem Grund auf. Er machte es zwar – von öfteren Versäumnissen abgesehen –, aber nie ohne darüber zu murren. Der Mittagsdienst überschneide sich mit seiner Essenszeit, sagte er, und an Winterabenden gehe er nicht mehr gern aus der Wohnung. Ob er nicht zwei Eimer um elf bringen könne? Aber Mrs. Primero duldete das nicht. Sie sagte, sie ließe aus ihrem Salon keine Kohlenhalde machen.«
Burden lächelte. Seine Müdigkeit war fast schon verflogen. Nach einem Frühstück, einer Rasur und einer Dusche würde er ein neuer Mensch sein. Er blickte kurz auf die Uhr und dann auf die gegenüberliegende Seite der High Street, wo am Carousel Café gerade die Rolläden hochgezogen wurden.
»Ich könnte eine Tasse Kaffee vertragen«, sagte er.
»Zwei Seelen und ein Gedanke. Trommeln Sie mal jemand heraus und lassen welchen holen.«
Wexford stand auf und reckte sich, zog seine Krawatte fest und strich sich das Haar glatt, das zu spärlich war, um in Unordnung zu geraten. Der Kaffee kam in Plastiktassen mit Kunststofflöffeln und verpackten Zuckerwürfeln.
»Sehr schön«, sagte Wexford. »Soll ich fortfahren?« Burden nickte.
»Im September 1950 arbeitete Painter seit drei Jahren für Mrs. Primero. Es schien alles ganz gut zu klappen, bis auf die Schwierigkeiten, die Painter wegen der Kohlen machte. Nie brachte er sie ins Haus, ohne sich zu beschweren, und ständig verlangte er eine Lohnerhöhung.«
»Er dachte wohl, sie schwimme nur so im Geld.«
»Was sie auf der Bank hatte, angelegt in Aktien oder was immer, konnte er natürlich nicht wissen. Andererseits war es ein offenes Geheimnis, daß sie Geld im Haus aufbewahrte.«
»Meinen Sie in einem Safe?«
»Nie im Leben. Sie wissen doch, wie diese alten Schachteln sind. Teils hatte sie es in Papiertüten eingewickelt in Schubladen, teils in alten Handtaschen.«
Burden hatte sein Gedächtnis angestrengt und fragte plötzlich: »Und eine dieser Handtaschen enthielt die 200 Pfund?«
»Richtig«, bestätigte Wexford grimmig. »Ob sie es sich nun leisten konnte oder nicht, Mrs. Primero lehnte es strikt ab, Painters Lohn zu erhöhen. Wenn ihm die Stelle nicht passe, könne er gehen, aber das bedeutete, auch die Wohnung aufzugeben. Als Frau in ihrem Alter war Mrs. Primero besonders empfindlich gegen Kälte und fing schon im September zu heizen an. Painter hielt dies für unnötig und machte wie üblich viel Wirbel ...«
Als das Telefon klingelte, hielt er inne und ging selbst an den Apparat. Aus Wexfords ständig wiederholtem »Ja, ja ... in Ordnung« konnte sich Burden kein Bild machen, wer am anderen Ende war. Mit leichtem Widerwillen trank er seinen Kaffee aus. Die Plastiktasse war am Rand aufgeweicht. Wexford legte auf.
»Meine Frau«, sagte er. »Ob ich tot sei? Ob ich vergessen hätte, daß ich noch ein Zuhause habe? Ihr ist das Haushaltsgeld ausgegangen, und sie kann das Scheckbuch nicht finden.« Er lachte verhalten, suchte in seiner Jackentasche und zog es hervor. »Kein Wunder. Da muß ich kurz zu ihr rüber.« Mit unvermittelter Freundlichkeit fügte er hinzu: »Wie wär’s, wenn Sie auch nach Hause gingen und sich ein bißchen aufs Ohr legten?«
»Ich hänge nicht gern in der Luft«, murrte Burden. »Jetzt weiß ich, wie sich meine Kinder fühlen, wenn ich mitten in einer Gutenachtgeschichte aufhöre.«
Wexford fing an, seine Aktentasche zu packen.
»Wenn man die ganzen Nebensächlichkeiten einmal wegläßt«, sagte er, »bleibt nicht mehr viel zu erzählen. Es geschah am Abend des 24. September, einem kalten, regnerischen Sonntag. Mrs. Primero hatte Alice in die Kirche geschickt. Sie ging ungefähr um Viertel vor sechs, Painter sollte um halb sieben mit den Kohlen kommen. Tatsächlich brachte er sie auch, und als er das Haus verließ, hatte er 200 Pfund mehr in der Tasche.«
»Mich würden auch die Nebensächlichkeiten interessieren«, sagte Burden.
Wexford stand schon kurz vor der Tür.
»Demnächst in diesem Theater.« Er lächelte verschmitzt. »Sie können nicht sagen, daß ich Sie im Ungewissen lasse.« Das Lächeln verschwand, und sein Gesicht verhärtete sich. »Mrs. Primero wurde um 19 Uhr gefunden. Sie lag in einer großen Blutlache auf dem Boden im Salon. An den Wänden und ihrem Lehnstuhl klebte Blut, und in der Feuerstelle lag ein blutbeflecktes Holzbeil.«
Wenn er gerichtet wird, soll er schuldig gesprochen werden ... Seine Kinder sollen Waisen werden und sein Weib eine Witwe.
Psalm 109, zu lesen am 22. Tage
Das Nickerchen, das Wexford ihm verordnet hatte, wäre an einem trüben Tag verlockend gewesen, nicht aber an diesem Morgen, wo der Himmel blau und wolkenlos war und die Sonne zu Mittag tropische Hitze versprach.
Überdies erinnerte sich Burden, daß er seit drei Tagen nicht mehr sein Bett gemacht hatte. Lieber stattdessen eine Dusche nehmen und sich rasieren.
Nach einem aus zwei Eiern und einigen Scheiben seines Lieblingsspecks bestehenden Frühstück in der Kantine hatte er sich entschieden, was er tun wollte. Eine Stunde war leicht zu erübrigen. Mit ganz nach unten gekurbelten Wagenfenstern fuhr er auf der High Street Richtung Norden, über die Kingsbrook-Brücke, am Olive and Dove vorbei und weiter auf der Landstraße nach Stowerton. Abgesehen von einem neuen Haus hier und da, einem Supermarkt auf dem Gelände des alten Polizeireviers und den ins Auge stechenden Verkehrsschildern überall, hatte sich in den letzten sechzehn Jahren nicht viel verändert. Die Wiesen, die hohen, jetzt im Juli dichtbelaubten Bäume und die kleinen, holzverschalten Cottages waren noch genauso, wie sie Alice Flower auf ihren Einkaufsfahrten in dem Daimler gesehen hatte. Damals mußte es weniger Verkehr gegeben haben, überlegte er. Er bremste, fuhr auf den Seitenstreifen und runzelte die Stirn über einen Motorradfahrer, der ihn beim Überholen des Gegenverkehrs nur um Zentimeter verfehlt hatte.
Die Zufahrt zu Victor’s Piece mußte irgendwo hier abgehen. Jene nebensächlichen Einzelheiten, aus denen Wexford ein so großes Geheimnis gemacht hatte, stellten sich nun nach und nach aus eigener Erinnerung wieder bei ihm ein. Hatte er nicht von einer Bushaltestelle und einer Telefonzelle am Ende des Weges gelesen? Konnten dies die Wiesen sein, die Painter, so glaubte er sich zu erinnern, auf der verzweifelten Suche nach einem Versteck für ein Bündel blutbefleckter Kleider überquert hatte?
Da vorn stand die Telefonzelle. Er blinkte und bog langsam nach links in die Zufahrt ein. Ein kurzes Stück weit war sie geschottert, dann verschmälerte sie sich zu einem Feldweg, der vor einem Tor aufhörte. Es waren nur zwei Häuser: ein weißverputztes Doppelhaus und gegenüber das spätviktorianische Gebäude, das er als »scheußliche Bruchbude« bezeichnet hatte.
Aus der Nähe hatte er es noch nie gesehen, doch er bemerkte nichts, was ihn zu einer Meinungsänderung veranlaßt hätte. Das Dach aus grauem Schiefer wurde durch eine steile Giebelkonstruktion regelrecht verschandelt. Zwei dieser Giebel ragten über der Vorderseite des Hauses auf, ein dritter türmte sich auf der rechten Seite empor, und aus diesem schob sich noch einer hervor, der etwas kleiner war und anscheinend die Rückseite überblickte. Alle Giebel schmückte Fachwerk in Kreuzmuster. In einige der Balken hatte man unfachmännisch Zickzackleisten geschnitzt, und alle waren in einem matten Flaschengrün angestrichen. An manchen Stellen bröckelte der Verputz zwischen dem Holz ab, wodurch nacktes, rötliches Mauerwerk zum Vorschein kam. Von der Unterkante der Fenster im Erdgeschoß bis zum höchsten Giebel hinauf, wo ein vergittertes Fenster gähnend offenstand, breitete Efeu seine flachen, ebenfalls dunkelgrünen Blätter und seilartigen grauen Ranken aus. Dort war er entlanggekrochen, hatte sich an der gesprenkelten Mauer festgesetzt und den Fensterrahmen aus der Backsteinmauer gedrängt.
Burden betrachtete den Garten mit dem Auge eines Landmanns. Nie zuvor hatte er eine solch prächtige Auslese feinsten Unkrauts gesehen. Der fruchtbare schwarze Boden, über viele Jahre hinweg bebaut und gepflegt, trug jetzt Ampfer mit Blättern so dick und glänzend wie von Gummibäumen, Disteln mit braunroten Köpfen und über einen Meter hohe Nesseln. Die Kieswege verloren sich im Gras und dem von Mehltau befallenem Kreuzkraut. Nur die Klarheit der Luft und der sanfte Glanz des Sonnenlichts verhinderten, daß das Haus richtig unheimlich wirkte.
Die Vordertür war verschlossen. Das Fenster daneben gehörte zweifellos zum Salon. Burden konnte sich nicht verkneifen, sich mit einem gewissen sarkastischen Humor zu fragen, welcher instinktlose Verwaltungsbeamte wohl verfügt hatte, daß der Schauplatz eines Mordes an einer alten Frau über Jahre hinweg das Zuhause – tatsächlich sogar die letzte Zuflucht – anderer alter Frauen sein sollte. Doch nun waren sie fort. Das Haus sah aus, als wäre es seit Jahren unbewohnt.
Durch das Fenster konnte er in ein großes düsteres Zimmer sehen. Auf den Rost des bernsteinfarbenen Marmorkamins hatte jemand klugerweise eine zerknüllte Zeitung gelegt, um den herabfallenden Ruß aufzufangen. Wexford hatte gesagt, der Kamin sei ganz mit Blut bespritzt gewesen. Da vorne, unmittelbar vor der kupfernen Einfassung, mußte die Leiche gelegen haben.
Er ging um die Seite herum und mußte sich einen Weg durch ein Gebüsch bahnen, wo Holunder und starke junge Birken den Flieder zu verdrängen drohten. Die Scheiben der Küchenfenster starrten vor Schmutz, und eine Küchentür war nicht vorhanden, nur eine Hintertür, die anscheinend vom Ende des Hauptflurs abging. Vom Bauen verstanden die Viktorianer nicht viel, dachte er bei sich. Zwei Türen mit einem geraden Gang dazwischen! Der Durchzug mußte entsetzlich sein.
Unterdessen war er in den hinteren Garten gelangt, aber er konnte buchstäblich den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Die Natur war Amok gelaufen auf Victor’s Piece, der Wagenschuppen war fast völlig unter Kletterpflanzen verborgen. Er schlenderte über den schattigen, mit Steinplatten belegten Hof, auf dem es durch die aufragenden Hauswände etwas frisch war, und fand sich vor einem Wintergarten wieder, offenbar ein Anbau an eine Art Damen- oder Frühstückszimmer. Momentan beherbergte er eine Kletterpflanze, die schon lange abgestorben und ziemlich blattlos war.
Das also war Victor’s Piece. Schade, daß er nicht hinein konnte, aber er mußte so oder so wieder zurück. Aus langer Gewohnheit – und teils auch, um mit gutem Beispiel voranzugehen – hatte er alle Fenster seines Autos hochgekurbelt und die Türen abgeschlossen. Im Inneren herrschte eine Gluthitze. Er fuhr durch das kaputte Tor auf den Feldweg und reihte sich in den Verkehr auf der Landstraße aus Stowerton ein.
Ein größerer Kontrast wie den zwischen dem Gebäude, das er gerade verlassen hatte, und dem Gebäude, das er nun betrat, ließ sich kaum denken. Schönes Wetter schmeichelte dem Polizeirevier von Kingsmarkham. Wexford vertrat zuweilen die These, der Architekt dieses Neubaus müsse ihn während eines Urlaubs in Südfrankreich entworfen haben. Er war weiß, verschachtelt, unnötig groß und da und dort mit Fresken verziert, die den Elgin Marbles verpflichtet waren.
An diesem Julimorgen glitzerte und glänzte er strahlend weiß. Falls seine Fassade das Sonnenbad tatsächlich genoß, konnten die sich in ihm aufhaltenden Menschen das nicht von sich behaupten. Es gab viel zu viele Glasflächen an dem Bau. Für Treibhausgewächse und tropische Fische mochte das ganz gut sein, sagte Wexford immer, für einen älteren angelsächsischen Polizisten mit Bluthochdruck und geringer Widerstandskraft gegen Hitze sei es aber ein höchst zweifelhaftes Vergnügen. Der Telefonhörer rutschte in seiner großen Hand hin und her, und als er das Gespräch mit Henry Archery beendet hatte, kurbelte er die Jalousien herunter.
»Da ist eine Hitzewelle im Anmarsch«, sagte er zu Burden. »Ich schätze, Ihre Frau hat sich eine gute Woche ausgesucht.«
Burden blickte von der Aussage auf, die zu lesen er gerade begonnen hatte. Schlank wie ein Windhund, im Gesicht hager und spitz, besaß er oft den Instinkt eines Jagdhundes im Wittern von Ungewöhnlichem, verbunden mit der wilden Phantasie eines Menschen.
»Während einer Hitzewelle geschieht anscheinend immer etwas«, sagte er. »Etwas, das in unser Ressort fällt, meine ich.«
»Nun mal halblang«, erwiderte Wexford. »Hier bei uns ist doch immer was los.« Er zog die drahtigen Augenbrauen, die buschig wie Zahnbürsten waren, in die Höhe. »Für heute steht jedenfalls Archery auf dem Programm. Er kommt um zwei.«
»Hat er gesagt, um was es eigentlich geht?«
»Das will er sich für heute Nachmittag aufheben. Reichlich affektiert, sein Getue. Gehört alles zum großen Geheimnis, wie man ohne einen Penny in der Tasche ein Gentleman sein kann. Immerhin, er hat eine Abschrift des Gerichtsprotokolls, ich muß also den ganzen Käse nicht noch einmal mit ihm durchhecheln.«
»Das muß ihn eine Stange Geld gekostet haben. Er muß scharf auf die Sache sein.«
Wexford sah auf die Uhr und erhob sich. »Muß zum Gericht rüber«, sagte er. »Die Lumpen abservieren, die mich um den Schlaf gebracht haben. Hören Sie mal, Mike, wir könnten doch auch mal ein bißchen Dolce vita machen, das haben wir uns wirklich verdient. Außerdem habe ich heute keine Lust auf eine Steakpastete im Carousel. Wie wär’s denn, wenn wir auf einen Sprung ins Olive gehen und auf Punkt eins einen Tisch bestellen?«
Burden lächelte. Das paßte ihm ausgezeichnet. Alle Jubeljahre einmal pflegte Wexford darauf zu bestehen, verhältnismäßig stilvoll zu Mittag oder gar zu Abend zu essen.
