Blut in den Bayous - James Lee Burke - E-Book

Blut in den Bayous E-Book

James Lee Burke

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Beschreibung

Nach seinem Abschied von der Mordkommission in New Orleans hat sich Dave Robicheaux in das Mississippi-Delta zurückgezogen und einen Bootsverleih eröffnet. Eines Tages stürzt ein Flugzeug vor seinen Augen in die Bayous. In letzter Sekunde kann er ein kleines Mädchen retten, für die anderen kommt jede Hilfe zu spät. An Bord waren Flüchtlinge aus El Salvador, die dem Bürgerkrieg und der Bandenkriminalität ihrer Heimat entkommen wollten. Als die Behörden eine falsche Opferzahl veröffentlichen und Robicheaux unter Druck setzen, ist für ihn klar, dass an der Sache etwas faul ist. Was will die Polizei hier vertuschen? Robicheaux ermittelt auf eigene Faust und sticht dabei in ein Wespennest.

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James Lee Burke • Blut in den Bayous

Für meinen Agenten Philip Spitzer, einen Preisboxer, der über die vollen Fünfzehn ging, und die wunderbaren Freunde unten in Louisiana, denen ich enorm viel Dank schulde: John Easterly, Martha Lacy Hall und Michael Pinkston.

JAMES LEE BURKE

Blut in den Bayous

Ein Dave-Robicheaux-Krimi Band 2

Aus dem Amerikanischen von Jürgen Behrens und einem Nachwort von Alf Mayer

1

Ich befand mich knapp außerhalb des Southwest Pass, zwischen den Pecan und Marsh Islands, im Süden das grüne Wasser des Golfstroms mit seinen Schaumkämmen und hinter mir der langgezogene, flache Küstenstreifen von Louisiana – eigentlich gar kein Küstenstreifen, sondern ein riesiges Schwemmland mit wogendem Riedgras, abgestorbenen, mit Louisiana-Moos überwucherten Zypressen und einem Labyrinth aus Kanälen und Bayous voller japanischer Teichrosen, deren lila Blüten morgens hörbar aufspringen und deren verschlungenes Wurzelwerk sich wie Drahtkabel um eine Schiffsschraube wickeln kann. Es war Mai, die warme Brise roch nach salziger Gischt, Schwärme von Meerforellen schnappten nach Insekten, und hoch über mir glitten Pelikane auf warmen Luftströmungen dahin, die aufgespannten Flügel von der Sonne vergoldet, bis sich plötzlich einer wie eine Bombe vom Himmel fallen ließ, die Flügel flach angelegt, und auf der Wasseroberfläche aufschlug, um dann, einen zappelnden Hering oder eine Seebarbe im Kehlsack seines Schnabels, triefend wieder aufzusteigen.

Doch in der Morgendämmerung war der Himmel mit roten Streifen durchsetzt gewesen und ich wusste, am Nachmittag würden von Süden Gewitterwolken aufziehen, die Temperatur würde schlagartig um zehn Grad fallen, als werde unter einer großen dunklen Glasglocke plötzlich alle Luft abgesaugt, und der schwarze Himmel würde unter einem Geflecht von Blitzen erbeben.

Ich hatte den Golf schon immer geliebt, ganz gleich, ob Stürme ihn peitschten oder die Brandung buchstäblich zu grünen Eisklumpen erstarrte. Auch während meiner Zeit als Polizist in New Orleans hatte ich auf einem Hausboot am Lake Pontchartrain gewohnt und meine freien Tage beim Fischen unten im Lafourche Parish und in der Barataria Bay verbracht, und obwohl ich eigentlich bei der Mordkommission war, konnte ich manchmal die Jungs vom Raubdezernat überreden, mich auf einem Kutter der Küstenwache mitzunehmen, wenn sie draußen Jagd auf Rauschgiftschmuggler machten.

Nun gehörte mir ein Laden für Fischköder samt Bootsverleih am Bayou südlich von New Iberia, und zweimal wöchentlich steuerten meine Frau Annie und ich unser umgebautes Wannenboot in Richtung Southwest Pass zum Krabbenfischen. Man nannte es „Wannenboot“, weil es vor Jahren von einer Ölfirma dazu entworfen worden war, die langen, dicken Gummikabel und seismischen Instrumente zu bergen, die bei der Erschließung von Ölvorkommen im Meer verwendet werden; es war lang, eng und flach, bestückt mit einem großen Chrysler-Motor, Doppelschraube und einem Ruderhaus, das bündig mit dem Heck abschloss. Annie und ich hatten es mit Eisbehältern, einem Köderkasten, Winden für die Netze, einer kleinen, ans Deck geschweißten Kombüse, Staukästen für Angelzeug und Tauchausrüstung und sogar mit einem großen Cinzano-Schirm aus Segeltuch ausgestattet, den ich über unserem Bridgetisch und den Klappstühlen aufspannen konnte.

An einem Morgen wie diesem zogen wir das Schleppnetz gewöhnlich in einem großen Bogen durch den Pass, wobei der Bug durch das Gewicht des übervollen Netzes aus dem Wasser ragte, dann beluden wir die Eisbehälter mit rosa-blauen Krabben, legten die Angeln für den Katzenwels aus und bereiteten das Mittagessen in der Kombüse zu, während das Boot im lauen Wind sanft an der Ankerleine zog. An diesem Morgen hatte Annie einen Topf Krabben und Bluepoint-Austern gekocht und gab nun die geschälten Krabben in eine Schüssel, um sie dann in einer Pfanne mit Schmutzigem Reis zu mischen, den wir von zu Hause mitgebracht hatten. Ich musste lächeln, als ich ihr dabei zusah; sie war ein Mennonitenmädchen aus Kansas, mit goldenem Kraushaar, das sich im Luftzug am Nacken aufstellte, und elektrisierend blauen Augen. Sie trug ein ausgeblichenes Männerhemd aus Baumwollstoff, das über ihre weißen Shorts hing, und Leinenschuhe ohne Socken; sie hatte gelernt, Fische auszunehmen, Krabben zu schälen und ein Boot so sicher durch einen Sturm zu manövrieren, als wäre sie im Land der Bayous geboren, doch für mich würde sie immer mein Kansas-Mädchen bleiben, aus Schlüsselblumen und Sonnenblumen gemacht, ein Mädchen, das in Stöckelschuhen unsicher daherstakste und stets furchtbar beeindruckt war von irgendwelchen kulturellen Eigenheiten und allem, was sie bei anderen Menschen „merkwürdig“ nannte. Dabei entstammte sie selbst einem dermaßen eigentümlichen Milieu von pazifistischen Weizenfarmern, dass ihr jegliches Gespür für Normalität abging.

Ihre Sonnenbräune hielt sogar im Winter, und sie hatte die weichste Haut, die ich je berührt habe. Kleine Lichter spielten in ihren Augen, wenn man in sie hineinschaute, sich darin verlor. Sie sah, dass ich sie anlächelte, setzte die Schüssel mit Krabben ab, ging an mir vorbei, als wolle sie die Angelruten überprüfen, und dann spürte ich sie hinter mir, spürte, wie sich ihre Brüste weich an meinen Hinterkopf drückten. Dann zerwühlten ihre Hände mein Haar, das sie mir wie ein Knäuel schwarzer Schlangen über die Augen legte, und ihre Finger tasteten über mein Gesicht, den Schnurrbart, meine Schultern, die Narbe von einer Tretfalle, einem Pungi-Stock, auf meinem Bauch, die aussah wie ein platter grauer Wurm, bis ihre so unschuldig gewährte Zärtlichkeit mir das Gefühl gab, dass all meine Jahre, mein Hüftgold und meine kaputte Leber völlig bedeutungslos waren. Vielleicht war ich verblödet, vielleicht aber auch einfach glücklich, denn schließlich lässt sich jedes alternde Tier widerspruchslos von der Jugend verführen. Doch ihre Liebe war keine Verführung; sie war auch noch nach einem Jahr Ehe beharrlich und stets gegenwärtig, sie liebte mich freudig und bedingungslos. Sie hatte ein erdbeerförmiges Muttermal weit oben auf der rechten Brust, und wenn wir miteinander schliefen, füllte es sich mit Blut, bis es dunkelrot wurde. Jetzt kam sie um den Stuhl herum, setzte sich auf meinen Schoß, rieb mit der Hand über den dünnen Schweißfilm auf meiner Brust und kitzelte meine Wange mit ihrem Wuschelhaar. Sie rutschte auf meinem Schoß herum, spürte, wie ich hart wurde, sah mir wissend in die Augen und flüsterte, als könne man uns belauschen: „Komm, holen wir die Luftmatratze aus dem Spind.“

„Und was machst du, wenn ein Flugzeug der Küstenwache kommt?“

„Winken.“

„Was ist, wenn eine Angelschnur abspult?“

„Dann werd ich versuchen, dich irgendwie abzulenken.“

Ich wandte den Blick von ihr und schaute zum südlichen Horizont.

„Dave?“

„Da kommt ein Flugzeug.“

„Wie oft wirst du von deiner eigenen Frau verführt? Lass dir die Gelegenheit nicht entgehen, Skipper.“ Ihre blauen Augen blitzten hell und freudig.

„Nein, schau, der hat Schwierigkeiten.“

Es war eine hellgelbe zweimotorige Maschine, und ein langer Schweif aus dickem schwarzen Rauch quoll hinter der Kanzel aus dem Rumpf und verlor sich am Horizont. Der Pilot versuchte verzweifelt Höhe zu gewinnen, und jagte beide Motoren auf höchste Drehzahl, doch die Tragflächen kippten ab, ließen sich nicht ausrichten, und die Maschine stürzte auf das Wasser zu. Sie raste an uns vorbei, hinter den Glasfenstern konnte ich Gesichter erkennen. Der Rauch wirbelte aus einem gezackten Loch kurz vor dem Schwanz.

„Oh, Dave, ich glaube, ich hab da drin ein Kind gesehen“, rief Annie.

Der Pilot musste versucht haben, es bis Pecan Island zu schaffen, um dort im Schilfgras eine Bruchlandung hinzulegen, doch plötzlich lösten sich Teile des Ruders wie Fetzen nasser Pappe, und das Flugzeug kippte jäh nach Backbord ab und beschrieb einen Halbkreis. Beide Motoren setzten aus. Rauch kräuselte dick und schwarz wie bei einem Ölbrand, die Maschine krachte hart mit einer Tragfläche aufs Wasser, überschlug sich in der Luft wie ein Wirbelstock und landete, in einer gewaltigen Kaskade aus grünem und weiß aufschäumendem Wasser und treibendem Seetang, auf dem Rücken.

Das Wasser kochte und verzischte auf den überhitzten Motorverkleidungen, und das Loch im hinteren Teil des Rumpfes schien die See förmlich ins Innere der Maschine zu saugen. Binnen Sekunden verschwand das leuchtende Gelb der Unterseite des Flugzeugs in den niedrigen Wellen, die darüber hinwegspülten. Ich konnte die Türen nicht sehen, rechnete aber jeden Augenblick damit, dass jemand mit einer Schwimmweste an der Wasseroberfläche auftauchte. Stattdessen stiegen große Luftblasen von der Kanzel auf, und ein schmieriger Film aus Öl und Benzin trübte den schimmernden Widerschein der Sonne auf den Tragflächen.

Annie funkte auf Kurzwelle mit der Küstenwache. Ich befreite unseren Anker aus dem Schlick, warf ihn scheppernd in den Bug, kippte den großen Chrysler-Motor ins Wasser, hörte den Auspuff unter der Wasserlinie husten und hielt mit Vollgas auf das Wrack zu. Wind und Gischt schlugen mir kühl ins Gesicht. Aber jetzt war von dem Flugzeug nur mehr ein schwaches goldenes Schimmern in der größer werdenden Öl- und Benzinlache zu sehen, die aus geborstenen Zuleitungen leckte.

„Nimm das Ruder“, sagte ich.

Ich konnte ihr die Gedanken vom Gesicht ablesen.

„Wir haben beim letzten Mal die Sauerstoffflaschen nicht nachgefüllt“, sagte sie.

„Ein bisschen ist noch drin. Außerdem ist es hier nicht tiefer als sieben oder acht Meter. Wenn sie nicht im Schlamm festsitzen, kann ich die Türen aufkriegen.“

„Dave, es ist tiefer als acht Meter. Das weißt du selber. Quer durch den Pass verläuft ein Graben.“

Ich nahm die zwei Sauerstoffflaschen aus der Halterung und schaute auf die Druckmesser. Sie waren beide fast leer. Ich zog mich bis auf die Unterhose aus, hakte den Gewichtsgürtel um, legte eine Sauerstoffflasche und die Tauchermaske an und schob mir die Gurte der Reserveflasche über den Arm. Aus der Werkzeugkiste nahm ich ein Stemmeisen.

„Wirf den Anker ein Stück weg, damit keiner unter dem Boot hochkommt“, sagte ich.

„Lass mir die andere Flasche. Ich komme mit runter.“ Sie hatte das Gas weggenommen, und das Boot dümpelte im eigenen Kielwasser. Eine Seite ihres gebräunten Gesichts war nass von der Gischt, und ihr Haar klebte an der Haut.

„Wir brauchen dich hier oben, Babe“, sagte ich und ließ mich über die Bordwand fallen.

„Verdammter Kerl, Dave“, hörte ich sie noch rufen, dazu das metallische Aneinanderstoßen der Sauerstoffflaschen, bevor ich mit ihnen die Wasseroberfläche durchbrach.

Der Grund des Golfs war eine Art Museum der Seefahrtsgeschichte. Beim jahrelangen Tauchen mit Schnorchel und Flasche hatte ich von Korallen zusammen gehaltene Haufen spanischer Kanonenkugeln gefunden, Übungstorpedos der US Navy und das platt gedrückte Heckteil eines Nazi-U-Boots, das 1942 hier versenkt worden war, ein Rennboot, das Schmuggler geflutet hatten, bevor die Küstenwache sie gestellt hatte, und sogar das zusammengefallene und verbogene Wrack der Ölbohrinsel, auf der mein Vater vor über zwanzig Jahren umgekommen war. Sie lag in fünfundzwanzig Meter Tiefe seitwärts im Schlamm, und an dem Tag, an dem ich hinuntergetaucht war, peitschten und sangen die Stahltaue an ihren Verstrebungen wie Hämmer, die hallend auf ein gewaltiges Sägeblatt einschlagen.

Die Propeller tief in den grauen Sand gebohrt, lag das Flugzeug rücklings am Rand des Meeresgrabens. Luftblasen stiegen von Tragflächen und Fenstern auf. Ich spürte, wie das Wasser mit zunehmender Tiefe kälter wurde. Bald konnte ich Krebse und Flussbarsche erkennen, die blitzschnell über den Boden huschten, und sah Sand von den Schwingen der Stachelrochen aufwirbeln, die in wellenförmigen Bewegungen wie Schatten an den Wänden des Grabens entlangglitten.

Ich tauchte hinunter zur Luke der Pilotenkanzel, streifte mir den Ersatztank vom Arm und schaute durchs Fenster. Kopfüber starrte er zurück, das blonde Haar wogte in der Strömung, die blicklosen grünen Augen wie harte, wässrige Murmeln. Eine kleine, untersetzte Frau mit langem schwarzen Haar war am Nebensitz festgeschnallt, und ihre Arme schwangen vor dem Gesicht hin und her, als versuche sie noch immer, die schreckliche Erkenntnis abzuwehren, dass ihr Leben zu Ende ging. Ich hatte früher schon Ertrunkene gesehen, mit derselben Miene erstarrten Entsetzens, ähnlich den Gesichtern, die ich nach Bombenanschlägen in Vietnam gesehen hatte. Ich hoffte nur, dass diese beiden nicht lange hatten leiden müssen.

Ich trat Sandwolken vom Meeresgrund los, und in dem trüben grüngelben Licht konnte ich kaum durch das Fenster der hinteren Luke sehen. Ich hielt mich flach, griff der Balance wegen nach dem Lukengriff und drückte meine Maske wieder an das Fenster. So konnte ich einen großen Mann mit dunklem Teint in einem rosa Hemd voller Taschen und Laschen erkennen, daneben eine Frau, die sich wohl aus ihrem Sitzgurt befreit hatte. Auch sie war untersetzt und hatte das gleiche breite, wettergegerbte Gesicht wie die Frau auf dem Vordersitz, und ein blumenbedrucktes Kleid wogte um ihren Kopf. Dann – die Sauerstoffflasche war leer und die Luft wurde knapp – fing mein Herz an zu rasen: In der Kabine war jemand am Leben.

Ich sah kurze nackte Beine, die wie Scheren ausschlugen, einen nach oben gedrehten Kopf, den Mund in einer Lufttasche im hinteren Teil der Kabine. Ich zerrte die leere Flasche von meinem Rücken und riss am Lukengriff, doch die Tür saß im Schlick fest. Ich zog noch einmal, kräftig genug, dass sie sich einen Zentimeter vom Rahmen löste, schob das Stemmeisen hinein und hebelte die Türkante nach außen, bis ich spürte, dass ein Scharnier brach und die Tür über den Sand scharrte. Jetzt platzte mir fast die Lunge, meine zusammengepressten Zähne knirschten beim Ausatmen, und die Rippen fühlten sich wie Messer in meiner Brust an.

Ich ließ das Stemmeisen fallen, griff nach dem Ersatztank, riss das Ventil auf und schob mir den Schlauch in den Mund. Luft strömte in mich wie kühler Wind, der über schmelzenden Schnee weht. Dann atmete ich ein paarmal tief durch, schloss das Ventil wieder, blies das Fenster meiner Maske klar und schob mich in die Maschine.

Doch der Mann im rosa Hemd war mir im Weg. Ich ließ den Verschluss seines Sicherheitsgurts aufschnappen und versuchte, ihn am Hemd vom Sitz zu zerren. Sein Genick musste gebrochen sein, denn sein Kopf rollte auf den Schultern wie auf einem Blumenstängel. Dann riss das Hemd unter meinen Händen, und ich sah eine rot-grüne Schlange, die oberhalb seiner rechten Brustwarze eintätowiert war. Etwas klickte in meinem Kopf wie ein Kameraverschluss und rief blitzartig die Erinnerung an Vietnam in mir wach. Ich packte ihn am Hosengürtel, griff unter seinen Arm und schob ihn nach vorn ins Cockpit. Er rollte langsam und in einem sanften Bogen vorwärts und landete zwischen dem Piloten und dem vorderen Passagiersitz, mit offenem Mund, den Kopf auf das Knie des Piloten gelegt wie ein demütiger Hofnarr.

Ich musste sie herausholen, schnell. Ich konnte den hin und her driftenden Ballon aus Luft sehen, in dem sie atmete, aber es gab nicht genügend Platz, dass ich hineinschwimmen und ihr alles Nötige hätte erklären können. Außerdem konnte sie kaum älter als fünf Jahre sein, und ich bezweifelte, dass sie Englisch sprach. Ich packte sie an der Hüfte, betete darum, dass sie ahnte, was ich gleich tun musste, dann zerrte ich die jetzt verzweifelt mit den Beinen Strampelnde durchs Wasser und durch die Tür nach draußen.

Kurz sah ich ihr Gesicht. Sie war am Ertrinken. Der Mund stand offen, sie schluckte Wasser, ihr Blick war hysterisch vor Entsetzen. Das kurzgeschnittene schwarze Haar umfloss ihren Kopf wie Entenflaum, und sie hatte fahle, blutleere Flecken auf den sonnengebräunten Wangen. Ich überlegte, ob ich versuchen sollte, ihr den Sauerstoffschlauch in den Mund zu schieben, doch ich wusste, dass ihr ein Luftpfropf die Kehle verschloss und sie ersticken würde, bevor ich sie oben hätte. Ich hakte den Gewichtsgürtel los, spürte, wie er unter mir in einer Wolke aus wirbelndem Sand versank, verschränkte die Arme um ihre Brust und stieß uns mit aller Macht nach oben, zur Wasseroberfläche.

Schon konnte ich die schwarz schimmernden Umrisse des Wannenboots über mir erkennen. Annie hatte den Motor abgestellt, und das Boot zerrte in der Strömung an der Ankerleine. Ich hatte jetzt seit fast zwei Minuten keine Luft geholt, und meine Lunge fühlte sich an wie mit Säure gefüllt. Ich hielt meine Füße nach unten, trat heftig aus, Luftbläschen drangen zwischen meinen Zähnen hervor, der Luftpfropf in meiner Kehle war kurz davor nachzugeben, und ich würde eine Wasserflut schlucken, die meine Brust wie Beton füllen würde. Dann sah ich das Sonnenlicht an der Oberfläche heller werden, wie eine gelbe Flamme, die auf den kleinen Wellen tanzte und die Öllachen aufglänzen ließ, spürte die Unterwasserströmung plötzlich lauwarm werden, berührte rotbraune Seegrasbüschel, die gemächlich drehend unter den Wellen trieben. Und dann brachen wir durch an die Luft, in den heißen Wind, in eine Kuppel aus blauem Himmel und weißen Wolken und braunen Pelikanen, die über uns dahinsegelten wie freundliche Hüter.

Ich packte die unterste Sprosse der Reling mit einer Hand und stemmte das kleine Mädchen hoch in Annies Arme. Sie fühlte sich so leicht an, als wären ihre Knochen hohl wie bei einem Vogel. Annie zog sie an Deck und streichelte ihr Kopf und Gesicht, während die Kleine schluchzte und sich in Annies Schoß erbrach. Ich war zu geschwächt, um gleich aus dem Wasser zu klettern. Stattdessen starrte ich einfach auf die roten Handabdrücke auf den zitternden Schenkeln des Mädchens, da, wo die Mutter es hochgehalten hatte in die Lufttasche, während sie selbst ihr Leben verlor. Und ich wünschte mir, diejenigen, die für Heldentaten im Krieg Orden verliehen, verstünden mehr vom Wesen der Tapferkeit.

Ich wusste, dass Menschen, denen Wasser in die Lunge dringt, leicht eine Lungenentzündung bekommen. Daher fuhren Annie und ich das kleine Mädchen ins katholische Krankenhaus von New Iberia, der kleinen Zuckerstadt am Bayou Teche, in der ich aufgewachsen bin. Das Krankenhaus war ein grauer Steinbau, zurückgesetzt vom Bayou, umringt von einer Gruppe spanischer Eichen; in den Pergolas über den Wegen wuchsen purpurne Glyzinien, und der Rasen war bunt gesprenkelt mit gelbem und rotem Hibiskus und flammenden Azaleen. Wir gingen hinein, und Annie trug das kleine Mädchen nach hinten in die Notaufnahme, während ich am Empfangspult einer stämmigen Nonne in weißer Tracht gegenübersaß, die das Aufnahmeformular für das Mädchen ausfüllte.

Das Gesicht der Nonne war groß und rund wie ein Kuchenteller, und ihr Schleier spannte so fest um die Stirn wie das Visier eines mittelalterlichen Ritters.

„Wie lautet ihr Name?“, sagte sie.

Ich starrte nur zurück.

„Wissen Sie ihren Namen?“

„Alafair.“

„Und der Nachname?“

„Robicheaux.“

„Ist sie Ihre Tochter?“

„Ja, genau.“

„Sie ist wirklich Ihre Tochter?“

„Natürlich.“

„Hmm“, sagte sie und füllte das Formular weiter aus. Dann: „Ich will noch mal nach ihr sehen. Wie wär’s, wenn Sie sich in der Zwischenzeit dieses Blatt durchsehen und sich vergewissern, dass ich alles richtig aufgeschrieben habe?“

„Ich vertraue Ihnen völlig, Schwester.“

„Oh, da wär ich nicht so voreilig.“

Mit schwerem Schritt ging sie den Flur entlang, während die schwarzen Perlen des Rosenkranzes um ihre Hüfte schwangen. Sie besaß die Statur eines Preisboxers, dessen Karriere zu Ende ist. Ein paar Minuten später war sie zurück, und mir wurde immer mulmiger.

„Also, was für eine interessante Familie Sie doch haben“, sagte sie. „Haben Sie gewusst, dass Ihre Tochter nur Spanisch spricht?“

„Wir machen gerade einen Intensivkurs bei Berlitz.“

„Sie sind ja ein ganz Schlauer“, sagte sie.

„Wie geht es ihr, Schwester?“

„Ihr geht’s gut. Ein bisschen verängstigt zwar, aber es sieht so aus, als wär sie genau bei der richtigen Familie.“ Sie lächelte mich an.

Im Süden hatten sich die nachmittäglichen Regenwolken zusammengeballt, als wir mit unserem Pritschenwagen die Zugbrücke über den Bayou überquerten und auf der East Main Street ins Randgebiet der Stadt fuhren. Gewaltige Eichen wuchsen zu beiden Seiten der Straße; ihre dicken Wurzeln brachen durchs Pflaster der Bürgersteige, ihre ausladenden Äste bildeten darüber einen sonnengesprenkelten Baldachin. Entlang der East Main standen Häuser im Kolonialstil und viktorianische Bauten mit „Witwensteigen“, umlaufenden Veranden im ersten Stock, und hier und da mit schimmernden weißen Türmchen, überwachsen von Jasmin und lila Günselranken. Das kleine Mädchen, das ich spontan nach meiner Mutter Alafair genannt hatte, saß im Pick-up zwischen uns. Die Nonnen hatten ihre feuchten Sachen behalten und ihr ein Paar ausgeblichene Kinderjeans und ein übergroßes Softball-Hemd mit dem Logo der New Iberia Pelicans angezogen. Auf ihrem Gesicht zeigte sich Erschöpfung, die Augen waren stumpf und blicklos.

Wir rumpelten über eine weitere Zugbrücke und hielten vor einem Obststand, den ein Schwarzer unter einer großen Zypresse am Rand des Bayous betrieb. Ich kaufte uns boudin, drei große heiße Wurstringe, in Wachspapier eingeschlagen, außerdem Eiskugeln in Waffeltüten und ein Körbchen mit Erdbeeren, die wir später mit Eiscreme essen wollten. Annie schob Alafair das Eis mit einem Holzlöffelchen in den Mund.

„Kleine Häppchen für kleine Leute“, sagte sie.

Alafair öffnete den Mund wie ein Vogel. Sie blinzelte schläfrig unter langen Wimpern hervor.

„Warum hast du vorhin gelogen?“, fragte Annie.

„Weiß ich selber nicht.“

„Dave …“

„Wahrscheinlich ist sie eine Illegale. Warum also den Nonnen Schwierigkeiten machen?“

„Was macht das denn aus, ob sie eine Illegale ist oder nicht?“

„Weißt du, ich traue den Sesselpupsern und Bleistiftakrobaten von den Bundesbehörden nicht. Deswegen.“

„Mir ist, als hätte ich gerade die altvertraute Stimme des Polizisten aus New Orleans gehört.“

„Annie, die Einwanderungsbehörde schickt sie zurück.“

„Aber das tun sie doch einem Kind nicht an, oder?“

Darauf wusste ich keine Antwort. Doch mein Vater, der sein Leben lang Fischer, Trapper und Ölarbeiter gewesen war, der weder lesen noch schreiben konnte, Cajun-Französisch sprach und eine Art Englisch, das man kaum als Sprache bezeichnen konnte, verfügte über ein paar Lebensweisheiten für fast jede Situation. Eine davon ließ sich ungefähr übersetzen mit: „Im Zweifelsfall tue lieber nichts.“ In Wirklichkeit hätte er etwa Folgendes gesagt (zum Beispiel zu dem reichen Zuckerrohrpflanzer, dessen Besitz an den unseren grenzte): „Sie haben mir ja nix von Ihrer Sau in mei’m Zuckerrohr erzählt, nein, genauso wollt ich ihr auch nix tun, wie ich ihr mit ’m Traktor übern Kopf gefahren bin und sie dann halt aufgegessen hab.“

Ich fuhr über den Sandweg, der zu meinem Fischköderladen und Bootsverleih am Bayou führte. Leichter Regen setzte ein, platschte durch das Laubdach der Eichen, und die Tropfen hüpften wie Erbsen auf dem Wasser des Bayous, klatschten auf die Blätter der Teichrosen, die vom Uferrand ins Wasser hineinwuchsen. Ich sah, wie die Brassen am äußeren Saum der Seerosen und des überfluteten Röhrichts nach Insekten schnappten. Weiter vorne brachten die Fischer die Boote in mein Dock zurück, und die zwei Schwarzen, die für mich arbeiteten, zogen die Segeltuchplane über die Veranda an der Schmalseite des Köderladens und räumten die Bierflaschen und Picknickpappteller von den hölzernen Telefonkabeltrommeln, die wir als Tische benutzten.

Mein Haus stand etwa hundert Meter vom Bayou entfernt in einem Pecanhain. Es war aus ungestrichenen Eichen- und Zypressenstämmen gebaut, mit einer wellblechüberdachten Galerie vorne, einem ungepflasterten Hof, Kaninchenställen, einer verfallenen Scheune auf der Rückseite und einem Wassermelonengarten kurz hinter dem Ende des Pecanhains. Manchmal, bei starkem Wind, knallten die Pecannüsse wie Kartätschenkugeln auf das Blechdach der Veranda.

Alafair war auf Annies Schoß eingeschlafen. Als ich sie ins Haus trug, schaute sie nur einmal zu mir auf, als sei sie kurz aus einem Traum erwacht, und schloss die Augen gleich wieder. Ich legte sie im Nebenzimmer ins Bett, stellte den Fensterventilator an und schloss leise die Tür. Dann saß ich draußen auf der Veranda und beobachtete den Regenvorhang, der sich über den Bayou legte. Die Luft roch nach Bäumen, nassem Moos und feuchter Erde. „Willst du was essen?“, fragte Annie, die hinter mir stand.

„Nein, jetzt nicht, danke.“

„Was machst du hier draußen?“

„Nichts.“

„Deswegen schaust du wohl auch immer so die Straße hinunter“, sagte sie.

„Die Leute in diesem Flugzeug passen nicht zueinander.“

Ich spürte ihre Finger auf meiner Schulter.

„Ich habe ein Problem, Officer“, sagte sie. „Mein Ehemann kann nicht aufhören, Detective bei der Mordkommission zu spielen. Eine fixe Idee. Wenn ich versuche, ihn scharf zu machen, ist er mit seinen Gedanken immer ganz woanders. Was soll ein Mädchen da bloß machen?“

„Sie greift sich einen Kerl wie mich. Ich bin immer bereit einzuspringen.“

„Ich weiß nicht recht. Sie sind so damit beschäftigt, den Regen zu beobachten.“

„Eins der wenigen Dinge, die ich gut kann.“

„Sind Sie sicher, dass Sie Zeit haben, Officer?“ Ihre Arme glitten über meinen Bauch, und sie drückte ihre Brüste fest an mich.

Ich konnte ihr so gut wie nie widerstehen. Sie war wunderschön. Wir gingen in unser Schlafzimmer, wo der Fensterventilator vor sich hin summte, und sie lächelte mir zu, während sie sich auszog und zu singen anfing: „Baby love, my baby love, oh how I need you, my baby love …“

Sie setzte sich auf mich, ihre schweren Brüste dicht vor meinem Gesicht, vergrub die Finger in meinem Haar und schaute mir mit sanftem, liebevollem Blick in die Augen. Jedes Mal wenn ich ihre Schulterblätter mit meinen Handballen drückte, küsste sie mich auf den Mund und presste die Schenkel zusammen, und ich sah das erdbeerförmige Muttermal auf ihrer Brust dunkler werden, ein tiefes Scharlachrot, und ich spürte, wie es in meiner Brust zu zucken anfing, meine Lenden schmerzhaft krampften, sah ihr Gesicht weich und klein über mir werden, und dann spürte ich plötzlich, wie sich etwas in mir losriss und schmolz wie ein großer Felsbrocken, der in ein Flussbett stürzt und mit der Strömung davontreibt.

Dann lag sie dicht bei mir und schloss mir mit den Fingern die Augen, und ich spürte die kühle Luft vom Ventilator über die Laken streichen wie der Wind draußen über den Golf im dunstigen Licht des Sonnenaufgangs.

Am späten Nachmittag, es regnete noch immer, wurde ich vom Kinderweinen geweckt. Es war, als wäre mein Schlaf dadurch gestört worden, dass mich ein Engelsflügel sanft streifte. Ich ging barfuß ins Schlafzimmer, wo Annie auf der Bettkante saß und Alafair an ihre Brust gedrückt hielt. „Jetzt ist wieder alles in Ordnung“, sagte Annie. „Es war nur ein böser Traum, nicht wahr? Träume können dir nicht weh tun. Wir fegen sie einfach weg und waschen dir das Gesicht, und dann essen wir ein bisschen Eis und Erdbeeren mit Dave und Annie.“

Das kleine Mädchen klammerte sich an Annies Brust und schaute mich aus runden, verängstigten Augen an. Annie drückte sie und küsste sie aufs Haar.

„Dave, wir müssen sie unbedingt behalten“, sagte sie.

Wieder gab ich ihr keine Antwort. Ich saß den ganzen Abend draußen auf der Veranda und beobachtete, wie sich das Licht auf dem Bayou purpurn färbte, hörte den Zikaden zu und dem Regen, der aus den Bäumen tropfte. Zu einer gewissen Zeit meines Lebens hatte Regen für mich stets die Farbe von nassem Neonlicht oder Jim Beam gehabt. Jetzt sah er schlicht wie Regen aus. Er roch nach Zuckerrohr, nach den Zypressen am Bayou, nach den gold- und scharlachfarbenen Wunderblumen, deren Blüten sich im kühlen Schatten öffnen. Doch als ich die Leuchtkäfer im Pecanhain aufflammen sah, konnte ich nicht leugnen, dass mich innerlich ein leichtes Zittern befiel, das ich früher oft erst nach der Sperrstunde in irgendeiner Bar losgeworden war, wenn der Regen streifig über neonhelle Fenster rann.

Ich beobachtete weiter den Sandweg, doch er blieb leer. Gegen neun Uhr sah ich ein paar Kinder in einem Einbaum draußen auf dem Bayou, die Frösche mit einem Fischrechen einholten. Die Scheinwerfer der Kinder tanzten durchs Schilfrohrdickicht, und ich hörte ihre Paddel laut platschend ins Wasser eintauchen. Eine Stunde später schob ich den Riegel vor die Fliegentür, schaltete die Lichter aus und legte mich neben Annie ins Bett. Das kleine Mädchen schlief auf der anderen Seite. Im Mondschein, der durchs Fenster fiel, sah ich Annie lächeln, ohne dass sie die Augen öffnete. Dann legte sie mir den Arm über die Brust.

Er kam früh am nächsten Morgen, als die Sonne noch dunstig und weich in den Bäumen hing. Die Regenpfützen auf dem Weg waren noch nicht getrocknet, sodass sein Dienstwagen eine Schwarzenfamilie mit Schlamm bespritzte, die mit Angelruten aus Zuckerrohrstöcken auf meinen Anlegesteg zugeschlendert kam. Ich ging in die Küche, wo Annie und Alafair gerade ihr Frühstück beendeten.

„Warum nimmst du sie nicht mit runter zum Teich, die Enten füttern?“, sagte ich.

„Ich dachte, wir fahren in die Stadt und kaufen ihr was zum Anziehen.“

„Das können wir später machen. Hier ist altes Brot. Geht durch die Hintertür und haltet euch zwischen den Bäumen.“

„Was ist los, Dave?“

„Nichts. Nur unwichtiger Scheiß. Erzähl ich dir später. Nun komm schon, verschwindet!“

„Sag mal, seit wann redest du denn so mit mir?“

„Annie, ich mein’s ernst“, drängte ich.

Ihr Blick schoss an mir vorbei in die Richtung, aus der das Geräusch des durch die Pecanbäume nahenden Wagens kam. Sie griff sich den Zellophanbeutel mit altem Brot, nahm Alafair an der Hand und ging durch die hintere Fliegendrahttür und dann zwischen den Bäumen auf den Teich am Ende unseres Grundstücks zu. Nur einmal schaute sie zurück, mit alarmiertem Gesichtsausdruck.

Das Kammgarnjackett über die Schulter gehängt, entstieg der Mann einem grauen Wagen aus dem Fuhrpark der Bundesbehörden. Er war mittleren Alters, etwas fett um die Hüfte und trug eine Fliege. Die Haare waren sorgfältig in Strähnen über die kahlen Stellen gelegt.

Ich ging ihm auf der Veranda entgegen. Er stellte sich als Monroe vom INS vor, Einwanderungs- und Einbürgerungsbehörde in New Orleans. Während er redete, wanderte sein Blick ins Halbdunkel des Hauses.

„Ich würde Sie reinbitten, aber ich bin auf dem Weg zum Dock“, sagte ich.

„Das geht in Ordnung. Ich muss Sie nur ein oder zwei Sachen fragen“, sagte er. „Warum haben Sie eigentlich nicht auf die Küstenwache gewartet, nachdem Sie sie auf der Notfrequenz gerufen haben?“

„Weswegen sollte ich?“

„Die meisten Leute bleiben gern in der Nähe. Schon aus Neugier. Wie oft sieht man schon ein Flugzeug abstürzen?“

„Meine Frau hat die Position durchgegeben. Öl- und Benzinflecken konnte man deutlich auf dem Wasser erkennen. Die haben uns nicht gebraucht.“

„Na so was“, sagte er und zog eine Zigarette aus seiner Hemdtasche. Er rollte sie zwischen den Fingern hin und her, ohne sie anzuzünden, und blickte an mir vorbei auf die Pecanbäume. Die Tabakfasern knisterten trocken im Papier. „Trotzdem, ich hab da ein Problem. Ein Taucher hat unten einen Koffer mit Kindersachen gefunden. Um genau zu sein, die von einem kleinen Mädchen. Aber in diesem Flugzeug war kein Kind. Was würden Sie daraus schließen?“

„Ich komm zu spät zu meiner Arbeit, Mr. Monroe. Hätten Sie Lust, zu Fuß mit mir zum Dock zu laufen?“

„Sie mögen Leute von den Bundesbehörden nicht, was?“

„So viele kenn ich gar nicht. Manche sind nette Typen, andere nicht. Ich schätze, Sie haben meine Akte eingesehen.“

Er zuckte die Achseln.

„Warum, glauben Sie, würden Illegale Kinderkleidung bei sich haben, wenn kein Kind dabei ist? Ich rede hier von Leuten, die aus ihrer Bananenrepublik abhauen, kurz bevor die Nationalgarde sie zu Hundefutter verhackstückt. Zumindest schreiben das die Zeitungen.“

„Ich weiß nicht.“

„Ihre Frau hat der Küstenwache gemeldet, Sie hätten vor, zum Wrack hinunterzutauchen. Wollen Sie mir etwa erzählen, dass Sie da unten nur drei Leute gesehen haben?“

Ich starrte ihn an.

„Was meinen Sie damit, drei?“, fragte ich.

„Der Pilot war ein Priester namens Melancon aus Lafayette. Wir hatten ihn schon seit einiger Zeit unter Beobachtung. Wir glauben, die beiden Frauen waren aus El Salvador. Der Priester hat jedenfalls schon früher Leute von dort ausgeflogen.“

„Was ist mit dem Kerl in dem rosa Hemd?“

Er war verblüfft. Sein Blick wurde vor Verwirrung stumpf.

„Wovon reden Sie?“, sagte er.

„Ich hab ihm beinahe das Hemd vom Leib gerissen. Er hat hinten gesessen. Genick gebrochen, und über der einen Brustwarze hatte er eine Tätowierung.“

Er schüttelte bedächtig den Kopf. Jetzt zündete er seine Zigarette an und blies Rauch in das gesprenkelte Sonnenlicht.

„Entweder sind Sie ein guter Geschichtenerzähler, oder Sie sehen Dinge, von denen sonst niemand weiß“, sagte er.

„Wollen Sie mich etwa einen Lügner nennen?“, fragte ich ruhig.

„Ich streite mit Ihnen nicht um Worte, Mr. Robicheaux.“

„Mir scheint, dass Sie genau das vorhaben.“

„Also, in einem haben Sie schon recht. Ich habe mir erst Ihre Akte kommen lassen, bevor ich hergefahren bin. Ihre Bilanz ist ganz erstaunlich.“

„Was heißt das?“

„Sie haben drei oder vier Leute umgelegt, darunter einen Kronzeugen der Bundesbehörden. Wirklich knallhart. Möchten Sie, dass ich mit ’nem Haftbefehl wiederkomme?“

„Ich glaube nicht, dass ich Sie in der nächsten Zeit zu Gesicht bekommen werde. Sie sind schiefgewickelt, Kumpel. Ihre Leute sind da an was dran, in das man Sie nicht eingeweiht hat.“

Ich sah, wie sein Blick sich verfinsterte.

„Wenn ich Sie wäre, würde ich mich um meine eigenen Angelegenheiten scheren“, sagte er.

„Da ist noch was, was ich Ihnen nicht gesagt habe. Die Nachrichtenagentur in New Orleans hat mich gestern Abend angerufen. Ich hab denen erzählt, dass in diesem Flugzeug vier Tote gewesen sind. Ich hoffe nur, Ihre Leute tönen jetzt nicht überall rum, dass ich nicht zählen kann.“ „Was wir tun, darüber machen Sie sich mal besser keine Sorgen. Halten Sie sich sauber, und wir kommen bestens miteinander aus.“

„Ich glaube, Sie haben’s zu oft mit Illegalen zu tun. Sie sollten ein bisschen auf Ihre Worte achten, wenn Sie mit normalen Leuten reden.“

Er ließ die Zigarette zu Boden fallen, trat sie mit dem Schuh aus und lächelte in sich hinein, als er in seinen Wagen stieg. Er ließ den Motor an. Ein Streifen Sonnenlicht fiel über sein Gesicht.

„Also, Sie haben mir den Tag gerettet“, sagte er. „Ich lass mir immer wieder gern bestätigen, dass ich mich auf der richtigen Seite vom Zaun befinde.“

„Ach, noch eins. Als Sie hier angefahren kamen, da haben Sie ein paar Leute mit Schlamm bespritzt. Versuchen Sie, beim Wegfahren etwas vorsichtiger zu sein.“

„Ich mach alles, was Sie sagen.“ Er lächelte zu mir hoch und beschleunigte sehr behutsam.

Sehr cool, Robicheaux, dachte ich. Es gibt nichts Besseres, als an den Stäben des Raubtierkäfigs zu rütteln. Doch was soll man in einer Situation wie dieser machen? Die meisten Bundesagenten sind keine schlechten Kerle, sie sind nur phantasielos. Sie fühlen sich wohl in einer Welt überschaubarer Regeln und stellen Autorität nur selten in Frage. Doch wenn man mal den bösartigen in die Quere kommt und sie riechen, dass man Angst hat, dann setzen sie alles daran, einen Stück für Stück auseinanderzunehmen.

Ich ging hinunter zum Anlegesteg, gab frisches Eis in die Kühlboxen für Bier und Sprudelgetränke, schöpfte die toten Lockfische aus den Ködertanks, machte Feuer in dem aufgesägten Ölfass, das ich auf der seitlichen Veranda als Barbecue-Kohlebecken aufgestellt hatte, beträufelte die fünfundzwanzig Pfund Brathähnchen und Schweinekoteletts mit Öl und Gewürzen, die ich grillen und zur Mittagszeit verkaufen wollte, und dann bereitete ich mir ein großes Glas Dr Pepper mit zerstoßenem Eis, Minzblättern und Kirschen zu, setzte mich an einen Tisch unter der Markise und beobachtete eine Gruppe Schwarzer unter einer Zypresse auf dem gegenüberliegenden Ufer des Bayous beim Angeln. Sie trugen Strohhüte und saßen dicht nebeneinander auf Holzstühlen, hielten ihre Angeln aus Bambusrohr bewegungslos über den Seerosenteppich. Ich hatte nie verstehen können, warum die Schwarzen immer in geschlossenen Gruppen angelten, oder warum sie sich weigerten, von einer Stelle zur nächsten zu ziehen, wenn die Fische nicht mehr anbissen; doch ich wusste auch, wenn sie nichts fingen, hatte auch sonst niemand Glück. Einer der Schwimmer fing auf der Wasseroberfläche an zu zittern, glitt am Rand der Seerosenblätter entlang und tauchte dann unter; ein kleiner Junge riss seine Angelrute hoch, und ein großer Sonnenfisch brach durch die Wasseroberfläche, Kiemen und Bauch wie flammendes Feuer. Der Junge hielt ihn mit einer Hand, löste den Haken vom Maul, tauchte dann die andere Hand ins Wasser und hob einen geschälten Weidenast heraus, an dem tropfend Mondfische und glubschäugige Flussbarsche hingen. Ich sah ihm zu, wie er das zugespitzte Ende des Stocks durch die Kiemen des Sonnenfischs trieb, bis es aus dessen Maul ragte.

Doch selbst während ich diese Szene aus meiner eigenen Jugend beobachtete, denselben glücklichen Moment im vertrauten Kreis der Menschen von damals noch einmal durchlebte, konnte ich nicht abschalten und jenen hässlichen Rauchstreifen am Himmel über dem Southwest Pass vergessen, oder die Frau, die ein Kind in eine Lufttasche hochhielt, während ihre Lunge sich mit Wasser und Benzin füllte.

Am Nachmittag fuhr ich nach New Iberia und kaufte mir die Times-Picayune. Die Agenturmeldung besagte, die Leichen von drei Personen, darunter ein katholischer Priester, seien aus dem Flugzeug geborgen worden. Quelle dieser Meldung war das Büro des Sheriffs von St. Mary. Das hieß, dass man das Sheriffsbüro nur von drei Leichen unterrichtet hatte, oder dass nur drei ins Bezirksleichenschauhaus gebracht worden waren.

Es war bereits heiß und hell, als ich am nächsten Morgen knapp außerhalb des Southwest Pass den Motor abstellte und den Anker über Bord warf. Die Wellen schwappten um den Bug, und ich streifte die Flossen über und schnallte die Sauerstoffflasche um, die ich frühmorgens aufgefüllt hatte. Ich legte einen Bleigurt um, ließ mich rückwärts über die Bordwand fallen und tauchte in einem Strom perlender Luftblasen hinunter zum Wrack, das noch immer rücklings am abfallenden Rand des Grabens lag. Regenfälle hatten das Wasser wolkig grün verfärbt, doch auf dreißig Zentimeter vor meiner Tauchermaske hatte ich klare Sicht. Ich kam am Bug des Flugzeugs herunter und arbeitete mich zur Kanzel vor. Das Loch, aus dem schwarzer Rauch in den Himmel gequollen war, fühlte sich unter meinen Händen gezackt und scharf an. Das Metall war nach außen gebogen, als habe eine Artilleriegranate eine Stahlplatte durchschlagen.

Alle Türen vorn waren offen, die Kanzel war leer. Zumindest fast. Das zerrissene rosa Hemd des tätowierten Mannes schwebte in der Grundströmung am Boden hin und her. Eine der Stofflaschen hatte sich im Schloss des Sicherheitsgurts am Boden verfangen. Ich riss das Hemd los, ballte es zu einem festen Knäuel zusammen und schwamm wieder hoch in das gelbgrüne Licht an der Wasseroberfläche.

Vor langer Zeit hatte ich gelernt, dankbar für die kleinen Gottesgaben zu sein. Ich hatte außerdem gelernt, nie übereilt oder unbedacht von ihnen Gebrauch zu machen. Ich breitete das Hemd auf Deck aus und beschwerte Ärmel, Kragen und Schöße mit Angelblei. Es dauerte nicht lange, bis es im Wind und der Hitze der Deckplanken getrocknet war. Der Stoff fühlte sich steif und krustig an.

In meiner Wühlkiste stieß ich auf einen Plastikbeutel für Aale, trug das Hemd zum Ruderhaus, wo es windstill war, und fing an, mit meinem Pumamesser, das scharf wie eine Rasierklinge war, die Taschen abzutrennen. Ich fand einen Bleistiftstummel, Tabakkrümel, aufgeweichte Papierstreichhölzer, einen kleinen Kamm, Streifen von Verbandsstoff und schließlich einen Sektquirl.

Einen hölzernen Sektquirl in einer winzigen Hülle. Es mussten Buchstaben darauf gedruckt gewesen sein, denn die lila Tinte war in der Papierhülle zerlaufen wie verschmierter Lippenstift von einem Kuss.

2

Am Nachmittag des folgenden Tages parkte ich meinen Pick-up an der Decatur Street nahe des Jackson Square in New Orleans. Ich bestellte Kaffee und beignets im Café du Monde, schlenderte dann weiter bis zum Platz und setzte mich unweit der St. Louis Cathedral auf eine Eisenbank unter großen Bananenstauden. Es war noch etwas zu früh für das Mädchen, das ich im Smiling Jack’s zu treffen hoffte, daher saß ich im warmen Schatten und schaute den schwarzen Straßenmusikern zu, die auf der sonnenabgewandten Seite der Kirche auf den Bottleneck-Gitarren spielten, und den Straßenmalern, die an der Pirates Alley die Touristen porträtierten. Ich habe das French Quarter schon immer geliebt. Viele Leute in New Orleans beschwerten sich, dass es dort nur so wimmle von Wermutbrüdern, ausgeflippten Rauschgiftsüchtigen, Nutten, schwarzen Straßenräubern und sexuell Abartigen. Was sie behaupteten, mochte voll und ganz stimmen, doch mir war das gleich. Das Viertel war schon immer so gewesen. Jean Lafitte und seine Bande von Halsabschneidern hatten vom alten New Orleans aus operiert, und ebenso James Bowie, der illegalen Sklavenhandel betrieben hatte, wenn er nicht gerade mit seinem mörderischen Messer Leute aufschlitzte. Eigentlich, so dachte ich, hatten die Nutten und Säufer, Diebe und Zuhälter ältere Rechte und Ansprüche auf das Viertel als wir anderen.

Die alten kreolischen Gebäude und engen Straßen veränderten sich nie. Palmwedel und Bananenstauden hingen über die Steinmauern und Eisentore der Höfe; unter den verschnörkelten Kolonnaden, die bis auf die Bürgersteige reichten, herrschte ewiger Schatten, und die kleinen Lebensmittelläden rochen immer nach Käse, Wurst, gemahlenem Kaffee und Kisten mit Pfirsichen und Pflaumen, ein Duftgemisch, das die Ventilatoren mit ihren hölzernen Rotorblättern nach draußen wehten. Die Ziegelsteine der Gebäude fühlten sich verwittert, kühl und glatt an, die Steinplatten in den Gassen waren ausgehöhlt und schartig vom Regenwasser, das von den Dachtraufen und Balkonen herunterlief. Manchmal, wenn man durch das verzierte Eisentor eines von Ziegelmauern umschlossenen Durchgangs schaute, fiel der Blick auf einen Innenhof, in dem strahlendes Sonnenlicht, purpurne Glyzinien und gelbe Kletterrosen leuchteten, und wenn der Wind richtig stand, konnte man den Fluss riechen, die feuchten Ziegelmauern, einen Springbrunnen, dessen Wasser in ein Auffangbecken tropfte, den herben Geruch von vergossenem Wein, den Efeu, der im Mörtel wurzelte wie Klauenfüße einer Eidechse, die Wunderblume, die im Schatten erblühte, und ein Gärtchen mit grüner Minze, die sich an eine sonnenhelle Stuckmauer schmiegte.

Allmählich wurden die Schatten am Jackson Square länger. Ich schaute noch einmal auf den Sektquirl, den ich in der Hemdtasche des Toten gefunden hatte. Die verschmierte Farbe darauf sah nach nichts aus, doch heute Morgen hatte ein Freund an der Universität von Lafayette ihn unter ein Infrarotmikroskop gelegt. Ein technisches Wunderding: Es konnte sowohl das Holz als auch die Farbe aufhellen und dunkler erscheinen lassen, und als mein Freund die Körnung erst scharf hervortreten und dann unscharf werden ließ, konnten wir acht von zwölf Buchstaben indentifizieren, die auf das Stäbchen gedruckt waren: SM LI G J KS.

Wie konnten Leute, die sich die Mühe machten, eine Leiche aus einem im Wasser versunkenen Flugzeug zu bergen und die Presse zu belügen (obendrein erfolgreich), so sorglos sein, das Hemd des toten Mannes zurückzulassen, damit es ein Fischköderverkäufer fand? Die Antwort war leicht: Menschen, die lügen, Intrigen spinnen, manipulieren und stehlen, tun das gewöhnlich deswegen, weil es ihnen an Verstand und Voraussicht fehlt. Die Watergate-Einbrecher waren keine drittklassigen Schmalspurganoven gewesen. Sondern Kerle, die für die CIA und das FBI gearbeitet hatten. Sie waren gefasst worden, weil sie das Schnappschloss einer Bürotür horizontal statt senkrecht mit Klebeband arretiert hatten. Ein schlecht bezahlter Wachmann hatte den Klebestreifen gesehen und ihn entfernt, jedoch keine Meldung gemacht. Einer der Einbrecher war zurückgekommen, hatte die Tür ein zweites Mal geöffnet und das Schloss auf dieselbe Weise zugeklebt. Der Wachmann hatte seine nächste Runde gemacht, das frische Klebeband entdeckt und die Polizei gerufen. Die Einbrecher waren noch im Gebäude, als die Polizei eintraf.

Ich schlenderte die kühler werdenden Straßen entlang bis zur Bourbon Street, die sich allmählich mit Touristen füllte. Familien aus Michigan, die mit offenem Lächeln und in der Nachmittagssonne schimmernden Gesichtern durch den Türspalt in Striplokale und Bars schielten, wo angeblich Frauenringkämpfe oder französische Orgien stattfanden. Mit ihrer altbackenen Faszination für das Verruchte waren sie nicht weniger unschuldig als die Collegeboys, die in Gruppen zusammenstanden, Bier aus Pappbechern kippten und sich im Bewusstsein, dass ihnen Tod und Alter nichts anhaben konnten, über Straßenschauspieler und Asphaltclowns amüsierten, und vielleicht ebenso unschuldig wie der Geschäftsmann aus Meridian, der entzückt grinsend und betont lässig an all den Schenkeln und Brüsten vorbeischlenderte, die im Halbdunkel hinter offenen Türen lockten, aber am nächsten Morgen elend und zittrig in einem Motel neben dem alten Airline Highway aufwachen würde, seine leere Brieftasche in der Kloschüssel, und seine nächtlichen Erinnerungen nur noch ein Knäuel zuckender Giftschlangen, das ihm den Schweiß auf die Stirn trieb.

Smiling Jack’s lag an der Ecke Bourbon und Toulouse Street. Falls Robin Gaddis noch dort strippte und immer noch den Dämon nährte, der in ihr hauste, seit sie ein kleines Mädchen war, stand sie vermutlich gegen sechs Uhr mit ihrem ersten Wodka Collins an der Bar, warf gegen halb sieben eine Handvoll weißen Speed ein, um eine Stunde später zum schwarzen Speed überzugehen und sich die volle Dröhnung zu geben. Ich hatte sie zu ein paar Versammlungen der Anonymen Alkoholiker mitgenommen, doch sie hatte gesagt, das sei nichts für sie. Ich vermutete, sie gehörte zu jenen Menschen, die den festen Boden unter den Füßen verloren haben. In den Jahren, in denen ich mit ihr zu tun hatte, war sie wohl zigmal von der Sitte eingelocht worden, ein Zuhälter hatte ihr den Schenkel durchstochen, und einer ihrer Ehemänner hatte ihr mit einem Eisschlägel den Kiefer gebrochen. Als ich einmal dienstlich bei der Sozialfürsorge gewesen war, hatte ich mir ihre Familienakte herausgesucht – eine Fallgeschichte über drei Generationen, eine wahrhaft beeindruckende Studie in behördlichem Versagen und menschlicher Unzulänglichkeit. Sie war in einem Obdachlosenasyl, einem Wohnprojekt unweit des St. Louis Cemetery, als Tochter einer halbdebilen Mutter und eines Alkoholikers aufgewachsen, der ihr das uringetränkte Bettlaken um den Kopf zu wickeln pflegte, wenn sie eingenässt hatte. Als Erwachsene hatte sie es genau eine halbe Meile weit vom Ort ihrer Geburt weg geschafft.

Doch sie war nicht in der Bar. Genauer gesagt, Smiling Jack’s war fast leer. Der von Spiegeln umgebene Laufsteg hinter der Theke war noch dunkel, die Musikinstrumente der dreiköpfigen Band lagen unbenutzt in der Vertiefung am Ende des Laufstegs, und in dem öden Dämmerlicht erzeugte ein rotierender Stroboskopblitz ein ekelhaftes Schrotkugelmuster aus Dunkelheit und Licht, von dem man fast seekrank wurde. Ich fragte den Barmann, ob sie noch käme. Er war um die dreißig und trug Hillbilly-Koteletten, einen schwarzen Fedora und ein schwarzes T-Shirt mit den Gesichtern der Three Stooges, die in einem weißlichen Farbton aufgedruckt waren.

„Da können Sie wetten“, sagte er lächelnd. „Die erste Show ist um acht. Ab Punkt halb sieben hält sie hier ihr Gluckerstündchen ab. Sind Sie ein Freund von ihr?“

„Ja.“

„Was wollen Sie trinken?“

„Haben Sie ein Dr Pepper ?“

„Wollen Sie mich verscheißern?“

„Dann geben Sie mir ein 7-Up.“

„Macht zwei Dollar. Sind Sie sicher, dass Sie Sprudelwasser trinken wollen?“

Ich legte zwei Dollar auf den Tresen.

„Ich kenn Sie doch, stimmt’s?“, sagte er und lächelte wieder.

„Vielleicht.“

„Sie sind ’n Bulle, stimmt’s?“

„Nee.“

„Eh, jetzt machen Sie mal halblang, Mann. Ich hab zwei große Talente – eins als Mixologe, das andere für Gesichter. Aber Sie sind nicht von der Sitte, stimmt’s?“

„Ich bin kein Bulle.“

„Ah, warten Sie, ich hab’s. Mordkommission. Sie haben früher mal im Ersten Revier an der Basin Street gearbeitet.“

„Jetzt nicht mehr.“

„Sind Sie versetzt worden, oder was?“

„Ich bin aus dem Geschäft.“

„Rechtzeitig das Leben geändert, wie?“, sagte er. Seine Augen waren grün, und er hielt sie halb geschlossen, sodass man nicht darin lesen konnte. „Erinnern Sie sich an mich?“

„Jerry Sowieso. Vor fünf Jahren sind Sie in den Bau gegangen, weil Sie einen alten Mann mit einem Stück Rohr zusammengeschlagen haben. Wie hat’s Ihnen drüben in Angola gefallen?“

Seine grünen Augen weiteten sich für den Bruchteil einer Sekunde, schauten mich unter der Krempe des schwarzen Fedora dreist an, wurden dann schmal und verkniffen. Er fing an, mit abgewandtem Gesicht Gläser zu trocknen.

„War gar nicht so schlecht. Bin viel im Freien gewesen, ’ne Menge frische Luft. Hatte Gelegenheit, wieder in Form zu kommen. Ich mag Farmarbeit. Bin selber auf einer aufgewachsen“, sagte er. „He, nehmen Sie noch ein 7-Up. Sie sind gut, Mann. Ein Draufgänger wie Sie sollte noch ein 7-Up auf Kosten des Hauses kriegen.“

„Trinken Sie’s für mich“, sagte ich, nahm mein Glas und verzog mich ans hintere Ende der Bar. Ich beobachtete ihn, wie er eine Zigarette anzündete, nur kurz daran paffte und sie dann wütend durch die Eingangstür unter die Touristen auf dem Bürgersteig schnippte.

Sie kam eine halbe Stunde später herein, angetan mit Sandalen, Bluejeans, die tief unten auf der Hüfte saßen, und einem abgeschnittenen Oberteil, das ihren flachen gebräunten Bauch freiließ. Anders als die meisten Stripperinnen trug sie das schwarze Haar kurz wie ein Schulmädchen von 1940, und trotz der Unmengen Schnaps, Koks und Speed, die sie in ihren Körper schüttete, sah sie noch immer gut aus.

„Spitze! Schicken sie die erste Mannschaft mal wieder auf die Straße“, sagte sie und lächelte. „Was machst du so, Streak? Ich hab gehört, dass du wieder verheiratet bist und zurück am Bayou, wo du Würmer und so ’n Zeug verkaufst.“

„Stimmt. Ich bin jetzt bloß noch ein einfacher Tourist.“

„Du hast es also wirklich für immer an den Nagel gehängt, wie? Dafür braucht man Mumm. Ich meine, sich einfach abzuseilen und was Ausgeflipptes zu machen, wie Würmer an Leute verkaufen. Was hast du denen denn zum Abschied gesagt?, ‚Sayonara, ihr Verbrechenshüter, lasst eure Kanonen in der Hose stecken‘?“

„So ungefähr.“

„He, Jerry, sehen wir etwa so aus, als wenn wir AIDS hätten? Jetzt ist Mamis Gluckgluckstündchen.“

„Ich versuche, was über einen Kerl in Erfahrung zu bringen“, sagte ich.

„Also, ein Informationszentrum bin ich nun auch wieder nicht, Streak. Wolltest du nie den weißen Fleck da in deinem Haar wegmachen? Du hast das schwärzeste Haar, das ich je bei einem Mann gesehen hab, bis auf diese weiße Strähne da.“ Sie berührte mit den Fingern meine Schläfe.

„Dieser Kerl hat auf der Brust eine grün-rote Schlange tätowiert. Ich glaube, er war schon mal hier.“

„Ich werd dafür bezahlt, dass die Typen mir zusehen, wie ich meine Sachen ausziehe, nicht umgekehrt. Es sei denn, du meinst was anderes.“

„Ich spreche von einem großen, dunklen Typ mit einem Kopf so groß wie ’ne Wassermelone. Die Tätowierung war knapp über der Brustwarze. Falls du die je gesehen hast, vergisst du sie nicht so schnell.“

„Und warum?“ Sie zündete sich eine Zigarette an, ohne den Wodka Collins aus den Augen zu lassen, den Jerry am anderen Ende der Bar für sie mixte.

„Es gab einen Tätowierungskünstler an der Bring Cash Alley in Saigon, der dieselbe dunkelgrüne und rote Tinte verwendet hat. Seine Arbeit war im ganzen Osten berühmt. Er war mehrere Jahre in Hongkong. Englische Seeleute in aller Welt tragen seine Malereien am Körper.“

„Warum sollte ich so was schon mal gesehen haben?“

„Hör zu, Robin, ich bin immer dein Freund gewesen. Ich habe mir nie ein Urteil darüber angemaßt, was du tust. Also lass den Scheiß.“

„Ah, so ist das also, wie?“ Sie nahm Jerry das Glas aus der Hand und trank. Ihr Mund sah nass und rot und kalt aus, als sie das Glas absetzte. „Die andere Sache, die mach ich nicht mehr. Ich hab’s nicht nötig. Ich arbeite hier in dem Loch sechs Monate im Jahr, den Winter über hab ich zwei Jobs in Fort Lauderdale. Frag deine Kumpel bei der Sitte.“

„Das sind nicht meine Kumpel. Die haben mich hängen lassen. Als ich suspendiert worden bin, hab ich erst begriffen, was Einsamkeit eigentlich ist.“

„Wär schön gewesen, wenn du dich mal hättest blicken lassen. Auf dich hätt ich abfahren können, Dave.“

„Vielleicht wünsch ich mir auch, ich hätt’s damals gemacht.“

„Ach geh, ich seh’s schon richtig vor mir, wie du an einem Weib festklebst, das jeden Abend für eine Bude mittelalterlicher Schnullerbabys die Titten schwingt. He, Jerry, kannst du mal von Zeitlupe umstellen auf ’n bisschen Zackzack?“

Er nahm ihr das Glas ab, füllte Wodka und Mix nach, machte sich jedoch nicht die Mühe, frisches Eis oder eine Orangenscheibe beizugeben.

„Du bist ein echter Klassetyp“, sagte sie zu ihm.

„Was soll ich sagen. Es ist eine Gabe“, erwiderte er, ging zurück ans andere Ende des Tresens und fing an, Bierflaschen in die Kühlbox zu legen. Jedes Mal wenn er eine neue Flasche hineinlegte, wandte er das Gesicht ab für den Fall, dass ihm eine explodieren sollte.

„Ich muss aus diesem Laden raus. Es wird immer verrückter“, sagte sie. „Wenn du glaubst, dass dieser Typ schon ziemlich abgedreht ist, dann musst du erst mal seine Mutter sehen. Ihr gehört dieses Loch hier und der Souvenir laden nebenan. Die hat Haare wie ’ne Roto-Rooter-Bürste, du weißt schon, die Dinger, die man in den Abfluss schiebt und durchleiert. Nur dass sie glaubt, sie wäre ’ne Opern diva. Die trägt Fummel wie die letzte Kuh und behängt sich überall mit Strassklunkern, und morgens stellt sie immer einen Rekorder auf die Bar, und sie und er schrubben dann die Klos und singen zusammen Opernarien, als hätte ihnen jemand ’ne Heugabel in den Arsch geschoben.“

„Robin, ich weiß, dass dieser tätowierte Mann hier gewesen ist. Ich brauche wirklich deine Hilfe.“

Sie schnippte die Zigarettenasche in den Aschenbecher, antwortete aber nicht.

„Schau, du hängst ihn damit nicht rein. Er ist tot“, sagte ich. „Man hat ihn zusammen mit einem Priester und illegalen Einwanderern in einem Flugzeugwrack gefunden.“

Sie blies Rauch in das kreisende Lichtgeflimmer und strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn.

„Du meinst, er war mit den Illegalen zusammen, oder was?“, fragte sie.

„So könnte man es nennen.“

„Ich wüsste nicht, was Johnny Dartez mit einem Priester und ein paar Illegalen anfangen sollte.“

„Wer ist er?“

„Er hängt hier schon seit Jahren rum, außer damals, als er bei den Marines war. Er war früher bei einer Bande von Straßendieben, musste die Opfer ablenken.“

„Er war Taschendieb?“

„Er hat’s versucht. Der war so ungeschickt, dass er meistens das Opfer umgerissen hat, bevor die anderen die Brieftasche klauen konnten. Er ist ein Versager. Ich glaub nicht, dass er dein Mann ist.“

„Was hat er in letzter Zeit gemacht?“

Sie zögerte.

„Ich glaube, er hat Zimmerschlüssel und Kreditkarten gekauft“, sagte sie.

„Ich dachte, du wärst da raus, Kleines.“

„Na ja, ist ja auch schon ’ne Weile her.“

„Ich rede von hier und heute. Was hat der Kerl zuletzt gemacht, Robin?“

„Ich hab gehört, dass er Muli für Bubba Rocque gespielt hat“, sagte sie und dämpfte die Stimme dabei fast zu einem Flüstern.

„Bubba Rocque?“, fragte ich.

„Ja. Aber halt dich da raus, ja?“

„Ich muss jetzt mal nach hinten. Willst du noch ’n Collins?“, fragte Jerry.

„Ja. Und wasch dir die Hände, wenn du vom Klo kommst.“

„Weißt du, Robin, wenn du hier reinkommst, hör ich immer so ein komisches Geräusch“, sagte er. „Ich muss ganz scharf hinhören, aber ich hör’s trotzdem. Hört sich an, als würden Mäuse irgendwas anfressen. Und ich glaube, das ist dein Gehirn, was da langsam zerbröselt.“

„Wer ist Ihr Bewährungshelfer, Kumpel?“, fragte ich.

„Ich hab keinen. Ich bin frei und sauber rausgekommen, Höchststrafe abgesessen, alle Sünden vergeben. Versaut Ihnen das jetzt den Tag?“ Er grinste mich unter dem schwarzen Fedora an.

„Nein, ich hab mich bloß über die Rumflaschen hinter der Bar gewundert“, sagte ich. „Ich kann keine Zollbanderole sehen. Sie haben wahrscheinlich drüben im Duty-free-Shop auf den Inseln eingekauft, und dann haben Sie Ihre privaten Flaschen mit den Reserveflaschen an der Bar verwechselt.“

Er stemmte die Hände in die Hüften, schaute auf die Flaschen im Regal und schüttelte bedächtig den Kopf.

„Mann, Sie bringen mich drauf“, sagte er. „Ich bin froh, dass Sie mich drauf aufmerksam gemacht haben. Robin, an den Typ solltest du dich halten.“

„Hör damit auf, Jerry“, sagte sie.

„Er weiß, dass ich’s nicht böse meine, stimmt’s, Chief ? Ich tret keinem zu nah, ich komm keinem in die Quere. Ich bin doch keine Lusche. Sie verstehn mich doch, oder, Chief ?“

„Schluss mit der Vorstellung“, sagte ich.

„So, meinen Sie. Ich krieg in diesem Schuppen ’n Hungerlohn und Trinkgeld, und dazu brauch ich nicht noch Zoff. Nee, glauben Sie mir, Zoff kann ich gar nicht gebrauchen.“

Ich sah ihm nach, als er in den Vorratsraum am Ende der Bar ging. Er lief wie ein gelernter Zuchthäusler und notorischer Klugscheißer, beweglich nur von der Hüfte abwärts, der Rumpf steif, die Arme angelegt, ein Typ, der den Rest seines Lebens ein Drehtürknacki sein würde, über den immer irgendwo eine Akte existierte. Was brachte solche Typen hervor? Defekte Gene? Aufwachsen in einem elenden Dreckloch? Falsches Töpfchentraining? Auch nach vierzehn Jahren bei der Polizei in New Orleans hatte ich dafür keine Erklärung.

„Das mit Bubba Rocque, das hab ich nur so gehört. Ich meine, das stammt nicht von mir, okay?“, sagte sie. „Bubba ist verrückt, Dave. Ich kenn ein Mädchen, die wollte sich unabhängig machen. Seine Ganoven haben sie in Benzin getaucht und in Brand gesetzt.“

„Du hast mir nichts erzählt, was ich nicht längst über Bubba weiß, verstanden? Du bist keine Quelle.“

Aber ich sah, dass in ihren Augen noch immer die Angst flackerte.

„Hör mal, ich kenn ihn schon mein Leben lang“, sagte ich. „Er besitzt immer noch ein Haus außerhalb von Lafayette. Du kannst mir nichts über ihn erzählen, was ich nicht schon weiß.“

Sie atmete tief durch und nahm einen Schluck aus ihrem Glas.

„Ich weiß, dass du ein guter Cop gewesen bist, und so weiter und so fort“, sagte sie. „Aber es gibt ’ne ganze Menge, was ihr Typen einfach nicht seht. Könnt ihr gar nicht. Ihr lebt nicht mitten drin, Streak. Du bist nur auf Besuch.“

„Ich muss mich auf den Weg machen, Kleines“, sagte ich. „Wir wohnen ein kleines Stück südlich von New Iberia. Falls du jemals Lust haben solltest, im Boots- und Ködergeschäft zu arbeiten, ruf mich an.“

„Dave …“

„Ja?“

„Komm und besuch mich mal wieder, okay?“

Ich ging hinaus auf die schummrige, neonbeleuchtete Straße. Aus den Dixieland- und Rockabilly-Bars drang donnernd laut Musik. Ich schaute mich noch einmal nach Robin um, doch ihr Barhocker war leer.

Am Abend rollte ich auf dem Damm der I-10 über das Atchafalaya-Schwemmbecken. Die Weiden und die halb im Wasser versunkenen abgestorbenen Stämme der Zypressen schimmerten im Mondlicht grau und silbrig. Es wehte kein Lüftchen, und auf dem unbewegten schwarzen Wasser trieb nur der Widerschein des Mondes. Ein paar Ölbohrtürme ragten schwarz vor dem Mond auf, dann kam vom Golf her Wind auf, zauste die Weiden am gegenüberliegenden Ufer und kräuselte während der ganzen Fahrt über den Damm die Wasseroberfläche wie knitternde Haut.

Ich bog in Breaux Bridge ab und folgte der alten Landstraße durch St. Martinville nach New Iberia. Ein Scheinwerfer strahlte die weiße Fassade der katholischen Kirche aus dem achtzehnten Jahrhundert an, wo Evangeline und ihr Geliebter unter einer ausladenden Eiche begraben lagen. Die Bäume, die die Straße überdachten, waren pelzig von Spanischem Moos, und der Wind roch nach gepflügter Erde und dem jungen Zuckerrohr draußen auf den Feldern. Aber die ganze Zeit ging mir Bubba Rocque nicht aus dem Kopf.

Er war einer von den ganz wenigen weißen Jungs in New Iberia, die abgehärtet und verzweifelt genug gewesen waren, in jenen Jahren auf der Bowling-Anlage Kegel aufzustellen, als Klimaanlagen noch unbekannt waren, sodass in den Fanggruben die Hitze auf fünfzig Grad anstieg, obendrein waren sie erfüllt vom Lärm umgeworfener Kegel, dem Krachen der Metallgestelle, von den Flüchen schwarzer Jungs und verirrten Kugeln, die das Schienbein eines Kegeljungen glatt zertrümmern konnten. Er war der Junge, der im Winter keinen Mantel trug, der die Krätze hatte und seine Handknöchel so oft brach, bis sie so groß wie Vierteldollar waren. Er war schmutzig, roch schlecht, und für zwanzig Cent spuckte er Mädchen an. Außerdem rankten sich allerlei Legenden um ihn: Im Alter von zehn Jahren wurde er von seiner Tante verführt; er jagte die Katzen der Nachbarschaft mit einer Kinderschrotflinte; er versuchte, eine Schwarze zu vergewaltigen, die im Speisesaal der Highschool arbeitete; sein Vater peitschte ihn mit einer Hundekette aus; er steckte seine Bretterbude in Brand, die zwischen dem Müllabladeplatz und den Gleisen der South-Pacific-Bahn gestanden hatte.

Doch am deutlichsten waren mir seine weit auseinanderstehenden graublauen Augen in Erinnerung geblieben. Er schien nie zu zwinkern, als wären seine Lider chirurgisch entfernt worden. In einem Kampf um die Bezirksmeisterschaft im Boxen hatte ich bis aufs Blut mit ihm gekämpft. An seinem Gesicht konnte man sich die Hände kaputtschlagen, und trotzdem kämpfte er immer weiter, während seine Pupillen glühten wie Holzscheite.

Ich musste mich da unbedingt raushalten. Ich war kein Cop mehr, und meine Verpflichtungen lagen anderswo. Falls Bubba Rocques Leute in den Flugzeugabsturz verwickelt waren, ging ein böser Blutmond über den Bayous auf, und damit wollte ich nichts mehr zu tun haben. Sollten sich doch FBI und Ganoven gegenseitig rumscheuchen. Ich war da endgültig raus.

Als ich heimkam, war das Haus unter den Pecanbäumen dunkel bis auf das Flackerlicht des Fernsehers im Wohnzimmer. Ich öffnete die Fliegendrahttür und sah, dass Annie auf einer Decke vor dem Fernseher eingeschlafen war und der Deckenventilator die Löckchen an ihrem Nacken hochpustete. Zwei leere Eiscremebecher, beschmiert mit Erdbeersaft, standen neben ihr auf dem Boden. Ganz in eine Ecke gedrückt, sah ich Alafair, die mein blaues Drillichhemd wie einen Pyjama trug und mit ängstlichem Gesicht auf den Bildschirm starrte. Ein Dokumentarfilm über den Zweiten Weltkrieg zeigte einen Trupp GIs, die außerhalb einer ausgebombten italienischen Stadt über einen Feldweg marschierten. Die Stahlhelme saßen ihnen schräg auf dem Kopf, Zigaretten baumelten aus grinsenden Mündern, ein BAR-Mann trug unter seiner zugeknöpften Kampfjacke ein Hundebaby. Doch für Alafair waren das nicht die Befreier Westeuropas. Ihr magerer Leib zitterte unter meinen Händen, als ich sie aufhob.

„Vienen los soldados aquí?“, fragte sie und verzog angstvoll das Gesicht.