Regengötter - James Lee Burke - E-Book

Regengötter E-Book

James Lee Burke

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Beschreibung

Der König der amerikanischen Kriminalliteratur ist zurück:

»Ich bin hinter der alten Kirche in Chapala Crossing und habe gerade neun Leichen gefunden, die hier begraben wurden. Alles Frauen. Benachrichtigen Sie bitte das FBI und rufen Sie auch die Kollegen vom Brewster County und vom Terrell County an. Die sollen Unterstützung schicken.«

Der Geruch des Todes! Auf den Hinweis eines anonymen Anrufers hin, gräbt Sheriff Hackberry Holland hinter einer verlassenen Kirche die Leichen von neun Frauen aus, notdürftig mit einem Bulldozer plattgewalzt. Es handelt sich dem Anschein nach um illegale Einwanderer aus Asien, die in Texas nahe der mexikanischen Grenze als Prostituierte arbeiteten. Bei der Suche nach dem Anrufer gerät Holland mit Isaac Clawson von der Einwanderungs- und Zollfahndungsbehörde ICE aneinander. Nach dem Mord an seiner Tochter ist er auf seinem eigenen Rachefeldzug. Bevor sie den einzigen Tatzeugen, Pete Flores, und dessen Freundin Vikki Gaddis ausfindig machen können, befinden sich diese bereits auf der Flucht vor den eigentlichen Drahtziehern, zu denen Jack Collins — genannt Preacher— zählt, ein Psychopath, dem man besser nicht zu nahe kommt.

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Seitenzahl: 815

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James Lee Burke

Regengötter

Thriller

Aus dem Amerikanischen

von Daniel Müller

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel RAINGODS

bei Simon & Schuster, New York

Copyright © 2009 by James Lee Burke

Copyright © 2014 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion: Thomas Brill

Umschlaggestaltung: Johannes Wiebel, punchdesign, München

unter Verwendung von Motiven von Boris Mrdja/Shutterstock.com

und ImagineGolf/iStock

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-641-14623-8

www.heyne-hardcore.de

In Gedenken an James Brown Benbow,

Dan Benbow und Weldon Mallette

Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unsauberen Geister, dass sie sie austrieben und heilten allerlei Seuche und allerlei Krankheit.

(…)

Diese zwölf sandte Jesus, gebot ihnen und sprach: Gehet nicht auf der Heiden Straße und ziehet nicht in der Samariter Städte, sondern gehet hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel. Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.

Matthäus, Kapitel 10, 1–7

Kapitel 1

Am Ende eines brennend heißen Julitages im Südwesten von Texas, in einer kleinen Gemeinde, deren einzige wirtschaftliche Bedeutung in einer zwanzig Jahre zuvor von der Umweltschutzbehörde EPA geschlossenen Fabrik für Schädlingsbekämpfungsmittel bestanden hatte, hielt ein junger Mann in einem Wagen ohne Frontscheibe an einer verlassenen blau-weiß gestrichenen Tankstelle, die zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise Benzin von Pure Oil verkauft hatte und nun zahlreichen Fledermäusen und Bündeln von Steppenläufern Unterschlupf bot. Neben der Tankstelle befand sich eine Autowerkstatt, deren vertrocknete Seitenwände über einem verrosteten Pick-up mit vier platten und profillosen Reifen zusammengefallen waren. Über der Kreuzung baumelte eine Ampel von einem zwischen zwei Strommasten gespannten Kabel herab, die Lichter schon vor Ewigkeiten mit Patronen Kaliber .22 herausgeschossen.

Der junge Mann betrat eine Telefonzelle am Straßenrand und wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht. Sein Jeanshemd war steif vom Salz seines Schweißes und bis zur Brust geöffnet, seine Haare kurz geschoren wie die eines GI. Er zog eine Halbliterflasche ohne Etikett aus der Vordertasche seiner Jeans und schraubte den Verschluss ab. Die rechte Seite seines Gesichts war von einer rosafarbenen, wulstigen Narbe gezeichnet, die so hell glänzte, als wäre sie aus Plastik und ihm auf die Haut geklebt worden. In dem gelben Mezcal schwammen ein paar Raupen, die im Licht der untergehenden Sonne zu leuchten schienen, wenn er die Flasche zum Trinken ansetzte. In der Telefonzelle fühlte er plötzlich, wie sich sein Puls beschleunigte. Der Schweiß lief ihm aus den Achselhöhlen hinab und versickerte im Gummizug seiner Unterhose. Mit zitterndem Zeigefinger tippte er die Nummer auf dem Tastenfeld ein.

»Was für einen Notfall möchten Sie melden?«, fragte die Mitarbeiterin der Notrufzentrale.

Die hügelige Landschaft breitete sich in einem goldenen Braun schier unendlich vor ihm aus. Nur ab und an unterbrach ein im lauen Wind vor sich hin klapperndes Windrad die Monotonie aus Felsbrocken, Kreosotbüschen, grobkörnigem Sand und Mesquitebäumen.

»Letzte Nacht hab ich hier Schüsse gehört. Ne ganze Menge sogar«, sagte er. »Ich konnte sogar die Blitze vom Mündungsfeuer sehen.«

»Wo genau war das?«

»Bei der alten Kirche. Ich glaube, da ist es passiert. Ich hatte schon ein bisschen was intus, wissen Sie? Ich hab’s aber ganz genau gesehen, ein Stück die Straße runter. Hat mir Höllenangst eingejagt.«

Eine kurze Pause stellte sich ein. »Trinken Sie jetzt im Moment, Sir?«

»Nicht wirklich. Ich meine, nicht viel. Nur ein paar Schluck von dieser mexikanischen Wurmbrühe.«

»Sagen Sie mir bitte, wo Sie sind, Sir, und ich schicke einen Streifenwagen vorbei. Warten Sie auf die Streife?«

»Ich hab nichts mit der Sache zu tun. Hier kommen viele Wetbacks durch, wissen Sie? Unten an der Grenze liegen Unmengen von Müll rum. Dreckige Windeln, vergammelte Klamotten, verdorbenes Essen, Turnschuhe ohne Schnürsenkel. Das kapier ich irgendwie nicht. Ich meine, warum sollte jemand die Schnürsenkel aus seinen Schuhen rausnehmen?«

»Geht es um illegale Einwanderer?«

»Ich habe gesagt, dass ich Schüsse gehört habe. Das ist alles. Vielleicht war’s auch nur die Heckklappe eines Autos. Könnte gut sein. Hat halt im Dunkeln gescheppert.«

»Sir, von wo aus rufen Sie uns an?«

»Von dem Ort, an dem ich die Schüsse gehört habe.«

»Sagen Sie mir bitte Ihren Namen, Sir.«

»Meinen Namen? Na ja, wie nennt man jemanden, der so dumm ist zu glauben, dass das Richtige zu tun auch wirklich das Richtige ist? Können Sie mir das sagen, Ma’am?«

Er versuchte den Hörer auf die Gabel zu knallen, verfehlte sie aber. So baumelte der Telefonhörer am Kabel vor und zurück, während der junge Mann mit der rosafarbenen Narbe im Gesicht davonfuhr und den Staub der Straße einatmete, der durch die glaslosen Fenster ins Wageninnere gesogen wurde.

Vierundzwanzig Stunden später färbte sich der Himmel bei Sonnenuntergang türkis. Hinter den schwarzen Wolkenstreifen am Horizont tauchte ein rot glänzendes Licht auf, das an das Glühen in einem Schmiedeofen erinnerte. Es war, als wollte der Tag nicht abkühlen, damit die Wärme der Sonne die ganze Nacht hindurch bis zum folgenden Morgengrauen überdauern konnte. Gegenüber der verlassenen Tankstelle einer kleinen Gemeindesiedlung parkte ein großer Mann seinen Pick-up vor den Überresten eines Gebäudes, das einmal eine spanische Mission gewesen zu sein schien. Der Mann war jenseits der siebzig, trug eine kakifarbene Hose mit Westernschnitt, handgefertigte Lederstiefel, einen altmodischen Pistolengürtel und einen taubengrauen Stetson. Das Dach der Mission war eingestürzt und lag nun teilweise auf dem Boden. Die Türen waren aus den Angeln gehoben und von Obdachlosen oder jugendlichen Vandalen im Inneren des Gebäudes als Feuerholz benutzt worden. Eine riesige Weide war der einzige Baum an der Straßenkreuzung. Sie überschattete eine Hälfte der Kirche und sorgte für ein eigenartiges Wechselspiel zwischen rotem Licht und schwarzem Dunkel auf den verputzten Mauern. Es sah aus, als würde sich ein Lauffeuer dem Gebäude nähern und es jeden Moment in Brand setzen.

Trotz ihres Äußeren war die Kirche nicht von Spaniern oder Mexikanern, sondern von einem Großindustriellen errichtet worden, der eine Zeitlang der meistgehasste Mann Amerikas gewesen war, nachdem die Sicherheitskräfte seines Unternehmens zusammen mit Mitgliedern der Nationalgarde Colorados im Jahr 1914 elf Kinder und zwei Frauen während eines Bergarbeiterstreiks massakriert hatten. Später polierte dieser Unternehmer sein Image auf und wusch den Familiennamen rein, indem er sich als Menschenfreund und humanitärer Wohltäter gerierte und im ganzen Land Kirchen erbauen ließ. Die Bergleute durften trotzdem keine Gewerkschaft gründen, und so wurde dieses spezielle Gotteshaus zu einer verkohlten Chiffre, die nur wenige mit den zwei Frauen und elf Kindern in Verbindung brachten, die in einem Erdkeller versteckt den Flammen zum Opfer fielen, als das brennende Leinenzelt über ihnen Asche und Feuer auf sie herabregnen ließ.

Der große Mann trug ein Holster, in dem ein blau-schwarzer Revolver mit weißem Griff steckte. Als er die Kirche betrat, nahm er unbewusst seinen Hut ab. Er musste einen Moment warten, bis sich seine Augen an die tiefen Schatten innerhalb des Gebäudes gewöhnt hatten. Das Eichenparkett war herausgerissen und weggeschafft worden. Der feste Boden darunter, durch den jahrelangen Mangel an Sonnenlicht grün und kühl, war an einigen Stellen uneben und hügelig. Er roch feucht und nach den Fäkalien von Feldmäusen. Dutzende Patronenhülsen aus Messing lagen glänzend wie Goldzähne im Inneren der Kirche verteilt.

Der große Mann ging in die Hocke. Sein Pistolengürtel knirschte, seine Kniegelenke knackten. Mit dem Ende seines Kugelschreibers hob er eine der Patronenhülsen an, Kaliber .45, wie alle anderen auch. Der Mann räusperte sich leicht und spuckte zur Seite aus. Er konnte den Geruch nicht länger ignorieren, den der Wind von draußen ins Innere der Kirche trug. Er stand auf und ging zur Hintertür hinaus. Dort sah er auf eine ebene Fläche. Der zimtfarbene Boden war offenbar vom Planierschild eines Bulldozers glatt gestrichen und festgedrückt worden, das Muster der Schaufelzähne noch klar erkennbar.

Der große Mann ging zu seinem Pick-up zurück und griff sich eine Laubharke und eine langstielige Schaufel von der Ladefläche. Hinter der Kirche setzte er einen Fuß auf die Schaufel und rammte sie mit dem Gewicht seines Körpers in den Boden. Er kam allerdings nicht weit, weil die Schaufelspitze auf Stein stieß. Ein paar Schritte weiter versuchte er es noch einmal. Als würde die Spitze des Schaufelblatts in zusammengepressten Kaffeesatz und nicht in feste Erde stechen, versenkte die Kraft seines Fußes sie dieses Mal vollständig im Boden. Kaum hatte er die Schaufel angehoben, stieg ihm ein Geruch in die Nase, der seine Speiseröhre verkrampfen ließ. Mageninhalt und Gallenflüssigkeit schossen in seinen Rachen hinauf. Er holte seine Feldflasche aus dem Pick-up, befeuchtete sein Bandana mit Wasser, bedeckte seine untere Gesichtshälfte mit dem nassen Tuch und knotete es hinter dem Kopf zusammen. Dann ging er über die eingeebnete Fläche und stieß alle paar Meter den Stiel der Laubharke in den Boden. In einer bestimmten Tiefe spürte er einen leichten Widerstand, als würde der Stiel der Harke dort vergrabene Futtersäcke mit verdorbenem Inhalt perforieren. Jedes Mal, wenn er den Stiel herauszog, rieselte die trockene Erde an der Oberfläche in das Loch hinein. Der Wind hatte mittlerweile nachgelassen. Die letzten Sonnenstrahlen färbten die Luft grün, und der Himmel war voller Vögel. Vom Boden stieg ein Gestank empor, der mit jeder Minute penetranter wurde und über seine Schuhe in seine Kleidung zu kriechen schien. Bemüht, nicht die Spitze des Stiels zu berühren, die er in das Erdreich gestoßen hatte, drehte der große Mann die Laubharke um. An einer etwas tiefer gelegenen Stelle, an der den Spuren zufolge bereits ein wildes Tier mit seinen Klauen gegraben hatte, begann er die Erde freizulegen.

Der große Mann trug viele Erinnerungen aus seinem früheren Leben mit sich herum, über die er nur selten mit anderen Menschen sprach. Die Bilder verfolgten ihn: die verschneiten Hügel südlich des Yalu, die über die Hänge verstreuten Leichen chinesischer Soldaten in Watteuniformen, die F-80-Jets, die aus den Wolken herabstießen, um die mit Granatwerfern und Automatikwaffen ausgestatteten Einheiten der Chinesen wieder außer Schussreichweite zu treiben, die Ladeflächen der Dreiachser voll gefallener US-Soldaten, deren Wunden wie im Schnee gefrorene Rosen aussahen.

In seinen Träumen hörte der große Mann immer noch die Signalhörner in den Bergen, deren Echo so kalt klang wie das Geräusch von Messing auf Stein.

Die spinnenbeinartigen Zinken der Laubharke förderten ein Büschel schwarzer Haare aus dem Erdboden ans Tageslicht. Der große Mann, der auf den Namen Hackberry Holland hörte, schaute auf die kleine Vertiefung vor ihm herab. Vorsichtig fuhr er mit der Harke an den Kanten der runden Form entlang, die er freigelegt hatte. Plötzlich kam die Erde in Bewegung, rutschte von dem Körper ab und rieselte in tiefer gelegene Hohlräume. Möglich, dass die Erde beim Einebnen an dieser Stelle nicht fest genug angedrückt worden war. Auch möglich, dass noch weitere Körper darunter lagen. Allmählich konnte man ein Gesicht samt Ohren, Hals und Schultern erahnen, und eine glänzende Stirn kam zum Vorschein, die wie eingefroren zu sein schien. Sie war nach oben gezogen, und zusammen mit dem weit aufgerissenen Auge, das groß und rund wie eine Spielmurmel ins Nichts starrte, zeugte sie von dem Grauen, das diese Person durchgemacht haben musste. Das andere Auge der Leiche war geschlossen, genau wie die Finger ihrer Hand, die einen Klumpen Erde umklammerte.

Sie war zierlich, der Körper eines Kindes, ihre schwarze Bluse wie ein Magnet für die Hitze und vollkommen ungeeignet für dieses Klima. Er schätzte, dass sie nicht viel älter als siebzehn war und noch gelebt hatte, als der Bulldozer sie begrub. Wider Erwarten hatte sie asiatische und nicht etwa hispanische Züge.

In der folgenden halben Stunde suchte er mit Harke und Schaufel das Feld ab, bis das Licht vollkommen verschwunden war. Es war offensichtlich, dass die ebene Fläche durch die Arbeit eines Bulldozers entstanden war: Erst hatte die Schaufel der Planierraupe die Erde bis tief zu den festeren Gesteinsschichten abgetragen, um sie dann später wieder über die Körper in der Grube zu schieben und anschließend festzuwalzen und zu ebnen, als würde dieses Stück Land für den Bau eines Hauses vorbereitet werden.

Er ging zurück zu seinem Pick-up, warf Schaufel und Harke auf die Ladefläche und griff nach dem Funkgerät auf dem Beifahrersitz. »Maydeen? Sheriff Holland hier«, sagte er. »Ich bin hinter der alten Kirche in Chapala Crossing und hab gerade neun Leichen gefunden, die hier begraben wurden. Alles Frauen. Benachrichtige bitte das FBI und ruf auch die Kollegen vom Brewster County und vom Terrell County an. Die sollen Unterstützung schicken.«

»Der Empfang ist schlecht, Sheriff. Hab ich das richtig verstanden: neun Leichen?«

»Ja, Massenmord. Die Opfer sind alle Asiatinnen, einige von ihnen fast noch Kinder.«

»Der Kerl mit dem Notruf hat ein zweites Mal angerufen.«

»Was hat er gesagt?«

»Ich glaube nicht, dass er nur zufällig in der Nähe der Kirche war. Auf mich wirkte der Typ eher, als würde er sich verdammt schuldig fühlen.«

»Hast du seinen Namen?«

»Er sagte, sein Name sei Pete. Kein Nachname. Warum hast du dich nicht gemeldet? Ich hätte Unterstützung schicken können. Du bist verdammt noch mal zu alt für diesen Scheiß, Hack.«

Weil man ab einem bestimmten Alter lernt, sich selbst zu akzeptieren und zu vertrauen, und sich vom Rest der Welt löst, dachte er, sagte aber etwas anderes. »Maydeen, könntest du bitte am Funk etwas mehr auf deine Wortwahl achten?«

Pete Flores hatte nie so richtig verstanden, warum das Mädchen mit ihm zusammenlebte. Ihr kastanienbraunes Haar war kurz geschnitten und an den Enden lockig, ihre Haut rein. Ihre tiefliegenden blau-grünen Augen hatten etwas Geheimnisvolles an sich, das viele Männer neugierig machte. Oftmals starrten sie noch lange hinter ihr her, nachdem sie an ihnen vorbeigegangen war. In dem Diner, in dem sie arbeitete, kehrten größtenteils Fernfahrer auf der Durchreise ein, die die Anmut des Mädchens spürten und sie behüten wollten. Dreimal die Woche besuchte sie abends Vorlesungen am Junior College in der County-Verwaltung. Im vorherigen Semester war eine ihrer Kurzgeschichten im Literaturmagazin der Hochschule veröffentlicht worden. Ihr Name war Vikki Gaddis. Sie spielte eine J-200-Akustikgitarre von Gibson, die sie mit zwölf Jahren von ihrem Vater, einem semiprofessionellen Countrymusiker aus Medicine Lodge, Kansas, geschenkt bekommen hatte. Ihre heisere Stimme und der Akzent waren nicht antrainiert oder gar vorgetäuscht. Manchmal, wenn sie mit der Gitarre ein paar Lieder im Diner sang, erhoben sich die Gäste von ihren Stühlen und applaudierten. Hin und wieder trat sie auch im Nightclub nebenan auf. Das Publikum dort war allerdings etwas unsicher, wie es auf Songs wie »Will The Circle Be Unbroken« und »Keep On The Sunny Side Of Life« reagieren sollte.

Als Pete das ungestrichene Holzrahmenhaus betrat, in dem sie zur Miete wohnten, schlief Vikki noch. Das Gebäude stand im blauen Schatten eines Berges, gut geschützt gegen die Sonne, die sich tagtäglich heiß und drückend über den Horizont erhob und den Rest des öden Umlands in helles Licht tauchte. Petes Gesicht wirkte angespannt vom beginnenden Kater. In seinem Schädel hallte noch die Geräuschkulisse der Highway-Bar nach, in der er letzte Nacht gewesen war. Er beugte sich über die Spüle und wusch sich das Gesicht. Das kühle Nass aus dem Hahn stammte aus einem Aluminium-Wassertank, der auf ein paar Pfählen hinter dem Haus stand. Der Berg, der den Sonnenaufgang einem Gnadenakt gleich blockierte, sah aus, als wäre er aus Asche und Rost geformt. Er war überzogen von Büschen, Gestrüpp und Mesquitebäumen, deren Wurzeln kaum tief genug reichten, um ausreichend Wasser zu finden. Pete wusste, dass Vikki bald aufstehen würde. Wahrscheinlich hatte sie – wissend oder nicht wissend, wo er sich herumtrieb – lange auf ihn gewartet und war dann spät in der Nacht in einen unruhigen Schlaf gefallen. Er wollte ihr Frühstück machen, aus Reue und als Wiedergutmachung oder als eindeutiges Zeichen dafür, dass alles in Ordnung war. Er ließ Wasser in den Kaffeepott laufen. Die kühle Dunkelheit innerhalb des Metallgefäßes wirkte zumindest zeitweilig wie ein lindernder Balsam gegen die drückende Hitze in seinem Kopf.

Er gab etwas Margarine in eine Pfanne und nahm zwei Eier und eine Schinkenscheibe aus der Kühlbox, die sie als Kühlschrank benutzten. Dann schlug er die Eier auf und ließ sie in der Pfanne aus. Er legte den Schinken und eine Scheibe Brot daneben, stellte die Pfanne auf den Gasherd und schaltete ihn ein. Als der Geruch der brutzelnden Frühstückszutaten in seine Nase stieg, rannte er zur Hintertür hinaus, um sich zu übergeben.

Er hielt sich an der Seite einer Pferdetränke fest und entleerte seinen Magen. Sein Rücken zitterte, er fühlte einen starken Druck in seinem Schädel, sein Atem war die Antithese zur Frische der Morgenluft. Er glaubte Dinge zu hören: das Dröhnen von landenden Kampfhubschraubern, das Scheppern und Quietschen eines gepanzerten Militärfahrzeugs, das sich eine sandige Anhöhe hinaufquält, den Bloodhound-Gang-Refrain »Burn, Motherfucker, Burn« in voller Lautstärke über die Sprechanlage im Panzer. Er starrte in die sich vor ihm ausbreitende Ödnis, konnte aber nichts Lebendes entdecken außer ein paar Geiern, die hoch oben in einem Windstrom segelten und langsam ihre Kreise zogen, während sich die Erde des Umlands erwärmte und der Geruch von Tod und Verderben in den Himmel stieg.

Er ging wieder ins Haus und spülte sich den Mund aus. Dann schaufelte er Vikkis Frühstück auf einen Teller. Die Eier waren an den Rändern verbrannt, das Eigelb zerlaufen, hart und von schwarzen Ölflecken überzogen. Er setzte sich auf einen Stuhl und ließ den Kopf zwischen die Knie sinken, während die Küche nicht aufhören wollte, sich um ihn zu drehen. Durch die leicht geöffnete Schlafzimmertür, durch das blaue Licht und den Staub, der im sanften Luftzug waberte, konnte er ihren Kopf auf dem Kissen sehen. Ihre Augen waren geschlossen, ihre Lippen durch die Atemzüge leicht geöffnet. Die heruntergekommene Einrichtung und die erbärmliche Umgebung, in die er sie gebracht hatte, beschämten ihn. Die Risse im Linoleum waren voller Dreck, das nicht zueinander passende Mobiliar in Gebrauchtwarenläden wie Goodwill zusammengekauft und die Wände in einem widerlichen Grün getüncht. Alles, was er anfasste, verdarb und war auf gewisse Weise eine Fortführung seines eigenen Versagens. Alles außer Vikki Gaddis.

Sie öffnete die Augen. Pete setzte sich im Stuhl aufrecht hin und versuchte zu lächeln, sein Gesicht steif und unnatürlich von der Anstrengung.

»Ich wollte dir Frühstück machen, hab’s aber versaut«, sagte er.

»Wo bist du gewesen, Liebling?«

»Du weißt schon, da unten«, antwortete er und zeigte in Richtung Highway. Er wartete darauf, dass sie etwas sagen würde, aber sie schwieg. »Warum werfen die Leute ihre Turnschuhe weg und nehmen die Schnürsenkel mit?«, fragte er.

»Wovon redest du?«

»Da, wo die Wetbacks durchkommen, liegt überall Müll rum. Die werfen ihre alten Schuhe weg, nehmen die Schnürsenkel aber mit. Warum tun die das?«

Sie stand auf und zog sich ihre Jeans an. Mit einem Blick nach unten, zu den Fingern unter ihrem flachen Bauch, knöpfte sie die Hose zu.

»Vermutlich, weil sie sonst nicht sonderlich viel haben«, beantwortete er seine eigene Frage. »Diese armen Teufel besitzen nichts außer dem Wort des Kojoten, der sie über die Grenze bringt. Ein elendes Schicksal, findest du nicht auch?«

»Wo bist du da nur reingeraten, Pete?«

Er verknotete seine Finger zwischen den Oberschenkeln und presste sie so heftig aneinander, dass er fühlte, wie der Blutfluss in seinen Venen zum Erliegen kam. »Da war ein Typ, der mir dreihundert Dollar dafür geben wollte, dass ich einen Truck nach Dallas fahre. Er meinte, ich soll mich nicht drum kümmern, was hinten drin ist. Hundert hab ich als Anzahlung bekommen. Der Kerl sagte, es wären nur ein paar Leute, die zu ihren Verwandten nach San Antonio wollten. Ich hab mich über den Kerl erkundigt. Er ist kein Muli. Mulis benutzen keine Trucks, um Dope zu schmuggeln.«

»Du hast dich über ihn erkundigt? Bei wem?«, fragte sie ihn mit zur Seite geneigtem Kopf und hörte auf, an ihren Klamotten herumzufummeln.

»Bei ein paar Typen, die ich kenne. Typen, die in der Bar rumhängen.«

Sie ging zum Herd und goss sich eine Tasse Kaffee ein. Ihr Gesicht war immer noch zerknittert und faltig vom Kissen. Auf dem verdreckten Linoleum wirkte die Haut ihrer nackten Füße fast weiß. Er ging ins Schlafzimmer und holte ihre Hausschuhe unter dem Bett hervor. Zurück in der Küche stellte er sie neben ihren Füßen auf den Boden und wartete darauf, dass sie sie anzog.

»Gestern Abend waren ein paar Männer hier«, sagte sie.

»Was?« Das Blut wich aus seinen Wangen und ließ ihn noch jünger aussehen, als er es mit seinen zwanzig Jahren ohnehin schon war.

»Zwei sind zur Tür gekommen, der dritte ist im Auto sitzen geblieben und hat die ganze Zeit den Motor laufen lassen. Es hat nur einer von denen geredet, ein Kerl mit seltsamen Augen. Sah so aus, als würden die gar nicht zusammengehören. Wer war das, Pete?«

»Was hat er gesagt?«

Pete hatte ihre Frage zwar ignoriert, aber ihr Herz raste jetzt so sehr vor Aufregung, dass sie ihm trotzdem antwortete. »Dass es ein Missverständnis zwischen euch gegeben hat. Dass du im Dunkeln verschwunden bist oder so ähnlich. Dass er dir noch Geld schuldet. Der Kerl hat die ganze Zeit über gegrinst. Dann hab ich seine Hand geschüttelt. Er hat sie mir hingehalten, und ich hab sie genommen und geschüttelt.«

»Sieht sein Kopf so aus, als hätte er einen Haufen Platten im Schädel?«

»Genau.«

»Und eins seiner Augen glitzert?«

»Das ist er. Wer ist dieser Kerl?«

»Sein Name ist Hugo. Er saß mit mir vorne im Truck. Er hatte eine Thompson dabei, in einer Stofftasche. Das Magazin war am Klappern, also hat er die Thompson rausgenommen, nachgeschaut und sie dann wieder in die Tasche gesteckt. Er meinte: ›Dieses Schmuckstück von einem Ballermann hier gehört dem gefährlichsten Mann in ganz Texas.‹«

»Was für ein Ding hatte er da in der Tasche?«

»Eine Thompson, eine Maschinenpistole aus dem Zweiten Weltkrieg. Als es dunkel war, haben wir angehalten, und Hugo sprach mit einem Kerl am Funkgerät. Der andere sagte so was wie: ›Bring die Sache zu Ende. Tabula rasa.‹ Ich hab gesagt, ich müsse mal pinkeln. Dann bin ich in einen Bewässerungsgraben am Straßenrand gesprungen und abgehauen.«

»Der Kerl hat beim Händeschütteln verdammt fest zugedrückt. Warte mal. Du bist weggelaufen? Wovor bist du weggelaufen?«

»Hugo hat dir wehgetan?«

»Hast du mir nicht zugehört? Sind diese Leute Drogenschmuggler?«

»Nein, viel schlimmer. Ich bin da in was wirklich Ernstes reingeschlittert, Vikki«, antwortete er. »Ich habe Schüsse gehört, und dann fingen Frauen an zu schreien, vielleicht sogar Mädchen.«

Als sie darauf nichts sagte und ihr Gesicht so ausdruckslos wurde, als würde sie eine fremde Person anschauen, nahm er ihre Hand, um sie sich näher anzusehen. Sie aber wandte ihm den Rücken zu und trat an das Küchenfenster mit dem Fliegengitter. Mit verschränkten Armen und einer tiefen Traurigkeit in den Augen starrte sie auf die Landschaft hinaus, die vom grellen Licht der Sonne überflutet wurde.

Kapitel 2

Nick Dolans Stripclub befand sich auf halber Wegstrecke zwischen Austin und San Antonio. Er war in einem restaurierten und weiß gestrichenen, dreistöckigen Gebäude im viktorianischen Stil untergebracht, das etwas versetzt stand und von Eichen und Kiefern umgeben war. Balkon und Fenster waren mit weihnachtlichen Lichterketten geschmückt, die das ganze Jahr über leuchteten. Vom Highway aus machte der Club einen festlichen, ja fast schon seriösen Eindruck: Der mit zerbrochenen Muscheln statt Kies aufgeschüttete Parkplatz war gut beleuchtet, und das mexikanische Restaurant nebenan, das mit dem Hauptgebäude über einen überdachten Gang verbunden war, zeigte den Durchreisenden an, dass Nick nicht nur nackte Haut im Angebot hatte. Er betrieb ein Etablissement für Gentlemen inklusive Gastwirtschaft, in dem auch Frauen, ja sogar Familien willkommen waren, wenn sie von den Reisestrapazen erschöpft nach einer guten Mahlzeit zu einem angemessenen Preis suchten.

Früher hatte Nick ein schwimmendes Casino in New Orleans betrieben, seine Geburtsstadt aber später verlassen. Einerseits war ihm nicht nach Ärger mit der alteingesessenen Mafia gewesen, andererseits hatte er wenig Lust gehabt, jeden Politiker im Staate Louisiana zu schmieren, der die Hand aufhielt – den Gouverneur, der mittlerweile im Bundesgefängnis saß, eingeschlossen. Nick regte sich nicht über die Welt im Allgemeinen oder das korrupte Wesen der Menschen im Besonderen auf, auch nicht über die Ungerechtigkeiten, in die sie hineingeboren wurden. Was ihn störte, war das Ausmaß an Heuchelei und Verlogenheit in der Welt. Er verkaufte den Leuten, was sie begehrten: Glücksspiel, Alkohol, nackte Haut und die Freiheit, in einer sicheren Umgebung ihre Fantasien ausleben zu können, ohne für ihre geheimen Leidenschaften zur Verantwortung gezogen zu werden. Nick wusste allerdings nur allzu gut, wer als Prügelknabe herhalten musste, wenn sich am Horizont mal wieder ein Sturm der moralischen Entrüstung zusammenbraute.

Neben der Verlogenheit seiner Mitmenschen hatte er noch ein weiteres Problem: Er war bei der Geburt auf ganzer Linie verarscht worden und im Körper eines fetten Jungen mit schlaffen Armen, kurzem Hals und Plattfüßen samt Hautverwachsungen zwischen den Zehen zur Welt gekommen. Als Krönung hatte er so schlechte Augen abbekommen, dass er Brillen mit dicken Gläsern tragen musste, mit denen er aussah wie ein Goldfisch, der aus seinem kleinen Aquarium hinausstarrte.

So trug er Liftschuhe, die ihn ein paar Zentimeter größer machten, Sakkos mit Schulterpolstern, teuren und geschmackvollen Schmuck sowie Hemden und Krawatten, die nicht für weniger als fünfundsiebzig Dollar das Set zu haben waren. Seine Zwillingstöchter besuchten eine Privatschule und erhielten Klavier-, Ballett- und Reitunterricht. Sein Sohn würde demnächst als Freshman sein Studium an der University of Texas beginnen. Seine Ehefrau spielte Bridge im Country-Club, ging täglich ins Fitnessstudio und wollte so wenig wie möglich über seine Einkommensquellen wissen. Ihre Rechnungen bezahlte sie mit ihrem eigenen Geld, das sie mit Anleihen und Aktienpapieren verdiente. Liebe und Romantik in Nicks Ehe waren bereits vor langer Zeit verblasst. Dafür nörgelte seine Frau nicht an ihm herum, war seinen Kindern eine gute Mutter und in den Augen der meisten Menschen eine Person mit gutem Charakter. Im Grunde gab es für ihn also keinen Anlass, sich zu beschweren. Er versuchte sein Glück mit den Karten, die ihm ausgeteilt worden waren – Entenfüße hin oder her.

Nick verzagte nicht am Lauf der Dinge. Er hatte einen eher lauten und übermütigen Charakter, führte sich in schwierigen Situationen aber oftmals wie ein ahnungsloser Trottel auf. Er ließ seine Mädchen zufrieden und machte sich keine Illusionen über die Gründe für ihre Loyalität. Die Born-Again Christians, die wiedererweckten Christen, redeten stets viel über »Ehrlichkeit«. Nicks »ehrliche« Einschätzung seiner Person und seiner Beziehung zum Rest der Welt ließ sich folgendermaßen zusammenfassen: Er war ein übergewichtiger, klein geratener Mann mit fortschreitendem Haarverlust am Ende seiner besten Jahre, der seine Grenzen kannte und sie nicht überschritt. Er lebte in einer puritanischen Gesellschaft, die von Sex besessen war und sich ohne Unterlass kichernd darüber austauschte, nicht anders als vorpubertäre Kids am Swimmingpool einer YMCA-Herberge, die sich gerade über ihre erste Erektion unterhielten. Menschen, die diese Sichtweise anzweifelten, empfahl er für gewöhnlich, sich während der familienfreundlichen TV-Stunden vor den Fernseher zu setzen und sich den Mist anzusehen, den ihre Kinder konsumierten.

Nick war der Meinung, dass die einzige wahre Sünde in diesem Land in finanziellem Versagen bestand. Respekt und Achtung kaufte man sich mit dem Scheckheft. Das sollte Zynismus sein? Hatten die Kennedys ihr Vermögen während der Prohibition etwa mit dem Verkauf von Bibeln gemacht? Hatten mittellose Politiker das Sagen im Senat? Gab es amerikanische Präsidenten mit Abschlüssen von Community Colleges in Schieß-mich-tot, Idaho?

Jetzt allerdings sah sich Nick einem Problem gegenüber, das niemals in sein Leben hätte treten sollen. Ein Problem, das er einfach nicht verdient hatte und das ihm das Schicksal als Gegenleistung für die jahrelang erduldeten Demütigungen auf den Schulhöfen im Ninth Ward, dem neunten Stadtbezirk von New Orleans, hätte ersparen müssen. Das Problem war soeben durch die Vordertür in den Club marschiert, hatte sich an der Bar ein Glas Sodawasser mit Eis und Kirschsaft bestellt und beäugte nun die Mädchen an den Stangen. Die Gesichtshaut wirkte wie eine Ledermaske, die dicken Lippen schienen ständig ein Grinsen zu unterdrücken, und der Schädel sah aus, als wäre er aus Knochen geformt, die nicht so recht zusammenpassen wollten. Das Problem hieß Hugo Cistranos und ließ Nick Dolan vor Angst die Knie schlottern.

Nick wünschte sich, einfach zur Tür des Clubs hinausgehen und in die Sicherheit seines Büros flüchten zu können – vorbei an den Tischen mit den College-Boys, den geschiedenen Malochern und den Krawattenträgern, die allesamt so taten, als würden sie nur ein wenig unschuldigen Spaß in seinem Club suchen. In seinem Büro könnte er jemanden anrufen, einen Deal machen, sich entschuldigen, irgendeine Art von Wiedergutmachung anbieten. Einfach den Hörer abnehmen und die Sache regeln, egal wie. So handhabten das Geschäftsleute wie er normalerweise, wenn sie sich mit unüberwindlich scheinenden Problemen konfrontiert sahen. Sie regelten die Sache am Telefon. Er war nicht für die Taten eines Wahnsinnigen verantwortlich. Genau genommen war er sich noch nicht mal sicher, was dieser Wahnsinnige überhaupt getan hatte.

Und das war das Paradoxe an der Geschichte: Wie konnte er für etwas beschuldigt werden, ohne zu wissen, worum es sich genau handelte und was der kranke Arsch verbrochen hatte? Nick hatte keine Aktien in der Sache. Er war nur ein einfacher Geschäftsmann, der versucht hatte, die Konkurrenz abzulenken, nachdem diese ihm gedrohte hatte, seine Escortservices in Houston und Dallas lahmzulegen, die immerhin vierzig Prozent seiner Einnahmen generierten.

Geh einfach in dein Büro, sagte er zu sich selbst. Achte nicht darauf, wie Hugos Blicke sich in die Seite deines Gesichts, in deinen Nacken und in deinen Rücken bohren, deine Kleidung und deine Haut versengen und den kleinen Rest Würde in deiner Seele verkohlen lassen. Ignoriere seine besitzergreifende Art und das Grinsen, mit dem er dich schweigend wissen lässt, dass er all deine Gedanken und Schwächen kennt, dass er der Herr über dein Leben ist und den verängstigten kleinen Fettkloß jederzeit bloßstellen kann, dem die schwarzen Kids auf dem Pausenhof immer das Essengeld abgezockt haben.

Die Erinnerung an die Tage im Ninth Ward riefen eine Hitzewelle in Nicks Brust hervor. Ein Funken gewalttätiger Energie flackerte in ihm auf und sorgte dafür, dass sich seine Finger zur Faust ballten. Er war überrascht, überrascht von sich selbst und von dem Potenzial, das sich möglicherweise in seinem kleinen fetten Körper verbarg. Er drehte sich um und blickte Hugo ins Gesicht. Die qualmende Zigarette in sicherer Entfernung vom Sakko, ging er ohne zu blinzeln auf das Problem zu. Sein Mund war trocken, und durch sein Herz schienen sich Tausende Maden zu graben. Die Girls auf der Bühne – die Körper mit Glitzerspray überzogen, die Gesichter so stark mit Grundierungscreme bedeckt, dass sie wie Pfannkuchen aussahen – verwandelten sich in von Qualm verhüllte Animationen. Ihre Namen hatte er nie erfragt, und ihr Leben hatte nichts mit seinem zu tun, auch wenn sie ihn ständig umschmeichelten und so vertrauensvoll »Nick« nannten, als würden sie sich an einen wohlwollenden Onkel wenden. Nick Dolan war auf sich allein gestellt.

Er legte seine rechte Hand auf der Theke ab, blieb aber stehen. Die Asche der Zigarette rieselte auf seine Hose herab. Hugo grinste. Sein Blick folgte dem Zigarettenqualm hinunter zu dem gelben Nikotinfleck zwischen Nicks Zeige- und Mittelfinger. »Rauchst du immer noch drei Schachteln am Tag?«, fragte Hugo.

»Mach dir mal keine Sorgen, ich probier’s gerade mit Nikotinpflastern«, erwiderte Nick. Er trotzte Hugos Blick und fragte sich selbst, ob das gerade eine Lüge oder die Wahrheit gewesen war, und ob er sich trotzdem klein, töricht und erbärmlich angehört hatte.

»Die Marlboros bringen dich noch ins Grab. Allein die Chemikalien …«

»Jeder muss mal sterben.«

»Die Chemie in den Dingern verdeckt den Nikotingeruch, damit du nicht daran denkst, welchen Schaden sie deinen Organen zufügen. Schatten auf der Lunge, Schatten auf der Leber, das volle Programm. Selbst im Schlaf geht das weiter, und du merkst es nicht mal.«

»Ich wollte gerade nach Hause gehen. Haben wir irgendwas zu besprechen?«

»Ja, so könnte man es nennen. Irgendwas. Sollen wir lieber in dein Büro gehen?«

»Die Putzfrau ist da gerade zugange.«

»Sicher doch! Die Teppiche werden in Nightclubs ja meistens zur Hauptgeschäftszeit gesaugt. Am besten gibst du mir mal den Namen der Reinigungsfirma, damit ich die nicht mal aus Versehen beauftrage. Vielleicht gehen wir dann einfach vor die Tür? Solltest dir mal den Himmel ansehen, wie die Blitze durch die Wolken zucken. Raucht sich eh besser an der frischen Luft.«

»Meine Frau wartet mit dem Essen auf mich.«

»Komisch, dabei bist du doch dafür bekannt, immer als Letzter den Laden zu verlassen und vorher noch die Tageseinnahmen zu zählen.«

»Soll das eine Anspielung sein?«

Hugo nahm einen Schluck von seinem Sodawasser und kaute mit den Backenzähnen auf einer Kirsche herum. »Nein«, sagte er mit nachdenklichem Gesichtsausdruck, »keine Anspielung, Nicholas.« Seine Zunge war hellrot. Er wischte sich den Mund ab und schaute den Farbstreifen auf dem Papiertaschentuch an. »Ich habe zusätzliches Personal angeheuert und wollte dich um deinen Rat bitten. Genau gesagt geht es da um einen Typen, der mir einiges Kopfzerbrechen bereitet.« Er lehnte sich nach vorn und packte Nicks Schulter, sein Gesicht voller Wärme und Vertraulichkeit. »Ich glaub, es wird regnen. Die frische Luft wird dir guttun. Das zieht den Nikotingestank aus den Klamotten.«

Draußen war die Luft so, wie Hugo sie beschrieben hatte. Es roch nach Gewitter und nach den Wassermelonen auf dem Feld hinter den Virginia-Eichen, die an der Grenze von Nicks Grundstück standen. Nick ging voran und steuerte auf die Lücke zwischen einem Buick und Hugos schwarzem SUV zu. Hugo stützte sich mit einem Arm auf der Kühlerhaube seines Wagens ab und blockierte Nick damit die Sicht auf den Club. Er trug ein Sporthemd, weiße Bundfaltenhosen und glänzende italienische Schuhe. Unter dem Licht der Parkplatzlampe wirkte sein aufgestützter Arm fest und blass, von grünen Venen überzogen.

»Artie Rooney hat jetzt neun Nutten weniger«, sagte Hugo.

»Keine Ahnung, wovon du sprichst«, erwiderte Nick.

Hugo kratzte sich im Nacken. Sein Haar war aschblond, durchzogen von jodroten Strähnen. Er trug es mit viel Gel nach hinten gekämmt, sodass seine hohe Stirn wie der glatt polierte Bug eines Schiffs aussah. »Tabula rasa. Was bedeuten diese Worte für dich, Nicholas?«

»Ich heiße Nick.«

»Das beantwortet meine Frage nicht, Nick.«

»Sie bedeuten ›Vergiss es‹. Sie bedeuten ›Lass gut sein‹. Sie bedeuten ganz bestimmt nicht ›Raste aus und bau Scheiße‹.«

»Mal schauen, ob ich deine Sicht der Dinge richtig erfasst habe: Wir kidnappen Rooneys Thai-Schlampen, bringen einen seiner Kojoten unter die Erde und sollen die hysterischen Schlitzaugenbräute dann einfach so auf einer Landstraße aussetzen, damit ich entweder gleich die Giftspritze verpasst kriege oder die nächsten vierzig Jahre in einem Bundesgefängnis verrotten kann?«

»Was hast du da über den Kojoten gesagt?«

Nick spürte eine Art Klicken in seinem Kopf, hervorgerufen von einem nicht einwandfrei funktionierenden Schaltmechanismus, der fast immer zum falschen Zeitpunkt einsetzte. Eine Fehlfunktion in seinem Hirn oder in seinem Unterbewusstsein, die ihn zeit seines Lebens daran hinderte, die richtigen Worte zur richtigen Zeit zu sagen, und die korrekten Formulierungen stets zu spät lieferte, sodass er sich selbst bloßstellte, sich angreifbar machte und der Gnade seiner Gegenspieler auslieferte. Warum nur hatte er Hugo diese Frage gestellt? Warum hatte er nähere Informationen darüber angefordert, was auf dieser dunklen Straße passiert war, was Hugo einer Handvoll hilfloser asiatischer Frauen und wahrscheinlich auch Mädchen angetan hatte? Nick hatte das Gefühl, dass die Energie in seinem Körper durch die Sohlen seiner Schuhe in den Boden sickerte.

»Ich tappe im Dunkeln, Hugo. Ich habe echt keine Ahnung, worüber wir hier eigentlich sprechen«, sagte er. Die Worte klebten wie nasse Zigarettenasche in seinem Rachen. Er wandte den Blick von Hugo ab.

Auch Hugo schaute nun weg und zog mit den Fingern an seinem Ohrläppchen. Die Lippen fest aufeinandergedrückt, presste er mit einem Schnauben das letzte bisschen Heiterkeit aus seinem Körper, wie Luft, die durch eine Gummidichtung entweicht.

»Ihr seid echt alle gleich«, sagte er.

»Wen meinst du mit ihr?«

»Ihr seid wie diese drei Affen: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Ihr macht euch nicht die Finger schmutzig, sondern heuert andere Leute an, die die Drecksarbeit für euch erledigen«, antwortete Hugo. »Dafür schuldest du mir neunzig Riesen, Nicholas. Zehn für jedes Schäfchen, das ich aus Arties Stall holen und entsorgen musste. Außerdem sind sieben Mille für den Transport fällig und weitere fünf für meine Personalkosten. Die Zinsen betragen anderthalb Prozent pro Woche.«

»Zinsen? Was für Zinsen? Hast du den Verstand verloren?«

»Ach ja, und dann ist da noch dieses Problem mit dem Kerl, den ich in der Bar angeheuert habe.«

»Was für ein Kerl?«

»Pete irgendwas. Ein Säufer. Keine Ahnung, wie er mit Nachnamen heißt. Eigentlich auch egal. Das Problem ist, dass er sich aus dem Staub gemacht hat.«

»Nein, nein, nein! Damit hab ich nichts zu tun, Hugo. Lass mich bloß damit zufrieden!«

»Warte, bis ich dir alles erzählt hab. Es ist nämlich noch etwas komplizierter, als es auf den ersten Blick aussieht. Und zwar bin ich zu der Bruchbude von diesem Pete gefahren, um mit ihm zu sprechen. Da hat uns ein Mädchen aufgemacht. Die hat mich also auch gesehen, verstehst du? Noch eine Person, um die wir uns kümmern müssen. Hab ich jetzt deine Aufmerksamkeit?«

Nick trat einen Schritt zurück, schüttelte den Kopf und versuchte, dem geschlossenen Raum zu entkommen, der seine Augen verdunkelte. »Ich geh jetzt nach Hause. Artie Rooney und ich … wir kennen uns schon seit Jahren. Ich kann das regeln. Er ist ein Geschäftsmann.«

Hugo zog einen Kamm aus seiner Hosentasche und schob ihn durch sein Haar. »Artie Rooney hat mir seinen alten Cadillac angeboten, damit ich dich auf Nulldiät setze, Nicholas. Absoluter Stopp der Nahrungsmittelzufuhr. Fünfzehn bis zwanzig Pfund Gewichtsverlust pro Tag. Das Beste daran: Du kannst dabei in einer Holzkiste schlummern. Du verstehst?«, sagte Hugo. »Weißt du, warum er dich nicht ausstehen kann, Nicholas? Ich sag’s dir: Er ist ein echter Mick und nicht so ein Fake-Ire wie du, der seinen Namen von Dolinski in Dolan geändert hat. Hier ist der Deal: Ich komm morgen vorbei, um meine Kohle zu holen. Alles in Fünfzigern bitte, und keine fortlaufend nummerierten Scheine.«

Die Worte flossen zu schnell. »Warum hast du den Auftrag von Artie abgelehnt?«, fragte Nick, weil er irgendetwas sagen musste.

»Ich hab schon einen Cadillac.«

Als Nick zwei Minuten später in seinen Stripclub zurückging, war die Musik der Vierer-Combo auf der Bühne nicht annähernd so laut wie die dröhnenden Donnerschläge seines Herzens und das Rasseln seiner Lunge. Durch den Zigarettenfilter in seinem Mund versuchte er, Sauerstoff in seinen Körper zu saugen.

»Nick, du bist ganz blass. Schlechte Nachrichten?«, fragte ihn der Barkeeper.

»Alles bestens«, antwortete Nick. Als er sich auf einen Barhocker setzte, taumelte sein Kopf auf den Schultern hin und her. Seine Plattfüße waren vom hohen Blutdruck derart angeschwollen, dass er das Gefühl hatte, die Schnürsenkel seiner Schuhe könnten jeden Moment reißen.

Bevor Hackberry Holland zu Bett gegangen war, hatte er sich eine Dusche genehmigt. Die Duschkabine bot ihm einen Heil bringenden Zufluchtsort, um die Erlebnisse hinter der Kirche zu vergessen. Er wusch sich die Haare, schrubbte die Haut, bis sie rot war, und hielt sein Gesicht so lange in das heiße Wasser, bis er es nicht mehr aushielt. Trotzdem war ihm der Geruch der exhumierten Leichen in den Schlaf gefolgt, hatte ihn über den folgenden Tag hinweg bis in die neue Abenddämmerung begleitet und ihn auch nicht losgelassen, als die Dunkelheit einsetzte, Blitze in den Bergen aufzuckten und die Hupe eines Sattelschleppers auf dem weit entfernten Highway an das Signalhorn eines längst vergessenen Krieges erinnerte.

FBI-Agenten hatten den Großteil der Arbeit am Tatort erledigt. Sie hatten eine improvisierte Leichenhalle eingerichtet, Flutlichtscheinwerfer aufgestellt und Anlagen zur Satellitenkommunikation montiert. Wahrscheinlich um Kontakt mit den mexikanischen Behörden zu halten und die Vorgesetzten in D.C. über den Stand der Dinge zu unterrichten. Im Rahmen ihrer oberflächlichen Art waren die Feds nett zu ihm gewesen und hatten ihn respektvoll behandelt. Trotzdem war es offensichtlich, dass sie Hackberry als eine Art Kuriosität, wenn nicht sogar als einen unbeteiligten Zuschauer oder Zeugen wahrnahmen. Nachdem in der Morgendämmerung alle Leichen ausgegraben, in Plastiksäcke eingepackt und fortgeschafft waren und die FBI-Leute den Tatort aufräumten, kam ein Mann auf ihn zu. Er trug einen Anzug und hatte weiße Haare. Seine Wangen waren von blauroten Äderchen durchzogen. Er schüttelte Hackberrys Hand, um sich zu verabschieden, und hatte dabei ein gezwungenes Lächeln im Gesicht, das aussah, als würde er gleich eine Frage stellen wollen, die auf keinen Fall beleidigend wirken sollte.

»Ich hab gehört, Sie waren mal Anwalt bei der Bürgerrechtsunion, dieser ACLU?«, sagte er.

»Eine Zeit lang, vor vielen Jahren.«

»Ziemlich drastischer Berufswechsel, oder?«

»Nicht wirklich.«

»Eine Sache muss ich Ihnen noch sagen. Unsere Agenten haben auch Knochen gefunden, die schon sehr lange hier vergraben liegen.«

»Vielleicht noch von den Indianern«, sagte Hackberry.

»So alt sind sie nun auch wieder nicht.«

»Möglich, dass der Killer hier schon andere Mordopfer vergraben hat. Der Bulldozer wurde jedenfalls auf einem Laster hergebracht und anschließend auf die gleiche Weise wieder abtransportiert. Vielleicht handelt es sich um einen besonders organisierten Kerl.«

Hackberrys Gesprächspartner, der für die Exhumierungen verantwortliche FBI-Agent Ethan Riser, hatte nicht zugehört. »Warum sind Sie eigentlich hier draußen geblieben und haben angefangen, die Leichen allein auszugraben? Warum haben Sie das nicht schon früher gemeldet oder auf uns gewartet?«, fragte er.

»Ich war Kriegsgefangener in Korea, hab in Pak’s Palace und ein paar anderen Lagern gesessen.«

Der Agent nickte. »Tut mir leid, aber ich verstehe nicht ganz, was das mit meiner Frage zu tun hat.«

»Damals zogen sich die Flüchtlingsströme meilenweit hin. Fast alle wollten in den Süden. Unter den Flüchtenden waren auch nordkoreanische Soldaten in Zivilkleidung. Manchmal erhielten unsere F-80-Jets den Auftrag, alles niederzumähen, was sich auf der Straße befand. Wir mussten dann die Gräber ausheben. Ich glaube nicht, dass diese Geschichte jemals gemeldet wurde.«

»Wollen Sie damit sagen, dass Sie uns nicht vertrauen?«, fragte der Agent, immer noch lächelnd.

»Nein, Sir, das würde mir im Traum nicht einfallen.«

Der FBI-Mann betrachtete die sich endlos ausdehnende Umgebung, in der sich die Zweige der Mesquitebäume wie die Borten grüner Gardinen im Wind bewegten. »Was für eine Mondlandschaft hier draußen«, sagte er.

Hackberry antwortete nicht, sondern ging zu seinem Pick-up zurück. Der Schmerz einer alten Rückenverletzung zuckte durch seine Lendenwirbelsäule.

In den späten Sechzigern hatte er mal einem Freund aus Armeezeiten helfen wollen. Der Mann war ein Latino und bei einem Gewerkschaftsstreik der United Farm Workers erst zu Brei geschlagen, später dann wegen tätlichen Angriffs auf einen Polizeibeamten angezeigt worden. Zu jener Zeit hatte Hackberry täglich bereits zur Mittagsstunde eine halbe Flasche Jack Daniel’s intus und kandidierte nebenbei für einen Sitz im Kongress. Weder sein politischer Ehrgeiz noch sein Zynismus konnten die Mischung aus Schuldgefühlen, Depressionen und Selbstverachtung verbergen, die er aus einem nordkoreanischen Kriegsgefangenenlager im No Name Valley, dem Tal ohne Namen, mitgebracht hatte.

In dem Gefängnis, in dem sein Freund später ermordet wurde, lernte Hackberry eine Frau namens Rie Velásquez kennen, die ebenfalls für die United Farm Workers arbeitete. Sie veränderte sein Leben. Eigentlich hatte er gedacht, er könne den Tod seines Freundes vergessen und das Treffen mit Rie ebenfalls. Beides sollte sich als Fehleinschätzung herausstellen. Schon beim ersten Treffen spürte er eine starke Kluft zwischen sich selbst und Rie, die aber nicht durch ihre Ideale oder ihre direkte Art bedingt war. Vielmehr war es ihre fehlende Angst, die er nicht nachvollziehen konnte, und ihre Gleichgültigkeit in Bezug auf die Meinungen anderer und ihrem eigenen Schicksal gegenüber, was ihm Sorgen bereitete. Noch schlimmer war allerdings, dass sie ihm das Gefühl vermittelte, ihn zu akzeptieren, solange er nicht darauf bestand, dass sie ihn oder seine politischen Ansichten ernst nahm.

Rie war intelligent, hatte einen Universitätsabschluss und sah hinreißend aus. Hackberry nutzte jeden Vorwand, um sie sehen zu können. So besuchte er das Hauptquartier ihrer Gewerkschaft und bot ihr an, sie nach Hause zu fahren. Er versuchte, ihre radikalen Ansichten genauso zu ignorieren wie ihre linke Gesinnung, weil er unterbewusst wahrscheinlich fürchtete, dass sich sein ganzes Werte- und Glaubenssystem auflösen würde, wenn er ihre Ansichten auch nur teilweise akzeptierte. Es war die Angst, dass nur ein einzelner Faden an einem Strickpullover gelöst werden muss, um nach und nach das ganze Kleidungsstück verschwinden zu lassen. Auch dem eigentlichen Problem – der Tatsache, dass die mittellosen Arbeiter, die Rie vertrat, einen gesetzlich legitimen Anspruch hatten und sowohl von den Arbeitgebern als auch von der Polizei terrorisiert wurden, weil sie eine Gewerkschaft gründen wollten – stellte er sich nicht.

Die politische Wandlung von Hackberry Holland fand nicht auf einer Gewerkschaftsversammlung oder während des Gottesdienstes eines sympathisierenden katholischen Pfarrers statt. Er hatte auch kein mystisches Damaskuserlebnis. Ein leicht erregbarer Gesetzeshüter war es, der die Radikalisierung von Hackberry Holland bewirkte, indem er ihm mit einem Schlagstock den Schädel einschlug und ihn anschließend mit Fußtritten bearbeitete. Als Hackberry dann auf dem Betonfußboden einer Zelle im County-Gefängnis aus seiner Bewusstlosigkeit erwachte, sein Kopf nur wenige Zentimeter neben einem von Urin besudelten Abflussgitter, zweifelte er nicht mehr daran, dass es für die Berufsrevolutionäre vor den Gefängnistoren ein Kinderspiel war, entlassene Ex-Häftlinge als neue Kämpfer für ihre Sache zu rekrutieren.

Rie war vor zehn Jahren an Gebärmutterkrebs gestorben. Die gemeinsamen Zwillingssöhne hatten Texas verlassen. Einer arbeitete als Onkologe am Mayo Clinic Hospital in Phoenix, der andere war Schiffskapitän und schipperte durch die Florida Keys. So hatte Hackberry die Ranch am Guadalupe River, auf der er seine Kinder großgezogen hatte, verkauft und war runter an die Grenze gezogen. Auf die Frage, warum er die von ihm so sehr geliebte grüne Ranch aufgegeben und gegen das Leben in einer staubigen Einöde und das schlecht bezahlte Amt als Sheriff in einem County eingetauscht hatte, wo Straßen, Fußwege und Gebäude mit Hitzerissen überzogen waren, hatte Hackberry keine Antwort. Zumindest keine, die andere Leute etwas anging.

Die Wahrheit lautete, dass er nicht in einem Haus aufwachen konnte, in dem er von Dingen umgeben war, die sie berührt hatte, einem Haus, in dem der Wind durch die Vorhänge wehte und das Gefühl der Einsamkeit potenzierte, indem er den Druck der Träger und Bolzen, der Querbalken und Gipswände gegeneinander erhöhte und die Zimmer mit einer Art von Stille erfüllte, die sich anfühlte, als würde man sich die hohlen Handflächen auf die Ohren schlagen. Er konnte nicht inmitten dieser Dinge aufwachen – konnte sich nicht jeden Morgen mit dem Tod von Rie und der Abwesenheit seiner Kinder, die vor seinem geistigen Auge immer noch kleine Jungs waren, auseinandersetzen –, ohne dabei das Gefühl zu haben, dass er auf schreckliche Weise beraubt worden war und dass dieser Raub eine Wunde in seinem Herzen hinterlassen hatte, die nie wieder heilen würde.

Ein Baptistenprediger hatte Hackberry einmal gefragt, ob er wegen seines Verlusts einen Groll gegen Gott hege.

»Gott hat den Tod nicht erfunden«, hatte Hackberry geantwortet.

»Wer dann?«

»Krebs ist eine Krankheit, die das Industriezeitalter hervorgebracht hat.«

»Ich denke, Sie sind ein wütender Mann, Hack. Ich denke, Sie müssen loslassen. Ich denke, dass Sie das Leben, das Ihre Frau gelebt hat, zelebrieren müssen, anstatt über Dinge zu trauern, die Sie nicht ändern können.«

Und ich denke, dass Sie Ihre Ratschläge für sich behalten sollten, hatte Hackberry gedacht, die Worte aber nicht ausgesprochen.

Er saß unter den langsam verblassenden Sternen im blauen Licht der Morgendämmerung auf seiner Veranda und versuchte zu frühstücken, ohne dabei über die Träume der vergangenen Nacht nachzudenken. »Träume« war eigentlich nicht das richtige Wort. Träume hatten eine Abfolge, es gab Handlungen, Bewegungen und Stimmen in ihnen. Alles, woran sich Hackberry jedoch erinnern konnte, wenn er die Augen öffnete, um in die kahle Dunkelheit seines Schlafzimmers zu starren, waren die schrecklichen Wunden in den Körpern der neun Frauen und Mädchen, die ein Bulldozer hinter jener Kirche vergraben hatte. Wie viele Menschen hatten eine Vorstellung davon, was ein Geschoss vom Kaliber .45 mit menschlichem Gewebe und Knochen anstellte? Wie viele Menschen hatten schon mal gesehen, wie ein Gesicht, ein Schädel oder ein Brustkorb aussahen, wenn sie von einer Maschinenpistolensalve dieses Kalibers getroffen wurden?

Von Süden wehte ein leichter Wind. Das St.-Augustine-Gras vor seinem Haus war trocken und steif, erstrahlte im Licht der Morgendämmerung aber in blassgrünen Tönen. Auch die vielen verschiedenen Blumen in seinem Garten waren vom Morgentau benetzt und glitzerten in der noch schwachen Sonne. Er wollte nicht an die Frauen denken, die man hinter der Kirche verscharrt hatte. Nein, das stimmte nicht ganz. Er wollte nicht über ihre Angst und die grenzenlose Hilflosigkeit nachdenken, die sie befallen hatte, bevor sie sich in einer Reihe aufstellen mussten und ermordet wurden. Er wollte nicht über diese Dinge grübeln, weil er sie selbst schon einmal erlebt hatte, als er mit anderen Kriegsgefangenen bei frostigen Temperaturen auf einem schneebedeckten Fleckchen antreten musste, um darauf zu warten, dass ein chinesischer Wachmann das Magazin seiner Maschinenpistole aus nächster Nähe in ihre Gesichter und Brustkörbe pumpen würde. Da der Blutdurst der Henker allerdings sehr sprunghaft gewesen war, hatte man Hackberry an diesem Tag verschont und stattdessen dazu gezwungen, dem Gemetzel zuzusehen. Nicht selten hatte er sich später gewünscht, in der Reihe der Todgeweihten gestanden zu haben.

Er war überzeugt, dass ein letzter Blick des Opfers in die Augen des Vollstreckers sehr wahrscheinlich das schlimmste Schicksal war, das einen Menschen ereilen konnte. Ein derartiger Abschiedsblick, direkt in das Antlitz des Bösen, war in der Lage, nicht nur jegliche Hoffnung, sondern auch sämtliches Vertrauen in die Menschheit zu zerstören. Er wollte nicht mit den guten Seelen streiten, die daran glaubten, dass wir alle von unseren armen, nackten, unbeholfenen Vorfahren im Garten Eden abstammen, die, von Stolz oder Neugier getrieben, gesündigt und die verbotenen Früchte gegessen hatten. Vor langer Zeit schon war er zu der Erkenntnis gekommen, dass gewisse Taten seiner Mitmenschen Beweis genug dafür waren, dass eben nicht alle Menschen von denselben Vorfahren abstammten.

So krude sie auch anmuten mochten – das waren die durch traumlosen Schlaf bedingten Gedanken, mit denen sich Hackberry oftmals beim ersten Tageslicht auseinandersetzen musste.

Er trank den Kaffee in seiner Tasse aus, deckte den Teller mit einem Stück Wachspapier ab und stellte ihn in eine Frischhaltebox. Dann setzte er sich in seinen Pick-up, fuhr rückwärts aus der Einfahrt und machte sich über die zweispurige County-Straße auf den Weg zur Arbeit. Das Klingeln des Telefons in seinem Haus hörte er nicht mehr.

In der Stadt angekommen, parkte er hinter dem Gebäude, das Gefängnis und Sheriffbüro zugleich war und ihm und seinen Kollegen als Hauptquartier diente. Er ging durch die Hintertür hinein. Seine Stellvertreterin Pam Tibbs war schon an ihrem Schreibtisch zugange. Sie trug eine Jeanshose, Cowboystiefel sowie ein kurzärmliges Kakihemd und einen Pistolengürtel samt Halfter. Ihr Gesicht war ausdruckslos. Sie hatte mahagonifarbenes, an den Spitzen lockiges Haar, das hier und da graue Stellen aufwies, die sie nicht färbte. Ihre Augen hatten etwas Rätselhaftes an sich: Sie konnten von einer Sekunde auf die andere vor Güte, Wärme oder angestrengter Grübelei aufleuchten. Was der tatsächliche Grund für das Leuchten in ihren Augen war, wusste allerdings niemand so genau. Sie hatte früher als Streifenpolizistin in Abilene und Galveston gearbeitet und war erst vor vier Jahren zu Hackberrys Team gestoßen, um näher bei ihrer Mutter zu sein, die damals im örtlichen Hospiz lag. Pam hatte per Abendschule einen Abschluss an der University of Houston gemacht, sprach aber selten über ihren beruflichen Werdegang oder ihr Privatleben und gab anderen zudem das Gefühl, besser nicht danach zu fragen. Hackberry hatte sie vor nicht allzu langer Zeit als seine Stellvertreterin in den Rang des Chief Deputy befördert, was nicht bei allen Kollegen auf Zustimmung gestoßen war.

»Guten Morgen«, sagte Hackberry.

Pam schaute ihm in die Augen, antwortete aber nicht.

»Stimmt was nicht?«, erkundigte er sich.

»Ein Typ namens Clawson von der Einwanderungs- und Zollbehörde war hier. Seine Karte liegt auf deinem Schreibtisch.«

»Was wollte er?«

»Höchstwahrscheinlich deinen Arsch.«

»Wie bitte?«

»Er wollte wissen, warum du draußen bei der Kirche nicht sofort Unterstützung angefordert hast«, antwortete sie.

»Das hat er dich gefragt?«

»Ja. Dachte wahrscheinlich, dass ich hier die Revierpetze bin.«

»Was hast du ihm geantwortet?«

»Dass er sich verziehen soll.«

Hackberry ging in Richtung seines Büros. Durch das Fenster sah er die Fahne, die am Mast im Vorgarten flatterte, die Sonne hinter den Wolken, die keinen Regen verhießen, und die Staubwolke, die der Wind durch die Straßenzüge mit den Stein- und Putzfassaden trieb, von denen alle aus der Zeit vor den 1920ern stammten.

»Ich hab gehört, wie er draußen am Handy geredet hat«, sagte Pam zu Hackberry, der ihr bereits den Rücken zugewandt hatte.

Als er sich umdrehte, fixierte sie seine Augen und biss sich auf die Unterlippe.

»Na los, spuck schon aus, was du gehört hast.«

»Der Typ ist ein Arschloch«, antwortete sie.

»Ich weiß nicht, wer schlimmer ist, du oder Maydeen. Kannst du nicht versuchen, diese Kraftausdrücke während der Arbeitszeit für dich zu behalten?«

»Okay, okay, okay. Von dem, was ich mitbekommen habe, hörte es sich so an, als würden sie den Zeugen kennen, der die Schüsse gemeldet hat. Sie glauben, dass du seine Identität kennst und ihn beschützt.«

»Warum sollte ich jemanden schützen, der 911 gewählt hat?«

»Hast du einen Cousin namens William Robert Holland?«

»Ja. Was ist mit ihm?«

»Ich hab nur gehört, wie Clawson seinen Namen erwähnte. Irgendwie schien es so, als wäre er ein Verwandter von dir und würde den Anrufer kennen. Mehr hab ich leider nicht verstanden.«

»Bleib in der Nähe«, meinte Hackberry und ging in sein Büro, wo er die Visitenkarte des ICE-Agenten auf seiner Schreibunterlage fand. Am oberen Rand der Karte war per Hand eine Mobilfunknummer mit der Vorwahl 713 für Houston vermerkt. Er griff sich das Telefon auf seinem Schreibtisch und wählte die Nummer.

»Clawson«, meldete sich eine Männerstimme.

»Sheriff Holland hier. Tut mir leid, dass ich Sie heute Morgen verpasst habe. Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Ich hab’s auch bei Ihnen zu Hause versucht, aber der Anrufbeantworter war ausgeschaltet.«

»Ja, hin und wieder spinnt das Ding. Worüber wollten Sie mit mir sprechen?«

»Über die beachtliche Zeitspanne zwischen der Entdeckung der Leichen hinter der Kirche und Ihrem Anruf bei der Zentrale. Können Sie mir das vielleicht erklären?«

»Ich bin mir nicht sicher, was genau Ihre Frage ist.«

»Wollten Sie die Leichen allein ausbuddeln?«

»Wir sind dünn besetzt.«

»Sind Sie verwandt mit einem ehemaligen Texas Ranger namens …«

»Billy Bob Holland? Ja. Er ist Anwalt. Ich auch, aber ich praktiziere nicht mehr.«

»Das ist wirklich interessant, Sheriff Holland. Ich denke, wir sollten uns mal unterhalten. Ich mag es nämlich ganz und gar nicht, erst dann zu einem Tatort gerufen zu werden, wenn die lokalen Gesetzeshüter schon stundenlang kreuz und quer über den Ort des Geschehens getrampelt sind.«

»Warum interessiert sich die ICE für eine Morduntersuchung?«, fragte Hackberry. Er konnte das Rasseln der Kette am Fahnenmast und das blecherne Klappern eines umgestoßenen Mülleimers auf der Straße hören. »Kennen Sie die Identität des Kerls, der die Schüsse gemeldet hat?«

»Darüber kann ich im Moment nicht mit Ihnen sprechen.«

»Entschuldigen Sie, Sir, aber ein Gespräch ist kein Monolog, bei dem andere Menschen Ihre Fragen beantworten. Ich weiß nicht, was das bringen soll. Und lassen Sie bitte in Zukunft meine Deputies zufrieden.«

»Was haben Sie da gerade gesagt?«

Hackberry legte den Hörer auf und ging zurück in das Großraumbüro. Als Pam von ihrem Papierkram aufschaute, erhellten ein paar Sonnenstrahlen ihre Züge. Ihre dunkelbraunen Augen leuchteten und schauten erwartungsvoll in sein Gesicht.

»Du fährst«, sagte er.

Die Luft war stickig und warm, als Pam den Streifenwagen an der verlassenen Pure-Oil-Tankstelle gegenüber der alten Kirchenruine parkte. Hackberry stieg auf der Beifahrerseite aus und schaute sich die Telefonzelle am Straßenrand an. Die transparenten Plastikwände waren mit Graffiti überzogen, den Telefonapparat selbst hatte man abmontiert. Die Sonne hatte sich hinter einer Wolke verkrochen, und die Berge waren so dunkel wie ein schlimmer Bluterguss.

»Hat das FBI den Apparat mitgenommen?«, fragte Pam.

»Ja. Die werden die Box und alle Münzen auf verwertbare Fingerabdrücke untersuchen … und uns natürlich keinerlei Informationen dazu geben.«

»Wem gehört eigentlich das Land hinter der Kirche?«

»Einem Konsortium in Delaware. Die haben es von den Besitzern der Insektizidfabrik gekauft, nachdem man das Gelände von Sondermüll gesäubert hatte. Ich glaube allerdings nicht, dass sie irgendwas mit der Angelegenheit zu tun haben.«

»Woher hatten die Täter den Bulldozer, um die Leichen zu begraben? Sie müssen sich in der Gegend auskennen. Gab es keine Abdrücke auf den Patronenhülsen?«

»Nein.«

»Warum tötet jemand all diese Frauen? Was für ein Bastard tut so etwas Schreckliches?«

»Der Zeitungsverkäufer an der Ecke, der Mann von der Post … es könnte jeder gewesen sein.«

Die Sonne kam wieder hinter den Wolken hervor und überflutete die Landschaft mit tanzenden Lichtstrahlen. Pams Stirn war feucht vom Schweiß, ihre Haut braun und von winzigen Falten überzogen. An den Rändern ihrer Augen verliefen dünne weiße Linien. Aus irgendeinem Grund sah sie in diesem Moment älter aus, als sie eigentlich war. »Das glaub ich einfach nicht.«

»Was glaubst du nicht?«

»Dass Massenmörder mitten unter uns leben, ohne jemals bemerkt zu werden. Dass sie wie normale Menschen wirken sollen und nur ein paar lockere Schrauben zu viel im Oberstübchen haben. Ich denke, solche Typen laufen mit neonfarbenen Warnschildern um den Hals durch die Gegend. Wir weigern uns bloß, genau hinzusehen.«

Hackberry blickte ihr ins Gesicht. Es war ohne Ausdruck. In Momenten wie diesem, wenn ihre Stimme immer lauter und ihre Worte immer schärfer wurden, blieb er meist stumm und schaute sie ehrfürchtig an. »Fertig?«, fragte er.

»Jawohl, Sir«, antwortete sie.

Sie streiften sich Plastikhandschuhe über und liefen beide Seiten der Straße ab, um zwischen Gras und Kies, leeren Schnupftabakdosen und Papiermüll, Glasscherben und benutzten Kondomen, Bierdosen, Wein- und Whiskyflaschen nach irgendetwas Verwertbarem zu suchen. Als sie eine Viertelmeile von der Telefonzelle entfernt waren, tauschten sie die Seiten und kehrten zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Danach folgte das gleiche Prozedere in die andere Richtung. In einer grasbewachsenen Kuhle neben der Straße fand Pam eine flache Glasflasche ohne Etikett. Sie steckte den Zeigefinger in die Öffnung und schüttelte die Flasche leicht hin und her. »Der Wurm ist noch drin«, rief sie Hackberry zu.

»Hast du diese Flaschenform schon mal irgendwo gesehen?«, fragte er.

»Draußen in der Spelunke von Ouzel Flagler vielleicht. Ouzel mag es simpel. Keine Steueretiketten oder Labels, um sich den Papierkram zu sparen«, antwortete sie und verstaute die Flasche in einer Beweismitteltüte.

Ouzel Flagler betrieb eine Bar ohne Ausschanklizenz in einer Bretterhütte neben seinem Haus, einem Mauerstein-Bungalow aus den Zwanzigerjahren. Der Bungalow hatte sich auf der einen Seite beträchtlich abgesenkt, sodass nun ein Riss durch die Mitte der Fassade verlief. Die großen Fenster links und rechts neben der Veranda sahen dadurch aus wie die schielenden Augen eines Mannes, der auf die Straße starrt. Hinter dem Haus verlief ein breiter Arroyo – ein für Südtexas typisches Flussbett, das nur nach starken Regenfällen Wasser führt. An der erodierten Uferböschung trat eine gelbe Gesteinsschicht zutage. Der Arroyo ergoss sich in ein weites Flachland, das in der Hitze schimmerte und in der Ferne von lilafarbenen Bergen begrenzt wurde. Das gesamte Grundstück war mit aussortierten Baufahrzeugen und alten Lastkraftwagen übersät, die er von Gott weiß woher anschleppte und weder reparierte noch verkaufte. Warum er hektarweise vor sich hin rostenden Fahrzeugschrott zwischen den Kreosotbüschen ansammelte, wusste niemand so genau.

Seine klapprigen Langhornrinder hatten Triefaugen und spitze Rippen, die wie Radspeichen an ihren Flanken herausstachen. Ihre Nüstern, Ohren und Hinterteile wurden von Moskitoschwärmen belagert. In dem größtenteils umgekippten und ziemlich löchrigen Drahtzaun, der zwischen den Pfählen aus Zedernholz verlief, verfingen sich regelmäßig Rehe und Kojoten. Ouzels Mezcal stammte sehr wahrscheinlich aus Mexiko und wurde wohl über den Arroyo hinter seinem Haus angeliefert. Man war sich zwar nicht sicher, aber so wirklich interessierte es auch niemanden. Der Fusel war billig und konnte ein Pferd umhauen. Und in den letzten paar Jahren war niemand daran gestorben.

Die Sache mit dem Crystal Meth, das über seinen Grund und Boden transportiert wurde, war eine gänzlich andere Angelegenheit. Die Nachbarn, die Ouzel wohlgesinnt waren, ermahnten ihn, dass er sich mit dem Teufel eingelassen hatte, als er in das Geschäft mit dem illegalen Mezcal eingestiegen war. Sie glaubten, dass seine neuen Geschäftspartner erbarmungslose Killer waren und Ouzel tief in den Bauch der Bestie hinabgezogen hatten. Aber das war sein Problem, nicht das ihre.

Ouzel stand hinter der Fliegengittertür der Bretterbude und linste nach draußen. Er trug ein dem Ort und der Zeit völlig unangemessenes weißes Anzughemd mit Puffärmeln, einen Schlips mit Sternenbanner-Muster und eine Bügelfaltenhose. Sein Aufzug war eine jämmerliche Tarnung für seinen wahren Zustand. Er hatte einen beträchtlichen Schmerbauch und schmale Schultern. An Hals und Brust traten lilafarbene Gefäßknoten an der Hautoberfläche hervor, die durch das Winiwarter-Buerger-Syndrom verursacht wurden und ihn wie einen Geier aussehen ließen, der in grotesker Körperhaltung auf einem Ast hockt.

Als der Streifenwagen hielt, löste sich eine Staubwolke vom Fahrzeug und landete auf dem Fliegengitter. Ouzel trat aus der Bretterbude ins Freie und setzte ein gezwungenes Lächeln auf. Er hoffte, das Gespräch draußen in der Sonne führen zu können, da er noch nicht dazu gekommen war, drinnen die Flaschen der letzten Nacht wegzuräumen.

»Wir brauchen deine Hilfe, Ouzel«, sagte Hackberry.