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Zwischen Ruhm und Rückschlägen – Die Geschichte eines deutschen Tennisidols Mit siebzehn Jahren sorgt Boris Becker mit seinem Wimbledon-Sieg für den Urknall in Tennis-Deutschland. Ganz Deutschland projiziert in seine blauen Augen die Sehnsüchte einer Generation. Ein Held mit blutigen Knien und den bedeutendsten Sporttrophäen in der Hand. Schon bald ist er der ganzen Welt ein Begriff. Doch auf die großen Erfolge folgten auch Rückschläge und persönliche Niederlagen. Ob Steuerhinterziehung oder die spätere Privatinsolvenz – Becker spaltete die deutsche Öffentlichkeit. Und kam immer wieder zurück, wenn niemand mehr mit ihm rechnete. Heute ist er wieder ganz dick im Tennisgeschäft, nicht nur als Kommentator bei den großen Turnieren, sondern auch als Trainer und Berater an der Seite der großen Tennistalente, u.a. von Novak Djokovic. • Die Biografie von einem der größten deutschen Sportler • Besondere Einblicke und O-Töne vieler Weggefährten • Mit ausgewählten Bildern aus dem Leben von Boris Becker Dieses Buch handelt von eben jener Geschichte eines gefallenen Stars, der immer wieder aufstand, von seinem Charakter und persönlichem Antrieb. Es kommen aber auch Jugendfreunde und Förderer, Trainer sowie Profi-Kollegen zu Wort, die einen Blick hinter die Fassade ermöglichen.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Daniel Müksch
Immer wieder aufstehen
Daniel Müksch
Immer wieder aufstehen
VERLAG DIE WERKSTATT
Vorwort
Prolog
FIRST SET
Tag für Tag in die „Jugo-Schule“
Es war einmal in Biberach
Dann macht es „Mama Güntzi“ halt
Der Urknall
SECOND SET
Mach’s noch einmal Bobbele – Unstoppable Bum-Bum
Mentalitätsmonster? Jahrhunderttalent? Oder nur hochsensibel?
21 magische Tage im Oktober 1986
Keine Lust mehr auf „Mama Güntzi“
Australische Sehnsucht und schwedische Träume
1991: Ganz oben und der Feind in meinem Wohnzimmer
Die große Liebe und eine goldene Zweckgemeinschaft
Hilfe aus Österreich
Schmutzige Rache, Hochzeitsglocken und der neue Boris ohne Ion
THIRD SET
Der lange Abschied
Vom Center Court in die „Besenkammer“
Wie war es, gegen Boris Becker zu spielen?
Die heile Welt zerfällt
Gute Freunde – schlechte Freunde
Mallorquinisches Kartenhaus
Von der Fliegenklatsche zur Wiederauferstehung
Dunkle Wolken, ein satter „Djoker“ und ein Tennis-Guru
FOURTH SET
Verzockt
The Last Dance
FIFTH SET
Jenseits von Afrika. Dolce Vita. Und ein dänischer Rotzlöffel
… und es werde Licht
Die Glaskugel
Zeit, Danke zu sagen
Zum Autor
Für Justus, Josefine und Carl
Alf oder Boris Becker? Das ist die Frage an diesem sonnigen Juni-Tag, der 22. im Jahr 1992. Im ZDF läuft in wenigen Minuten die neue „Alf“-Folge. Auf diese US-Sitcom können meine Uroma Lissi, zu diesem Zeitpunkt stolze 86 Jahre alt, und ich uns eigentlich immer einigen. Als 11-Jähriger finde ich es traumhaft, wenn der knuffige Außerirdische vom Planeten Melmac mit seinen kurzen Beinen über den Bildschirm flitzt und das Leben der Familie Tanner in einem Vorort von Los Angeles auf den Kopf stellt. Meine Uroma findet es traumhaft, Zeit mit ihrem Urenkel zu verbringen – das hoffe ich jedenfalls – und dieses orange Etwas aus dem All hat es ihr allerdings auch angetan. Ich liege dann in der Regel auf dem Boden direkt vor dem Fernseher. Natürlich viel zu nah am Bildschirm, finden meine Eltern. Wenn meine Mutter durch das Zimmer läuft, höre ich nur: „Nicht zu nah am Fernsehen. Das ist schlecht für deine Augen!“ Uroma Lissi ist das egal. Sie sitzt schräg hinter mir in ihren beigegrauen Stoffsessel vertieft. Manchmal ist sie so vertieft in ihren Sessel, dass ich nur ein leises Schnarchen von hinten höre. Doch an diesem Tag, an diesem sonnigen Montag, ist sie hellwach. Und nervös. Bis heute habe ich keinen blassen Schimmer, woher sie es weiß, aber kurz nach dem „Alf“-Vorspann fragt sie: „Spielt heute nicht der Boris?“
Ja, der Boris spielt heute. Erste Runde in Wimbledon. Gegen den Italiener Omar Camporese.
Zunächst denke ich, sie will sich bei mir einschleimen. Sie weiß schließlich nur allzu gut, wie wichtig ihrem Urenkel Tennis ist. Jedes Mal, wenn ich mit meiner Mutter aus unserem winzigen Dorf Eitra zu ihr in das nicht ganz so winzige Dorf Lispenhausen in Osthessen fahre, ist mein Tennisschläger dabei. Stundenlang schlage ich Bälle gegen das Tor der Werkstatthalle meines Opas auf dem Hof. Wenn nicht gerade „Alf“ im Fernsehen läuft.
Gegen Boris Becker hat Alf-Protagonist Gordon Shumway heute allerdings keine Chance. Lissi und ich schalten ein bisschen umher, suchen den übertragenden Sender. 1992 dauert das nicht so lange. Die Auswahl an Fernsehsendern ist begrenzt. Wir werden fündig. RTL, Sendeplatz acht. Hier schlägt Boris Becker gegen Omar Camporese auf. Und jetzt sind meine Uroma und ich live dabei. Wir sagen nicht viel – und wenn, dann brummelt meine Oma ein bisschen vor sich hin. An einen Satz kann mich aber noch erinnern: „Das sieht so einfach aus …“
Boris erledigt seine Pflichtaufgabe gegen Camporese an diesem Tag ohne Probleme. Mit 7:5, 6:3, 7:5 zieht er in die nächste Runde ein. Zugegeben: Das Ergebnis hatte ich nicht mehr im Kopf. Ich musste es nachschauen. Etwas anderes ist mir aber noch sehr präsent. Als Boris mit 2:0-Sätzen führt und alles auf einen Sieg des Deutschen hinausläuft, fragt mich meine Uroma Lissi: „Junge, hast du wieder deinen Tennisschläger dabei?“ „Klar, der liegt vorne. Direkt neben der Halle.“
Nach dem Boris-Spiel schaffen wir es sogar noch für eine paar Minuten, uns der neuen „Alf“-Folge zu widmen. „Parasit mit Puderquaste“ – eine traumhafte Folge. Auch das musste ich nachschauen. Als ich allerdings wieder mal kurz in die Folge hineingesehen habe, wie Alf als Kosmetik-Vertreter die klamme Haushaltskasse der Tanners aufbessern möchte, war es binnen Sekunden um mich geschehen. Er kriegt mich halt immer wieder, dieser kleine Außerirdische. Doch das ist eine andere Geschichte.
In Lispenhausen suchen meine Mutter, meine Schwester und ich im Juni 1992 unseren Kram zusammen. Ab nach Hause. Zurück nach Eitra, gut 20 Kilometer von Lispenhausen entfernt. Aber was ist dieser dumpfe, immer wiederkehrende Knall? Bum. Bum. Pause. Dann wieder. Bum. Bum. Pause. Bum. Bum.
Das kommt doch von draußen. Von der Halle. Meine Schwester und ich laufen raus und sehen unsere Uroma Lissi. Sie steht mit dem Schläger vor dem Tor der Werkstatthalle auf dem Hof und versucht, den Ball gegen das Tor zu schlagen. Mehr als zweimal nacheinander trifft sie den Ball jedoch nicht. Als sie meine Schwester und mich sieht, sagt sie direkt zu uns: „Das gibt es doch nicht! Beim Boris sieht das so einfach aus!“ Meine Mutter kommt mit dem Autoschlüssel in der Hand dazu und ist sicher: Jetzt ist Lissi endgültig verrückt geworden! Ich dagegen bin begeistert. Eine Uroma, die „Alf“ schaut und danach mit 86 Jahren zum ersten Mal den Tennisschläger schwingt.
Dieser Tag sagt viel über meine Uroma Lissi aus. Aber dieser Tag sagt auch viel über den Tennisspieler Boris Becker aus. Über seine Größe. Seine Bedeutung. Seine Wirkung. Auf die Tenniswelt. Ein ganzes Land. Und eine 86-jährige Frau in Lispenhausen – und ihren Urenkel.
In den nächsten Jahren begegnet mir Boris Becker immer wieder. Nicht nur im Fernsehen. Meine Uroma hat ja recht. Tennis ist mir in der Tat sehr wichtig. Ich spiele nicht nur gegen das Tor der Werkstatthalle in Lispenhausen. Anfang der 90er-Jahre trainiere ich bereits mehrfach die Woche und spiele einige Turniere. Zunächst hauptsächlich auf regionaler Ebene. Und mit den Jahren werden die Turniere größer. Aus Kreismeisterschaften werden Bezirksmeisterschaften sowie daraufhin Hessische Meisterschaften. Dort laufen mir dann auf den Turnieren andere Talente wie Rainer Schüttler oder Andrea Petkovic über den Weg. Es sind die Jahre, in denen der DaimlerChrysler-Konzern sehr aktiv ist im deutschen Jugendtennis. 1997 ruft der Autohersteller gemeinsam mit Boris Becker das Mercedes Junior Team ins Leben. Mit dem wenig zurückhaltenden Ziel, den neuen Boris Becker zu finden. Die Karriere Beckers neigt sich da mit 30 Jahren so langsam dem Ende entgegen. Zu aufwendig für seinen Körper war seine Spielweise. Daher braucht Tennis-Deutschland Nachschub. Einen neuen Boris. Jährlich 1,5 Mio. Mark investiert der Automobilkonzern. Hauptamtliche Betreuer sind der ehemalige Frauen-Bundestrainer Klaus Hofsäss und der bayrische Verbandstrainer Klaus Langenbach.
Anfangs ist man sich nicht ganz im Klaren, wie groß man das Mercedes Junior Team anlegen will. Wie viele Talente man darin aufnehmen soll. Einig ist man sich dagegen, dass es nur eine männliche Variante des Teams geben wird. Daher erhalten auserwählte (männliche) Nachwuchsspieler die Möglichkeit, an Turnieren teilzunehmen, bei denen man sich für das Junior Team qualifizieren kann. Und bei einigen Veranstaltungen ist auch Boris Becker vor Ort. Auch bei einem Sichtungsturnier, an dem ich teilnehmen darf. Man kommt ihm dabei zwar nicht besonders nahe, aber mir reicht es schon, dass es vielleicht sogar mit ein bisschen Glück so war, dass Boris ein paar Schläge von mir beobachtet hat.
Schnell wird jedoch klar, dass es für mich nicht reichen wird, da das Mercedes Junior Team doch klein gehalten werden soll und lediglich einem sehr elitären Kreis vorbehalten bleibt. Mit dem 20-jährigen Nicolas Kiefer und dem 22 Jahre alten Alex Radulescu sind gar zwei Spieler dabei, die den Talentstatus streng genommen schon überwunden haben und bereits Erfahrungen auf der ATP-Tour sammeln konnten. Dazu kommen mit Björn Phau, Boris Bachert und Daniel Leßke noch drei jüngere Spieler. Wirklich eine kleine illustre Runde. Jedenfalls ist kein Platz mehr für mich.
Aber immerhin konnte ich Boris Becker mal etwas näher sehen – ist ja auch schon mal was. Aber bald komme ich ihm richtig nahe. Der Sparkasse Bad Hersfeld-Rotenburg sei Dank.
Es ist das Jahr 1998. Für das ATP-Turnier in Halle (Westfalen) hat mein Vater als Leiter der Innenrevision der Sparkasse unserer Kleinstadt Karten von seinem Chef bekommen. Der wusste, dass der Sohn seines Kollegen tennisverrückt ist. Also setzen Vater und Sohn sich ins Auto Richtung Halle.
Die Karten haben es in sich: Es ist die Rundum-sorglos-Behandlung. Mit Parkplatz direkt vor der Anlage, Bändchen für das Zelt der VIP-Gäste und einem Gourmet-Buffet, das keine Wünsche offenlässt. Es ist auch das erste Mal, das ich merke: So richtig viel mit Sport hat so manche Sportveranstaltung nicht zu tun.
Ebenfalls im Paket enthalten: Logen-Plätze auf dem Center-Court des Gerry-Weber-Stadions. Auf dem Rasen kämpft an jenem Tag der Deutsche Marc-Kevin Goellner gegen den Tschechen Petr Korda um Weltranglisten-Punkte. Doch das wird schnell zur Nebensache. Plötzlich merke ich, wie das Publikum unruhig wird. Um uns herum bauen sich drei Bodyguards auf. Beim nächsten Seitenwechsel ist es so weit.
Boris Becker marschiert in die Arena. Er setzt sich direkt in die Box neben uns. Der Schiedsrichter versucht, das Publikum zu beruhigen. Bittet mehrmals um Ruhe, damit Goellner und Korda weiterspielen können – vergeblich. Von der Tribüne schreit plötzlich eine Frau, dass ihre kleine Tochter an Leukämie erkrankt sei und nur einmal noch Boris Becker treffen wolle. Boris verzieht keine Miene. Ich bekomme aber mit, wie er einen der Bodyguards zu sich zieht und ihm sagt, er solle die Frau zum VIP-Zelt bringen.
Nach ein paar Spielen will Boris schon wieder gehen und den Center Court verlassen. Aber auch das ist nicht so einfach. Er muss seinen Begleitern zeitig Bescheid geben, dass er den Platz verlassen will, damit er auch gehen darf. Es dauert mindestens 20 Minuten, bis er von der Security grünes Licht erhält und den Platz verlassen darf.
Vorher schlägt aber noch meine große Stunde. Ich will noch ein Autogramm von Boris. Ich habe aber nie im Leben damit gerechnet, Boris so nahezukommen. Er spielte ja selbst noch mit im Turnier, ist aber in der ersten Runde bereits ausgeschieden. Worauf soll er nun unterschreiben?
Als Boris aufsteht, schnappe ich mir meine Eintrittskarte und reiche sie ihm. Ohne Stift. Den hat aber einer seiner Bodyguards in seiner Tasche. Er reicht ihn Boris, der unterschreibt, und diese Karte hängt fortan noch jahrelang bei meinen Eltern. Zunächst in meinem Zimmer, später bei meinem Vater im Büro.
Danach verliere ich Boris Becker für einige Jahre aus den Augen. Er beendet seine Karriere und entschließt sich, für einige Jahre fast ausschließlich im Boulevard aufzutauchen. Besenkammer, Scheidung, Steuerprozess: Der Start in das neue Jahrtausend ist für Boris Becker wenig schmeichelhaft. Boris verschwindet kurz aus meinem Leben, der Sport bleibt. Für Reichtum, Ruhm und Ehre ein Leben lang reicht es bei mir zwar nicht, dennoch hoffe ich, irgendwie im Sport arbeiten zu können und studiere Sportwissenschaften in Göttingen. Schritt für Schritt wage ich mich in den Journalismus und erfahre schnell, hier wird mich Boris Becker wieder beschäftigen. Die Kombination aus sportlicher Größe, skurrilen Geschichten und tragischen Abstürzen bieten sonst wenige deutsche Stars – erst recht im Sport. Nun kann man darüber streiten, ob Boris Becker oder der siebenfache Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher sportlich einen größeren Fußabdruck hinterlassen hat, aber unstrittig sollte sein, dass Boris mit mehr Konstanz und Frequenz die Titelseiten gefüllt hat.
Für das Nachrichtenmagazin „Focus“ treffe ich Boris zu mehreren Interviews. Es ist die Zeit, in der zur Absprache vorab gehört, dass Boulevard-Themen außen vor bleiben. Ein Interview mit ihm im Jahr 2010 ist mir besonders in Erinnerung. „Hotel de Rome“ in Berlin. Sein damaliger Berater Peter Lauterbach hat für uns ein Separee in der Bar geblockt.
Es ist ein angenehmes Gespräch. Boris gefällt es, dass er mit jemanden spricht, der auch etwas von Tennis versteht. Er erklärt mir, warum sich die Generation nach ihm so schwertut. Besonders die deutsche. Tommy Haas und Nicolas Kiefer deuten in diesen Jahren immer wieder an, dass sie alle Schläge draufhaben, um ganz nach oben zu kommen. Beide rangieren zwischenzeitlich auf Platz zwei der Weltrangliste. Für ganz oben und die ganz großen Titel reicht es allerdings nicht.
Doch auch in dem Separee im „Hotel de Rome“ fallen mir die Nebengeräusche auf, die es auslöst, Boris Becker zu sein. Boris füllt auch aus der Nische den Raum, ist der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Drei Frauen laufen immer wieder an uns vorbei. Zwei stecken ihm einen Zettel zu. Darauf steht nichts außer einer Handynummer. Boris gibt sich cool. Das wäre normal, würde ständig passieren. Inzwischen hätte er aber kein Interesse mehr an solchen Angeboten. Schließlich hat er auch vor gut einem Jahr seine zweite Frau Lilly geheiratet.
Wir verabschieden uns freundlich. Ich bleibe noch kurz und checke aufgeregt, ob die Aufnahme auch funktioniert hat. Es gibt nichts Schlimmeres, als nach einem Interview festzustellen, dass nichts von dem Gespräch seinen Weg zum Aufnahmegerät gefunden hat. Hat es aber diesmal. Beim Verlassen der Bar schaue ich noch einmal ins Rund, und wen sehe ich da? Boris beim angeregten Plausch mit zwei der um ihn herumscharwenzelnden Damen. Alle drei mit einem Glas Champagner in der Hand. Der Schlagzeilen-Lieferant ist ständig im Einsatz.
In seiner Funktion als Academy Member der Laureus Sports Awards treffe ich ihn in den nächsten Jahren immer wieder. Kein leichtes Unterfangen. Abermals sind keine privaten Fragen erwünscht, ich arbeite inzwischen allerdings für „Bunte“, und das Boulevard-Magazin aus München interessiert eigentlich nur private Fragen. Persönlich und als Tennis-Fan habe ich jedoch durchaus sportliche Fragen an Boris. Wir befinden uns in der Phase, in der er als Trainer den serbischen Superstar Novak Djokovic übernimmt. Eine von den meisten nicht für möglich gehaltene Erfolgsgeschichte. So plaudere ich mit Boris über seine Arbeit mit dem „Djoker“, finde es superspannend und aufschlussreich, muss meiner Chefredakteurin allerdings schon bald erklären, warum er nichts zu angeblichen Eheproblemen, Pleitegerüchten und dem Dauerstreit mit Oliver Pocher gesagt hat.
Als ich den Boulevard verlasse, kann ich mich den Themen über Boris Becker widmen, die mich wirklich interessieren. Für Podcasts, Artikel und Interviewrunden spreche ich mit zahlreichen langjährigen Freunden, die Boris zum Teil vom ersten Tag seines Tennislebens an begleitet haben. Genauso berichten mir Ex-Trainer, Verbandsfunktionäre, Profikollegen und Teamkameraden, was das Talent Boris Becker so besonders macht, warum es am Anfang allerdings auch gar nicht so einfach zu erkennen war und wie es zu Fehleinschätzungen seines Potenzials kommen konnte – zumindest aus heutiger Sicht. Es sind meist wohlwollende Gespräche, in denen die Augen meines Gegenübers leuchten, wenn sie über Boris Becker als Teil ihres Lebens erzählen.
Aber es gibt auch eine andere Seite.
Freunde, Experten, Begleiter, Kritiker, Anwälte, die Boris in den dunklen Stunden erlebt haben. Und die seinen Umgang mit Rückschlägen genau beobachtet und in dieser Zeit oft den Zugang zu ihm verloren haben. All diese Interviews, Gespräche, Begegnungen, Beobachtungen sind in dieses Buch eingeflossen.
„UNSERE GRÖSSTE SCHWÄCHE IST DAS AUFGEBEN.“
Thomas Edison
Robert Balboa Junior ist verzweifelt. Er hat das Gefühl, alles geht schon wieder von vorne los. Dass Menschen sich mit ihm nur wegen seines berühmten Vaters beschäftigen, dem mehrfachen Schwergewichtsweltmeister Rocky Balboa. Dem hat das Leben in den letzten Jahren ordentlich zugesetzt: Seine geliebte Frau Adrian ist an Krebs gestorben. Rocky hat fast sein gesamtes Vermögen verloren. In seinem alten Viertel in Philadelphia besitzt und betreibt er jetzt das „Adrian’s“. Ein kleines italienisches Restaurant, das seine verstorbene Frau 1995 eröffnet hat. Er kommt gerade so über die Runden. Schlägt sich durch. Nun will er es aber noch mal wissen.
In einer Computersimulation spuckt die Künstliche Intelligenz Rocky als Sieger eines Kampfes zwischen ihm und dem amtierenden Weltmeister im Schwergewicht, Mason „The Line“ Dixon, aus. Dieser virtuelle Kampf löst eine heftige öffentliche Diskussion aus. Seien wir doch mal ehrlich: Rocky hätte überhaupt keine Chance gegen Dixon. Damals nicht. Und heute als 60-jähriger Box-Opa schon gar nicht – so der allgemeine Tenor. Vom Ehrgeiz gepackt, willigt Rocky in einen Schaukampf gegen Dixon ein – und mit einem Schlag steht er wieder im breiten Licht der Öffentlichkeit, was seinem Sohn Robert Jr. gar nicht gefällt. In ihm kommen plötzlich alte Dämonen wieder hoch. Dabei hat er sich doch gerade etwas freigeschwommen, emanzipiert von der Legende rund um seinen berühmten Vater.
Mit 29 Jahren arbeitet er als erfolgreicher Finanzberater bei einer großen Investmentfirma. Seine Kolleginnen und Kollegen interessieren sich kaum für seinen Nachnamen. Bis Rocky Balboa mit einem Kampf der Generationen plötzlich wieder in allen Medien auftaucht. Da sind sie wieder – Roberts Schatten der Vergangenheit. Robert, der in den letzten Jahren nur noch wenig Kontakt zu seinem Vater hatte, besucht Rocky im „Adrian’s“ und bittet um ein Gespräch. Vater und Sohn gehen vor die Tür. Ohne großes Vorgeplänkel kommt Robert sofort aus der Deckung. Er bittet, ja fleht seinen Vater an, den Kampf gegen den viel jüngeren Dixon abzusagen. Um sich, aber vor allem auch ihn nicht lächerlich zu machen. Aufgeben als letztes Mittel zur Schadensbegrenzung.
Rocky atmet einmal tief durch. Blickt seinem Sohn in die Augen. Er zeigt Robert, wie er als Baby auf seinen Unterarm gepasst hat und legt los:
„Ich habe dich hochgenommen und zu deiner Mutter gesagt, der Kleine wird mal der beste Junge der Welt. Der Kleine wird mal so gut, wie es noch niemand vor ihm war. Und du bist groß geworden, hast dich prima entwickelt. Es war großartig, das mit anzusehen. Jeder Tag war ein besonderes Geschenk. Die Zeit verging und plötzlich warst du ein Mann. Du musstest dich der Welt stellen, das hast du getan. Aber irgendwo unterwegs hast du dich verändert. Du hast aufgehört, du selbst zu sein. Du lässt zu, dass man mit dem Finger auf dich zeigt und dir sagt, dass du zu nichts taugst. Und wenn es hart auf hart kommt, willst du die Schuld dafür auf andere schieben – einen großen Schatten.“
Kurze Pause. Dann das Finale: „Ich werde dir jetzt was sagen, was du schon längst weißt. Die Welt besteht nicht nur aus Sonnenschein und Regenbogen. Sie ist oft ein gemeiner und hässlicher Ort. Und es ist mir egal, wie stark du bist. Sie wird dich in die Knie zwingen. Dich zermalmen, wenn du es zulässt. Du und ich – und auch sonst keiner – kann so hart zuschlagen wie das Leben. Aber der Punkt ist nicht der, wie hart einer zuschlagen kann. Es zählt bloß, wie viele Schläge er einstecken kann! Und ob er trotzdem weitermacht! Wie viel man einstecken kann und trotzdem weitermacht. Nur so gewinnt man. Wenn du weißt, was du wert bist, dann geh hin und hol es dir. Aber nur, wenn du bereit bist, die Schläge einzustecken. Aber zeig nicht mit dem Finger auf andere und sag, du bist nicht da, wo du hin wolltest wegen ihm oder wegen ihr. Oder sonst jemandem. Schwächlinge tun das – und das bist du nicht. Du bist besser. Ich werde dich immer lieben, egal was. Egal was passiert. Du bist mein Sohn, und du bist mein Blut. Du bist das Beste in meinem Leben. Aber wenn du nicht anfängst an dich zu glauben, dann hast du kein Leben.“
Hier sind wir in Hollywood. Und wie der 60-jährige Rocky Balboa dann in einem epischen Kampf dem Weltmeister tatsächlich Paroli bietet und nur denkbar knapp in einer Split-Entscheidung der Kampfrichter verliert – nennen wir es mal künstlerische Freiheit.
Aber Hollywood schafft es durchaus auch in den realen Sport auf höchstem Niveau.
Im August 2009 versucht ein junger Trainer namens Thomas Tuchel seine Spieler vor dem Anpfiff besonders zu motivieren. Tuchel hat den Bundesliga-Aufsteiger FSV Mainz 05 gerade übernommen und trifft am 3. Spieltag auf den übermächtig scheinenden FC Bayern München. Stille nach der taktischen Ansprache Tuchels in der Kabine. Licht aus. Video an. Es läuft die Rede von Tony D’Amato, gespielt von Al Pacino, aus „Any Given Sunday“ („An jedem verdammten Sonntag“). In dem Football-Film beschwört der etwas in die Jahre gekommene Coach D’Amato sein krisengeschütteltes Team der Miami Sharks, füreinander einzustehen und für das eine gemeinsame Ziel zu kämpfen: den Sieg. Mit Erfolg. Die Sharks stürmen aus der Kabine und holen sich den Sieg. Genau wie der FSV Mainz 05. 2:1 gewinnt das Team des gerade einmal 36-jährigen Trainerneulings Thomas Tuchel an diesem 3. Spieltag der Saison 2009/10 gegen Bayern München.
Freilich handelt es sich hierbei um eine Mannschaftssportart. Doch eine Sache verbindet die Ansprache von Rocky Balboa an seinen Sohn und die Motivationsrede von Al Pacino an die Miami Sharks: Es geht um das Überwinden von Widerständen. Das Aufstehen nach Misserfolgen. Den Glauben an sich und die eigene Stärke. Und letztlich um die Sehnsucht nach Erfolg.
Genau darum geht es auch in diesem Buch. Heute findet man die sportlichen Erfolge von Boris Becker in den Geschichtsbüchern des Sports. Jüngster Wimbledon-Sieger aller Zeiten. Nummer eins der Tennis-Weltrangliste. Sechsfacher Grand-Slam-Champion. Was man in dieser Aufzählung jedoch nicht findet: die Rückschläge, die Boris Becker auf seinem Weg in die sportliche Unsterblichkeit hinnehmen musste. Von denen gibt es viele. Sie beginnen schon als er ein Kind war, das seine ersten Schläge macht. Rückstände, Niederlagen, Verletzungen, Spott, Häme – all diese Widerstände musste er überwinden, um voranzukommen, um sich – frei nach Rocky Balboa – das zu holen, was er sich „wert“ ist.
Apropos Rocky Balboa: Der Hollywood-Star bietet nicht nur vor der Kamera Stoff für den Glauben an die eigene Stärke. Als er 1975 als erfolgloser Schauspieler in seinen Endzwanzigern das Drehbuch für den ersten Teil der Rocky-Saga schreibt und es an verschiedene Produzenten schickt, sind diese begeistert. Sie wollen den Stoff des Underdog-Boxers aus Philadelphia unbedingt auf die Leinwand bringen. Ihre einzige Bedingung: Nicht Autor und Erfinder Sylvester Stallone soll die Rolle des Rocky Balboa spielen. Sie wollen auf ein bekanntes Hollywood-Gesicht setzen. Ryan O’Neal oder James Caan scheinen für die Studios die bessere Wahl. Bis 300.000 US-Dollar bieten Produzenten Stallone für das Drehbuch, wenn er auf die Hauptrolle verzichtet. Stallone verzichtet nicht. Er denkt gar nicht daran. Weil er sich sicher ist: Das ist die Rolle meines Lebens. Ich oder keiner.
Schließlich einigt sich Stallone mit der Filmproduktionsgesellschaft „United Artists“. Der Vertrag sieht vor, dass Stallone die Hauptrolle spielen darf, aber lediglich ein Honorar von 20.000 US-Dollar erhält. Dafür wird er jedoch prozentual mit zehn Prozent am Einspielergebnis beteiligt. Ein sicherer Deal für Stallone. Am Erfolg von „Rocky“ hat er keinen Zweifel. 1977 wird „Rocky“ für zehn Oscars nominiert und gewinnt drei. Stallone ist erst der dritte Filmschaffende, der sowohl als Hauptdarsteller als auch als Drehbuchautor nominiert ist.
Immer wieder aufstehen und nicht aufgeben. So lautet die Maxime für Rocky Balboa und für Sylvester Stallone.
Und für Boris Becker erst recht.
Die Geschichte von Boris Becker beginnt in Leimen. Eine deutsche Kleinstadt in Baden-Württemberg mit knapp über 20.000 Einwohnern, rund sieben Kilometer von Heidelberg entfernt.
In der Nußlocher Straße wächst Boris Becker am Stadtrand von Leimen in einem zweckmäßigen Mehrfamilienhaus auf. Der wichtigste Zweck ist dabei der Lebensunterhalt für die Familie. In demselben Haus liegt das Architekturbüro seines Vaters. „Karl-Heinz Becker Büro für Planung u. Bauleitung“ weist ein Schild zu dem Eingang des Büros um die Ecke. Karl-Heinz Becker ist ein bodenständiger Architekt. Er plant keine Prachtbauten, sondern eher praktische Gebäude. Eben genau so welche, die er selbst mit seiner Familie in der Nußlocher Straße bewohnt. Mutter Elvira ist auf den ersten Blick „nur“ Hausfrau und Mutter. Doch das „nur“ ist schon zu damaliger Zeit eine Diffamierung. In Wahrheit ist sie dreifach beschäftigt. Hausfrau, Mutter, Assistentin. Sie ist für den Schriftverkehr, die Abrechnungen, die Termine ihres Mannes zuständig. Boris hat noch eine vier Jahre ältere Schwester – Sabine. Klassische deutsche Mittelschicht Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre.
Doch das Ehepaar Becker hat ein Problem: den Bewegungsdrang ihres Sohns Boris. Schwimmen, Fahrradfahren, Fußball – egal, mit was Elvira und Karl-Heinz ihren Sohn beschäftigen, er wird einfach nicht müde. Sie selbst haben seit einigen Jahren auch ein sportliches Hobby für sich entdeckt. Sie spielen gerne Tennis. Dafür verabreden sie sich am liebsten mit Freunden beim örtlichen Tennisverein BW Leimen. Damit sie aber auch wirklich zum Tennisspielen kommen und nicht einen Babysitter oder andere Aufpasser für den kleinen Boris organisieren müssen, nehmen sie den kleinen nimmermüden Boris oft einfach mit. Damit sich dieser dort nicht langweilt, drückt ihm Vater Karl-Heinz einen Tennisschläger in die Hand. Einen Holzschläger für Erwachsene, den er von einem Kunden geschenkt bekommen hat. Der ist viel zu groß für den kleinen Boris, der zu diesem Zeitpunkt zwischen fünf und sechs Jahre alt ist. So ganz genau weiß das heute niemand mehr. Was man jedoch noch genau weiß: Vater Becker, ganz der pragmatische Architekt, sägt einfach ein Stück vom Griff des zu großen Schlägers für seinen Sohn ab, damit der Schläger dem Kleinen wenigstens etwas besser in der Hand liegt.
