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Ein lebendiges Zeugnis über Ramana Maharshi (1879-1950), den Weisen vom Berg Arunachala, mit zahlreichen Gesprächen und Geschichten aus seinem Leben. Suri Nagamma war eine einfache telugische Frau. Nach harten Schicksalsschlägen suchte sie lange nach einem spirituellen Meister und kam 1941 zu Ramana Maharshi in den Ashram. Sie verließ ihn nicht wieder. Wenn ihr Bruder D.S. Sastri zu Besuch kam, erzählte sie ihm von den täglichen Ereignissen dort. Er ermutigte sie, alles aufzuschreiben, was sie in der Folge in Form dieser Briefe an ihn tat. Die Briefe aus dem Ramanashram umfassen den Zeitraum von 1945 bis 1950, schildern die letzten fünf Lebensjahre des Maharshi und geben viele biografische Details, auch aus seinem früheren Leben.
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Seitenzahl: 599
Veröffentlichungsjahr: 2011
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Ramana Maharshi
Einleitung
Das Leben Sri Ramana Maharshis
Briefe aus dem Ramanashram
Nachwort
Glossar
Literaturverzeichnis
Suri Nagamma war eine einfache telugische Frau, die bereits in ihrer Kindheit ihre Eltern und später auch ihren Ehemann verloren hatte. Lange suchte sie nach einem spirituellen Meister und kam 1941 zu Ramana Maharshi in den Ashram. Sie verließ ihn nicht wieder. Wenn ihr älterer Bruder D.S. Sastri zu Besuch kam, erzählte sie ihm von den täglichen Ereignissen dort. Er ermutigte sie, alles aufzuschreiben, was sie in der Folge in Form von Briefen an ihn tat.
Die ›Briefe aus dem Ramanashram‹ umfassen den Zeitraum von Ende 1945 bis Anfang 1950 und geben ein lebendiges Zeugnis der letzten fünf Lebensjahre des Maharshi, beinhalten aber auch viele Geschichten aus früheren Tagen. Sie gehören zur klassischen Ramana-Literatur und überschneiden sich teilweise mit Devaraja Mudaliars ›Tagebuch der Gespräche mit Ramana Maharshi‹.
Suri Nagamma schrieb die Briefe in ihrer Muttersprache Telugu, und ihr Bruder übersetzte sie ins Englische. Die kompletten ›Letters from Sri Ramanasramama‹ umfassen insgesamt 273 Briefe. Hinzu kommen noch 31 Briefe, die in ›Letters from and Recollections of Sri Ramanasramam‹ enthalten sind und die ich in Auswahl chronologisch eingefügt habe.
Der 1. Teil der Briefe, bestehend aus 75 Briefen, wurde bereits zu Ramanas Lebzeiten 1947 veröffentlicht, und Nagamma las daraus in seiner Gegenwart in der Halle vor. In ihrer Autobiografie ›Mein Leben im Ramanashram‹ erzählt sie u.a. auch die Geschichte der Entstehung dieser Briefe und die Schwierigkeiten, auf die sie dabei stieß.
Ich habe einige Briefe, die zu speziell und ohne den entsprechenden philosophisch-religiösen Hintergrund schwer verständlich sind, weggelassen oder gekürzt, um dem Leser unseres Kulturkreises eine flüssige Lektüre zu ermöglichen. Zudem habe ich einige erklärende Fußnoten und ein Glossar beigefügt. Der Abriss des Lebenslaufs des Maharshi ermöglicht die inhaltliche und zeitliche Einordnung der geschilderten Ereignisse.
Gabriele Ebert
eine Einführung von Gabriele Ebert
Ramana Maharshi (Maharshi bedeutet Großer Weiser, von maha - groß + rishi - Weiser), wurde am 30. Dezember 1879 in Tiruchuli, einem Dorf ca. 48 km südlich von Madurai (Tamil Nadu, Südindien) geboren. Er war der zweite von drei Söhnen und einer Tochter. Sein Vater Sundaram Iyer war Brahmane und arbeitete als unstudierter Anwalt in Tiruchuli. Seine Mutter Alagammal war schon als Kind mit Sundaram verheiratet worden. Beide führten ein frommes Leben und pflegten ausgesprochen großzügige Gastfreundschaft.
Ramanas Jugend war durch keine Besonderheiten gekennzeichnet, außer dass er ungewöhnlich tief schlief. Des Nachts kamen seine Freunde zu ihm, um ihm allerlei Possen zu spielen. Sie schleppten ihn außer Haus und schubsten ihn herum, ohne dass er sich dessen bewusst war. Ansonsten war er ein normaler Junge, der lieber spielte, Sport trieb und Streiche ausheckte, als sich der Schule zu widmen. Er war gesund und stark und wurde von seinen Mitschülern und Freunden geachtet.
Als er 12 Jahre alt war, starb sein Vater. Er und sein älterer Bruder Nagaswami wurden bei Subba Iyer, einem Onkel väterlicherseits, in Madurai untergebracht, während seine Mutter mit den beiden anderen Kindern bei dem anderen Onkel Nelliappa Iyer in Manamadurai unterkam. Fortan lebte die Familie getrennt. Ramana besuchte die Scotts Middle School und später die American Mission High School in Madurai.
Ein Vorbote seines Erleuchtungserlebnisses war eine Begegnung mit einem Verwandten kurz vor seinem 16. Geburtstag. Von ihm hörte er zum ersten Mal vom heiligen Berg Aruanchala (Berg der Morgenröte), bei der Stadt Tiruvannamalai in der weiten Ebene Südindiens gelegen. Geologisch gehört er zum ältesten Bestand der Erde. Er gilt als einer der großen Wallfahrtsorte Indiens und wird als Manifestation Shivas verehrt. Der Verwandte erzählte dem jungen Ramana, er käme gerade von dort. Ramana, der die Geschichten kannte, die sich um den heiligen Berg ranken, aber bis dahin keinen realen Ort damit verbinden konnte, war die Tatsache, dass es diesen Berg tatsächlich gibt, wie eine Offenbarung. Der heilige Name ›Arunachala‹ war von Kindheit an in seinem Herzen gegenwärtig gewesen.
Auch las er in dieser Zeit das erste spirituelle Buch seines Lebens, die Legenden der 63 Shiva-Heiligen, die in Sekkilars Periyapuranam gesammelt sind. Diese Heiligen hatten ihr Zuhause verlassen und allem entsagt, um die Gnade Shivas zu erlangen.
Mitte Juli 1896 ereignete sich die große Wende in seinem Leben. Eines Tages, als er allein Zuhause war, wurde er von einer plötzlichen, aber unmissverständlichen Todesangst ergriffen, obwohl er keine gesundheitlichen Beschwerden hatte. Er dachte: »Ich sterbe jetzt!« Die Panik bewirkte, dass er seine ganze Aufmerksamkeit nach innen wandte und sich fragte, was denn der Tod eigentlich bedeute, wer oder was es sei, das stirbt? Er sagte sich, es sei der Körper, und spielte die Todesszene nach, indem er den Atem anhielt, seine Glieder streckte und sich steifhielt, als hätte die Totenstarre eingesetzt. Er stellte sich vor, wie seine Leiche zum Verbrennungsplatz getragen und zu Asche werden würde. Er fragte dabei tief im Innern, ob dieser Körper »ich« sei, ob er selbst nun tatsächlich gestorben sei. In diesem intensiven Prozess erkannte er schlagartig und völlig klar, dass es etwas in ihm gab, das unsterblich war und dass dies das wahre »Ich« (Selbst, Atman) ist, das unabhängig vom Körper existiert. Er beschreibt seine Erfahrung folgendermaßen: »Der materielle Körper stirbt, aber der ihn transzendierende Geist kann vom Tod nicht berührt werden. Deshalb bin ich unsterblicher Geist. ... ›Ich‹ war etwas Wirkliches, in dem Zustand das einzig Wirkliche überhaupt, und die gesamte bewusste Aktivität, die mit meinem Körper verbunden war, war jetzt daraufhin konzentriert. Von diesem Zeitpunkt an hielt eine machtvolle Faszination meine gesamte Aufmerksamkeit am ›Ich‹ oder meinem Selbst fest. Die Todesangst war ein für allemal verschwunden. Das Verschmolzensein im Selbst hat von diesem Moment an bis heute fortbestanden. Andere Gedanken mögen kommen und gehen wie die verschiedenen Noten bei einem Musiker, aber das ›Ich‹ besteht fort wie die Grundnote, die alle anderen Noten begleitet und sich mit ihnen vermischt. Mochte der Körper mit Sprechen, Lesen oder etwas anderem beschäftigt sein, ich war immer auf das ›Ich‹ konzentriert.« 1
Nach diesem Todeserlebnis verlor der junge Ramana alles Interesse an Sport und Spiel, an seinen Freunden, ja selbst am Essen. Das letzte Interesse an der Schule war auch noch verschwunden. Er saß oft zuhause und meditierte mit geschlossenen Augen, doch er sprach mit niemandem über sein Erlebnis. Er verhielt sich allem gegenüber völlig indifferent. Er wurde sanftmütig und verteidigte sich nicht mehr wie früher. Er berichtet: »Als ich mit ausgestreckten Gliedern dalag, im Geist die Todesszene spielte und mir bewusst wurde, dass ich lebte, obwohl der Körper weggetragen und verbrannt werden würde, stieg eine Kraft in mir hoch – nenne sie die Kraft des Selbst (Atman) oder anders – und nahm von mir Besitz. Damit wurde ich wiedergeboren und ein neuer Mensch. Ich wurde allem gegenüber gleichmütig und hatte weder Vorlieben noch Abneigungen.«2 Auch spürte er eine tiefe Neigung zu Bhakti (Hingabe an Gott) und begann, regelmäßig den berühmten Meenakshi-Tempel zu besuchen, in dessen Nähe er wohnte. Dort stand er vor den Götterstatuen und Heiligenbildern und vergoss Tränen. Er beschreibt es als ein »Überfließen der Seele«. Sein älterer Bruder machte sich über sein Verhalten lustig, nannte ihn einen »Erleuchteten« und meinte höhnisch, er möge sich doch, wie die alten Seher der Vorzeit, in einen dichten urzeitlichen Wald zurückziehen.
Am 29. August, etwa sechs Wochen nach seinem großen Erlebnis, kam es zu einer Krise. Er hatte als Strafarbeit eine Englischlektion aufbekommen, die er dreimal abschreiben musste. Nach der zweiten Abschrift hielt er inne, da ihm diese Tätigkeit völlig sinnlos vorkam. Er räumte die Arbeit beiseite und setzte sich kerzengerade in Yogihaltung hin. Als das sein älterer Bruder Nagaswami sah, meinte er, einer, der sich so aufführe, habe kein Recht mehr auf die Annehmlichkeiten des häuslichen Lebens. Diesmal traf der Schuss ins Schwarze. Ramana entschloss sich spontan, sein Zuhause zu verlassen und zum Arunachala zu gehen. Ohne Bescheid zu sagen (er hinterließ nur eine kurze Notiz, dass er fortgegangen sei und sich niemand um ihn zu sorgen brauche), brach er zu der ersten und letzten längeren Reise seines Lebens auf, die drei Tage dauern sollte. Ein Zufall hatte ihm fünf Rupien in die Hände gespielt, womit er den ersten Abschnitt seiner Reise mit dem Zug bezahlen konnte.
Auf abenteuerliche Weise und mit großen Entbehrungen erreichte er am 1. September 1896 sein Ziel: Arunachala. Dort angekommen eilte er in den innersten Schrein des großen Arunachaleswara-Tempels in Tiruvannamalai, dessen Türen wie zum Willkommen offenstanden, und verbrachte dort eine Zeit lang in Ekstase. Danach entledigte er sich allem, was er noch besaß (etwas Geld, einige Süßigkeiten, die ihm eine Frau auf den Weg mitgegeben hatte, und seine Brahmanenschnur – Zeichen seines Standes). Seinen Dhoti riss er in Stücke und trug fortan nur noch ein Lendentuch. Den Kopf ließ er sich kahlscheren. Obwohl dies alles Zeichen für die Lebensform eines Wandermönchs (Sannyasins) sind, ließ er sich nie formell einweihen.
Zunächst lebte er im berühmten Arunachaleswara-Tempel in Tiruvannamalai. Er war so sehr in sein inneres Sein versunken (Samadhi), dass er weder die Folge von Tag und Nacht, noch Hunger und Durst spürte, und auch nicht das Ungeziefer, das ihn biss und stach. Hätten nicht andere ihm zu essen gebracht, ja ihn gefüttert, da er nichts von dem anrührte, was man vor ihn hinstellte, hätte er nicht überlebt. Die ersten Wochen verbrachte er in der Tausendsäulenhalle des Tempels. Als er dort von Straßenjungen belästigt wurde, die mit Steinen und Scherben nach ihm warfen, suchte er im Patala Lingam (einem unterirdischen, fensterlosen Schrein unterhalb der Tausendsäulenhalle) Zuflucht. Der Schrein war völlig verwahrlost und wurde nie gereinigt. Es wimmelte dort nur so von Ungeziefer wie Asseln, Ameisen, Wespen und Moskitos. Doch der junge Swami saß bewegungslos mit gekreuzten Beinen im Yogasitz und spürte nichts von alledem. Die Unterseiten seiner Schenkel waren bald mit Geschwüren bedeckt, aus denen Blut und Eiter flossen. Die Narben blieben bis zu seinem Lebensende sichtbar. Als ein Besucher auf seinen besorgniserregenden körperlichen Zustand hinwies, brachte man ihn aus diesem Verließ und setzte ihn beim Subrahmanian-Schrein ab. Ramana wohnte danach in verschiedenen Bereichen des Tempels: im Tempelgarten, im Lagerraum der Tempelwagen und unter einem großen Illupai-Baum im äußeren Bereich des weitläufigen Tempel-Geländes. Keiner wusste, woher er kam und wie er hieß. Man nannte ihn »Brahmana Swami« (der Swami vom Brahmanengeschlecht). Diesen Namen hatte ihm Seshadri Swami gegeben, der als Sadhu (Wandermönch) ebenfalls im Tempel lebte, den jungen Asketen sehr verehrte und versuchte, ihn gegen die Jungen zu schützen.
Bald stellten sich die ersten Verehrer ein, die sich sporadisch um Ramana kümmerten und ihn schließlich nach Gurumurtam (einem kleinen Schrein am Stadtrand) brachten, wo es stiller war und er ungestörter leben konnte. Doch auch dort stellten sich zunehmend Besucher ein. Ramana war wegen seines tiefen Samadhi (Versenkung) und der völligen Gleichgültigkeit seinem Körper gegenüber berühmt geworden. Seine Haare waren lang und verfilzt, seine Fingernägel wurden nie geschnitten, und auch sonst kümmerte er sich nicht um sein Äußeres. An der Stelle, wo er saß, wimmelte es nur so von Ameisen, die ihn bissen, doch er spürte es nicht. Schließlich setzten ihn seine Anhänger auf einen Stuhl und stellten die Stuhlbeine in Wasserkrüge, doch die Ameisen liefen die Wand hinauf und bissen ihn in den Rücken, den er an die Wand gelehnt hatte. Eines Tages wurde dort seine Anonymität gelüftet. Ein Besucher bedrängte ihn so lange, seine Herkunft preiszugeben, bis er nachgab und Name sowie Geburtsort niederschrieb, da er zu dieser Zeit nicht sprach.
Als erster ständiger Begleiter gesellte sich schließlich Palaniswami zu Ramana und kümmerte sich beständig um ihn. Er schütze ihn vor den Besuchermassen, brachte ihm das Essen und sorgte auch dafür, dass er regelmäßig badete. Später verbrachten die beiden ein halbes Jahr lang alleine und ungestört in einem angrenzenden Mangohain und lebten dort in zwei winzigen Unterständen. Palaniswami, der Zugang zur Bibliothek der Stadt hatte, brachte Bücher in tamilischer Sprache über Vedanta mit. Als Ramana sie las, wurde ihm spontan klar, dass seine eigene Erfahrung sich mit dem Inhalt dieser Bücher deckte. Auf diese Weise begann er, die reichhaltige Vedanta-Literatur kennenzulernen.
Die Nachricht von Ramanas Aufenthalt war inzwischen bei seinen Verwandten angelangt. Es war in diesem Mangohain im Mai 1898, als sein Onkel Nelliappa Iyer ihn aufspürte und bedrängte, nach Hause zu kommen. Doch Ramana blieb standhaft und reagierte nicht. Der Onkel musste unverrichteter Dinge von Dannen ziehen. Bald darauf begann Ramana, sich selbst um seine Nahrung zu kümmern, und ging in Tiruvannamalai betteln. Zu Weihnachten 1898 kam ihn seine Mutter in Begleitung seines Bruders Nagaswami besuchen. Auch sie versuchte alles, ihren Sohn nach Hause zurückzuholen, sie flehte und weinte, doch es war wiederum vergeblich. Ramana schrieb für sie folgende Worte auf ein Stück Papier: »Der Schöpfer waltet über das Schicksal der Seelen nach ihren früheren Taten, wie es ihrem Prarabdhakarma entspricht. Was immer bestimmt ist, nicht zu geschehen, wird nicht geschehen, wie sehr du es auch herbeiführen möchtest. Was immer bestimmt ist, zu geschehen, wird geschehen, was immer du auch unternimmst, es aufzuhalten. Das ist gewiss. Deshalb ist es das Beste zu schweigen.«3
Bald darauf ließ sich Ramana in verschiedenen Höhlen auf dem Berg nieder. Von 1899-1916 bewohnte er die Virupaksha-Höhle, die etwa 100 Meter oberhalb des Arunachaleswara-Tempels am Südosthang liegt und im innersten Bereich die Überreste des Heiligen Virupakshadeva enthält (eines Heiligen aus dem 13. Jh., der sich dort strengen Bußübungen unterzogen hatte). Ramana lebte dort mit einigen Gefährten, die sich ihm inzwischen angeschlossen hatten, ein äußerst einfaches Leben in völliger Besitzlosigkeit. Manchmal war nicht genügend zum Essen da, doch er lehrte sie, mit allem zufrieden zu sein und um nichts zu bitten, und teilte stets alles mit allen. Einfaches Volk kam zu ihm und suchte seine Nähe und Führung. Kinder kamen aus eigenem Antrieb den Berg hinauf. Auch Tiere fühlten sich von Ramana angezogen. Vögel und Streifenhörnchen bauten ihre Nester in seiner Nähe.
Unter den Besuchern waren zunehmend spirituell Suchende wie Gambiram Seshayya und Sivaprakasam Pillai, die ihm ihre Fragen stellten oder spirituelle Bücher brachten, aus denen sie einige Punkte erläutert haben wollten. Da Ramana immer noch schwieg, schrieb er die Antworten entweder mit Kreide auf Schiefertafeln oder auf kleine Zettel. 1900-1902 entstanden auf diese Weise zwei Sammlungen aus Fragen und Antworten, die später als die frühesten Werke Ramanas veröffentlicht wurden: ›Vichara Sangraham‹ (›Selbstergründung‹) und ›Nan Yar‹ (›Wer bin ich?‹). Vor allem ›Nan Yar‹ enthält die volle Quintessenz dessen, was Ramana sein Leben lang lehrte, und beschreibt den Weg der Selbstergründung, die Suche nach der Quelle des Ichs.
Eine Besonderheit Ramanas ist sein inniger Bezug zum Berg Arunachala. Er kannte ihn wie seine Westentasche und liebte es, ihn zu erkunden und ihn im Uhrzeigersinn zu umrunden, was im Hinduismus eine alte und viel geübte Form der Verehrung und Meditation ist. Er empfahl diese Praxis auch seinen Anhängern und Besuchern, die ihn oft auf seiner Wanderschaft begleiteten. Arunachala spielte für Ramana in gewissem Sinn die Rolle eines Gurus. Dies kommt in den fünf Hymnen zum Ausdruck, die er 1913-1914 zum Lobpreis an Arunachala schrieb. Davon am bekanntesten ist sein Lied ›Die Hochzeitsgirlande aus Buchstaben‹, das aus 108 Versen besteht und in dem die Braut (der Verehrer/Bhakta, die Seele) dem Bräutigam (dem Geliebten, dem Selbst in Form des Berges) huldigt und ihre höchste Liebe zum Ausdruck bringt. Es gehört in den Bereich religiöser Liebeslyrik. Eine Gruppe der Gefährten Ramanas ging regelmäßig in die Stadt hinunter, um sich die Nahrung für die Gemeinschaft zu erbetteln, und sang dabei diese Hymne. Die Stadtbewohner wussten dann, dass es sich um Anhänger Ramanas handelte.
Am 18. November 1907 fand die schicksalhafte Begegnung Ganapati Munis mit Ramana statt. Ganapati Muni war ein in Indien bekannter Sanskritgelehrter und -dichter, der sich intensiven spirituellen Übungen (v. a. Mantra-Japa) unterzog und einen eigenen Schülerkreis hatte. Mit seinen Übungen verfolgte er auch ein sozial-politisches Ziel, denn er träumte von einem erneuerten Indien. Als er an jenem Tag, von inneren Zweifeln über seine spirituelle Praxis geplagt, Ramana auf dem Berg aufsuchte, brach Ramana zum ersten Mal sein langjähriges Schweigen und lehrte mündlich: »Wenn man beobachtet, wo die Vorstellung des ›Ich‹ ihren Ursprung nimmt, wird der Geist von diesem Ursprung aufgesogen. Das ist Tapas (spirituelle Übung). Wenn man ein Mantra wiederholt und seine Aufmerksamkeit auf den Ursprung lenkt, wo der Laut des Mantras erzeugt wird, wird der Geist von diesem Ursprung aufgesogen. Das ist Tapas.«4 Als Ganapati Muni die Antworten auf seine Fragen vernahm, erkannte er in Ramana seinen spirituellen Meister und machte ihn in Indien als ›Bhagavan Sri Ramana Maharshi‹ (erhabener großer Seher Ramana) bekannt. Seitdem wird von ›Ramana Maharshi‹ gesprochen. Im Gegenzug brachte er dem Maharshi vieles aus der Sanskrit-Literatur nahe. Auf seine Veranlassung hin schrieb Ramana seinen ersten Vers in Sanskrit, der die Quintessenz seiner Lehre enthält, und der in der ›Ramana Gita‹ Ganapati Munis (eine Sammlung der Lehre Ramanas) Einlass fand: »Mitten in der Höhle des Herzens scheint allein Brahman. Es strahlt dort als Atman, das Selbst, und wird unmittelbar als ›Ich-Ich‹ erfahren. Dringe ein in dieses Herz, indem du Selbstergründung übst oder in ihm tief untertauchst oder den Atem unter Kontrolle hältst, und bleibe beständig im Selbst.«5
1912 ereignete sich in Ramanas Leben eine Art zweiter Todeserfahrung, die diesmal auf eine reale körperliche Situation zurückzuführen war. Er hatte mit seinen Gefährten Palaniswami, Vasudeva Sastri und anderen ein Bad im Wasserspeicher des Pachaiamman-Tempels genommen und war in der stechenden Sonne auf dem Rückweg zur Virupaksha-Höhle. Als er den Tortoise Felsen (Schildkröten-Felsen) erreichte, setzte plötzlich sein Herzschlag aus, und sein Körper verfärbte sich dunkel. Seine Gefährten dachten, er sei gestorben. Wiederum war er sich währenddessen des Flusses des Selbst bewusst. Dann kehrte wieder Leben in ihn zurück. Zuweilen ist in den Biographien zu lesen, dass dieses Ereignis den endgültigen Übergang Ramanas zu einem äußerlich normalen Leben auslöste. Seit einiger Zeit hatte er wieder zu sprechen und regelmäßig zu essen begonnen. Er pflegte seinen Körper und verrichtete allerlei häusliche Arbeiten. Er schnitzte gerne Spazierstöcke sowie Löffel und Tassen, die er dann verschenkte. In der Folge entwickelte er viel Talent fürs Kochen, aber auch für die Planung der Gebäude, die im Laufe der Zeit im Ramanashram entstanden. Er war äußerst reinlich, sparsam im Umgang mit allen Dingen und umsichtig in allem Tun.
1916 stieß seine Mutter Alagammal zu der kleinen Gemeinschaft. Sie hatte Angehörige verloren und wollte ihren Lebensabend bei ihrem mittleren Sohn verbringen. Die Virupaksha-Höhle war für die wachsende Gemeinschaft zu klein geworden. Deshalb errichtete ein Anhänger namens Kandaswami etwas weiter oben am Berg den nach ihm benannten Skandashram. Von 1916 bis 1922 wohnte die Gemeinschaft dort. Die Mutter begann, einen geregelten Haushalt zu führen und für die Gemeinschaft zu kochen. 1918 stieß auch der jüngere Bruder Nagasundaram, der inzwischen Witwer geworden war, zu Ramana und führte ein Leben als Sannyasin. Man nannte ihn fortan ›Chinnaswami‹ (kleiner Swami), da er der Bruder des großen Swami war.
1922 wurde Alagammal ernsthaft krank. Ramana kümmerte sich um sie und verbrachte viele Stunden an ihrem Bett. Am 19. Mai, ihrem Sterbetag, saß er an ihrer Seite, legte seine rechte Hand auf ihre Brust (dem Ort des spirituellen Herzens) und seine linke auf ihre Stirn, bis sie ruhig wurde. Er ließ seine Hände in dieser Position liegen, bis sie gestorben war, und auch noch einige Zeit danach. Dann war er sicher, dass sie die letzte Befreiung erlangt hatte. Diese Praxis hat Ramana auch bei Palaniswami und einigen Tieren vollzogen. Die Handauflegung soll dem Geist (engl. mind) helfen, in seiner Quelle, dem spirituellen Herzen, unterzugehen. Wenn das geschieht, wird damit die endgültige Befreiung erreicht. Das spirituelle Herz lokalisiert Ramana auf der rechten Seite der Brust (nicht zu verwechseln mit dem Herz-Chakra im Yoga, das sich in der Mitte befindet). Er macht aber auch wiederholt deutlich, dass das Herz letztlich kein körperliches Zentrum ist, sondern die Mitte oder der Grund von allem, was existiert.
Alagammal wurde mit allen Ehren am Fuße des Berges begraben. Über ihrem Grab wurde ein einfacher Schrein errichtet. Fortan wurde dort regelmäßig die Puja (Gottesdienst) gefeiert, und Ramana und seine Gefährten besuchten täglich den Schrein. Im Dezember 1922 siedelten er und seine Gefährten endgültig zum Grab der Mutter um. Das war die Geburtsstunde des Ramanashram, der anfangs nur aus wenigen Hütten bestanden hatte und über die Jahre wuchs. Ab 1929 übernahm Chinnaswami die Ashram-Verwaltung. 1928 wurde die berühmte Alte Halle fertig gestellt. Dort war Ramana Tag und Nacht anzutreffen. Der Besucherstrom nahm zu. Es hatte sich ein Schülerkreis gebildet, der aus Anhängern bestand, die ständig bei Ramana wohnten, und solchen, die regelmäßig zu Besuch kamen. Unterkünfte für die Besucher, Küche und Speisesaal, Büro, Buchladen und eine Apotheke, der Kuhstall und die Veda-Schule wurden gebaut. 1925 war neben dem Ashram die Sadhu-Kolonie Palakothu entstanden, in der Schüler des Maharshi wohnten, die sich ganz der Meditation widmeten. Für Familien entstand ein kleines Wohngebiet in der Nähe namens ›Ramana Nagar‹. Der Maharshi legte ein natürliches Talent für die Planung der Bauprojekte an den Tag. Die meisten Bauten entstanden nach seinen einfachen Plänen. Das größte Bauvorhaben, der Tempel der Mutter, der den einfachen Schrein über ihrem Grab ablöste, wurde allerdings von einem örtlichen Tempelbaumeister ausgeführt. Nach zehnjähriger Arbeit wurde er 1949 zusammen mit der Neuen Halle fertig gestellt und eingeweiht.
In den früheren Jahren betätigte sich Ramana als umsichtiger Koch und führte die Küche. Später war das wegen des zunehmenden Besucherstroms und der zahlreichen Bauprojekte nicht mehr möglich. Besucher saßen meist in Stille bei ihm in der Alten Halle. Manche stellten ihre Fragen, und er beantwortete sie. Viele dieser Gespräche sind überliefert worden und geben ein reiches Zeugnis von den täglichen Ereignissen in der Halle. Ramana war auch ein hervorragender Geschichtenerzähler und bediente sich dazu gerne der Erzählungen aus dem Periyapuranam und anderer spiritueller Werke.
Ramana war stets für Menschen und Tiere zugänglich. Einladungen nahm er nie an, denn dann wäre er für die Besucher nicht mehr verfügbar gewesen. Der Stundenplan im Ashram unterlag zunehmend strenger Regelungen. In späteren Jahren war er ständig von Menschen umlagert. Er musste so eingeschränkt wie ein Gefangener leben und konnte keinen Schritt mehr ohne Begleitung tun.
Zu Ramanas Verehren und Schülern zählten Menschen aus allen Schichten und von jedem Bildungsstand. Unter ihnen war auch der bekannte Tamil-Poet Muruganar, der in einigen tausend Versen die Lehre Ramanas poetisch niederlegte. Kunju Swami, Echammal, Narasimha Swami, Yogi Ramiah, Munagala S. Venkataramiah, S.S. Cohen, Suri Nagamma, T.K. Sundaresa Iyer waren weitere Devotees, um nur einige Namen zu nennen. 1911 kam Frank Humphreys als erster westlicher Besucher zu ihm. Es folgten Paul Brunton (der durch sein Buch: ›A Search in Secret India‹ (Yogis – Verborgene Weisheit Indiens) den Maharshi im Westen bekannt gemacht hat), Major Chadwick und Arthur Osborne. Mercedes De Acosta, Somerset Maugham und Henri Le Saux besuchten ihn, und einmal hätte beinahe ein Treffen mit Mahatma Gandhi stattgefunden. Nicht erwähnt sind all die Vielen, die keinen bekannten Namen tragen.
Tiere fühlten sich in Ramanas Nähe besonders wohl. Er behandelte sie mit Verständnis und Respekt und sprach mit ihnen. Affen, Streifenhörnchen, Kühe, Spatzen, Hunde, sie alle kamen zu ihm. Es gibt zahllose Tiergeschichten. Das berühmteste der Ashramtiere war aber die Kuh Lakshmi. Auch ihr verhalf Ramana zur letzten Befreiung, wie er es bei seiner Mutter getan hatte. Lakshmis Grab findet sich neben anderen Tiergräbern auf dem Ashramgelände.
Ramanas Gesundheit war nie besonders stabil. In späteren Jahren litt er zunehmend an Rheumatismus. 1949 wurde ein Krebsgeschwür an seinem linken Arm entdeckt. Es wurde viermal operiert. Über ein Jahr lang wurden alle möglichen Heilmethoden ausprobiert. Als ein Arzt Ramana vorschlug, den Arm zu amputieren, weigerte er sich mit den Worten: »Es gibt keinen Grund zur Beunruhigung. Der Körper selbst ist eine Krankheit.
Lass ihn sein natürliches Ende nehmen.« Der Besucherstrom nahm in dieser Zeit erhebliche Ausmaße an, doch Ramana bestand darauf, dass alle ihn sehen konnten, so weit das möglich war. Er blieb gelassen und war der ruhende Pol in all dem geschäftigen Treiben.
Am 14. April 1950 starb Ramana Maharshi ohne Todeskampf, mit einem gütigen Lächeln auf den Lippen und Tränen in den Augen, während Devotees das ›Akshara Mana Malai‹ (Die Hochzeitsgirlande aus Buchstaben) sangen. In der Todesminute um 20:47 Uhr wurde von vielen Menschen ein meteorähnliches Gebilde am Horizont wahrgenommen, das langsam Richtung Arunachala zog und hinter dem Gipfel des Berges verschwand. Am 16. April wurde Ramana feierlich bestattet.
Die Anhänger Ramanas reagierten zunächst schockiert. Nach seinem Tod verließen die meisten den Ashram, der dadurch in finanzielle Nöte geriet und nahezu verwaiste und verkam. Allmählich erkannten seine Anhänger jedoch, dass der Meister nicht wirklich fortgegangen war, sondern in ihren Herzen weiterlebte. Es setzte eine große Rückkehrwelle ein. Heute ist der Ramanashram ein international viel besuchtes spirituelles Zentrum.
Sri Ramanas Lehre ist von großer Schlichtheit geprägt. Zeitlebens hat er nur wenige Schriften selber verfasst und auch nur dann, wenn er dazu aufgefordert wurde. Neben den bereits erwähnten Sammlungen von Fragen und Antworten (›Nan Yar‹ und ›Vichara Sangraham‹) schrieb er 1914 seine fünf berühmten Hymnen Arunachala zu Ehren. 1912-1929 waren ›Upadesa Undiyar‹ (Quintessenz der spirituellen Unterweisung), ›Upadesa Manjari‹ (Die spirituelle Unterweisung) und ›Ulladu Narpardu‹ (Vierzig Verse) mit Ergänzungsversen entstanden. Ramana war im Laufe der Jahre durch den Umgang mit gebildeten Devotees vieles aus der Advaita-Literatur bekannt geworden. Teile daraus, die ihm besonders wichtig waren, übersetzte er in den 30er und 40er Jahren ins Tamil. So stellte er z. B. 30 Verse aus der Bhagavad Gita zusammen, übersetzte Teile aus Shankaras Werken und aus den Agamas (heilige Hinduschriften), die allesamt in den ›Collected Works‹ (Die Gesammelten Werke) enthalten sind. Des Weiteren dichtete er ›Fünf Verse für Arunachala‹ (›Arunachala Pancharatna‹) und übersetzte 1927 sein eigenes tamilisches Werk der ›Quintessenz der spirituellen Unterweisung‹ (›Upadesa Undiyar‹) ins Sanskrit (›Upadesa Saram‹), ins Malayalam und ins Telugu.
Sri Ramanas Lehre stellt nichts wesentlich Neues dar. Er lehrte vorwiegend Atma Vichara (Selbstergründung), wobei er auf die Bedürfnisse jedes Einzelnen einging und auch alle anderen spirituellen Wege unterstützte. Allerdings war er der Auffassung, dass jeder spirituelle Pfad letztendlich in Atma Vichara münden würde und dass Atma Vichara der direkteste Weg von allen sei.
Bei der Selbstergründung wird bei dem bereits Bekannten angesetzt, nämlich beim eigenen Ich-Empfinden. Es wird erforscht, wo seine Quelle ist. Der Ich-Gedanke ist die Wurzel aller anderen Gedanken. Er erhebt sich nach dem Erwachen am Morgen und geht im Tiefschlaf wieder unter. Er ist also nicht beständig. Doch woher kommt dieses Ich-Bewusstsein? Nach Ramanas Lehre geht man den Weg des auswärts strebenden Geistes zurück und wendet ihn sich selbst zu. Man verfolgt, woher dieses ›Ich‹ eigentlich kommt. Ramana empfiehlt, sich die Frage »Wer bin ich?« zu stellen. Die Antwort darauf kann der Intellekt nicht geben, aber wenn die Zeit gekommen ist und die Übung (Sadhana) intensiv betrieben wird, wird sie sich von selbst einstellen und als das ewige und unzerstörbare pulsierende ›Ich‹ (Ramana nennt es ›Ich-Ich‹) des Selbst (Atman, Brahman) beständig erstrahlen. Damit ist dann das Ego endgültig in seine Quelle untergegangen, und das wahre Selbst tritt an seine Stelle, was zuletzt zu einer unverrückbaren und unumkehrbaren Erfahrung wird. Dieser Zustand wird im Advaita auch als ›Sein-Bewusstsein-Seligkeit‹ (Sat-Chit-Ananada) umschrieben. Dies entspricht der Lehre der Upanishaden und des Vedanta. Zugleich betont Ramana, dass dieses Sadhana (spirituelle Übung) des Atma Vichara die höchste Form von Hingabe (Bhakti) sei.
Ramanas Besonderheit war, dass er weniger durch Worte als vielmehr durch Schweigen lehrte. Der intensive Blick seiner Augen und die Ausstrahlung seiner ganzen Persönlichkeit waren so machtvoll, dass Menschen auf ihre ursprüngliche Bewusstseinsebene zurückgeworfen wurden. Er sagte nie von sich selbst, er sei ein Guru. Dennoch erlebten und erleben seine Schüler ihn als Sat-Guru.
1 Ebert: Ramana Maharshi, S. 20
2 dto., S. 21
3 dto., S. 56
4 dto., S. 76
5 dto., S. 80
Suri Nagamma
21.11.1945
Bruder, du hast mich darum gebeten, dir von Zeit zu Zeit von den Geschehnissen bei Bhagavan zu berichten und davon, was er sagt. Aber bin ich dazu in der Lage? Trotzdem will ich es versuchen und am heutigen Tag damit beginnen. Es wird nur mit Bhagavans Gnade gelingen.
Vorgestern war Vollmond, und das jährliche Deepam6 wurde sehr feierlich begangen. In der Frühe sind die Verehrer mit der Statue des Herrn Arunachaleswara unter Musikbegleitung zu einer Prozession um den Berg aufgebrochen. Als sie das Ashramtor erreichten, kam Sri Niranjanananda7 mit Bhagavans Anhängern heraus, opferte Arunachaleswara Kokosnüsse und Kampfer und erwies ihm die Ehre, während die Priester die Lichter (Arati) schwenkten.
Bhagavan war gerade auf dem Weg zum Kuhstall und setzte sich beim Buchladen hin, um sich das herrliche Schauspiel anzusehen. Devotees brachten ihm die Arati-Schale. Er nahm ein wenig von der heiligen Asche (Vibhuti) und zeichnete sie sich auf die Stirn, während er leise und voller Emotionen sagte: »Der Sohn ist dem Vater verpflichtet.« Sein Gesichtsausdruck bestätigte das alte Sprichwort: »Der Höhepunkt der verehrenden Hingabe (Bhakti) ist Erkenntnis (Jnana).«
Es machte uns betroffen, dass Bhagavan uns lehrte, dass sogar der Selbstverwirklichte (Jnani) Gott (Ishwara) verpflichtet ist, da alle Kreaturen Kinder Gottes sind.
Wir können nie die Bedeutsamkeit der Worte der Mahatmas übermitteln. Du hast mich darum gebeten, sie aufzuschreiben, aber wie kann ich die erlesene Schönheit seiner Worte wiedergeben? Wie kann ich sie adäquat übermitteln? Ich habe kürzlich in einem Gedicht geschrieben, dass jedes Wort, das er spricht, heilige Schrift ist. Doch warum sollte man nur von seinen Worten berichten? Wenn man ihn versteht, ist selbst sein Blick, seine Art zu gehen, sein Tun und Nicht-Tun, sein Ein- und Ausatmen – dann ist alles an ihm bedeutungsvoll. Kann ich das alles verstehen und interpretieren? Mit vollem Vertrauen auf Sri Bhagavans Gnade werde ich dir schreiben, was immer mir in den Sinn kommt, und ihm mit voller Hingabe dienen.
6 das Licht-Fest (Deepam) im November/Dezember. Auf dem Arunachala wird eine große Flamme entzündet, die Shivas Manifestation als Flammensäule symbolisiert. Zu diesem Fest gehört auch eine große Prozession mit festlich geschmückten Tempelwagen und den Statuen von Arunachaleswara und seiner Gefährtin Uma.
7 der Ashram-Verwalter und Sri Ramanas jüngerer Bruder (auch Chinnaswami genannt)
22.11.1945
Gestern kam ein bengalischer Swami im ockerfarbenen Mönchsgewand zum Ashram. Den ganzen Vormittag führte Bhagavan mit ihm ein Gespräch über spirituelle Themen. Ich würde dir gerne Genaueres berichten, aber der Platz in der Halle, der für die Frauen reserviert ist, ist weit von Bhagavan entfernt. Zudem saß ich ganz hinten und konnte nicht alles hören.
Eines aber habe ich ganz deutlich vernommen. Bhagavan sagte über sein Todeserlebnis in Madurai: »Im Anblick des Todes war das Selbst Gewahrsein (Aham Sphurana) völlig offensichtlich, obwohl alle Sinne betäubt waren. Dadurch erkannte ich, dass es dieses Bewusstsein ist, das wir ›Ich‹ nennen, und nicht der Körper. Dieses Selbst-Bewusstsein ist unzerstörbar. Es bezieht sich auf nichts. Es erstrahlt aus sich selbst. Selbst wenn dieser Körper verbrannt wird, wird es davon nicht berührt. Ich begriff an diesem Tag mit völliger Klarheit, dass ›Ich‹ dies bin.«8
8 Sri Ramana bezieht sich hier auf sein einschneidendes Todeserlebnis, das er im Alter von 16 Jahren in Madurai hatte und durch das er zum Selbst erwachte.
24.11.1945
Gestern habe ich dir davon berichtet, dass Bhagavan zuweilen über die Hochzeit von Vater und Mutter spricht. Wenn frisch verheiratete Paare kommen, um ihm ihre Ehrerbietung zu erweisen, segnet er sie mit seinem gewohnten gütigen Lächeln. Interessiert hörte er sich alle Ereignisse der Hochzeitsfeier an. Sein Gesicht zeigt dieselbe Erheiterung wie das der Erwachsenen, wenn sie die Kinder beim Spiel der Puppenhochzeit beobachten.
Prabhavati ist noch nicht lange verheiratet. Ihre Hochzeit muss nun etwa ein Jahr zurückliegen. Vor ihrer Heirat lebte sie etwa zwei Jahre lang hier. Sie stammt aus Maharashtra, sieht gut aus und ist gebildet. Sie wollte eine große Bhakta werden wie die Heilige Mirabai12, sang und tanzte und beteuerte, sie werde niemals heiraten. Sie trug ockerfarbene Gewänder13 und benahm sich vor Bhagavan wie ein ungezogenes Kind. Bhagavan wusste, dass sich ihre Ungezogenheit erst dann legen würde, wenn sie verheiratet war. Schließlich wurde sie irgendwie verheiratet. Nach der Zeremonie kamen Braut und Bräutigam in ihren Hochzeitsgewändern in Begleitung ihrer Verwandten zu Bhagavan, brachten ihm Obst und Blumen als Opfergabe mit und verneigten sich vor ihm.
Nach einem Aufenthalt von wenigen Tagen kam Prabhavati mit ihrem Mann in die Halle, um sich zu verabschieden und Bhagavan um seinen Segen zu bitten, bevor sie zu ihrem Mann zog. Eichhörnchen spielten um Bhagavans Sofa herum und Pfauen stolzierten vor der Halle auf und ab. Es waren nicht viele Leute da, und in der Halle war es still. Der junge Mann verneigte sich ehrfürchtig vor Bhagavan, verabschiedete sich und wartete draußen an der Einfahrt auf seine Frau. Niedergeschlagen, scheu und mit Tränen in den Augen wartete das geliebte Ashram-Kind auf Bhagavans Zustimmung, um sich vom Ashram endgültig loszureißen. Bhagavan nickte, und sie verneigte sich vor ihm.
Kaum hatte sie die Halle verlassen, sah mich Bhagavan an und meinte: »Gestern hat Sundaresa Iyer das Kapitel von Krishna aus dem Bhagavata für sie abgeschrieben.«
Ich sagte: »Wenn sie wiederkommt, wird sie ein Kind in den Armen halten.«
Prabhavati sang mit ihrer süßen und vollen Stimme ein frommes Lied, während sie die Halle umrundete. Bhagavan war davon sehr berührt und sagte: »Erkennst du das Mukundamala14?«
Ich ging zu ihr hinaus und segnete sie. Sie verneigte sich wiederholt vor Bhagavan. Dann sah ich ihr nach, wie sie den Ashram verließ, und kehrte in die Halle zurück. Ich weiß nicht, ob du es für eine Übertreibung hältst, wenn ich dir sage, dass die Geschichten, die wir aus den Puranas kennen, sich hier und jetzt vor unseren Augen wiederholen.
12 bekannte Hindu-Heilige aus dem 15./16. Jh., die viele fromme Lieder schrieb und der Bhakti-Tradition angehörte
13 Das ockerfarbene Gewand ist ein Zeichen der Entsagung.
14 ein bekanntes Bhakti-Lied in Sanskrit. Der Bhakta bittet darin Mukundamala (Krishna), ihn aus dem Kreislauf des Samsara zu befreien.
25.11.1945
Morgen ist der besondere Tag, an dem Bhagavan mit den Devotees ein Fest im Skandashram feiern wird. Alle Devotees, die im Ashram und in der Nähe wohnen, Männer und Frauen, sind schon den ganzen Tag über mit Vorbereitungen beschäftigt und machen viel Aufhebens darum. Bhagavan dagegen sitzt wie immer würdevoll, unbekümmert und ruhig auf seinem Platz. Gibt es für ihn irgendetwas, das er zusammenpacken oder um das er sich kümmern müsste? Ein Wassergefäß, einen Spazierstock, das Lendentuch, das er trägt, und ein Handtuch ist alles, was er besitzt. Er ist sofort zum Aufbruch bereit. »Derjenige, der nur ein Lendentuch trägt, ist in Wahrheit der Reichste von allen«, so hat Shankara diese Weisen beschrieben. Der Ashram, die Devotees und alles Drumherum sind für ihn lediglich wie ein Schauspiel, das zum Nutzen anderer aufgeführt wird. Aber braucht Bhagavan das alles? Könnte er nicht fortgehen und in aller Freiheit die sieben Weltmeere überqueren, wenn er wollte? Halte dir in Erinnerung, dass es unser Glück ist, dass er bei uns ist.
Ich werde dir morgen von allem berichten.15
15 s.a. Nagamma: Mein Leben, S. 42
26.11.1945
Als ich heute früh zum Veda-Parayana in den Ashram kam, waren alle sehr geschäftig. Die einen kochten, die anderen putzten, wieder andere gaben Anweisungen. Pulihodara (Tamarindenreis) Dadhyodhanam (Joghurt mit Reis), Pongal (süßer Reis), Vadai (eine Art Snacks), Chips, Puries (flache, gebackene Weizenbrote), Kootu (Nebenspeise aus Gemüse) und viele andere Gerichte wurden in Körbe verpackt und den Berg hinaufgebracht. Der Ashram-Verwalter hatte sich um alles gekümmert und die ganze Nacht kein Auge zugetan.
Nach dem Veda-Parayana nahm Bhagavan sein Bad, frühstückte und machte sich in Begleitung von Rangaswami auf den Weg zum Skandashram. Die Devotees folgten grüppchenweise, so auch Alamelu (Bhagavans Schwester) und ich.
Von Devotees umringt setzte sich Bhagavan in den Schatten der Bäume vor dem Skandashram. Sadhakas und Sannyasins, Rechtsanwälte, Ärzte, Ingenieure, Künstler, Zeitungsreporter, Dichter, Sänger und viele andere waren aus Madras, Pondicherry und Villupuram gekommen. Alte und Junge, Männer und Frauen, alle hatten sich ohne Unterschied auf dem Boden vor Bhagavan niedergelassen und hielten ihre Blicke auf ihn gerichtet.
Bruder, wie kann ich dir dieses Bild vermitteln? Der Maharshi ist still, und sein heiterer Blick, der aus dem Ursprung kommt, durchdringt alles. Sein freundliches Lächeln erstrahlt wie der kühlende Mondschein.
Es war wolkiger geworden, und es blies ein heftiger Wind. Die Devotees gaben Bhagavan einen breiten Schal, in den er sich völlig einhüllte, sodass nur noch sein Gesicht zu sehen war. Er sah nun wie seine Mutter Alagammal aus. Alamelu und ich dachten dasselbe. Es gibt sogar ein Foto davon.
Dann übermittelte er seine Lehre durch Schweigen. Bestimmt waren auch einige reine Seelen anwesend, die von all ihren Zweifeln befreit wurden. Ich war jedoch in Gedanken mit der Zubereitung von Pulihodara, Dadhyodhanam und anderen Gerichten beschäftigt, da es Mittagszeit war. Die Devotees wollten, dass Bhagavan separat bedient werden sollte, aber er ließ einen Tisch vor seinem Sofa aufstellen und hielt sein Festmahl inmitten von uns allen.
Nach dem Essen wurde sein Sofa auf die Veranda getragen. Alamelu, ich und einige andere Frauen saßen in einem angrenzenden Raum und konnten Bhagavan durch ein Fenster sehen. Er erzählte Geschichten von seinem früheren Leben auf dem Berg, wie seine Mutter zu ihm kam, vom Bau des Skandashram, von der Wasser- und Nahrungsversorgung, den Gesetzen der Affenstämme, dem Tanz der Pfauen und von Schlangen und Leoparden. Dann hielt er plötzlich seinen Blick auf eine Stelle gerichtet und erinnerte sich: »Hier ist Mutter gestorben. Wir haben sie draußen hingesetzt. Ihr Gesicht war noch nicht vom Tod gezeichnet. Sie sah aus wie jemand, der in tiefem Samadhi ist. Göttliches Licht tanzte auf ihrem Angesicht. Es war genau dort, wo du jetzt sitzt.«
Bevor Mutter hier wohnte, wurde im Ashram nicht gekocht. Sie sorgte dafür, dass die Ashram-Bewohner ordentlich zu essen hatten. Das Herdfeuer, das sie entfacht hat, besteht bis heute und füllt die Mägen von tausenden Devotees.“
Dann wurden verschiedene Leckerbissen serviert, und wir machten uns auf den Rückweg. Wir erreichten den Ashram, als die Sonne im Westen hinter dem Berg versank.
28.11.1945
In den letzten Monaten hatten Bhagavans Gehilfen seine Beine mit medizinischem Öl eingerieben, um seinen Rheumatismus zu lindern. Einige dienstbeflissene Devotees begannen, ihn im Halbstundenrhythmus zu massieren, was den üblichen Tagesablauf im Ashram durcheinanderbrachte.16 Da sagte er: »Hört damit auf. Ich möchte diese Beine auch ein bisschen massieren. Soll ich mir damit nicht auch Verdienst erwerben?« Er nahm ihre Hände weg und begann, seine Beine zu massieren. Ich amüsierte mich sehr darüber.
Ein betagter Richter im Ruhestand sagte zu Bhagavan: »Swami, ich sollte dir als meinem Guru auch meinen Dienst erweisen.«
Bhagavan: »Ach, tatsächlich? Der Dienst für das Selbst ist der Dienst für den Guru. Du bist jetzt 70 Jahre alt und willst mir dienen? Genug damit! Wenigstens von jetzt an solltest du dir selbst dienen. Es genügt vollkommen, wenn du still bist.«
16 Solche Dienste für den Guru werden als verdienstvoll angesehen und sind deshalb sehr begehrt.
29.11.1945
Du kennst doch den Ayurveda-Arzt Ramachandra Rao? Er wollte für Bhagavan ein stärkendes Tonikum zubereiten, stellte dafür eine lange Liste mit Kräutern und Zutaten zusammen und zeigte sie ihm. Wie ein folgsamer Junge ging Bhagavan die Liste durch, lobte die gute Wirksamkeit der verschiedenen Mittel und fragte schließlich: »Guter Mann, für wen ist diese Arznei gedacht?«
Der Arzt antwortete leise: »Für Bhagavan.«
Bhagavan: »Du hast mir eine lange Liste gegeben, aber wo soll ich das Geld dafür hernehmen? Das alles wird 10 Rupien kosten. Wen soll ich darum bitten?»
Da bemerkte jemand: »Wem gehört denn der ganze Ashram-Besitz?«
Bhagavan erwiderte: »Ja, aber was besitze ich selbst? Wenn ich nur eine Viertel Annas möchte, muss ich den Ashram-Verwalter darum bitten. Wie kann ich ihn darum angehen? Wenn die Glocke läutet, bekomme ich mein Essen. Man könnte mir das Essen verweigern, wenn ich mich verspäte. Selbst wenn das Essen verteilt wird, komme ich als letzter dran.«
Der arme Arzt sagte mit gefalteten Händen: »Swami, ich habe dir nur die Liste gezeigt. Ich selbst werde die nötigen Dinge besorgen.«
Bhagavan: »Tatsächlich? Aber wenn dieses Medikament gut für mich ist, dann muss es auch für alle anderen hier gut sein. Kannst du es auch für sie besorgen?«
Da meinten einige Anwesende: »Swami, wozu sollten wir es brauchen?«
Bhagavan erwiderte: »Wenn die Leute, die körperliche Arbeit verrichten, kein aufbauendes Tonikum brauchen, wozu sollte ich es dann nötig haben? Ich sitze die ganze Zeit nur da und esse. Nein, das kann nicht sein!«
Schon früher hatte Dr. Srinivasa Rao gemeint, es wäre gut, wenn Bhagavan eine stärkende Arznei einnehmen würde.
Bhagavan erwiderte: »Ja, das mag schon sein. Du bist reich und kannst dir alles leisten, aber was ist mit mir? Ich bin ein Bettler. Wie könnte ich mir so eine kostspielige Arznei leisten?«
Der Arzt meinte: »Bhagavan lehnt immer alles ab, was man ihm anbietet, aber wenn er einwilligen würde, etwas zu nehmen, würde es dann nicht auch kommen? Und wenn er schon keine Arznei nimmt, warum sollte er nicht wenigstens nahrhafte Kost wie Milch, Obst und Mandeln essen?«
Bhagavan: »Schon möglich, aber ich bin ein Bettler. Wie kann ich es mir leisten? Zudem muss ich nicht nur für mich sorgen. Ich habe eine große Familie. Wie können sie alle Obst, Milch, Mandeln und solche Dinge bekommen?«
Bhagavan will nichts Besonderes für sich. Er hat uns oft gesagt, es würde ihm nichts ausmachen übergangen zu werden, wenn jemand etwas zu essen bringt und es unter allen verteilt. Aber er fühlt sich verletzt, wenn nur ihm etwas gebracht wird, wovon nicht auch die anderen etwas erhalten.
Wenn ihm unterwegs Leute entgegenkommen, will er nicht, dass sie seinetwegen zur Seite treten, sondern macht selbst Platz und lässt sie vorbei. Erst dann geht er weiter.
Wenn begriffsstutzige Leute ihn bevorzugt behandelt, verzeiht er es meistens, da er von Natur aus nachsichtig ist, doch wenn es zu weit geht, äußert er seinen Unwillen: »Was kann ich machen! Sie haben die Oberhand. Sie sind diejenigen, die bedienen, und ich bin derjenige, der isst. Ich muss ihnen gehorchen und essen. So ist das Leben eines Swamis, versteht ihr?«
30.11.1945
Vor etwa zwei Jahren kam ein altes Ehepaar aus Guntur und blieb für zwei Monate. Sie hatten den Ashram schon einmal besucht. Der Mann konnte es sich nicht leisten, mehr als zwei Monate von Zuhause wegzubleiben. Vielleicht wollte er seiner Frau daran die Schuld geben, als er zu Bhagavan sagte: »Ich halte diese Familienprobleme nicht mehr aus! Ich habe meiner Frau gesagt, sie soll nicht mitkommen, aber sie hat mich begleitet. Und jetzt, nach nicht einmal zwei Monaten, drängt sie: ›Komm, wir müssen heim! Wir müssen uns Zuhause um so vieles kümmern.‹ Ich habe sie gebeten, alleine heimzufahren, aber sie will nicht. Bhagavan, bitte überzeug du sie. Dann kann ich immer mit dir zusammen essen und hierbleiben.«
Bhagavan erwiderte scherzhaft: »Lieber Mann, wohin willst du denn gehen, wenn du deine Familie verlassen hast? Willst du in den Himmel fliegen? Am Ende musst du doch auf dieser Erde bleiben. Wo immer wir auch sind, die Familie ist da. Auch ich bin fortgegangen und wollte nichts mehr davon wissen, aber sieh her, was für eine große Familie ich jetzt habe! Meine Familie ist hundert Mal größer als die deine. Ich soll deiner Frau sagen, dass sie gehen soll. Wenn sie aber sagt: ›Wohin soll ich denn gehen, Swami? Ich würde viel lieber hierbleiben‹, was soll ich ihr dann antworten? Du sagst, dass du deine Familie nicht willst. Was soll ich dann bloß mit meiner Familie machen? Wohin soll ich gehen, wenn ich das alles verlasse?«
Die Leute in der Halle lachten. Der alte Mann kauerte sich auf den Boden und sagte: »Ja, aber was macht es Bhagavan schon aus? Er ist von allen Bindungen frei und kann die Last jeder Familie tragen, wie groß sie auch sein mag.«
Du solltest sehen, wie humorvoll Bhagavan über die Dinge spricht. Was er auch sagt, birgt eine Lehre für uns.
Devotees wie ich haben die Angewohnheit, Bhagavan von ihren Schmerzen in den Beinen, im Magen oder im Rücken zu erzählen. Einmal sagte jemand zu ihm: »Meine Augen sind schlecht. Ich kann nicht mehr richtig sehen. Ich bitte Bhagavan um Hilfe.«
Bhagavan nickte wie üblich, doch sobald der Mann die Halle verlassen hatte, meinte er: »Er erzählt von schlechten Augen. Ich habe Schmerzen in den Beinen. Wen soll ich um Hilfe bitten?«
Wir schwiegen betroffen.
1.12.1945
Es war am Anfang meines Aufenthalts im Ashram. Eines Nachmittags fragte ein Mann aus Andhra Pradesh Bhagavan: »Swami, ich wiederhole den Namen Ramas morgens und abends jeweils eine Stunde lang, doch andere Gedanken lenken mich ab. Manchmal sind sie so stark, dass ich mein Japa vergesse. Was soll ich tun?«
Bhagavan erwiderte: »Dann nimm das Japa wieder auf.«
Wir lachten. Armer Mann! Betrübt sagte er: »Der Grund für die Störung ist Samsara (die Familie). Deshalb denke ich darüber nach, ob ich dieses Samsara nicht verlassen soll.«
Bhagavan meinte: »Ach, ist das wirklich so? Was bedeutet Samsara eigentlich? Ist Samsara im eigenen Innern oder außerhalb? Frau, Kinder und andere, ist das Samsara? Was haben sie getan? Finde zuerst heraus, was Samsara wirklich bedeutet. Danach können wir über die Frage nachdenken, es zu verlassen.«
Darauf wusste der Mann nichts zu antworten und schwieg niedergeschlagen.
Bhagavan war voller Mitgefühl. Mit einem liebevollen Blick meinte er: »Nehmen wir einmal an, du verlässt deine Frau und deine Kinder. Wenn du hierbleibst, wird dies zu einer anderen Art von Samsara. Nehmen wir an, du entsagst der Welt und wirst ein Sannyasin. Damit entsteht eine andere Art von Samsara in Form von einem Karra und einem Kamandala (Wanderstab und Wasserkrug des Sannyasin) und ähnlichem. Wozu sollte das gut sein? Samsara bedeutet Samsara des Geistes. Wenn du dieses Samsara verlässt, spielt es keine Rolle, wo du bist. Nichts beunruhigt dich.«
Der arme Mann! Er nahm seinen Mut zusammen und fragte: »Wie kann man das Samsara des Geistes aufgeben?«
Bhagavan antwortete: »Genau darauf kommt es an. Du hast mir erzählt, dass du Japa von Ramas Namen praktizierst. Du sagst, dass du manchmal dein Japa vergisst, wenn dich Gedanken überkommen. Versuche, dich daran so oft wie möglich zu erinnern, und nimm den Namen Ramas immer wieder auf. Die anderen Gedanken werden dann allmählich verebben.
Für die Praxis der Wiederholung des Namens Gottes gibt es mehrere Stufen. Es ist besser, den Namen nur durch stilles Bewegen der Lippen zu wiederholen, als es laut zu tun. Noch besser ist die geistige Wiederholung, und das allerbeste Japa ist die Meditation (Dhyanam). In Upadesa Saram, Vers 6, heißt es: ›Geistige Meditation durch Japa ist besser als die schönsten Hymnen, ob sie nun laut oder leise gesungen werden.‹«
2.12.1945
Ein junger Mann aus Andhra Pradesh fragte Bhagavan: »Swami, da ich ein großes Verlangen nach der Befreiung (Moksha) habe und den Weg dorthin unbedingt kennen möchte, habe ich alle möglichen Bücher über Vedanta gelesen. Jedes von ihnen beschreibt den Weg, aber immer anders. Ich habe auch viele Gelehrte besucht, doch jeder hat mir einen anderen Weg empfohlen. Das hat mich verwirrt. Deshalb bin ich zu dir gekommen. Bitte sage mir, welchen Weg ich nehmen soll.«
Sri Ramana antwortete ihm mit einem Lächeln: »In Ordnung, dann nimm den Weg, den du gekommen bist!«
Wir amüsierten uns darüber. Der junge Mann wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Er wartete, bis Bhagavan die Halle verlassen hatte, und wandte sich dann entmutigt an die anderen: »Ich bin voller Hoffnung einen weiten Weg hierhergekommen und habe weder Kosten noch Unannehmlichkeiten gescheut, weil mein Wunsch, den Weg zu Moksha zu erfahren, so stark ist. Ist es da fair, mir zu sagen, ich soll den Weg zurückgehen, den ich gekommen bin? Ist das etwa nur ein gewaltiger Scherz?«
Darauf erwiderte einer der Anwesenden: »Nein, es ist kein Scherz. Es ist die beste Antwort auf deine Frage. Bhagavan lehrt, dass die Suche ›Wer bin ich?‹ der leichteste Weg zu Moksha ist. Du hast ihn gefragt: ›Welchen Weg soll ›ich‹ gehen?‹, und seine Antwort: ›Geh den Weg, den du gekommen bist‹ bedeutet: Wenn du den Pfad, den dieses ›Ich‹ genommen hat, untersuchst und zurückverfolgst, dann wirst du die Befreiung erlangen.«
Der junge Mann wunderte sich über diese Interpretation. Man gab ihm das Buch ›Wer bin ich?‹. Er nahm die Worte Bhagavans als Belehrung (Upadesa) an, verneigte sich vor ihm und ging.
Bhagavan lehrt uns auf humorvolle, beiläufige oder tröstliche Weise. Während der ersten Jahre, die ich im Ashram verbrachte, hatte ich manchmal Heimweh. Dann ging ich immer zu Bhagavan, wenn gerade niemand da war, und sagte: »Bhagavan, ich möchte heim, aber ich fürchte mich, wieder in das Familiendurcheinander zurückzufallen.«
Er pflegte dann zu sagen: »Wie können wir in etwas fallen, wenn doch alles kommt und in uns fällt?«
Bei einem anderen Anlass sagte ich: »Swami, ich bin von diesen Bindungen noch nicht frei«, worauf er erwiderte: »Lass kommen, was kommt, und gehen, was geht. Warum sorgst du dich?«
2.12.1945
Im August 1944 kam ein junger Bengalese namens Chinmayananda in den Ashram. Er trug das ockerfarbene Gewand eines Sannyasin, war ein Prediger des Birla-Tempels in Delhi und war viel gereist. Er hatte den Aurobindo Ashram besucht und brachte einen Brief von Dilip Kumar Roy17 mit. Er mochte devotionale Musik, hatte eine gute Stimme und sang in der Halle Bhajans (devotionale Lieder) in Sanskrit und Hindi vor. Im Gespräch wurde deutlich, dass er ein Anhänger von Chaitanyas18Bhakti-Kults ist.
Jemand hatte ihm gesagt, er könne sein Lebensziel [i. e. die Befreiung] nicht erreichen, wenn er nicht frei von allen Ablenkungen am selben Ort bliebe. Er ging zu Bhagavan, um seine Meinung darüber in Erfahrung zu bringen, und stellte eine allgemeine Frage: »Swami, können Sadhakas (spirituell Übende), die umherwandern und Gott zu Ehren Lieder singen, ihr Lebensziel erreichen oder sollten sie am selben Ort bleiben?«
Bhagavan erwiderte: »Es ist gut, wenn man den Geist nur auf eine Sache gerichtet hat, wohin man auch immer wandert. Was nützt es, den Körper an einem Ort festzuhalten, wenn man dem Geist erlaubt, umherzuwandern?«
»Ist absichtsloses Bhakti möglich?«
»Ja, es ist möglich«, antwortete Bhagavan.
Die Hingabe, die Bhagavan für Arunachala hegt, ist ein Beispiel für diese Art von Bhakti. Im 7. Vers von Arunachala Navamani Mala (Halsband aus neun Edelsteinen für Arunachala), das Bhagavan in Tamil geschrieben hat, heißt es:
»Oh Arunachala, kaum hast Du Deinen Anspruch auf mich erhoben, waren mein Leib und meine Seele auch schon Dein. Was kann ich noch begehren? Du bist sowohl Verdienst als auch Verlust, oh Du mein Leben! Beides kann nicht ohne Dich sein. Tu denn, was Du willst, mein Geliebter, aber gewähre mir eines: eine ständig wachsende Liebe zu Dir!«19
Was also ist der Zweck dieses Bhakti? Nichts. Bhagavan sagt uns, dass absichtsloses und vollkommenes Bhakti, das nicht zwischen dem Verehrer und dem Verehrten unterscheidet, dasselbe wie Jnana (Erkenntnis) ist.
17 bengalischer Musiker und Sänger von religiösen Liedern, Anhänger Aurobindos
18 bengalischer Mystiker aus dem 15./16. Jh.
19 The Necklet of Nine Gems in: Collected Works, S. 96
12.12.1945
Eines Morgens kam Bhagavan auf seine Mutter zu sprechen. Er erzählte, wie sie zu ihm zog und wie sie lebte.
»Mutter besuchte mich oft und blieb dann längere Zeit bei mir. Wie ihr wisst, rede ich selbst wilde Tiere und Vögel auf förmliche Weise an. Ich tat das auch bei Mutter. Dann kam es mir jedoch in den Sinn, dass ich sie damit verletzte. Also gab ich es auf und redete sie auf familiäre Weise [mit ›Amma‹, Mutter] an. Wenn eine Gepflogenheit natürlich und zur Gewohnheit geworden ist, fühlt man sich unwohl, wenn man sie ändert. Aber was machen diese weltlichen Dinge schon aus?
Als Mutter starb, dachte ich, ich wäre den Familienbanden entronnen, könnte mich frei bewegen und einsam in irgendeiner Höhle leben, aber ich bin jetzt noch viel mehr gebunden als damals. Ich kann nicht einmal nach Belieben den Ashram verlassen.«
Bhagavan hatte erfahren, dass der Skandashram renoviert wurde. Am nächsten Tag zur Mittagszeit wollte er heimlich mit seinem Gehilfen Rangaswami hingehen, um es sich anzusehen. Was geschah? Wir alle folgten ihm und umringten ihn, sodass er sich nicht mehr von der Stelle bewegen konnte. Nur mit großer Mühe gelang es ihm, um 8 Uhr abends mit der ganzen Menge zurückzukehren.
Ramana mit seiner Mutter im Skandashram
Vierzehn Tage später berichteten die Arbeiter Bhagavan, dass der Weg zum Skandashram fertig sei, und baten ihn, ihn sich anzusehen. Bhagavan erwiderte: »Wir werden sehen.« Um 17 Uhr ging er wie üblich auf dem Berg spazieren und entwischte heimlich zum Skandashram. Es wurde bemerkt, und trotz der einbrechenden Dunkelheit folgten ihm Männer und Frauen mit Fackeln und Laternen.
Echammal
29.12.1945
Am 27. Dezember um 2.45 Uhr nachts starb Echammal20, die für Bhagavan wie eine Mutter gewesen war, und erlangte die Einheit mit dem Allmächtigen. Ich bin darüber eher dankbar denn betrübt. Als ich bei ihr auszog, um in Ashram-Nähe zu wohnen, sagte sie wiederholt zu mir: »Ich liebe dich wie mein eigenes Kind. Ich habe gehofft, du wirst dabei sein, wenn ich diese Welt verlasse, aber jetzt wohnst du weiter weg. Du wirst erst zu mir kommen, wenn ich schon tot bin. Du wirst meinen Leichnam zur Verbrennung begleiten, nicht wahr?« Dabei kamen ihr jedes Mal die Tränen. Genau so kam es. Ich erfuhr von ihrem Tod, ohne etwas von ihrer Krankheit gewusst zu haben.
Du wirst Dich noch an den 25. Dezember erinnern, als Du und Deine Frau Echammal Kleider schenkten und sie eifrig zuhause für die Gäste kochte. Am selben Abend konnte sie plötzlich nicht mehr aufstehen und bat um Wasser. Dann legte sie sich schweigend hin, und alle Gäste gingen. Sie konnte nicht mehr essen und reden und blieb bettlägerig. Am nächsten Tag wurde Bhagavan darüber informiert.
Am 27. wurde ihr Zustand ernst. Ihre Verwandten wurden telegraphisch benachrichtigt. Obwohl sie die meiste Zeit bewusstlos war, öffnete sie leicht die Augen, wenn jemand sie ansprach. Nachmittags wollte eine Frau prüfen, ob sie bei Bewusstsein war, und sagte: »Heute ist wohl kein Essen zu Bhagavan gesandt worden.« Als sie das Wort »Essen« hörte, riss sie mit einem Ausruf ihre Augen weit auf und blickte fragend um sich. Beruhigend sagte ihre Nichte: »Wir haben es hingeschickt«, und Echammal nickte.
Um 8 Uhr abends sprach sie unzusammenhängend. Ihre Augen wurden glasig, der Todeskampf hatte eingesetzt. Ihr Neffe benachrichtigte Bhagavan. Der Ashram-Arzt untersuchte sie und sagte, es sei hoffnungslos. Nachdem Bhagavan davon unterrichtet worden war, musste sie nicht mehr viel leiden. Ihr Atem wurde schwächer, und um 2.45 Uhr nachts starb sie.
Als ich am folgenden Morgen zum Ashram kam, erfuhr ich die traurige Nachricht. Bhagavan sagte zu mir: »Oh, ist sie tot? Ich habe auf den Zeitpunkt gewartet, an dem sie von allen weltlichen Sorgen loskommt. Jetzt ist sie alle Sorgen los. Geh zu ihr, und komme dann wieder zurück.«
Ich ging mit einigen Devotees hin. Als ich ihren Körper mit dem noch unverstellten Gesicht sah, überwältigte mich der Kummer. Sie war zweifelsohne eine starke Persönlichkeit gewesen. In der ersten Zeit, als ich alleine hier war, war sie meine einzige Hilfe. Obwohl ich gegen ihren Willen meine Unterkunft gewechselt hatte, brachte sie mir etwas zu essen, wenn ich krank war. Ich badete sie in Gangeswasser, zeichnete sie mit heiliger Asche und legte ihr eine Gebetskette um, wie sie es mir aufgetragen hatte. Dann begleitete ich sie auf ihrer letzten Reise. Ihre Verwandten beschlossen, dass sie verbrannt und nicht beerdigt werden sollte.
Als ich mich heute Nachmittag vor Bhagavan verneigte, fragte er: »Wie ist sie gestorben? Was wurde mit ihr getan?«
Ich antwortete: »Man hat sie verbrannt. Ihre Verwandten sagten, sie habe gewollt, dass ihre Asche in ihrem Dorf begraben wird.«
Bhagavan erwiderte: »Ja, das ist gut. So wurden auch Ganapati Muni und andere beigesetzt.«
Dann sagte er tröstend: »Ich habe ihr wiederholt gesagt, sich nicht ums Essen zu sorgen. Aber nein! Sie war unnachgiebig und weigerte sich, selbst zu essen, solange sie den Swami nicht bedient hatte. Sogar heute wurde in ihrem Namen Essen für mich gebracht.«
Ich: »Jetzt nicht mehr.«
Bhagavan: »Die alte Frau Mudaliar ist noch da.«
Ich: »Immer wenn Echammal mir etwas zu essen brachte, wurde sie ärgerlich, wenn ich es nicht auf der Stelle aß.«
Meine Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Bhagavan erwiderte: »Ja, ja« und wechselte das Thema.
Das irdische Leben einer Devotee, die 38 Jahre lang an ihrem Gelübde festgehalten und Gott verehrt hat, ist jetzt zu Ende.
Noch eine interessante Begebenheit: Als ich am 27. Dezember abends in die Halle kam und mich vor Bhagavan verneigte, saß er bewegungslos und in tiefer Versenkung in Padmasana-Haltung da. Seine Augen strahlten wie zwei Sterne, und ich spürte, dass der geistige Glanz des Universums sich in seiner Gestalt verdichtet hatte. Ich wollte ihn näher und länger betrachten, konnte dem machtvoll blendenden Licht aber nicht standhalten, verneigte mich vor ihm und ging nach Hause. Die ganze Zeit dachte ich, dass dieser tief meditative Zustand Bhagavans eine besondere Bedeutung haben müsse.
