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Suri Nagamma lebte von 1941-1950 in unmittelbarer Nähe Ramana Maharshis, des großen Weisen Südindiens. Sie stellte sich unter seine spirituelle Führung und entwickelte ein sehr vertrautes Verhältnis zu ihm. In diesem Buch berichtet sie von ihrer tragischen Kindheit, von ihrer intensiven Suche nach einem spirituellen Meister, von ihren Jahren im Ramanashram und der Zeit danach.
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Seitenzahl: 162
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Vorwort
Meine frühen Jahre
Mein Leben im Ramanashram
Mein Leben nach Bhagavans Tod
Nachwort
Glossar
Literaturverzeichnis
Suri Nagamma stammte aus einer telugischen Familie der Mittelschicht. Schon früh verlor sie ihre Eltern und wurde bereits als Kind Witwe. Dieser schwere Schicksalsschlag führte sie zunächst in eine tiefe Depression. Allmählich erwachte ihr religiöses Interesse, und sie ersehnte sich einen spirituellen Meister, den sie 1941 in Ramana Maharshi fand. Sie blieb dauerhaft in Ashramnähe wohnen.
Ermutigt durch ihren Bruder und andere Devotees begann sie, die täglichen Ereignisse im Ashram aufzuschreiben, die nach hartem Kampf mit der Ashramleitung als ›Letters from Sri Ramanasramam‹ veröffentlicht wurden, wovon es inzwischen auch eine deutsche Übersetzung gibt (Briefe aus dem Ramanashram). Diese schriftstellerische Tätigkeit brachte sie in noch engeren Kontakt mit Ramana Maharshi, zu dem sie ein außerordentlich vertrautes Verhältnis aufbauen konnte und dessen lebendige Führung sie auf vielerlei Weise erfahren durfte.
Nach Sri Ramanas Tod 1950 blieb sie im Ashram, bis gesundheitliche Gründe sie zwangen, in der Nähe ihrer Familie zu wohnen.
Das vorliegende Buch ist keine Eins-zu-eins-Übersetzung von Suri Nagammas Autobiografie ›My Life at Sri Ramanasramam‹, sondern enthält auch Ausschnitte aus dem zweiten Teil ihres letzten Buches ›Letters and Recollections from Sri Ramanasramam‹, die chronologisch eingefügt wurden. Einiges wurde gekürzt oder weggelassen, wenn es sich um zu spezifische Themen handelt, die für den deutschen Leser schwer nachvollziehbar sind.
Ich danke dem Ramanashram für die Genehmigung zur Übersetzung dieses Buches und dafür, das Bildmaterial von Ramana verwenden zu dürfen.
Gabriele Ebert
Meine frühen Jahre
Ich wurde im August 1902 in Kolanukonda, einem kleinen Dorf im Guntur Distrikt in Andhra Pradesh, geboren. Mein Vater starb, als ich vier Jahre alt war, und meine Mutter folgte ihm, als ich zehn war. Mein ältester Bruder, der von Geburt an kleinwüchsig war, konnte sich nicht um die Familie kümmern, und meine anderen beiden älteren Brüder waren in Madras auf dem College. Deshalb blieben meine ältere Schwester und ihr Mann bei mir und kümmerte sich um mich.
Ich war gerade mal 11 Jahre alt, als ich verheiratet wurde. Wie die Frauen in den Puranas glaubte ich, ich könne die Befreiung dadurch erlangen, indem ich meinem Mann treu diente. Aber nur ein Jahr später starb auch er plötzlich an den Pocken und ließ mich als Witwe zurück. Ich war noch zu jung, um die ganze Tragweite dieser Katastrophe zu erfassen. Mein Herz war gebrochen. Ich schloss mich in eines der Zimmer unseres großen Hauses ein und brütete über meinem Unglück. Ich hatte keinen Appetit und ging nur noch selten aus dem Haus. Ich wurde sehr blass und hatte Magenprobleme. Die ganze Zeit lag ich auf einer zerschlissenen Matte auf dem Fußboden, hatte meine Hand unter den Kopf gelegt und starrte wie eine Eidechse die Wand an. Wenn jemand mich besuchte, weinte ich bitterlich. Auf diese Weise vergingen einige Monate.
Mit den Jahren begann ich die Welt besser zu verstehen. Ich interessierte mich für religiöse Vorträge, fromme Gesängen und ähnliche Dinge. Meine Familie war über meine intensive Hingabe froh, und das half mir sehr in dieser schweren Zeit. Da ich Vater, Mutter und Ehemann so früh verloren hatte, spürte ich, dass mir keine andere Wahl blieb, als Gottes Hilfe durch Gebet und Meditation zu suchen. Noch bevor ich in den Ozean des Samsara eintreten konnte, war mir die Witwenschaft aufgezwungen worden, und ich spürte, dass ich aus meiner misslichen Lage das Beste machen sollte.
Da ich aus einem kleinen Dorf stammte, das nicht einmal eine Grundschule hatte, musste ich mich um meine Ausbildung selber kümmern. Die Erwachsenen halfen mir, lesen und schreiben zu lernen. Allmählich begann ich, religiöse Bücher in meiner Muttersprache Telugu zu lesen, v. a. das Bhagavatam. Im 3. Kapitel steht, dass Kapila Mahamuni seiner Mutter Devabhuti das Tatvam1 gelehrt hat. Das faszinierte mich. Eines Tages las ich diesen Abschnitt mehrere Male hintereinander und betete intensiv, dass auch ich einen Siddhapurusha wie Kapila als Guru finden würde, der mich mit Offenheit und Freundlichkeit lehrte. Ich weinte lange, bis ich müde wurde und einschlief. Da hatte ich im Traum den Darshan eines Weisen, der in Padmasana-Stellung auf einem Podest saß, wie Dakshinamurti nach Süden blickte und von einem Heiligenschein umgeben war. Ein Schauer strömte durch meine Wirbelsäule. Ich wollte aufstehen, um mich vor ihm zu verbeugen. Dabei machte ich ungewollt die Augen auf, und die Erscheinung verschwand. Ich suchte das ganze Zimmer ab, konnte aber nichts mehr entdecken. Ich war völlig durcheinander.
Das war 1913. Die Vision hatte sich in mein Gedächtnis eingegraben. Ich betete zu Gott, er möge es mir ermöglichen, einem solchen Weisen zu dienen. Ich behielt das jedoch für mich und erzählte niemandem davon.
Etwa 4 Jahre lang blieb ich bei meiner Schwester im Dorf. Ich diente anderen und betrachtete das als Gottesdienst. Ich half im Haushalt mit und nahm jede Gelegenheit wahr, religiöse Vorträge zu hören.
1918 eröffnete mein ältester Bruder Seshadri Sastri eine Anwaltspraxis in Vijayawada und schloss seine Praxis im Dorf. Ich zog mit ihm nach Vijayawada. Dort badete ich regelmäßig mit anderen Frauen im heiligen Fluss Krishna, besuchte den Tempel, fastete zu besonderen Anlässen und befolgte andere asketische Übungen. Einige ältere strenggläubige Leute kritisierten mich. Sie meinten, Witwen, die beim Tod ihres Mannes ihre Haare nicht hatten scheren lassen, dürften keine solchen Übungen machen. Dasselbe Argument begegnete mir, als ich um Einführung (Upadesa) in die Mantrapraxis bat. Deshalb wollte ich dieses Hindernis loswerden.
Nachdem ich meine Brüder wiederholt um Erlaubnis gebeten hatte, mir den Kopf rasieren zu lassen, nahmen sie mich zu diesem Zweck nach Tirupati mit. Als wir aber in Madras angekommen waren, erreichte uns die Nachricht, dass ein großes Unglück in unserer nahen Verwandtschaft geschehen war, und wir mussten nach Hause zurück. Wir spürten, dass Gottes Wille ein anderer war. Meine Brüder waren stets gegen diese barbarische Sitte gewesen, den Witwen die Haare abzuschneiden, und als dieses unerwartete Hindernis eintrat, gaben sie den Gedanken daran völlig auf. Zudem haben die Älteren gesagt, dass die Rasur zwar für jene nötig sei, die dem Weg des Karma folgen, aber nicht für jene, die dem Weg des Jnana folgen. Als ich darüber nachdachte, gab auch ich jeden weiteren Gedanken daran auf. Meine strenggläubigen Verwandten sparten jedoch nicht an öffentlicher und versteckter Kritik, doch ich kümmerte mich nicht mehr darum.
Eine ältere Frau namens Kaivarapu Balamba, die eine entfernte Verwandte von mir war, lebte damals im großen Pilgerzentrum von Mangalagiri. Sie unterhielt die dortige Pilgerherberge und verteilte freies Essen an die Pilger. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass es niemanden gab, der nach Mangalagiri pilgerte, ohne in ihrer Herberge verköstigt worden zu sein. Sie verehrte Narasimha, den Herrn dieser Pilgerstätte, als ihre Familiengottheit.
Zuweilen kamen mehr Leute als Essen da war. Wenn die Köche das Essen nicht verteilen wollten, weil sie befürchteten, es würde nicht für alle reichen, zerbrach sie eine Kokosnuss, ging dreimal mit brennendem Kampfer um das Essen herum und betete zu Gott: »Oh Vater Narasimha, was sollen wir bloß tun? Du musst Dich darum kümmern, dass das Essen für alle Pilger reicht.« Dann wurde das Essen ausgegeben, und es war nie zu wenig. Die Leute sprachen voller Bewunderung davon.
Einmal im Jahr besuchte Balamba meinen Bruder, um die jährliche Spende für ihre Küche abzuholen. Dann redete sie voller Mitgefühl mit mir und erzählte mir Geschichten aus dem Bhagavatam. Da auch sie Witwe war und nie ihr Haar abgeschnitten hatte, tröstete mich ihr Vorbild.
Auch das Leben der späteren Tharikonda Venkamamba diente mir als Vorbild. Es wird berichtet, dass sie ebenfalls als Kind Witwe geworden war. Sie war eine Jnani von höchstem Rang. Es gibt unzählige Geschichten über sie, die aber kaum bekannt sind. Ihre Werke in Telugu sind hervorragend. Die strenggläubigen Frauen kennen ihre Lieder über Krishnas Kindheit auswendig. So weit bekannt ist, hat auch sie ihre Haare behalten, als sie Witwe geworden war. Einige ihrer Angehörigen, die das nicht akzeptieren konnten, überredeten das Oberhaupt des Shankaracharya Math dazu, ihr zu befehlen, die Haare abrasieren zu lassen. Sie antwortete, dass sie dem Befehl nur dann nachkommen würde, wenn der Gelehrte persönlich ihre Fragen beantworten würde. Die Schwierigkeit bestand jedoch darin, dass er keine unrasierten Witwen sehen durfte. Wie also sollte man das Problem lösen? Schließlich wurde vereinbart, dass sie mit ihm sprechen konnte, während sie sich hinter einem Vorhang befand. Als das Treffen stattfand, fragte sie ihn: »Was ist es, das rasiert werden soll? Und was ist es, das nicht wieder nachwächst?« Der Gelehrte war über ihr großes Wissen überrascht, erkannte seinen Irrtum und sagte zu ihr: »Mutter, ich habe dir befohlen, dich an die übliche Praxis zu halten, aber für Menschen mit deiner Erkenntnis und von deiner Erhabenheit gelten diese Regeln nicht.«
Durch ihr Beispiel inspiriert blieb ich wie ich war. Doch zugleich wusste ich auch, dass ein geeigneter Guru nötig war, um die weltlichen Wünsche loszuwerden. Ich hielt ständig nach einem solchen Meister Ausschau.
Ich hatte das große Glück, der angesehenen Dichterin Srimathi Gudipudi Indumathi Devi zu begegnen. Von ihr lernte ich, wie man Gedichte schreibt und die Welt in der richtigen Perspektive betrachtet. Bald darauf schrieb ich ein Satakam, ein Gedicht aus 108 Strophen.
1923 starb mein ältester Bruder, der kleinwüchsig war und um den ich mich gekümmert hatte. Ich fühlte mich nun frei von der Verantwortung und Bindung an meine Familie. Ich wollte nicht mehr in meiner Familie bleiben. Der Wunsch, von einer großen Seele den Pfad zur Befreiung gezeigt zu bekommen, wurde immer stärker. Obwohl ich von mehreren bedeutenden geistlichen Männern gehört hatte, war keiner unter ihnen, der dem Siddhapurusha glich, den ich im Traum gesehen hatte, und ich konnte keinen von ihnen als meinen Guru annehmen. Wenn immer es mir möglich war, besuchte ich den Kanaka Durga-Tempel in Vijayawada und betete zu Durga, mir die Gunst eines Sat-Gurus zu gewähren. Ich widmete ihr mein Gedicht aus 108 Strophen. Viele Verse dieses Gedichtes thematisieren die Suche nach einem Sat-Guru.
Als ich mich an meinen ersten Gedichten versuchte, holte ich mir den Rat des bekannten Dichters Veluri Sivarama Sastri ein. Er freute sich über meine schriftstellerischen Versuche und sagte: »Das Schreiben von Gedichten wird dir in deinem Leben der Hingabe von großem Nutzen sein. Wenn du mit der Einstellung schreibst, dass von 10 Versen etwa einer brauchbar ist, wirst du nicht enttäuscht sein. Lass dir mit dem Veröffentlichen Zeit.« Ich nahm mir seinen Rat zu Herzen und zeigte niemandem etwas von dem, was ich in jener Zeit schrieb.
Ich las viele Bücher über Vedanta. Da ich mich aber nach der Gnade eines Gurus sehnte, konnte ich keinen Geistesfrieden finden. Schließlich widmete ich mich der spirituellen Übung, das Selbst als Balakrishna2 zu betrachten und meinen Geist als eines der Hirtenmädchen. Ich verbrachte viel Zeit mit der Verehrung Krishnas. Als ich spürte, dass Geist, Gefühle und Gedanken miteinander im Einklang waren, begann ich ein Gedicht zu schreiben. Ich gab ihm den Titel ›Balakrishna Gitavali‹.
Die Tage widmete ich den Aufgaben im Haushalt und die Nächte dem Gedanken an Gott. Das Schreiben von Gedichten, meine spirituelle Praxis und auch die Vision, die ich einst vom Siddhapurusha hatte, hielt ich geheim. Selbst meinen Brüdern erzählte ich nichts davon. Sie versorgten mich liebevoll mit jedem Buch, das ich haben wollte. Ich las sie alle. Trotzdem konnte ich immer noch keinen Geistesfrieden finden.
Da ich glaubte, dass der Dienst am Menschen dasselbe wie der Dienst an Gott sei, kümmerte ich mich um viele Kranke. Aber auch das verhalf mir nicht zum Geistesfrieden. Ich wurde beständig von einem unerklärlichen Schmerz und einer geistigen Unzufriedenzeit geplagt. Mit der Zeit gewann diese Unzufriedenheit an Intensität, und ich spürte, dass ich meine Familie verlassen musste. Deshalb bat ich meine Brüder, mir zu erlauben, an irgendeinem heiligen Ort zu leben, doch sie entgegneten: »Wohin kannst du schon alleine gehen?«
Als mein ältester Bruder D.S. Sastri in Alleppey lebte, besuchte ich mit ihm zusammen heilige Orte. Ich wäre gerne an einem dieser Orte geblieben, um vor der Familie Ruhe zu haben. Ich schlug meinen Brüdern vor, dass ich in Vijayawada für mich leben könnte, wenn sie mir ein kleines Haus besorgen würden. Da meinten sie, ich sollte einen der Söhne meiner Schwester adoptieren. Ich erwiderte, dass das nur eine neue Familie bedeuten würde und dass an Adoption nicht zu denken sei, da ich kein eigenes Vermögen besaß. Also wurde diese Idee fallen gelassen wie auch der Gedanke, ich könnte für mich in einem eigenen Haus leben.
Fast zehn Jahre meines Lebens verbrachte ich in Unzufriedenheit. Meine Depression verstärkte sich und wirkte sich auch körperlich aus, bis ich zuletzt bettlägerig wurde. Verschiedene Medikamente wurden ausprobiert, halfen aber nicht. Nachdem unsere Familienärzte mich regelmäßig untersucht und die Entwicklung genau verfolgt hatten, kamen sie zu dem Ergebnis, dass meine Krankheit rein psychisch war und nicht auf medikamentöse Behandlung ansprach. Sie machten mir klar, dass ich selbst etwas für meine Gesundheit tun müsste und dass niemand mir helfen könnte. Ich verstand dies als Gottes Wort und entschloss mich, irgendwie der Familienatmosphäre zu entkommen. Das war im Januar oder Februar 1940.
Im Mai 1940 begann ich mit einer Kur. Ich nahm Wannenbäder, aß nur noch Gerichte mit Hirsemehl und Gemüse und vermied Salz, Chilli und Gewürze. Ich nahm dies als Entschuldigung, um wieder in mein Heimatdorf Kolanukonda zu ziehen, wozu ich die Erlaubnis meiner Brüder erhielt.
Das Haus meines Vaters in Kolanukonda war lange leer gestanden. Schlangen, Skorpione und andere giftige Reptilien hatten sich dort eingenistet und krochen frei umher. Wir mussten zusammenleben, kamen einander aber nicht in die Quere. Sie kamen nachts heraus und ließen mich tagsüber in Ruhe. Unser Zusammenleben war sehr amüsant und gab mir reichlich Gelegenheit, ein Leben voller Freundschaft gegenüber allen Lebewesen zu führen.
Mein Tagesablauf richtete sich nach der Natur. Ich badete in einem Kübel, was man ›Naturheilverfahren‹ nennt. Zudem badete ich in einem Kanal des Flusses Krishna. Meine Nahrung war sattvisch, und meinen Gottesdienst verrichtete ich in den Dorftempeln. Den Leuten, die sich am Nachmittag bei mir einfanden, las ich aus dem Bhagavatam vor und erklärte es ihnen.
Etwa zu dieser Zeit arbeitete mein Bruder D.S. Sastri in Ernakulam bei einer Zweigstelle der Zentralbank von Indien. 1941 wurde er nach Ahmedabad versetzt. Bevor er dort seinen Dienst antrat, nahm er sich einen Monat Auszeit und ging mit seiner Frau auf Pilgerreise. Sie besuchten verschiedene Orte im Süden. So kam er auch nach Tiruvannamalai und hatte das Glück, den Darshan von Bhagavan Sri Ramana Maharshi zu erhalten.
Glücklicherweise kam es ihm in den Sinn, dass auch mir ein Besuch beim Maharshi gut tun würde. Meine Cousine Subbamma lebte im Ashram. Vor einigen Monaten war ihr Mann gestorben, und sie wollte dort ihren Geistesfrieden wieder finden. Mein Bruder meinte, sie könnte mir behilflich sein. Da ich bereits alleine nach Bombay, Coimbatore, Ernakulam und an andere Orte gereist war, sprach ich etwas Hindi und Tamil und traute mir zu, alleine nach Tiruvannamalai zu reisen. Mein Bruder in Vijayawada kaufte mir eine Fahrkarte nach Tiruvannamalai und brachte mich an einem Abend im Juli 1941 auf den Bahnhof in Madras. Er instruierte mich, in Gudur umzusteigen und dort den Zug über Katpadi zu nehmen.
Meine Pilgerreise zum Ramanashram
Ich kam vor Sonnenaufgang in Gudur an, nahm dort ein Bad und stieg in den Zug nach Tiruvannamalai. Da es kein extra Abteil für Frauen gab, musste ich mich ins allgemeine Abteil setzen. Kalahasti und Tirupadi lagen auf dem Weg. Da ich diese Stätten noch nie besucht hatte, fragte ich mich, ob ich die Gelegenheit nutzen konnte. Ich hatte eine durchgängige Fahrkarte und dachte, dass eine Unterbrechung nicht erlaubt sei. Als ich mit einigen Leuten im Abteil darüber redete, sagte ein Herr, der ein Staatsbeamter zu sein schien: »Du kannst mit deiner Fahrkarte die Reise für 3 Tage unterbrechen. Es ist jetzt kurz vor 9 Uhr. Wenn du in Kalahasti aussteigst und zu Avulammas Hotel gehst, wird sie dir ein Zimmer geben. Du kannst dein Gepäck dort lassen, im Swarnamukhi-Fluss baden und den Darshan von Kalahasteswara im Tempel erhalten. Wenn du zurückkommst, wird deine Mahlzeit bereitstehen. Danach kannst du dich etwas ausruhen und um 2.30 Uhr nachmittags den Zug nach Tirupati nehmen. Dort wirst du gegen 20 Uhr eintreffen. Du hast dann 2 Tage für Tirupati zur Verfügung und wirst Tiruvannamalai noch rechtzeitig erreichen.«
Als der Zug in Kalahasti ankam, war ich immer noch unschlüssig. Der Herr stieg aus, nahm mein Gepäck zusammen mit dem seinen aus dem Zug und besorgte mir einen Ochsenkarren. Er wies den Fahrer an, mich zum Hotel von Avulamma zu bringen, und ging dann seiner Wege. Ich dachte, es müsse Gottes Wille sein, hatte den Darshan des Herrn Kalahasteswara und nahm um 14.30 Uhr den Zug nach Tirupati, wo ich am selben Abend ankam. Ich hatte dort eine alte Bekannte und konnte bei ihr wohnen. Sie begleitete mich auf den Berg, und wir besuchten noch andere heilige Orte. Am dritten Tag stieg ich in den Zug zum Arunachala. Der Vorschrift, dass dem Darshan des Gurus eine Pilgerreise vorangehen sollte, war damit zufälligerweise Genüge getan.
Mein Zug sollte um 16 Uhr Kapadi erreichen, hatte aber eine Stunde Verspätung, und ich verpasste den Anschluss. Der nächste Zug fuhr um 18.30 Uhr, sodass ich Tiruvannamalai erst um 20.30 Uhr erreichen würde.
Ich hatte gehört, dass es Frauen nicht gestattet war, nach Einbruch der Dunkelheit in den Ashram zu kommen. Meine Mitreisenden bestätigten mir das. Ich wusste nicht, was ich tun sollte und wohin ich mich wenden konnte. Die Adresse von Subbamma hatte ich nicht, und sonst kannte ich niemanden in Tiruvannamalai. Zwei Frauen in meinem Abteil bemerkten meine Unruhe und sagten: »Wir gehen zu Verwandten in Tiruvannamalai. Du kannst die Nacht bei uns verbringen und am nächsten Morgen zum Ashram gehen.« Ich dankte ihnen für ihr freundliches Angebot und sagte, dass ich darauf zurückkommen würde, falls ich im Pilgerheim nicht unterkommen könnte.
Um 20.30 Uhr erreichte der Zug Tiruvannamalai. Die Frauen gaben meinem Fahrer die Adresse ihrer Verwandten und gingen. Ich wurde zur Pilgerherberge gebracht. Dort hieß es, dass zurzeit keine Frauen hier wohnten und es deshalb ungehörig wäre, wenn ich alleine dort nächtigen würde. Ich möge mir doch eine andere Unterkunft suchen. Der Fahrer brachte mich also zu der Adresse, die die Frauen ihm gegeben hatten.
Als ich dort ankam, luden mich die beiden Frauen herzlich ein. Man brachte mein Gepäck herein. Ich wusch mir am Brunnen die Füße, trank Wasser und wartete auf der Veranda, da die Frauen ins Gespräch mit ihren Verwandten vertieft waren. Es war unangenehm, auf der Veranda von Fremden alleine gelassen zu werden. Um 22 Uhr kam der Hausherr heim, und als er mich dort stehen sah, fragte er barsch in Tamil: »Wer ist das?« Ich ärgerte mich über seine Manier und erwiderte: »Bitte geh hinein und frage nach.« Er ging hinein, kam aber nicht wieder heraus, um mir weitere Fragen zu stellen.
Ich fühlte mich unwohl und fragte mich, was das wohl für Leute seien. Ich fragte einige Passanten, ob ich zu dieser Zeit noch in den Ashram gehen könnte. Der eine meinte »ja«, der andere »nein«. Eine Nachbarin bekam das mit. Sie kam heraus und sagte, dass ich unmöglich zu dieser Stunde in den Ashram gehen könnte. Da sie mich in Telugu ansprach und so verständnisvoll war, fasste ich wieder etwas Mut. Wir unterhielten uns eine Weile und schlossen Freundschaft. Ihr Mann war anscheinend im Ashram angestellt. Sie versicherte mir, dass die Leute, bei denen ich mein Gepäck gelassen hatte, respektabel seien. Trotzdem schlief ich auf ihrer Veranda.
