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Ein verzweifelter Mann am Scheideweg seines Lebens, gezwungen, eine grausame Entscheidung zu treffen... Eine verirrte Seele ohne Vergangenheit und Zukunft, im Kampf um ihre eigene Identität... Eine einsame Gestalt, die droht, in ihren eigenen Sehnsüchten und Ängsten zu ertrinken... Und ein unerwarteter Lebensretter, der die Grenzen zwischen Leben und Tod verschwimmen lässt... Vier Schicksale. Vier Geschichten.
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Seitenzahl: 52
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Thordan Noromiel
Broken Mirror
Die andere Seite des Spiegels
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Seelenpein
Schmetterling
Lebensmüde
Engelsaugen
Impressum neobooks
Ich stand einfach nur da, konnte mich nicht bewegen, nicht entscheiden, nicht dazu durchringen den alles entscheidenden Schritt zu tun und dabei war es doch so einfach. Trotzdem war ich nicht dazu in der Lage. Wie ein Trottel stand ich in dem kahlen Treppenhaus, betrachtete die zerknitterten und verdreckten Zeitungsblätter, die von einem kühlen Windhauch umhergewirbelt wurden und wartete auf ein Wunder, ach was, irgendein banales bedeutungsloses Ereignis, das mich von dem Zwang befreien würde, eine Entscheidung zu treffen. Eine Entscheidung, die leider nicht nur auf mein Leben Einfluss nehmen würde und mit der ich ein Herz brechen konnte. Vermutlich für immer. Bei diesem Gedanken stahl sich ein Lächeln auf mein Gesicht, doch es war nicht aus Freude geboren, es war hart, kalt, fast schon ein bisschen sarkastisch. Mein Leben. Guter Witz, wirklich guter Witz.
Meine Augen richteten sich wieder auf die Tür vor mir und wanderten über die geschwungenen Kurven der Nummer, die alt und verrostet an der versifften Tür prangte: 29. Wie hatte ich diese Zahl doch schätzen und lieben gelernt, in den nun mehr als zwei Jahren, in denen ich mir diese Wohnung mit Sabine teilte, eine simple Wohngemeinschaft zweier Studenten, die über eine Zeitungsanzeige zueinander gefunden hatten. Gut, so einfach war es dann doch nicht, aber ich wollte dies klären, musste es klären, vorher konnte ich einfach nicht gehen. Es gab Dinge, die brannten einem auf der Seele und ich durfte das wortwörtlich nehmen, in meinem Kopf war für nichts anderes mehr Platz. Ich musste hinein, mit Sabine reden und ihr alles erklären, alles gestehen und ich konnte mich einfach nicht überwinden, meine Hand auszustrecken und diesen verdammten Türknauf zu drehen. Das fing wirklich toll an. Ich hätte mich am liebsten selbst geohrfeigt. Memme.
Ich schloss die Augen und versuchte, mit langsamen und ruhigen Atemzügen mein heftig pochendes Herz zu beruhigen. Komm schon, Alter, da drinnen wird man dir schon nicht den Kopf abreißen. Mach schon, sonst findest du keinen Frieden. Reiß dich zusammen, sei ein Mann, sei stark. Andere mussten durch ähnliche Situationen durch und haben es geschafft. Bist du schlechter als andere? Jetzt mach, streck die verdammte Hand aus! Dir bleibt nicht mehr viel Zeit.
All diese Gedanken in meinem Kopf, wie die Stimmen fremder Leute, die neben mir standen und in mein Ohr flüsterten, was das Beste für mich sei. Einen kurzen Augenblick dachte ich schon, dass ich den Verstand verlieren würde, doch das konnte ich mir nicht leisten. Ich musste klar sein, wenn ich es nicht vermasseln wollte.
Meine Hand bewegte sich Zentimeter für Zentimeter auf jenen unscheinbaren Knauf zu, der in meinem Augen unter Strom zu stehen schien und nur darauf wartete, dass ich meine vom Schweiß feuchte Hand auf diesen legte. Damit er mich geradewegs in die Hölle stürzen konnte, ins ewige Fegefeuer, auf dass ich für immer verloren sei. Ok, langsam wurde es wirklich schlimm. Meine Finger schlossen sich um das kühle Metall, zitterten noch ein bisschen und drehten dann den Knauf. Ein leises Knacken erklang, als der Riegel von seinem Platz entfernt wurde und sich die Tür problemlos öffnen ließ. Sie schwang nach innen auf, langsam, aber fast ohne einen Laut von sich zu geben. Na klar, ich war es auch schließlich gewesen, der sie vor nicht einmal zwei Tagen geölt hatte. Das machte sich jetzt bezahlt und verschaffte mir noch ein paar kostbare Sekunden. Je später Sabine meine Anwesenheit bemerkte, desto besser. Ich hasste nichts mehr, als ihr Rede und Antwort stehen zu müssen, danach fühlte ich mich immer so klein, unbedeutend, dreckig, schmutzig, einfach nur schlecht. Vielleicht, weil sie mir so viel bedeutete. Und es selbst nicht einmal ansatzweise ahnte.
Ich trat ein und schloss leise die Tür hinter mir. Es war überraschend aufgeräumt, hell und gemütlich hinter dieser Platte aus gepresstem Spannholz. Stand man als Fremder in diesem Treppenhaus, dann hätte man eher vermutet, in eine heruntergekommene kleine Bude zu stolpern, mit leeren Bierflaschen auf einem zerrissenen Sofa, ein paar ausgedrückten Kippen auf einem wackeligen Klapptisch und ein paar leeren Pizzaschachteln vom Lieferservice um die Ecke, in denen noch einzelne Stücke friedlich vor sich hingammelten. Kurz gesagt: eine Bude, in die kein Mensch freiwillig seinen Fuß setzen würde. Zumindest keiner, der etwas von Hygiene hielt.
Und genau deshalb überwältigte mich der Anblick so, ganz einfach, weil es so komplett anders und unerwartet war.
Der kleine Flur, in dem ich stand, war in einem hellen Gelb gestrichen, ein kleiner Schuhschrank schmiegte sich zärtlich an die Wand und eine Garderobe streckte mir hilfsbereit ihre Haken entgegen, damit ich meine Jacke aufhängen konnte. Ich ließ sie an, zog auch die Schuhe nicht aus. Ich würde sie noch brauchen und für die kurze Zeit, die ich noch hier war, war es reine Zeitverschwendung, es sich hier jetzt noch gemütlich zu machen. Ein kurzes Aufflackern schlechten Gewissens durchzuckte mich. Wir hatten hier eine klare Arbeitsteilung: Ich war für das Einkaufen, Reparaturen aller Art und diverse Fahrdienste zuständig, Sabine kümmerte sich um unsere Wohnung und hielt sie sauber. Sie würde mich umbringen, würden meine Schuhe dreckige Abdrücke auf ihrem frisch geputzten Boden hinterlassen.
„Michael, bist du das?“, tönte eine Stimme um die Ecke und ich schreckte aus meinen Gedanken hoch. Wahrscheinlich stand Sabine in der Küche, denn ihre Stimme klang leicht gedämpft, war aber dennoch nah. Ach, Sabine.
