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Ein mörderischer Dialog unter Brüdern als deutsche Sezierstunde: erschütternd, schonungslos, abgründig. Normans verzweifelte Liebe zum Vater Hans Frank, Hitlers Generalgouverneur in Polen, der in Nürnberg hingerichtet worden ist, lässt seinen Bruder Niklas nicht los. Sie ringen um die Wahrheit von Gefühlen, die Macht der Verdrängung und die Frage: Wie überlebe ich es, das Kind des "Schlächters von Polen" zu sein? Nach Büchern gegen seinen Vater und seine Mutter gelingt Niklas Frank nun ein düsteres dokumentarisches Kammerspiel über seinen alkoholkranken Lieblingsbruder, über sich und über ihr Verhältnis zum Vater. Der eine verteidigt ihn trotz Scham und Schmerz, der andere verachtet und hasst ihn. Tief dringt Niklas in Normans Seelenleben und Erinnerungen ein, martert ihn mit Briefen der Familie und Dokumenten, die er ein Leben lang gesammelt hat. Unnachgiebig zerlegt er Normans widersprüchliche Wahrheiten und verzweifelte Abwehrkämpfe um sein Bild des Vaters. Ein bislang einzigartiger Versuch, den Massenmord an den Juden als familiäres Erbe zu verarbeiten.
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Seitenzahl: 418
Veröffentlichungsjahr: 2014
Niklas Frank
Bruder Norman!
»Mein Vater war ein Naziverbrecher, aber ich liebe ihn«
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
978-3-8012-7001-8
2. Auflage 2014
Copyright © 2013 by
Verlag J.H.W. Dietz Nachf. GmbH
Dreizehnmorgenweg 24, 53175 Bonn
Lektorat: Alexander Behrens
Umschlag: Hermann Brandner, Köln
Umschlagfoto: Niklas Frank
Satz und E-Book-Konvertierung: Petra Strauch, Bonn
Alle Rechte vorbehalten
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Für Hanno
Inhalt
»Damit endlich auseinandergesäbelt wird, was ein Leben lang nicht zusammen gepasst hat.«
»Vati nannte Ribbentrop immer nur Rübentopf«
»Mein schönes Generalgouvernement«
»Er ahnte, dass er ein Todgeweihter war«
»Erst muss der Russe aus unserem schönen Land«
»Gepeitschte Juden gehen in den Cortex«
»Sie kommen zu Johannes, dem Säufer«
»Die Luft wird dünn aber rein«
»Das Geschäft eines gräflichen Kammerdieners«
»So tragen wir die Passion weiter«
»Norman, bau dir hier was ein«
»Dann haben beide Ruh, der Alp und Du«
»Ja, ich bin auf Hitlers Schoß gesessen«
»Ein Kriegsverbrechersohn geht nicht ins Kino«
»Es gibt keine Aufarbeitung des Holocaust«
»Ich empfinde mein Leben als Strafe«
Abbildungsnachweis
»Damit endlich auseinandergesäbelt wird, was ein Leben lang nicht zusammen gepasst hat.«
Da liegt er nun, mein Bruder Norman. Tot. Im riesigen Präparationssaal der Anatomie der Münchener Universität. Vollgepumpt mit Hochprozentigem bis ins letzte Äderchen. »Das würde ihm gefallen«, sagt der Professor. Wir grinsen. Weil ich verreist war, als Norman starb, gestattete mir die Münchener Anatomie ausnahmsweise, mein letztes Geschwister, den trübgescheiten Saufkopp, noch einmal sehen zu dürfen, bevor er zerwirkt wird. Ich hatte dem Professor von Normans Alkoholismus erzählt.
Allerdings hätte er dieses Gebräu, mit dem er konserviert worden ist, nur in seinen schwärzesten Verzweiflungsstunden getrunken. Wenn er auf allen Vieren den Gang entlang gekrochen kam, nachts um drei, und lallend um Schnaps bettelte: 15,6 Liter 96 %es Ethanol, 192 Milliliter 37 %es Formaldehyd, 180 Gramm Polyethylenglykol »300«, 180 Gramm Polyethylenglykol »1500«, 476 Gramm Chloralhydrat, 140 Gramm Alkylbenzyldimethylammoniumchlorid, 144 Milliliter Morpholin und 0,18 Milliliter Nelkenöl.
Über das Nelkenöl hätte er krächzend gelacht. Nach einer Operation am Rücken hatten ihm die Ärzte zusammen mit dem Betäubungs-Tubus bahnbrechend die meisten seiner Vorderzähne rausgerissen.
An diesem 26. November 2009 ist das körperliche Wrack schon knapp acht Monate tot. In der Nacht zum 31. März 2009 war der 80 Jährige in seinem Bett gestorben. Einfach so.
»Einfach so« leben konnte er nie. Unmoralische Eltern, verwoben in Verbrechen gegen Menschheit und Menschlichkeit. Zu gut aussehend, um Feigheit Paroli bieten zu müssen. Brillant und charmant, um jeden Mann und jede Frau zu blenden. Ein Meister der Scharfzüngigkeit, die seine Verzweiflung mit blitzendem Stahl umschloss. Es war die Wirrnis eines deutschen Täterkindes, dessen Mantra hieß: »Ich weiß, unser Vater war ein Naziverbrecher, aber ich liebe ihn.«
So gesehen ist Norman eine typische Person deutscher Zeitgeschichte.
»Ich will in die Anatomie, organisier das bitte«, hatte mich Norman gebeten und zahlte für die Aufnahme seines Altmännerleibes fröhlich 1300 Euro. Als er den Spenderausweis in Händen hielt, lächelte er: »Siehst du, meine akademische Karriere beginnt erst nach meinem Tod.«
Sie wird am 27. November 2009 beginnen, einen Tag nach meiner letzten Begegnung mit ihm in diesem hell erleuchteten und mit großen Fenstern versehenen Saal.
Nicht an ihm allein wächst die Wissenschaft: 47 weitere Leichen liegen aufgebahrt um ihn herum, alle mit weißen Gummitüchern abgedeckt.
»Bomi«, wie unsere Mutter und wir Geschwister ihn liebevoll nannten, war für mein letztes Treffen auf seiner Bahre nach vorne in die Mitte gezogen worden.
Tote Hülle und nichts Schwebendes? Norman hatte mir zehn Monate zuvor eindringlich gepredigt: »Es gibt keine Seele. Der Mensch ist aus Fleisch, Knochen, Flachsen und Gehirn. Sollte es doch eine Seele geben, dann äußert sie sich im Gewissen.«
Die Präparatorin nimmt die schwere Abdeckung, danach eine Art Gaze von seinem Gesicht, streift dann alles bis zum Bauchnabel hinunter.
Ein überwältigender Anblick.
Gelblich braun seine Haut. »Mit einem Stich ins Violette«, fügt der Professor hinzu.
Leichte, weiße Bartstoppel, ungefähr zwei Millimeter lang.
Ein Haupt wie aus Marmor, Ehrfurcht gebietend, übergroß, denn zum ersten Mal sehe ich Norman ohne seine bis zum Tod volle dunkelbraune Haarpracht.
Auf die war ich Glatzkopf ein Leben lang neidisch gewesen.
Warum wurde sein Haar abrasiert?
»Wegen der Anonymisierung.«
Die Nase ist nach rechts eingedrückt. Die Präparatorin versucht, sie zwischen Daumen und Zeigefinger ins Aufrechte zu ziehen. Vergeblich. Bums, liegt sie wieder platt nach links. Von Norman aus gesehen.
»Da muss einer im Tank auf ihm gelegen haben«, erklärt der Professor.
Die gut situierten Menschen, die sich in die Anatomie einkaufen konnten, werden dort den Sommer über kühl und verwesungsfrei gelagert. Präparationskurse finden nur in der kalten Jahreszeit statt. Sicher gurgeln im vollgepackten Tank auch ein paar Obdachlose, die ohne Familie starben, aber als Lehr- und Lernobjekte interessant zu sein versprechen.
»Ist er denn dick?« hatte die Sekretärin der Münchener Anatomie am Telefon gefragt, als nach Normans Tod nicht gleich sein Spenderausweis gefunden werden konnte. »Dünne haben wir genug.«
Die Fettstatistik der deutschen Bevölkerung muss offensichtlich umgeschrieben werden.
Überraschend schmale, zusammen gepresste Lippen, so, als gräme sich Norman, der Ästhet, über seine schiefe Nase. Kurze, senkrecht aufgestellte Augenbrauen. Die geschlossenen Augenlider wirken wie zusammengepresst, als ob er nun wirklich nichts mehr von der Wirklichkeit sehen wollte.
Geschwollene Tränensäcke.
Warum geschwollen und dunkler in der Färbung?
»Geplatzte Äderchen. Durch das Blut. Im Tod platzen die kleinen Äderchen. Deswegen auch seine dunkleren Schultern zum Rücken hin.«
Altersflecken. Vor allem auf der Stirn.
An seinen großen »Gummilapperlohren«, wie wir jüngeren Geschwister sie beim großen Bruder immer nannten – er konnte sie zu unglaublichen Röhren zusammendrehen – , hängen an kräftiger Schnur rechts und links zwei Holzbrettchen mit der Identifikationsnummer. »29-6« oder »26-9«. Schon verlässt mich präzise Erinnerung.
Am Hals in Nähe der rechten Schlagader eine große Narbe.
»An sich gehen wir zum Konservieren durch die Beinvene rein, aber die war bei Ihrem Bruder schon zu sehr verkalkt. Deswegen durch die Halsschlagader«, sagt die Präparatorin.
Der und verkalkt! Kaum zu glauben. Noch drei Tage vor seinem Tod, bastelte er trickreich an unserem alten Spiel: Wie viele üble Gemeinheiten kann man in einem einzigen Satz unterbringen.
Normans Kopf liegt leicht zu meiner Seite hin geneigt.
Darf ich ihn berühren?
Der Professor nickt. Ich lege die Fingerrücken meiner linken Hand an seine Wange. Sie ist kühl, fest, angenehm nachgebend. Ich streichle sein Gesicht.
Nicht erwartete Gefühle des Glücks und der Liebe durchströmen mich.
Jetzt kann er sich nicht mehr gegen meine Berührung wehren. Nie wollte er berührt werden.
»Jetzt wird er nur noch berührt«, sagt der Professor.
Er staunt, dass Norman so gut erhalten ist. »Ich hatte Angst, dass wir ihn nicht wiedererkennen. Sie hatten mir ja im Sommer das letzte Foto von ihm gezeigt. Aber ich habe ihn heute früh sofort wiedererkannt.«
Darf ich ein Foto machen?
»Nein« aus beider Mund, freundlich. Aber so bestimmt, dass ich gar nicht mehr zu bitten wage, ob ich dabei sein dürfe, wenn mein Bruder zerlegt wird, vielleicht selbst Skalpell anlegen. Also muss ich mir alles vorstellen.
Schade, Norman. Ganz nah wäre ich dir gekommen.
»Ich war ein interessierter Tagedieb. Ich hab mich nie mit mir beschäftigt. Erst durch dich. Bis dahin habe ich mir immer gesagt: Was für eine Gnade habe ich erlebt!«
Bei der Präparation wird das Schönste aller Frank-Kinder von außen nach innen, von der Haut bis zum Skelett, in festgelegten Schnitten aufgebrochen. Ohren und Lippen bleiben an ihrem Geburtsort. Sein Kopf wird zuletzt abgetrennt.
Die Haut wird natürlich als erstes abgepellt. »Das ist sehr schwierig, weil zum Beispiel die Gesichtshaut intensiv angewachsen ist«, erzählt der Professor. »Oft geht das nur in kleinen Schnipseln.«
Wo kommen die hin?
»Jeder Tote hat seinen Eimer.«
Ich sehe sie stehen. Vor jeder Bahre. Riesengroß.
»Mit der Nummer der jeweiligen Leiche darauf. Da kommt dann alles rein.«
Ich streichle Normans Oberarme und seine nackte Brust.
Servus, Bomi, sage ich, streiche ihm noch einmal über die Stirn.
Jetzt bist du endlich die Liebesqualen um unseren Vater los, füge ich für mich hinzu und gehe aus dem Saal.
Draußen auf dem Gang drängeln sich die jungen Studenten. Morgen werden sie Norman mit dem Skalpell auseinander nehmen.
Warum willst du eigentlich in die Anatomie? hatte ich ihn gefragt.
»Da gehöre ich hin. Damit endlich auseinandergesäbelt wird, was ein Leben lang nicht zusammenpasste.«
Norman wurde am 3. Juni 1928 in München in der Krankenanstalt Rotes Kreuz an der Nymphenburgerstraße 163 um 14.30 Uhr geboren. Als Sohn des Rechtsanwalts Dr. Hans Frank, geboren 1900 in Karlsruhe. In der Zeit um Normans Geburt arbeitete sein Vater schon eng mit den Nationalsozialisten zusammen. 1923 war er in die NSDAP eingetreten, bald wegen Hitlers Einstellung zu Südtirol wieder ausgetreten. Nach seiner Neuaufnahme 1927 machte er innerhalb der NSDAP Karriere. Für Adolf Hitler und für die Schlägertrupps der SA führte er Prozesse quer durch Deutschland, die er meist gewann. Zum einen, weil er das demokratische Rechtssystem der Weimarer Republik raffiniert ausnutzte, zum anderen, weil die damalige Richterschaft schon nationalsozialistisch verseucht war.
Sein größter Triumph, auf den er bis zum Ende seines Lebens stolz war: Er ließ Adolf Hitler als Zeuge in einem Leipziger Prozess schwören, dass er die Macht in Deutschland nur auf demokratische Weise erringen wolle.
Hans Frank wurde im März 1933 nach einem Putsch der Nazis gegen die rechtmäßig gewählte bayerische Landesregierung Justizminister in München, 1934 Reichsminister ohne Geschäftsbereich in Berlin. Nach Hitlers Übernahme der Kanzlerschaft eigentlich politisch ein toter Mann, berief ihn der »Führer« Ende September 1939 zum Chef der Zivilverwaltung im überfallenen Polen. Als Stellvertreter Hitlers und »Generalgouverneur« war er politisch verantwortlich für die Vernichtung der Juden, Polen, Ukrainer, für die Vernichtungslager Treblinka, Majdanek, Belzec und Sobibor. Zwar hatte Heinrich Himmler die eigentliche Macht im Generalgouvernement, aber Frank tat nichts, um den Massenmord an unschuldigen Menschen zu verhindern. In Berlin galt er als »Popanz«, Goebbels nannte ihn spöttisch »König von Polen«. Sie alle wussten, dass Hans Frank zwar hin und wieder opponierte, zuletzt aber immer klein beigab. Seine Opposition richtete sich beileibe nicht gegen den Massenmord, sondern aus Eifersucht gegen die Übermacht Himmlers.
Am 17. Januar 1945 floh er von seinem Regierungssitz Krakau zum Schliersee in Oberbayern, im Gepäck unter anderem einige Rembrandts, einen Raffael und Leonardo da Vincis »Dame mit dem Hermelin«. Am 4. Mai 1945 wurde er in seiner »Außenstelle Generalgouvernement«, einer kleinen ehemaligen Pension im Josefstal in Neuhaus am Schliersee von US-Leutnant Walter Stein verhaftet. Freiwillig übergab er ihm um die 40 Bände seines »Diensttagebuchs«, das er während seiner Zeit in Polen zwischen 1939 und 1945 von zwei Stenografen hatte führen lassen. Darin sind Tag für Tag seine Reden und Aktivitäten festgehalten.
Herausragend dabei Sätze wie: »Was nach dem Krieg mit den Polen, Ukrainern und was sonst noch hier herum läuft, gemacht wird, ist mir gleichgültig. Meinetwegen kann Hackfleisch aus ihnen gemacht werden.« Oder: »Wo immer wir auf Juden treffen, müssen wir sie vernichten. Ebenso die polnische Intelligenz!«
Dass er die Diensttagebücher freiwillig übergab und nicht vernichtete, lag an seiner naiven Fehleinschätzung: Er dachte, vor allem sein dort aufgezeichneter »Kampf« gegen Himmler würde eventuelle Ankläger beeindrucken.
In der Nacht zum 16. Oktober 1946 starb Hans Frank in Nürnberg in der Gefängnisturnhalle am Galgen. Er war wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit am 1. Oktober 1946 zum Tod durch den Strang verurteilt worden.
Normans Mutter Brigitte Maria Frank, unter dem Mädchennamen Herbst 1895 in Eitorf an der Sieg geboren und in Forst in der Niederlausitz aufgewachsen, kam als Sekretärin mit Hilfe älterer Liebhaber 1920 über Berlin nach München. Sie verführte den fünf Jahre jüngeren Hans Frank in einem Schwabinger Maleratelier und ließ nicht mehr locker, bis sie seine Frau wurde. Die Ehe war zunächst im Rahmen beiderseitigen Fremdgehens glücklich. 1942 tauchte Hans Franks Jugendliebe Lilli Weidert, verheiratete Grau, wieder in seinem Leben auf, worauf er sich von der Mutter seiner fünf Kinder scheiden lassen wollte.
Brigitte Frank entschied: »Ich bin lieber die Witwe als die geschiedene Frau eines Reichsministers« und nervte über Frau Goebbels und Heinrich Himmler bis zu Hitler alle so nachhaltig, dass Hitler 1943 seinem Reichsminister und Generalgouverneur die Scheidung »bis Ende des Krieges« verbot.
Frank gehorchte, wie immer in seinem Leben, doch die Ehe blieb miserabel.
Father O’Connor, der unseren Vater im Nürnberger Gefängnis katholisch getauft und ihn zum Galgen begleitet hatte, erzählte mir 1984 in seinem Kloster in Albany, USA: »Niklas, dein Vater hatte noch in der Gefängniszelle Angst vor deiner Mutter.«
Brigitte Frank hatte die hohe Zeit als Reichsdame und als »Königin von Polen« im Generalgouvernement hemmungslos ausgenutzt, um sich unter anderem an Schmuck und Pelzen zu bereichern.
Nach dem Absturz der Familie 1945 versetzte sie die geraubten Kostbarkeiten, um ihre fünf Kinder durchzubringen. Des gesamten Vermögens enteignet, schaffte sie sich durch den raffinierten Vertrieb von Hans Franks nachgelassenem Manuskript, das sie als Buch unter dem Titel »Im Angesicht des Galgens« im Brigitte Frank Verlag herausgab, für ein paar Jahre einen gewissen Wohlstand, bevor sie, wieder verarmt und total entkräftet, mit 63 an meinem 20. Geburtstag, dem 9. März 1959, starb.
»Die ahnte, welche Bücher du gegen unsere Eltern schreibst«, spottete Norman, »Mutti wollte dir vorab einen Denkzettel verpassen.«
»Diese Überlegenheit haben wir unseren Dienern, Kindermädchen, Köchinnen und Chauffeuren zu verdanken. Hoch lebe das Personal!«
Norman, auf geht’s, sie rücken dir zu Leibe: Mit einer Splitterpinzette (spitz), einer anatomischen Pinzette (stumpf), einer Schere, einer Sonde und mit verschiedenartigen Klingen zur Muskelpräparation und – die lanzettförmigen, Norman! – zur Präparation deiner feineren Strukturen wie Nerven oder Blutgefäße – was für ein Besteck, mit dem du dein Leben selbst hättest auseinander nehmen können.
Aber hättest du dann noch weiter leben wollen? Tausende von Kreuzworträtseln lösen? Frauensport im Fernsehen mit Hohn und Deftigkeiten überziehen? Skispringer wie Schlierenzauer oder Amman in den Himmel loben, Boxer wie die Klitschko Brüder ob ihres langweiligen Stils zum Teufel wünschen, oder zuletzt mit ernster Miene den Rat aussprechen: »Die Juden müssen wieder aufpassen!«
Ich freute mich, dass selbst er in seinem seit zwanzig Jahren bewohnten Lehnstuhl im bewusst eiskalt gehaltenen Wohnzimmer mit feinem Riecher mitbekommen hatte, dass der Antisemitismus wieder in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen war. Bis ich erfuhr, dass er eine wachsende Frechheit der deutschen Juden heraus präpariert zu haben glaubte.
Mit welchem Besteck, Norman? Mit Vatis?
»Vati nannte Ribbentrop immer nur Rübentopf«
In den Jahren vor seinem Tod waren wir uns sehr nahe gekommen. Mein letztes noch lebendes Geschwister. Zehneinhalb Jahre älter als ich. Unsere zwei Schwestern und ein Bruder waren schon lange tot, unseziert vergraben. Die Verteidigung unseres Vaters als unschuldiges Opfer von Hitler, Himmler, Bormann und des Nürnberger »Siegertribunals« hatte Sigrid (geboren 1927), Brigitte (»Gitti«, geboren 1935) und Michael (»Michel«, geboren 1937) die Lebenskraft abgesaugt.
Norman und mir blieb sie. Allerdings nur, um uns gegenseitig zu zerfleischen. Beinahe jeden Monat fuhr ich quer durch Deutschland an den Schliersee, setzte mich ihm gegenüber hin, schlug ab Herbst 2008 sogar mein Laptop auf und raunzte ihn an, dass ich nicht nur ewig über unsere Eltern quakeln mag: Warum wurde er so, wie er ist? Welche Nackenschläge hat er bekommen? Speziell welche als Kind eines Hauptkriegsverbrechers?
Zunächst sperrte er sich: »Ich bin gegen das geschriebene Wort. Finis operi.«
Ich verstehe kein Persisch, antwortete ich, worauf er lachte und ich hoffen durfte, er habe seinen Widerstand aufgegeben. Doch versank er zunächst ins Philosophische:
»Ich bin für das Sprechen. Wenn ich spreche, kann ich Ironie direkt bringen. In dem Moment, wo Worte niedergeschrieben werden, sterben sie. Eine langweilige Aneinanderreihung von Buchstaben.«
… eine langweilige Aneinanderreihung von Buchstaben, hacke ich mich per Laptop in sein Gehirn.
»Du schreibst doch diesen Schmarrn nicht auf?«
Doch. Alles, was du sagst. Also reiß dich zusammen, du Alkoholiker. Ich kaufe dir jeden Abend beim Gerk zwei Fläschchen von deinem geliebten Obstler und am nächsten Morgen geht’s katerlos weiter.
»Ich bin kein Alkoholiker. Ich brauch das zum Schlafen«, reagiert er verärgert, wendet den Kopf weg und schaut durch die Fensterscheibe hinaus. Dort hat er die Hauptstraße im Blick, die durch Schliersee führt. Ich weiß, was er dann sieht. Er hat es mir einmal gestanden: »Da ist Vati vorbei gefahren worden. Im offenen Jeep. Nach seiner Verhaftung. Gegen vierzehn Uhr am 4. Mai 1945. Und eine halbe Stunde später haben ihn die Amis im Tegernseer Gefängnis so furchtbar geschlagen.«
Ich zucke die Achseln: Die Amis hatten vorher ein Außenlager des KZs Dachau befreit, Leichenhaufen und ausgemergelte Überlebende gesehen. Sie waren noch geschockt und sehr wütend, als sie plötzlich hörten, dass der »Polenschlächter« Frank eingeliefert würde. Wie du weißt, war das sein Spitzname bei den Alliierten.
Norman schweigt, zieht an seiner Zigarette, starrt weiter aus dem Fenster. »Das verdient Vati nicht. Diesen körperlichen Schmerz.«
»Vati konnte zwar Kinder zeugen, kümmern konnte er sich nicht um sie. Für ihn war Vaterschaft nur eine Rolle.« Offizielles Foto des Reichsministers Dr. Frank.
Im Präsens gesagt. Unser ewig lebendiger Vater. Kaum trafen wir uns, stiegen wir spätestens nach einer Minute in die Diskussion um unseren Erzeuger ein. Für weitere Personen: nicht auszuhalten! Für Norman und mich Überlebenselixier.
Jahrelang schleppte ich Dokumente an, ging sie mit meinem Bruder durch. Einige trafen ihn tief, einige berührten ihn so sehr, dass er mir Jahre später auswendig den Text sagen konnte. Zum Beispiel eine handschriftliche Notiz unseres Vaters vom Sommer 1945, vermutlich während seiner Haftzeit in Mondorf in Belgien geschrieben, wo die Amerikaner die Big shots unter den Nazis versammelt hatten, bevor sie nach Nürnberg verschubt wurden: Seit 4. Mai 1945, dem Tage meiner Verhaftung, lebe ich wie aus dem Grabe heraus. Die Gegenwart ist mir nur noch Qual, die Zukunft ist mir verschwunden, allein lebt die Erinnerung ohne Hoffnung, voll Schmerz und Reue.
Die Unterstreichungen stammen von Vati.
Norman war aufgewühlt. Da konnte ich ihm Dutzende von Fakten über die Ausrottungspolitik unseres Vaters bringen, nichts ließ sein Herz so beben, sein Mitleid so fließen, wie dieses weinerliche Geschreibsel. Als ich ihm das so sagte, duckte er sich weg: »Ja, ja, du hast ja Recht.« Aber er ließ es mich spüren: Du selbstgerechter Richter kennst die Liebe nicht!
»In meinem Leben hing Vati immer pünktlich am Galgen«, lässt er plötzlich raus. Staunend schau ich zu ihm rüber. Ernst und mit großen Augen erwidert er meinen Blick. Dann lacht er. »Gell, dein Bruder kann noch immer überraschende Sätze zimmern.«
Dieser Satz ist die Essenz seines verhehlten Lebens.
Briefe unserer Eltern hatte ich genug. Nachdem unsere Mutter 1959 gestorben war, erbat ich 20 Jähriger als Miterbe »nur alles, was beschrieben ist und alle Fotos«. Die vier Geschwister stimmten zu. So konnte ich Norman gezielt mit Dokumenten konfrontieren, die ihn aus seinem bewusst das Hirn vernebelndem Sport im Fernsehen und Kreuzworträtsel lösen herausholten und ins Grausen über unsere Eltern führen sollten.
Norman, heute will ich deine allerersten Kindheitserinnerungen aufschreiben. Vielleicht finde ich da schon, was dich für mich so verworren gemacht hat.
»Na, dann such mal, ob das vielleicht schon mit dem Bären anfing, den ich besaß. Auf dem konnte ich reiten, so mit Rädern. Und ein Schaukelpferd. Das Schaukeln war mir zu langweilig. Der Bär brummte, wenn man einen Griff nach oben zog. Das Schaukelpferd tat nicht einmal dieses. Deswegen habe ich am liebsten mit einem Ball gespielt.« Er imitiert mit seinem faltenreichen rechten Arm sogar eine Wurfbewegung. »Meine nächste Erinnerung: Sigrid und ich sitzen einander gegenüber im großen Kinderwagen. Wir haben das Gleiche an. Sigrid plärrt wütend zu den Leuten: ›Wir sind keine Zwillinge!‹«
»Interessant: Meine erste Erinnerung ist Sigrid, nicht die Mutti, nicht der Vati. Sigrid war meine wichtigste Bezugsperson. Weil sie mit mir alles teilte.«
Er sinniert kurz, sieht zu mir herüber: »Interessant: Meine erste Erinnerung ist Sigrid, nicht die Mutti, nicht der Vati. Sigrid war meine wichtigste Bezugsperson. Weil sie mit mir alles teilte.«
Kein Wunder, sie war nur fünfzehn Monate älter als du.
»Muttis elend fruchtbarer Schoß, der nicht einmal dich verweigerte! Mein Gott, hätte ich heitere Ruhe.«
Mutti war heitere Ruhe fremd. Deswegen hat sie mich als lästige Laus in deinen Hirnpelz gesetzt. Ich seziere dich, bevor es die Studenten in der Anatomie tun.
»Letztere sind mir lieber.«
Norman, drohe ich, keine Ausflüchte! Der Schnapsladen vom Gerk schließt um halb sieben! Also erinnere dich!
»Hetz mich nicht in den Obstler!« Er lacht. »Vati gab in Berlin als Reichsminister oft Abendempfänge. Im großen Marmorsaal in unserer Villa in der Regerstraße. Schon die Anfahrt der Autos! Jeder Gast hatte seinen Chauffeur. Zu Beginn des Festes musste Sigrid allen Gästen ihren Knicks und ich meinen Diener machen. Ich genoss das. Wirklich! Alles roch nach Parfum. Auch mochte ich Vati sehr, wenn er so toll in der Gästeschar stand. Im Frack mit den Orden und dem Ordensband. Oder in der Oberleutnantsuniform mit dem Säbel an der Seite. Da hat er mir sehr imponiert.«
Und Mutti?
»Ihr offizielles Auftreten war höflich und nett, unauffällig, aber nicht unterwürfig. Das hätte ich gemerkt. Mutti ist nicht gern zu Hitler oder zu anderen offiziellen Empfängen gegangen, das mochte sie im Grunde nicht.«
»Ich genoss das. Alles roch nach Parfum. Ich mochte Vati, wenn er so toll in der Gästeschar stand. Im Frack mit Orden.« Frank rechts, Brigitte 2. von links
Hat dir ihre Abendrobe gefallen?
»Immer. Mutti war schön, sehr festlich gekleidet.
Welche unschuldigen Erinnerungen lässt du noch raus?
»Vati gab auch kleine Abendessen mit zwanzig Gästen. Danach wurden Filme gezeigt. Das Kino befand sich im Keller unserer Villa. Extra musste ein Vorführer kommen. Jetzt pass auf: Von Vatis Arbeitszimmer ging eine kleine Treppe runter. Auf der saßen Sigrid und ich heimlich im Nachthemd und haben zugeschaut. Besonders ist mir ›Belami‹ in Erinnerung geblieben. Neunzig Minuten Erotik. Am nächsten Morgen schlichen wir uns, noch im Nachthemd, nach unten und haben aus den Gläsern der Gäste alle Getränkereste geschlürft.«
Mutti und Vati haben nicht bemerkt, dass ihre lieben Kinderchen beschwipst waren?
»Nein. Wir lebten ohne Aufsicht. Andererseits waren immer Leute da, immer Autos, immer Repräsentation, nichts Privates. Nur einmal nachts, ich glaube 1938, haben Vati und ich uns den Rückkampf zwischen Max Schmeling und Joe Louis in New York angehört. Ganz hinten rechts in der großen Halle stand das Radio. Wir waren beide sehr enttäuscht. Der Kampf war ja schon nach der ersten Runde zu Ende.«
Wie benahm sich Vati dir gegenüber, wenn er zu Hause war?
»Gar nicht. Treffen konnte ich ihn allenfalls morgens im Badezimmer. Oder abends in seinem Ankleidezimmer. Gespannt schaute ich Vati zu, wenn er sich die Orden anlegte oder sich fertig machte, um zu Hitler oder zu Staatsbanketten zu gehen. Für den jeweiligen Staatsmann, den es bei einem Bankett zu feiern galt, nahm er die entsprechenden Orden. Für Mussolini die italienischen.«
Fandst du das nicht albern?
»Nein. Ich fand das natürlich. Manchmal war ich auch dabei, wenn er seine Uniform anzog. Vati war gerne Offizier. Das hat ihm sehr gefallen. Ich glaube, das trug er lieber als das braune SA-Zeugs.«
Hat er sich eitel vor dem Spiegel gedreht?
»Nein.«
Du warst richtig stolz auf Vati?
»Nein. Bewunderung lag mir fern.«
Aber gemerkt hast du dir die Ankleideszenen schon.
»Ja. Damals hatte ich noch ein fesches Hirn. Im September 1939, nach Kriegsbeginn, beobachtete ich ihn zusammen mit Onkel Otto, wie er sich seine Oberleutnantsuniform anzog. Dabei sagte er: ›Jetzt zerstört Hitler sein Reich!‹«
Das glaube ich dir nicht!
»Habe ich genau gehört«, beharrt er. »Elf Jahre war ich damals alt. Onkel Otto hat zustimmend genickt. Vati fuhr dann in die Kaserne.« Er wartet, bis ich zu Ende geschrieben habe. »Diese Äußerung wird der wahre Hans Frank gemacht haben. Wenn er nicht schon durch die Röhm Affäre halbiert worden wäre. Bei der Röhm Affäre werfe ich ihm vor, dass er spätestens jetzt hätte erkennen müssen, was das für eine Partei ist.«
Da hast du Recht, Bomi. Vati war als bayerischer Justizminister zu feige, um über zwanzig von Hitler per Telefon befohlene Erschießungen ohne jedes gerichtliches Urteil zu verhindern.
Norman trommelt mit den Fingern der rechten Hand auf die Lehne, zeigt seine Wut, dass unser Vater immer weiter gemacht hat, obwohl er, als »Mann des Rechts«, wie er sich gerne nannte, genau wusste, wie verbrecherisch seine Partei handelte.
Normans ewig nachgetragene Liebe. Wie oft mag er sich vorgestellt haben, dass Vati nach der Röhm Affäre zu Hitler gegangen wäre und ihm die Gefolgschaft aufgekündigt hätte. Einmal spielten wir es durch. »Heil Hitler, mein Führer«, gibt Norman seinen Vater, »i warat der boarische Justizminister, und dös sag i Eahna: So geht’s fei net: d’Leit daschiaß’n ohne a g’scheit’s Urteil! Mit mir net, Adi!«
»Herr Doktorr Frrank, wenn Sie mirr so kommen, ich kann auch anderrs: Hiermit ziehe ich Ihrren Dienst Mercedes ein.«
»Bitte nein, mein Führer, das ist schlimmer als die Kugel, ich bleibe Ihnen treu ergeben, Heil Hitler.«
Wir lachten. Wissen um Vaters lebenslanges Versagen.
Was hat sich dir noch aus deiner Kindheit eingebrannt?
»Beide Eltern stehen auf der Terrasse und fressen Grapefruit. Immer nur abnehmen! Vati hatte so ein Trainingsruderboot, da ruderte er fleißig und klagte immer: ›Mein Gott, Norman, ich bin schon wieder so dick geworden!‹ So, das reicht.«
Nix da! Du bist siech, wir haben nicht mehr viel Zeit.
Norman ist wegen meines Hinweises auf seinen elenden körperlichen Zustand nicht beleidigt: »Glaube mir, Niki, ich möchte gerne sterben.«
Reiß dich z’amm, bis du mir alles erzählt hast, dann fahr ich dich persönlich lebendig in die Anatomie, damit endlich a Ruah is’!
»Küssen kannten wir nicht. Ich glaube, ich habe schon damals aus der erlebten Fülle an Lieblosigkeit die Tugend des Männlichen gemacht.« Norman, vier Jahre alt.
»Da fällt mir tatsächlich etwas Interessantes ein. In der Tiergarten Villa, die wir vor der Villa in der Regerstraße in Berlin bewohnten, hatten wir ein Dienerehepaar, Kurt und Maria. Die haben Sigrid und mir immer Johannisbeersaft servieren müssen, weil der so aussah wie Rotwein. Wenn wir tranken, haben wir die beiden jedes Mal aufgefordert: ›Ihr müsst euch küssen!‹ Dann haben sie es gemacht.«
Das ist ziemlich schräg! Ihr zwei müsst schon als Kinder genau gewusst haben, dass auch ihr Macht ausüben könnt.
»Freilich. Interessant, warum wir das forderten: Küssen kannten wir nicht. Bei uns in der Familie gab es das nicht. Meine Abneigung, mich busseln zu lassen, kam schon sehr früh. Als ich Pimpf wurde, wollte mich Mutti im Fond unseres Mercedes küssen.« Er macht es mit gespitzten Lippen vor. »Da habe ich gleich eine Abwehrbewegung gemacht und mir danach den Mund gewischt. Ich glaube, ich habe damals schon aus der erlebten Fülle an Lieblosigkeit die Tugend des Männlichen gemacht.« Er hält inne, schaut mich an: »Je mehr ich dir erzähle, desto mehr erschließt sich mir: Wir waren ein gehobener Haushalt, und mit Dienerschaft ist man nie unter sich – was uns einen seltsamen Vorteil fürs ganze Leben einbrachte. Weißt du, Niki, warum wir Franks so ein hohes Selbstwertgefühl haben?«
Weil Vati erstklassig hingerichtet wurde?
»Quatsch! Weil wir früher Dienerschaft hatten!«
Für diesen Satz spalten sie dir erstens zu Recht die Mundschleimhaut medial und längs der Plica sublingualis, zweitens suchen die Studenten deine Glandula sublingualis mit Ausführungsbögen auf, um drittens deinen Ductus submandibularis und N. lingualis von lingual darzustellen. So! Sauber hingelegt deine Sprechwerkzeuge!
»Du lebst doch auch in diesem herrlichen Gefühl: Mir kann keener!?«
Ja. Aber …
»Ich strahle dieses Gefühl nur dann als Kälte auf mein Gegenüber ab, wenn es notwendig ist. Diese Überlegenheit haben wir unseren Dienern, Kindermädchen, Köchinnen und Chauffeuren zu verdanken. Hoch lebe das Personal!« Er hebt sein Glas. »Mein Gott, macht Erinnerungsarbeit hungrig! Geh, Niki, hol’ uns was zu essen, sonst lass’ ich dich meine Kälte spüren!«
Ich bringe vom Metzger Stadler den besten warmen Leberkäs’ Schliersees und vom Bäcker Zanger die besten Bretzen der Welt. Aus Zähnemangel reißt sie Norman in kleine Bröckchen. Den Leberkäs’ schneidet er dagegen in riesige Stücke, zerdätscht sie mit den Kiefern und lässt sie die Speiseröhre runter gleiten. Sichtbar.
Das Zungenbein! Dein Zungenbein. Ein ganz zartes Gebilde. Hätte ich dich erwürgt, wäre es dabei gebrochen worden. In jedem TV-Krimi geht mindestens ein Zungenbein drauf. Ich wette, dein Zungenbein ist von außerordentlicher Strapazierfähigkeit. Das werden die Studenten mit Erstaunen feststellen. Vielleicht kommt dein Zungenbein in die anatomische Sammlung der Abnormitäten. Ach, hätte Himmler unserem Vater doch das Zungenbein gebrochen!
Wieso schlingst du so?
»Weil ich genieße.«
So ein Quatsch!
»Essen hat mich nie interessiert.«
Außer Saures Lüngerl.
»Ja. Und in Milch eingelegte Matjes Heringe.«
Tolles Geschmackssensorium für einen Reichsministersohn.
»Mir hat Hitler imponiert. Vati war immer weg. Es war ja noch Kampfzeit.« Frank (r.) ließ SA Chef Ernst Röhm (3. v. r.) auf Hitlers Befehl 1934 erschießen.
Zu Normans Kälte gehörte auch ein Ritual, das mich frösteln ließ. Bis in die Mitte seines achten Lebensjahrzehnts hinein nahm er mindestens einmal wöchentlich ein Vollbad in seiner Wanne, gefüllt mit eiskaltem Wasser. »Ich lieg nur drin. Bewegungslos. Spüre, wie die Kälte immer tiefer in mich eindringt …«
An was denkst du dann?
»An nichts. Wie üblich.«
Sterbeübung?
»Nein.«
Erholung vom Vater?
»Ja.«
Ich nicke mitfühlend.
Er lacht hämisch auf: »Würde wohl prächtig in dein Klischee vom lebenslangen Nazivateropfer Norman passen! Nein, nein, Niki, du erwischst mich nicht. Meinst du, ich hab dich nicht durchschaut? Dein mitfühlendes Getue ist pure Scheinheiligkeit. Du willst ein Buch über mich schreiben.«
Mag sein!
»Es wird niemand lesen wollen. Ich habe nichts zu sagen. Weil ich nie über mich hinausgelangt bin.«
»Als ich Pimpf wurde, wollte mich Mutti im Fond unseres Mercedes küssen. Da habe ich gleich eine Abwehrbewegung gemacht und mir danach den Mund gewischt.«
Er schaut auf meine Finger, die übers Laptop stöckeln.
»Du gierst danach, weiter auf dem Ticket eines Hauptkriegsverbrechers durch die Welt zu gondeln. Aber du musst nicht deinen zwei schalen Büchern über unsere Eltern ein drittes über deinen unter sieben Schleiern lebenden Bruder hinterher sülzen. Hör auf!«
Nein. Ich habe ein Recht auf dich, auf die Nackenschläge, die dir unsere Eltern verabreicht haben. Ich habe ein Recht auf die Lügen deines Lebens, um sie mit den meinen zu vergleichen.
»Wir leben doch die gleiche Lüge.«
Ich nicht.
Er zuckt die Schultern. Ist mir überlegen.
Er schaut mich an. »Jetzt kriegst du doch tatsächlich einen roten Kopf. Hässlicher Vogel.«
Ja, Schönling. Besuchten uns in Berlin hohe Nazichargen?
»Gut kann ich mich an Edda Ciano, die Frau von Mussolinis Außenminister, erinnern, weil sie für mich eine wunderschöne Frau war. Den Joachim von Ribbentrop nannte Vati zu Hause immer nur ›Rübentopf‹. Als ich mal Frau von Ribbentrop vorgestellt wurde, trug sie einen Schleier mit schwarzen Punkten. Ein Punkt saß genau auf ihrer Nasenspitze. Ich hab innerlich furchtbar lachen müssen.«
Er lacht in Erinnerung. Sein faltiges Gesicht zeigt Glücksgefühle.
Norman, weiter, weiter! Mehr Reminiszenzen aus großer Frankscher Zeit!
»Herrschaftzeiten! Wo soll ich’s denn hernehmen?«
Aus deinem brüchigem Hirnkastl!
»Ich wurde zum verlogenen Biest. Wenn Mutti oder Vati in der Nähe waren, stellte ich mich fern von allem Bösen dar.« Hans Frank, Norman und Sigrid vor dem Schoberhof.
»Sigrid und ich trugen als Kinder gerne bayerische Trachtenhütchen. Als wir einmal mit Vati am Schliersee spazieren gingen, hat er uns die Hüte abgenommen, seinen eigenen auch abgesetzt, weil die Glocken der Leonhardikirche geläutet haben. Es war in der Asenbauerkurve auf dem Weg in Richtung Schoberhof. Es hat sich nie wiederholt.«
Meinst du nicht, dass er es euch wegen der Bauern befohlen hat? Um ihnen den tief gläubigen Politiker vorzuspielen?
»Das hat er sicher auch im Hinterkopf gehabt.«
Weiter, Norman, weiter! Ich suche die Stunde, die Sekunde, in der du dich innerlich verknotet hast.
»Vati kommt aus dem Ministerium in Berlin, Ledermantel und eine Tasche mit Büchern. Ich rieche Tarr, sein Rasierwasser. Da war ich wohl sechs bis acht Jahre alt. Der Geruch seines langen Ledermantels, die Aktentasche, immer voller Bücher. Und sonst: Autos, Menschen um ihn herum. Bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin erlebte ich die Eröffnungsfeier mit Mutti und Vati gemeinsam auf der Ehrentribüne. Beeindruckend! Die Nationalsozialisten waren ja Meister der Inszenierung. Das kann man ihnen nicht absprechen. Auch die Brieftauben, die sie über dem Olympiastadion in den Himmel aufsteigen ließen: Wunderbar! Das passierte zum ersten Mal. Leichtathletikkämpfe, Ringen und Boxen habe ich mir angesehen. Allein. Ohne Eltern. Wieder nur Uniformen und Adjutanten um mich herum. Wieder nichts Privates. Ich war immer allein.«
Hast du Leni Riefenstahls Film über die Olympiade gesehen?
»Ja. Auch wunderbar.«
Weißt du eigentlich, dass Vati in Riefenstahls Triumph des Willens über den Nürnberger Parteitag vorkommt?
»Ja. Entsetzlich und schwülstig falsch. Vor dem Krieg habe ich an Hitlers Geburtstag von der Ehrentribüne aus die stundenlangen Paraden bestaunt. Damals haben mir Waffen imponiert.«
Hitler nicht?
»Natürlich hat mir Hitler imponiert. Zunächst dieses Warten. Das gehörte dazu. Dann kam er und fuhr vorneweg allein durch die Menschenmassen. Wenn Hitler endlich kam, war es, als würde Gott erscheinen.«
Hast du auch den rechten Arm hochgerissen und »Heil!« gebrüllt?
»Natürlich. Und grad zünftig war’s!«
Alle Kinder sind unschuldig.
»Vor allem blöd!«
Nachdenklich schüttelt er den Kopf, sieht sich wohl noch einmal den Arm für Hitler hoch reißen.
»Zurück zu meinem prominenten Alltagsleben: Mit Sigrid sehe ich mich noch neben Göring beim Fasching in München auf einem Balkon stehen. Er hatte uns Luftschlangen gekauft. Großes Gelächter beim runter werfen. Dann: Vati, Sigrid und ich besuchten Heinrich Himmler in seiner Münchener Wohnung. Da war er noch Münchener Polizeipräsident.«
Und du um die sechs Jahre alt. Wie verhielt er sich dir gegenüber? Roch er schon nach Holocaust?
»Er war mir nicht unangenehm. Allerdings hatte er diese Art wie Schwerhörige, er beugte sich immer nach vorne.«
Das kann doch nicht alles gewesen sein, das bisschen Himmler, Göring und Rübentopf.
»Goebbels beäugte mich und sagte Vati: ›Ihm sieht man das Germanentum an.‹« Goebbels zwischen Hans und Brigitte Frank bei einem Empfang in Krakau 1940.
»Natürlich nicht. Ich sollte in München Hitler und Mussolini einen Blumenstrauß überreichen. Da hab ich Vati gesagt: ›Lieber esse ich faules Obst, als dass ich Blumen überreiche.‹ Er hat es lachend zur Kenntnis genommen. Damals war ich schon sieben Jahre alt. Dreizehn oder vierzehn war ich, als Vati mal auf Schloss Kressendorf im Generalgouvernement den Generalfeldmarschall von List zu Gast hatte. Ich habe mir in der Garderobe seine Mütze aufgesetzt, seinen Marschallstab genommen und bin damit vor dem Spiegel auf und ab stolziert. Du ahnst nicht, was ich plötzlich für ein Tod bringender Kriegsheld war! Erstaunlich. Auf dem Schloss war es auch, dass ich meine heilige Weihe der Arisierung empfing. Von Josef Goebbels höchst persönlich. Während seines Besuchs beäugte er mich prüfend und sagte zu Vati: ›Ihm sieht man das Germanentum an.‹«
Wie fandst du ihn?
»Hinkend.«
Mehr nicht?
»Der hat mich nicht interessiert. Genau so wenig wie die anderen. Ich hab nie damit renommiert, dass ich bei all denen war.«
Wie hat Vati auf Goebbels’ Bewunderung seines Sohnes reagiert?
»Lustige Geschichten hat uns Vati nie erzählt. Einen Elfjährigen fragt man nicht nach lateinischen Vokabeln. Auch erzählt man ihm erfundene Geschichten.«
»Ich weinte, wenn Mutti weg ging. Später gewann ich die Erkenntnis, dass sie von Sigrid und mir weg wollte. Daraufhin legte ich das Weinen ab.«
»Ich glaube, er war stolz. Aber, Niki, das war für mich nicht wichtig. Viel wichtiger war etwas Anderes: Von unserer Berliner Villa ging ein Trampelpfad zum Grunewaldsee runter, und gleich rechts war der Reithof. Dort haben wir Reiten gelernt. Mutti oder Vati waren nie dabei, wenn wir ritten. Vati konnte zwar Kinder zeugen, aber kümmern konnte er sich nicht um sie. Für ihn war Vaterschaft nur eine Rolle. Er hat nie eine Schneeballschlacht mit mir gemacht. Er war körperlich ungeschickt. Schwimmen konnte er nur mühsam. Mit Muttis Chauffeur Walter habe ich im Garten geboxt. Vati hat nicht einmal gewusst, dass ich Boxhandschuhe besitze. Auch lustige Geschichten hat er mir nie erzählt. Einen Elfjährigen fragt man nicht nach lateinischen Vokabeln. Und den Kleinen erzählt man selbst erfundene Geschichten. Ich lernte Speer werfen im Garten unserer Villa in der Berliner Regerstraße. Erst mit einem Bambusstab. Den hatte ich von den Beeten geklaut. Der Gärtner kam dahinter. Er hat mir einen echten Speer geschenkt, um in unserem Garten das Schlimmste zu verhindern.«
Er lacht kurz auf. »Aber es waren einsame Spiele. Immer einsam. Mutti hat nie nach mir gefragt: ›Wo bist du denn schon wieder?‹ ›Was machst du denn?‹ Nie. Wenn ich von der Volksschule kam, bin ich gleich zum Nachbarjungen gegangen, um mit der Eisenbahn zu spielen. Zu Hause hat niemand gewartet und sich Sorgen gemacht: ›Ja, wo bleibt er denn?‹ Als ich klein war, noch in München, war ja die Kampfzeit der Nazis. Da war Vati auch nie da.«
Hat er dir Geschenke von seinen Kampfreisen mitgebracht?
»Wenn ja, sicher die falschen. Er hatte keine Ahnung, wer ich bin, was ich wollte.«
Mutti auch nicht?
»Ebenso. Als Geburtstagsgeschenk habe ich ihr immer das gleiche Motiv gemalt: Eine Almhütte. Die Steine auf dem Dach waren so riesengroß, kein Dach hätte die Last getragen und jede Sennerin unter sich begraben. Zu ihrem Geburtstag wurde immer eine Riesenparty gefeiert. Die Gäste, meist ihre zahlreichen Freundinnen, blieben bis früh in den Morgen. Und ein Gelächter! Das kam allerdings von ihren Freundinnen. Denn so richtig lustig war Mutti ja nie. Sicher hat sie damals schon unter Vatis Seitensprüngen gelitten. Aber man merkte ihr an, wenn sie gut gelaunt war. Und sie roch immer sehr gut nach Parfum. Der Ledermantel bei Vati, das Elegante bei Mutti.«
Hast du dich in dieser Welt als Kind wohl gefühlt?
»Schau, bei den vielen Einladungen in Berlin, bei denen ich meinen Diener machen musste, wuchs ich hinein in diese Welt der Lüge.« Er macht eine Pause, grinst mich dann an: »Ich wurde zum verlogenen Biest. Wenn mich Mutti mal beobachtet hat oder Vati in der Nähe war, stellte ich mich stets als fern von allem Bösen dar. Deswegen galt ich als wohlerzogen. Ich habe sehr früh mitbekommen und darüber auch nachgedacht, dass man mit der Wahrheit nicht weit kommt. Ich hatte keinen ethischen Bezug zu Wahrheit oder Lüge. Mit Wahrheit verletzt man. Und da ich zu allen Menschen ein liebevolles Verhältnis haben wollte, habe ich alle angelogen. Bis heute. Auch dich.« Er lacht sich fröhlich eins.
Norman, ich stelle fest: Du warst verlogen, verklemmt und aus Einsamkeit unglücklich.
»Nein. Wenn ich in der Schule mit anderen Kindern oder Jugendlichen zusammen war, war ich nicht verklemmt. Insgesamt war die Berliner Zeit für mich eine sehr glückliche. Die Volksschule ›Nummer 15‹ habe ich genossen. Herr Wildbret war mein unvergesslicher Lehrer. Und die tiefe Dankbarkeit, die ich empfinde, dass ich schreiben und lesen lernen durfte. In meiner Klasse gab es einen Juden, und ich war altkatholisch. Also waren wir vom Religionsunterricht befreit. Wir sind runter und haben Ball gespielt. Ich weiß nicht, ob ich das Wort ›Jude‹ schon richtig begriffen habe, oder er es gesagt hat. Eines Tages kam er zu mir und sagte, seine Familie ginge nach Paris. Er wollte sich verabschieden.«
Weißt du noch seinen Namen?
»Nein. Oft schaute ich in der Schule zum Fenster raus. ›Norman, woran denkst du?‹ fragte die Lehrerin.
›An den Schoberhof.‹«
Tja, unser aller Glückshort, der Schoberhof, unser Haus am Schliersee.
»Noch etwas, dem ich nachhänge. Es muss 1937 oder 1938 in Berlin passiert sein. Ich hatte, als ich aus der Volksschule kam, plötzlich ein Glücksgefühl. Es war zwar mein Geburtstag, aber das Glücksgefühl hatte nichts mit meinem Geburtstag zu tun. So ein Glücksgefühl habe ich nie wieder gefühlt. Das war einmalig.«
Ist das für ein 80 Jähriges Leben nicht ein bisschen schwach?
»Es reichte.«
Genießerisch trinkt er ein Schlückchen. Ich mochte, wenn Norman trank. Nie zitterte seine Hand.
»Wenn ich an den Schoberhof denke: Immer nur Gelächter.« Der Schoberhof wurde von Hans Frank 1935 gekauft, 1948 vom bayerischen Staat enteignet.
»Die Brecherspitz ist der Lehnstuhl Gottes.« Am Südende des Schliersees in Oberbayern stand in Fischhausen zwischen anderen Bauernhäusern der Schoberhof.
Bomi, selbst deine Kuhfalten den Hals runter wackeln genüsslich.
»Warte nur, die kriegst du auch! Mein Aufenthalt in Berlin war bei Kriegsbeginn beendet. Ich kam aufs Maxgymnasium in München. Mein Klassenlehrer Dr. Fingerle fragte mich, ob er meine Mutter kommen lassen könnte. Wir saßen zu dritt zusammen. Vermutlich ging es um Mathematik. Da war ich schwach. Dr. Fingerle sagte zu ihr: ›Gnädige Frau, Ihr Sohn überstrahlt alle.‹ Diesen Satz habe ich noch gut in Erinnerung.«
Das war eben deine Crux: Von Schleimern ebenso vergöttert wie von Mutti. Wie soll da Selbstkritik entstehen?
»Ich war immer kritisch mit mir selbst.«
Beispiele?
Schweigen.
Red‘ halt weiter, alter Brummbär!
»Ich fühlte mich nicht wohl auf dem Gymnasium in München. Also suchte Mutti nach einer anderen Schule. Sie kam auf Schondorf. Was für mich interessant war: Ich kam auf keine Napola. Mutti hatte ganz bewusst ein ziviles Internat ausgesucht. In Schondorf habe ich mich sauwohl gefühlt. Dort lernte ich, auf ein richtiges Tor zu schießen. Nicht wie mit meinen Bauernbuben in Neuhaus auf der Wiese an der Leonhardikirche, wo wir nur zwei Pullover oder ähnliches als Begrenzung hingelegt hatten.«
Bomi, das zugehörige Zeugnis der Oberschule Schondorf am Ammersee nach dem 1. Trimester vom 24. Juli 1940, 2. Klasse vermerkt:
Sport und Spiel: War stets sehr eifrig und leistete viel
Körperliche Arbeit. Bei einem Auftrag schnell und willig.
Verhalten gegen die Erwachsenen: Ist zurückhaltend, doch verständig.
Urteil der Kameraden: Setzt sich für seine Klasse ein.
Haltung im Heim: Hat Verantwortungsgefühl und ist sehr bestrebt.
Das sind Tugenden, mit denen man später wegschauen kann.
»Auf dem Max Gymnasium war ich von September 1939 bis März 1940. Und in Schondorf ein halbes Jahr. Mir wurde gesagt, ich komme nach Krakau. Doch wo kam ich hin? In diese Scheiß Miesbacher Oberschule.
Weil die in Krakau noch nicht fertig war. In Miesbach war ich von Ende 1940 bis Ostern 1941. Dann endlich Krakau! Zusammen mit Sigrid.
»Ich will nicht älter werden als Vati«, sagte Tochter Brigitte und brachte sich mit 46 um. Neben ihr vor dem Schoberhof: Sigrid, Niklas, Michael, Norman.
Das einzig Gute an Miesbach: Wir haben dort Fußball gespielt. Das war für mich sehr wichtig. Und bei Raufereien in der Klasse habe ich einen Trick erfunden. Ich tat so, als würde ich fallen, und wenn der andere dann auch in der Luft war, habe ich ihn plötzlich rumgerissen. Der erste, bei dem ich das erfolgreich getestet habe, hieß Tüwinkel. Der ging später nach Dortmund.
›Den Trick musst du mir beibringen‹, hat er nach seiner Niederlage gesagt. Die Schüler haben mich bewundert. Und keiner hatte den Ministerbuben vor sich. Das lag daran, dass ich den nie raushängen ließ.«
Wenn ich auf deine Kindheit zurückschaue, scheint mir das doch alles sehr bedrückend gewesen zu sein – trotz des einmaligen Glücksgefühls, damals in Berlin. Tante Martel erzählte mir, dass du als Kind immer furchtbar geweint hast, wenn Mutti dich wegen Einladungen, Reisen, Staatsbanketten allein mit der Kinderschwester zu Hause ließ.
»Das stimmt nicht, ich war sehr gern allein. Geweint habe ich, als ich, da war ich wohl acht Jahre alt, eines Tages mit meinen Freunden Schorsch und Martin Leitner vom Kirchbergerhof auf der Bank gehockt bin, gleich gegenüber vom Schoberhof. Wir sprachen über Bauern. Da sagte ich: ›Ich bin doch auch ein Bauer. Ich komm doch vom Schoberhof.‹ Martin und Schorsch haben nur gelacht: ›Naa, du bist kein Bauernbub, du bist ein Ministerbankert.‹ Da hab ich bitterlich geweint. Übrigens: Dass die Eltern von Martin und Schorsch laut Mutti schlecht über uns gesprochen haben, lag sicher daran, dass der alte Leitner zu reich war. Der dankte den Nazis nichts. Die Beliebtheit, die Vati genoss, lag daran, dass er mit allen sprach, von keinem Dünkel besessen war. Auch Mutti war gegenüber den Bauern nicht hochmütig.«
»Sigrid und ich trugen oft Tracht. Als wir mal mit Vati spazieren gingen, nahm er uns die Hüte ab, den eigenen auch, weil die Glocken der Leonhardikirche geläutet haben.«
Erst nach Normans Tod, als im Herbst 2011 zwei Drittel des von allen Franks geliebten, 1946 enteigneten Schoberhofs abgerissen werden, erfahre ich vom über 80 Jährigen Leitner Schorsch, was die Bauern rings um den Schoberhof über den zuagroasten Hans Frank wirklich dachten: »Der hat net her g’hört.«
Bedripst habe ich genickt. Wir Franks haben dort nicht hingehört. Zwischen diese urbayerischen Höfe mit ihren urbayerischen Bewohnern. Wir mit unserer Hakenkreuzfahne, die vor dem Schoberhof an einem hohen Mast wehte.
»Vati hatte keine Ahnung, wer ich bin. Er wusste nicht einmal, dass ich boxe. Und wenn er mir Geschenke mitgebracht hat, waren es sicher die falschen.«
»Die Hakenkreuzflagge flatterte nur an den Pflichttagen. Kein Mensch hat das täglich gemacht. Passte gar nicht zu uns«, hatte mich Norman belehrt. Den Bauern war im Umgang mit dem Ehepaar Frank sicher anderes unangenehmer als die wehende Hakenkreuzfahne vor dem Schoberhof.
»Na gut. Ich habe geweint, wenn Mutti weg ging. Später habe ich anscheinend die Erkenntnis gewonnen, dass sie von Sigrid und mir weg wollte. Daraufhin habe ich das Weinen abgelegt.«
Und an Kälte zugelegt.
Weil du in deiner Kindheit und Jugend Dienerschaft hattest, war dir Würde gegeben, die du nur in sternhagelvollem Zustand zu verlieren pflegtest. Ich gestehe dir sogar eine enorme charakterliche Leistung zu, die du selbst so ausgedrückt hast: »Ich bin gegen das geistige Umfeld entstanden.«
Er nimmt sich schweigend eine Praline.
»Mein schönes Generalgouvernement«
Beim deutschen Überfall auf Polen warst du elf Jahre alt. Wie hast du Vatis berufliche Veränderung erlebt?
»Als Mutti von Vati erfuhr, dass er Polen übernehmen würde, sagte sie nur: ›Mein Gott, in Polen ist es so kalt.‹ Vati war schon in Krakau, da haben Sigrid, Mutti und ich ihn erstmals besucht. Vati war nett wie immer und hat uns seinen Dienstsitz gezeigt. Die Burg wirkte auf mich gewaltig. Ich sehe uns noch mit dem Mercedes den Weg hochfahren, die goldene Kuppel der Kathedrale, es war überwältigend. An der Burg selbst hat mich zunächst das Düstere beeindruckt. Und es roch komisch. Abgestanden. Der Wawel war ja möbliert. Nur in unseren Wohnteil kam neues Mobiliar. Dass es schöne Möbel waren, verdanken wir Europa. Ganz Europa hat sich Mühe gegeben.«
Wie bitte?
Er lacht.
»Das Komische: Auf dieser Riesenburg war für die Familie eigentlich kein Platz. Mutti musste irgendwo ganz hinten ihr Schlafzimmer einrichten. Um zu ihr zu kommen, mussten Sigrid und ich durch kalte Saalfluchten laufen. Ich werde den ersten Tag auf dem Wawel nie vergessen: Wir bekamen einen ganzen Karton mit polnischer ›Wedel‹ Schokolade. Später mochte ich die Burg sehr. Glücklich war ich sofort über das Erkerzimmer, in dem ich wohnte. Mit uralter Ledertapete! Und ringsum Fenster. Von dort konnte ich leere Mineralwasserflaschen runter schmeißen. Die sind auf den Mauervorsprüngen unheimlich zerscheppert. Sonst hätte es ja keinen Spaß gemacht. Ein kleiner Tisch und ein Stuhl gehörten zum Raum. Im Radio am Kopfende meines Bettes suchte ich so lange, bis ich meinen Swing hören konnte. Es gab ja berühmte Soldatensender, die spielten ganz amerikanisch. Vor meinem Zimmer ging eine enge Wendeltreppe zum Vorraum einer der schönsten Säle, die ich je gesehen habe, In dem wurde Sigrid und mir aus der Küche das Frühstück serviert.«
»Vati war nett wie immer und hat uns seinen Dienstsitz in Krakau gezeigt. Die Burg wirkte auf mich gewaltig. Ich sehe uns noch mit dem Mercedes hochfahren.«
Mit Mutti und Vati?
»Mutti war nie dabei. Und Vati war eh immer weg.«
Er holt sich aus der Kristallschale die nächste Praline, schiebt sie sich in den Mund, lutscht. »Ja, ich mochte Krakau sehr. Krakau war klein. Alles zu Fuß. Die Burgstraße und der Adolf-Hitler-Platz, das genügte uns. Wir hatten alles: Das großartige Schwimmbad, die Burg, den Sportplatz – es war wunderbar! Jeden Tag bin ich mit dem Rad zur Schule gefahren. Immer zur gleichen Zeit, immer den gleichen Weg. Im Nachhinein wundert mich, dass nie jemand versucht hat, mich zu kidnappen oder zu erschießen. In Krakau habe ich mich immer wohl gefühlt: In der Schule, im Schwimmbad, Judenkinder verprügeln.«
Er lacht in mein entsetztes Gesicht hinein.
»Und Vatis Diener Nickl gab mir in Krakau mein Taschengeld in Zloty.«
Wie viel?
»Nun, abgesehen vom Judendeputat so Zehntausend Zloty pro Monat. Ach Quatsch! Ich glaube, mein Taschengeld betrug 50 Pfennige in Zloty pro Tag. Mutti steckte uns auch mal was zu, aber wir schwammen nicht in Geld.«
»Glücklich war ich über das Erkerzimmer, in dem ich auf der Burg wohnte. Ringsum Fenster. Von dort konnte ich leere Mineralwasserflaschen runter schmeißen.«
Norman, du hörtest Swing, warfst Flaschen, und gut 65 Jahre später stand nach einer Lesung aus meinen Büchern in Krakau eine Polin auf, sagte, sie sei mein Geburtsjahrgang und fuhr dann fort: »Herr Frank, wenn Sie sich vorstellen könnten, mit welcher Angst ich als kleines Mädchen unterhalb der Burg entlang geschlichen bin. Der Wawel war damals für uns Polen ein Fels des Schreckens.«
Norman schüttelt den Kopf: »Das gilt nicht für mich.«
Zwei Jahre nach deinem friedlichen Tod habe ich dein Zimmer besucht. Ein Wahnsinnsraum mit einem grandiosen Blick auf die Altstadt von Krakau! Tja, Bomi, von oben konntest du die Verbrechen der Deutschen sicher nicht sehen. Die Schmerzensschreie drangen nicht bis zu deinem Erkerkerker hinauf. Vielleicht hörtest du nur die Kommandos der SS-Wachmannschaft, die den Wawel bewachte. Und in der Tat: Dein kostbares Nachtasyl lag weit entfernt von Vatis oder Muttis Wohnräumen. Wie einsam musst du gewesen sein.
»Ich glaube, wir Deutschen haben uns nichts vorzuwerfen«, sagt Norman 1987 zu einem Schulfreund aus Krakau: Verängstigte jüdische Kinder vor einem Ghetto.
»In der Burg war mir Vati am nächsten. So nett. Ein wirklich netter Vater. Und Zigaretten und Zigarren. ›Und trink einen Sekt!‹ Wunderbar! Oder: ›Magst du einen Smoking?‹ Ich wusste gar nicht, was ein Smoking ist. Er hat mich umworben. Ein tiefes Gefühl hat ihm gesagt: Ich werde nicht alt. Er wollte seinen Sohn mit Zigarre und im Smoking sehen. Einmal kam ich von der Krakauer Schule mit einem schlechten Zeugnis. Ich glaube Rechnen 5. Er schimpfte mich aus. ›Wie kannst du nur!!!‹
Und ich fragte: ›Du, Vati, kann ich mit dem Gert nach Zakopane fahren?‹
›Ja, aber nimm das Rechenbuch mit!‹
Übrigens: Durch Vati wurde mir Latein vergällt. Er fragte mich, wenn ich nach Hause kam, zum Beispiel: ›Was heißt: Die Königin ermahnt die Seeleute?‹
›Regina monet nautas.‹
›Und was heißt: Die Königinnen ermahnen den Seemann?‹
›Reginae monent nautam.‹
»Wenn alle Juden Hunde gehabt hätten, wären wir ins Gespräch gekommen und hätten sie nicht vergasen müssen.« Norman mit »Tommy«, Eltern und Sigrid.
Da war er zufrieden. Als hätten Königinnen nichts anderes zu tun! Furchtbar, immer diese Fragen nach der Schule.«
Vielleicht hatte er ja plötzlich ein echtes Interesse an dir.
»Nein. Ich glaube, er konnte mit mir nichts anfangen. Wie gut hätte es Vati gefallen, wenn ich eine Zeitschrift herausgegeben hätte, so wie er als Schüler. ›Das Aquarium‹ oder ›Terrarium‹. Er versprach sich viel mehr von Michel. Auch weil der seinen Namen ›Hans Michael‹ trug. Hinzu kam sicher auch: Ich sah der Mutti ähnlich, Michel ihm. Er hielt ja Mutti für dumm. Mit anderen Worten: Norman: auch blöde!«
Du widersprichst dir doch fortlaufend. In deinem Brief an Vati vom 8. Mai 1946 ins Nürnberger Gefängnis erinnerst du ihn daran: