Brutal und Bereit - Vale Vanessa - E-Book

Brutal und Bereit E-Book

Vale Vanessa

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Beschreibung

Wenn es ein harter Bad Boy mit einer steifen Collegeprofessorin aufnimmt, können sie dann beide den Kampf ihres Lebens gewinnen?

Reed Johnson wuchs Brutal und Bereit, seine Fäuste zum Überleben einzusetzen, auf der Straße auf. Heutzutage finden all seine Kämpfe im Ring statt. Da der Outlaw sein Trainer ist, ist er viel mehr als ein Cowboy. Das reicht ihm, bis er seine neue Nachbarin kennenlernt.

Harper Lane läuft vor einer gefährlichen Vergangenheit davon, aber ganz gleich, wie sehr sie sich auch anstrengt, sie folgt ihr. Dieses Mal ist sie nicht allein. Denn sie rennt direkt in Reeds Arme. Sie ist jetzt die Seine. Sein zu beschützen. Sein zu retten. Um das tun zu können, wird er zu dem Leben zurückkehren müssen, das er hinter sich gelassen hat. Aber die intelligente Kunsthistorikerin ist den Kampf wert und wenn es um sie geht, ist er zu allem bereit. Sogar zu etwas, von dem er nie gedacht hätte, dass er es verdiene. Liebe.

 

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Brutal und Bereit

Mehr als ein Cowboy - 2

Vanessa Vale

Copyright © 2021 von Vanessa Vale

Dies ist ein Werk der Fiktion. Namen, Charaktere, Orte und Ereignisse sind Produkte der Fantasie der Autorin und werden fiktiv verwendet. Jegliche Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, lebendig oder tot, Geschäften, Firmen, Ereignissen oder Orten sind absolut zufällig.

Alle Rechte vorbehalten.

Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form oder auf elektronische oder mechanische Art reproduziert werden, einschließlich Informationsspeichern und Datenabfragesystemen, ohne die schriftliche Erlaubnis der Autorin, bis auf den Gebrauch kurzer Zitate für eine Buchbesprechung.

Umschlaggestaltung: Bridger Media

Umschlaggrafik: Wander Aguiar Photography

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Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

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Website-Liste aller Vanessa Vale-Bücher in deutscher Sprache.

ÜBER DIE AUTORIN

1

HARPER

„Das schuldest du mir“, schnauzte Cam.

Die Stimme meines Bruders zu hören, ließ mich erschaudern. Galle stieg in meiner Kehle hoch. Er hatte vor zwei Wochen angefangen, mich anzurufen und an seine bevorstehende Entlassung zu erinnern. Ich hatte keine Erinnerung gebraucht. Das Datum war mir ins Gedächtnis gebrannt und jedes Mal, wenn ich in den Kalender schaute, sah ich, dass es näher rückte.

Ich schuldete es ihm? Ich schuldete ihm Geld für das, was er getan hatte? Meine Hände zitterten, während ich mir das Handy ans Ohr hielt. Es überraschte mich nicht, dass er mich gefunden hatte. Erneut. Obwohl ich mir eine neue Handynummer zugelegt hatte. Es war dumm von mir gewesen, zu denken, dass ich ihn mir damit vom Hals halten könnte.

„Wofür?“, fragte ich mit schriller Stimme. Ich bemühte mich, ruhig zu klingen, weil es ihm stets einen Kick gab, wenn er mich aus der Fassung brachte. Er würde das ausnutzen, ausschlachten und mich damit quälen, obwohl er hinter Gittern saß.

„All das Geld, das du hast, hast du nur wegen mir.“

Ich tigerte zu den Fenstern, die die geschäftige Straße überblickten. Ich war gerade erst in das Apartment gezogen, weshalb mir nur die schlichten weißen Jalousien Privatsphäre boten, aber ich hatte sie hochgezogen, um die schwache Dezembersonne hereinzulassen. Da die Dunkelheit schnell hereinbrach und ich wusste, dass Cam dort draußen war, wenn auch im Gefängnis, zupfte ich an der Kordel und ließ eine Jalousie runter. Dann die nächste und die nächste entlang der Wand, bis ich nicht mehr raussehen konnte, bis ich mich in einem kleinen Kokon befand, in dem mich nichts erreichen konnte. Ja, klar. Ich schlang meinen Arm um meine Taille, da mir plötzlich kalt war. Ich allein war.

„Du hast mich zwei Gangstern übergeben im Austausch für die Auslöschung deiner Spielschulden“, entgegnete ich und fuhr mit einer Hand über mein Gesicht, dann durch meine Haare. Ich hatte sie heute Morgen für die Arbeit zu einem einigermaßen kunstvollen Dutt nach hinten frisiert, aber mit einem Wisch meiner Hand hatte ich alles verstrubbelt.

Ich wollte nicht erneut auf den Tisch bringen, was er getan hatte, denn er war sich dessen nur allzu bewusst, aber er war der Meinung, es spiele keine Rolle. Ängstlich wirbelte ich auf dem Absatz herum und machte mich daran, einen Umzugskarton zu öffnen, der auf meinem Schreibtisch stand. Eine Pflanze balancierte gefährlich auf einem Stapel Büroartikel und ich stellte sie mit einem harten Knall auf die blanke Oberfläche. Sie brauchte Wasser, nachdem sie dort über eine Woche vernachlässigt worden war.

„Yeah, und dir ist nichts passiert abgesehen davon, dass du einen Haufen von Mommys und Daddys Kohle einkassiert hast.“

Nichts passiert? Ich zog das Handy von meinem Ohr und starrte es an. Meine Handflächen schwitzten und ein dumpfer Schmerz zog in meinem Hinterkopf ein.

„Sie griffen mich in einem Aufzug an.“

„Sie vergewaltigten dich nicht oder so etwas.“

Vergewaltigung war sein Richtwert dafür, ob etwas passierte, und das machte mich krank. Alles an Cameron machte mich krank. Als mein älterer Bruder sollte er eigentlich mein Beschützer sein und auf Dinge wie übergriffige Freunde ein Auge haben. Er war ein kleines Arsch, vielleicht seit er zwei Jahre und in der Trotzphase gewesen war, aus der er nie herausgewachsen war. Wir hatten als Kinder kein einziges Mal zusammen gespielt, waren nicht einmal auf die gleiche Privatschule gegangen. Wir hatten nie bei Videospielen oder während Stunden, in denen wir bei einem Roadtrip auf dem Rücksitz eines Kombis gesessen hatten, ein geschwisterliches Band geschmiedet.

Stattdessen betrachtete er mich eher wie eine Sache. Eine Sache, die er zwei Männern gegeben hatte. Ich war ihnen körperlich unversehrt entkommen, aber sie waren nie geschnappt worden. Der Fall war noch immer offen und sie waren noch immer dort draußen. Mein Bruder rückte ihre Namen nicht raus, da er wusste, dass er so gut wie tot wäre, würde er petzen. Ich hätte Cam ebenfalls für seine Beteiligung verhaften lassen sollen, doch nein.

Meine Eltern hatten nur an Cam und ihren Ruf gedacht – was seine von Drogen angetriebenen Angewohnheiten nur ermöglicht hatte. Sie hatten mich gezwungen, über die ganze „schwesterliche Verkaufsaktion“ Stillschweigen zu bewahren, und ich hatte nun einen gigantischen Betrag Schweigegeld auf meinem Bankkonto als zusätzlichen Anreiz.

Zum damaligen Zeitpunkt war ich zu traumatisiert gewesen, um mich gegen sie zur Wehr zu setzen. Ich hätte Cam der Polizei ausgeliefert, als ich endlich aufgehört hatte, ständig Alpträume zu haben, und keine Angst mehr gehabt hatte, nach draußen zu gehen. Doch er war so dumm gewesen, sich einige Wochen später als nicht vorbestrafter Drogentäter erwischen zu lassen, und war ohnehin im Gefängnis gelandet. Auf sein eigenes Tun hin. Dagegen hatten die gute alte Mom und Dad nichts unternehmen können.

„Lass mich in Ruhe“, sagte ich mit flacher Stimme.

Seine bevorstehende Entlassung war der Grund dafür, dass ich umgezogen war. Erneut. Er hatte gewusst, wo ich gewohnt hatte, und da er bald rauskommen würde, hatte ich mich nicht mehr sicher gefühlt. Schon bald wäre er in der Lage, mit irgendjemandem bei mir aufzukreuzen. Jederzeit.

Nein, dieses Apartment war sicherer als mein altes Haus, das näher am Campus lag. Ich sah mich um. Ein modernes, hochwertiges Gebäude. Drei Stockwerke, nur drei Apartments mit vielen Sicherheitsvorkehrungen. Es wohnte nicht nur mein Vermieter, Grayson Green – einer der berühmtesten und erfolgreichsten MMA-Kämpfer – im obersten Stock, sondern noch ein anderer Mann, den er trainierte, lebte in der Einheit, die meiner im ersten Stock gegenüber lag. Im Erdgeschoss befand sich ein komplettes Fitnessstudio voller Kerle, die nicht zögern würden, einen Schwinger für mich abzufangen. Zumindest hatte mir das meine Freundin Emory erzählt. Ich hatte in derselben Straße gewohnt wie sie, bevor sie bei Gray, ihrem Verlobten, eingezogen war.

„Dich in Ruhe lassen? Schick mir das Geld und ich werde genau das tun“, blaffte Cam. „Und Harper –“

„Fick dich.“ Ich beendete den Anruf und warf mein Handy auf das Sofa, da ich nichts mehr von ihm hören wollte. Er hatte fast zwei Jahre damit verbracht, sich darauf vorzubereiten, mich erneut zu zerstören. Jetzt, da sein Entlassungstag in naher Zukunft lag, wusste ich, dass die Telefonanrufe nur der Anfang waren. Selbst nachdem ich meine Nummer geändert hatte, hatte er mich noch gefunden.

Ich tigerte durch den Raum, vor und zurück, schlängelte mich um die Kartons und wahllos abgestellten Möbelstücke, die die Umzugshelfer kreuz und quer deponiert hatten. Das Apartment verfügte über ein offen gestaltetes Interieur. Es bestand aus einem großen Zimmer abgesehen von einer Gästetoilette, dem Schlaf- sowie Badezimmer. Die Decken waren hoch, die Fenster groß und reichten von einer Wand zur anderen. Es war modern mit einer Menge Edelstahlgeräten in der Küche, aber es war warm. Sicher.

Ich war vor einer Woche eingezogen und hatte mich noch nicht eingerichtet. Ich hatte nur mein Bett aufgebaut, meine Kleider ins Schlafzimmer geworfen und die Kaffeemaschine hervorgekramt. Zum Teufel, aufgrund des verdammten Anrufs musste ich mich ernsthaft fragen, wie lange ich hierbleiben könnte. Meinen Eltern war ich seit dem Vorfall problemlos aus dem Weg gegangen, aber wir bewegten uns auch nicht in den gleichen sozialen Kreisen. Ich verbrachte keine Zeit im Country Club. Ich war für sie zu akademisch, zu pedantisch in meinem Studiengebiet. Anstatt Anwältin zu werden, hatte ich die ganze Lane Familientradition gebrochen und war Professorin geworden. Für sie war das, trotz meines Doktortitels, bloß ein kleines bisschen besser als eine Verkäuferin.

Wenn Cam rauskam, würde er dann an meine Tür hämmern und mich belästigen? Oder schlimmer, auf der Straße? Auf dem Campus? Konnte ich überhaupt in Brant Valley bleiben? Anstatt mich in diesem großartigen Apartment einzurichten, fragte ich mich, wie lange ich in der Stadt leben würde können. Zum Teufel, im Staat.

Der Anruf war Teil von Cams Plan, mir zuzusetzen. Eine Aufwärmübung. Ich wusste das, aber ich kam nicht umhin, deswegen durchzudrehen.

Die Pflanze war in meiner Hand und unter dem Wasserhahn des Spülbeckens, ehe ich realisierte, was ich da tat. Ich erinnerte mich nicht einmal daran, dass ich sie in die Hand genommen hatte und in die Küche gelaufen war. Ich schloss die Augen, atmete.

Ich wollte Mommys und Daddys Geld nicht. Ich wollte meine Eltern genauso wenig wie meinen Bruder in meinem Leben haben, weshalb ich das Geld auf die Bank gebracht hatte, wo es niemand anrühren konnte. Meine Eltern konnten es nicht zurückverlangen und Cam konnte es nicht erreichen.

Sie hatten ihren Sohn mit seinen grausamen und gefährlichen Taten ihrer eigenen Tochter vorgezogen. Und ihr Geld? Ich würde alles davon hergeben, um Cam dauerhaft aus meinem Leben zu entfernen, aber ich würde nicht nachgeben. Ich würde ihm das Schweigegeld nicht geben. Und es war Schweigegeld.

Niemand durfte wissen, dass Cameron Lane der Dritte ein Suchtproblem hatte und seine eigene Schwester im Austausch für die Tilgung all seiner Schulden an Drogendealer übergeben hatte. Derartiges passierte im Country Club nicht und es passierte ganz gewiss nicht meinen Eltern.

Aber es war mir passiert.

Da ich bemerkte, dass ich die Pflanze ertränkte, schaltete ich das Wasser aus und stieß mich vom Spülbecken ab. Schloss meine Augen und stöhnte laut. Frust ging in Wellen von mir ab. Ich war weit darüber hinaus, ins Bett zu steigen und die Decke über den Kopf zu ziehen. Über Tränen hinaus. Es waren einfach keine mehr übrig. Ich hatte vor zwei Jahren zu weinen aufgehört.

Ich ging ins Schlafzimmer, trat die Heels von meinen Füßen, zog meinen Rock und Bluse aus und wühlte meine Sportklamotten aus dem Haufen in der Ecke. Normalerweise wartete ich bis später am Abend mit meinem Workout, da ich zuerst aß, wenn ich von der Arbeit nach Hause kam, aber ich musste diese ruhelose Energie verbrennen. Ich musste mir diese Beklemmung von der Seele rennen. Nach dem Vorfall hatte ich mit dem Joggen angefangen, weil meine Therapeutin gesagt hatte, dass Sport wie ein Ablassventil an einem Dampfkochtopf funktioniere.

Es hatte mir nicht gefallen, mit einem Küchengerät verglichen zu werden, aber ich hatte das Bild nachvollziehen können. Ich war bereit gewesen, zu explodieren, und das Joggen hatte geholfen. Zunächst war ich nicht weit gekommen, war mehr gelaufen als alles andere, aber jetzt, jetzt konnte ich stundenlang joggen, vor allem wenn ich aufgebracht war. Nachdem ich mir einen Haargummi auf das Handgelenk geschoben hatte, suchte ich meine Laufschuhe neben der Tür, setzte mich auf den Holzboden, zog einen an und band die Schnürsenkel mit einer extra Portion Elan.

Ich war in Sicherheit. Das wusste ich. Cameron war noch immer im Gefängnis. Die Männer, die mich angegriffen hatten, hätten mich schon längst wieder geschnappt, hätten sie mich noch immer gewollt. So wie ich das sah und was auch die Polizei vermutete, war es wahrscheinlicher, dass sie Cam wollten. Wenn das stimmte, konnten sie ihn gerne haben. Ich konnte mir nur vorstellen, wie sehr es ihm gefallen würde, von ihnen angegriffen zu werden.

Mein Apartment war sicher. Gray hatte mir das persönlich versichert. Schlüsselkarten waren für den Aufzug und die Notfalltreppe nötig und nur die vier Anwohner besaßen diese. Gray mochte es, wenn alles sicher war. Er wusste zwar, wie man kämpft, und kämpfte selbst sehr gut, aber er zog es vor, seine Fäuste nur im Ring einzusetzen. Das waren seine Worte gewesen, als er mir meine Schlüsselkarte überreicht hatte, was beruhigend gewesen war. Außerdem würde er Emorys Sicherheit um nichts in der Welt aufs Spiel setzen. Ich hatte einige Häuser entfernt von ihr gewohnt, wo wir drei Jahre lang Nachbarinnen gewesen waren, während ich Kurse gegeben und meine Dissertation für meinen Doktortitel beendet hatte. Nach dem Vorfall hatte ich mich nie wieder richtig sicher gefühlt. Emory hatte an mich gedacht, als sie von dem leerstehenden Apartment erfahren hatte, und sie hatte mir versichert, dass es sicher sei.

Ich war in Sicherheit.

Das bedeutete jedoch nicht, dass ich nicht gereizt war und keine Alpträume davon haben würde, was in dem Aufzug geschehen war. Wieder. Camerons wenige Anrufe lösten sie stets von neuem aus. Die Angst kehrte stets zurück. Wie jetzt, als ich laufen wollte, bis meine Beine nachgaben, bis ich hoffentlich zu erschöpft zum Träumen war.

Da ich mit meinen Schuhen fertig war, stand ich auf, schnappte mir die Autoschlüssel sowie die Schlüsselkarte für das Gebäude und ging zu einem der Kartonstapel. Einige mussten für meinen Kurs über mittelalterliche Kunst im nächsten Semester in mein Büro geschafft werden, weshalb ich meine Beklemmung dazu nutzen würde, sie für morgen zu meinem Auto zu schleppen. Ich stapelte drei identische Kartons, die schwer mit Büchern beladen waren, auf der Sackkarre. Die Karre hinter mir herziehend, trat ich auf den Gang und schloss mein Apartment ab. Blickte sehnsüchtig zu der Tür zum Treppenabgang. Ich hasste Aufzüge. Nach dem, was passiert war, hatte ich sechs Monate gebraucht, bis ich wieder in einem hatte fahren können. Jetzt benutzte ich sie, aber nur mit anderen Leuten, mit Leuten, denen ich vertraute. Oder an sicheren Orten. Wie diesem, den ich mir nur mit drei anderen Leuten teilte.

Es bestand keine Chance, dass ich mit den Kartons die Treppe hinabkäme und ich würde nicht dreimal hin und herlaufen. Die Sackkarre hinter mir herziehend, holte ich tief Luft und drückte auf den Knopf zum Erdgeschoss.

Dennoch graute es mir davor, in den Aufzug zu steigen, als die Tür aufglitt. Ich dachte an die zwei Männer, die zu beiden Seiten von mir gewesen waren. Einer hatte sich umgedreht, um mich gegen die Wand zu pressen, und seine Hände hatten mich begrapscht. Der andere hatte zugesehen und gelacht.

Ich schob die Erinnerungen von mir, trat hinein und drückte auf den Knopf zum Erdgeschoss. Zwang die Übelkeit nieder. Ich musste mich abregen. Entspannen. Cam vergessen. Was er getan hatte. Was er jetzt wollte. Ich würde meine Wut auf dem Laufband in Grays Fitnessstudio verbrennen, da es so früh dunkel wurde. Ich joggte abends nicht allein draußen. Nicht zu dieser Jahreszeit.

Sport half immer. Ich konnte das tun, ich konnte über Cams Anruf hinwegkommen, die widerlichen Gedanken an diese Männer und daran, dass mich einer festgehalten hatte, während mir der andere das Shirt aufgerissen hatte. Dass ich um mich getreten und mich gewehrt hatte, eine Nase gebrochen hatte. Das Blut. Die Panik. Das hemmende Verlangen, dass sich die Türen öffnen mögen, damit ich fliehen konnte. Der Sturz auf den Marmorboden vor der Reihe an Aufzügen. Der Schrei nach der Security.

Ich erinnerte mich an das Gefühl ihrer groben Hände. Hörte ihre Stimmen, die mir erzählten, was sie mit mir tun würden. Roch ihr widerlich süßliches Gesichtswasser, die billigen Zigaretten.

Die Aufzugtüren glitten auf. Ich machte einen Schritt und mir gefror der Atem in den Lungen, als ich ihn sah.

Ihn.

Groß. Breit. Tätowiert. Kräftige Muskeln. Kantiger Kiefer. Wütende Augen. Er strahlte eine greifbare Energie aus. Er sah gemein aus. Böse. Gnadenlos. Seine Hände waren zu Fäusten geballt und er trat auf mich zu, dann erstarrte er, als er mich sah. Daraufhin veränderte sich sein Blick, der Zorn verschwand.

Dennoch jagte er mir eine Heidenangst ein. Für den Bruchteil einer Sekunde dachte ich, er würde mir wehtun.

Nein. Dieser Mann hatte nicht vor, mich in ein Hotelzimmer zu schleifen und zu vergewaltigen. Er… versuchte, nach oben zu gelangen. Ich wusste das. Mein Gehirn verarbeitete, dass er in dem Gebäude wohnte, oder zumindest eine Schlüsselkarte hatte, um den Aufzug zu rufen. Doch nein. Das spielte keine Rolle. Renn! Renn! waren meine einzigen Gedanken.

Nein. Ich konnte nicht wie eine komplette Irre aussehen, konnte der Angst nicht erlauben, mich zu beherrschen. Ich atmete tief durch und murmelte: „Entschuldigen Sie bitte.“

Er trat zurück, die Hände vor seiner Brust erhoben, und ich zog die Sackkarre mit den Kartons in den Lobbybereich.

Ich hörte, wie sich die Aufzugtüren schlossen, spürte wie das heftige Gefühl der Panik allmählich verebbte. Ich stoppte direkt vor den Außentüren und starrte durch das Glas nach draußen. Auf nichts. Atmete. Versuchte, mein rasendes Herz zu beruhigen. Cam hatte mir das angetan. Hatte mich zu einem bebenden Häufchen Elend gemacht, das vor allem Angst hatte. Sogar meinem Nachbarn.

Natürlich war der finster aussehende Mann mein Nachbar. Ich hatte Gray und Emory kennengelernt. Sie hatten mir erzählt, dass Grays Kämpfer, Reed, in dem anderen Apartment auf meinem Stockwerk lebte, aber ich war ihm noch nicht begegnet. Ich war bisher zweimal im Fitnessstudio gewesen – Gray bot die Mitgliedschaft mit der Miete an – und hatte einige der Kämpfer gesehen, die im Ring trainiert hatten, während ich auf dem Laufband gejoggt war, aber ich hatte nicht gewusst, welcher er war. Die Anzahl der fitten Männer, die zuschlugen, traten und sich auf dem Boden herumrollten in dem Versuch, einander zu würgen, war so hoch, dass die Eierstöcke einer Frau aufmerkten und Notiz nahmen. Ich hatte keinen blassen Schimmer gehabt, dass verschwitzte Männer so erregend sein konnten.

Aber keiner von ihnen konnte mit Reed mithalten. Selbst in meiner Panik hatte ich mich zu ihm hingezogen gefühlt. Vielleicht war ich gerade deswegen so sehr in Panik geraten. In diesem Bruchteil einer Sekunde sollte ich keinen Mann begehren, der mir Schaden zufügen könnte. Wenn ich die Schichten der Panik abblätterte, erinnerte ich mich an seine Größe. Er war mindestens einen halben Kopf größer als ich. Rabenschwarze Haare, die superkurz geschnitten worden waren, als hätte er selbst den Rasierer benutzt, anstatt zu einem Friseur zu gehen. Seine Haut war olivenfarben und die Ansätze eines Bartes ließen seinen kantigen Kiefer leicht wild aussehen.

Dann waren da noch die Tattoos. Wirbel aus Farbe und Formen, die seine Arme hinaufkrochen, und ich hegte keinerlei Zweifel daran, dass sie auch unter seinem Shirt versteckt waren. Sein allgemeines Erscheinungsbild sagte klar und deutlich Bad Boy.

Seine dunklen Augen hatten sich bei meinem Anblick vor Überraschung geweitet und waren dann noch eine Spur größer geworden, vermutlich weil ich ihn entsetzt angestarrt hatte. Mit seiner Nase, die einen Knick hatte, und den fleckigen roten Malen auf seinem linken Wangenknochen hatte er ausgesehen, als wäre er in alte und neue Kämpfe verstrickt gewesen. Ein enges weißes T-Shirt hatte wegen des Schweißes an seiner Haut geklebt und der Kragen war leicht ausgeleiert gewesen, als wäre einige Male daran gerissen worden, und eine schwarze, kurze Sporthose hatte tief auf seinen Hüften gesessen. Er war ein Kämpfer, kein Vergewaltiger.

Ich drückte die Außentür mit mehr Aggression als nötig auf und zerrte an der Sackkarre, ehe ich sie zum Kofferraum meines Autos zog. Zweifelsohne hielt mich Reed für verrückt. Zumindest würde er denken, ich hätte Todesangst vor ihm. Mein Herz hämmerte noch immer wie wild. Meine Kehle brannte wegen des Verlangens, zu weinen, aber da waren keine Tränen. Cam hatte mir das angetan. Selbst nach zwei Jahren, selbst aus einer Gefängniszelle heraus hatte er noch so viel Macht über mich. Zerstörte mich nach wie vor. Meine Arbeit, mein Leben, meine Beziehungen. Wenn er rauskam…

Während ich die Kartons in den Kofferraum stopfte, fragte ich mich, ob ich jemals frei sein würde. Und ein Mann wie Reed? Ich war keine Dame in Nöten, die es wert war, gerettet zu werden.

2

REED

Ich hatte keine Ahnung, was zum Henker mit meiner neuen Nachbarin los war. Es passierte mir häufig, dass Frauen abrupt stehen blieben und mich mit einem Eifer anstarrten, der sagte, dass sie für mich in der nächsten Toilette auf die Knie gehen würden. Es hatte mich jedoch noch nie eine Frau mit solchem Entsetzen angesehen. Yeah, ich war gefährlich, aber nicht für Frauen. Nicht für sie.

Ich hatte gerade einige Runden mit einem Kerl hinter mich gebracht gehabt, der MMA-Kämpfer werden wollte, weshalb ich etwas verschwitzt und leicht angepisst gewesen war. Er hatte geschworen, dass er der nächste große Kämpfer werden würde, und gewollt, dass Gray, auch bekannt als der Outlaw – der der beste Trainer der Branche und, sogar nachdem er seine Karriere beendet hatte, vielleicht einer der besten Kämpfer war – ihn sich ansah. Gray hatte ihn im Ring mit mir auf Herz und Nieren geprüft. Er hatte es nicht für den Trottel getan. Gray hatte schon allein anhand seiner erbärmlichen Einstellung gewusst, dass es der Typ nicht bringen würde. Er hatte es für Emory, seine Verlobte, getan, die mit dem Dad des Jungen im Krankenhaus arbeitete.

Gray würde solchen Scheiß für niemand anderen tun. Zur Hölle, er hatte ihr seine Eier auf einem Silbertablett angeboten noch an dem Tag, an dem sie sich im letzten Sommer kennengelernt hatten, aber er schien damit keinerlei Probleme zu haben. Emory war der Hammer und das sagte ich nicht über viele Frauen, vor allem nicht über die Groupies, die nur den Schwanz eines MMA-Kämpfers reiten wollten. Sie waren gut, wenn man eine schnelle Erleichterung brauchte, aber das war es auch schon.

Der Trottel hatte nur eine große Klappe, keine Fußarbeit gehabt und ich hatte gewusst, dass Gray wollte, dass ich ihm ein oder zwei Dämpfer verpasse. Ich hatte ihn mehrere Male auf den Boden befördert, was ihn nur wütend gemacht hatte. Er hatte nicht einen Treffer gelandet, nicht bis die Glocke bereits verklungen gewesen war und er sich auf mich gestürzt hatte. Ich war an die Egos von Männern gewöhnt, aber dieser kleine Scheißer? Yeah, Gray würde nicht mit ihm arbeiten und er würde jeglichen Streit mit dem Arzt für Emory schlichten müssen. Ich glaubte nicht, dass es einen großen Aufstand geben würde, denn nur wenige legten sich mit dem Outlaw an. Und wenn ich neben ihm stand? Yeah, der Doc würde sich in die Hose machen.

Ich war wütend über den hinterhältigen Schlag, aber überließ es Gray, sich um ihn zu kümmern, anstatt ihm sofort ebenfalls eine reinzuhauen – was ich noch vor ein paar Jahren als Punk auf der Straße getan hätte. Ich war gegangen und hatte mich auf den Weg zu meinem Apartment gemacht, um zu duschen und mich mit einem Proteindrink bei miesem Fernsehen zu entspannen. Nicht daran gewöhnt, dass irgendjemand im Aufzug war – bis zur letzten Woche hatte es nur Gray und Emory gegeben, die ebenfalls über dem Fitnessstudio wohnten – war ich fast in sie gelaufen. Sie.

Ihr Gesichtsausdruck hatte mich effektiver gestoppt als ein Faustschlag von irgendeinem Kämpfer in mein Gesicht.

Sie war nicht nur erschrocken oder überrascht gewesen. Nein, sie war vor Schreck wie gelähmt gewesen. Ich schwor, ich hatte gesehen, wie ihr sämtliches Blut aus dem Gesicht gewichen war, als sie einen Blick auf mich erhascht hatte. Ihre Augen hatten sich geweitet, dann waren sie an meiner Schulter vorbeigehuscht zu ihrem einzigen Fluchtweg. Ein Schauder hatte sie geschüttelt, als wäre ihr ein Gespenst ausgetrieben worden. Dann, ganz plötzlich, hatte sie sich zusammengerissen und war schnell an mir vorbeigegangen, wobei sie eine Sackkarre beladen mit Kartons hinter sich hergeschleift hatte. Ich hatte meine Hände hochgehalten und einen Schritt zurückgemacht, um ihr ohne Worte mitzuteilen, dass ich ihr kein Leid wollte. Das war bedeutungslos gewesen. Der Schaden war bereits irgendwie angerichtet worden.

Ich wusste, dass ich ziemlich furchterregend aussah. Da ich eins neunzig war, überragte ich die meisten Menschen. Ich hatte Schultern wie ein Linebacker und Tattoos überzogen meine Arme. Meine Nase war krumm und mein Kiefer leicht lädiert, weil mich dieser Vollidiot dort erwischt hatte.

Mir war schon gesagt worden, dass ich verdammt fies aussah. Einen Großteil der Zeit fühlte ich mich fies. Im Inneren war ich dunkel. Wütend, gefährlich. Ich war nicht mehr das Arschloch, das ich früher war. Ich war nicht mehr das verkorkste Kind. Die Armee und das Training mit Gray hatten mir den Kopf zurechtgerückt. Dennoch machten selbst erwachsene Männer auf dem Gehweg einen recht großen Bogen um mich. Aber das? Bei Harper – Emory hatte mir ihren Namen verraten – war das anders. Es gefiel mir ganz und gar nicht. Ich wollte nicht, dass jemand wie sie Angst vor mir hatte.

Nach diesem Erlebnis stieg ich nicht in den Aufzug. Ich konnte die Tatsache, dass ich sie in Angst und Schrecken versetzt hatte, nicht einfach ignorieren. Ich stand da und sah zu, wie sie rasch zu den Außentüren lief. Sie wusste nicht, dass ich sie beobachtete. Vielleicht dachte sie, ich hätte die Treppe nach oben genommen. Sie schaute zu Boden und ihr Körper zitterte. Scheiße. Ich hatte ihr das angetan. Ich wollte zu ihr gehen, sie in meine Arme nehmen und sie wissen lassen, dass sie bei mir sicherer war als irgendwo sonst, aber das würde nichts bringen. Nicht jetzt.

Nach einigen Sekunden reckte sie ihr Kinn und rollte ihre Schultern zurück. Ich konnte sehen, dass sie tief Luft holte und sich ihre Finger um den Griff der Sackkarre entspannten.

Sie war hochgewachsen und in ein T-Shirt und Laufshorts gekleidet. Mir entging ihre schlanke Gestalt nicht. Ihre Beine waren lang, muskulös. Anhand ihrer wohlgeformten Waden und den Laufschuhen erriet ich ihre Wahl für sportliche Aktivitäten. Würde sie jetzt joggen gehen, nachdem sie diese Kartons losgeworden war? Es war zwar noch nicht einmal achtzehn Uhr, aber es war bereits dunkel draußen. Und kalt. Das hier war zwar kein gefährlicher Stadtteil, aber es war nicht sicher, wenn sie abends allein joggen ging, nirgends. Also würde ich in der Nähe bleiben und mich vergewissern, dass sie nichts Dummes tat.

Yeah, das war der Grund dafür, dass ich an der Wand lehnte und meine neue Nachbarin betrachtete.

Ihre dunklen Haare waren glatt, schnurgerade und streiften ihre Schultern. Sie mussten sich seidig weich anfühlen. Als sie ausgeflippt war, waren mir ihre dunklen Augen, die hohen Wangenknochen und vollen Lippen nicht entgangen. Während sie dort stand und sich sammelte, nutzte ich die Zeit, ihren perfekten Hintern und wohlgeformten Schenkel zu bemerken.

Ich war ein heißblütiger Mann und sie war heiß. Ich kam nicht umhin, das zu bemerken. Ich konnte auch nicht anders, als meinen Schwanz in meiner Trainingsshorts zu verlagern. Frauen, die in Kleidern und Heels ganz weiblich aussahen, mochte ich zwar, aber ich mochte auch eine Frau, die nicht ganz so anspruchsvoll in Sachen Erscheinungsbild war. Die auf sich achtete. Die Fitness für gesund hielt.

Indem sie die Außentür aufdrückte, ging sie hinaus auf den Parkplatz. Der war gut beleuchtet – Gray war ein größerer Sicherheitsfanatiker als jeder andere, den ich kannte – und mit Hilfe eines elektronischen Autoschlüssels ließ sie den Kofferraum eines dunkelfarbigen Sedans aufklappen. Hätte sie keine Angst vor mir gehabt, wäre ich nach draußen gegangen und hätte ihr geholfen, denn ich ließ eine Frau nicht einen Haufen Kartons herumwuchten. Doch weil sie bereits bei meinem Anblick beim Aufzug durchgedreht war, wusste ich nicht, was sie tun würde, wenn ich mich abends zu ihr auf den Parkplatz gesellte. Hatte sie einen Pfefferspray an diesem Schlüsselring?

Ich beobachtete, wie sie die drei Kartons verstaute und den Kofferraum schloss. Sie betrat das Fitnessstudio durch den Haupteingang nicht durch die Seitentür, die von der Lobby abzweigte. Ich ging dort rein und spähte hinein, beobachtete, wie sie die Sackkarre in die Ecke bei der Garderobe des Fitnessstudios abstellte, Jack an der Rezeption zittrig winkte und daraufhin zu der Reihe Laufbänder ging, die auf die Straße hinausblickten. Braves Mädchen.

Meine Nachbarin war verdammt schreckhaft, dennoch klug. Sie ging nicht draußen joggen.

Nachdem sie auf das Laufband getreten war und einige Knöpfe gedrückt hatte, begann sie, zu laufen, zupfte ein Gummiband von ihrem Handgelenk und band ihre Haare nach hinten zu einem schlampigen Pferdeschwanz. Yeah, sie verschwendete überhaupt nicht viel Mühe auf ihr Äußeres oder versuchte, die Blicke der Männer auf sich zu ziehen. Diese Shorts zeigten zwar ihre ellenlangen Beine, aber sie war recht schlicht gekleidet. Keine enganliegenden Yogahosen oder hautenges Oberteil.

Nach dem Drücken weiterer Knöpfe des Laufbands beschleunigte sich ihr Tempo. Als ich mich durch die Tür schob und gegen die Rezeption lehnte, rannte sie in einem flotten Tempo. Kein Aufwärmen.

Grays Fitnessstudio verfügte über Hanteln und Sportgeräte, Laufbänder und Crosstrainer, aber er war auf MMA-Kämpfe spezialisiert. Das bedeutete, dass ein großer Bereich des Studios allen Aspekten der Mixed Martial Arts gewidmet war; eine offene Matte, getrennte Trainingszimmer und ein Oktagon mit einem Zaun darum, wie man es auch im Fernsehen sah. Seine Mitglieder waren Leute wie Harper, die einen Ort brauchten, an dem sie ihren Workouts nachgehen konnten und die kein Interesse am Kämpfen hatten. Yoga und Indoorcycling-Kurse standen für sie auf dem Programm. Dann gab es noch die ernsthaften Wettkämpfer wie mich. MMA, Muay Thai, BJJ und andere Kampfkurse wurden von denjenigen belegt, die an Wettkämpfen teilnehmen oder sich zumindest selbstverteidigen können wollten. Gray sorgte bewusst dafür, dass es keine Muckibude und auch kein rein wettkampforientiertes Studio war. Die Balance funktionierte und das Fitnessstudio wurde als eines der besten der Stadt erachtet.

„Ich dachte, du bist duschen gegangen“, sagte Jack, der mich mit gerunzelter Stirn ansah. Er ging aufs College und arbeitete an der Rezeption im Austausch für eine kostenlose Mitgliedschaft. Er hegte zwar keine Bestrebungen, der nächste berühmte Kämpfer zu werden, aber er belegte sämtliche Kurse, die Gray anbot. Sein Fokus galt dem Brasilianischen Jiu-Jitsu, kurz BJJ, und er hatte gerade erst seinen blauen Gürtel bekommen. Er hatte die richtige Statur für die Sportart und die Zeit auf der Matte mit erfahreneren Leuten hielt sein Ego in Zaum.

Da er die Rezeption bemannte, konnte ihm nicht entgangen sein, was vorhin mit dem Jungen des Docs im Ring passiert war. Gray war in seinem von Glas umschlossenen Büro und unterhielt sich mit dem Volltrottel, der sich gerade mit einem der weißen Handtücher des Fitnessstudios den verschwitzten Kopf abwischte. Wohingegen Gray gelassen war, während er sich auf seinem Schreibtischstuhl zurücklehnte, war der andere Kerl sauer und fuchtelte mit den Armen herum. Vermutlich gab er irgendeinen Scheiß darüber von sich, dass er ein großartiger Kämpfer war. Blabla.

Ich sah zurück zu meiner neuen Nachbarin. Ihr Pferdschwanz schwang beim Rennen von einer Seite auf die andere. Die Laufbänder waren zu den Glasscheiben ausgerichtet. Untertags war die Straße zu sehen und den Verkehr zu beobachten, half, die Monotonie, auf der Stelle zu rennen, zu überwinden. Ich hasste es, in einem Raum zu joggen, aber das schlechte Wetter zu dieser Jahreszeit zwang mich manchmal auf das Laufband, da Joggen Teil meines Workout-Planes war. Auf keinen Fall würde ich eine Verletzung wegen Eis riskieren.

„Deine neue Nachbarin, stimmt’s?“ fragte Jack. „Sie ist ziemlich ernst.“

„Ernst? Meinst du ihre Persönlichkeit?“, fragte ich. Ich nahm einen Stift in die Hand und spielte damit herum in dem Versuch, mir die Tiefe meines Interesses an ihr nicht anmerken zu lassen. Das Letzte, das ich brauchte, war, dass Jack dachte, ich wäre eine Siebtklässlerin, die an Klatsch und Tratsch interessiert war.

„Nah, sie ist cool. Hat sich mir neulich vorgestellt. Sie rennt.“

„Yeah, das kann ich sehen“, entgegnete ich, da ich ihr geschmeidiges Tempo beobachtete und wie sich ihre Beinmuskulatur bei jedem Schritt bewegte.

„Nein, ich meine sie rennt.“

Ich drehte mich, um zu ihm zu schauen. „Was zum Henker soll das denn heißen?“

Er rollte mit den Augen. „Es heißt, dass sie gestern vor dem BJJ-Kurs reinkam. Wir redeten ein paar Minuten über dämlichen Scheiß, bevor sie zu den Laufbändern ging. Fragte mich nach den Kursen, die ich mache. Wusstest du, dass sie Professorin an der Universität ist? Unterrichtet irgendein obskures Kunstthema.“ Er dachte eine Sekunde nach. „Ich erinnere mich nicht daran, was es war.“ Er beugte sich zu mir. „Ich muss zugeben, sie ist wirklich hübsch und ich habe nicht so genau zugehört.“

Ich grinste, als ich die Röte in seine Wangen steigen sah. Yeah, sie war hübsch. Mehr als das. Welcher Mann konnte schon Worte verarbeiten, wenn eine Frau wie sie ihm ein sanftes Lächeln schenkte? Ich hatte ihr Entsetzen geerntet und war dennoch fasziniert von ihr.

„Also Rennen?“, fragte ich, um ihn wieder auf Spur zu bringen. Ich glaubte nicht, dass es ein sicheres Thema für ihn war, darüber zu reden, wie heiß eines der Mitglieder des Fitnessstudios war, vor allem nicht da er gerade Dienst hatte. Es war in Ordnung, wenn ich es mir dachte, aber das würde ich ihm natürlich nicht erzählen.

„Sie rannte, wie sie es jetzt tut, als Paul die Rezeption übernahm, damit ich zu meinem Kurs gehen konnte.“

Das bedeutete schnell. Sie joggte nicht, nicht wie Jimmy, einer der Stammkunden des Fitnessstudios, der zwei Laufbänder entfernt von ihr war. Er drehte immer wieder den Kopf, um sie zu beobachten. Er drückte sogar auf einige Knöpfe auf seiner Maschine, um sein Tempo zu beschleunigen, da er eindeutig kein Interesse daran hatte, sich von ihr übertreffen zu lassen.

Ich wusste, dass er als Teil seiner Workout-Routine drei Meilen joggte, doch im Vergleich zu ihr wirkte er, als würde er mit einer Gehhilfe über das Band hoppeln. Wegen der schnelleren Geschwindigkeit ging ihm rasch die Puste aus und ich musste den Kopf schütteln.

„Sie rannte noch immer in dem gleichen Tempo, als ich rauskam.“

Whoa. Ich warf ihm einen strengen Blick zu, da ich wusste, dass Jack die Wahrheit gerne ausschmückte. „Der Kurs ging eine Stunde.“

Jack nahm die Mitgliedskarte eines Mannes, der reinkam, entgegen und scannte sie. Warf ihm ein Handtuch zu.

„Länger“, fuhr er fort, „weil ich mit Tom noch ungefähr zehn Minuten im Anschluss an den Kurs rollte.“