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++ Jupp Schulte ermittelt ++ Band 21++ Detmold leidet seit Wochen unter drückender Hitze. Heiß wird es auch Jens Luhmann, als er feststellt, dass Drogen aus seinem toten Briefkasten gestohlen wurden. Kurz darauf wird ein Rauschgifthändler ermordet und Jupp Schultes Enkel gerät unter Mordverdacht. Schulte sieht sich gezwungen, die Ermittlungen selbst in die Hand zu nehmen. Dadurch macht er sich zur Zielscheibe derjenigen, die im Hintergrund die Fäden des ostwestfälischen Drogenhandels ziehen. Als ein weiterer Toter in einer Regentonne mitten im Schlamm des ausgetrockneten Norderteiches entdeckt und auf Schulte ein Mordanschlag verübt wird, entpuppt sich alles brandgefährlicher als anfangs gedacht. »Mich halten Reitemeier und Tewes mit ihren Lippe-Krimis auf dem Laufenden.« Frank-Walter Steinmeier
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Seitenzahl: 420
Veröffentlichungsjahr: 2023
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JÜRGEN REITEMEIER
WOLFRAM TEWES
PENDRAGON
Das ist doch …, werden Sie vielleicht beim Lesen denken. Aber wir müssen Sie enttäuschen – alle Personen der Handlung sind völlig frei erfunden. Ähnlichkeiten mögen reizvoll sein, sind aber rein zufällig und keinesfalls beabsichtigt.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
Kapitel 79
Kapitel 80
Kapitel 81
Kapitel 82
Kapitel 83
Kapitel 84
Kapitel 85
Kapitel 86
Kapitel 87
Kapitel 88
Kapitel 89
Kapitel 90
Kapitel 91
Kapitel 92
Kapitel 93
Kapitel 94
Kapitel 95
Kapitel 96
Kapitel 97
Kapitel 98
Kapitel 99
Kapitel 100
Kapitel 101
Kapitel 102
Kapitel 103
Kapitel 104
Kapitel 105
Kapitel 106
Kapitel 107
Jetzt hatte er, trotz der drückenden Hitze, den Detmolder Kaiser-Wilhelm-Platz bereits zweimal umrundet und dabei die Passanten beobachtet. Niemand war mehrmals in seiner Nähe aufgetaucht oder hatte sich verdächtig verhalten. Jens Luhmann war zufrieden – offenbar wurde er nicht beschattet. Er ging zum Eingangsportal der Christuskirche und betrachtete den Bereich rechts neben der Tür intensiver, als andere Kirchenbesucher es tun. Die hätten das kleine Zeichen, ein mit gelber Kreide geschriebenes XXXR, auch nicht beachtet.
Im Innern der Kirche empfing ihn angenehm kühle Luft. Eine echte Wohltat in diesen Hitzetagen des Sommers 2022. Zufrieden stellte Luhmann fest, dass nur zwei alte Damen in den beiden ersten Sitzreihen im Gebet versunken waren. Die würden ihn nicht stören. Es fiel ihm nicht schwer, sich zu orientieren, denn XXXR bedeutete nichts anderes als die Anweisung, die dritte Sitzreihe von hinten auf der rechten Seite anzusteuern. Dort würde er, irgendwo unter der Sitzfläche festgeklebt, ein flaches Päckchen finden. Ein Päckchen, dessen Inhalt ihm selbst und vielen anderen bedauernswerten Detmolder Junkies die Seelenruhe für die nächsten Tage sichern würde.
Luhmann setzte sich in die entsprechende Bank und tastete mit der Hand vorsichtig unter die Sitzfläche. Als er dort nichts fand, rutschte er etwas weiter und wiederholte die Suche. Wieder nichts. Je weiter er auf der Kirchenbank rückte, desto stärker wurde seine Anspannung. Kaum noch zu zügelnde Gier und zunehmende Sorge ließen ihn fahrig und nervös werden. Was wenn …?, er wagte nicht, diesen Gedanken zu Ende zu denken. Er brauchte das Zeug. Unvorstellbar, auch nur einen weiteren Tag ohne leben zu müssen.
Ganz zu schweigen von dem Verkaufserlös, den er dringend brauchte. Er hatte die Ware ja bereits im Voraus bezahlt. Das war das übliche Verfahren, erst die Kohle, dann der Stoff. Dabei war er verpflichtet, die Lieferanten auf dem üblichen komplizierten Kommunikationsweg über jegliche Störung des Verteilersystems zu informieren. Luhmann konnte nur mutmaßen, wie diese Leute, wer immer sie auch sein mochten, darauf reagierten. Wenn die so empfindlich und nervös waren, wie ihr Sicherheitssystem es vermuten ließ, dann musste er mit allem rechnen.
Luhmann zwang sich zur Ruhe. Jetzt bloß nicht auffallen. Er hatte ja erst Zweidrittel der Bank abgesucht. Aber dann war er am Ende der Bank angekommen – nichts! Luhmann hätte schreien können, musste sich zusammenreißen, um die alten Damen nicht auf sich aufmerksam zu machen. Noch einmal tastete er die ganze Bank ab, zunehmend hektischer. Dann spürte er etwas Klebriges, ging in die Hocke und schaute unter der Sitzbank nach. Da war nur noch ein Streifen Strukturklebeband, das an einem Ende unter der Bank klebte und dessen anderes Ende deprimierend schlaff herabhing. Nichts hätte Luhmanns Stimmung besser symbolisieren können als dieses klägliche Überbleibsel.
Hier war der Stoff deponiert worden – jemand war ihm zuvorgekommen. Der tote Briefkasten, seit Monaten ein sicheres Versteck für die Lieferungen, war leer. Geplündert!
„Kommt mal her, ihr beiden!“, rief Anton Fritzmeier quer über den Hof. Auf der anderen Seite des weiten Platzes drehten sich zwei Sechzehnjährige überrascht und ein bisschen schuldbewusst zu ihm um. Überrascht, weil sie nicht damit gerechnet hatten, angesprochen zu werden. Schuldbewusst, weil Fritzmeiers laute Worte nach Vorwurf klangen. Beide waren fast gleich groß und fast gleich gekleidet. Mit einem zu weiten Hoodie, mit ausgebeulten Jeans und nicht mehr weißen Sneaker. Der blonde Teenager war Linus, Enkel des ehemaligen Polizisten Jupp Schulte, der seit fast dreißig Jahren Fritzmeiers Mieter war. Der Dunkelhaarige neben ihm war Raffael Bruschetta, sein bester Kumpel. Nur zögernd setzten sie sich in Richtung des alten Bauern in Bewegung und überquerten den Hofplatz.
Anton Fritzmeier stand vor einem kleinen Häuschen am Rande des Hofes. Dieses Häuschen diente ihm als Hofladen. Auch wenn Fritzmeier schon viele Jahre den Bauernhof nicht mehr betrieb, war dieser Hofladen für die Bewohner des kleinen Ortes Heidental zu einem wichtigen Versorgungs- und Kommunikationszentrum geworden. Wer in dem Ort, in dem es keine Kneipe und keinen richtigen Laden mehr gab, schnell und ohne Fahrerei etwas einkaufen wollte, der ging zu Fritzmeier. Auch wer sich mit Nachbarn zum Klönen bei einem Bier treffen wollte, der fand, wie ferngesteuert, seinen Weg auf diesen Hof. Nun sah Fritzmeier etwas ungeduldig, aber amüsiert zu, wie die beiden Jungs langsam näherkamen, offenbar in der Erwartung, beschimpft zu werden.
Im Schatten des Hofladens lag Jupp Schultes alt gewordener Hund Lümmel und hechelte. Linus tätschelte ihm geistesabwesend den Kopf.
„Kommt rein!“, sagte Fritzmeier, als die beiden vor ihm standen, und zeigte zum Eingang des Hofladens. Linus und Raffael folgten seiner Anweisung wortlos.
„Wollt ihr ’n Bier?“ Fritzmeier lachte laut, als die Jungs unsicher mit den Schultern zuckten und drückte beiden ohne weitere Fragen eine Flasche in die Hand. „Hört zu!“, sagte er. „Ich muss ma’ ’n vernünftiges Wort mit euch reden.“
Nach dieser ebenso gewichtigen wie rätselhaften Ankündigung setzte er sich in einen Sessel hinter der Kasse.
Die Jungs blieben, immer noch leicht verwirrt, vor der kleinen Theke stehen. Es war Linus, der zuerst einen kräftigen Schluck aus der Flasche nahm und dann fragte: „Vernünftig? Was meinst du damit?“
Fritzmeier machte eine ernste Miene, als er loslegte: „Ich will euch reich machen.“
Als er in zwei ratlose Gesichter sah, fuhr er fort: „Passt auf! Ab morgen mache ich hier im Hofladen auch noch eine Paketannahmestelle auf. Oder Paketschopp, wie dat heute heißt. Und dabei sollt ihr mir helfen.“
„Aber Anton“, warf Linus ein. „Du wolltest dich doch verkleinern. Wieso nimmst du denn noch was dazu?“
„Weil ich ’n alten Trottel bin“, raunzte Fritzmeier. „Letzte Woche war Bangemann, unser Ortsheimatpfleger, bei mir. Aber anstatt Cheld auszugeben, wollte er mich bequatschen. ‚Das Dorf braucht dich, Anton‘, hatter chesagt. Mein Hofladen wäre die Seele des Dorfes, meinte er. Und dann hatter rumchejammert, dat hier doch nur noch alte Leute wohnen, die nich mehr inne Stadt kommen. Und dass es doch chanz toll wäre, wenn ich hier einen Paketschopp aufmachen würde.“
„Und du hast dich überreden lassen?“, fragte Linus frech.
„Ja, natürlich. Kenns mich ja. Chetz kommen schon seit zwei Tagen jede Menge Pakete hier an und ich weiß charnich, wohin damit. Wenn ich warte, bis die Leute sie abholen, dann platzt mein Hofladen ausse Nähte. Und dann die vielen Autos hier auffen Hof. Nee, dat will ich nich. Aber dann kam mir eine Idee.“
Da Fritzmeier hier eine bedeutungsschwangere Pause machte, verdrehte Linus leicht genervt die Augen. Das sah Fritzmeier aber nicht.
„Ich hab chedacht, ihr beide könnt mir dabei helfen, die chanzen Pakete zu verteilen. Natürlich gegen Bezahlung. Ihr bringt den Kram mit dem Fahrrad zu den Leuten und ihr bekommt natürlich Geld dafür. Wat meint ihr dazu?“
Linus grinste, als er antwortete: „Klingt gut. Kommt natürlich auf die Bezahlung an.“
Nun war es an Fritzmeier, die Augen zu verdrehen. „Typisch Schulte“, rief er. „Chanz wie der Oppa. Nee, bezahlen sollen euch die Leute, denen ihr dat Paket bringt. Die sollen blechen, sonst müssen se sich dat Zeug selber holen.“
„Aber das lohnt sich doch nur, wenn du uns eine Art Grundgehalt dazugibst“, ließ Linus nichts anbrennen.
Fritzmeier sah, dass Raffael seinem Freund leicht in die Seite knuffte. Die beiden Jungs flüsterten sich etwas zu, was Fritzmeier nicht verstand. Vor allem Raffael schien etwas von Bedeutung sagen zu wollen. Dann wandte sich Linus wieder an Fritzmeier und sagte: „Wir machen das. Aber nicht wegen der Kohle, sondern wegen der Umwelt. Dass Autos nur wegen der Pakete hierherfahren und die Luft verschmutzen, ist nicht in Ordnung. Wir hatten sowieso vor, irgendwas in Sachen Umweltschutz zu machen. Dann fangen wir einfach mal klein an und ersetzen Autofahrten durchs Fahrrad.“
Fritzmeier war sprachlos.
„Wo ist denn da der Haken? Dat macht ihr doch nich einfach so. Oder seid ihr chetz auch welche von denen, die sich auffe Straße festkleben?“
„Das nicht“, lachte Linus. „Aber wir sympathisieren voll und ganz mit den Zielen dieser Leute und werden dafür sorgen, dass demnächst auch in Lippe mächtig was in Bewegung kommt.“
„Soso“. Fritzmeier schaute den Jungen, der schon als Baby mit seiner Mutter Ina, der Tochter von Jupp Schulte, auf den Hof gezogen war, lange und prüfend an. Erlaubte sich der Bengel einen Scherz mit ihm? Nein, erkannte er, Linus waren seine Worte ernst. Und da er wusste, dass ein Schulte keine halben Sachen macht, zweifelte er keine Sekunde daran, dass Linus seine Ankündigung in die Tat umsetzen würde.
„Aber das ändert nichts daran, dass wir über die Bezahlung noch mal sprechen müssen“, riss ihn Linus aus seinen Gedanken. „Das eine schließt das andere ja nicht aus.“
Kurz bevor der Sonnenuntergang seine dramatische Pracht entfalten konnte, schob sich eine Wolke vor die rot glühende Sonne und verdarb ihr einen eindrucksvollen Auftritt. Anton Fritzmeier saß auf einer Bank hinter dem Hauptgebäude des Hofes und betrachtete den Horizont hinter der schier unendlichen Wiesenfläche. Er hatte zwar mehr von diesem Sonnenuntergang erwartet, war aber dennoch zufrieden mit diesem Tag und mit sich selbst. Jetzt war es auch etwas kühler und gut draußen auszuhalten. Schultes Hund Lümmel lag neben der Bank und schnarchte.
„Mit dir is auch nix mehr anzufangen“, sprach Fritzmeier zu dem Hund, der es offenbar nicht für nötig hielt, mehr als ein Auge zu öffnen, um seine Aufmerksamkeit zu zeigen. „Wir beiden Alten müssen aufpassen bei diese Hitze. Dat vertragen wir nich mehr so chut.“
Von Weitem hörte Fritzmeier Stimmen. Schulte und Linus stritten sich über irgendetwas. Das kam in letzter Zeit immer häufiger vor.
„Sind beide dämliche Sturköppe“, fand Fritzmeier. „Einer schlimmer als der andere.“
In seiner Erinnerung sah er den kleinen Linus vor sich. Den blonden Bengel, der gerade laufen gelernt hatte. Was war das für ein süßer Fratz gewesen, dachte Fritzmeier und schmunzelte bei diesem Rückblick an vergangene Zeiten. Es kam ihm vor, als sei es erst gestern gewesen. Dann war die Zeit gekommen, in der Linus damit begann, für sich den gesamten Hof zu erobern. Er hatte Fritzmeier bei der Arbeit geholfen oder zumindest so getan als ob. Der alte Bauer hatte die Gesellschaft des Jungen, nach anfänglicher Unsicherheit, genossen. Irgendwann war es selbstverständlich geworden, den kleinen Rotzlöffel um sich zu haben. Fritzmeier hatte sich dabei selbst wieder etwas jünger gefühlt. Dann war Linus in die Pubertät abgetaucht. Die Begegnungen wurden seltener und steifer. Die Unbefangenheit war verloren gegangen, auf beiden Seiten. Jetzt war Linus sechzehn und damit auf dem Weg zum jungen Mann. Seine Freundschaft mit Raffael Bruschetta hatte Fritzmeier erst mit Sorge betrachtet, hatte doch Raffaels Vater den Ruf, mit dem organisierten Verbrechen verbandelt zu sein. Aber mit der Zeit war Fritzmeier klar geworden, dass an diesem Verdacht wohl nichts dran war und dass der eher ruhige und besonnene Raffael einen durchaus mäßigenden Einfluss auf den Hitzkopf Linus hatte.
Als sie vor ein paar Stunden über das neue Geschäftsmodell gesprochen hatten, war Linus ihm auf Augenhöhe begegnet. Das war neu und für Fritzmeier nicht leicht zu akzeptieren. Er wusste, dass Jupp Schulte die gleichen Komplikationen mit seinem Enkel hatte und wunderte sich nicht, dass es zwischen den beiden immer wieder zu kleinen Auseinandersetzungen kam.
„Dat is wohl normal“, seufzte Fritzmeier, atmete tief die nun milde Abendluft ein und fühlte sich, all diesen Überlegungen zum Trotz, pudelwohl. Der Hund neben ihm schlief schon wieder und schnarchte laut.
„Bier trinken und glücklich sein“, war ein Lebensmotto von Schulte, das sich in seiner frühesten Jugend herauskristallisiert hatte und das seitdem Bestandteil seines Lebens geworden war. Der Gedanke an eine handfeste Kneipe, am besten eine Dorfkneipe in der sich Hans und Franz trafen, ließ sein Herz höher schlagen. Wenn dann die Bilder von einem gut gezapften Bier und einem ordentlichen Teller, gefüllt mit einer ostwestfälischen Spezialität wie Pfefferpotthast oder ein saftiges Kotelett mit Bratkartoffeln vor seinem inneren Auge vorbeizogen, schlugen seine Glückshormone Purzelbäume.
Diese Vorstellung hatte in den letzten zwei Jahren leider nur in seinem Kopfkino stattgefunden. Doch seit geraumer Zeit hatte die Pandemie an Schrecken verloren. Normalität und viele Rituale, die während der Seuche nicht möglich gewesen waren, wurden wieder Bestandteil des Lebens. Zwar hatten die Maßnahmen dieser Krise tiefe Einschnitte und Risse im Alltag hinterlassen, aber es gab noch die eine oder andere Kneipe in der Art, wie Schulte sie liebte. Nicht diese Bistros, diese Schickimicki-Läden, in denen es auf großen Tellern kleine Gerichte gab. Nein, Schulte mochte es handfest. Und genau in so einem Laden würde er den heutigen Abend verbringen.
Schulte war nicht nur ein Mann, der die Dorfkneipen liebte, er war auch pensionierter Polizist. Gestern war ihm eine gute Freundin, die Staatsanwältin Zoé Stahl, über den Weg gelaufen. Mit ihr hatte er sich gleich verabredet, mit dem festen Willen, Bier zu trinken, viel Bier und zu essen, gut und deftig. Er hatte auch seine ehemalige Kollegin Adelheid Vahlhausen dazu eingeladen. Doch sie hatte gleich abgewunken. Der Vorsatz, den Schulte und die Staatsanwältin in die Tat umsetzen wollten, entsprach ganz und gar nicht ihrer Vorstellung von einem schönen Abend. Aber sie hatte sich bereit erklärt zu fahren. Sie würde die beiden in Helpup am Alten Krug absetzen und weiter nach Bielefeld fahren. Dort würde sie einen Stadtbummel machen und ins Kino gehen, um dann, auf dem Rückweg, die beiden Kneipengänger wieder einzusammeln.
Und so saßen Zoé Stahl und Schulte vor ihrem ersten Bier. Die Speisekarte hatten sie durchgearbeitet und sich für Roulade mit Rotkohl und Klößen entschieden.
„Was macht Bruschetta eigentlich so lange in Berlin?“, fragte Schulte. Der Mann war Schultes Freund und Zoés Liebhaber oder wie man das auch immer nennen wollte.
„Bodo hat einige Kneipen in Berlin. Die sind zwar alle verpachtet, aber durch die Pandemie ist der eine oder andere Laden in Schieflage geraten. Außerdem gibt es da wohl einige Konkurrenten“, das letzte Wort setzte sie mit den Fingern in Anführungszeichen, „die Bodo den Markt streitig machen wollen.“
Schulte runzelte die Stirn. „Sag mal, um welche Geschäfte handelt es sich bei ihm genau? Irgendwie wird er ja immer wieder mit dem organisierten Verbrechen in Zusammenhang gebracht. Was ist da eigentlich dran? Ich meine, du als Geliebte und Staatsanwältin müsstest das doch wissen.“
Zoé Stahl bestellte zwei weitere Glas Bier und entgegnete: „Vielleicht den Bodo mal selber fragen.“
„Würde ich ja.“ Schulte lächelte verlegen. „Aber ehrlich gesagt, ich weiß nicht, wie ich es anstellen soll.“
„Na ja, unser Bodo Bruschetta kommt schon aus der ‚Ehrenwerten Gesellschaft‘. Er ist sozusagen das schwarze Schaf der Familie. Also nicht kriminell.“
„Das soll einer verstehen“, brummelte Schulte.
„Na gut“, lächelte Zoé und räusperte sich theatralisch. „Marco Bruschetta, ein Vorfahr Bruschettas väterlicherseits, auch Zocker Ede genannt, war Chef des damaligen Berliner Ringvereins ‚Freunde des Kartenspiels‘. Zocker Ede, der Name passte in mehrfacher Hinsicht, war nicht nur der Chef der ‚Kartenspieler‘, sondern er hatte gleich zu Beginn seiner kriminellen Karriere, Anfang der Zwanzigerjahre, seine gesamten Gewinne, die er aus Prostitution, Drogenhandel und Glücksspiel erwirtschaftete, in den Kauf von Immobilien gesteckt. Als 1923 die Hyperinflation zum Tragen kam, hat der gute Zocker Ede seine Schulden sozusagen aus der Portokasse bezahlt. Nach der Währungsreform 1924 gehörte Ede Bruschetta zu den reichsten Männern Berlins. Und Ede war schlau. Er übergab die Leitung des Ringvereins seinem Bruder Roberto und hielt sich im Hintergrund. Als dann die Nazis an die Macht kamen, ging es den Ringvereinen sofort an den Kragen. Viele Ringvereinsbosse landeten innerhalb kurzer Zeit im KZ. Nicht so Ede Bruschetta. Der hatte zwar jede Menge Feinde, aber die waren zum großen Teil verhaftet. Dennoch ließ es Ede Bruschetta nicht darauf ankommen. Er verteilte und verschleierte sein Vermögen innerhalb Deutschlands geschickt und transferierte große Teile ins Ausland. Ede und sein Bruder Roberto immigrierten mit ihren Familien in die USA. Die Nazis haben nie versucht, das Vermögen der Bruschettas anzutasten.“
Das Essen kam. Schulte bestellte erneut Bier und ließ es sich schmecken.
„Okay, aber was hat Bodos Familie mit dem anderen Zweig der Familie Bruschetta zu tun?“, fragte er zwischen zwei Bissen.
Die Staatsanwältin berichtete weiter: „Die jüngste Tochter einer der Bruschettas heiratete in Amerika den Spross eines der mächtigsten Mafiaclans New Yorks.“
„Okay!“, Schulte bestellte neues Bier. „Und wieso ist unser lieber Bodo einer der Guten bei so einem Familienhintergrund?“ Schulte streichelte sich den Bauch. „Was hältst du von einem Willi?“, schob er die nächste Frage nach und bestellte, ohne eine Antwort abzuwarten.
„Halten wir uns weiter an die Familiengeschichte“, entgegnete Zoé. „Also, wo waren wir stehengeblieben? Nach dem Krieg ist die Großfamilie zurück nach Deutschland. Leider hatte sie Pech. Die Masse ihrer Häuser war natürlich zerstört und lag noch dazu in der sowjetisch besetzten Zone. Die waren erst mal weg. Aber Ede Bruschetta hatte gut gewirtschaftet, die Bruschettas waren weiterhin keine armen Leute. Und sie machten sich gleich wieder ans Geldverdienen. Im Dezember 1948, ich habe es recherchiert, war wieder ein Gerichtsverfahren, das erste nach dem Krieg, gegen Roberto Bruschetta anhängig. Es hatte anscheinend eine Neuauflage des Ringvereins ‚Freunde des Kartenspiels‘ gegeben. Jetzt verdienten sie ihr Geld auf dem Schwarzmarkt und verdingten sich als Schuldeneintreiber.“
Schulte bestellte erneut Bier und staunte, wie viel diese Frau vertragen konnte.
„Überspringen wir die nächsten Jahrzehnte“, schlug Zoé vor. „Wenn ich die Ereignisse betreffs Familie Bruschetta auch nur ansatzweise erläutern würde, müsste der Kneiper eine Nachtschicht einlegen. Ich springe mal in das Jahr 1990 und folgende. In dieser Zeit haben nämlich die Erben der Bruschettas einen Großteil ihrer Häuser, die im Ostteil der Stadt liegen, zurückbekommen. Und einer dieser Nachfahren war unser guter Bodo. Der hatte sich auch dank seiner Mutter nie an den Familiengeschäften beteiligt, obwohl er das Milieu in- und auswendig kennt. Er hat sein Erbe, ich glaube an die dreißig Häuser und das Vermögen seiner Mutter, genommen und hat daraus ein florierendes Immobilienunternehmen geschaffen. In seiner Familie ist er der Abtrünnige. Aber dennoch gehören eine Menge Unterweltgrößen Berlins und der Rest-Republik zu seinen Bekannten.“
Schulte stierte auf sein leeres Glas und sagte mit etwas verwaschener Aussprache: „Darauf sollten wir einen trinken.“
Wie ein geprügelter Hund hatte er gewirkt, der Kleindealer aus der Detmolder Innenstadt. Der tote Briefkasten sei leer gewesen, hatte Jens Luhmann gestammelt und versichert, dass er nichts mit dem Verschwinden des Stoffs zu tun habe. Er hatte ihn angefleht, als wolle man ihm ans Leben. Wobei er da nicht falsch lag, sollte sich herausstellen, dass der Kerl beschissen hatte. Auf jeden Fall hatte er nichts getan, um dem kleinen Dealer die Todesangst zu nehmen. Er hatte sich das Gestammel dieses erbärmlichen Typen angehört, hatte es an keiner Stelle kommentiert, hatte den Vorfall weder hinterfragt, noch hatte er dem Mann die Verantwortung zugeschoben und ihm schon gar nicht gedroht. Er hatte Ungewissheit erzeugt, bedrohliche Ungewissheit, die dem Mann ebenso den Schlaf rauben würde wie die Bemühungen, sich den nächsten Schuss zu organisieren.
Selbstbewusste Handlanger taugen nichts. Die kamen zu schnell auf den Gedanken, ihr eigenes Ding zu machen. Dem kleinen Dealer aus Detmold würden jetzt die Nerven flattern, weil er Sorge hatte, dass er für das Verschwinden des Stoffs verantwortlich gemacht würde. Und das war auch gut so.
Dass der Detmolder Drogenhändler ihn zu betrügen versuchte, war durchaus eine Option. Wenn sich das herausstellen sollte, dann wäre der Kerl schneller aus dem Weg geräumt, als er sich einen Schuss hätte setzen können. Er überlegte, wie er mit dem Vorfall umgehen sollte. Wäre es eine Aufgabe für seinen Kettenhund, das Problem zu lösen oder sollte er erst einmal die Logistik überprüfen? Ein „Plink“ aus seinem Handy störte ihn bei seinen Überlegungen. Wieder ein Detmolder Dealer! Dieser hatte seinen toten Briefkasten in Hohenloh. Auch der Mann berichtete aufgeregt, dass er dort keine Ware gefunden habe.
Noch bevor sich der Drogenboss wundern oder gar irgendwelche Schlüsse ziehen konnte, kam die nächste Hiobsbotschaft. Und dann ging es los. Eine Katastrophenmeldung nach der anderen trudelte ein. Am Ende des Tages waren zwanzig Verteilerpunkte nicht beliefert worden oder sie waren ausgeraubt worden. Und alle leeren Verstecke befanden sich im Großraum Lippe. Er musste handeln und zwar schnell. Er brauchte sofort eine neue Verteilerstrategie, neue Kleindealer und er musste schnellstens die Ursache für das Verschwinden der Drogen herausfinden.
„Das ist doch eine verdammte Schlamperei!“ Linus klatschte die Heimatzeitung wütend auf Schultes Küchentisch. Der wunderte sich weniger über den Wutausbruch, das kam bei seinem Enkel schon mal vor, sondern vielmehr darüber, dass Linus die Tageszeitung las. Der Junge fand seine Information normalerweise überall in den unendlichen Weiten der digitalisierten Welt, aber nicht analog gedruckt in der guten alten Heimatzeitung.
„Was ist eine verdammte Schlamperei?“, fragte Schulte, während er die Reste des Mittagessens abräumte. Ina, die Mutter von Linus, war für die nächsten Tage auf einem Kongress in Kopenhagen. Linus war alt genug, sich selbst zu versorgen. Doch wenn man einen Opa direkt nebenan hat, der für einen kocht, dann nimmt auch ein Sechzehnjähriger dies gern an. Obwohl auch das nicht konfliktfrei war, denn Linus war auf dem Sprung zum Vegetarier und lange nicht über alles glücklich, was Schulte auf den Tisch brachte.
Jetzt wies Linus auf die Headline des Artikels, den er gerade gelesen hatte. Schulte schaute genauer hin und las: Extreme Trockenheit – Fischsterben im Norderteich.
Aha, dachte er und nahm die Zeitung zur Hand.
„Das ist doch mal wieder typisch“, wetterte Linus im Zorn eines Heranwachsenden. „Der Landesverband bekommt es mal wieder nicht geregelt und die armen Viecher müssen darunter leiden.“
„Okay“, versuchte Schulte zu beschwichtigen. „Aber für die Hitzewelle und die Trockenheit kann auch der Landesverband nichts.“
„Findest du?“, gab sein Enkel bissig zurück. „Angeblich kann ja niemand etwas für den menschengemachten Teil des Klimawandels. Keiner ist schuld. Das wird dann lieber schöngeredet. Wird schon nicht so schlimm werden, wir schaffen das durch intelligente Technik und so weiter. Alles Bullshit! Wir rasen mit offenen Augen auf die Katastrophe zu. Der Norderteich ist nur ein erster Warnschuss. Das dicke Ende …“
„Jaja“, unterbrach Schulte ihn. „Das weiß ich selbst. Merk dir eines, mein Junge: Opas wissen stets über alles Bescheid, die muss man nicht belehren. Aber du hast schon Recht. Mich nervt diese Schönrederei auch. Was hältst du davon, wenn wir beide nach dem Essen ins Auto steigen und zu diesem Norderteich fahren? Ich würde mir das Desaster gern mal persönlich anschauen.“
„Mit dem Auto?“, fragte Linus höhnisch. „Mit dieser alten, stinkenden und benzinfressenden Karre nur zum Spaß die Umwelt versauen? Nee, wenn du sagen würdest, wir fahren mit dem Fahrrad, dann wäre ich sofort dabei. Die paar Kilometer wirst du ja wohl schaffen.“
Das war eine Vorstellung, die Schulte ganz und gar nicht gefiel. Er hatte sich im Laufe seines Erwachsenenlebens das Radfahren völlig abgewöhnt. „Ich und Fahrradfahren?“, rief er und warf seine Kaffeemaschine an. „Ich weiß doch gar nicht mehr, wo bei einem Fahrrad vorn und wo hinten ist. Außerdem tut mir spätestens nach einem Kilometer der Hintern weh. Du kannst von meinem Auto sagen, was du willst, aber ich bin froh, dass ich es habe. So ein Gefährt hat nicht jeder.“
Das leise „zum Glück“ von Linus überhörte er großzügig.
Um seine Geschäfte abzuwickeln, hatte er sich ein nettes kleines Penthouse gegönnt. Hier traf er sich mit seinen Geschäftspartnern, denen er auf Augenhöhe begegnete, aber auch mit den Männern, die für ihn die Drecksarbeit zu leisten hatten, und denen er lediglich Verachtung entgegenbrachte. Sein Wohnhaus im schönen Bielefeld-Hoberge hingegen war seine ganz private Enklave, und das sollte auch so bleiben. In diesem geschützten Raum waren nur handverlesene Gäste erwünscht. Geschäftliche Zusammenhänge und Themen waren dort tabu. Sein Anwesen im Grünen war seine heile Welt.
Jeden Nachmittag, bevor er in diese Privatsphäre abtauchte, fuhr er zu seinem kleinen Penthouse. Hier trank er ein paar Tassen Tee und aß ein Stück Kuchen. Das war ihm zum lieb gewordenen Ritual geworden. Dann erledigte er auch die notwendigen Dinge, die sein geheimer Zweitjob ihm abverlangte und hielt Hof. Ab siebzehn Uhr räumte er an allen Werktagen, außer samstags, ein kurzes Zeitfenster ein, indem er Leute traf, geschäftliche Telefongespräche führte und alle sonstigen Außenkontakte abarbeitete.
Heute hatte er den Mann einbestellt, den er seinen Kettenhund nannte. Den Kerl fürs Grobe. Missmutig sah er auf seine Junghans-Armbanduhr. Er liebte das schlichte Bauhaus-Design dieser Uhr. Eine Breitling oder eine Rolex wäre für ihn keine Option. Seine Junghans Max Bill hatte er von seinem Opa zum Abitur bekommen. Seit dieser Zeit trug er sie und sie hatte ihn nie im Stich gelassen. Und er fand sie so elegant wie am ersten Tag.
Es klopfte an der Tür. Im nächsten Moment stand sein Kettenhund im Zimmer. Missbilligend warf er noch einmal einen Blick auf die Uhr und augenblicklich begann sein Gegenüber, sich zu entschuldigen.
„Tut mir leid, Chef, um diese Zeit geht es auf allen Straßen nur im Schritttempo voran und dann überall diese unangekündigten Baustellen.“
„Dann musst du eben früher losfahren“, raunzte der Boss ihn an. „Ich kann es nicht leiden, wenn die, die es nicht geregelt bekommen, andere für ihr Unvermögen verantwortlich machen.“
Der Mann hob beschwichtigend die Hände. „Soll nicht wieder vorkommen, Chef. Soll nicht wieder vorkommen.“
„Du weißt, warum du hier bist? Was ist da in Detmold los? Es ist Ware für über dreißigtausend Euro verschwunden! Wie kann das sein?“
„Darüber habe ich mir auch schon den Kopf zerbrochen“, gab sich der Mann dienstbeflissen. „Ich kann es mir nicht erklären. Meine Kuriere schwören, dass sie jeden einzelnen Briefkasten bedient hätten. Es sind fünf Leute. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die sich abgesprochen haben, ohne dass ich davon erfahren würde.“
Der Boss trank einen Schluck Tee und sah den Mann an. Dieser schien auf eine Einladung zu einer Tasse zu warten. Doch darauf könnte er lange hoffen. Eher würde die Hölle einfrieren. Er teilte doch nicht mit jedem dahergelaufenen Handlanger sein wertvolles Getränk. Wusste der Kerl überhaupt, was so eine kleine Dose Matcha Tee kostete? Perlen vor die Säue wäre das. Und im Übrigen war er gegen jegliche Form der Vertraulichkeit. Die Leute sollten ihren Job machen. Dafür wurden sie bezahlt.
Die nicht enden wollende Gesprächspause schien seinem Kettenhund an die Nerven zu gehen. Unsicher sagte er: „Ich kann mir nur einen Maulwurf vorstellen. Ich tippe auf …“
„Es ist mir völlig egal, wen du dir vorstellen kannst“, unterbrach er den Kerl. „Finde heraus, wo der Stoff abgeblieben ist und löse das Problem. Du hast drei Tage Zeit. Sollte bis dahin nichts passiert sein, hast du auch eins. Ein gewaltiges!“
„Aber Chef, du kannst mich doch nicht dafür verantwortlich machen, wenn es irgendwo eine undichte Stelle gibt.“
„Na, das werden wir dann sehen.“ Er nahm wieder genüsslich einen Schluck Tee, stellte die Tasse ab und sagte: „Wir sehen uns in drei Tagen. Und wie gesagt, pünktlich!“
Nach dem trockenen und heißen Juni startete der Juli noch trockener und heißer. Keine Rasenfläche war mehr grün, alles war verbrannt, vergilbt und staubig. Ein Anblick, der einen durstig machen konnte. Fand jedenfalls Jupp Schulte und wollte gerade seine Wohnung verlassen, um in Fritzmeiers Hofladen ein kühles Bier zu trinken. Vor der Nachbarwohnung, in der seine Tochter Ina mit ihrem Sohn Linus wohnte, bastelte ein wütend aussehender Teenager an seinem Fahrrad herum. Lümmel, Schultes in Ehren ergrauter Hund, lag neben ihm und schaute ihm zu.
„Das Scheißding ist Schrott“, schimpfte Linus. „Ich brauche ein neues Rad. Gerade jetzt.“
„Warum gerade jetzt?“, wollte Schulte wissen.
Linus, der auf dem Boden kniete, schaute zu ihm hoch. Er war schweißgebadet und rot vor Zorn. „Weil wir …, ach das weißt du ja noch gar nicht.“
„Was weiß ich nicht?“
Linus richtete sich auf. Er war mittlerweile genauso groß wie sein Opa. In Kürze würde sein Enkel ihn überragen, dachte Schulte und war sich noch nicht im Klaren, ob er das gut oder schlecht finden sollte. Linus wischte sich die öligen Hände an einem fragwürdigen Lappen sauber und sagte: „Wir fahren für Anton Pakete aus. Hat er dir davon noch nichts erzählt?“
Schulte hatte keinen Schimmer, wovon Linus sprach. Der ergänzte daher ungeduldig:
„Anton hat doch diesen Paketshop im Hofladen. Wir fahren für ihn die Pakete aus, liefern ab und holen die Retouren wieder zurück. Dafür haben wir extra eine kleine Firma gegründet.“
„Wer ist wir und was ist das für eine Firma?“
Er konnte seinem Enkel ansehen, dass der mit den Gedanken mehr bei seinem kaputten Fahrrad war als bei seinem Opa. Immer wieder warf er einen flüchtigen Blick auf das Rad, während er erklärte: „Wir, das sind vor allem Raffael und ich. Aber auch ein paar Jungs aus meiner Klasse. Wir machen das, um Autofahrten zu ersetzen. Aber natürlich auch, um uns ein paar Euro zu verdienen. Dafür haben wir diese Firma gegründet. Ist sicherer so, falls mal etwas Wertvolles beim Transport kaputtgeht oder einer von uns mit dem Rad auf die Schnauze fällt.“
„Wie heißt denn eure Firma?“
„Öko-Drive“, kam wie aus der Pistole geschossen die Antwort.
„Aber ihr seid doch noch gar nicht voll geschäftsfähig. Wie könnt ihr da eine Firma gründen?“
Linus warf ihm einen Blick zu, wie es nur Sechzehnjährige tun können. In diesem Blick steckte alles. Nur Teenager, die noch mit keinerlei Zweifel an der absoluten Richtigkeit ihrer Weltsicht belastet sind und denen Selbstreflexion als Verrat erscheint, können so schauen. Vermischt war dieser Blick mit dem aufrichtigen Mitleid für den alten, hinfälligen, bedauernswerten, auch nicht mehr ganz ernst zu nehmenden Opa. Schulte mochte diesen Blick nicht und spürte Unmut aufsteigen.
„Natürlich können wir das nicht“, erklärte Linus. Es war ihm anzuhören, dass er sich zusammennehmen musste. „Der Vater von Raffael hat eine GbR für uns gegründet. Er ist also formal unser Chef. Aber nur auf dem Papier. In der Praxis entscheiden wir alles selbst. Er ist auch nicht an den Einnahmen beteiligt, versteht sich.“
„Aha“, echote Schulte. „Versteht sich! Schau an! Dieser Bruschetta – der hat aber auch überall seine Finger drin.“
Er wollte seinen Weg zum Hofladen fortsetzen, als Linus fragte: „Kannst du mir nicht mit diesem saublöden Fahrrad helfen? Du warst doch Polizist – ihr könnt doch alles, oder nicht?“
Nun war es an Schulte, seinem Enkel einen Blick zuzuwerfen, der die ganze Überlegenheit des Alters ausdrückte.
„Mal schauen“, sagte er. „Aber erst brauche ich ein kühles Getränk bei dieser Hitze. Antons Kühlraum macht das Bier so kalt, dass du Gänsehaut kriegst. Wunderbar! Danach sehen wir weiter. Es gibt schließlich nichts, was ein deutscher Beamter nicht kann.“
Das resignierte „Hahaha, sehr witzig“ seines Enkels hörte Schulte kaum noch. Er war mit den Gedanken bereits im Hofladen. Sein Hund erhob sich langsam, trottete müde hinter ihm her und ließ sich wieder fallen, sobald er den Schatten des Hofladens erreicht hatte.
Breit grinsend stellte Manfred Rosemeier die Getränke auf den Tisch. Der Polizist, als Sohn eines Gastwirtes aus dem Rheinland, einer von den gesellig Veranlagten, hatte seit dem holprigen Start dieser Sondereinheit die Rolle des Versorgers, Kümmerers und Gute-Laune-Onkels übernommen. Er war es, der die Zapfanlage der ehemaligen Kneipe wieder funktionsfähig gemacht hatte. Er war es, der bei Besprechungen für Kaffee und einen kleinen Imbiss sorgte. Er war es, der mit seiner leutseligen Art die Stimmung aufhellte. Eigentlich war Manfred Rosemeier aus dem Team von älteren Polizisten, die alle auf ihren alten Dienststellen in Ungnade gefallen und hier nun bis zur Pensionierung ‚zwischengeparkt‘ worden waren, nicht wegzudenken. Aber in wenigen Wochen würde es so weit sein. Rosemeier hatte das Pensionsalter erreicht und plante seinen Abschied. Er überlegte, in seinem rheinischen Geburtsort eine Kneipe zu pachten und sprach nur noch über diese verlockende Herausforderung.
Dass seine Kollegin Adelheid Vahlhausen ebenfalls vor der Pensionierung stand, war kein Thema in der Runde. Sie gehörte zu den Stillen im Lande. Seit vielen Jahren ‚trocken‘, kam ein Feierabendbier für sie nicht infrage. Sie freute sich, ganz im Gegensatz zu Rosemeier, auch nicht auf die Ruhe, fürchtete eher die Einsamkeit und Leere eines Lebens ohne Aufgabe und Kollegen. Während Rosemeier bereits eine rauschende Party als Abschied plante, würde sie am liebsten ohne jedes Aufsehen klammheimlich verschwinden.
Jupp Schulte, der als ehemaliger Kollege wieder einmal Teil dieser Runde war, beobachtete sie und sah ihren Blick traurig umherschweifen. Er mochte diese Frau, die seit zwei Jahren ebenfalls eine Wohnung auf dem Fritzmeierschen Hof bezogen hatte und damit seine Nachbarin geworden war. Aber sie waren sich immer etwas fremd geblieben.
Viel besser kannte er sich mit der anderen Frau im Raum aus. Maren Köster, seine ehemalige Mitarbeiterin und für zwei ebenso leidenschaftliche wie dramatische Jahre auch Geliebte, saß ihm gegenüber und sprach mit Hubertus von Fölsen, einem alternden Schönling, dem das ‚blaue Blut‘ aus jedem Knopfloch schimmerte. Diese beiden waren der eigentliche Grund für das heutige Zusammentreffen nach Feierabend. Maren Köster, Leiterin der Abteilung Gewaltverbrechen der Kreispolizeibehörde Detmold, war erneut befördert worden. Mit der Beförderung war ein Wechsel des Arbeitsplatzes zum Kriminalkommissariat 22 bei der Kripo Bielefeld verbunden. Sie gab daher an diesem frühen Abend ihren ‚Ausstand‘. Ein Abschied, der bei Schulte die widersprüchlichsten Gefühle auslöste. Er würde die Frau vermissen, von der er jahrelang geträumt und die er trotz aller Rückschläge immer wieder angebaggert hatte. Aber es war auch wie eine Befreiung für ihn, denn damit war das Thema für ihn wohl endgültig beendet.
Vor wenigen Minuten hatte Maren Köster die Kollegen mit der Nachricht überrascht, dass es für ihre Position in absehbarer Zeit noch keinen Nachfolger gäbe und deshalb Hubertus von Fölsen kommissarisch ihre Stelle übernehmen würde. Während dieser Worte hatte sich von Fölsen stolz in die Brust geworfen. Schulte konnte ihm die Genugtuung ansehen, die dieser Mann, der sich stets für unter Wert verkauft sah, empfinden musste. Damit stand auch fest, dass die Sondereinheit Obernkrug über kurz oder lang aufgelöst werden würde, denn es blieb nur noch Marco van Leyden, der Jüngste unter ihnen, übrig. Und einer allein ist keine Einheit. Auch für ihn würde es ein neues Arbeitsfeld geben.
Nach einer Stunde hatten diverse Biere, nur Adelheid Vahlhausen begnügte sich mit einem Bitter Lemon, und erregte Debatten über Gott und die Welt, Spuren in den Gesichtern hinterlassen. Maren Köster sah, leicht errötet, schöner aus denn je, fand Schulte und wurde ganz rührselig. Besonders Hubertus von Fölsen hatte, offenbar von seiner Beförderung beflügelt, viel getrunken. Er war in den letzten Minuten immer lauter und dominanter geworden. Schulte konnte sich bereits jetzt vorstellen, welche Art von Chef dieser Mann abgeben würde. Na ja, ihm konnte es egal sein. Er würde damit nichts mehr zu tun haben.
„Schulte“, dröhnte es plötzlich aus von Fölsens Richtung. „Nur für den Fall, dass Sie demnächst mal wieder in der Kreispolizeibehörde auftauchen und die Leute von der Arbeit abhalten wollen – das können Sie in Zukunft vergessen. In meiner Dienststelle wird gearbeitet und nicht Kaffee getrunken und über die gute alte Zeit geplaudert. Wir sind die Polizei und kein Seniorenheim.“
Im Obernkrug war es spät geworden. Hubertus von Fölsen war, reichlich schwankend, bereits gegangen und auch Adelheid Vahlhausen drängte zur Abfahrt. Jupp Schulte war mit dem Auto hier und hatte seiner Nachbarin angeboten, sie mitzunehmen. Amüsiert betrachtete Maren Köster ein Schauspiel, das nun schon eine ganze Weile vor ihren Augen ablief. Adelheid Vahlhausen machte immer wieder auf ihre stille, zurückhaltende Art deutlich, dass sie gern fahren würde, Schulte sicherte ihr auch jedes Mal zu, sofort zu kommen. Doch immer wieder ließ er sich in ein Gespräch verwickeln, zögerte die Abfahrt hinaus, schien seine Nachbarin völlig vergessen zu haben. Maren Köster kannte ihn besser als jeder andere hier im Raum und wusste, dass Schulte Sitzfleisch hatte. Wenn er sich wohlfühlte, konnte er Raum und Zeit vergessen. Sie selbst hatte das oft genug erlebt. Damals, als Schulte und sie ein Paar waren, ein seltsames Paar, das sich liebte und das sich stritt. Die Beziehung war hochemotional, aber auch kompliziert gewesen. Letzten Endes war sie an der fehlenden Bereitschaft beider Seiten gescheitert, Freiheiten aufzugeben. Beide hatten zu lange allein gelebt und dabei verlernt, Nähe zu ertragen und Kompromisse einzugehen. Sie war es gewesen, die schließlich nach zwei Jahren die Beziehung beendete. Seitdem hatten sie versucht, sich nur noch als Kollegen wahrzunehmen und das war wider Erwarten ganz gut gelungen. Die Emotionen kühlten im Laufe der Zeit ab und mittlerweile war Schulte für sie nur noch ein netter, wenn auch nicht immer leicht zu ertragender, Kerl. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Mit der Beförderung und Versetzung nach Bielefeld würde für sie ein völlig neuer Lebensabschnitt beginnen. Vorfreude und Unsicherheit wechselten wie das Wetter im April. Eigentlich konnte sie zufrieden sein mit dem Erreichten. Sie hatte einen achtbaren Dienstrang erreicht, um den sie von vielen Kollegen beneidet wurde. Man traute ihr zu, die Herausforderungen der neuen Position, immerhin als Chefin einer größeren Einheit, zu meistern. Beruflich gab es also nichts zu beklagen. Und privat? Da sah es nicht ganz so rosig aus. Seit der Trennung von Schulte lebte sie allein. Als attraktive Frau hatte es keinen Mangel an männlichen Bewerbern um ihre Gunst gegeben. Sie hatte sich auch mehrmals auf ein Abenteuer eingelassen, es aber immer wieder enttäuscht aufgegeben. Offenbar war sie nicht für eine feste Beziehung geeignet und würde damit leben müssen. Seit Tagen war sie dabei, in ihre neue Bielefelder Mietwohnung umzuziehen. Ihr Haus in der Lemgoer Altstadt würde sie vermieten. Es war ein Erbstück und sie konnte sich einfach nicht überwinden, es zu verkaufen.
Sie schreckte aus ihren Gedanken auf, als Adelheid Vahlhausen in für sie untypisch lautem, sogar vorwurfsvollem Ton, sagte: „Jupp, ich bestelle mir jetzt ein Taxi. Du kannst ja noch bleiben.“
Das schien Schulte endlich aus seiner Gemütlichkeit zu reißen. Er stand auf, verabschiedete sich per Handschlag von Rosemeier und van Leyden und kam dann auf Maren Köster zu, die sich auch bereit machte, zu gehen. Schulte wirkte ungewohnt verlegen, als er fragte: „Sehen wir uns noch, bevor du umziehst?“
„Glaube ich nicht. Dazu bleibt bestimmt keine Zeit mehr“, antwortete sie und wirkte dabei lange nicht so souverän, wie sie sich selbst gesehen hätte. „Aber ich bin ja nicht aus der Welt.“
„Stimmt“, lachte Schulte. „Seh’n wir uns nicht in dieser Welt, dann seh’n wir uns in Bielefeld. Hat schon der alte Lindenberg gesungen.“
Trotz dieser munteren Worte erkannte sie den Ernst in seinen Augen. Auch Schulte war kein Freund von Rührseligkeit. Eine der wenigen Gemeinsamkeiten, die sie mit ihm teilte. Sie machte einen Schritt auf ihn zu und umarmte ihn. Kurz und förmlich, wie man einen guten Bekannten umarmt, tapfer jede Emotion vermeidend. So war sie nun mal.
Es knarzte im Funkgerät. Ein Notruf ging ein. Ein Einbruch in der Fritz-Reuter-Straße wurde gemeldet. „Detmold 3, bitte kommen“, war zu hören.
„Hallo Egon, du hast es gehört. Ihr seid am dichtesten dran.“
Daniel Maier, der Fahrer des Streifenwagens, setzte zum U-Turn an. Doch Volle knuffte ihm heftig in die Seite. „Langsam, du Frischling. Ich habe noch zwei Jahre bis zur Rente. Da gehe ich kein Risiko mehr ein. Du fährst jetzt schön auf den Parkplatz beim Kaufland. Da essen wir in Ruhe eine Currywurst und dann sehen wir weiter. Ist das klar?“
In der nächsten Sekunde meldete sich Volle bei der Zentrale. „Wir bemühen uns, so schnell wie möglich zum Tatort zu kommen. Aber mein Frischling wollte unbedingt eine Currywurst essen und jetzt hat er die Karre so beschissen abgestellt, dass er weder vor noch zurück kann. Ende und Over“.
Daniel Maier konnte es nicht fassen. Doch bevor er auch nur ein Wort herausbekam, stand Volle an der Würstchenbude und bestellte in aller Ruhe eine Zwiebelcurrywurst, Pommes rot-weiß und eine große Cola.
Maier ließ den Streifenwagen mitten auf dem Fahrweg stehen und hastete seinem Kollegen hinterher.
„Du hast genau zwei Minuten Zeit, einzusteigen. Wenn du das nicht schaffst, fahre ich ohne dich“, zischte er dem dicken Polizisten ins Ohr. Dann sprintete er zurück zum Auto und stellte Blaulicht und Martinshorn an. Die Sirene sorgte für einen so ohrenbetäubenden Lärm am Würstchenstand, dass selbst Volle aus der Fassung gebracht wurde.
„Dem Frischling reiße ich gleich so dermaßen den Arsch auf, wie er es noch nie zuvor in seinem Leben erlebt hat“, schwor sich der dicke Polizist. Im nächsten Moment brachte er die Verkäuferin auf Trab. „Los, her mit der Wurst! Wir haben einen Einsatz.“
Die ersten Handys wurden gezückt und der Streifenwagen und Volle gefilmt.
„Macht die Handys aus, ihr Spacken. Ich sperre euch alle ein!“, brüllte Volle.
Ein junger Mann mit einem Akne-Gesicht lachte den Polizisten aus. Hätte er auch nur eine Minute Zeit gehabt, er hätte dem Bengel das Grinsen aus dem Gesicht geschlagen. Doch er musste Prioritäten setzen. Er knallte einen Zehneuroschein auf den Tresen, schnappte sich den Pappteller und den riesigen Becher Cola und versuchte, beides zum Streifenwagen zu schaffen. Die ersten Pommes kamen ins Rutschen. Volle presste sich die Schale gegen die Brust und beschmierte seine Uniformjacke mit Mayonnaise. Der Polizist fluchte. Der Frischling würde was erleben.
Am Streifenwagen angekommen, balancierte Volle seine Frittenschale auf das Armaturenbrett und versuchte, seinen Colabecher sicher abzustellen. Er sah keine andere Möglichkeit, als ihn erst einmal zwischen seinen Beinen zu platzieren. Kaum hatte er die Beifahrertür geschlossen, fuhr sein Kollege abrupt an. Die Schale mit Currywurst und Pommes rutschte vom Armaturenbrett herunter, drehte sich einmal elegant in der Luft und war im Begriff, auf Volles massigen Oberschenkeln zu landen. In einem Reflex presste der Polizist die Beine zusammen und zerquetschte dabei den Becher mit der Cola. Kaum hatte sich der halbe Liter über Hemd, Hose und Sitz verteilt, da hatten auch Currywurst und Pommes ihr Ziel, die Uniformhose Volles, erreicht. Von dort rutschte das Ganze in Zeitlupe Richtung Fußraum. Volle griff zu, um zu retten, was zu retten war. Er langte in die Currywurst, doch der beherzte Griff führte lediglich dazu, dass er nun vier Stückchen Bratwurst mit Currysoße in der verschmierten Hand hielt. Die Schale selbst lag mit der ungünstigen Seite nach unten im Fußraum.
Um auf die Klingenbergstraße zu gelangen, musste Maier bremsen. Volle war noch nicht angeschnallt. Hastig stützte er sich mit seinen verschmierten Händen am Armaturenbrett ab und stemmte die Füße gegen das Bodenblech. Sein linker Fuß stand nun in der Frittenschale.
„Das wirst du mir büßen, Frischling!“, brüllte Volle seinen Kollegen an.
„Darüber werden wir später reden, Egon“, knarzte es aus dem Funkgerät. Scheiße, dachte Volle, er hatte vergessen das Mikrofon auszuschalten.
In der Fritz-Reuter-Straße angekommen, nestelte Volle mit seinen soßebeschmierten Händen an seinem Holster herum, um die Pistole zu ziehen. Währenddessen sprintete Maier schon zum Haus. Vor der Haustür standen zwei Fahrräder im Weg – er stieß eines davon um. Da die Haustür sperrangelweit offenstand, hinderte ihn nichts daran, ins Haus zu kommen.
„Was mache ich hier überhaupt?“, fragte sich Pauline Meyer zu Klüt und schaute auf ihre Armbanduhr. Es war Samstagnachmittag, sie hatte Spätdienst und es war nichts los. Für andere Polizisten vielleicht ein Grund, den ruhigen Dienst zu genießen, aber der immer aktiven Pauline gelang das nicht. Marco van Leyden, seit einem Jahr ihr Lebensgefährte, würde sicher schon seine übliche Joggingrunde hinter sich gebracht haben und sie saß hier herum.
Sie wollte sich gerade einen Kaffee holen, als Hubertus von Fölsen, ihr neuer Vorgesetzter, das Büro betrat. Er hielt einen Becher Kaffee in der Hand und pustete darauf, um ihn abzukühlen. Er war wie aus dem Ei gepellt. Sein dunkelblauer Anzug saß tadellos, sein Hemd war blütenweiß, die Krawatte geschmackvoll und sicher nicht billig.
Hättest mir ja auch einen mitbringen können, du Schnösel, dachte Pauline. Sie saß hinter ihrem Schreibtisch und schaute erwartungsvoll zu ihm hoch.
„Es ist nichts“, bremste von Fölsen ihre Erwartungen aus. „Ich bin nur dabei, mich einzuarbeiten. Und dazu gehört, dass ich erst mal meine Mitarbeiter kennenlerne. Nur so kann ich meine Führungsarbeit optimieren.“
Pauline seufzte innerlich. Es fiel ihr schwer, sich an die aufgeblasene Aussprache von Fölsens zu gewöhnen. Was meinte von Fölsen überhaupt mit Führungsarbeit, fragte sie sich. Ihr schwante Unheil. Allein so ein Wort bereitete ihr Übelkeit.
„Ich werde hier einiges anders machen als meine Vorgängerin“, setzte ihr Vorgesetzter seine Ansprache fort. „Frau Köster hat das aus ihrer weiblichen Perspektive heraus gemacht. Ich werde dementsprechend andere Schwerpunkte setzen. Um es gleich vorwegzunehmen: Ich bin kein Freund des sogenannten kooperativen Führungsstils. Meiner Erfahrung nach, und die ist immerhin das Produkt von dreißig Jahren im Dienste der öffentlichen Ordnung, ist es besser, wenn jeder weiß, wohin er gehört, was er darf und was er nicht darf.“
Für Paulines Ohren klang das gar nicht gut. Und auch die nächsten Worte des neuen Chefs ließen keine Hoffnung auf entspanntes Arbeiten aufkommen.
„Ich stehe für eine klare hierarchische Struktur. Jeder kennt seine Aufgaben und weiß, was er zu tun hat. Es gibt kein Kompetenzgerangel und im Zweifel entscheidet der Vorgesetzte. Nur so lässt sich effizient arbeiten.“
Beim „nur so“ hegte Pauline Zweifel. Auch ohne die lange Berufserfahrung von Fölsens wusste sie, dass es immer wieder Situationen gibt, in denen man schnell und flexibel entscheiden muss und in denen Hierarchien zurücktreten müssen. Aber sie ließ ihre Bedenken nicht laut werden, sondern sagte nur: „Aha.“
Von Fölsen warf ihr einen prüfenden Blick zu. Offenbar wollte er dieses Aha auf versteckte Kritik abklopfen.
Pauline Meyer zu Klüt mahnte sich zur Vorsicht. Anscheinend war Hubertus von Fölsen klüger als sie gedacht hatte. Bei all seiner Eitelkeit war er nicht platt und plump selbstgefällig, sondern hörte genau hin und bewies ein Gespür für unterschwellige Kritik.
„Mit der Arbeitsweise, die Jupp Schulte zu seiner Zeit hier eingeführt hat, muss endlich Schluss sein“, setzte von Fölsen seine Belehrung fort. „Das war ja pure Anarchie.“
„Aber durchaus auch erfolgreich“, verteidigte Pauline tapfer ihren Ex-Chef, der für sie fast eine Vaterfigur gewesen war.
Dafür erntete sie einen bösen Blick ihres Vorgesetzten.
„Mag sein“, gestand von Fölsen widerwillig zu. „Aber da war wohl eine Menge Glück und Zufall im Spiel. Systematische Ermittlungen sehen jedenfalls anders aus. Und eines sage ich Ihnen gleich: Ich will Schulte hier in diesen Räumen nicht sehen. Wenn ich mitkriege, dass er hier herumlungert, Kaffee schnorrt und meine Leute von der Arbeit abhält, dann werde ich einschreiten. Dann gibt es Ärger. Auch für diejenigen, die sich mit ihm unterhalten. Schulte ist ab sofort Persona non grata.“
Es war so heiß und staubig auf dem weiten Fritzmeierschen Hofplatz, dass Jupp Schulte es vorzog, in seinem kleinen, großartig verwilderten Garten im Schatten zu sitzen. Auf dem wackligen Tisch standen an diesem späten Samstagnachmittag aber nicht nur zwei Bierflaschen, sondern auch ein großer Krug mit eisgekühltem Apfelsaft, dem Lieblingsgetränk seiner Nachbarin Adelheid Vahlhausen. Ganz besonders schätzte sie den Apfelsaft aus Fritzmeiers Hofladen, den dieser aus einem kleinen Fass verkaufte, und der aus dem Nachbardorf stammte.
Schulte hatte den Nachmittag auf dem Sofa liegend dösend verbracht. Es war viel zu heiß gewesen, um sich draußen sehen zu lassen. Seiner Gewohnheit, samstagnachmittags die Bundesliga-Übertragungen im Radio zu hören, konnte er nicht nachgehen, weil jetzt, am 9. Juli, die Sommerpause für Langeweile sorgte. So hatte er kurzerhand seine Nachbarin eingeladen und plauderte nun mit ihr über die Veränderungen bei der lippischen Polizei.
„Ich kann mir Hubertus von Fölsen einfach nicht als Chef vorstellen“, sagte Schulte. „Mit dem würde ich es keine zwei Stunden aushalten, ohne dass die Fetzen fliegen.“
Adelheid Vahlhausen schmunzelte, als sie sagte: „Das kann ich mir vorstellen. Viel gegensätzlicher als ihr beide kann man wohl nicht sein.“
Schulte wusste nicht recht, was er von dieser Aussage halten sollte. „Ist das jetzt für mich ein Kompliment oder das Gegenteil?“
„Weder noch. Es ist nur eine Feststellung. Aber auch ich möchte ihn nicht zum Vorgesetzten haben. Er ist schon als Kollege schwierig genug mit seinem Dünkel.“
„Genau, er ist ein aufgeblasener Wichtigtuer, der sich mit seinem Adelstitel für was Besseres hält. Für eine besondere Gattung Mensch, die sich vom gemeinen Pöbel abhebt.“
Schulte betrachtete seine Besucherin von der Seite, als sie ihr Trinkglas erneut mit Apfelsaft füllte. Er hatte sie schon immer für eine schöne und sehr gepflegte Frau gehalten, sie aber auch als zu bieder empfunden. Es war nicht nur ihr zurückhaltendes, kühl wirkendes Naturell, das ihn zurückschrecken ließ. Es war diese Aura von natürlicher, nicht gespielter Vornehmheit, die sie stets umgab und die auf Schulte, der so ganz anders geartet war, wie eine unsichtbare Barriere wirkte. Diese Frau machte ihn unsicher, ließ ihn daran zweifeln, ihr auf Augenhöhe begegnen zu können. Aber gut, dachte er sich, was soll’s? Das Thema Frauen war bei ihm sowieso abgehakt, da spielte es keine Rolle mehr, ob Adelheid Vahlhausen ihn interessant fand oder nicht. Hauptsache, sie kam ab und zu mal rüber zu einem gemütlichen Plausch unter Nachbarn. So griff er das Thema wieder auf, das sie eben noch beschäftigt hatte.
„Maren Köster hinterlässt natürlich eine gewaltige Lücke“, sagte er und versuchte, so beiläufig wie möglich zu klingen. „Sie hat einen verdammt guten Job gemacht. Sonst hätte sie auch nicht diesen neuen Posten bekommen.“
„Ihr habt euch mal sehr nahegestanden, oder?“, fragte Adelheid Vahlhausen. Auch sie klang bemüht beiläufig.
Schulte nickte. „Ja, wir waren sogar zwei Jahre lang ein Paar. Aber uns wurde schnell klar, dass wir nicht wirklich zusammenpassten und haben uns getrennt. Besser ein Ende mit Schrecken, als …, du weißt schon.“
Sie zögerte, bevor sie antwortete: „Ja, ich kenne das auch recht gut. Aber ich war immerhin fast zehn Jahre verheiratet. Wäre ich klug gewesen, hätte ich mich bereits nach einem Jahr getrennt. Die nächsten neun Jahre waren die Hölle.“
