Mordbrüder - Jürgen Reitemeier - E-Book

Mordbrüder E-Book

Jürgen Reitemeier

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Beschreibung

++ Jupp Schulte ermittelt ++ Band 22++ Das kriminelle Imperium der Brüder Bruschetta in Berlin könnte richtig florieren, wäre da nicht ihr Detmolder Cousin Bodo, der ihren halbseidenen Geschäften ständig im Weg ist. Also schicken sie einen Auftragskiller, der versehentlich nicht nur das Haus, sondern auch noch sich selbst in die Luft sprengt. Bodo aber lässt sich von dem Anschlag auf sein Leben nicht aus der Bahn werfen und bittet seinen Freund und Kommissar im Unruhestand, Jupp Schulte, um Hilfe. Gemeinsam versuchen sie, die gefährlichen Brüder in eine Falle zu locken und gleichzeitig Beweise für deren kriminelle Machenschaften zu finden, um sie hinter Gitter zu bringen. Werden Bodo und Jupp es schaffen, den Brüdern Bruschetta das Handwerk zu legen?

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Seitenzahl: 416

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Reitemeier/Tewes · Mordbrüder

JÜRGEN REITEMEIERWOLFRAM TEWES

Mordbrüder

PENDRAGON

Das ist doch …, werden Sie vielleicht beim Lesen denken. Aber wir müssen Sie enttäuschen – alle Personen der Handlung sind völlig frei erfunden. Ähnlichkeiten mögen reizvoll sein, sind aber rein zufällig und keinesfalls beabsichtigt.

1

Im Berliner Stadtteil Neukölln ging ein trüber, nasskalter Novembertag in den Abend über. Felix Lieberknecht beendete sein Abendessen und räumte das Geschirr in die Spülmaschine. Im Fernsehen lief die Tagesschau und jagte in schwindelerregendem Stakkato eine schlechte Nachricht nach der anderen in die Welt. Lieberknecht hörte nicht mehr hin. Novemberblues und schlechte Nachrichten hätte er ja noch ertragen, es war der immer wiederkehrende Gedanke an den morgigen Arbeitstag, der ihm den letzten Rest an guter Laune verdarb. An seiner Schule war eine Sonderkonferenz des Lehrerkollegiums angesagt. Es ging wieder darum, ob ein Schüler von der Schule verwiesen werden sollte oder nicht. Lieberknecht, seit sechs Jahren Lehrer am Albert-Einstein-Gymnasium, wusste jetzt schon, dass er mit seiner Haltung im Kollegium alleinstehen würde. Er kannte diesen Schüler, wusste um dessen wenig beneidenswerten Hintergrund und würde sich, allen Kollegen zum Trotz, für den Verbleib des Jungen einsetzen. Beliebt macht man sich damit nicht, wusste Lieberknecht und fragte sich nicht zum ersten Mal, ob er den richtigen Beruf ergriffen hatte.

Der Blick aus dem Fenster im fünften Stock auf die Hinterhöfe des nächtlichen Neuköllns war auch nicht dazu angetan, seine Stimmung zu heben. Er zog die Jalousie herunter und ging zu seinem Schreibtisch. Hier lag ein Stapel Deutschhefte, der dringend korrigiert werden musste. Er hatte seinen Schülern vor langer Zeit einmal versprochen, die Klassenarbeiten nach maximal zwei Tagen korrigiert zu haben. Dieser Anspruch zwang ihn nun an den Schreibtisch. Viel lieber wäre er an diesem Donnerstagabend in die Musikkneipe um die Ecke gegangen und hätte sich ein Jazzkonzert angehört. Während er das erste Deutschheft eines Schülers zur Hand nahm und schon beim Blick auf die krakelige Handschrift eine Niedergeschlagenheit verspürte, lief der Fernseher im Hintergrund weiter. Bereits nach dem ersten Diktat brauchte er eine Seelenstärkung. Er stand auf, ging zu einem großen Biedermeierschrank und öffnete das Barfach. Bis vor einiger Zeit nur ein normales Fach im Schrank, aber seitdem vor einigen Wochen ein Freund zu einem längeren Auslandsaufenthalt aufgebrochen war und ihm seine gesamten Alkoholvorräte überlassen hatte, stand hier eine edle Flasche neben der anderen. Die meisten bereits angebrochen, andere noch versiegelt. Lieberknecht, der nur selten Alkohol trank, kannte sich damit nicht aus und überlegte nicht lange, sondern wählte auf gut Glück eine der schon halb geleerten Gin-Flaschen aus. Er verzog ein bisschen das Gesicht, denn das Zeug schmeckte ganz anders, als er es erwartet hatte. Nicht schlecht, aber eben ganz anders. Mit dem Glas ging er zurück an den Schreibtisch und nahm sich das zweite Heft vor. Dieses Diktat machte einen deutlich erfreulicheren Eindruck als das Erste und er verspürte so etwas wie Jobzufriedenheit. Die verging aber bereits beim nächsten Schüler wieder und schlug ins Gegenteil um.

Es klingelte.

Überrascht schaute Lieberknecht auf. Er erwartete keinen Besuch, und hatte nicht die geringste Ahnung, wer das sein könnte. Mehr neugierig als irritiert verließ er den Schreibtisch und drückte, ohne nachzudenken, den Türöffner. Wahrscheinlich ein Pizzabote, der sich in der Adresse geirrt hatte, überlegte er. Das Treppenhaus war unglaublich hellhörig, die uralte Holztreppe knarrte heftig und die Schrittgeräusche des Besuchers wurden von Etage zu Etage immer lauter. Bald klingelte es an der Wohnungstür. Den Türspion hatte irgendein Vormieter so beschädigt, dass er unbrauchbar geworden war. Lieberknecht öffnete die Tür und erwartete einen verschwitzten und verwirrten Pizzaboten. Mit der Person, die nun vor seiner Wohnungstür stand, hatte er nicht gerechnet.

„Du?“, fragte er verblüfft.

Anstatt auf die erwartete Pizzaschachtel starrte er fassungslos in den Lauf einer Pistole.

2

„Was ist mit dem Kollegen Lieberknecht?“, fragte die Direktorin des Albert-Einstein-Gymnasiums in die Runde der Lehrer, die sich gerade auf die erste Unterrichtsstunde vorbereiteten. „Hat er sich krankgemeldet?“

Hatte er nicht, wie sich herausstellte. Auch sonst kannte keiner der Kollegen einen Grund, warum Felix Lieberknecht an diesem Morgen nicht zum Dienst erschienen war. Dabei stand heute diese wichtige Sonderkonferenz an. Nachdem die beiden ersten Ausfallstunden Lieberknechts noch durch eine Kollegin, die eigentlich ganz andere Aufgaben hatte, ausgebügelt werden konnten, machte sich die Direktorin ernsthafte Sorgen. Nicht nur, weil Unterrichtsstunden ausfallen mussten, wenn Lieberknecht nicht erschien, er war auch ein sehr geschätzter Kollege, der nicht einfach vom Unterricht wegblieb und sich nicht meldete. Wieder und wieder versuchte sie, ihn telefonisch zu erreichen. Per Festnetz ebenso wie per Mobiltelefon – nichts.

Viertel vor elf verließ sie das Schulgebäude und stieg in ihr Auto. Nachdem sie dreimal auf der Suche nach einem freien Parkplatz um den Häuserblock gefahren war, in dem Lieberknecht wohnte, stellte sie das Auto einfach in der zweiten Reihe ab. Vielleicht würde es bereits abgeschleppt sein, wenn sie zurückkam, vielleicht ging auch alles gut und es würde nur eine Verwarnung hinter dem Scheibenwischer stecken. Sie hastete zum Haus, dessen Adresse sie Lieberknechts Personalakte entnommen hatte und schaute auf das riesige Klingelschild. Als sie die richtige Klingel fand, drückte sie mehrfach darauf. Keine Reaktion. Damit hatte sie auch nicht ernsthaft gerechnet. Kurz entschlossen drückte sie gleich mehrere Klingeln auf einmal. Irgendwer wird schon leichtsinnig den Türöffner betätigen, dachte sie und bekam sogleich recht. Vor der ersten Treppenstufe atmete sie tief durch, denn sie hatte auf dem Klingelschild gesehen, dass Lieberknecht im fünften und damit obersten Stock wohnte. Einen Lift gab es in diesem Altbau natürlich nicht. Auf dem Treppenabsatz des fünften Stocks angekommen, atmete sie erst mal tief durch, bevor sie ohne jede Hoffnung die Wohnungsklingel betätigte. Natürlich rührte sich nichts. Zu ihrer Überraschung sah sie, dass die Wohnungstür einen winzigen Spalt offenstand. Ihre Besorgnis nahm rasant zu. Vorsichtig schob sie die Tür weiter auf. Aber bereits nach wenigen Zentimetern stieß sie auf Widerstand. Irgendetwas lag im Weg. Die Direktorin quetschte sich durch die kleine Öffnung und blieb starr vor Schreck stehen. Felix Lieberknecht lag rücklings auf dem Fußboden. Seine Füße hatten die Tür blockiert. Ein großer roter Fleck auf der Brust und der im Entsetzen erstarrte Blick des Toten verrieten ihr mehr, als sie ertragen konnte. Sie schrie.

Vierzig Minuten später war die Wohnung nicht wiederzuerkennen. Polizisten sperrten alles ab, ein ganzer Trupp in weißen Ganzkörperkombis machte sich an die Arbeit. Ein Polizeifotograf machte ungerührt Aufnahmen vom Tatort, was die erschütterte Direktorin völlig aus der Fassung gebracht hatte. Eine junge Polizistin besorgte ihr auf dem Treppenabsatz einen Stuhl, legte ihr eine Decke über und forderte sie auf, hierzubleiben, damit sie befragt werden konnte. Ob ihr Auto bereits abgeschleppt worden war oder nicht, war ihr nun völlig egal.

3

Es war eisig kalt. Sogar ein paar Schneeflocken schwebten in gemächlichem Tempo zu Boden. An solchen Tagen machte Schulte es sich am liebsten in seiner Küche gemütlich. Immer häufiger leistete ihm dabei Adelheid Vahlhausen, ehemalige Kollegin und neue Lebensgefährtin, Gesellschaft. Ja, wenn Schulte es sich so recht überlegte, war in so lieber Gesellschaft der November kein schlechter Monat. Doch am Nachmittag wollte er sich trotzdem hinaus in die ungemütliche Kälte begeben. Denn Schulte hatte sich mit seinem Freund Bodo Bruschetta zum Fußball verabredet. Heute spielte Borussia Mönchengladbach gegen den BVB.

Adelheid hatte sich bereit erklärt, die beiden Freunde zum Alten Schlachthof an der Wittekindstraße zu fahren und auch wieder abzuholen. Auch sein Enkel Linus und dessen Freund Raffael wollten später dazustoßen.

Bodo Bruschetta war in den letzten Jahren mehr und mehr ein Freund von Schulte geworden. Und die Ereignisse des letzten Sommers, insbesondere die Verhaftung von Linus und Bruschettas Sohn Raffael hatte die beiden Männer dann richtig zusammengeschweißt.

Das penetrante Ring-Ring der mechanischen Haustürklingel riss Schulte aus seinen Gedanken. Das war sicher Adelheid.

Eine Viertelstunde später betraten die beiden Freunde, Bruschetta und Schulte, die Fußballkneipe. Die BVB-Fans, mit denen Schulte oft die Spiele der Dortmunder verfolgte, hatten ihren Stammplatz schon eingenommen. Bestimmte Rituale mussten noch erledigt werden. Rudolf war gerade dabei, den Tisch mit seinem Schal zu dekorieren, und Frank packte eine kleine Hartgummifigur aus, die den Spieler Julian Brandt darstellte. Von den anwesenden Fans wurde die kleine Plastik nur „Spacken“ genannt. Der aufmerksame Chefkellner brachte die ersten Getränke und nahm auch die Bestellung von Schulte und Bruschetta entgegen.

Vor dem Anpfiff küsste Rudolf die Plastikfigur. „Sicher ist sicher“, grinste er. „Beim letzten Mal habe ich das auch gemacht. Und was soll ich sagen, wir haben gewonnen.“

Bruschetta gehörte nicht zu dieser erlauchten Fan-Runde. Doch weil er Schultes Freund war, musste er selbstverständlich mit am BVB-Tisch sitzen. Man rückte einfach zusammen.

Kaum hatte das Spiel begonnen, da gab es auch schon den ersten Aufreger. In der dreizehnten Minute versenkte Reiz den Ball im Tor der Dortmunder.

„Diese scheiß Abwehr“, fluchte Schulte. „Die standen doch wieder mal viel zu hoch. Das wird doch wieder nichts.“

„Nee, nee Schulte, da geht heute was“, entgegnete Rudolf. „Da geht heute was. Ich habe ein gutes Gefühl.“

Der Wirt Rainer, ein HSV-Fan, kam zum BVB-Tisch. „Na, Jungs, das wird heute doch mal wieder nichts mit euch.“ Er grinste hämisch.

„Ach, sei ruhig“, maulte Dirk und Wolfgang fragte den Wirt: „Soll ich dir mal was erzählen?“

„Da bin ich aber mal gespannt“, grinste Rainer.

„Ich habe neulich einen Mann gesehen, der hat sein Fahrrad geschoben“, kam es von Wolfgang.

Rainer sah ihn verwundert an. „Ja, und?“, fragte er mit einem Gesichtsausdruck, der kein anderes Deutungsmuster zuließ als, ihr Dortmund-Fans habt doch nicht mehr alle Latten am Zaun.

„Ja“, entgegnete Wolfgang. „Der Mann, der den Drahtesel schob, kam aus Hamburg. Die Hamburger können, wie wir alle wissen, nicht aufsteigen.“

Die Männer am Tisch lachten. Und Rainer sah etwas pikiert drein. Doch da klingelte es schon wieder. Das nächste Tor. Pléa hatte für Gladbach getroffen.

„Abseits!“, brüllte Dirk. „Ganz klar abseits!“

„Ich gehe nach Hause“, kam es von Klaus.

„Abseits, sage ich doch“, kam es wieder von Dirk.

Der Videobeweis funkte dazwischen, das Tor zählte nicht.

Rainer war dennoch wieder obenauf. Trotz des nicht gegebenen Tores frotzelte er: „Ich habe es euch doch gesagt, das wird heute nichts mit euch.“ Dann tat er so, als würde er überlegen. „Ach, kommt“, sagte er dann großzügig. „Ich gebe einen aus. Ihr mit den gelben Zähnen und dem schwarzen Hals habt ja sonst keinen Spaß.“

Es ging weiter hoch her. Und dann, in der dreißigsten Minute schoss Sabitzer den Anschlusstreffer. Und als der BVB in die Halbzeitpause ging, stand es drei zu zwei für die Dortmunder. Füllkrug hatte seinen Verein in der fünfundvierzigsten Minute in Führung gebracht. Die Stimmung am Tisch war wieder gut. Was wollte man mehr? Fünf Tore in einer Halbzeit.

„Wacholder, Wacholder! Ich gebe eine Runde“, rief Rudolf gut gelaunt und stimmte den üblichen Trinkspruch, „Auf den BVB und nur den BVB“, an.

Am Ende ging das Spiel vier zu zwei für Dortmund aus.

„Wir wollen noch was essen“, sagte Schulte nach dem Schlusspfiff. „Wie sieht es mit euch aus?“

Die anderen Männer winkten ab. „Heute nicht“, meinte Frank, „ich treffe mich gleich noch mit Freunden.“

Da zuckte Blaulicht durch die Fenster. Mehrere Feuerwehrautos rasten die Wittekindstraße entlang Richtung Innenstadt.

„Oh, da muss aber irgendwo was los sein“, kommentierte Klaus die pulsierende Lichtershow, die den Parkplatz mit blauen Blitzen erhellte.

3

Es war nicht sein erster Besuch in Detmold. Antonio Pienza war bereits im letzten Sommer hier gewesen. Aber damals hatte eine freundliche Spätsommersonne die ohnehin schönen Fassaden der Innenstadt noch reizvoller erscheinen lassen. Die Menschen waren locker und gut gelaunt gewesen. Heute zogen die Passanten die Köpfe ein, um sich vor dem Nieselregen, der immer wieder mit Schneeflocken durchsetzt war, zu schützen. „Ist schon hübsch hier“, dachte Pienza, „Aber wohnen möchte ich hier nicht.“ Brave Kleinstadtidylle eben. Das nasskalte Wetter kam ihm sehr entgegen, denn es erlaubte ihm, die Kapuze seiner dicken Outdoorjacke über den Kopf zu ziehen, ohne damit aufzufallen. Er hatte seinen Golf am Bandelberg, kurz vor der Kreuzung Bülowstraße geparkt und der Weg bis zur Fürstengartenstraße war, bei Nieselregen und Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt, länger als gedacht. Auch wenn es immer nur bergab ging. Ein Parkhaus kam für ihn nicht infrage. Er benutzte nie Parkhäuser bei seinen Einsätzen. Ein Parkhaus war für ihn gleichbedeutend mit Überwachungskameras und die konnte er gar nicht gebrauchen, wenn er einen Job zu erledigen hatte.

Als er an der Ecke zur Fürstengartenstraße angekommen war, blieb er einen Moment stehen und beobachtete die Umgebung. Es waren kaum Menschen zu sehen. Er schaute auf seine Armbanduhr – es war Viertel nach drei. Wenn die Informationen, die seine Auftraggeber ihm als Rüstzeug mitgegeben hatten, stimmten, dann war der Besitzer des Hauses, in das er eindringen wollte, jetzt zum Fußballgucken irgendwo in der Stadt und würde auch vor achtzehn Uhr nicht zurückkommen. Der Mann hatte offenbar seine festen Gewohnheiten. Die Hausnummer war Pienza bekannt und als die Fürstengartenstraße gerade komplett menschenleer war, ging er mit strammen Schritten los. Bloß nicht dadurch auffallen, dass er wie ein Tourist langsam und neugierig durch die Straße schlenderte. Er wollte wirken wie einer, der hierhin gehörte. Wie einer, der vom Einkaufen nach Hause ging. Gleichzeitig musste er jedoch aus den Augenwinkeln Fenster und Hauseingänge im Blick haben. Das war bei der mit Pelz gefütterten Kapuze gar nicht einfach, ohne dabei komplett den Kopf zu drehen und damit das Gesicht preiszugeben. Dann stand er vor dem gesuchten Haus. Ein Hauch von Sozialneid durchfuhr ihn. Nie würde er selbst so nobel wohnen. Dabei gehörte auch er zur großen Familie, wenn er auch nur ein angeheirateter Cousin war, sowohl seiner Auftraggeber als auch des Mannes, in dessen Haus er gleich eindringen wollte. Eigentlich war es noch viel zu hell für einen Einbruch. Aber es gab gute Gründe, jetzt gleich zu starten. Einmal konnte er nicht sicher sein, ob der Hausherr nicht doch, gegen seine Gewohnheit, früher zurückkam. Davon abgesehen wollte er noch an diesem Abend zurück nach Berlin fahren. Eine weite Strecke, da durfte er nicht lange trödeln. Zumal es laut Wetterbericht kälter werden sollte und am späten Abend die Gefahr von Schneefall bestand. Bereits jetzt fielen vereinzelte Flocken.

Er ging so unauffällig wie möglich an dem Haus vorbei und beobachtete scharf die Umgebung. Aber er sah nichts, was seinen Plan gefährden konnte. Nach einer Weile kehrte er um, legte die kurze Strecke bis zum Haus zurück und trat, so selbstverständlich, als wäre er ein ständiger und gern gesehener Hausgast, durch das schmiedeeiserne Gartentor. Die Haustür lag so, dass sie von der Straße nicht eingesehen werden konnte. Perfekt für jemanden, der bei seiner Arbeit nicht beobachtet werden will und auch das Türschloss war für einen gelernten Schlosser wie Antonio Pienza kein Problem. Es dauerte nicht lange und er stand im breiten, aber kurzen Flur des Hauses. Und sogleich fiel sein Blick auf das Objekt, nach dem er suchte, den Sicherungskasten. Er öffnete den Kasten, schaute hinein und schnaufte zufrieden, als er sah, dass der Eingangsbereich separat abgesichert war. Aber bevor er an die eigentliche Arbeit gehen konnte, musste er sicherstellen, dass niemand im Haus war. Gründlich, dabei aber vorsichtig, durchsuchte er einen Raum nach dem anderen. Das ist wahrhaftig eine noble Bude, sagte sich Pienza und spürte wieder Neid aufkommen. Nicht auf Bruschettas Luxus, den konnte er sich auch leisten, als Auftragskiller verdiente er nicht schlecht. Aber nach außen durfte er das aus Gründen der Tarnung nicht zeigen, er war gezwungen, den mittellosen Hausmeister zu spielen. Einer wie Bodo Bruschetta hingegen konnte in aller Seelenruhe präsentieren, was er hatte.

Neid war eines der wenigen Gefühle, die in seinem verdorbenen Charakter gedeihen konnten, die genug Nahrung fanden. Menschen und Tieren gegenüber verspürte er nur Kälte und bestenfalls Gleichgültigkeit. Häufig jedoch auch Abscheu, der sich bis zum Hass steigern konnte. Hätte es in seiner Jugend das Schulfach Mitgefühl gegeben, dann wäre er mit der Note Ungenügend noch gut bedient gewesen.

Als er sicher sein konnte, allein im Haus zu sein, ging er zurück in den Eingangsbereich und machte sich an die Arbeit. Aus seiner Umhängetasche zog er ein kleines Päckchen, allerlei Kleinkram und einen kleinen Schraubendreher. Er schraubte den Deckel des Lichtschalters ab und klemmte dort ein dünnes, weißes Kabel an. Am Ende des Kabels war ein dünnes, silbernes Aluminiumröhrchen angebracht, das er erst mal einfach baumeln ließ. Nachdem er den Deckel des Lichtschalters wieder angeschraubt hatte, holte er aus dem Päckchen einen sandfarbenen Klumpen, der aussah wie Fensterkitt. Pienza betrachtete den Klumpen mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Stolz. Ehrfurcht, weil dieses Zeug eine verheerende Wirkung zeigen würde. Stolz, weil er es selbst hergestellt hatte. Ein bisschen Aceton vom Nagellack seiner Frau. Auch Wasserstoff-Peroxid hatte sie im Badezimmer. Beides zusammenschütten und ein bisschen Säure als Katalysator dazugeben, das war keine Hexerei, wenn man sich ein bisschen mit den Mengen auskannte. Nach einem Tag hatten sich am Boden des Gefäßes weiße Kristalle gebildet. Die musste Pienza nur noch herausfiltern – das war es schon. Na ja, ein bisschen Erfahrung brauchte man schon, gestand er sich zu. Das Ganze hatte er dann so oft wiederholt, bis ihm eine ausreichende Menge zur Verfügung stand. Und er hatte noch ein bisschen was draufgepackt, deutlich mehr als notwendig gewesen wäre. Sicher ist sicher und je lauter der Wumms, desto schöner. Dieses Teufelszeug wird, wenn es gezündet wird, eine Druckenergie freisetzen, die um achtzig Prozent höher ist als TNT, wusste er. Direkt neben dem Stromkasten war eine schmale Nische in der Wand, die der Hausherr als Garderobe für seine Mäntel verwendete. Ins hintere Eck dieser Nische quetschte er das dem Fensterkitt ähnelnde Zeug. Dann nahm er das Kabel mit dem Aluröhrchen am Ende wieder auf und steckte das Röhrchen in die Knetmasse. Der Sprengstoff war nun mit dem Stromkreis verbunden und würde, sobald der Hausherr am Abend nach Hause kam und das Flurlicht anschaltete, explodieren.

Pienza schaute wieder auf die Uhr. Es war jetzt kurz vor sechzehn Uhr. Seine eigentliche Arbeit war beendet, aber es blieb noch etwas Zeit, ein bisschen im Haus herumzuschnüffeln und nach Wertsachen zu suchen. Wenn er schon mal hier war, dann sollte sich das auch lohnen. Er suchte gründlich und er fand vieles, was ihn interessierte. Einiges steckte er schnell und fast achtlos in seine Umhängetasche, anderes faszinierte ihn so sehr, dass er sich länger damit beschäftigte. Allein eine umfangreiche Uhren-Sammlung fesselte seine Gier so stark, dass er alle beiliegenden Exposés zu den Uhren aufmerksam studierte, bevor er die Uhren ebenfalls in die Tasche wandern ließ. Und so verstrich die Zeit, ohne das Pienza dies bemerkte. Er war so von Gier und Entdeckerlust besessen, dass er nicht bemerkte, wie es draußen, und damit auch im Inneren des Hauses langsam dunkel wurde. Dann endlich wurde ihm klar, dass es höchste Zeit wurde, aus dem Haus zu verschwinden. Er stieg die Treppe hinunter ins Erdgeschoss, durchquerte das Wohnzimmer und betrat den Flur.

Drei Ereignisse veränderten alles! Der Bewegungsmelder reagierte und das Licht sprang an. Gleichzeitig explodierte der Plastiksprengstoff. Unter infernalischem Krach brach die Decke ein, eine gewaltige Staubwolke verdunkelte den Flur, ein hilfloser menschlicher Körper wurde wie welkes Laub im Sturm von den Beinen gerissen und schlug hart gegen eine der massiven Seitenwände des Eingangsbereiches.

4

Bodo Bruschetta sah zum wiederholten Mal auf die Uhr. Raffael und Linus wollten zum Abendessen dazukommen. Doch bis jetzt waren die beiden Jugendlichen noch nicht aufgetaucht.

Seit einigen Monaten hatte Bruschetta Ärger mit seiner Familie, genauer gesagt mit zwei seiner Cousins. Die waren die Köpfe einer traditionsreichen Berliner Ganovensippe. Der kleine Clan, dem die beiden Männer vorstanden, hatte nicht die meisten Angehörigen, aber er war nicht zu unterschätzen. Und genau diese Verwandten trachteten nach Bruschettas Vermögen und um an dessen Besitztümer zu gelangen, würden die beiden, das hatten sie angedroht, über Leichen gehen.

„Komm Bodo, wir bestellen schon mal“, schlug Schulte vor. „Wenn die Bengel nicht pünktlich sind, sollen sie sehen, wo sie was zu essen bekommen.“

Schultes unbekümmerte Art zerstreute Bruschettas Sorgen und so genossen die beiden Männer eine halbe Stunde später ein hervorragend gebratenes Steak.

Schultes Augen leuchteten.

„Fleisch ist mein Gemüse“, brachte er genüsslich schmatzend zwischen zwei Bissen hervor.

Anstatt einer Antwort meldete sich Bruschettas Smartphone. Der nahm den Anruf an und meldete sich. Dann hörte er konzentriert zu. Dabei wurde er von Sekunde zu Sekunde blasser.

Als er das Gespräch beendet hatte, legte er das Telefon mit zitternder Hand auf den Tisch.

Schulte sah ihn verwundert an.

„Es war Zoé“, brachte Bruschetta mit heiserer Stimme heraus. „Auf mein Haus ist ein Sprengstoffattentat verübt worden. Im Hausflur liegt ein Toter.“ Dann stammelte er: „Raffael, wo ist Raffael?“

Bruschetta sprang auf. Er stieß den Stuhl, auf dem er gesessen hatte, so heftig mit den Kniekehlen nach hinten, dass dieser laut polternd umfiel. Er kümmerte sich nicht darum. Einige Kneipenbesucher sahen verwundert zu dem Ort, wo Bruschetta scheinbar randalierte, bevor er hastig dem Ausgang entgegenstrebte. Er musste noch fünf Meter bis zur Tür, die nach draußen führte, zurücklegen. Da öffnete sich diese und sein Sohn Raffael betrat den Gastraum.

5

„So habe ich mir diesen Samstagabend nicht vorgestellt“, murrte einer der Männer, die allesamt einen weißen Overall trugen und emsig hin und her wuselten. „Bei mir zu Hause sitzen jetzt Schwager und Schwägerin und unterhalten sich mit meiner Frau. Die hat mit Sicherheit leckere Häppchen und ’nen Eierlikörchen auf den Tisch gestellt. Und ich armer Trottel muss hier Leichenteile zusammenkratzen. Scheiß Job!“

„Seien Sie froh, dass Sie nicht derjenige sind, der hier zusammengekratzt werden muss“, kam unerwartet eine helle Kleinmädchenstimme von hinten. Erschrocken drehte der Mann sich um und hatte den Eindruck, vor einem Eisberg zu stehen. In der Tat war man nicht auf die Erscheinung von Renate Burghausen vorbereitet, wenn man nur ihre Stimme hörte. Die Leiterin der Detmolder Spurensicherung war fast 1,90 m groß, gebaut wie ein Gladiator und ließ allein durch ihre physische Präsenz jedes männliche Großmaul kleinlaut werden. Der ihr wenig schmeichelnde weiße Overall verstärkte den Eindruck eines Eisbergs noch. Wie diese gewaltige Statur und dieses kleine Stimmchen zueinandergefunden hatten, war allen, die sie kannten, ein Rätsel. Als hätte sich der große Menschendesigner einen Spaß machen wollen.

„Wir sind auch gleich fertig“, tröstete sie ihren Mitarbeiter. „Dann können Sie sich auch die Häppchen Ihrer Frau schmecken lassen. Vorausgesetzt, Sie haben noch Appetit nach all dem, was Sie hier zu sehen bekommen haben.“

Es war kein schöner Anblick, der sich ihnen bot. Das einst so schöne Haus stand zwar noch, war aber derart stark beschädigt, dass hier in absehbarer Zeit niemand wohnen konnte. Viel schlimmer aber war für die Leute von der Spurensicherung der entsetzlich zugerichtete Leichnam eines Mannes, den man unter den Trümmern der Flurdecke gefunden hatte.

Renate Burghausen ging hinaus in den Vorgarten. Dort wartete schon ein langer, schlaksiger, junger Mann und kam gleich auf sie zu. Manuel Lindemann war Polizist im Dienstrang eines Kommissars bei der Detmolder Kreispolizeibehörde und hatte an diesem Samstagabend Dienst.

„Können Sie schon was über die Ursache dieses Unglücks sagen?“, fragte er vorsichtig, denn er wusste, dass Renate Burghausen es hasste, solche Fragen zu hören, bevor sie sich selbst in aller Ruhe ein Urteil gebildet hatte. Sie schaute ihn auch missmutig an, aber seinem Dackelblick konnte sie offenbar nicht widerstehen.

„Was ich jetzt sage, ist alles noch nicht druckreif. Das sind nur erste Vermutungen.“

„Ich weiß, dass Ihre Vermutungen meistens zutreffen.“

Sie warf dem jungen Mann einen Blick zu, unsicher, ob er es ernst meinte oder sich lustig machen wollte. Aber diese Augen konnten nicht lügen, fand sie und sagte: „Schleimer! Ich vermute, dass dieser Mann, also der Tote hier, den Sprengsatz selbst angebracht hat. Auch wenn der komplette Putz an der Flurwand weggebrochen ist, kann man sehen, wo der Sprengsatz saß und dass der Zünder über den Lichtschalter mit dem Stromkreis verbunden war. Offenbar hat der Mann dabei einen furchtbaren Fehler gemacht. Wir haben einen Bewegungsmelder in der Deckenlampe des Eingangsbereichs gefunden. Jetzt beginnt nun wirklich der Bereich der Spekulation. Wenn man sich den Zeitpunkt der Explosion klarmacht und wenn es stimmt, was die Nachbarn sagen, war es etwa Viertel nach fünf und es wurde bereits dunkel. Es könnte sein, dass der Mann herumgetrödelt hat oder durch irgendwas davon abgehalten wurde, schnell zu verschwinden. Als er dann durch den Flur rauswollte, ist der Bewegungsmelder angesprungen und … WUMMS! Aber das ist nur ein erster Eindruck. Verwenden dürfen Sie das um Himmels willen noch nicht.“

Der junge Polizist nickte.

„Hatte der Tote irgendetwas bei sich, was auf seine Identität hinweisen könnte? Papiere, Kreditkarte oder so was?“

„Nein“, antwortete sie. „Zumindest war nichts in seiner Kleidung. Vielleicht ist etwas durch die Explosion durch die Gegend geflogen und im Schutt gelandet. Dann werden wir es finden. Aber eigentlich gehe ich nicht davon aus.“

„Haben Sie den Hausherrn schon erreicht?“, fragte Renate Burghausen.

„Ja, der steht draußen im Garten und wartet darauf, sich das Chaos ansehen zu dürfen. Aber erst, wenn Sie es freigeben, versteht sich. Unser alter Kollege Jupp Schulte ist bei ihm.“

„Schulte? Der Schulte?“, die Frau verdrehte die Augen. „Dann kann ich mich ja schon mal auf neugierige Fragen gefasst machen. Der Kerl lässt auch nie locker. Warum genießt er nicht seinen Ruhestand und züchtet Rosen?“

6

Was für eine Nacht! Bodo Bruschetta fühlte sich, als hätte er drei Tage nicht geschlafen. Nachdem sie sich gestern Abend sein explodiertes Haus angesehen hatten, hatte Schulte Raffael mit zu sich auf den Fritzmeierschen Hof genommen. Für Bodos Sohn war es nichts Ungewöhnliches bei seinem Freund Linus zu übernachten. Das tat der Junge mindestens einmal in der Woche. Die beiden Jungen verbrachten fast ihre gesamte Freizeit miteinander.

Bodo selbst war bei seiner Freundin Zoé Stahl, Oberstaatsanwältin in Detmold, untergekommen. In der letzten Nacht hatten die beiden sich ziemlich genau eine Stunde das Bett geteilt. Bodo hatte einfach nicht einschlafen können. Er hatte sich von einer Seite auf die andere gedreht, war aufgestanden, hatte sich wieder ins Bett gelegt. Kaum hatte er die Decke über sich gezogen, begann das Grübeln. Was hatten er und Raffael für ein Glück gehabt. Der Bombenleger musste ein ziemlicher Dilettant gewesen sein. Wenn der Kerl auch nur ein bisschen geschickter gewesen wäre, dann würde jetzt er selbst tot auf dem Flur liegen oder Raffael oder sie beide. Bruschetta schlotterten beim bloßen Nachdenken noch die Knie.

Jetzt saßen sie alle mit ihm in Schultes Küche an dem großen Tisch. Die beiden Jungen, Zoé, Adelheid und Schulte. Sie wollten gemeinsam versuchen, der Situation gerecht zu werden.

„Ich bin gar nicht glücklich damit“, sagte Adelheid zu Bodo, „dass ihr euch keine psychologische Hilfe holt. Das ist eine handfeste, traumatische Belastung. Da könnt ihr doch nicht so tun, als wäre das Attentat gestern von gleicher Qualität wie ein Autounfall mit einem kleinen Blechschaden.“

„Du hast ja recht, Adelheid“, entgegnete Bodo. „Aber ich kann mich jetzt nicht einfach bei einem Psychologen auf die Couch legen. Das bringe ich nicht fertig. Dazu bin ich viel zu unruhig und angespannt. Und außerdem habe ich Angst um Raffael. Der muss schleunigst aus Detmold verschwinden.“

„Ich ahne schon, was da auf uns zukommt“, stöhnte Zoé. „Schulte und Bodo kämpfen mal wieder gegen den Rest der Welt. Könnt ihr das nicht einfach der Polizei überlassen?“

„Nichts lieber als das“, entgegnete Bodo lakonisch. „Ich gehe also zu Maren Köster und sage ihr, dass ich weiß, wer für das Attentat verantwortlich ist. Nämlich meine Cousins! Maren Köster sagt dann, ja prima, Herr Bruschetta, das ist ja mal eine gute Nachricht. Wir geben jetzt einfach unseren Kollegen in Berlin Bescheid und in einer Stunde haben wir die Täter verhaftet.“

Er schnaufte. „Ihr könnt mir glauben, ich kenne meine Cousins. Die machen Ernst. Die werden alles, was möglich ist, in die Wege leiten, um mich schnellstmöglich unter die Erde zu bringen.“

Adelheid meldete sich wieder. „So wie ich das sehe, haben wir gegen mehrere Windmühlen zu kämpfen. Wenn ich mir vorstelle, dass auf mein Haus ein Bombenanschlag verübt worden wäre, auf den Ort, an dem ich mich am sichersten fühle, dann wäre das eine große Belastung für mich. Die zweite Windmühle, gegen die wir kämpfen, ist eine Organisation, die übermächtig ist. Wenn es eine einzelne Person wäre, dann hätte man einen konkreten Täter. Aber hier handelt es sich um ein Konglomerat aus Personen, die Verbrechen ausüben. Dagegen anzugehen, das ist wie gegen Schatten kämpfen.“

„Und welchen Schluss ziehst du daraus?“, kam es von Zoé.

„Ich halte es auch für eine gute Idee, Raffael in Sicherheit zu bringen. Darüber hinaus ist es sinnvoll, wenn auch Bodo irgendwo Schutz sucht“, schlug Adelheid Vahlhausen vor.

„Das Landeskriminalamt verfügt über solche Wohnungen“, überlegte Zoé.

„Nein, nein, nicht das Landeskriminalamt“, kam es aufgeregt von Bodo. „Dann könnt ihr mich auch gleich wegsperren.“

„Wie wäre es“, sagte Schulte nachdenklich, „wenn wir Bodo im Obernkrug verstecken? Im Erdgeschoss betreibt Manfred Rosemeier seine Kneipe und oben könnte Bodo wohnen. Wenn ich ihn besuchen will, dann glauben alle, ich würde ein Bier trinken gehen.“

„Und Rosemeier versorgt ihn mit den nötigen Dingen, vor allem mit den guten Pizzen von Fiorini “, grinste Raffael. „Ist ja fast wie Urlaub.“

„Okay, dann steht mein Versteck fest“, traf Bodo überraschend schnell eine Entscheidung.

„Vorausgesetzt, dass Rosemeier damit einverstanden ist“, warf Schulte ein. „Da bin ich mir nicht sicher. Er geht damit ein hohes Risiko ein. Selbstverständlich ist das nicht.“

„Kann ich verstehen“, gab Bruschetta zu. „Aber jetzt überlegen wir weiter, was wir mit Raffael machen.“

„Du und Linus, ihr seid doch im Spanisch-Leistungskurs, oder?“, fragte Schulte.

7

Nachdem die Freunde gegangen waren und Bodo Bruschetta allein in Schultes Küche saß, beschlich ihn ein unangenehmes Gefühl. Er fühlte sich auf eine Weise bedrückt, die ihm bisher noch nie begegnet war. Auf einmal erschien ihm alles so ausweglos. Bruschetta war alleinerziehender Vater. Er war immer für Raffael da gewesen und war sogar von Berlin nach Detmold gezogen, um seinem Sohn einen etwas geschützteren Raum zu bieten, in dem er erwachsen werden konnte. Das einzige Mal, dass die beiden länger getrennt waren, das waren die Tage, als Raffael und Linus sich in der Untersuchungshaft aufgehalten hatten. Das war eine harte Zeit für Bodo gewesen. Und jetzt kam die nächste Härte des Lebens auf ihn und seinen Sohn zu. Sie mussten sich vor seinen Cousins, vor seiner Familie verstecken, weil die ihnen nach dem Leben trachteten.

Vorhin, mit den Freunden am Küchentisch, hatte Bodo sich sicher gefühlt. Da hatte er Kraft und Zuversicht empfunden, hatte sich den Herausforderungen gewachsen gefühlt. Doch jetzt, wo alle gegangen waren, hatte er das Gefühl, die Ereignisse würden über ihm zusammenschlagen und ihn unter sich begraben. Er konnte den Druck körperlich spüren. Sein Brustkorb fühlte sich an, als würde er zusammengedrückt. Das Atmen fiel ihm schwer. Bodo musste etwas machen. Er musste sein Schicksal wieder in den Griff bekommen, musste wieder Herr der Lage werden. Doch wo sollte er anfangen? Zunächst musste er aus dieser Küche heraus. Er brauchte Luft.

Als Bodo vor Schultes Haus stand, fasste er einen Entschluss. Er musste mit seinem Sohn reden, unter vier Augen. Er musste herausbekommen, in welcher Verfassung Raffael war. Er musste wissen, was die Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden mit seinem Sohn gemacht hatten, wie sie ihn verändert hatten.

Raffael war bei Linus. Gut, dass er diesen Freund hatte. Doch Schultes Enkel konnte natürlich nicht alle Verantwortung übernehmen, wenn es um den emotionalen Schutz und die seelische Belastung ging, der Raffael jetzt ausgesetzt war. Das war sein Job als Vater.

Bruschetta ging zu Ina Schultes Wohnung, um Raffael zu einem Spaziergang abzuholen. Als er seinen Sohn darum bat, willigte dieser sofort ein. Er zog sich seine Jacke über und dann schlugen sie den Weg Richtung Wald ein.

Eine ganze Weile gingen sie schweigend nebeneinanderher. Plötzlich fing Raffael an zu sprechen. „In was für eine Familie bin ich da eigentlich hineingeboren worden?“, fragte er. „Normal ist es doch, dass Verwandte sich besuchen. Kaffee und Kuchen essen und sich zu Festen einladen. Sie erinnern sich an ihre gemeinsamen Vorfahren, denen sie es zu verdanken haben, dass es die Sippe, in der sie leben, gibt. Und wenn es darauf ankommt, helfen sie sich untereinander.“ Raffael schwieg einen Moment. „Und was machen wir? Was machen die Bruschettas? Wir versuchen, uns gegenseitig umzubringen. Das ist doch nicht normal.“

„Nein“, entgegnete Bodo, „das ist nicht normal. Aber wir können uns die Verhältnisse, in die wir hineingeboren sind, nicht aussuchen. Mein Vater ist gestorben, als ich noch ein kleiner Junge war. Mir wurde erzählt, er wäre bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Über die Umstände wurde nie gesprochen. Mein Onkel, also der Vater von Roberto und Marco, quasi das Familienoberhaupt, wollte daraufhin unsere Geschicke, meins und das meiner Mutter, regeln. Dagegen hat die sich jedoch mit allen Mitteln gewehrt. Sie hat es nicht zugelassen. Am Ende hat sie damals mit meinem Onkel einen Vertrag abgeschlossen, dass er unser Vermögen treuhänderisch verwaltet und fünfzig Prozent des Gewinnes einbehalten konnte. Meine Mutter hat damals alles getan, dass mein Onkel keinen Einfluss auf meine Erziehung nehmen konnte. Aber du kannst mir glauben, meine Mutter hat ein hartes Regiment geführt. Sie hat peinlich darauf geachtet, dass ich nicht in die Machenschaften meiner Familie involviert wurde. Sie hat mich durchs Gymnasium und durch das Studium geprügelt. Mit vierundzwanzig Jahren war ich Diplom-Kaufmann. Zum Examen hat meine Mutter mir gesagt, dass ich nun mit einem ehrlichen Beruf ausgestattet sei. Und dass sie von mir erwarte, dass ich die Kompetenzen, die ich während meines Studiums erworben hätte, mit aller Rechtschaffenheit und Ehrlichkeit gebrauche, um mich durchs Leben zu schlagen.“

„Zum Leidwesen deiner Restfamilie“, vervollständigte Raffael den Bericht.

Bodo nickte. „Zum Leidwesen meiner Familie. Damals führte mein Onkel noch die Geschäfte. Er hat mir angeboten, in die Organisation einzusteigen. Ich habe es abgelehnt und im nächsten Jahr, an meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag, fiel der Besitz meines Vaters an mich. Das hat meinem Onkel nicht gefallen. Ich habe nur die Teile des Vermögens genommen, mit denen ich agieren konnte, ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen. Das heißt, alles das, was im weitesten Sinne mit kriminellen Handlungen zu tun hatte, wie zum Beispiel einige Bordelle und Nachtclubs, habe ich meinem Onkel überlassen. Ich habe ihm damals gesagt, das sei mein Dank für seine Loyalität und ein Friedensangebot. Er hat die Vermögensanteile genommen und mich in Ruhe gelassen. Aber dennoch achtete er mich nicht mehr. Er hielt mich für einen Weichling, der noch dazu die Leistungen und Rituale der Familie nicht zu würdigen wusste. Aber es war so etwas wie eine friedliche Koexistenz, die wir lebten. Das änderte sich, als mein Onkel starb. Von dem Zeitpunkt an, als meine Cousins die Geschäfte führten, versuchten sie sich meinen Besitz anzueignen. Du hast das ja im Sommer mitbekommen, als die beiden in Detmold waren. Sie haben mir ein Angebot der unfreundlichen Übernahme gemacht, sie wollten mir meine Immobiliengesellschaft für ein Zehntel dessen, was sie wert war, abkaufen. Ich habe abgelehnt. Seitdem führen die beiden ihren Krieg gegen mich. Bekämpft hatten sie mich schon vorher. Aber seit dem Moment, in dem ich ihr Angebot abgelehnt hatte, bekam der Umgang mit mir eine neue Qualität. Ich hätte nicht gedacht, dass die beiden so weit gehen würden, einen Sprengstoffanschlag auf mich zu verüben, ohne Rücksicht auf irgendetwas. Glaub mir, mittlerweile habe ich so eine Wut, nein, einen Hass auf meine Cousins. Ich bin fest entschlossen, sie in den Knast zu bringen.“

„Und wie stellst du dir das vor?“, fragte Raffael.

„Ich weiß es nicht“, entgegnete sein Vater resigniert. „Vielleicht fällt mir ja noch was ein. Aber eins ist sicher. Wir sind beide in Gefahr. Darum finde ich es die vernünftigste Entscheidung, wenn wir beide untertauchen. Und zwar nicht gemeinsam.“

Wieder gingen sie schweigend nebeneinanderher.

„Meine Cousins werden zunächst versuchen, mich aus dem Weg zu räumen“, äußerte Bodo seine Vermutung. „Ich glaube nicht, dass sie auch dich umbringen wollen. Aber wenn du dabei wärst, würden sie einen Kollateralschaden, ohne mit der Wimper zu zucken, in Kauf nehmen. So schwer wie es auch ist, du würdest mir eine Menge Druck von der Seele nehmen, wenn ich dich außerhalb Deutschlands in Sicherheit wüsste. Schulte hat die Idee, dich in Spanien unterzubringen. Und wenn Linus Mutter damit einverstanden ist, könnt ihr gemeinsam fahren.“

Raffael nickte. „Wenn ich ehrlich sein soll, habe ich ziemlich Angst. Sowohl um dich, als auch um mich. Okay, ich mache es. Ich gehe weg. Mit Linus oder ohne ihn. Und ich hoffe, dass dieser ganze Scheiß bald vorbei ist. Ich weiß nicht, ob das, was du vorhast, richtig ist. Aber ich vertraue dir.“ Raffael grinste schief. „Enttäusch mich nicht!“

Bodo zog seinen Jungen an sich und umarmte ihn fest. Er konnte nicht verhindern, dass ihm ein paar Tränen die Wange hinab rannen.

8

„Wer sitzt schon am Sonntagvormittag in seinem Büro und arbeitet?“, fragte Maren Köster die drei ebenfalls anwesenden Kollegen und klappte ihren Laptop auf.

„Wir“, antwortete Pauline Meyer zu Klüt, eine blonde Vierzigjährige, frisch, rosig und vor Energie berstend. Unvorstellbar, dass sich diese Frau einmal überfordert fühlen könnte. Neben ihr, dichter als dies bei Kollegen üblich ist, stand Marco van Leyden. Ein ähnliches Energiebündel wie Pauline. Einer, der nie still sitzen konnte, der geradezu körperlich litt, wenn er keine Aufgabe hatte. Van Leyden war in seiner vorherigen Dienststelle, der Sondereinheit Obernkrug, nur mäßig beliebt gewesen. Er war damals der Jüngste in einem Team von Leuten, die allesamt als Querulanten dorthin versetzt worden waren und dort bis zur Pensionierung verschimmeln sollten. Es gab kaum echte Aufgaben, es herrschte Langeweile und Frust. Eine Situation, mit der ein so agiler Typ wie van Leyden überhaupt nicht zurechtkam. Seine Energie bahnte sich einen Weg, indem er sich in Zynismus und häufig sogar in verbale Aggression gegen seine Kollegen flüchtete. Das legte sich erst, als Pauline Meyer zu Klüt, Polizistin in der Kreispolizeibehörde, in sein Leben trat. Paulines fröhliches und unkompliziertes Naturell nahm ihn nicht nur derart für sie ein, dass er sich in sie verliebte, es färbte auch auf ihn ab. Marco van Leyden, vorher der Stein im Schuh seiner Kollegen, wurde teamfähig. Im Spätsommer war diese absurde Dienststelle, von den Kollegen auch als Lippisch-Sibirien verspottet, für immer geschlossen worden. Während die älteren Kollegen in den Ruhestand gingen, wechselte van Leyden zur Kreispolizeibehörde und war seitdem wieder ein „richtiger“ Polizist.

Jetzt musste er sich zusammenreißen, um nicht Paulines Hand, die er dicht bei sich spürte, zu ergreifen. Zwei Händchen haltende Polizisten vor dem Schreibtisch ihrer neuen Chefin, das wäre selbst ihm unpassend erschienen.

Maren Köster war schon einmal Inhaberin dieses Schreibtisches gewesen. Sie hatte ihn vor vielen Jahren als Nachfolgerin von Jupp Schulte übernommen, der seinerseits einer von den ins Obernkrug-Team Verbannten gewesen war. Vor einem halben Jahr war sie befördert und zur Leiterin des Rauschgiftdezernats in Bielefeld ernannt worden. Ein Karrieresprung, der sie anfangs glücklich gemacht hatte. Nach einer Weile aber spürte sie, dass sie echte Polizeiarbeit brauchte, dass sie nicht dafür geschaffen war, ihre Arbeitszeit in Meetings und der Pflege von Netzwerken zu verbringen. Sie war kein Schreibtischtyp. So hatte sie sich auf eigenen Wunsch sehr schnell wieder zurückversetzen lassen und da die Interimslösung gerade aus Altersgründen pensioniert worden war, hatte sich alles wunderbar zusammengefügt. Seit einer Woche war sie wieder auf ihrem alten Posten.

„Was wissen wir bis jetzt über den Toten?“, fragte Maren Köster, die mittlerweile ihren Laptop in Schwung gebracht hatte.

„Nicht viel“, antwortete Manuel Lindemann, der bislang geschwiegen hatte. „Oder besser gesagt, fast gar nichts. Es ist schlichtweg nicht mehr viel von ihm zu erkennen. Die Explosion muss ihn voll erwischt haben. Aber noch mehr Schaden haben wohl die herumfliegenden Trümmerteile an ihm angerichtet. Es ist auf jeden Fall ein dunkelhaariger Mann mittleren Alters, der …“

Lindemann gab nun das wieder, was er von Renate Burghausen gehört hatte.

„Ein normaler Einbrecher also nicht, oder?“, fragte Maren Köster.

„Sicher nicht“, warf Marco van Leyden ein. „Ein Einbrecher bringt keine Sprengladungen an und jagt sich selbst in die Luft.“

„Okay“, fasste Köster zusammen, „wir müssen also davon ausgehen, dass der Tote die Sprengladung angebracht hat, um Herrn Bruschetta zu töten. Hat einer von euch eine Ahnung, warum jemand das tun sollte?“

„Na ja“, meldete sich Pauline. „Dieser Bruschetta hat eine Vergangenheit im Berliner Milieu. Ich meine damit nicht das Milieu von Zille, versteht sich. Er scheint aber im Großen und Ganzen heute sauber zu sein. Ich meine, er ist der beste Kumpel von Jupp Schulte und der würde sich nicht mit einem Kriminellen abgeben.“

„So sicher wäre ich mir da zwar nicht“, entgegnete Maren Köster und schmunzelte, „Aber wahrscheinlich hast du recht. Das heißt für uns: Der Tote kommt vielleicht aus Bruschettas Vergangenheit. Entweder wollte er sich für irgendetwas rächen oder er wollte Bruschetta ausschalten. Das sind nur wilde Mutmaßungen, wir sollten nicht den Fehler machen und uns gleich auf eine Hypothese festlegen. Wie sieht es hier eigentlich personell aus?“

„Schlecht“, warf van Leyden ein. „Eigentlich stehen nur wir drei zur Verfügung. Ein bisschen wenig für das, was ansteht.“

„Das ist wahr“, stimmte ihm Maren Köster zu. „Zumal wir ja auch immer noch nicht den Mordfall Dornberg geklärt haben. Da sitzen mir die Leute aus Bielefeld ganz schön im Nacken. Ohne personelle Verstärkung kommen wir nicht weiter. Ich will sehen, was sich machen lässt.“

Sie machte sich eine handschriftliche Notiz. Dann hob sie den Kopf, fuhr sich mit gespreizten Fingern durch die schulterlangen, immer noch roten Haare und sagte: „Wir müssen unbedingt noch mal mit Bodo Bruschetta sprechen. Gestern Abend, direkt nach dem Schock, konnte Manuel natürlich nicht viel Sinnvolles aus ihm herausbekommen. Vielleicht ist er heute schon etwas gefasster. Wo ist er überhaupt? In seinem Haus kann er doch nicht sein.“

„Ich vermute, er ist bei Schulte“, sagte Pauline. „Wo soll er sonst sein? In ein Hotel wird er kaum gehen. Offenbar will man ihm an den Kragen und da ist ein Hotel nicht gerade der sicherste Ort. Ich kann das machen mit der Befragung, wenn du willst.“

„Gut!“, fasste ihre Chefin zusammen. „Dann fahr du zu Schulte und sprich mit Bodo Bruschetta. Marco und Manuel, könnt ihr euch darum kümmern, den Toten zu identifizieren? Ich spreche mit den Bielefeldern und vertröste sie wieder einmal.“

9

Schulte stellte einen riesigen Topf Spaghetti und einen zweiten Topf mit Tomatensoße auf den Küchentisch. Nach kulinarischen Raffinessen stand hier keinem der Sinn. Das Mittagessen war zur reinen Pflichtübung degradiert. Am Tisch saßen außer ihm noch Bodo und Raffael. Sie aßen schweigend, keiner hatte das Bedürfnis zu reden. Schulte, der als Erster mit seiner Portion fertig war, legte gerade die Gabel auf den Teller, als ein Auto auf den Hofplatz fuhr. Er stand auf und lugte aus dem Fenster. Ein kreischend grüner Peugeot 208, den Schulte noch nie gesehen hatte, stoppte neben Fritzmeiers Hofladen. Eine junge blonde Frau stieg aus und kam auf Schultes Häuschen zu. Er entspannte sich, als er Pauline Meyer zu Klüt erkannte. Mit ihr hatte er in den letzten Jahren seiner Tätigkeit in der Kreispolizeibehörde zusammengearbeitet, hatte ihr die Grundlagen der Ermittlungsarbeit beigebracht, war für die junge Frau fast so etwas wie eine Vaterfigur gewesen. Er mochte sie und freute sich über ihren Besuch, auch wenn der sicherlich dienstlich begründet war.

„Hallo Meyer“, begrüßte er sie, als sie durch die Haustür kam. Es gehörte zu ihrer beidseitigen Gewohnheit, dass er sie mit Meyer ansprach und sie ihn hartnäckig siezte. Das Sie hatte ihn, der alle Welt duzte und von ihm angenehmen Menschen auch geduzt werden wollte, zwar immer gefuchst, aber sie war dabeigeblieben. Immer mit einer leichten Ironie in der Stimme. Sie setzte sich an den Küchentisch, als gehöre sie zum Haushalt und winkte dankend ab, als Bodo ihr etwas zu trinken anbot.

„Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, dass ich Ihren Mittagsfrieden störe und Ihrem Gast ein paar Fragen stelle, Herr Schulte“, eröffnete sie das Gespräch. Schulte verdrehte die Augen.

„Ich kenne hier keinen Herrn Schulte. Ich heiße Jupp. Nur Jupp. Merk dir das, Meyer!“

„Gut, Herr Schulte. Ich werde es mir merken.“

Bodo Bruschetta und sein Sohn hörten sichtbar irritiert diesem absurden Dialog zu. Aber als sowohl Schulte als auch die junge Frau grinsten, entspannten auch sie sich. Pauline Meyer zu Klüt fragte die beiden Bruschettas nach ihrem Befinden und bewies dabei echte Anteilnahme. Schulte hatte schon immer an seiner ehemaligen Mitarbeiterin beobachtet, dass sie in der Lage war, gleichzeitig empathisch und dennoch absolut präzise zu sein. Eine seltene Eigenschaft bei Polizisten.

„Haben Sie irgendeinen Verdacht, wer den Sprengsatz angebracht haben könnte und warum?“, fragte sie Bruschetta.

Der nahm einen Schluck Wasser und nickte. „Habe ich. Aber ich kann nichts beweisen. Wollen Sie meine Meinung trotzdem hören?“

„Was glauben Sie wohl, warum ich hier bin?“

Erstaunt bemerkte Schulte eine leichte Aggression in ihrer Stimme. Auch Bruschetta klang nicht wie er selbst. Offenbar stimmte die Chemie zwischen ihr und Bruschetta nicht. Das konnte Schulte wirklich nicht gebrauchen und er nahm sich vor, zu schlichten, falls dies nötig sein würde. Aber auch Bruschetta schien zu spüren, dass sein Tonfall nicht besonders kooperativ geklungen hatte, denn er antwortete, hörbar um Schadensbegrenzung bemüht: „Also, ich habe natürlich einen Verdacht. Dummerweise kann ich ihn leider nicht beweisen. Ich bin mir absolut sicher, dass der Kerl, der mein Haus in die Luft gesprengt hat, nur ein Handlanger war. Es gab Auftraggeber und diese feinen Herren machen sich natürlich nicht selbst die Finger schmutzig. Ganz davon abgesehen, dass die Drahtzieher, die ich im Verdacht habe, rein technisch gar nicht in der Lage wären, selbst einen Sprengsatz zu basteln und den so anzubringen, dass er auch explodiert. Hat die Polizei denn den Toten schon identifizieren können?“

„Nein“, sagte Pauline. „Die Untersuchungen laufen noch. Das geht auch nicht so schnell. Wir haben nichts bei ihm gefunden, was auf seine Person hinweist. Das wundert mich aber auch nicht, wenn es sich um einen Profi gehandelt haben sollte. Aber wenn Ihre Vermutung zutrifft, dann sind die Auftraggeber für uns interessanter. Wen haben Sie denn da im Auge?“

Schulte schaute gespannt auf seinen Freund, erkannte dessen inneren Widerstand. Er wusste, dass Bodo viel lieber die ganze Angelegenheit selbst regeln würde. Auf seine Art. Und dabei konnte die Polizei nur stören. Was würde er also an Wissen preisgeben?

Bodo druckste herum. „Ich möchte niemanden beschuldigen, ohne es beweisen zu können. Verstehen Sie das? Nur so viel: Es handelt sich um zwei Männer, die äußerst gefährlich sind. Solange mein Sohn noch nicht sicher untergebracht ist, werde ich diese Leute nicht dadurch provozieren, dass ich ihnen die Polizei auf den Hals hetze. Sobald die beiden das erkennen, werden sie den nächsten Versuch starten, mich und meinen Sohn umzubringen. Bitte verstehen Sie das.“

Pauline beugte sich leicht vor und schaute ihm direkt in die Augen. „Ich verstehe etwas ganz anderes, Herr Bruschetta. Ich verstehe, dass Sie auf eigene Faust handeln wollen. Stimmt’s? Ist vermutlich eine Ehrensache, solche Konflikte ohne Polizei zu lösen – alte Ganoven-Ehre. Aber ich sage Ihnen eins: Wenn Sie ihren Rachefeldzug allein durchziehen, dann dürfen Sie sich nicht wundern, wenn Sie in Teufels Küche kommen. Und ich weiß nicht, ob die einen Notausgang hat.“

Sie hatte sich in Rage geredet, ihre Wangen waren noch rosiger geworden als sonst.

„Und noch was! Es gibt nicht nur Ihr Bürgerrecht, die Hilfe der Polizei einzufordern. Es gibt auch Ihre Bürgerpflicht, die Ermittlungen zu unterstützen und ihnen nicht im Weg zu stehen, indem Sie Informationen zurückhalten und damit Kriminelle decken. Vergessen Sie das bitte nicht. Keine Selbstjustiz. Wir sind hier nicht im Wilden Westen!“

Bei diesen Worten stand sie auf, ließ aber den Blickkontakt zu Bruschetta nicht eine Sekunde abreißen. „Wenn Sie es sich anders überlegt haben, dann rufen Sie mich an. Herr Schulte“, mit einer theatralischen Handbewegung wies sie in Schultes Richtung, „kennt meine Nummer. Dies war noch kein offizielles Verhör. Wenn ich von Ihnen nichts höre, dann werden wir dieses Gespräch in der Kreispolizeibehörde weiterführen müssen. Da gibt es zwar keinen Rotwein, aber ein Kaffee könnte drin sein, wenn Sie kooperieren. Auf Wiedersehen!“

Ohne Schulte weiter zu beachten, rauschte sie aus dem Zimmer und verließ das Haus. Gefühlt hielten alle den Atem an, bis der Peugeot geräuschvoll die Hofeinfahrt durchquert hatte.

„Wow!“ Bodo pustete erst mal durch. „Das war ja mal ein denkwürdiger Auftritt. Diese Frau hat allein mehr Power als eine ganze Hundertschaft. So hat noch niemand mit mir geredet.“

„Aber ganz ehrlich, Papa“, mischte sich Raffael erstmals ein. „Du hast es aber auch nicht besser verdient.“

10

Die „große Philosophin“ Ingrid Steeger hatte einmal gesagt: „Aus Fehlern wird man klug, drum ist einer nicht genug.“ Die Frau hatte recht gehabt. Marco Bruschetta hatte schon oft genug erlebt, wie aus einer Mücke ein Elefant wurde.

Am Anfang kam die Meldung, da ist etwas geringfügig schiefgelaufen. Kein Problem, wir haben alles im Griff. Doch so ein ungeplantes oder falsch eingeschätztes Ereignis hat Auswirkungen, das durfte nie vergessen werden. Doch das geschah immer wieder. Vielleicht, weil es schon genug zu tun gab. Oder weil um unangenehme Dinge gerne ein großer Bogen gemacht wurde.

Marco Bruschetta wusste: Probleme entwickeln sich exponentiell. Und am Ende fliegt einem die ganze Angelegenheit um die Ohren. Wie oft hatte er so etwas schon erlebt. Und jedes Mal hatte er sich geschworen, das nächste Mal schiebst du die Lösungsversuche nicht nach hinten. Die Klärung hat oberste Priorität. Und genau so würde Marco Bruschetta es halten. Er würde dem Problem, das gerade aufgeploppt war, oberste Priorität zuweisen.

Vor einer halben Stunde hatte einer seiner Informanten der Berliner Polizei ihm gesteckt, dass der Nachhilfelehrer von Robertos Kindern tot aufgefunden worden war. Er war aus nächster Nähe erschossen worden. Dass diese Tatsache dazu führen würde, dass sich die Polizei auch an seine Familie wenden würde, war ihm sofort klar gewesen. Doch das wäre das kleinste Übel. Aber wenn die Bullen sich mit ein paar fadenscheinigen Erklärungen nicht zufriedengaben und intensiver ermitteln würden, das wäre eine Katastrophe. Da war sich Marco Bruschetta absolut sicher.

Hoffentlich hatte Roberto nichts mit dem Mord zu tun. Marcos Informanten hatten ihm schon vor einiger Zeit gesteckt, dass Robertos Frau Edith diesem Lieberknecht, das war der Name des Toten, ziemlich nahestand. Wenn sein Bruder Roberto das auch herausbekommen hatte, dann wäre ab diesem Zeitpunkt das Leben von diesem Lieberknecht keinen Pfifferling mehr wert gewesen.