Bunte Lebensschnipsel - Klaus Ulbricht - E-Book

Bunte Lebensschnipsel E-Book

Klaus Ulbricht

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Beschreibung

Der Autor schildert in vielen kleinen Episoden sein bisheriges Leben. Durch seine Offenheit und Ehrlichkeit fügen sich die einzelnen Schnipsel zu einem realistischen Gesamtbild des Verfassers zusammen. Man lernt ihn kennen. Der vorliegende Band 1 beschreibt in zahlreichen Geschichten die glückliche Kindheit, die Jugend und die schöne Studentenzeit. Der Ernst des Lebens als Erwachsener folgt in Band 2.

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Seitenzahl: 303

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Mein besonderer Dank gilt Christa Monshausen, die mit Sachverstand dem Text einen letzten Schliff gegeben hat.

Inhalt

Vorwort

1948 bis 1951 Wittenburg in Mecklenburg

1951 bis 1954 Nusbaum in der Südeifel

1954 bis 1957 Bollendorf an der Luxemburger Grenze

1957 bis 1960 Frankenthal in der Pfalz

1960 bis 1963 Mailand

1963 bis 1966 Sielmingen bei Stuttgart

1966 bis 1971 Bad Rappenau bei Heilbronn

1971 bis 1976 Mannheim/Ludwigshafen

Detailliertes Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Mein ganzes Leben aufschreiben? Für mich selbst? Für die Nachwelt? Oder für wen? Wie und womit soll ich anfangen? Welche Form soll ich wählen? Von Datum zu Datum chronologisch alles nüchtern aufschreiben wie ein Chronist?

Das muss ich alles erst einmal für mich selbst klären, bevor ich überhaupt anfangen kann zu schreiben.

Was als Ergebnis herauskommen soll, das zumindest weiß ich schon: Ich möchte aus meinem Leben vieles, was mir persönlich wichtig erscheint, in einer solchen Weise aufschreiben, dass es andere Menschen mit einem gewissen Interesse und idealerweise sogar mit Vergnügen lesen können. Aber auch Erlebnisse, die zwar vielleicht nicht so wichtig sein mögen, die ich persönlich aber nicht vergessen konnte, weil sie sich mir einprägten und deshalb zu mir gehören, mich geformt haben, Bestandteil von mir geworden sind.

Mir ist bewusst, dass eine Autobiografie irgendwie auch ein exhibitionistisches Verhalten darstellt. Man steht nach Veröffentlichung ziemlich nackt da, hat deutlich weniger Kleidung an, sprich, hat weniger private Geheimnisse, die Fremde nichts angehen. Dieser Grat zwischen Offenheit und Zurückhaltung muss sowohl für die Auswahl der Schnipsel als auch innerhalb der Geschichten immer wieder neu entschieden werden.

Zu einem Lesevergnügen beitragen sollen kleine Geschichtchen und Begebenheiten, die eben auch passieren, ohne dass sie immer prägen oder gar dem Leben eine Wendung geben. Es sind alle zusammen kleine bunte Schnipsel, die ein Leben farbig machen.

Umrahmend will ich auch ein wenig die damalige Zeit, die damaligen Lebensverhältnisse beschreiben, die doch streckenweise ziemlich anders als in der heutigen Zeit waren. Für nachfolgende Generationen erscheint meine gelebte Welt sicher manchmal schon so fremdartig, dass es gut sein wird, ein wenig in sie einzutauchen und sie zu erklären. In gewisser, sehr persönlicher Sichtweise war ich Zeitzeuge, einer von vielleicht dreieinhalb Milliarden, denn ungefähr so viele Menschen lebten 1948 auf der Welt, in die ich hineingeboren wurde.

Noch ein Wort zum Gedächtnis und zur Wahrheit. Es ist erwiesen, dass unser Gedächtnis keine unveränderliche Aufbewahrung von (erlebten) Tatsachen ist, eine Art Festplatte mit gesichertem Inhalt, sondern sich Erinnerungen im Laufe der Zeit verändern (verfälschen?) und mit aktuellen Erkenntnissen und Werten erweitern können. Das geschieht unbewusst und immer dann, wenn man die Erinnerungen wieder einmal hervorkramt. Und mit diesem subjektiven Wahrheitsbegriff sind meine hier vorliegenden Lebenserinnerungen zu verstehen.

Allerdings habe ich in meinem Leben oft Dinge aufgeschrieben und viele Unterlagen aufbewahrt, die ich nun für diese festgehaltenen Erinnerungen ausgewertet habe, und ich bin allein deshalb schon überzeugt, dass alles, was hier geschrieben steht, den Tatsachen entspricht.

1948 bis 1951 Wittenburg in Mecklenburg

Flucht in Raten

Deutschland ist bis 1949 noch als Kriegsfolge unter den Besatzern aufgeteilt. Im Westen gibt es die britische, die französische und in die amerikanische Zone. Viele nennen Westdeutschland deshalb scherzhaft Trizonesien. Die sowjetische Besatzungszone hat sich bereits vom Westen abgeschottet. Und dort, wo die Russen die Zukunft bestimmten, in Mecklenburg, genauer, in Wittenburg, wurde ich am 27. August 1948 geboren.

Es gehörte sehr viel Optimismus dazu, in dieser Zeit der Entbehrungen an die Zukunft zu glauben und Kinder in diese noch stark zerstörte Welt zu setzen. Meine Eltern, damals gerade mal 24 Jahre alt, hatten das Zutrauen.

Meine erste Adresse lautete „Am Steintor.“ Es war eine kleine Dachgeschosswohnung, die sich mein Vater, Heinz, bei der nach dem Krieg allgemein verbreiteten Wohnungsnot nur ergattern konnte, weil er sich auf Initiative meiner Mutter, Liselotte (Lilo), auf eine Stellenausschreibung für den Polizeidienst meldete. Mit dieser staatlichen Arbeitsstelle war nämlich eine Wohnungsvermittlung verbunden, quasi eine Dienstwohnung. Und die bekamen nur Ehepaare, die sonst keine Wohnung hatten.

Heinz und Lilo hatten 1946 im zarten Alter von 22 Jahren geheiratet und mussten wegen fehlendem Wohnraums anfangs in Dreilützow im Elternhaus meines Vaters wohnen bleiben, was besonders meine Mutter unerträglich empfand.

Kaum waren meine Eltern in die Wohnung am Steintor eingezogen, kündigte mein Vater den Polizeidienst wieder und machte beruflich das, was er zielgerichtet konsequent verfolgte: Eine Zweitlehre als Mechaniker. Die Wohnung aber, Am Steintor, konnte er nach seiner Kündigung behalten!

Ich muss da ein bisschen ausholen: Nach der 8-jährigen Volksschule – mehr Bildung war auf dem Dorf nicht zu haben und nach Meinung meines Großvaters auch überflüssig - wollte mein Vater gerne Kfz-Mechaniker werden. Aber 1938/1939 war das natürlich problematisch, weil es kaum Autos und infolge dessen noch viel weniger Werkstätten gab. Sein Vater Otto, also mein Großvater, ein Bauer in Dreilützow, nur wenige Kilometer von Wittenburg entfernt, entschied als Vater, dass sein Sohn Heinz ein Schmied werden sollte. Pferde würde man immer brauchen und Pferde würden immer Hufe benötigen, also ein krisensicherer Beruf. Außerdem kannte er den Schmied Dürkop persönlich.

Heinz sah das zwar völlig anders, aber in seiner Zeit wurde kein Widerspruch geduldet. Was das Oberhaupt der Familie anordnete, galt. Heinz machte also in Bandekow eine Lehre als Schmied, die er sogar noch abschließen konnte, bevor er 1942 als 18jähriger zum Kriegsdienst eingezogen wurde. Nach Bandekow konnte er nur mit dem Fahrrad fahren. Das war mit über 40 km zu weit für ein tägliches Pendeln, also bekam er beim Lehrherrn über die Woche ein Zimmer und wurde quasi als Familienmitglied aufgenommen. Heinz behielt mit dieser Familie Dürkop zeitlebens lockeren Kontakt.

Mein Vater musste dann nach Kriegsende vorübergehend den elterlichen Hof übernehmen, denn sein Vater Otto war 1944 gestorben, seine Brüder noch nicht aus der Kriegsgefangenschaft zurück und meine Oma völlig überfordert. Anschließend absolvierte er nach dem kleinen Zwischenjob als Polizeidienstanwärter eine Lehre als Landmaschinenmechaniker im Betrieb seines Schwagers, die er dann erfolgreich abschloss.

Dazu muss ich noch ergänzen, dass es quasi keine Ausbildung gab, denn ein dafür verantwortlicher Meister existierte nur auf dem Papier. Mein Vater brachte sich die notwendigen Kenntnisse bei der Arbeit selbst bei und arbeitete von Beginn an wie ein Meister zum Wohle und finanziellem Nutzen der Werkstatt seines Schwagers.

Meine Mutter, eine Großstädterin, die einen Arbeitsdienst in Dreilützow ableistete (das war damals für junge Frauen Pflicht), konnte nicht wieder heim nach Chemnitz, weil die heimische Wohnung ausgebombt war und die restliche Familie bei einem Onkel in einem einzigen Zimmer hauste. Zum Glück lernte sie Heinz kennen und konnte daher nach dem Krieg in Dreilützow unterkommen.

Dies ist die lange Vorgeschichte. Wir befinden uns jetzt im Jahre 1950. Gudrun, meine Schwester, wurde Anfang Juni geboren, die kleine Wohnung war nun noch mehr zu klein als vorher. Mein Vater wurde von seinem Schwager, der auch Heinz hieß und als einer der Wenigen in der Stadt ein Auto sein eigen nennen konnte, also von seinem Arbeitgeber, häufig für illegale Schlepperdienste missbraucht. Soll heißen, mein Vater fuhr nachts Fluchtwillige bis an die nahe Grenze der DDR („Deutsche Demokratische Republik“, der kommunistische Osten Deutschlands, entstanden aus der Sowjetischen Besatzungszone) zur BRD („Bundesrepublik Deutschland“, der kapitalistische Westen Deutschlands, der aus den drei Besatzungszonen der Amerikaner, der Briten und der Franzosen entstanden war). Es gab da an der schon gut bewachten Grenze einige Schleichwege, da konnte man mit ein bisschen Geschick und guten Ortskenntnissen heimlich „rübermachen,“ wie man es früher nannte.

In Absprache mit meiner Mutter, aber zum Entsetzen der Verwandtschaft, nutzte mein Vater am 2. Weihnachtsfeiertag 1950 einen dieser Schleichwege für sich selbst. Sein Plan war, eine Existenz im Westen aufzubauen, um seine Familie anschließend holen zu können. Die Familie gleich mitzunehmen erschien ihm bei weitem zu gefährlich, also nicht verantwortbar.

Er ließ sich also von einem Arbeitskollegen mit dem Motorrad an die Grenze fahren und wollte einen dieser Wege nutzen. Es kam eine Grenzpatrouille, deren Hund kräftig bellte und in die Richtung zog, in der sich mein Vater im Gebüsch versteckt hatte. Aber vermutlich wegen des Feiertags, an dem man sich keine Zusatzarbeit aufhalsen wollte, reagierten die Grenzsoldaten nicht.

Sein erster Anlaufpunkt im Westen war Lüneburg, wo Gerhard, der Bruder meiner Mutter, lebte.

Lilo war nun mit ihren kleinen Kindern allein, war auf die spärlichen Ersparnisse und auf die sehr zurückhaltende Familienunterstützung angewiesen und wollte so bald wie irgend möglich in den Westen folgen.

Drama vor der Grenze

Mein Vater fand nach Zwischenschritten endlich eine Arbeit in Luxemburg – anfangs noch illegal, also mit täglichen heimlichen Grenzübertritten, später dann offiziell. Meine Mutter schickte daraufhin über 60 Pakete mit allem, was vom Hausstand versendbar war und bei einer Flucht sonst zurückgelassen werden musste, also Bettwäsche etc. zu seiner Adresse in Nusbaum, wo er untergebracht war. Und sie schickte fast alles Geld, was sie noch hatte und was sie vorher auf dem Schwarzmarkt in Westmark tauschen konnte, an ihren Bruder Gerhard, der praktischerweise gleich hinter der Grenze in Lüneburg wohnte, also dem idealen ersten Anlaufpunkt im Westen nach einer Flucht, den auch mein Vater genutzt hatte.

Es ist Anfang August 1951. Meine Mutter besorgte sich auf verschlungenen Wegen (die Details lasse ich hier weg) einen Reisepass von einer Frau aus Westerland auf Sylt und eine Fahrkarte nach Lüneburg und erfand drum herum die etwas unglaubwürdige Geschichte, dass sie die beiden Kinder, die zu Besuch bei den Großeltern im Osten gewesen seien, wieder in den Westen zu den Eltern nach Schleswig-Holstein überführen sollte.

Die Pässe hatten zu der Zeit noch kein Bild, was sich noch im gleichen Jahr ändern sollte. Mit dem Baby Gudrun kein Problem, aber ich war nun schon fast 3 Jahre alt. Ich begriff natürlich nicht, dass Mutti jetzt Tante sein sollte und ich aus dem Westen sei und jetzt wieder heim zu einer Mama nach Westerland fahren sollte.

In Schwanheide, dem letzten DDR-Halt und gleichzeitig Grenzkontrollpunkt des Interzonenzuges von Berlin-West nach Hamburg und damit dem Einstiegsbahnhof für diese seltsame „Nichtfamilien“-Konstellation, war zunächst eine Passkontrolle zu überwinden. Meine Mutter musste mitkommen ins Grenzgebäude, ließ uns Kinder draußen, wo sich sofort liebe Menschen um uns kümmerten.

Der DDR-Grenzpolizist glaubte, nachdem er sich quälend lange den Reisepass mit seinen Einreisestempeln angeschaut hatte, seltsamerweise die Geschichte von der Überführung der Kinder (oder wollte es bewusst nicht anzweifeln, was ich eher vermute), aber den beiden sowjetischen Soldaten, die ebenfalls kontrollierten, kam die Sache sehr merkwürdig vor, zumal ich draußen heulte und immer mehr nach meiner Mama rief und nicht nach meiner Tante.

Inzwischen war der Zug längst eingetroffen, er war schon von mehreren Grenzpolizisten kontrolliert, zur Abfahrt bereit. Es gab Zugpassagiere, die das Ganze aus dem Zugfenster aufmerksam beobachteten und dann schon mal im Vorgriff handelten. Irgendjemand ergriff mich und Gudrun, wir wurden in dem völlig überfüllten Zug innen weitergereicht.

Der Zug hatte wegen der langwierigen Grenzkontrolle schon Verspätung und wollte losfahren, ich schrie wie am Spieß nach meiner Mama. Diese riss den Reisepass dem russischen Soldaten aus den Händen, rannte zum Zug und sprang voller Panik in das nächstgelegene Abteil, wurde von den Passagieren sofort weitergereicht und nach unten gedrückt, sodass man sie von außen nicht sehen konnte. Sie rief nach uns Kindern und wurde sofort von den Reisenden bis zu uns Kindern geschleust.

Draußen suchten die beiden russischen Soldaten mit Taschenlampen (es war inzwischen dunkel geworden) den Zug ab. Der Zug setzte sich in Bewegung und hielt nicht mehr an. Er fuhr in den goldenen Westen. Und ich durfte wieder Mama sagen.

Im Nachhinein, glücklicherweise nicht vorher, erfuhren wir, erfuhr meine Mutter, wie es auch hätte ausgehen können. So manche Mütter wurden bei illegalen Grenzübertritten nicht nur zu mehrjährigem Zuchthaus (das war die strengere Variante eines Gefängnisses) verurteilt, sondern ihnen wurden die Kinder auf immer entzogen und unbekannten neuen Familien zur Adoption freigegeben!

Viele solcher Schicksale konnten auch nach der Wiedervereinigung im Jahre 1990 oft nicht mehr aufgeklärt werden, weil Unterlagen dazu systematisch vernichtet wurden. Aber – wie geschildert – bei uns ist es eben noch einmal gut gegangen. Meine Mutter hat noch im Alter von über 80 Jahren darüber nur mit Tränen erzählen können.

Drama nach der Grenze

Mit einem kleinen Koffer und den zwei Kindern – mehr hatte sie ja nicht - suchte meine Mutter dann ihren Bruder Gerhard in Lüneburg. Dorthin hatte sie ja ihr bescheidenes gespartes Geld geschickt und das benötigte sie jetzt dringend, um weiterreisen zu können. Ihre Fahrkarte reichte nur bis Lüneburg.

Ich kann mir heute nicht vorstellen, wie die ganze Kommunikation früher ablief, wie man eine solche Flucht organisieren kann. Schreiben konnte man ja nicht – die Stasi (der Geheimdienst der DDR) öffnete die Briefe und las heimlich mit. Telefonieren war fast unmöglich, wer hatte damals schon Telefon, der Bürgermeister sicher, der Dorfwirt, vielleicht noch der Pfarrer, aber doch kaum eine Privatperson. Viel zu teuer! Und abgehört wurden Telefongespräche häufig ebenfalls.

Irgendwie fand meine Mutter die richtige Straße, das Haus, klingelte (natürlich unangemeldet), und ihr Bruder Gerhard war völlig überrascht. Es war längst nach Mitternacht. Damit hatte er nicht gerechnet, er hatte nicht geglaubt, dass man mit 2 Kindern eine solche Flucht überhaupt wagen kann. Und deshalb hatte er das Geld, das er treuhänderisch für seine Schwester aufbewahren sollte, zur Linderung seiner momentanen eigenen finanziellen Not restlos verbraucht. Das Geld war schlicht nicht mehr da! Gerhard hatte natürlich auch kein eigenes, sonst hätte er Lilos Geld nicht gebraucht. Und Girokonten mit Überziehungsmöglichkeit gab es damals auch noch nicht.

Mit Hilfe ihres anderen Bruders Kurt aus Traben-Trarbach an der Mosel, der beruflich oft in Lüneburg zu tun hatte (dort war die Firmenzentrale von der Strickwarenfabrik Lucia, deren Handelsvertreter für Süddeutschland er war) und der deshalb auch gerade bei Gerhard übernachtete, konnte schließlich endlich die Familie wiedervereinigt werden. Kurt nahm uns mit seinem Auto (ja, er hatte damals bereits ein Auto!) einfach mit.

Dass meine Mutter diese Veruntreuung ihrem Bruder Gerhard nie verzeihen konnte, kann man sich denken. Er gehörte schlicht nicht mehr zur Familie, im Gegensatz zu seiner Frau Hilde, die als Eingeheiratete nach ihrer Scheidung von Gerhard im Familienverband voll aufgenommen blieb.

1951 bis 1954 Nusbaum in der Südeifel

Der Start im Westen

Nach dem Krieg war Westdeutschland, ab 1949 die Bundesrepublik Deutschland, durch die vielen Flüchtlinge aus dem Osten, nicht nur aus der DDR, sondern vor allem auch Flüchtlinge und Vertriebene aus den ehemals deutschen Ostgebieten, die nach dem Krieg zu Polen, Russland und Tschechoslowakei gehörten, in einer wohnlichen Notsituation, die vom Staat dadurch zu lösen versucht wurde, dass es Zwangseinweisungen bei Häusern und großen Wohnungen gab.

In Nusbaum, einem kleinen abgelegenen Dorf in der Eifel, nicht weit von der Luxemburger Grenze, hatte sich eine Familie Weber gleich nach dem Krieg mit erheblichen Eigenleistungen ein Haus gebaut. Unten war die Werkstatt, eine Wagnerei, also eine Schreinerwerkstatt für einen Wagenbauer, im 1. OG war eine bescheidene Wohnung für die Webers, im Dachgeschoss befand sich eine etwas größere Besenkammer, in der ein Opa lebte, der bettlägerig war und irgendwann in unserer Zeit verstarb. Ich habe ihn nie gesehen.

Das unbeheizte Dachgeschoss, also die „Küche“ (ein Raum mit einer Spüle und einem holzbefeuerten Herd) und ein weiteres Zimmer (das „Schlafzimmer“) musste die Familie Weber zwangsweise an Flüchtlinge vermieten, und das waren nun wir 4.

Die gemeinsame Toilette für das ganze Haus war über dem Hof ein klassisches Holzhäuschen mit Herzausschnitt in der Türe als zugiger Fensterersatz, ein Plumpsklo, im Sommer mit tausenden Fliegen, im Winter mit Eiseskälte. Ein Nachttopf war nachts die ausschließliche Methode für Jung und Alt aufs Klo zu gehen, für uns Kinder auch am Tag. Ein Badezimmer existierte nicht, wir wuschen uns an der Spüle. Einmal in der Woche badeten wir Kinder in einer Zinkwanne, alles ganz so wie in nostalgischen Kinderbüchern, die die „gute alte Zeit“ glorifizieren.

Weil wir zwangseinquartiert wurden, waren wir zunächst alles andere als willkommen bei den Webers, was sich aber im Laufe der Zeit fundamental änderte, als wir uns näher kennenlernten. Es wurde daraus eine Freundschaft, die Jahrzehnte hielt. Meine Mutter schrieb sich mit Käthe Weber, bis diese im hohen Alter verstarb.

Meine Erinnerungen an Nusbaum sind spärlich. Das Haus war ohne Isolierung, es gab noch nicht einmal einen Außenputz, dazu hatte das Geld der Webers noch nicht gereicht. Dass das Haus aus zusammengesammelten Bruchsteinen und z.T. auch Ziegelsteinen von Laien gemauert wurde, war also gut sichtbar.

Es gab im ganzen Haus keine Heizung. Die Küche erwärmte sich armselig durch den holzbetriebenen Herd. Ich weiß, dass ich im Winter viel gefroren habe, dass das Schlafzimmer so kalt war, dass es Eisblumen nicht nur am Fenster, sondern auch an den Wänden gab. Ich fror manchmal im Bett unter einem Turm von Federbett, bis endlich meine Eltern dazu kamen und mich wärmten. Im Zimmer war nur Platz für ein Kinderbettchen für Gudrun und das große Familienbett, in dem auch ich schlief. An einen Schrank kann ich mich nicht erinnern, sondern an diverse Kisten, in denen die Kleidung lag.

Mein Vater hatte ein altes Motorrad, mit dem er anfangs illegal, später legal nach Luxemburg zur Arbeit fuhr. Ich kann mich gut erinnern, als ich ein kleines Stückchen mitfahren durfte, vorne auf dem Tank sitzend. Was war ich stolz, das weiß ich noch heute! Es ist meine einzige Erinnerung an das Motorrad.

Not macht erfinderisch. Ich weiß aus Erzählungen, dass meine Eltern ein Radio wollten. Aber so etwas war sehr teuer. Irgendwie kam mein Vater an einen elektrischen Bausatz, und er baute sich dann in nächtlichen Stunden ein Radio selbst. Und es funktionierte sogar. An technischem Verständnis hat es meinem Vater nie gefehlt. Sonst wäre er in seinem Berufsleben auch nicht so erfolgreich geworden. Alle seine Konkurrenten im späteren Berufsleben waren Ingenieure, was meinen Vater schmerzte. Er wäre so gerne Ingenieur gewesen, hat in späteren Jahren in der Frankenthaler Zeit auch einmal versucht, ein Ingenieurstudium als Fernstudium neben der Arbeit aufzunehmen, was aber bei seinem anstrengenden Beruf nicht klappte. Außerdem war er Praktiker und kein Theoretiker, Büffeln war nicht seine Welt.

Erster Besuch in der DDR

Erzählen muss ich noch von einem Besuch in der DDR. Onkel Günter, der jüngste Bruder meines Vaters, und Tante Hilde, die Schwester der Frau des ältesten Bruders meines Vaters (Rolf), feierten im Oktober 1953 Hochzeit und da war es selbstverständlich, dass wir zu diesem Fest eingeladen waren. Es war mittlerweile sicher, dass für ehemalige Flüchtlinge aus der DDR keine Gefahr mehr bestand, inhaftiert oder zwangsweise dort behalten zu werden. Immerhin schickten die in den Westen Geflüchteten ihren Angehörigen in der DDR viele Pakete und linderten dadurch die im Osten deutlich größere Not als im Westen.

Aber es gab ein anderes Reiseproblem: Wir hatten kein Geld für die Fahrkarte. Es reichte schließlich nur für meinen Vater, der mich als Kind kostenlos mitnehmen durfte. Meine Mutter musste mit Gudrun daheim bleiben. Diese Geldnot war meinen Eltern so peinlich, dass sie gegenüber der Verwandtschaft irgendeine Ausrede erfanden, warum meine Mutter nicht mitkommen konnte.

Ich durfte dann bei der Hochzeit mit einem anderen Cousin (ich weiß nicht mehr, wer das war, ich habe so viele davon) vor dem Brautpaar Blumen streuen. Wir waren komplett weiß gekleidet. Der andere Junge hatte auch weiße Schuhe. Da ich nur ein paar Schuhe besaß und die braun waren, fiel ich sehr auf, glaubte ich jedenfalls. Es störte mich damals sehr, ich konnte nicht begreifen, warum ich nicht auch so schöne weiße Schuhe tragen durfte. Heute weiß ich es, wir konnten es uns schlicht nicht leisten.

Vorschulzeit in Nusbaum

Rings um unserer Wohnung standen Bauernhäuser. Ein riesiges Vergnügen bereitete mir, in einem Heuschober an Holzleitern ganz nach oben zu steigen und dann in das weiche Heu zu springen. Was mich damals auch sehr beeindruckte, war, dass man die Sonnenstrahlen sehen konnte, weil das Licht durch die Ritzen des Heuschobers schien und die vielen staubigen Heupartikel anleuchtete.

Insgesamt war es eine schöne, unbeschwerte Kindheit, ich habe nur warme Erinnerungen mit Ausnahme der kalten Nächte im Winter. Einen Kindergarten gab es auf dem Dorf nicht. Damals war es selbstverständlich, dass eine Mutter zuhause bei den Kindern blieb und sich um den Haushalt zu kümmern hatte.

Manchmal konnte ich zuschauen, wie die Glocken in der kleinen Dorfkirche geläutet wurden. Die jungen Männer, heute vermute ich, es waren noch Kinder oder Jugendliche, Ministranten vielleicht, zogen so an dem Seil der schweren Glocke, dass sie jedes Mal den Boden unter den Füßen verloren und mit der Glocke nach oben und unten schwangen.

Einmal verunglückte ich als „Beifahrer“ auf einem Tretroller und holte mir Schürfwunden im Gesicht. Die kleinen Splittsteinchen in der Haut durfte nur „Opa Weber“, so nannte ich unseren Vermieter, mit der Pinzette entfernen. Auch als Gudrun kleine Ohrringe bekam, für die man Löcher in die Ohrläppchen selbst stechen musste, durfte das nur „Opa Weber“ machen.

Immer, wenn ich meine Mutter zum Einkaufen im Dorfladen begleitete, kamen wir an einem Haus vorbei, in dem aus einem Dachfenster eine Frau winkte. Es war, wie meine Mutter mir erklärte, eine Verrückte, die dort eingesperrt sei. Es gruselte mich jedes Mal, wenn wir dort vorbei gingen. Ging ich allein dort vorbei, rannte ich immer und schaute nur verstohlen dort hinauf.

Und meine Mutter verstand nicht, dass ich bei der Nachbarin immer gerne ein Marmeladenbrot aß, auch wenn ich gerade vom Essen kam und eigentlich satt sein müsste. Ich verriet ihr nie das Geheimnis: Es war die Art, wie das Brot geschnitten wurde, längs durchgeschnitten, sodass ich es mit zwei Händen halten musste, damit es nicht zerbrach. Man schob das Brot quasi in den Mund. Ich fand das toll. Da war es egal, ob ich satt war. Das Brot lehnte ich nie ab.

Die Holzwerkstatt im Erdgeschoss, also die Wagnerei, interessierte mich als Kind sehr. Ich durfte aber aus Sicherheitsgründen nur sehr selten hinein. Nach außen drangen nur die Motor- und Sägegeräusche und der Geruch frischen Holzes. Noch heute höre ich solche Geräusche gerne und rieche es gerne, wenn Holz gesägt wird. Fasziniert war ich von den zahlreichen Riemen und Bändern in der Werkstatt. Es gab einen sehr lauten elektrischen Motor für alle Werkzeuge. Über breite Bänder an der Antriebswelle wurde gesteuert, welches Gerät (Säge, Bohrer etc.) gerade diesen Antrieb bekam. Es war Technik, so begreifbar, dass ich es schon als Vorschulkind verstehen konnte.

Als die Eltern dann in Bollendorf (8 km entfernt) eine neue Wohnung gefunden hatten, benötigten sie für die paar Dinge, die in den ersten 3 Jahren im Westen so nach und nach zusammengekommen waren, Transportbehälter. Mein Vater fragte Herrn Weber, ob er ihm zwei Holzkisten machen könne. Dieser Auftrag wurde gerne erledigt und zwei so stabile Holzkisten mit Griffen etc. gebaut, dass sie bei allen Umzügen der nächsten 3 Jahrzehnte in Gebrauch waren. Aber – zum Entsetzen meines Vaters – kosteten sie auch Geld, viel Geld. Man einigte sich dann auf Ratenzahlung. Mein Vater war von einer Gefälligkeit ausgegangen, Herr Weber von einem Großauftrag.

Heute würde ich sagen: Mangelnde Kommunikation!

1954 bis 1957 Bollendorf an der Luxemburger Grenze

Bollendorf und Einschulung

Einflechten möchte ich hier noch, dass ich nach dem Tod meines Vaters in seinen Unterlagen eine Korrespondenz mit dem Auswärtigen Amt und mit dem brasilianischen Konsulat aus 1954 fand, aus dem hervorging, wie nahe meine Eltern vor der Entscheidung standen, nach Brasilien auszuwandern. Nur weil die beruflichen Qualifikationen meines Vaters nicht zu den gesuchten Fähigkeiten für Einwanderer zählten, er also als Ungelernter hätte neu anfangen müssen, riet das Konsulat damals von einer Auswanderung ab. Hätte das geklappt, wäre mein Leben völlig anders verlaufen!

Es war 1954, da fanden meine Eltern eine größere Wohnung in Bollendorf, nur durch die Sauer, ein Nebenfluss der Mosel, von Luxemburg getrennt und durch eine Brücke mit dem Örtchen Bollendorferbrück in Luxemburg verbunden, dadurch 8 km näher am Arbeitsplatz meines Vaters.

Das Haus in der Neuerburger Straße war von einem Maurer in weitgehender Eigenleistung erbaut, der sich selbst im Haus nur ein spartanisches Zimmer leistete und quasi das ganze Haus vermietete. Sein eigenes Zimmer hatte noch nicht einmal einen richtigen Sanitäranschluss. Das Abwasser floss über eine steinerne Rinne im Zimmer und durch ein Loch in der Wand nach außen ab.

Wir bewohnten jetzt 2 Zimmer und Wohnküche. Das Wohnzimmer wurde fast nur feiertags und bei Besuch bewohnt und beheizt. Das tägliche Leben spielte sich wie schon in Nusbaum in der Wohnküche ab. Im Schlafzimmer schlief die ganze Familie.

Über uns wohnte eine Familie, ebenfalls mit 2 Kindern, die jedoch etwas jünger als wir waren. Das Klo für das ganze Haus – diesmal sogar mit Wasserspülung! – befand sich zwar wieder außerhalb, aber jetzt direkt am Haus angebaut und direkt neben dem Hinterausgang. Man musste nicht mehr bei jedem Wetter über einen Hof. Sogar ein kleines Streifchen Garten gehörte zu jeder Wohnung. Eigener Salat und eigenes Gemüse, es war purer Luxus.

Nach Ostern 1955 wurde ich eingeschult. In der kleinen Schule wurden mindestens zwei Jahrgänge gleichzeitig unterrichtet, was für mich ziemlich fatal war. Ich passte immer beim Unterricht auf, egal welcher Jahrgang gerade dran war und versäumte dabei die Beschäftigungen, mit denen ich gerade ruhiggestellt werden sollte, also beispielsweise einen Tafeltext abzuschreiben. Ich wurde mit dem Abschreiben nie fertig und hörte lieber zu, was der Lehrer für die älteren Schüler sagte.

Wir schrieben anfangs noch auf Schiefertafeln. Darauf machten wir auch die Hausaufgaben. Hefte wurden erst ab dem 2. Schuljahr eingeführt. Dann schrieben wir mit Füller (Füllfederhalter) oder Bleistift, die damals neumodischen Kugelschreiber waren nicht erlaubt.

Ich begann meine erste Karriere als Kaufmann. Ein Löschblatt kostete im Dorfladen 2 Pfennig. 10 Löschblätter kosteten 10 Pfennig. Ich hatte im Fach „Rechnen“, so nannte man damals die Mathematik, aufgepasst. Also versuchte ich, das große Geld zu machen. Ich kaufte 10 Löschblätter und versuchte, sie einzeln an meine Schulfreunde für 2 Pfennig zu verkaufen. Mein Pech war, dass ich es - unprofessionell wie ich noch war - versäumte, zunächst eine Marktanalyse vorzuschalten und den Bedarf zu ermitteln. Ich fand schlicht keine Käufer. Ein Löschblatt reichte jedem für das ganze Jahr! Und in jedem neuen Heft war schon ein neues Löschblatt enthalten.

Detaillierte Erinnerung an die erste Schulzeit habe ich nicht, außer dass ich nie fertig wurde mit Abschreiben eines Textes. Das Schulgebäude war nicht weit weg von zuhause, Verkehr im heutigen Sinne gab es nicht. Ich bin von Anfang an allein zur Schule gegangen und später mit meinem Tretroller gefahren.

Blass und kränklich

Ich war häufig krank. Das ist eigentlich bei Kindern mehr oder weniger normal, aber ich hustete sehr viel, meine Nase lief eigentlich immer. Die Ärzte konnten da auch nicht helfen.

Weil ich so blass war und meine Mutter es Leid war, immer wieder zu hören: „Der Klaus sieht aber gar nicht gut aus, ist er krank?“, kam es öfters vor, dass meine Mutter, kurz bevor wir einen Raum mit anderen Personen betraten, mit einem Taschentuch meine Wangen so fest rieb, dass sie rot wurden. Ich hasste das, aber es wirkte anscheinend.

Da mir die Ärzte offensichtlich nicht helfen konnten, ging meine Mutter einmal voller Verzweiflung zu einem Heilpraktiker, der ihr empfohlen worden war. Es war einer, der mir tief in die Augen sah und anhand der Iris alle meine Krankheitsursachen diagnostizierte. Es war wohl eine ganze Menge. Welche Therapie ich dann bekam, weiß ich nicht mehr. Vielleicht war es der Lebertran, den wir beide Kinder jeden Tag bekamen. Der schmeckte einfach nur ekelhaft. Aber gute Medizin darf ja auch nicht schmecken, sagt der Volksmund.

Der Heilpraktiker „besprach“ dann auch noch meine Warzen, die ich an den Händen hatte. Aber zumindest hier weiß ich noch ganz genau, dass es nichts nützte. Das sah wohl auch meine Mutter, denn wir gingen nie wieder zu diesem Heilpraktiker. Wahrscheinlich hat er auch viel Geld gekostet.

Die Warzen hatte ich noch in Frankenthal, aber irgendwann waren sie weg. Ganz ohne Therapie und „Besprechung“.

Landleben

Zu meinen Freunden in Bollendorf gehörte Richie, dessen Vater Kleinbauer war und 2 Milchkühe besaß. Diese Kühe mussten täglich auf eine Weide etwas außerhalb des Dorfes. Und was lag näher, als das hin und wieder von uns Kindern machen zu lassen.

Wir trieben also die Kühe durch das Dorf (treiben ist wohl übertrieben, die Kühe gingen gemächlich und kannten den Weg auch ohne uns), bis wir zur Wiese kamen. Sie war nicht eingezäunt und befand sich zwischen Waldrand und einem bestellten Feld. Unsere Aufgabe bestand darin, dafür zu sorgen, dass die Kühe nicht auf die Straße, nicht in den Wald und schon gar nicht auf das Feld gehen. Mit einem Knüppel bewaffnet, der bei Bedarf zwischen die Hörner geschlagen wird, war das eine einfache Aufgabe. Und um 5 Uhr mussten wir die Kühe zurück treiben. Die Uhrzeit konnten wir leicht erkennen, weil die Kirchturmuhr regelmäßig alle Viertelstunden schlug.

Auch beim Rückweg gingen die Kühe eigentlich von allein, führte der Weg doch an der Dorftränke vorbei, wo sie endlich Wasser trinken konnten. Außerdem war es Zeit fürs Melken.

Bei diesem Kühehüten hat man viel Zeit zum Nachdenken. Ich entdeckte, wie schön eine Wiese mit all ihren Blumen und dem Gesumme der Insekten sein kann (damals wimmelte es nur so vor Insekten und wunderschönen Schmetterlingen), und ich machte mir Sorgen um die Zukunft der Welt, weil aus jedem Schornstein der Häuser Rauch in den Himmel zog, der nach meiner Überzeugung die Ursache für die Wolkenbildung war. Ich befürchtete, dass es bald keinen Sonnenschein, sondern nur noch Wolken geben werde, weil die Menschen nicht aufhören würden, ihre Häuser zu heizen.

Nach meinen Erinnerungen an die Bollendorfer Zeit trug ich ab dem Frühsommer tagein, tagaus immer meine kurze Lederhose. Ich liebte sie, weil man sie dreckig machen durfte. Nicht wie Stoffhosen, bei der die Mutter schimpfte, wenn sie schmutzig wird und die gewaschen werden muss. Schmutz wurde bei der Lederhose einfach nur abgewischt. Das in Kombination mit barfuß laufen ist für mich der Inbegriff eines Sommers in der Kindheit.

Wir spielten draußen auf der Straße – Verkehr gab es nur selten. Murmelspielen war beliebt. Häufig hatten wir Spielgeräte, die man heute nur noch im Museum findet: Metallreifen (wahrscheinlich von alten Holzfässern), die wir mit Stöcken durchs Dorf trieben, Kreisel, die wir mit einer Peitsche antrieben. Wenn es geht, waren wir draußen.

Wenn wir einen Heuwagen sahen, rannten wir ihm entgegen und bettelten. Manchmal durften wir uns dann ganz oben auf das Heu setzen und wurden gefahren. Die Wagen wurden von Pferden gezogen. Die Heimgehenszeit sahen wir an der Kirchturmuhr oder merkten sie am Magenknurren.

Im Herbst fuhren wir alle zur Kartoffelernte bei einem Bauern mit aufs Feld. Erntemaschinen gab es nicht. Mit einem Pflug wurden die Pflanzreihen gewendet und die dann oben liegenden Kartoffeln mit Hand aufgeklaubt. Meine Mutter verdiente sich dadurch ein paar Mark, für mich war das ein Abenteuer, ich durfte mitmachen, endete es doch mit einem Kartoffelfeuer, in dem die trockenen Pflanzenteile verbrannt und in der Glut direkt Kartoffeln gegart wurden. Man pulte den verbrannten, verkohlten Teil der Kartoffeln ab und genoss die köstliche Kartoffel. Dazu wurde gemeinschaftlich gesungen.

Auch bei der Heidelbeerernte im Wald war ich dabei. Ziel war, ein Milchkännchen voll zu ernten (also einen Liter). Die Erwachsenen machten das mit einem Erntekamm, wir Kinder pflückten einzeln mit der Hand. Es war sehr, sehr mühsam, aber ein Gemeinschaftserlebnis, das mir im Gedächtnis geblieben ist. Die Ernte wurde auf dem Markt verkauft.

Geschenke

Ende November, Anfang Dezember gab es immer eine Riesenaktion, die sich auch in späteren Jahren bis zur Bad Rappenauer Zeiten fortsetzte: Es wurden Weihnachtspakete für die DDR gepackt. Das war anfangs finanziell ein großer Kraftakt, aber, wie meine Mutter meinte, wichtig, weil die armen Verwandten in der DDR nichts haben und schon auf die Pakete warteten. Vor allem Kaffee und Hygieneartikel kamen neben kleinen Geschenken für Kinder in die Pakete. Und natürlich Selbstgebackenes. Zudem wurde so mancher brieflich geäußerte Wunsch mit dem Paket erfüllt.

Ich kann mich an einen Fall besonders erinnern. Meine Oma Liddy wünschte sich sehnlichst eine Flasche Badedas, sie hatte in der Fernsehwerbung gesehen, wie das herrlich in der Wanne schäumte. Also kam in das Weihnachtspaket Badedas, obwohl sich so etwas meine Eltern selbst nie geleistet hatten, es war schlicht zu teuer. Schlimm war dann der Dankesbrief. Darin stand, wie sehr sie enttäuscht von der Schaumwirkung gewesen waren. Sie hatten fast die halbe Flasche ins Badewasser gekippt und es hatte kaum geschäumt. Meine Mutter tobte und schwor, niemals mehr solche teuren Wünsche zu erfüllen. Das war dann auch die Zeit, als meine Mutter gegen Weihnachten preiswerten Kaffee aus Supermärkten kaufte und auch den im Fernsehen beworbenen teuren Jakobskaffee und deren Inhalt austauschte. Sie sagte, das merke ohnehin niemand. Hauptsache es steht Jakobs auf der Verpackung. Und da hatte sie wohl Recht. Wir merkten den Unterschied selbst nicht.

An meine Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke erinnere ich mich zum Teil auch noch. Ich bekam jungengerecht eine Laubsäge und Brettchen aus Sperrholz mit vorgezeichneten Motiven zum Aussägen und hinterher Ausmalen. Ich wünschte mir immer auch eine Pistole zum Räuber und Gendarm spielen, aber mein Vater war absoluter Pazifist. Er muss im Krieg so viel Schlimmes erlebt haben, dass er sich nach Kriegsende geschworen hatte, nie mehr eine Waffe auch nur in die Hand zu nehmen. „Alle Waffen sind zum Totschießen da, und das ist etwas so Schlimmes, das macht man nicht, schon gar nicht gegen Menschen!“. Mein Vater befolgte das bis an sein Lebensende. Auch auf dem Jahrmarkt nahm er nie ein Luftdruckgewehr in die Hand, um irgendeine Plastikblume zu schießen, da konnte ich betteln wie ich wollte. Sein Zugeständnis an mein Drängen irgendwann: Ich bekam eine kleine Armbrust mit einem Pfeil mit Saugnapf als Spitze, das war völlig ungefährlich und eigentlich keine Waffe, sondern reines Spielzeug. Mehr war nicht drin. Damals fand ich das ungerecht, heute verstehe ich das.

Zu irgendeinem Geburtstag bekam ich überraschend von unserem Vermieter, der in dem kleinen Zimmer im Parterre wohnte, einen batteriebetriebenen Porsche geschenkt, ein so großes teures Geschenk, wie es mir meine Eltern nie gemacht hätten. Der Porsche hatte einen Vorwärtsgang und einen Rückwärtsgang und das Allerbeste war, ihn konnte man mit einer Fernbedienung fahren. Fernbedienung, wie man damals dazu sagte. Es war ein längerer flexibler Schlauch mit ein paar Stahldrähten darin, mit denen man die Gangschaltung und den Lenker betreiben und auch Gas geben konnte. Es war das Größte. Ich lernte damals wunderbar rückwärts einparken etc. Sehr schnell fahren konnte man nicht, man musste ja wegen der kabelgebundenen Fernbedienung nebenher laufen.

Meine Mutter wurde ob des fürstlichen Geschenkes sehr, sehr misstrauisch, befragte mich immer wieder, ob und wie ich Kontakt zu dem Mann (Piet hieß er, glaube ich) gehabt hätte. Ich konnte nur wahrheitsgemäß sagen, dass ich ihn eigentlich außer gelegentlich im Flur nie gesehen hätte. Vorsichtshalber verbat mir dann aber meine Mutter, jemals zu Piet ins Zimmer zu gehen oder auch sonst mit Piet irgendetwas zu unternehmen, selbst wenn es etwas ganz Harmloses wäre. Damals verstand ich die Aufregung nicht. Heute schon! Aber es war wirklich nichts. Irgendwann sprach sie Piet auch direkt an und bat, in Zukunft von Geschenken an uns Kinder ganz abzusehen, was er dann auch brav tat.

Bollendorfer Kindheitserinnerungen

Es muss 1954 oder 1955 gewesen sein, vielleicht noch vor der Einschulung. Meine Eltern waren beide musikalisch, beide hatten jedoch in der eigenen Kindheit keine Möglichkeit bekommen, selbst ein Musikinstrument zu lernen. Wir Kinder sollten es mal besser haben. Kurz: Sie mieteten ein Klavier, das sie später sogar kauften, und ich bekam durch einen Lehrer, der zu uns nach Hause kam, wöchentlich Unterricht. Ich war begeistert! Mir machte es nichts aus, dass ich täglich etwa eine Stunde, mindestens jedoch eine halbe Stunde, üben musste. Ich machte es ausgesprochen gerne.

Das Geheimnis, das meine Eltern wohl nie erfahren haben: Es war vor allem der Klavierlehrer. Er faszinierte mich ungemein, war Vorbild für mich. Er kam aus Luxemburg und war eigentlich von Beruf Konzertpianist, verlor jedoch durch einen Unfall an einer elektrischen Säge zwei Finger und konnte sich deshalb nur noch als Klavierlehrer durchs Leben schlagen. Ich war fasziniert, dass dieser Mann alle Stücke, die für mich so mühsam zu erlernen waren, ganz locker mit seinen verkrüppelten Händen vorspielen konnte. Das spornte meinen Ehrgeiz an, ich wollte mit meinen vollständigen 10 Fingern wenigstens die gleiche Perfektion erlangen.

Besonderer Ansporn war noch, dass dieser Lehrer jährlich im Festsaal der Dorfwirtschaft „Zur Post“ ein Konzert mit allen seinen Schülern veranstaltete. Und ich durfte gleich im ersten Jahr als jüngster Schüler mit meinem Lehrer ein vierhändiges Stück vortragen. Ach, was war ich stolz. Und erst meine Eltern!