Verlag: Nünnerich-Asmus Verlag & Media Kategorie: Sachliteratur, Reportagen, Biografien Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Caligulas Schwager - Stephan Berry

Im innersten Zirkel der Macht – Segen oder Fluch? Stellen Sie sich vor, Sie sind ein römischer Senator Marcus Vinicius. Und Sie kommen aus einer angesehenen Familie mit besten Kontakten zum Palast. Schon Ihr Großvater hat sich die Nächte mit Augustus um die Ohren geschlagen, bei Zechgelagen und Würfelspiel. Wenn man Ihnen dann noch eine kaiserliche Prinzessin zur Frau gibt, dann sind Sie ganz oben angekommen, im innersten Zirkel der Macht. Denn jetzt sind Sie auch noch Caligulas Schwager. Obwohl Marcus Vinicius nicht zu den Großen der Geschichte zählte, spiegelt seine Biografie dennoch eine der spannendsten Epochen der römischen Antike, die iulisch-claudische Kaiserzeit von Augustus bis Nero wider. Als Senator und Höfling erlebte er viele politische Krisen der Epoche aus nächster Nähe mit. Bestens vernetzt und mit den Großen seiner Zeit an einem Tisch sitzend, pflegte er einen riskanten Lebenswandel und schaffte es trotzdem immer wieder, sich selbst nicht in tödliche Affären verstricken zu lassen. Auch nicht als die eigene Ehefrau, ihres Zeichens Schwester des Caligula, an einem Komplott gegen ihren Bruder teilnahm! Marcus Vinicius überstand auch diese Episode schadlos und wäre am Ende sogar beinahe selbst Kaiser geworden. Das war ihm zwar nicht vergönnt, aber Marcus Vinicius hat dafür etwas anderes geschafft: Er hat dank seiner Talente dieses und andere politische Abenteuer unbeschadet überstanden. Und das kann man wahrlich nicht von jedem sagen, der in den mörderischen Intrigen zwischen Palast und Senat sein Glück versucht hat. Dieses Sachbuch porträtiert nicht nur eine illustre Figur des Alten Roms, sondern lädt ein zum Nachdenken über die grundsätzliche Frage, wie man sich im Minenfeld der Politik sicher bewegt.

Meinungen über das E-Book Caligulas Schwager - Stephan Berry

E-Book-Leseprobe Caligulas Schwager - Stephan Berry

CALIGULAS SCHWAGER

Das bemerkenswerte Leben des Höflings

Marcus Vinicius

Stephan Berry

Penny: Was bedrückt dich, mein Bester?

Sheldon: Du bist zwar nicht mit dem Herzen dabei, aber da du schon fragst: Offenbar müssen wir, weil Leonard mit Rajs Schwester liiert ist, von jetzt an in Rajs Wohnung ’rumhängen.

Penny: Oh, der Horror.

Sheldon: Na, allerdings. Und aus heiterem Himmel hat Raj Reggaemusik aufgelegt und seine Schwester hat ihre Schuhe ausgezogen! Es war wie die letzten Tage des Caligula!

The Big Bang Theory, Staffel 4, Folge 17

Titelbild: Ein römischer Kaiser 41 n. Chr., Ölgemälde von Lawrence Alma-Tadema

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2018 by Nünnerich-Asmus Verlag & Media GmbH, Mainz am Rhein

ISBN 978-3-961760-65-7

Gestaltung: TypoGraphik Anette Klinge, Gelnhausen

Lektorat: Verena Caspers, Elisabeth Buchholz

Gestaltung des Titelbildes: Addvice, Mainz, Hans Jürgen Wiehr

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist es auch nicht gestattet, dieses Buch oder Teile daraus auf fotomechanischem Wege (Fotokopie, Mikrokopie) zu vervielfältigen oder unter Verwendung elektronischer Systeme zu verarbeiten und zu verbreiten.

Weitere Titel unseres Verlagsprogramms finden Sie unter: www.na-verlag.de

INHALT

Cover

Titel

Impressum

I

Wer war Marcus Vinicius?

II

Familienbande

Exkurs 1: Die iulisch-claudische Dynastie – Versuch eines Stammbaums

Exkurs 2: Die doppelte Iulia und ihre Krisen

III

Tacitus, und warum man ihm nicht glauben darf

IV

Die Germanien-Connection

V

Tod in Daphne

VI

Vier Hochzeiten und mehr als ein Todesfall

VII

Der reine Wahnsinn

Exkurs 3: Vom Palatium zum Palast

VIII

Auf nach Britannien!

IX

Ein Staatsbegräbnis erster Klasse

Zum Schluss

Stammbäume

Quellen

Moderne Literatur

Bildnachweis

I

Südfries der Ara Pacis in Rom mit Darstellung der kaiserlichen Familie bei einer Prozession. Die Kinder sind vermutlich Germanicus (links), Domitius Ahenobarbus (Mitte) und Domitia (rechts).

WER WAR MARCUS VINICIUS?

M. VINICIUS VINICIAE SUAE S.

Marcus Vinicius grüßt seine Vinicia

Ich weiß, ich sollte Dir sofort schreiben, sobald wir sicher in Cales angekommen sind. Nun, liebe Schwester, wir sind in der Tat wohlbehalten angekommen, und die Reise verlief ganz ohne Zwischenfälle. Sogar Varus hat sich fast die ganze Zeit über gut benommen! Ich verstehe nicht, wieso Ihr bei meiner Abreise so in Sorge wart. Der Arzt hat gesagt, ich bin kerngesund, Ihr wart alle dabei und habt es gehört. Und wenn man nicht einmal mehr seinem Arzt vertrauen darf, wem denn dann? Ja, ich bin schon über fünfzig, aber ich bin doch kein hinfälliger Greis, den einige Tage im Reisewagen aufs Totenbett werfen!

Wenn ich bedenke, dass ich vor nicht allzu langer Zeit bis an das Ende der bekannten Welt und sogar darüber hinaus gereist bin, als ich mit Claudius Caesar in Britannien war, dann erscheinen mir die fünf Tage von Rom bis nach Cales wirklich nicht als eine große Anstrengung, wegen der man sich derart beunruhigen müsste.

Der gute Corinthus, der damals nicht dabei war, hat uns übrigens wieder die ganze Fahrt hindurch wegen Britannien ausgefragt. Dabei sind alle Geschichten von dieser Expedition ja im heimischen Kreis nun wahrlich schon mehr als einmal erzählt, aber er kann einfach nicht genug davon bekommen. Er zürnt mir immer noch, dass ich ihn nicht nach Britannien mitgenommen habe. Ich hatte einfach nicht das Herz, ihm zu sagen, dass er auch nicht mehr der Jüngste ist und dass es mir seinerzeit ratsamer erschien, wenn der junge Thales mich als Sekretär begleitet.

Was Varus und ich ihm über unsere Erlebnisse auf der Insel berichtet haben, scheint er auch immer noch nicht so recht glauben zu können. Die Britannier haben einen großen Freiheitsdrang, aber sie wollen durchaus auch die Annehmlichkeiten Roms in Anspruch nehmen, haben wir versucht, ihm zu erklären – sie wollen also gewissermaßen zum Imperium gehören und wollen es doch nicht. Jedes Mal, wenn wir in unseren Berichten über jene ferne Weltgegend auf diesen Punkt zu sprechen kommen, schüttelt Corinthus betrübt seinen hohen, kahlen Schädel und murmelt etwas wie: »Die spinnen, die Brittunculi«.

Doch lass mich nun über den eigentlich Zweck meiner Reise in die Heimat reden. Ja, ich weiß, Du wirst schmunzeln, da wir in Rom aufgewachsen sind. Aber Campanien ist für mich dennoch immer Heimat geblieben, auch wenn unsere Familie inzwischen schon seit Jahrzehnten überwiegend in der Hauptstadt lebt. Unsere Villen und Ländereien hier in der Gegend sind jedenfalls alle gut in Schuss, soweit ich bisher gesehen habe.

Morgen begeben wir uns direkt nach Cales auf das Forum, um mögliche Stellen anzusehen, wo die Steine aufgestellt werden könnten. Ich finde, nach all dem Ärger, den ich mit dieser leidigen Straßengeschichte hatte, und vor allem nach all dem Geld, das ich da hineingesteckt habe, können die Stadträte von Cales sich ruhig dankbar zeigen und wirklich zentrale Orte für die Aufstellung bewilligen.

Der Text, der eingraviert werden soll, steht inzwischen auch fest. Es gab deswegen Streit unterwegs, ich glaube, es war, als wir in Ferentinum Halt machten. Varus konnte es sich nicht verkneifen, meinen Entwurf heftig zu kritisieren, in der Art von: Willst Du Dich wirklich mit einer so kleinkarierten Aufzählung der Nachwelt präsentieren? Will zum Beispiel irgendjemand in späteren Zeiten wirklich wissen, dass die von dir ausgebaute Strecke bis zum Standort der Fuhrleute an der Porta Stellatina führt? Und so weiter. Du kennst sein loses Mundwerk ja zur Genüge.

Corinthus hat wieder nur traurig seinen Schädel geschüttelt, er kann es nicht leiden, wenn jemand mir gegenüber respektlos ist. Nun ja, Varus als mein ältester Freund hat da Narrenfreiheit, das weiß er und nutzt es weidlich aus. Ich halte Dich auf dem Laufenden, was aus der Angelegenheit mit den Steinen geworden ist, falls wir nicht sowieso bald nach Hause kommen. Die Inschrift bleibt jedenfalls, wie ich sie entworfen habe, beim Hercules! Lebe wohl!

Dieser Brief aus dem Jahr 46 n. Chr. ist frei erfunden, wie offen eingestanden werden soll, den Briefschreiber jedoch gab es wirklich. Nun ist es bei den antiken Historikern eine fest etablierte Sitte, realen Personen frei erfundene Worte in den Mund zu legen, solange sie dem jeweiligen Autor irgendwie inhaltlich passend erscheinen. Insofern ist es wohl nicht völlig abwegig, wenn wir hier auch einmal einen ganz bescheidenen Versuch in jene Richtung gewagt haben.

Doch wer war dieser Marcus Vinicius?

Marcus Vinicius war ein Höfling. Es ist nicht nett, so etwas zu schreiben, das Wort hat keinen guten Beigeschmack. Aber für moderne Leserinnen und Leser zeigt es einigermaßen präzise an, um was für eine Art Mensch es sich bei ihm gehandelt hat.

Er selbst hätte zweifelsohne die Bezeichnung Senator vorgezogen. Das ist auch korrekt, aber unter den rund 600 römischen Senatoren seiner Zeit gab es deutliche Abstufungen: Bei Weitem nicht jeder gehörte zu den inneren Zirkeln der Macht, was bei Marcus Vinicius durchaus der Fall war. Seine Lebenszeit fällt in die Epoche der iulischclaudischen Kaiser; die ersten vier von ihnen – Augustus, Tiberius, Caligula, Claudius – hat er selbst als Herrscher erlebt. Als mit Nero der fünfte und letzte Imperator der Dynastie an die Macht gelangte, war Marcus Vinicius schon tot, aber ihn hat er zumindest als Kind gekannt.

Sein Leben ist einigermaßen bemerkenswert, und besonders bemerkenswert ist die Tatsache, dass offensichtlich noch niemand sich die Mühe gemacht hat, die Biografie des Höflings Marcus Vinicius in Buchform niederzuschreiben. Eine schmerzliche Lücke, die mit dem vorliegenden Werk glücklicherweise geschlossen ist!

Doch was heißt in diesem Zusammenhang überhaupt bemerkenswert? Rein äußerlich ist das Leben von Vinicius wohl in recht ruhigen Bahnen verlaufen – mit der Einschränkung: nach allem, was wir wissen. Denn für eine wirklich lückenlose Biografie, das sei hier schon angemerkt, reicht das überlieferte Material nicht aus. Doch nach allem, was wir wissen, ist Marcus Vinicius tatsächlich niemals in den undurchdringlichen Wäldern Germaniens verschollen oder halbverdurstet durch Nordafrikas Wüsten geirrt. Er musste nie im Nahkampf gegen wilde Bestien oder noch wildere Barbaren antreten. Auch ist Marcus Vinicius niemals nächtens in geheimer Mission durch die Cloaca Maxima gerobbt. Er war, mit einem Wort, sicher nicht der Indiana Jones der frühen Kaiserzeit.

Die Vita von Marcus Vinicius ist jedoch aus anderen Gründen bemerkenswert: Durch seine Nähe zum Machtzentrum als Freund und Verwandter des Kaiserhauses, war er Zeuge und auch Beteiligter bei den diversen Intrigen, Affären und Krisen, an denen die Epoche so überreich ist. Ein echter Höfling eben. Damit steht er zwar nicht allein, denn rund um die Kaiser drängelte sich ein ganzer Schwarm aus Angehörigen, Freunden, Beratern und Handlangern, die alle ihren Anteil an Macht und Einfluss suchten. Was Marcus Vinicius aber so interessant macht, ist seine bemerkenswerte Fähigkeit, mehrere Jahrzehnte dieses Intrigantenstadls unbeschadet zu überstehen, während andere, auch aus seinem engsten Umfeld, auf der Strecke blieben.

An dieser Stelle sollten wir uns eine grundsätzliche Frage stellen: Wie können wir, aus dem Abstand von zwei Jahrtausenden, eine Figur wie Marcus Vinicius überhaupt verstehen? Ein Problem, das uns eine Annäherung erschwert, ist die Lückenhaftigkeit der Quellen. Mit der Frage, was an Informationen über ihn und seine Zeit heute überhaupt noch greifbar ist, werden wir uns allerdings später in einem eigenen Kapitel beschäftigen.

Hier geht es zunächst um die Frage der Mentalitäten: Wie hat der Höfling Marcus Vinicius eigentlich getickt, wie man etwas respektlos sagen würde, und wie können wir uns in jemanden wie ihn hineindenken?

Dass Menschen anderer Epochen nicht exakt so wie wir gedacht und gefühlt haben, ist keine ganz revolutionäre Erkenntnis. Speziell bezogen auf das Alte Rom scheint es nun zwei populäre Thesen zu geben, die man – von Feuilleton bis Hollywood – immer wieder in den Medien antrifft, auch wenn sie kaum jemals explizit formuliert werden. Die eine betont die Andersartigkeit – die Römer wären demnach völlig anders gewesen als wir. Die andere sieht hingegen die Römer als Leute, die eigentlich ganz genau wie wir waren.

Dort, wo auf die Andersartigkeit der Römer abgehoben wird, werden meist Züge von Härte und Brutalität betont, die uns befremdlich bis abscheulich erscheinen. Selbst Achtjährige werden beispielsweise in Werken à la »Mein erstes Buch vom Alten Rom« mit der modernen Legende beglückt, wonach ein Neugeborenes angeblich bei den Römern auf den Boden gelegt wurde – nur, wenn der Vater es aufhob und somit anerkannte, war seine Zukunft gesichert, andernfalls wurde es ausgesetzt und einem ungewissen Schicksal überantwortet. Und keine populäre Darstellung der römischen Geschichte, die nicht darauf hinweisen würde, dass bei den Römern Sklaven juristisch als »Sache« galten.

Das Problem ist, dass hier eine Einzigartigkeit der Römer konstruiert wird, die zu ihrem Verständnis eher hinderlich als hilfreich ist. Im Vergleich zu anderen antiken Zivilisationen, speziell im Vergleich zu den Griechen, die heute eher mit dem Positivimage eines Volkes von Dichtern und Denkern behaftet sind, war es mit der römischen Einzigartigkeit nicht so weit her, wie man oft glauben machen will: Das Aussetzen von Kindern etwa war in der Antike generell eine übliche Praxis, nicht nur bei den Römern.

Und die römische Definition eines Sklaven als Sache ist lediglich der juristisch präzise Ausdruck der Tatsache, dass ein Sklave keine Verfügungsgewalt über sich selbst hatte. Die Griechen hatten hingegen den hübschen Ausdruck andrapodon zur Bezeichnung von Sklaven. Das bedeutet Menschenfüßler und unterscheidet die menschliche Kriegsbeute vom tetrapodon, dem vierfüßigen Vieh, das man als Sieger natürlich ebenfalls mitgehen ließ. – Das klingt, mit Verlaub, nicht gerade danach, als sei nun bei den Griechen das Sklavendasein ein einziger großer Spaß gewesen.

Außerdem fallen bei einem so einseitigen Bild wichtige Aspekte einfach unter den Tisch: Die Römer würden an erster Stelle das convivium, das gemeinsame abendliche Mahl mit Familie und Freunden, nennen, wenn sie den Roman Way of Life definieren sollten, und nicht die Gladiatorenkämpfe, die heute so überproportional viel Aufmerksamkeit erfahren. Auch die Begeisterung der Römer für Theater und die Kunst der öffentlichen Rede hat heute fast niemand mehr auf dem Schirm, der sich in den Medien über »die Römer« äußert. Und ebenso wenig ihre fast obsessive Liebe zu Pflanzen und Gärten: Selbst in der engsten Mietskaserne holte man sich noch Natur in Form von Balkonpflanzen und Blumentöpfen ins Haus, aber wo wird das heute jemals erwähnt?

Die andere Extremvariante, die römische und heutige Mentalitäten praktisch gleichsetzt, hebt vor allem auf die vermeintliche Modernität Roms ab: Eine quirlige Millionenstadt mit gut ausgebauter Infrastruktur wie Straßennetz oder Wasserversorgung, dazu die öffentlichen Plätze, die Markt- und Versammlungshallen, die öffentlichen Bäder, die Theater, und vor allem die Arenen, die mit Großevents die Massen anzogen. In dieser Wahrnehmung hatte das antike Rom ein pulsierendes, uns vertraut erscheinendes Großstadtleben, unterfüttert von einer ebenfalls modern anmutenden Verwaltung und dem dazu gehörigen Rechtssystem.

Dazu kommen in dieser Sicht auch die uns so bekannten Schattenseiten der Metropolen wie Verkehrsstau, Slums, Probleme bei der Abfallentsorgung, und – speziell im Historienkrimi oft liebevoll ausgemalt – ein krimineller Sumpf aus korrupten Unternehmern, korrupten Politikern nebst diversen Zuhältern und anderen Kleinkriminellen.

Eine wichtige Rolle spielt dabei auch der römische Senat, der oft als antikes Gegenstück zu einem modernen Parlament gedacht wird – und das ist nun wirklich ein großes Missverständnis. Gerade anhand der Rolle des Senats und der Senatoren lässt sich die Frage nach der Vergleichbarkeit zu heutigen Verhältnissen gut beleuchten. Und das ist auch deshalb wichtig, weil wir den Senator Marcus Vinicius verstehen wollen.

Mit dem Ethos moderner Parlamentarier als Bezugspunkt lässt sich das Wirken des antiken Senats nämlich nicht verstehen. Wesentlich näher kommt man der Sache, wenn man ihn als eine Versammlung von selbstbewussten und ehrgeizigen Aristokraten begreift, die ihre Mitgliedschaft in diesem Gremium als etwas betrachten, das ihnen aufgrund ihrer vornehmen Herkunft schlicht zusteht. Römische Senatoren wie unser Marcus Vinicius haben nicht den Auftrag (oder gar den Drang), irgendwelche Wähler zu repräsentieren – sie repräsentieren sich selbst.

Hieran lässt sich schon ablesen, dass die römische Politik wohl anders funktionierte als die moderne, und das ist kein Wunder: Rom war keine moderne Gesellschaft, auch nicht in den Zügen, die uns in der Tat frappierend aktuell erscheinen mögen. Rom war eine typische vormoderne, vorindustrielle Zivilisation. In solchen Gesellschaften bildet die Landwirtschaft die Grundlage der Volkswirtschaft und damit auch einen Großteil des Reichtums, den es zu verteilen gibt. Vormoderne Gesellschaften sind typischerweise eher konservativ als fortschrittsorientiert und mehr oder weniger streng hierarchisch, im Gegensatz zu unseren – jedenfalls der Theorie nach – auf Egalität und Chancengleichheit bedachten westlichen Gesellschaften. Konservatismus und Standesbewusstsein: Gerade im Alten Rom sind diese Züge nun wirklich deutlich ausgeprägt.

Wenn wir also nach einem Modell suchen, das beim Verständnis Roms und der Römer hilft, dann werden wir kurioserweise beim Mittelalter eher fündig als in unserer eigenen Zeit. Kurioserweise deshalb, weil das Mittelalter ja oft als eine Epoche gilt, in der alles ganz anders (nämlich mieser und schäbiger) war als in der großartigen klassischen Antike. Trotzdem lohnt der Vergleich Rom – Mittelalter, weil letzteres uns zeitlich näher liegt und in mancher Hinsicht besser dokumentiert ist.

Vormoderne Gesellschaften sind in der Regel hierarchisch gegliedert, wobei an der Spitze die Aristokraten stehen, die durch intensives Konkurrenzdenken geprägt sind: Besitz, Ämter, Ansehen, um alles wird permanent konkurriert, verdichtet im Begriff der »Ehre«. Die Ehre ist ein zentrales Antriebsmoment aristokratischer Verhaltensweisen, um sie kreist alles.

Das kann ausgesprochen dysfunktionale Konsequenzen haben, um es vornehm auszudrücken. Weniger vornehm ausgedrückt: Das ganze europäische Mittelalter hindurch war permanent Rabatz, weil sich ständig einige von den großen Herren in unerträglicher Weise gekränkt, übergangen oder sonst wie zurückgesetzt fühlten. Jemand anderer hat die Krone, das Herzogtum, die Grafschaft, die Bischofswürde oder die Abtei bekommen, die doch mir zustanden! Und natürlich hat jeder von diesen Herren unwiderlegbare Gründe, warum seine Ansprüche Vorrang vor denen aller Mitbewerber haben.

Selbst die Solidarität innerhalb der Familie, innerhalb des Clans, die eigentlich ein weiteres Charakteristikum vormoderner Gesellschaften ist, kam angesichts dieses unbezähmbaren Konkurrenz- und Anspruchsdenkens an ihre Grenzen. Legendär ist beispielsweise der Konflikt zwischen Staufern und Welfen. Er brach aus, weil Heinrich der Löwe nicht der Versuchung widerstehen konnte, Kaiser Barbarossa, seinen eigenen Vetter, zu erpressen, als dieser 1176 nach einer Niederlage in Oberitalien weitere Waffenhilfe anforderte. Aber auch Söhne, deren schrankenloser Ehrgeiz sie zum Aufstand gegen den eigenen Vater trieb, gab es im Mittelalter: So etwa wiederum bei den Staufern, aber auch schon bei den Kaisern aus der salischen Dynastie, die ein Jahrhundert zuvor regiert hatte.

Für Rom war nun lange Zeit hindurch charakteristisch, dass es gelungen war, solche aristokratische Konkurrenz in gewaltfreien Bahnen zu kanalisieren. Durch das System der öffentlichen Ämter, die man durch Wahlen erhielt, war in den Phasen der frühen und mittleren Republik die römische Innenpolitik einigermaßen zivilisiert und friedlich. Die Innenpolitik, wohlgemerkt, denn parallel lief außenpolitisch die Expansion, die es den Aristokraten ermöglichte, ihren Ehrgeiz auch materiell zu befriedigen.

In den letzten einhundert Jahren der Republik, ungefähr ab der Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr., brachen jedoch offene Konflikte in der römischen Führungsschicht aus, die am Ende alle Fehden des Mittelalters durch ihr schieres Ausmaß in den Schatten stellen – immerhin hatte man die Ressourcen eines Weltreiches zur Verfügung, um Bürgerkriege über drei Kontinente hinweg auszufechten. Am Ende blieb Octavianus, der Großneffe und testamentarisch adoptierte Sohn Iulius Caesars, als alleiniger Sieger auf dem Schlachtfeld zurück. In den Jahren 31 und 30 v. Chr. war ihm der endgültige Sieg über seinen letzten Kontrahenten Marcus Antonius und dessen Verbündete und Frau, Königin Kleopatra, gelungen. In den folgenden Jahren baute Augustus, wie er seitdem genannt wird, allmählich ein neues monarchisches Regierungssystem auf, den Prinzipat.

Ein wesentliches Merkmal der neuen Ordnung war die strikte Monopolisierung der militärischen Gewalt in einer Hand, verständlicherweise der des Augustus. Einen solchen Posten des Oberbefehlshabers über das Heer kannte die hergebrachte staatliche Ordnung nicht, und auch Augustus vermied den offenen Bruch mit den Traditionen der Republik. Ein Verfassungstrick half weiter: Augustus war einfach der Statthalter all jener Provinzen, die als unbefriedet oder bedroht galten und in denen deshalb signifikante Truppenkontingente stationiert waren. Die Logik dahinter war einfach – dieses Arrangement sollte militärische Eigenmächtigkeiten der Senatoren bis hin zum Bürgerkrieg unmöglich machen und so den inneren Frieden garantieren (und natürlich die unangefochtene Machtposition des neuen Alleinherrschers gleich mit).

Diese Lösung gleicht exakt jener, mit der später im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit den unendlichen Fehden des Adels ein Ende bereitet wurde: Im Absolutismus sicherten sich die Herrscher das militärische Monopol, genau wie Augustus anderthalb Jahrtausende zuvor.

Für die Masse der Einwohner des Imperiums waren der Beginn des Prinzipats und das Ende der Bürgerkriegsära zweifelsohne ein Segen. Das allmähliche Verschwinden der Wahlen war sicher ein Manko, das aber im Vergleich nicht so stark ins Gewicht fiel. Die politische Mitbestimmung war auch zu den Glanzzeiten der Republik die Angelegenheit einer Minderheit gewesen; die meisten Menschen in Italien und erst recht in den Provinzen hatten entweder kein Wahlrecht besessen, oder waren allein durch die räumlichen Entfernungen daran gehindert, es in Rom auszuüben.

Einige römische Senatoren allerdings hatten mit der Etablierung des Prinzipats eine gewaltige Kröte zu schlucken. So konnte jetzt niemand mehr durch Waffengewalt die eigene Stellung verbessern. Was nicht heißt, dass es keiner mehr versucht hätte – so leicht stirbt aristokratischer Ehrgeiz nicht aus. Und wie im Mittelalter gilt auch hier: Familiäre Nähe zum Kaiser führt nicht dazu, dass seine Verwandten ihren eigenen Ehrgeiz hintanstellen, eher im Gegenteil.

Die Schizophrenie der Senatoren zieht sich durch die gesamte römische Kaiserzeit als Leitmotiv: Einerseits hassen sie den Prinzipat und betrauern den Verlust der alten senatorischen Freiheiten – auch noch hundert oder zweihundert Jahre nach Augustus, als Phantomschmerz von Leuten, die die alte Zeit allenfalls vom Hörensagen kennen. Andererseits können sie – zumindest einige von ihnen – sich nur schwer einer kleinen Stimme in ihrem Hinterkopf erwehren: Nun, wenn es denn schon einen Kaiser geben muss, dann sollte das doch wohl am besten Ich sein!

Auch Marcus Vinicius war mehrmals Zeuge von Episoden, in denen das Imperium dicht an einem neuen Bürgerkrieg vorbeischrammte, wobei er selbst sich stets in kluger Weise von solchen suizidalen Abenteuern ferngehalten hat. Es ist auch dieser bemerkenswerte Zug, der ihm das Überleben im hochkompetitiven (sprich: mörderischen) Klima der römischen Politik ermöglicht hat.

Die neue Ordnung des Augustus sollte aber nicht nur innere Kriege verhindern, sie legte dem Ehrgeiz der Senatoren gleichzeitig auch strenge Zügel an, was Ruhm und Beute in Feldzügen gegen äußere Feinde anging: Alle Kriege fanden unter den Auspizien des Kaisers und seiner Kontrolle statt, die Feldherren aus dem Senatorenstand waren nur noch seine Handlanger.

Da nun gleichzeitig auch noch die Wahlen und die damit verbundene offene Konkurrenz um Ämter und Ehren verschwunden waren, muss man fragen: Was blieb den Senatoren denn, um ihren Ehrgeiz zu befriedigen und ihr Konkurrenzstreben auszuleben? Die Lösung des Augustus bestand darin, die Aristokraten nach Möglichkeit in die neue Ordnung einzubinden und ihnen zumindest symbolische Kompensationen zu gewähren.

So waren zum Beispiel Triumphzüge, mit denen von alters her ein siegreicher Feldherr seinen Einzug in Rom gefeiert hatte, nunmehr dem Herrscher und den kaiserlichen Prinzen vorbehalten. Die Generäle aus dem Senatorenstand, auf deren Mitwirkung Augustus nicht verzichten konnte, gingen jetzt leer aus, selbst wenn eigentlich sie es waren, die einen Feldzug erfolgreich abgeschlossen hatten. Als Trostpreis erhielten solche Heerführer allerdings zumindest die ornamenta triumphalia, die Ehrenzeichen des Triumphators, und mit ihnen konnten sie, wie in der guten alten Zeit, weiterhin ihre Häuser schmücken. Dazu kam eine Statue in der Pose eines Triumphators auf dem Forum des Augustus.

Doch da es keine Wahlkämpfe mehr gab, und militärischen Ruhm nur in einer Light-Version, als ausführendes Organ eines anderen, suchte und fand das aristokratische Konkurrenzdenken neue Ventile. Eine wichtige Folge des Prinzipats, und zwar eine, die Augustus vermutlich weder vorhergesehen noch gar geplant hatte, war die Zunahme politischer Prozesse, bei denen es oft um Hochverrat ging. Man klagt jemanden wegen Beleidigung des Herrschers oder, besser noch, wegen einer Verschwörung an – eine perfekte Waffe, um Konkurrenten auszuschalten. Zumindest fast perfekt, denn solche Anklagen hatten durchaus ihre Tücken, wie wir noch sehen werden.

Es ist daher auch kein Zufall, dass das erste Dokument, das uns sichere Nachrichten über Marcus Vinicius liefert, einen politischen Prozess betrifft. Er ist dabei allerdings weder Angeklagter noch Ankläger, und er war überhaupt, soweit die Quellen das hergeben, niemals als unmittelbar Beteiligter in solche Prozesse verwickelt. Marcus Vinicius bewegte sich offenbar geschickt genug auf dem spiegelglatten Parkett der Politik, um sich keine Feinde zu machen, die ihn vor Gericht gezerrt hätten. Andererseits, und das macht ihn sympathisch, hat er offensichtlich auch selbst niemals dieses Instrument benutzt, um einen Gegner zu beseitigen.

Eine weitere, in diesem Fall vorhersehbare, Folge von Augustus’ neuem politischen System war die Entstehung einer Dynastie. Die Römer, die doch eigentlich die Monarchie so sehr verabscheuten, erlebten mit einem Schlag all jene Phänomene hautnah in Rom, die man zuvor nur von den verachteten Königshäusern des östlichen Mittelmeers gekannt hatte: Palastintrigen, mörderischer Familienzwist im Umfeld des Herrschers, Günstlingswirtschaft. Die kaiserliche Residenz auf dem Palatinhügel etablierte sich das eigentliche Machtzentrum anstelle des Senats, und wer dort ein- und ausging, wer mit dem Herrscher auf vertrautem Fuß stand, hatte die Nase vorn gegenüber der Konkurrenz.

Die persönliche Nähe zum Herrscher wurde zur neuen und sehr wertvollen politischen Währung, die nun die alte – die Gunst der Wähler – ablöste. Ersatzweise waren aber auch gute Beziehungen zu den Verwandten des Kaisers oder zu seinen Helfern nützlich. Für einen Senator war es zwar eine Zumutung, sich mit kaiserlichen Bediensteten abgeben zu müssen, die meist Freigelassene waren, also ehemalige Sklaven. Oft führte aber kein Weg an einer solchen Erniedrigung vorbei, wenn man ehrgeizige Ziele hatte und das Pech, nicht zu den Freunden des Kaisers oder seiner Familie zu gehören.

Diese Gefolgschaften, die sich wie Kletten an die Mächtigen auf dem Palatin hängten, hatten zudem die ungute Konsequenz, bestehende Spannungen innerhalb der kaiserlichen Familie zu verstärken. Streit zwischen Verwandten ist zwar kein Alleinstellungsmerkmal des Kaiserhauses, aber bei anderen Familien gibt es normalerweise keine Cliquen von Außenstehenden, die solche Risse für sich selbst ausnutzen wollen und daher den Konflikt noch anheizen.

Kommen wir also zu der Frage zurück: Waren die Römer ganz anders, oder waren sie genauso wie wir? Zumindest für das Spiel der Politik lautet die Antwort: Sie waren ganz anders und trotzdem genauso wie wir.

Ganz anders waren sie, weil die Spielregeln völlig andere waren. Das politische Ökosystem des kaiserzeitlichen Rom bestand aus dem Palatin, dem Senat, einigen einflussreichen Rittern, dazu die durchaus selbstbewusst auftretende Bevölkerung der Hauptstadt, die nicht minder selbstbewussten Heere mancher Provinzen, und auch die aufstrebenden Eliten aus den Provinzen des Imperiums. Dieses System unterscheidet sich deutlich von heutigen, in denen Regierungen, Parlamente und Parteiapparate als wesentliche Player zu nennen sind, zusammen mit der Öffentlichkeit und den Medien als entscheidende Schnittstelle von Öffentlichkeit und politischem Apparat.

Andere Spielregeln bedeutet aber nicht nur, dass die Maschinerie anders zusammengesetzt war. Auch die Regeln der Kommunikation und die Werte, die darin zum Ausdruck kommen, waren ganz anders: Ein römischer Kaiser, der offen mit einem Reformprogramm zur Beseitigung einer langen Liste von Übelständen aufgetreten wäre, hätte zumindest mit deutlichem Misstrauen rechnen müssen. Möglichst alles beim Alten belassen galt als oberste Maxime guter Regierungskunst. Und ein Kaiser, der obendrein ein egalitäres Ideal der Chancengleichheit für alle vertreten hätte, wäre schlicht als wahnsinnig angesehen worden.

Trotz dieser offenkundigen Unterschiede sind uns die Römer aber dennoch darin vergleichbar, dass man in jedem System die Spielregeln kennen muss, egal wie sie im Einzelnen beschaffen sind, wenn man erfolgreich mitmischen will.

Und Marcus Vinicius kannte die Spielregeln, so viel steht fest.

Literatur: BERRY 2013, BRUNT 1984, CHRIST 1984, CRONE 1992, ECK & HEIL 2005, KIENAST 2009, LENDON 1997, 2011, MILLAR 1992, STEIN-HÖLKESKAMP 2010, SUMI 2011, SYME 1939, 1986, TALBERT 1984, VEYNE 1988, VOGEL-WEIDEMANN 1979, WINTERLING 1999

II

Grabaltar des Vinicius Corinthus und seiner Frau Vinicia Tyche

(Museo Archeologico Nazionale Florenz, Inventarnr. 13831).

FAMILIENBANDE

Es macht stets einen gediegenen und vor allem gelehrten Eindruck, wenn man ein Kapitel mit einem fremdsprachigen Zitat beginnt, ein beliebter Autorenkniff. Nun denn, hier kommt unser Zitat:

Viíbis Aadirans Viíbieís eítiuvam paam vereiiaí Púmpaiianaí trístaamentud deded.

Eísak eítiuvad Viíbis Viínikiís Maraheis kvaísstur Púmpaiians trííbúm ekak kúmbennieís tanginud úpsannam deded ísídum prúfatted.

Das ist ganz offensichtlich kein Latein, aber was ist es dann? Wobei anzumerken wäre, dass es sich bei obigem Text schon um die entschärfte Fassung, die Umschrift in lateinischen Buchstaben handelt; das originale, von rechts nach links zu lesende Schriftbild verstärkt noch den Eindruck von entschiedener Fremdartigkeit:

Uns interessiert dieses Zitat schon allein deshalb, weil hier ein Vibius Vinicius genannt wird, die früheste Erwähnung eines Viniciers überhaupt, wie es scheint. Darüber hinaus ist dieser Text aber auch für die Geschichte des vorrömischen Italiens interessant, genauer für die Frage: Wie wurde ganz Italien römisch? Und die Familie von Marcus Vinicius ist gut geeignet, diese Frage am konkreten Beispiel zu beleuchten, wie sich zeigen wird.

In Übersetzung lautet der Text:

Vibius Adiranus, Sohn des Vibius, hinterließ in seinem Testament Geld für die pompeianische Vereiia. Mit diesem Geld ließ der pompeianische Quaestor Vibius Vinicius, Sohn des Maras, dieses Gebäude errichten gemäß Beschluss der Ratsversammlung, und derselbe Mann überwachte den Bau.

(Nach der englischen Fassung bei MCDONALD 2012; von dort auch die Originalversion)

Die Sprache und die Schrift sind im Original oskisch, einem Dialekt aus der Familie der italischen Sprachen. Im alten Italien wurde eine Vielzahl verschiedener Sprachen gesprochen, zum Beispiel Etruskisch, dessen Verwandtschaft zu anderen Idiomen nicht klar ist, oder Griechisch, das von den Kolonisten aus Hellas mitgebracht worden war. Die größte Gruppe bildeten allerdings die im eigentlichen Sinne italischen Sprachen, die sich ihrerseits in zwei Untergruppen gliedern: zum einen das Latinisch-Faliskische, zum anderen das Oskisch-Umbrische.

Während das Latinisch-Faliskische ursprünglich auf Latium und die in Etrurien gelegene Kleinstadt Falerii beschränkt war, dominierte der andere Zweig in großen Teilen der italischen Halbinsel. Das Umbrische, das zum Beispiel von den mit Rom meist verfeindeten Sabinern gesprochen wurde, hatte sein Herzland im nördlichen und östlichen Teil Mittelitaliens; das Verbreitungsgebiet des Oskischen, u.a. die Sprache der Samniten, eines anderen Erzfeindes der Römer, erstreckte sich von Mittel- bis nach Süditalien.

Mit etwas Sprachgefühl lässt sich, bei aller Fremdartigkeit, die Verwandtschaft zum Latein übrigens ahnen: Der kvaísstur Púmpaiians, wie der Titel des Vibius Vinicius in der Inschrift lautet, ist unschwer als Gegenstück zum lateinschen quaestor Pompeianus zu erkennen.

Auch die Einwohner Campaniens sprachen oskisch, und dort, eben in Pompeii, hat man auch die Vibius-Adiranus-Inschrift gefunden. Leider wurde dieser Fund schon im 18. Jahrhundert gemacht, in einer Zeit, als wilde Raubgräberei und seriöse Archäologie noch nicht sauber voneinander getrennt waren. Es ist letztlich nicht zu klären, auf welches Gebäude die Inschrift tatsächlich Bezug nimmt, und was sich hinter »Vereiia« verbirgt, lässt sich ebenfalls nur raten. Möglicherweise handelt es sich um eine Art Jugendorganisation, die zu sportlichen Übungen und militärischem Training zusammenkam, ähnlich den Epheben im antiken Griechenland.

Interessanter ist allerdings die Frage, wie alt die Inschrift ist, denn sie hängt mit der größeren Frage nach der Romanisierung Italiens zusammen. Dabei scheint unstrittig, dass der archaisch wirkende Text an sich aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. stammt. Die Gelehrten nahmen allerdings an, dass die konkrete Inschrift, die wir heute noch kennen, eine deutlich jüngere Kopie aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. ist. Man hat, so die Theorie, eine neue Abschrift angefertigt, als nach dem Erdbeben von 62 n. Chr. (einem Präludium zum verheerenden Vesuvausbruch von 79 n. Chr.) die Schäden beseitigt wurden.

Wenn das stimmt, wenn man also – auf einer historischen Zeitskala betrachtet – quasi fünf Minuten vor dem großen Ausbruch des Vesuv noch eine alte oskische Inschrift säuberlich kopiert hat, dann muss zu diesem späten Zeitpunkt auch noch eine Bevölkerung existiert haben, der die angestammte sprachliche Tradition etwas bedeutete.

Auftritt Katherine McDonald. Die Althistorikerin und Sprachwissenschaftlerin vom Pembroke College in Cambridge stellt diese orthodoxe Sicht komplett infrage. Nach McDonald ist jener Stein, den wir heute haben, auch der originale und kein zu Konservierungszwecken angefertigtes antikes Duplikat. Und man hat sich ihr zufolge auch im 1. nachchristlichen Jahrhundert in keiner Weise mehr um den Erhalt des Textes geschert; vielmehr wurde der Stein einfach als recyceltes Baumaterial an anderer Stelle vermauert.

Damit wäre der schöne Beleg für eine lebendige oskische Sprachtradition noch in der frühen Kaiserzeit vom Tisch. Vermutlich war die weitgehende Verdrängung der übrigen italischen Sprachen durch das Latein schon viel früher abgeschlossen, parallel zur politischen und kulturellen Romanisierung der italischen Halbinsel. Der entscheidende Schub folgte dabei auf den Bundesgenossenkrieg von 91–89 v. Chr., als ein großer Teil der Einwohner Italiens das römische Bürgerrecht erhielt.

Wir haben bisher also Vibius Vinicius als frühen historisch greifbaren Vinicier kennengelernt, der ethnisch gesehen kein Römer war, sondern ein Campanier mit Oskisch als Muttersprache. Und er war als Magistrat in Pompeii tätig, gehörte also zur lokalen Honoratiorenschicht.

Eine direkte Verwandtschaft zur Familie unseres Marcus Vinicius lässt sich in keiner Weise erkennen, aber es gibt auffällige Parallelen: Auch seine Vorfahren stammen aus Campanien, wenn auch nicht aus Pompeii, sondern aus der Stadt Cales, und auch seine Familie gehörte ursprünglich zu den örtlichen Honoratioren. Hören wir, was Tacitus über Marcus Vinicius zu sagen hat:

Vinicius stammte aus einer Landstadt. Er war in Cales geboren, sein Vater und Großvater hatten das Konsulat bekleidet; übrigens gehörte seine Familie dem Ritterstand an. Er selbst war von sanfter Gemütsart und verfügte über eine geschliffene Beredsamkeit.

(Tacitus, Annalen 6.15; Übers. W. Sontheimer)

Wörtlich schreibt Tacitus Calibus ortus, was man tatsächlich mit »in Cales geboren« übersetzen könnte. Treffender dürfte aber die Deutung sein, dass nur allgemein eine Herkunft aus Cales gemeint ist, bezogen auf die Wurzeln von Vinicius’ Familie. Es ist keine Schande, noch nie vom antiken Cales gehört zu haben. Auch die moderne Siedlung an dieser Stelle, das heutige Calvi Risorta, ist nicht gerade ein gefeierter Sehnsuchtsort von Italienreisenden, um es zurückhaltend zu formulieren. Dabei war die Stadt, die etwa 20 km nördlich von Capua und 40 km nördlich von Neapel liegt, in der Antike keineswegs unbedeutend.

Berühmt war Cales einerseits wegen seiner Weinproduktion, die von mehreren Schriftstellern gelobt wurde, darunter auch Plinius in Buch XIV seiner Naturgeschichte. Daneben war Cales ein wichtiges Zentrum der Keramikproduktion. In der Zeit vom 4. bis zum 2. Jahrhundert v. Chr. wurden große Mengen an Gefäßen mit schwarzem Firnis hergestellt, die so verbreitet waren, dass Calener Vasen und Calener Keramik feststehende Begriffe in der Archäologie sind – was nicht heißt, dass alle derartigen Erzeugnisse tatsächlich von dort kamen: Wie heute wurden auch schon damals erfolgreiche Produkte gerne kopiert, und ein erheblicher Anteil der »Calener Keramik« ist anderswo in Süditalien entstanden oder sogar in Sizilien.

Als im 1. Jahrhundert v. Chr. die Beliebtheit dieser schwarzen Gefäße abflaute und sie von roter Glanztonkeramik abgelöst wurden, deren Produktionszentrum das oberitalische Arezzo war, erwiesen sich jedoch auch die calener Töpfereien ihrerseits als hinreichend geschäftstüchtig, um auf die neue Mode einzuschwenken.

Die Stadt hatte aber ebenso eine wichtige politische und strategische Bedeutung als römischer Vorposten in Campanien. Sie war im 4. Jahrhundert v. Chr. von den Römern erobert worden. Nach dem Zweiten Punischen Krieg (218–201 v. Chr.), in dessen Verlauf Hannibal jahrelang mit seinem Heer durch Italien gezogen war, litt sie unter Entvölkerung und deshalb wurde die Einwohnerschaft von Cales im Jahr 185 v. Chr. durch neue Kolonisten aufgefrischt.

In der Zeit, als unser Marcus Vinicius und seine Familie in der römischen Politik mitmischten, erfreute sich Cales wieder einer ausgesprochenen Prosperität. Das hat sich auch architektonisch in der Finanzierung von diversen öffentlichen Gebäuden niedergeschlagen, etwa Amphitheater, Thermen und Tempel. Die Vinicier aus Cales sind also, wie bereits gesagt, eine Familie, die zuerst als Angehörige einer lokalen Honoratiorenschicht wichtig waren, bevor ihnen der Sprung in die große Politik in Rom gelang. Übrigens hatte die Familie auch in Tusculum Besitz, und ein Marcus Coelius Vinicianus, der offensichtlich mütterlicherseits von den Viniciern abstammt, ist dort sogar begraben.

Der Aufstieg der Familie in den römischen Senat und in die führenden Zirkel des Imperiums fällt in die Zeiten Caesars und seines politischen Nachfolgers Augustus. Das kommt nicht von ungefähr, denn wie bereits angedeutet, sind die Vinicier mit ihrer Karriere in gewisser Weise auch für andere Clans aus den Landstädten Italiens typisch.

Nach dem Bundesgenossenkrieg hatten zwar formal alle diese Familien den begehrten Status römischer Bürger erhalten, aber das nützte noch nicht viel: Dieselben reaktionären Kreise im Senat, die sich vorher mit Händen und Füßen gegen eine großzügige Vergabe des Bürgerrechts an die Verbündeten gestemmt hatten – und die damit den Bundesgenossenkrieg überhaupt erst heraufbeschworen hatten – versuchten auch hinterher, mit allerlei Tricks die politische Teilhabe der Neubürger zu konterkarieren.

Es waren dann Iulius Caesar und nach ihm Augustus, die hier eine neue Richtung einschlugen, indem sie gezielt Männer aus solchen Gemeinden wie Cales förderten. Nach rund einhundert Jahren Bürgerkrieg war die alte senatorische Führungsschicht personell recht ausgedünnt, sodass eine Auffrischung durch neue Familien rein demografisch sinnvoll schien. Aber es steckte noch mehr dahinter: Die Newcomer auf der politischen Bühne verdankten ihren Aufstieg allein ihren Förderern, und so war klar, wem ihre Loyalität galt.

Das war bei den alten, mächtigen Familien anders: Caesar wurde von Vertretern der alten Senatsoligarchie ermordet, weil er ihre Privilegien in Gefahr brachte. Augustus hat daraus klug seine Schlüsse gezogen und es geschafft, eine dauerhafte Herrschaft unter Einbindung der Aristokraten zu errichten. Aber auch er hat daneben neue Männer gefördert, die nicht aus alteingesessenen stadtrömischen Familien, sondern aus den ländlichen Regionen Italiens stammten.

Die ersten Vinicier in Rom, die wir historisch zu fassen bekommen, sind zwei Männer, Vater und Sohn, die unpraktischerweise beide Lucius Vinicius heißen. Sie sind keine direkten Vorfahren von Marcus, eher etwas entfernte Großonkel; der letzte gemeinsame Vorfahre mit Marcus wäre wohl dessen Ur-Ur-Großvater. Da generell der Fundus römischer Vornamen begrenzt ist und häufig Personen mit identischen Namen auftauchen, behilft man sich oft mit der Angabe des Consulats – sofern der Betreffende bis zu diesem Amt gelangt ist. Bei den beiden Lucii hat es allerdings nur bis zum sogenannten Suffectconsul gereicht, beim Vater im Jahr 33 v. Chr. und beim Sohn 5 v. Chr. Das ist eine Art Ersatzconsul, ein Posten, der eigentlich geschaffen wurde, um einen während seiner Amtszeit vom Tod dahingerafften Consul zu ersetzen. Später wurde es allerdings Usus, dass die beiden ordentlichen Consuln (abgekürzt cos.) nur für einige Monate am Beginn jedes Jahres amtierten, um dann für ein oder mehrere Paare von Suffectconsuln (abgekürzt cos. suff.) Platz zu machen. Eine praktische und obendrein auch noch kostenneutrale Lösung, um möglichst vielen Senatoren die begehrte Würde zugänglich zu machen! Übrigens ist an dieser Stelle dringend zu empfehlen, bezüglich L. Vinicius Vater & Sohn und aller weiteren Verästelungen von Marcus’ Sippschaft den Stammbaum zu konsultieren.

Das Erste, was wir über Lucius Vinicius Senior wissen, ist seine Tätigkeit als Münzmeister um das Jahr 52 v. Chr. Er war mit anderen Worten triumvir monetalis, also Mitglied des Dreimänner-Kollegiums, das die Münzprägung in Rom beaufsichtigte. Dies war eine der Funktionen, die man zusätzlich zu den Magistraten wie Aedil oder Consul eingeführt hatte. Es gab zu dieser Zeit 26 derartige Posten, später von Augustus auf 20 reduziert. In der Kaiserzeit etablierte sich auch die Praxis, dass speziell jüngere Männer hier Erfahrungen in einem öffentlichen Amt sammelten. Man war damit noch kein Senator, aber gewissermaßen schon Anwärter für die Mitgliedschaft in der erlauchten Körperschaft.

Ein Jahr später sehen wir L. Vinicius als Volkstribun. Wir wissen davon nur aus einer knappen Bemerkung, die Cicero in einem Brief macht, aber diese Bemerkung ist trotzdem recht aufschlussreich. Wir befinden uns jetzt also im Jahr 51 v. Chr. Die Spannungen zwischen den beiden herausragenden Feldherren Caesar und Pompeius nehmen spürbar zu. Caesars Tochter Iulia, die als Ehefrau des Pompeius ein Band zwischen den beiden Männern geschaffen hatte, war schon 54 v. Chr. gestorben. Und Crassus, der gemeinsame Freund (sofern Politiker überhaupt Freunde unter anderen Politikern haben können), war 53 v. Chr. in Carrhae auf seinem Feldzug gegen die Parther gefallen. Gleichzeitig wurde Pompeius immer stärker von den Optimaten, der konservativen »Partei« unter den Senatoren, umworben. Diese wollten ihn als Verbündeten gegen Caesar instrumentalisieren, den Champion der Popularen (»Volkspartei« – die Gänsefüßchen sollen andeuten, dass unser moderner Parteibegriff herzlich ungenau ist, um die antiken Verhältnisse zu beschreiben).

51 v. Chr. war Caesar noch in Gallien mit dem gleichnamigen Krieg beschäftigt, und auf den Rückhalt seiner Unterstützer in Rom angewiesen, unter denen die Volkstribunen eine wichtige Rolle spielten. Deren Vorrechte waren den Optimaten ein Dorn im Auge. Mit einer Argumentation, wie sie analog auch heute in verschiedenen Staaten zunehmend populär wird, versuchte man zum Beispiel in der Senatssitzung vom 30. September des Jahres, ihr von der Verfassung geheiligtes Vetorecht zu kippen: Die Verhältnisse erfordern nun einmal ein entschiedenes Durchregieren und deshalb können wir auf solchen Schnickschnack wie checks and balances jetzt keine Rücksicht mehr nehmen. – Die Volkstribunen jedoch, unter ihnen Lucius Vinicius, legten gegen den entsprechenden Senatsbeschluss ihr Veto ein, was nicht überraschen kann.

Wie groß das persönliche Risiko für Vinicius in dieser Situation war, lässt sich nicht genau sagen, aber vermutlich war es noch moderat. Zwei Jahre später jedoch wurde den caesartreuen Volkstribunen Marcus Antonius und Cassius Longinus bedeutet, dass man für ihre Sicherheit in Rom nicht mehr garantieren könne. Sie setzten sich nach dieser unverhohlenen Morddrohung zu Caesar ab. Der erklärte daraufhin das Maß des Tolerierbaren für überschritten und überschritt seinerseits den Rubikon. Der Rest ist Geschichte.

Wir werden an dieser Stelle allerdings nicht den Ablauf der folgenden Bürgerkriege komplett nacherzählen. Bleiben wir bei Lucius Vinicius. Nachdem die Caesargegner und -mörder vollständig besiegt waren, brachen die Konflikte innerhalb des caesarianischen Lagers mit voller Schärfe auf: Marcus Antonius und Octavian, der Großneffe und adoptierte Sohn Caesars, standen sich gegenüber, und beide beanspruchten die Führung für sich. Das Jahr 33 v. Chr. eröffnete Octavian im Senat mit einer scharfen Rede gegen den Rivalen, der zu diesem Zeitpunkt schon seit Jahren seine Machtbasis im Osten der römischen Welt hatte. Es ist sicher bedeutsam, dass in diesem kritischen Jahr, in dem Caesars Erbe zielgerichtet auf die finale Entscheidung hinarbeitete, Lucius Vinicius mit einem Consulat bedacht wurde, und sei es auch nur als Suffectconsul. Seine Loyalität zu Octavian, dem zukünftigen Augustus, dürfte außer Frage gestanden haben, und er steht damit am Anfang einer Kette von Viniciern bis hin zu unserem Marcus Vinicius, die alle eine enge Bindung an die neue kaiserliche Dynastie haben.

Lucius’ Suffectconsulat war zudem das Sprungbrett zu seiner nächsten Karrierestufe, der letzten, für die wir Anhaltspunkte haben: Im Jahr 27 v. Chr. war er wohl im Rang eines Proconsuls Statthalter der Provinz Asia. Nach dem vollständigen Sieg über Marcus Antonius 31/30 v. Chr. beginnt eine Phase der politischen Neuordnung; dass Augustus, wie er ab 27 v. Chr. genannt wird, Vinicius in dieser Zeit auf einen so prestigeträchtigen Posten setzt, ist eine Auszeichnung und ein Vertrauensbeweis. Asia, im Westen der heutigen Türkei, nahm durch ihr ehrwürdiges Alter, ihren Steuerertrag und ihr kulturelles Niveau eine Spitzenstellung unter den römischen Provinzen ein.

Soweit L. Vinicius Senior. Sein gleichnamiger Sohn tritt wiederum als Münzmeister erstmalig mit einem Amt in Erscheinung. Er war triumvir monetalis im Jahr 16 v. Chr., und aus dieser Tätigkeit resultiert der sogenannte Vinicius-Denar, der die Kunst- und Architekturhistoriker erfreut. Auf dieser Münze ist nämlich ein Triumphbogen abgebildet, den wir ansonsten aus Beschreibungen kennen, von dem selbst aber in Rom nur kümmerliche Fundamentreste erhalten sind. Es handelt sich um den Partherbogen des Augustus, der errichtet wurde, um seinen diplomatischen Coup des Jahres 20 v. Chr. zu feiern. In diesem Jahr war es gelungen, die Parther zur Herausgabe der römischen Feldzeichen zu bewegen, die sich seit Crassus’ katastrophaler Niederlage in ihren Händen befunden hatten.

Im Jahr 5 v. Chr. ist L. Vinicius Iunior dann Consul, und zwar wiederum lediglich Suffectconsul. Das ist ein wenig überraschend: Da nun bereits sein Vater Consul gewesen war, kommt er selbst aus einer Familie von consularem Rang – damit wäre er eigentlich für ein echtes Consulat qualifiziert. Vielleicht war Augustus von ihm ja nicht ganz so vorbehaltlos angetan wie von seinem Vater. In Suetonius’ Biografie des Augustus erfahren wir:

Seine Tochter und seine Enkelinnen ließ er sehr streng erziehen; so mussten sie sogar Wolle spinnen und es war ihnen verboten, irgend etwas heimlich zu tun oder zu sprechen, so dass es nicht ins Hofjournal hätte aufgenommen werden können. Von der Außenwelt schnitt er sie vollkommen ab. Lucius Vinicius, einem jungen Mann aus erster Familie, schrieb er sogar einmal, dass er es wenig schicklich finde, seiner Tochter in Baiae seine Aufwartung gemacht zu haben.

(Suetonius, Augustus 64; Übers. A. Lambert)

Das mag sich zunächst harmlos anhören, um nicht zu sagen läppisch. Allerdings galt das am Golf von Neapel gelegene Baiae, der mondäne Kurort der römischen Oberschicht, als ein ausgesprochenes Sündenbabel, ein Ort mit äußerst lockeren Sitten. Wenn ein junger Mann und eine junge Frau, die nicht miteinander verheiratet waren, sich in Baiae begegneten, so war das gewissermaßen automatisch verdächtig. Obendrein lauert im Hintergrund dieser unbedeutend wirkenden, kleinen Episode eine echte Staatsaffäre. Dabei hatte Lucius Vinicius noch Glück; er hatte sich offensichtlich nicht weit genug mit Iulia eingelassen, um in ihren Untergang hineingezogen zu werden (diese Fähigkeit, die nötige Distanz zu Unruhestiftern zu halten, hat sein Vetter Marcus Vinicius später zur Perfektion vollendet, wie wir sehen werden). Um jedoch hier an dieser Stelle mit den Viniciern fortfahren zu können, ist der ganze Iulia-Komplex ausgelagert: Zunächst folgen, in Exkurs 1 nach diesem Kapitel, die Familienverhältnisse des Augustus, die, wie man wohl sagen muss, ein klein wenig unübersichtlich sind, die wir aber auch im weiteren Verlauf noch öfter benötigen werden. Anschließend behandeln wir in Exkurs 2 dann das Thema Iulia und ihre Männer – und, der Vollständigkeit halber, ihre gleichnamige Tochter und deren Männer gleich mit.

Wir sind also mittlerweile bei jenem Zweig der Vinicier angelangt, der direkt zu unserem Marcus führt. Sein Großvater, dessen Namen er trägt, war schon früh ein Unterstützer des Octavianus, der ihn vom Ritter zum Senator beförderte. Dieser ältere Marcus Vinicius gehörte damit zu einer Gruppe von homines novi, von sogenannten »neuen« Männern (d.h. ohne senatorische Familiengeschichte), die unter dem neuen Regime gezielt gefördert wurden. Gegenüber den Angehörigen der alten nobilitas