Castle 10: Crashing Heat - Drückende Hitze - Richard Castle - E-Book

Castle 10: Crashing Heat - Drückende Hitze E-Book

Richard Castle

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Beschreibung

Die Ehe. Ein zweischneidiges Schwert, zumindest für Nikki Heat. Ihr Gatte, der preisgekrönte Journalist Jameson Rook, bringt sie manchmal auf eine Weise zur Weißglut, wie es niemand sonst in ihrem Leben jemals getan hat. Doch vor allem liebt sie ihn von ganzem Herzen und würde alles tun, um ihn zu beschützen. Genau das hat sie vor gar nicht langer Zeit tun müssen. Und es hat sie fast alles gekostet. Nun soll Rook Gastprofessor an seiner alten Universität werden. Kurz nach seiner Ankunft auf dem Campus wird eine Reporterin der Zeitung tot aufgefunden. Nackt. In Rooks Bett. Es ist nicht Nikkis Stil, einen solchen Verrat von einem Mann hinzunehmen. Jameson und sie hatten während ihrer komplizierten Beziehung viele Konflikte auszutragen, aber noch keinen wie diesen. Hat ihr Mann Geheimnisse vor ihr oder kann sie ihm vertrauen? Um das herauszufinden, beschließt sie, Jamesons Theorie von einer Geheimgesellschaft an der Uni Glauben zu schenken. Was sie herausfindet, stellt ihr investigatives Können sowie ihre Ehe auf eine harte Probe.

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Seitenzahl: 427

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Beliebtheit




RICHARDCASTLE

CRASHING HEAT

DRÜCKENDE HITZE

ÜBERSETZUNGSUSANNE PICARD

Die deutsche Ausgabe von CASTLE 10: CRASHING HEAT – DRÜCKENDE HITZEwird herausgegeben von Cross Cult, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.Herausgeber: Andreas Mergenthaler; Übersetzung: Susanne Picard;verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde; Lektorat: Katrin Aust;Satz: Rowan Rüster; Cover Artwork: Shubhani Sarkar;Printausgabe gedruckt von CPI Moravia Books s.r.o., CZ-69123 Pohorelice.Printed in the Czech Republic.

Castle © ABC Studios. All rights reserved

Originally published in the United States and Canada as CRASHING HEAT by Richard Castle.This translated edition published by arrangement with Kingswell, an imprint of Disney Book Group, LLC.

German translation copyright © 2019 ABC Studios.

Print ISBN: 978-3-86425-868-8 · E-Book ISBN 978-3-96658-001-4 (Dezember 2019)

WWW.CROSS-CULT.DE

Für all die Spiele, die im Dunkeln gespielt werden.Ihr wisst schon welche.

Inhalt

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINUNDZWANZIG

ZWEIUNDZWANZIG

DREIUNDZWANZIG

VIERUNDZWANZIG

FÜNFUNDZWANZIG

SECHSUNDZWANZIG

SIEBENUNDZWANZIG

ACHTUNDZWANZIG

NEUNUNDZWANZIG

DREISSIG

EINS

Die Ehe.

Die Ehe war ein zweischneidiges Schwert, oder wenigstens war sie das für Nikki Heat. Niemand hatte sie in ihrem Leben je so auf die Palme gebracht wie ihr Ehemann, Jameson Rook. Aber er trieb sie auch auf Gipfel der Leidenschaft, die zu erstürmen sie nie zu träumen gewagt hätte. Doch im Grunde war das alles egal, denn sie liebte diesen Mann von ganzem Herzen und hätte alles getan, um ihn und sein Leben zu schützen. Was sie vor gar nicht allzu langer Zeit auch getan hatte. Allerdings war der Preis hoch gewesen: Es hatte sie beide beinahe alles gekostet. Sie hatte sich während dieses letzten, großen Falls von Rook getrennt und sich deshalb schreckliche Vorwürfe gemacht. Letztendlich hatte sie nur getan, was sie hatte tun müssen, um ihn zu schützen. Aber um welchen Preis? Mit Derrick Storm zusammenzuarbeiten hatte sie von allem distanziert, was ihr lieb und teuer war, wie beispielsweise dem Mann, den sie liebte. Allerdings hatte sie dieser Fall auch wieder mit ihrer Mutter zusammengeführt. Sie hatte vieles gewonnen, aber auch vieles verloren.

Warum war das Leben nur so kompliziert?

Ihre Gedanken kreisten um ein einziges Wort: Reykjavík. Es weckte kribbelnde Erinnerungen an die ersten Tage ihrer Ehe mit Rook. Ihre Flitterwochen hatten sie von den grünen Bergen im Westen der Schweiz über die terrassenförmigen Weinberge und abgelegenen Fischerdörfchen Italiens bis hin zu den buddhistischen Tempeln in Tibet geführt. Reykjavík. Das Wort ließ all die leidenschaftlichen Augenblicke wieder lebendig werden, die sie und Rook damit verbracht hatten, die bemerkenswertesten Orte der Welt zu erkunden. Und nicht nur die, sondern auch einander. Wärme breitete sich in jedem Teil ihres Körpers aus. Kurz gesagt ließ ihr Codewort, Reykjavík, die Flammen der Leidenschaft in ihr auflodern.

Für kurze Zeit hatten sie sich wieder versöhnt. Sie waren wieder da, wo sie hingehörten: beieinander. Alles war wieder in Ordnung.

Aber jetzt gab es da ein anderes Wort, das mindestens genauso machtvoll war wie Reykjavík, jedoch wesentlich weniger metaphorisch. Zwei sehr buchstäblich miteinander verbundene Worte, die, statt Leidenschaft für ihren Gatten zu entfachen, das Blut in ihren Adern gefrieren ließen:

Gastprofessur.

Sie musste »Gastprofessur« nur denken, damit sich eine dicke Schicht arktischen Eises in ihr bildete. Und nicht einmal eine ganze Frachtkahnladung seines besonderen Charmes konnte sie wieder zum Schmelzen bringen. Tatsächlich war das wahrscheinlich das erste Mal, dass sie gegen seinen berühmten Charme beinahe immun zu sein glaubte, wenn sie sich vorstellte, dass Rook bald fort sein würde. Es wäre nicht für lange, aber dennoch …

Sie tadelte sich im Stillen. Sie war Captain bei der New Yorker Polizei, um Himmels willen und ein verdammt guter noch dazu! Sie hatte viele Opfer gebracht, um das zu erreichen. Wie alle hatte sie als Frischling angefangen und sich die Karriereleiter hochgearbeitet: Streife. Detective. Sergeant. Teamleiterin. Lieutenant. Und jetzt leitete sie die Mordkommission des Zwanzigsten Reviers in New York City.

Es war ein verdammt gutes Team. Und sie war verdammt stolz darauf.

Wenn ihr nicht passte, dass ihr Ehemann sich eine Auszeit an seiner Alma Mater als Gastprofessor nehmen wollte, war das ganz allein ihr Problem. Er war einfach ihre Achillesferse. Von jemandem derart abhängig zu sein war ihr äußerst unangenehm. Und sich in Jameson Rook zu verlieben hatte ihren Charakter ja nicht grundsätzlich umgepolt. Aber es brachte ihren inneren Kompass hin und wieder ganz schön durcheinander. Sie hatten sich nicht einmal über all die Details dieser »Gastprofessur« unterhalten, sie hatte ihn jedes Mal abgewürgt, wenn er damit angefangen hatte. Denn solange sie keine Details kannte, war die ganze Sache nicht real.

»Eine Garderobe«, flüsterte Rook in Nikkis Ohr. »Wir haben … mmh, wir haben, um es vornehm auszudrücken, unsere Leidenschaft noch nie in einer Garderobe ausgelebt.«

Sie kehrte in die Gegenwart zurück. Ihre Haut prickelte unter der Hitze seines Atems in ihrem Nacken, aber sie beherrschte sich. Ihre Stimme blieb fest. Es war ein Spiel, das sie gerne spielte: vorzugeben, dass ihr Ehemann sie gar nicht so sehr erregte, wie er es in Wirklichkeit tat. Das gefiel ihnen beiden. »Gibt es hier überhaupt eine Garderobe?«

»Wenn nicht, dann sollte es eine geben.« Er nahm ihre Hand und zog sanft daran, um sie dazu zu bewegen, aufzustehen. »Neugierige Geister würden das wissen wollen. Sollen wir es herausfinden, Detective?«

»Für Sie immer noch Captain, Mr. Rook.«

»Heißt das, du trägst später deine Captainsmütze für mich und sonst nichts?« Er strich sich über das Kinn. »Obwohl … vielleicht noch die Krawatte.«

Sie entzog ihm ihre Hand und schüttelte den Kopf. »Rook«, meinte sie und versuchte dabei so zu klingen, als warne sie ihn, um die anzügliche Antwort zu verbergen, die ihr auf der Zunge lag. Ich trage Mütze und Krawatte – und du die Handschellen. »Heute Abend musst du erwachsen sein. Es ist immerhin eine Preisverleihung …«

Er setzte sich wieder und verschränkte die Arme vor der Brust. »Meine Idee war sehr viel lustiger«, schmollte er.

»… und du bist nominiert.«

In seinen Augen lag dieses Funkeln, das sie wohl immer erstaunen würde. Jameson Rook war im tiefsten Inneren ein Kind geblieben. Tragödien und Tod in ihrem eigenen Leben hatten den unbeschwerten Teil von ihr vernichtet. Doch Rook war in einer intakten Familie aufgewachsen, mit einer Mutter, die ihn viel zu sehr verwöhnt hatte. Er hatte Heat vor der Tragödie ihrer eigenen Geschichte gerettet und das Funkeln, das sie nun in seinen Augen sah, erinnerte sie daran, wie sehr sie ihn liebte. Wie sehr sie ihn brauchte.

»Wenn wir jetzt gehen, verpasst du, wie dein Name genannt wird«, meinte sie.

Sein Mundwinkel verzog sich kaum merklich und sie wusste, dass sie ihn am Wickel hatte. »Vielleicht gewinnst du sogar«, fügte sie hinzu.

Das schien zu wirken. Er fuhr zu ihr herum. »Vielleicht? Wenn ich nicht gewinne, ist das das Verbrechen des Jahrhunderts. Kein anderer Journalist hat mehr für diese Stadt getan als ich.« Er zählte seine journalistischen Meriten an seinen Fingern ab. »Allein dieses Jahr habe ich die Öffentlichkeit auf die Korruption in Verbindung mit den Verbrecherfamilien von New York und New Jersey aufmerksam gemacht, ich habe einen Betrug auf höchster Ebene in der elitärsten Vorschule auf der Upper West Side aufgedeckt, ich habe …«

»Genau, du verdienst diesen Preis«, bestätigte Nikki und meinte es auch so. Jamie arbeitete hart und wühlte für seine Storys im Dreck. Er hatte keine Angst, sich die Hände schmutzig zu machen und suchte immer nach der Wahrheit. »Noch ein Grund mehr, nicht nach dieser ominösen Garderobe zu suchen – die wahrscheinlich gar nicht existiert«, meinte sie, wobei sie den letzten Teil eher laut dachte. »Du musst schließlich hier sein, wenn sie deinen Namen aufrufen.«

Er rieb sich die Hände, bevor er sie auf seine Schenkel legte und sich erwartungsvoll vorbeugte. Alle Gedanken an ein Stelldichein in der Garderobe waren ausgelöscht, zumindest für den Augenblick.

Sie nickte zufrieden. Sie hatte ihre Aufgabe erfüllt. Jetzt würde Rook die Nennung seiner Preiskategorie mit angehaltenem Atem erwarten. Es war wirklich eine Ehre und sie war stolz, an seiner Seite hier zu sein. Seine Ehefrau zu sein.

Sie hatten sich beide dem Anlass entsprechend gekleidet. Er sah in seinem Maßanzug mit Nadelstreifen aus Nolitas exklusivem Duncan-Quinn-Store fantastisch aus. Der klassische Schnitt ließ ihn aussehen wie einen Geheimagenten à la James Bond. Wogegen sie nichts einzuwenden hatte.

Sie selbst hatte sich für ein ärmelloses, dunkelrosa Kleid mit Applikationen aus ineinander verschlungenen Blüten aus schwarzem Samt entschieden, das kurz über dem Knie endete. Ihrer Erfahrung nach war es bei Veranstaltungen wie diesen meist recht kühl, also hatte sie eine leichte Stola mitgebracht, um sie, falls es notwendig wurde, um ihre nackten Schultern zu legen.

Bisher hatte sie diese Stola allerdings nicht gebraucht und Rook schien das plötzlich zu bemerken. »Habe ich dir schon gesagt, wie umwerfend du aussiehst?«, flüsterte er und betrachtete sie wohlgefällig.

»Erst ein- oder zweimal«, erwiderte sie. Die Hitze, die plötzlich in ihr aufstieg, warf die Frage auf, ob sie seine Idee, nach einer Garderobe zu suchen, vielleicht etwas zu vorschnell abgetan hatte.

Wie so oft, wenn sie zusammen waren, schien er zu wissen, was sie gerade dachte. »Na, denkst du noch mal darüber nach, ob wir uns nicht doch eine Garderobe suchen sollten?«

Sie zuckte betont gleichgültig mit den Schultern. »Tue ich das?«

»Definitiv. Vergiss nicht, wie gut ich die kenne, Heat.«

Sie hielt seinen Blick und gab sich noch gleichgültiger. Sie wollte den Spieß umdrehen. Ihm den Kopf verdrehen, statt sich ihren verdrehen zu lassen. »Und wie gut kennst du mich?«

»Ich weiß, was in deinem Kopf vorgeht«, erklärte er.

»So, tust du das?«, meinte sie und bemühte sich, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie diese Garderobe finden wollte. Und zwar pronto!

Er hob eine Augenbraue. »Aber ja.«

»Okay«, sagte sie herausfordernd. »Was denke ich gerade?«

Er legte die Finger leicht an seine Schläfen, als sei er ein Hellseher, und zog überrascht die Augenbrauen hoch. »Nikki Heat, also so was! Sie sind ja ein ganz böses Mädchen. Ich kann gar nicht erwarten, dass Sie mich allein in die Finger kriegen.«

Sie schnaubte, um die Tatsache zu verdecken, wie richtig er lag. »Du hast einfach nur geraten«, meinte sie.

Die Art, wie er den Kopf schief hielt, verriet ihr, dass er ihr das nicht abkaufte. »Ich rate nicht.«

»So? Und was denke ich jetzt?«, forderte sie ihn heraus.

Er rieb sich die Hände. »Ich mag dieses Spiel, Heat!«

»Hör auf Zeit zu schinden, Rook. Was sagen dir deine hellseherischen Fähigkeiten?«

»Ich kenne deinen Körper«, fuhr er fort und sprach dabei sehr langsam. Sehr eindringlich. »Ich kenne jeden Quadratzentimeter und jedes aufblitzende Neuron.« Er schenkte ihr ein spielerisch anzügliches Grinsen und ließ seinen Blick über ihren Körper wandern. »Ich kenne deine Zehen. Deine Waden. Deine Schultern.« Er hielt inne und ließ den Blick auf ihrem Dekolleté ruhen.

Sie fächelte sich mit einer Hand Luft zu. »Wo ist denn bloß diese Garderobe, wenn man eine braucht?«

»Ach, Heat, ich habe doch noch viel mehr auf Lager.«

Sie schloss kurz die Augen. Ihr Körper und ihr Verstand … Du meine Güte, innerlich verging sie fast. Was konnte er denn noch alles mit ihr anstellen, während er nur hier neben ihr am Tisch saß?

Er beugte sich zu ihr und senkte die Stimme zu einem Flüstern. »Ich kenne dein Herz, Nikki Heat. Ich kenne dein Herz besser als jeder sonst und du lässt meines schmelzen.«

Sie schmolz auch gerade. Sie hatte viele Männer in ihrem Leben gehabt, aber keiner hatte sie je das fühlen lassen, was Rook sie fühlen ließ. »Womit habe ich dieses Glück nur verdient, Jamie?«, murmelte sie, beugte sich vor und küsste ihn.

Sie spürte sein Lächeln an ihren Lippen. »Die Frage sollte ich stellen.«

Sie lösten sich voneinander und er hob die Hand, um einen imaginären Kellner zu rufen. »Garçon! Eine Garderobe! Eine Garderobe! Mein Königreich für eine Garderobe!«

»Ach, aber leider gibt es keine Garderobe«, murmelte sie. »›Nun ward der Winter unsers Missvergnügens!‹«

Obwohl sie das College mit einem Abschluss in Kriminalrecht verlassen hatte, hatte sie auch Zeit gefunden, als zweites Hauptfach englische Literatur zu belegen. Sie kannte die Klassiker.

Sie saßen an einem Tisch für zehn Personen, der mitten in der historischen Seilfabrik in Brooklyn stand. Die nackten Ziegelwände mit ihren Holzbalken ließen die über zweihundertjährige Geschichte des Ortes erahnen. Sie hatten vor dem offiziellen Beginn der Verleihungszeremonie einen Drink auf der Dachterrasse genommen und diese dreißig Minuten hatten den Abend, der ohnehin schon bemerkenswert war, dank des atemberaubenden Blicks auf die nächtliche Skyline der Stadt noch außergewöhnlicher gemacht.

Jetzt erstarb das leise Raunen der Gespräche im Saal und Heat und Rook richteten ihre Aufmerksamkeit auf die Bühne. Befestigt an den nackten Balken und exakt mittig platziert verkündete ein Banner: »Jährliche Verleihung des Nellie-Bly-Awards für außergewöhnliche journalistische Arbeit«. Der Moderator, ein alter Collegefreund Rooks, sprach in ein Mikrofon, das an seinem Revers befestigt war. Statt sich hinter einem Podium zu verschanzen, wanderte er über die Bühne, als nehme er gerade an einer Telefonkonferenz teil.

»Pressefreiheit«, begann er. »Pressefreiheit ist ein Konzept, das erstmals 1791 auftrat, zu einer Zeit, in der der Begriff Presse sich nur auf Bücher und Zeitungen bezog. Erst über ein Jahrhundert später wurde das Radio erfunden …«

Rook lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und atmete tief durch. Immer noch umspielte ein Lächeln sein Lippen. »Mach es dir bequem, Liebling. Wenn Raymond Lamont eines ist, dann ausschweifend.«

Nikki hätte Raymond Lamont auch ohne diesen Hinweis für einen Schwätzer gehalten. Er hielt den Rücken viel zu gerade und die übertrieben lässige Art und Weise, wie er seine Hände in die Hosentaschen steckte, deutete darauf hin, dass er die Absicht hatte, eine ganze Weile auf der Bühne zu bleiben. Und nicht zuletzt war da noch die langsame, betuliche Erzählstimme, in der eindeutig mitschwang, dass er sich selbst ziemlich wichtig nahm.

»Jetzt bekommen wir einen minutiösen Vortrag über die herausragende Bedeutung des ethischen Journalismus, der die Regierung zur Rechenschaft zieht, wie die Gründerväter …«, fuhr Rook fort. Er wies dramatisch an die Decke und deklamierte mit einer Stimme eine Oktave tiefer als seine eigene: »›Wenn ich zu wählen hätte zwischen einem Volke mit einer Zeitung und ohne eine Regierung – und einem Volke mit einer Regierung, aber ohne Zeitung – so würde ich mich unbedingt für Ersteres entscheiden!‹«

Nikki musste vor Rooks Verkörperung des Gründervaters, von dem dieses Zitat stammte, den Hut ziehen. »Jefferson?«, fragte sie.

»Sehr gut«, lobte Rook anerkennend. »Eins plus für deinen Geschichtslehrer. Er oder sie hat gute Arbeit geleistet.«

»Eins plus für mich, dafür, dass ich so fleißig gelernt habe«, korrigierte sie ihn. »Aber wirklich, so schwer war das doch nicht. Das Stichwort ›Gründerväter‹ war ein guter Hinweis.«

»Ja, nicht wahr?« Er beugte sich zu ihr hinüber, sodass sich ihre Schläfen berührten. »Ich liebe, wie Sie mir an den Lippen hängen, Detective.«

»Captain«, korrigierte sie ihn wieder.

»Richtig.« Er wackelte mit den Augenbrauen. »Haben Captains eigentlich noch Handschellen?«

»Oh ja,«, erwiderte sie. »Und einen Schlüssel zum Materiallager.«

»Ah. Unbegrenzter Zugang also. Ausgezeichnet.«

Im Saal brach jetzt spontan Applaus aus und lenkte Nikkis und Rooks Aufmerksamkeit wieder auf die Bühne.

»Was haben wir verpasst?« Rook zog eine Grimasse. Jetzt sah er eher wie ein Kleinkind aus, das sein Eishörnchen hatte fallen lassen, statt wie der gestandene Journalist, der er war. Was auch immer das Publikum hatte jubeln lassen, es war vorbei. Raymond sprach bereits weiter.

»Fake News waren schon immer ein Schwachpunkt der Medien«, sagte er jetzt. »Aber wie es die Gründerväter beabsichtigten«, an dieser Stelle warf Rook Nikki einen wissenden Blick zu, »sind die Medien ein Kontrollorgan unserer Regierung. Wir müssen hart und integer arbeiten, um sicherzustellen, dass die aufrechten Bürger der Vereinigten Staaten immer über die wichtigen und relevanten Themen aufgeklärt werden und dass diese ihnen immer mit Aufrichtigkeit und Integrität präsentiert werden.«

Nach einer weiteren Runde Applaus kam Raymond Lamont endlich zu den Namen der Nominierten. »Der Nellie-Bly-Award ist vielleicht nicht der Pulitzer. Nichtsdestoweniger handelt es sich um einen wichtigen und wertvollen Preis in journalistischen Kreisen. Für die, die es noch nicht wissen: Nellie Bly ließ sich 1887 als Patientin in eine psychiatrische Klinik einweisen, um so die erbärmlichen Lebensumstände und die Misshandlungen der Patientinnen dort aufzudecken. Es war der erste Enthüllungsartikel dieser Art – eine wahre Aufopferung, um die Wahrheit zu finden und zu enthüllen, egal wie hoch der Preis ist.

Obwohl es nur einen Gewinner des renommierten Nellie-Bly-Awards geben kann, ehren wir heute gleich vier herausragende Journalisten«, hörte Nikki und vergaß auf der Stelle die ersten drei Namen, die Raymond Lamont nannte. Doch dann sagte er: »Und für seinen Enthüllungsartikel über die Korruption der hiesigen Regierung: Jameson Rook.«

Rook lächelte etwas dümmlich, als habe er Lampenfieber. Er spielte diese Rolle mühelos. Als er den Saal mit einem königlichen Winken bedachte, konnte Nikki ein Auflachen nicht unterdrücken. »Du hast wirklich deine Berufung verfehlt«, sagte sie, als sie wieder zu Atem kam. »Mit diesen schauspielerischen Fähigkeiten solltest du einen Oscar bekommen, keinen Nellie Bly.«

Er wandte sein ausgesprochen attraktives Gesicht Nikki zu und setzte seinen besten Dackelblick auf. »Soll das heißen, ich meine es nicht ernst? Ich bin geehrt!« Er legte die Hand auf die Brust. »Wirklich geehrt, auch nur nominiert zu sein, und …«

»Der Gewinner ist … Jameson Rook!«

Wieder brach Applaus im Saal aus, diesmal allerdings standen die Leute auf.

»Ich habe gewonnen?« Rook klang ungläubig. »Ich habe gewonnen.« Das zweite Mal war es nicht so sehr eine Frage, sondern vielmehr eine Feststellung. Dann sprang er endlich auf und sah mit einem triumphierenden Grinsen auf sie hinab. »Ich habe gewonnen!«

Nikki nickte, während sie lächelnd klatschte. Seine Begeisterung war ansteckend. »Natürlich hast du gewonnen. Du bist eben der Beste! Und jetzt lass uns mal deine Rede hören.«

Er holte rasch einen Stapel Moderationskarten aus der Innentasche seines Anzugjacketts, warf ihr eine Kusshand zu und machte sich auf den Weg zur Bühne. Er und Lamont umarmten sich, wobei Lamont ihm auf den Rücken klopfte. »Hast du dir redlich verdient, du Mistkerl.« Er bemerkte gar nicht, dass er das Mikro nicht abgeschaltet hatte. »Hast du dir redlich verdient. Ich hoffe nur, ich muss in Cambria kein Büro mit dir und deinem aufgeblasenen Ego teilen.«

Rook trat einen Schritt zurück und legte seine Hände auf Lamonts Schultern. »Es ehrt mich umso mehr, den Preis von dir überreicht zu bekommen«, antwortete er so, dass der ganze Saal es hören konnte. Nikki konnte selbst aus der Entfernung sehen, dass die Augen ihres Gatten spöttisch funkelten. »Mein aufgeblasenes Ego und ich werden immer ein Plätzchen für dich freihalten, Ray.«

Wieder brach im Saal Applaus aus, sodass Lamont nun herumfuhr. »Mist«, murmelte er und wirkte zu Tode erschrocken. »Äh, tut mir leid, liebes Publikum.« Er ließ seinen Blick kurz über selbiges gleiten, um den zu entdecken, der für die Technik verantwortlich war und das Mikro nicht rechtzeitig abgeschaltet hatte. Rook für seinen Teil fegte sich ein unsichtbares Staubkörnchen vom Revers und ging zum Bühnenmikrofon hinüber, nicht im Geringsten irritiert von dem kleinen Zwischenfall. »Der Tonfall zwischen alten Kollegen und Freunden ist manchmal ein wenig derber«, erklärte er und erntete dafür noch einmal Applaus. Dann hob er zu seiner Dankesrede an.

»Verschwörungstheorien«, begann er. »Sie waren es, die mich meine Liebe zu Ermittlungen entdecken ließen.«

Nikki schlug die Beine übereinander, nippte an ihrem Glas Chardonnay und lehnte sich zurück. Wenn sie etwas über Jameson Alexander Rook wusste, dann, dass er gern ausschweifende Reden hielt.

ZWEI

Rook war bei der Preisverleihung vollkommen in seinem Element. Nikki zog ein zurückgezogenes Leben vor, Rook dagegen liebte es, im Scheinwerferlicht zu stehen. Dieser fundamentale Unterschied zwischen ihnen beiden machte das Leben interessant, um es vorsichtig auszudrücken.

Er beherrschte das Publikum, sie beobachtete es. Das war in ihrer Beziehung ganz natürlich. Sie hatte schon vor langer Zeit, gleich nachdem sie ihre Mutter verloren hatte – was sie streng genommen allerdings gar nicht hatte, da ihre Mutter natürlich inzwischen von den Toten auferstanden war –, gelernt, wie naiv es war, nicht genau auf ihre Umgebung zu achten. Man konnte nie wissen, welcher Sturm sich hinter der nächsten Ecke zusammenbraute.

Deshalb hielt sie sich am Rand des Saals, um immer den ganzen Raum im Blick zu haben, und schnappte in ihrer Wanderung den einen oder anderen Gesprächsfetzen auf. Dabei fielen ihr besonders zwei Frauen auf, die am anderen Ende des Saals saßen und Rook aus der Ferne beobachteten.

»Gut aussehend und klug. Definitiv ein guter Fang!«, bemerkte eine von ihnen.

»Aber er ist nicht mehr zu haben«, erwiderte die andere.

Die erste nickte wissend. »Verheiratet.«

»Mit einer Polizistin. Hast du sie mal gesehen?«

»Nein, aber er ist so heiß! Ich bin sicher, sie verdient ihn gar nicht.«

Nikkis Unterkiefer klappte herunter. Sie verdiente Rook nicht? Wer waren diese Frauen, so über sie zu urteilen?

»Sie ist umwerfend, Sue«, widersprach die andere Frau. »Sie sind das perfekte Paar. Ich habe vor ein paar Wochen ein Interview mit Rook gesehen. Er hat sich förmlich überschlagen. ›Die perfekte Kombination von Intelligenz und Schönheit‹, hat er geschwärmt. Du hättest sein Gesicht dabei sehen sollen. Ich sage dir, der Mann ist verliebt.«

»Ist sie nicht hier?«

Die erste Frau nickte. »Groß, perfekte Haut. Sie hätte Model werden können, weißt du.«

»Warum ist sie dann Polizistin geworden?«

Die beiden sahen sich an und zuckten gleichzeitig mit den Schultern.

Nikki überließ sie kopfschüttelnd ihren Vorurteilen und Spekulationen über ihre Beziehung zu Rook und die Wahl ihrer Karriere. Worüber die Leute sich nicht alles den Kopf zerbrachen …

Nikki ging weiter und umrundete dabei auch einen Tisch voller Journalisten, an dem es recht lebhaft zuging. »Dieser Artikel war bestenfalls mittelmäßig«, sagte einer von ihnen.

»Richtig!«, erwiderte ein anderer und schlug heftig genug mit der flachen Hand auf den Tisch, dass die Salz- und Pfefferstreuer tanzten und die Cocktailgläser klirrten.

»Du bist doch nur eifersüchtig«, warf eine dritte Person am Tisch ein, eine Frau, die von Kopf bis Fuß in schwarze Pailletten gehüllt war. »Dieser Bericht über Lindsy Gardner und die Bestechungsaffäre … der war ziemlich gut.«

Nikki wollte sich vorbeugen, ebenfalls auf den Tisch hauen und sagen: »Verdammt richtig, der war wirklich gut!« Diese Story hatte alles. Gier, Macht. Eine lange verloren geglaubte Mutter. Eine Nahtoderfahrung. Rook hatte alles mühelos eingefangen, wie er gern sagte.

Nikki ging weiter und schnappte noch mehr Gespräche auf. Nur vereinzelte Worte, die im Raum hingen und ohne Kontext bedeutungslos waren.

Nach gut zwanzig Minuten kam sie schließlich zu Rook zurück, schlang ihren Arm um seine Taille und schmiegte sich an ihn. »Wollen wir langsam die Kurve kratzen, Großer?«

Doch anstatt auf ihren Vorschlag einzugehen, packte er ihr Handgelenk und wirbelte sie herum, sodass sie beinahe das Gleichgewicht verloren hätte. »Die Kurve kratzen? Bist du verrückt geworden? Wir können jetzt nicht gehen. Ich werde doch gerade erst warm. Siehst du die da drüben?« Er wies mit dem Whiskytumbler auf eine Gruppe von Leuten.

»Was ich sehe, sind eindeutig zu wenige Frauen. Ich meine, komm schon, Rook. Du willst mir doch nicht erzählen, dass Frauen keine preisgekrönten Artikel schreiben.«

Er wedelte mit der Hand vor ihrer Nase herum. »Natürlich tun sie das. Sei doch nicht albern. Ich habe gerade erst den Nellie-Bly-Award gewonnen. Und sieh mal da drüben«, meinte er und wies wieder mit dem Glas auf eine Frau. »Das ist Rebecca Reisenbold. Erst letztes Jahr hat sie den sehr exklusiven …« Er strich sich über das Kinn. »Wie hieß dieser Preis doch gleich?«

Niki schüttelte den Kopf. »Genau das meine ich, Rook.«

Er winkte verächtlich ab. »Nein, nein, nein, Nikki Heat. Wirf mich nicht in einen Topf mit diesen steifen, verknöcherten Tattergreisen!«

Sie spürte, wie ein Grinsen sich von einem Ohr zum anderen ausbreitete. Sie trat wieder näher an ihn heran und schob ihre Hand unter sein Jackett und schlang sie um seine Taille.

»Oh, Baby, ein bisschen steif darfst du schon sein?«

Sie spürte, wie er sich anspannte. Oh ja, jetzt hatte sie ihn. Sie wusste, dass seine Augen sich ein wenig weiteten. Wenn sie in einem Cartoon gewesen wären, hätte sein fester Griff um den Whiskytumbler das Glas sicher splittern lassen. Die Worte, die nun über seine Lippen kamen, waren beinahe unverständlich. »Ich … kann … steif … Garderobe … jetzt!«, stotterte er leise mit halb geschlossenen Augen.

Sie griff nach seiner Krawatte und zog ihn hinter sich her. »Sag ich doch. Wir kratzen die Kurve.«

»Oh ja«, sagte er wieder und folgte ihr dabei wie ein Tiger, den sie gezähmt hatte. »Ich mag es, wenn du die Krallen ausfährst.«

Ohne langsamer zu werden, stellte sie ihr Weinglas auf einem Tisch ab, an dem sie vorbeikamen. Rook, der ihr immer noch wie ein Schoßhündchen folgte, tat das Gleiche mit seinem Tumbler. Sie hatten beinahe den Ausgang erreicht, wo sie ein Taxi zu ihrem Loft in Tribeca rufen konnten. Keiner hatte sie aufgehalten, keiner hatte bemerkt, dass sie gingen. Nikki wollte gerade die Tür aufstoßen. Sie hatten es fast geschafft …

»Jamie, wo zum Teufel willst du denn jetzt schon hin?« Die dröhnende Stimme von Raymond Lamont ließ sie auf der Stelle stehen bleiben. Er schlenderte auf sie zu und schlug Rook mit einer Hand auf den Rücken. In der anderen hielt er ein Glas Whiskey.

Verdammt!, dachte Nikki. Es war so knapp gewesen.

Eine junge Frau tauchte hinter Lamont auf. Sicher nicht sein Date, schoss Nikki durch den Kopf, auch wenn es sie nicht überrascht hätte. Ein Professor, der sich mit einer Studentin einließ, wäre das ultimative Klischee.

»Es war ein langer Tag, weißt du«, erwiderte Rook. Heat hatte weiterhin eine Hand auf seinem Arm, in der Hoffnung, dass sie ihn hinausbugsieren könnte, solange es noch früh genug war, um am Wasser entlangzuspazieren, wenn sie erst wieder in Tribeca waren.

Lamont nickte Nikki zu und lächelte. »Du brauchst nichts mehr zu sagen. Eine wunderschöne Nacht für Liebende.«

Nikki zuckte innerlich zusammen. Es war nicht so, dass sie Lamont nicht mochte, aber du lieber Gott … Er konnte so schmierig sein! Andererseits war er allerdings auch interessant und klug. Er trug einen Ohrring und sie hatte sogar eine Tätowierung auf der Innenseite seines Handgelenks entdeckt, als sein Ärmel ein wenig hochgerutscht war. Aber er trank oft zu viel, und heute war einer dieser Tage. Er war nicht mehr ganz so sicher auf den Beinen wie zuvor auf der Bühne und er lallte.

»Aber bevor ihr geht, meine Lieben«, sprach er weiter, »möchte ich dir ein Mitglied deines Fanclubs vorstellen. Chloe Masterson, Jameson Rook.« Lamont schob die junge Frau sanft nach vorne.

Nikki hatte ihr halbes Leben damit zugebracht, Menschen zu beobachten und ihr Verhalten zu studieren. Sie hatte gelernt, Personen schnell einzuschätzen, auch wenn sie sich mit ihrem Urteil zurückhielt, bis sie mehr erfahren hatte. Ihr erster Eindruck dieses Mädchens war der einer selbstbewussten und starken Frau, die wusste, wie sie bekam, was sie wollte. Sie hatte schulterlanges schwarzes Haar, das von einem einfachen, dünnen Haarreif zurückgehalten wurde. Die reine Haut und die schlanke Figur verrieten Nikki, dass die junge Frau auf sich achtete. Ein wenig Wimperntusche und volle, rosa Lippen bewiesen, dass sie Wert auf ihr Äußeres legte, aber nicht übertrieb. Ihr Abendkleid, ein einfaches schwarzes, knielanges Etuikleid, saß wie angegossen. Sie trug das Kleid, nicht das Kleid sie.

Ihr Lächeln wirkte ein wenig gezwungen, offenbar mochte sie die Worte nicht, mit denen Lamont sie vorgestellt hatte. »Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen«, sagte sie und fügte hinzu: »Und eigentlich studiere ich Journalismus.«

Lamont straffte die Schultern und lallte: »Ich nehme alles zurück.« Dann leerte er sein Glas in einem Zug.

Chloe hatte eindeutig mit Rook sprechen wollen und Lamont dazu gebracht, sie einander vorzustellen, ein Beweis für ihre Entschlossenheit und Willensstärke. Nikki war klar, dass dieses Mädchen sich für seine Ziele einsetzte.

»Ich bewundere Ihre Arbeit sehr«, meinte Chloe.

»Nun, das kann ich wirklich gar nicht oft genug hören«, erwiderte Rook mit dem berüchtigten Funkeln in den Augen. »Hätten Sie gern ein Autogramm? Oder ein Foto? Haben Sie ein Smartphone?« Bevor sie antworten konnte, wandte er sich an Nikki: »Wärst du so freundlich …?«

»Nein, nein, Mr. Rook, ich bin kein Fan.« Sie errötete, fasste sich aber rasch wieder. »Das meinte ich nicht, tut mir leid. Natürlich bin ich ein Fan, aber deshalb wollte ich Sie nicht treffen.«

»Oh, jetzt machen Sie mich aber neugierig«, sagte Rook überrascht.

»Lass mich das erklären«, mischte Lamont sich ein. »Miss Masterson ist eine der Besten der Cambria. Sie ist wie du damals auf der Uni. Natürlich hast du alle Erwartungen übertroffen und ihr Chefredakteur ist bei Weitem nicht so talentiert, wie deiner es war.« Er brach in wieherndes Gelächter aus. »Aber das ist ein anderes Thema.«

»Lassen Sie mich raten«, kommentierte Nikki, »Sie waren sein Chefredakteur.« Sie schmunzelte so, dass nur Rook es erkennen konnte. Dass Rook alle Erwartungen übertroffen hatte, war eine Untertreibung.

»Chefredakteur. Vielleicht die großartigste Erfahrung, die ich je machen durfte. Sie hat mich auf den langen, gewundenen Weg geführt, an dessen Ende ich Dekan ebenjener Fakultät wurde, die uns beide hervorgebracht hat.« Lamont legte wieder die Hand auf Rooks Schulter und drückte sie. »Chloe hier ist genauso ehrgeizig und talentiert, wie wir es waren.«

»Sind«, verbesserte Rook ihn. »Wie wir es immer noch sind. Egal wie gut die Wahrheit verborgen ist, wir finden sie. Chloe, der alte Lamont hier hat vollkommen recht. Sie haben wirklich eine glänzende Zukunft vor sich.«

»Genau, was ich und alle anderen ihr auch prophezeien. Saunders persönlich hat sich mit ihr getroffen. Daily ist ihre Beraterin. Wir setzen große Hoffnungen in sie.« Er wandte sich an Chloe: »Sie, Mädchen, werden die Journalistenschule der Cambria berühmt machen.«

Zu Rook sagte er: »Diese junge Dame wird dir eines Tages die Hölle heiß machen, Jamie. Ich habe sie und auch meine anderen Studenten mit unseren journalistischen Werken aus der Zeit traktiert, als wir für das Journal gearbeitet haben. All die Berichte und Artikel, die wir geschrieben haben, die Partys, die wir geschmissen haben, die Abschussliste …«

Nikki fuhr zusammen. »Die was?«

»Storys, die wir vorgeschlagen oder angefangen, aber nie beendet haben«, erklärte Rook.

»Professor Lamont könnte den ganzen Tag lang Geschichten erzählen«, bestätigte Chloe.

Nikki hörte eine Spur Sarkasmus in ihrer Stimme, doch Lamont schien er zu entgehen. »Sie war fest entschlossen, dich zu treffen«, erklärte er Rook.

»Ausgezeichnet«, meinte Rook.

Nikki beugte sich zu ihr. »Ich habe Lamont schon öfter zuhören müssen«, sagte sie leise. »Ich fühle mit Ihnen.«

Chloe schenkte ihr ein wissendes Lächeln. »Captain Heat, nehme ich an …?«

Beeindruckend, dachte Nikki. Dass die Kleine mit Rook hatte sprechen wollen, lag auf der Hand, aber sie hatte ihre Hausaufgaben gemacht und auch über seine Frau zumindest das Wichtigste nachgelesen. Das warf ein völlig neues Licht auf diese Unterhaltung. Es war keine zufällige Begegnung. Nikki war in der Vergangenheit bereits Rooks Fans begegnet, sowohl ausgeflippten als auch anderen, aber diese Frau hier war anders. Sie hatte ein Ziel.

»Also, Miss Masterson«, meinte Rook. »Sie sagen, Sie sind mehr als nur ein Fan. Was kann ich«, an dieser Stelle nahm er Nikki in den Arm, um sie einzuschließen, »was können wir für Sie tun?«

Lamont sah auf sein leeres Glas hinab und entschuldigte sich. »Ich nutze diese Gelegenheit, um mich zu entschuldigen«, sagte er. Er schlenderte in Richtung der Bar und warf noch einen Blick über die Schulter. »Wir sehen uns dann auf dem Campus, Rook.«

Als sie allein waren, richtete Chloe ihren durchdringenden Blick aus den dunklen Augen wieder auf sie. »Mr. Rook, es geht nicht darum, was Sie für mich tun können. Sondern darum, was ich für Sie tun kann.«

»Eine spannende Eröffnung. Sie haben meine Neugier geweckt, meine Liebe«, gab Rook eine seiner besten Sherlock-Holmes-Imitationen zum Besten.

Nikki rollte mit den Augen, musste aber zugeben, dass auch ihre Neugier geweckt war.

»Ich schaffe es nicht, dieses Semester einen Kurs bei Ihnen zu belegen, und werde im Frühjahr meine Abschlussarbeit schreiben, aber ich würde gern mit Ihnen sprechen, während Sie an der Uni sind. Natürlich nur, wenn das für Sie in Ordnung ist.«

»Gastprofessur bedeutet, dass jeder, der an meinem Wissen teilhaben will, herzlich eingeladen ist, mein Gast zu sein«, erklärte Rook.

Nikki schwieg dazu. Es lief gut zwischen ihr und Rook. All die Dramen, die sie in den letzten Monaten erlebt hatten, waren vorüber und nun lebten sie einfach nur ihr Leben. Das war ein seltener Zustand. Nikkis Mutter lebte und war wohlauf. Sie war nicht einfach nur wohlauf, sie befand sich auf Hochzeitsreise, und zwar mit niemand anderem als dem Vater von Nikkis CIA-Kumpel Derrick Storm. Beide behaupteten, es sei Liebe auf den ersten Blick gewesen. Heat ließ ihren Blick über Rook wandern. Sie selbst hatte sich mit Zähnen und Klauen dagegen gewehrt, aber sie wusste, wovon ihre Mutter sprach. Keiner von ihnen wollte auch nur eine weitere Minute verschwenden.

Außer Jameson Rook, wie es schien. Der zweifache Pulitzer-Preisträger von der First Press. Der unglaublich gut aussehende investigative Journalist. Ihr Ehemann. Er war durchaus gewillt, eine weitere ihrer kostbaren Minuten zu verschwenden. Oder besser, 172.800 Minuten, was in etwa den vier Monaten entsprach, die er damit verbringen wollte, an der Cambria University den Professor zu spielen. Aber wer zählte die schon?

»Ich arbeite für das Cambria Journal, wie Professor Lamont schon sagte. Ich bin Reporterin dort.«

»Ein großartiges College und eine großartige Zeitung«, erklärte Rook. »Ich habe die ganzen vier Jahre, die ich dort verbracht habe, für das Journal geschrieben. Ich kann ehrlich behaupten, dass ich ohne das Cambria Journal nicht der preisgekrönte Journalist wäre, der ich heute bin.«

»Sie sind eine Inspiration, Mr. Rook«, meinte Chloe. »Schon ihre Arbeit als Student war inspirierend. Mein Gott, ich wette, Ihre Notizbücher gehören in ein Museum. Haben Sie sie noch? Sie haben die Ausrichtung der Zeitung verändert, wissen Sie das? Und die Messlatte für uns alle etwas höher gelegt.«

Nikki räusperte sich. Es war durchaus möglich, dass Chloe tatsächlich die Präsidentin des Jameson-Rook-Fanclubs war. Groupies gab es nicht nur bei Rockmusikern. Oder … vielleicht war sie auch einfach nur sehr gut darin, sich einzuschmeicheln. Wenn sie nicht bald das Gespräch beendeten, dachte Nikki, würden sie vielleicht nie von hier verschwinden können. »Chloe, wir waren gerade auf dem Sprung. Sicher können Sie noch einmal mit Rook sprechen, wenn er auf dem Campus …«

»Oh! Natürlich! Tut mir sehr leid.« Sie trat mit besorgtem Gesichtsausdruck einen Schritt zurück. »Ich wollte Sie nicht aufhalten.«

Rook warf Nikki einen raschen Blick zu. Jetzt lass das arme Mädchen doch, sagte dieser Blick. Sie trifft gerade ihr großes Vorbild.

Er wandte sich wieder Chloe zu. »Sie haben uns nicht aufgehalten. Ich habe immer Zeit für angehende Journalisten.«

»Das bin ich wirklich. Ich recherchiere gerade für eine Story. Ich denke, Sie fänden sie wahrscheinlich recht interessant, genau Ihr Thema: Sku…«

Sie unterbrach sich, als Nikki seufzte.

»Tut mir leid, ich will Sie nicht länger stören. Ich sehe Sie dann auf dem Campus, Mr. Rook.«

»Ich freue mich darauf«, erwiderte Rook. »Und ich freue mich darauf, mit Ihnen über meine Erfahrungen zu sprechen.«

Nikki verstand vollkommen. Chloe hatte den Hattrick geschafft, um Rooks volle Aufmerksamkeit zu gewinnen: Sie hatte sein Ego gebauchpinselt, mit ihrer kurzen Anspielung auf die exklusive Studentenverbindung Skull & Bones seine Vorliebe für Verschwörungstheorien angesprochen, angedeutet, dass sie seinen Rat zu ihrem neuesten Artikel wollte, und seine bescheidenen journalistischen Anfänge gewürdigt. Nikki würde allerdings nicht zulassen, dass er von dem Schwarzen Loch verschlungen wurde, das die junge Frau geöffnet hatte. Sonst kämen sie wohl nie wieder in ihr Loft zurück. Sie packte ihren Mann am Jackettärmel und trieb ihn vor sich her. »Okay, klasse! Er wird Sie dann bald empfangen. Hat mich gefreut, Chloe.«

Rook ließ sich von ihr aus dem Saal zerren, wandte sich aber noch einmal zu Chloe um, bevor ihm die Tür vor der Nase zufiel. »Bis nächste Woche!«

Chloe nickte. »Ich zähle schon die Sekunden!«, rief sie zurück.

Ein paar Minuten später standen Nikki und Rook vor dem Gebäude und blickten auf die vorbeirollenden Taxis. »Sieht aus, als wäre die Präsidentin deines Fanclubs zu allem entschlossen«, begann Nikki.

»Dann glaubst du das auch? Ich dachte, nur ich hatte diesen Eindruck. Ich frage mich, welchen Rat ich den jungen, formbaren Geistern des einundzwanzigsten Jahrhunderts noch geben kann, den sie nicht schon gehört haben.« Er strich sich nachdenklich übers Kinn.

Nikki hatte nur gescherzt, aber Rook tat das nicht. Sie war zufrieden damit, sich hinter den Kulissen zu bewegen, aber Rook liebte das Rampenlicht. Kein Wunder, dass er diese Gastprofessur unbedingt hatte annehmen wollen. Plötzlich ergab das alles Sinn. Vier Monate lang würde Rook der Experte in allen journalistischen Fragen sein und ob er sich dessen nun bewusst war oder nicht, ein Teil von ihm würde die Bewunderung der Collegeanfänger an der Cambria zutiefst genießen. Rook würde im siebten Himmel sein.

Und Nikki auf sich allein gestellt.

DREI

»Captain, ist alles okay?«

Sean Raley, eine Hälfte des besten Teamleiterpaares in ganz New York, sah mit einer Mischung aus Besorgnis und Neugier zu Heat hinüber. Sie mochte nicht, dass eine der beiden Emotionen auf sie gerichtet war, geschweige denn beide. Sie war stolz auf ihre Professionalität. Auf ihre Fähigkeit, logisch, aber auch pragmatisch zu denken.

Verdammter Jameson Rook! Ihre Gedanken kreisten nur um ihn und das musste aufhören. Sie verdrängte jegliche kitschig-romantische Vorstellung von einer perfekten Ehe, entschlossen, sich mit Rook und seiner Gastprofessur später zu befassen, und wandte ihre volle Aufmerksamkeit Raley zu. Sie tat seine Frage mit einer knappen Handbewegung ab. »Ja, natürlich, mir geht’s gut. Was gibt es?«

»Eine Leiche«, antwortete er.

Ihr Puls beschleunigte sich. Ihre Beförderung zum Captain hatte sie verändert. Sie hatte den Job lieber selbst angenommen, als zu riskieren, einen möglicherweise unfähigen neuen Captain vor die Nase gesetzt zu bekommen. Aber dem Zwanzigsten Revier vorzustehen hatte ihren Aufgabenbereich grundlegend verändert. Statt der Ermittlungsarbeit als Detective bestand ihr Tagwerk nun vorwiegend aus Bürokratie. Die meiste Zeit verbrachte sie damit, sich mit den Lamettaträgern in der One Police Plaza auseinanderzusetzen, sich mit Papierkram zu befassen, Berichte entgegenzunehmen und sich mit dem ganzen Kleinkram herumzuschlagen, der für den Oberboss einer Mordkommission so anfiel.

Der Trick bestand darin, sich einen Ausgleich zu schaffen, indem man sich weiter an den Ermittlungen beteiligte. Jetzt gerade war die Chance, wieder einmal im Einsatz zu sein, wie ein Juckreiz, den sie nicht ignorieren konnte.

»Ich höre«, antwortete sie.

»Im Augenblick sind die Details noch etwas vage.« Diesmal war es Miguel Ochoa, die andere Hälfte des dynamischen Detective-Duos, der das Wort ergriff.

»War es ein Unfall?«, wollte sie wissen. Nicht jeder Tote, der ihnen bei der Arbeit begegnete, war ein Mordopfer.

»Unwahrscheinlich.«

»Todesursache?«

»Unbekannt.«

»Alter?«

»Ebenso unbekannt.«

Heat fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Ihre Frustration wuchs. »Gibt es überhaupt einen Toten, Miguel?«

Er gab ein unverbindliches Grunzen von sich. »Da sind wir uns ziemlich sicher.«

Raley und Ochoa waren fantastische Polizisten. Die besten, mit denen sie je gearbeitet hatte. Aber sie hatten auch ihre Macken, besonders die, in den unpassendsten Augenblicken dumme Witze zu reißen. Allerdings waren sie ständig von Tod und Gewalt umgeben, da konnte etwas Aufheiterung nicht schaden. Nikki selbst war eher ernsthaft veranlagt. Sie beteiligte sich in der Regel nicht an den Witzeleien, hinderte ihr Team aber nicht daran, herumzualbern oder die generelle Stimmung im Großraumbüro mit ihrer Art etwas aufzulockern. Stattdessen spielte sie immer ihren Part des aufrechten Staatsdieners.

Aber im Augenblick reizte sie das Schneckentempo, in dem die beiden häppchenweise mit ihren Informationen herausrückten. »Sie sind ziemlich sicher? Was genau hat das zu bedeuten?«

»Er wurde noch nicht untersucht. Die Situation ist ein wenig ungewöhnlich.«

»Klingt so,« kommentierte sie.

»Wir kommen gleich zum Punkt, Cap«, beschwichtigte Raley.

»Oh, dass Sie das tun, weiß ich. Aber lassen Sie mich das mal zusammenfassen. Wir gehen davon aus, dass wir eine Leiche haben, kennen aber weder das Alter noch die Todesursache, und nehmen an, dass es wahrscheinlich kein Unfall war. Was lässt Sie vermuten, dass es Mord war?«

»Ich dachte schon, Sie fragen nie, Cap«, erwiderte Ochoa ein wenig zu lässig für ihren Geschmack. Heat rollte mit den Augen, aber hielt ihren Ärger im Zaum. »Unser Opfer wurde heute Morgen auf einer der Skulpturen im Reflexionsbecken auf der Plaza des Lincoln Center gefunden.«

Das überraschte sie. Es gab nicht viele Premieren, was Leichenfunde in Manhattan anging. Leichen in Gassen. Leichen in Mülleimern. Leichen im Bett. Leichen in Autos. Es gab eine Menge unappetitlicher Orte, aber … »Auf der Skulptur?«

Miguel blätterte in seinen Notizen. Ob er nun an einem Tatort, noch unterwegs oder schon lange wieder weg war, er machte sich wie jeder gute Polizist ausführliche Notizen. Die Wahrheit war, dass Cops mit einem Stift in der Hand starben. Wenn etwas nicht in einem Bericht stand, dann war es, als sei es nicht geschehen. Die Tage, in denen die Worte eines Polizisten als bare Münze gegolten hatten, waren lange vorbei. Berichte zu schreiben und einzureichen war ein Fluch im Dasein eines jeden von ihnen, aber es war ein notwendiges Übel. Alles hing davon ab. Ein Verbrecher würde freikommen, wenn es in den Notizen Abweichungen gab oder der Ablauf in den Notizen des einen nicht mit dem des anderen übereinstimmte.

Er las direkt aus seinen Notizen vor. »›Leiche auf Skulptur gefunden.‹«

»Auf der Skulptur? Nicht im Wasser?«, überlegte Heat.

»Nicht im Wasser«, bestätigte Ochoa.

»Dann ist er also nicht ertrunken.«

»Sieht nicht so aus.«

»Gefunden auf einer Skulptur an der Lincoln Center Plaza.«

»Auf einer Skulptur im Reflexionsbecken«, warf Ochoa ein.

In New York gab es einfach keine langweiligen Tage. Sie trank den letzten Rest ihres kalten Kaffees aus und stand auf.

»Dann mal los.«

Durch den New Yorker Stadtverkehr zu kommen war kein leichtes Unterfangen. Heute allerdings war es besonders schwierig. Es schien, als sei jedes private Fahrzeug, jeder Uber, jeder Lyft, jedes Taxi und jeder, der auch noch so schlecht fahren konnte, auf der Straße in genau die gleiche Richtung unterwegs wie Heat. Ihr Ziel lag nur rund zwanzig Blocks vom Revier in der Zweiundachtzigsten Straße entfernt, doch es hätte sich genauso gut in Chelsea befinden können, so langsam, wie die Autos im Schritttempo dahinkrochen. Sie war in New York geboren und aufgewachsen. Dieser Ort war ihr in Fleisch und Blut übergegangen, ja, sogar in die Knochen. Er war in ihre Poren eingedrungen und sie würde nie in der Lage sein, ihn abzuwaschen. Zum Teufel, das wollte sie auch gar nicht. Sie war ein Teil von New York und New York war ein Teil von ihr.

Aber du liebe Güte … auf diesen Verkehr hätte sie verzichten können.

Besonders am Ende des Sommers verlangte New York einem besondere Geduld ab, über die Nikki derzeit nur in einem sehr geringen Maß verfügte. Sie war auf der Columbus unterwegs, hatte gerade die Dreiundsiebzigste überquert und noch nicht einmal die halbe Strecke zum Lincoln Center hinter sich, als das rote Inspektionslämpchen in der linken Ecke des Tachos ihres Polizeiautos aufleuchtete. Gleich darauf kroch der Temperaturanzeiger in den roten Bereich. Eine Hitzewelle hatte die Stadt im Griff und ihr Wagen zahlte den Preis dafür.

»Na toll«, murmelte sie. Das passierte ihr nicht zum ersten Mal. Damals hatte sie es gerade noch geschafft, den West Side Highway zu verlassen, doch bis sie die Ausfahrt erreicht hatte, war der Wagen nur noch Schritttempo gefahren. Nur mit Ach und Krach hatte sie die nächste Tankstelle erreicht. Zur Beförderung hatte sie auch einen neuen Dienstwagen bekommen, aber der befand sich gerade zur Inspektion in der Werkstatt. Zum denkbar schlechtesten Augenblick, aber das ließ sich jetzt nicht mehr ändern. Man hatte sie vor zwei Tagen informiert, dass er fertig war, aber sie war noch nicht dazu gekommen, ihn abzuholen. Immer war etwas anderes wichtiger gewesen. Sie schlug mit dem Handballen aufs Lenkrad. Sie hätte sich die Zeit nehmen sollen, verdammt noch mal! Sie spähte hinaus und konnte sehen, dass die Luft über dem heißen Asphalt flirrte.

Alles, was sie tun konnte, war weiterzuschleichen, das Fenster herunterzulassen und ihren Arm hinaus in die schwüle Luft zu halten, um den Fahrern hinter ihr zu signalisieren, sie sollten sie überholen. Die New Yorker waren nicht für ihre Höflichkeit bekannt. Hupen erklangen. Die Leute pöbelten aus ihren Autofenstern. Sie musste den Wagen ein paarmal neu starten und fluchte selbst ausgiebig, bis sie ihn endlich auf die rechte Spur lenken konnte. Wundersamerweise fand sie am Straßenrand gleich einen Parkplatz und stellte den Motor ab. Sie stieg aus in die Hitze, um über ihre Optionen nachzudenken. Es gab nur wenige. Ochoa steckte vermutlich selbst irgendwo vor ihr im Verkehr fest. Er hatte seinen eigenen Dienstwagen genommen, damit sie sich nach der Besichtigung des Tatorts aufteilen konnten. Sie könnte ihn anrufen, aber das würde ihm nur Umstände bereiten und sie beide Zeit kosten. Raley befand sich bereits vor Ort und sie wollte ihn nicht von dort abziehen. Also suchte sie die Columbus nach einer Streife ab. Ein Meer von Fahrzeugen breitete sich vor ihr aus, aber keines von ihnen gehörte zum NYPD.

Für einen kurzen Augenblick dachte sie daran, Rook anzurufen. Sie holte sogar ihr Telefon heraus, suchte seine Nummer und ließ den Finger über seinem schelmisch lächelnden Gesicht schweben. Warum zögerte sie? Selbstschutz? Seit dem Tod ihrer Mutter – oder besser: dem vermeintlichen Tod ihrer Mutter, als sie damals zu Thanksgiving vom College nach Hause gekommen war – hatte Nikki alles getan, um ihr Herz zu schützen. Rook hatte sich einen Weg hineingebahnt, aber nun, da er für ein Semester fort sein würde, spürte sie, wie sie sich wieder in sich zurückzog.

Statt also den Finger auf seinen Namen zu legen, ging sie hinüber zur Bordsteinkante. Ein Taxi zu rufen ergab viel mehr Sinn. Sie sah die Straße hinauf. Der Verkehr war gesprenkelt mit den traditionellen gelben Taxis, die meisten mit den typischen pyramidenförmigen Aufsätzen auf dem Dach, einige mit Werbung auf den Türen, die meisten besetzt.

Sie hob den Arm, um sich das nächste freie zu schnappen, aber es fuhr an ihr vorbei. Wieder fluchte sie im Stillen. Dann klingelte plötzlich ihr Handy. Sie erwartete, dass es eine Hälfte von Roach, dem Spitznamen für Raley und Ochoa, war, der sich fragte, wo sie blieb, aber es war Rooks Gesicht, das auf dem Display erschien. Nikki lächelte unwillkürlich. Sie hatten wie jedes Ehepaar ihre Differenzen, aber von denen abgesehen, verstanden sie sich ohne Worte. Sie waren miteinander verschmolzen, wie Rook es immer nannte. Sie nahm den Anruf an und hob das Handy ans Ohr. »Wenn man vom Teufel spricht.«

»Du hast also von mir gesprochen?«, witzelte er.

Sie konnte die Belustigung in seiner Stimme hören und wie eine pawlowsche Reaktion breitete sich Hitze in ihrem Körper aus.

»Das nicht, aber …«, meinte sie.

»Ah, also hast du an mich gedacht.« Es klang, als habe er ein schwieriges Rätsel gelöst. »Sei gewarnt. Dieser Teufel ist ruchlos und er macht keine Gefangenen.«

»Als ob ich das nicht wüsste.« Sie hätte den ganzen Tag hier stehen und endlos mit ihm herumalbern können, aber da war eine Leiche, die auf sie wartete. »Hör mal, ich bin gestrandet und versuche, zu einer bei dieser Hitze mittlerweile wahrscheinlich halb verwesten Leiche zu kommen. Gibt es irgendwas, bei dem ich dir helfen kann?«

Seine Stimme wurde ernst. »Gestrandet?«

»Motor überhitzt.«

»Wo?«

Sie sah wieder die Straße auf und ab und bemerkte ein möglicherweise leeres Taxi. Sie hob die Hand und sagte: »Zweiundsiebzigste, auf dem Weg zum Lincoln Center.« Das Taxi fuhr an ihr vorbei.

»Also brauchst du nicht den Teufel, sondern einen Ritter in schimmernder Rüstung.«

Sie ließ die Hand wieder sinken und hielt nach dem nächsten Taxi Ausschau. »Äh, nein. Der Teufel ist viel unterhaltsamer. Und ein Taxi würde mir völlig reichen. Aber es sind ja nur vierzehn Blocks. Vielleicht laufe ich einfach.«

»In dieser brütenden Hitze? Blödsinn, Frau. Ich bin gerade zufällig auf dem Weg zum Met.«

»Warum?«, fragte sie wider besseres Wissen. Man konnte nie wissen, welchen Streich der verrückte Rook nun wieder plante. Was auch immer es sein mochte, sich damit zu befassen stand gerade nicht auf dem Plan.

»Ich habe den Morgen im Loft damit verbracht, an meinen Unterlagen für die Vorlesungen an der Cambria zu arbeiten. Ich brauchte eine Abwechslung. Und eine Klimaanlage.«

Sie hörte nur halb hin, da ein weiteres Taxi aufgetaucht war, aber dann blieben ihre Gedanken plötzlich an seinen Worten hängen. Dass er an seiner Vorlesung arbeitete, machte diese Gastprofessur so viel realer. Schweiß rann ihr über den Rücken. Warum bekam sie denn nur kein Taxi, verdammt noch mal?

»Das wird schon werden, Heat«, sagte er in ihr plötzliches Schweigen hinein.

»Aber warum musst du überhaupt gehen?«, wollte sie wissen. Sie ließ ihren Emotionen nur selten freien Lauf, aber ihr war heiß, um Himmels willen, und sie war verletzt. Ihr Ehemann verließ sie.

»Die Cambria ist doch gleich im Umland, nicht an der Westküste. Heat, wir werden uns die ganze Zeit sehen. Ich werde dich besuchen. Du weißt doch, dass meine Mutter in ein paar Wochen ihre Premiere hat. Schon allein dafür werde ich zurückkommen müssen.«

Danke, Gott, für Margaret Rook, die Schauspielerin. Plötzlich ertönte in einiger Entfernung eine Hupe. Ein Taxi, endlich! Sie wandte sich um und blieb sofort wie angewurzelt stehen. Es war kein freies Taxi, stattdessen hielt eine silberne Lincoln-Limousine vor ihr am Straßenrand. Das Fenster im Fond auf der Fahrerseite wurde heruntergelassen. »Hier kommt dein Ritter in schimmernder Rüstung«, verkündete Rook. Er grinste zum Fenster hinaus. Sein bloßer Anblick beruhigte den Tumult in ihrem Inneren. Er hatte einfach diese Wirkung auf sie.

Er war wie Houdini und tauchte immer im genau richtigen Moment auf. »Ich brauche keinen Ritter, Rook. Den habe ich nie gebraucht. Wie bist du so schnell hergekommen?«

»Ich sagte doch, ich bin unterwegs zum Met. Ich habe meinem Fahrer gesagt, er soll vom Central Park West abbiegen und die Columbus zurückfahren.« Er legte die Hand aufs Herz. »Ritter. In. Schimmernder. Rüstung.«

Sie stieg neben ihm ins Auto und als die kühle Luft sie einhüllte, besserte sich ihre Laune sofort. »Du hast wirklich ein ziemlich gutes Timing«, meinte sie lächelnd.

»Ich weiß.« Er hob den Arm, die Hand zur Faust geballt, als halte er eine Lanze. Dem Fahrer rief er zu: »Zum Lincoln Center, guter Mann.«

Der Fahrer blinzelte nicht einmal. Er war Rooks Albernheiten und seine exzentrische Art gewohnt. Mühelos fädelte er wieder in den Verkehr nach Süden ein. Heat verzog unwillkürlich das Gesicht. Offenbar hatten sich all die mürrischen New Yorker wie durch Zauberei in aufmerksame Fahrer verwandelt.

»Also, wo waren wir?«, fragte Rook.

»Du hat mir erzählt, dass du planst, zur Broadway-Premiere deiner Mutter zurückzukommen.«

»Ja, natürlich. Und du kommst mich an der Cambria besuchen.« Er stemmte die Fäuste an die Hüften – soweit das im Sitzen in einer Limousine ging – und drehte leicht den Kopf. Wenn er einen rotblauen Spandexanzug getragen hätte, hätte er ganz wie Superman ausgesehen. »Denn seien wir doch mal ehrlich: Du kannst ohne das hier nicht leben.«

So lächerlich er auch aussah und so sehr er sie manchmal auch nervte, er hatte recht. Sie konnte nicht ohne ihn leben. Bevor sie das jedoch aussprechen konnte, schlang er seinen Arm um ihre Taille und zog sie näher zu sich. »Und was mich betrifft, ich kann ganz sicher nicht ohne dich leben.« Plötzlich wirkte er geschlagen, wie ein Mann, der gerade erkannt hatte, dass er an der Schwelle des Todes stand. »Oh mein Gott, Heat. Was habe ich mir nur dabei gedacht, diesen Lehrauftrag anzunehmen? Ich kann mich doch nicht für ein ganzes Semester von dir trennen. Warum, warum, warum nur habe ich mir das angetan? Wie konnte ich dir das antun? Dieses Leid. Die Qual! Das leere Bett!«