Chefarzt Dr. Holl 1976 - Helene König - E-Book

Chefarzt Dr. Holl 1976 E-Book

Helene König

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Beschreibung

Jenny erfasst die Panik. Warum hat sie sich nur zu diesem Ausflug in die Kletterhalle überreden lassen? Nun hängt sie in zwanzig Metern Höhe in der Wand, verzweifelt klammert sie sich an den Griffen fest, unfähig, sich zu bewegen. Klettertrainer Alex erkennt den Ernst der Situation. Furchtlos hangelt er sich hoch. Er beruhigt Jenny und bringt sie sicher auf den Boden zurück.
Nach dem dramatischen Erlebnis kommen sich Jenny und ihr Retter näher. Sie ist fasziniert von Alex‘ Wagemut. Der Klettertrainer ist auch ein Star im Internet. Seine Videos, in denen er Steilwände ohne jegliche Sicherung bezwingt, werden von Zehntausenden gesehen.
Sie begleitet ihn nun immer öfter auf Klettertouren in die Berge. Während sie gegen ihre Ängste weiter ankämpfen muss, werden Alex‘ Aktionen immer waghalsiger - ja, immer leichtsinniger. Kennt dieser Mann denn keine Furcht? Da begreift Jenny, dass nicht sie es ist, die ein Problem hat, sondern Alex. Ein Problem, das er mit dem Leben bezahlen könnte ...

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Seitenzahl: 123

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

Cover

Der Mann ohne Angst

Vorschau

Impressum

Der Mann ohne Angst

Niemand kennt den wahren Grund für Alex' Leichtsinn

Von Helene König

Jenny erfasst die Panik. Warum hat sie sich nur zu diesem Ausflug in die Kletterhalle überreden lassen? Nun hängt sie in zwanzig Metern Höhe in der Wand, verzweifelt klammert sie sich an den Griffen fest, unfähig, sich zu bewegen. Klettertrainer Alex erkennt den Ernst der Situation. Furchtlos hangelt er sich hoch. Er beruhigt Jenny und bringt sie sicher auf den Boden zurück.

Nach dem dramatischen Erlebnis kommen sich Jenny und ihr Retter näher. Sie ist fasziniert von Alex' Wagemut. Der Klettertrainer ist auch ein Star im Internet. Seine Videos, in denen er Steilwände ohne jegliche Sicherung bezwingt, werden von Zehntausenden gesehen.

Sie begleitet ihn nun immer öfter auf Klettertouren in die Berge. Während sie gegen ihre Ängste weiter ankämpfen muss, werden Alex' Aktionen immer waghalsiger – ja, immer leichtsinniger. Kennt dieser Mann denn keine Furcht? Da begreift Jenny, dass nicht sie es ist, die ein Problem hat, sondern Alex. Ein Problem, das er mit dem Leben bezahlen könnte ...

Er erstickte. Sie sah es. Sie hörte es. Vor ihren Augen rang dieser kleine Junge nach Luft, würgte und hustete. Sein Gesicht wurde erst rot, dann blass, dann färbte es sich blau-violett. Er röchelte. Krümmte sich. Und dann sah er hilfesuchend zu ihr hinauf. Flehend, bittend.

Hilfe, sagten seine geschwollenen Augen. Bitte, bitte, hilf mir.

Sie wollte auch helfen. Unbedingt. Sie wollte es nicht nur, es lag sogar in ihrer Verantwortung.

»So tun Sie doch was!«, sagte irgendjemand neben ihr, vermutlich die korpulente Frau von vorhin, die sich erst geweigert hatte, den Aufpreis für ihr falsches Ticket zu zahlen. »So helfen Sie ihm doch!«

Jenny wollte nichts lieber, als diesen kleinen Jungen zu retten. Sie ertrug das Leid nicht, das sich vor ihr abspielte. Sie wollte ihn packen, ihn schütteln, ihn von seiner Not erlösen. Aber sie konnte es nicht. Jenny Schwarz, die Frau, die für genau solche Situationen ausgebildet war, war wie erstarrt. Sie konnte sich nicht rühren. So sehr sie es auch versuchte, ihr Körper gehorchte ihr nicht. Und während sie stocksteif dastand, wurde das Gesicht des kleinen Jungen dunkler und dunkler und ...

»Hallo! Erde an Jenny! Wo bist du schon wieder mit deinen Gedanken?«

Jenny kniff die Augen zusammen. Als die junge Frau sie wieder öffnete, war sie von ihrer schrecklichen Erinnerung erlöst. Das Zugabteil, das leise Ruckeln unter ihren Füßen und auch die Passagiere waren verschwunden. Stattdessen spürte sie den Asphalt durch ihre dünnen Sohlen, warme Herbstsonne auf dem Rücken und den bohrenden Blick ihrer schmollenden Arbeitskollegin.

Diese trug allerdings nun keine Uniform, sondern eine lässige Kletterhose. Der Sportrucksack hing ihr über die linke Schulter, die schwarzen, schulterlangen Haare waren locker zu einem Mini-Dutt hochgesteckt. Jenny sah an Sandra vorbei den weiß-schwarzen Gebäudeblock hinauf, der sich wie ein Riese vor ihr aufbäumte. Eine Krähe umkreiste die oberen Etagen, weiter unten kletterten Menschen an bunten Griffen die Außenfassade hinauf.

Jenny schluckte. Heaven's Gate hieß die Halle, die sie gleich betreten wollten. Die Himmelspforte. Nach ihrem Geschmack keine sehr himmlische Vorstellung.

»Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist«, sagte die blonde Frau vorsichtig, mehr zu sich selbst als zu Sandra. Sie beobachtete einen Kletterer, der mit Schwung einen der Griffe packte und sich wie ein Äffchen weiter hochhangelte. Beim bloßen Zusehen wurde ihr schwindelig.

Sandra seufzte hörbar.

»Nichts da! Du hast gesagt, du willst nach diesem fürchterlichen Vorfall auf andere Gedanken kommen. An deine alte Abenteuerlust anknüpfen. Nirgendwo entkommst du deinem schwarzen Loch besser als hier. Also hier ist er, dein Weg hinaus aus deinem melancholischen Zustand und zurück in ein buntes, furchtloses Leben.«

Voller Ehrfurcht betrachtete Jenny den Eingang. Aber Sandra hatte ja recht. Sie war ihrer Kollegin sogar unglaublich dankbar für diesen Ausflug. Ansonsten hätte sie ihre Wohnung erst für den nächsten Dienstantritt wieder verlassen. Dass sie ihre nächste Schicht erst in drei Tagen hatte, verdankte sie ihrem herzensguten Chef, der nach dem Ereignis mit dem kleinen Jungen sofort den Dienstplan angepasst hatte.

»Hier, Jenny«, hatte er ihr nach Feierabend erklärt und ihr noch vor dem Spind den Zettel mit den neuen Dienstzeiten in die Hand gedrückt. »Das gibt dir ein bisschen Raum, den Kopf wieder freizubekommen.«

Solche Gefälligkeiten waren absolut keine Selbstverständlichkeit in ihrem Job als Zugbegleiterin, wo Bereitschaft, Flexibilität und Zuverlässigkeit gefragt waren. Doch ihr Vorgesetzter setzte sogar noch einen drauf.

»Und mach dir keine Gedanken. Die anderen wissen schon Bescheid. Keiner wird dich für einen Schichttausch anrufen.«

Sie musste fürchterlich ausgesehen haben. Vermutlich wollte er mit dieser Mini-Auszeit einem möglichen mentalen Zusammenbruch vorbeugen, bei dem sie mehrere Wochen ausgefallen wäre.

Die Tage in Bayern wurden kürzer, ein kühler Herbst kündigte sich an. Er brachte meist grippale Infekte und viele kranke Mitarbeiter mit sich. Ihr Chef musste also sicherstellen, für diesen Fall die übliche, zähe Jenny an seiner Seite zu haben.

»Was ist nun?«, fragte Sandra neben ihr und holte sie zurück in die Gegenwart. »Komm schon. Ich hab meinen freien Tag für dich geopfert.« Jenny hörte das Drängen in ihrer Stimme.

»Es ist lange her, dass ich klettern war«, fing sie zögerlich an. »Zuletzt in der Schulzeit, als ich noch etwas wagemutiger war.«

»Und ich bin normalerweise nur bouldern«, erwiderte ihre Kollegin. »Ich kenne mich also auch überhaupt nicht mit Seilklettern und Sichern aus. Damit ist es für uns beide etwas Neues! Für dich sogar weniger neu, wenn du es noch von früher kennst. Gib dir einen Ruck! Du hast schon öfter gesagt, dass du deine Höhenangst überwinden willst. Dafür ist Klettern perfekt! Es ist ein ziemlich sicherer, toller Sport. Und da oben kommst du ganz sicher auf andere Gedanken.«

Die verunsicherte Frau sah noch einmal die Außenwand hinauf, an der ein Kletterer nach dem obersten Griff einer Route tastete. Er verlor das Gleichgewicht, rutschte aus und fiel hinab. Erst nach mehreren Metern fing das Seil seinen Sturz auf und bewahrte ihn vor dem schmerzhaften Aufprall auf dem Boden.

Jenny wandte den Blick ab. Sie befürchtete, dass Sandra recht haben könnte. Da oben würde sie wohl tatsächlich auf ganz andere Gedanken kommen.

***

»Ella, das ist ja wohl nicht dein Ernst!«

Ungläubig stand der junge Assistenzarzt Jochen Hansen inmitten der hohen Halle, in der mehrere Menschen entweder mühevoll die Wände emporstiegen oder ebendiese aufmerksam beobachteten, während sie jemanden mit einem Seil von unten sicherten. Durch die Fenster erleuchtete die Sonne feinen Staub, der in der Luft herumwirbelte. Ein leichter Geruch von Kalk stieg Jochen in die Nase. Ella grinste ihn an.

»Oh, doch. Mein voller Ernst.«

Ein Mann neben dem Assistenzarzt feuerte die Frau über ihm an, weiter entfernt erklang ein verärgerter Ausruf. Überall herrschte geschäftiges Treiben. Jochen sah hinter sich zu seinem Kollegen Dr. Ruben Schmidt, der den Blick sogleich erwiderte und nur mit den Schultern zuckte.

Beschwer dich nicht, schien seine Geste zu sagen. Aber Jochen wollte sich ja auch überhaupt nicht beschweren. Seitdem Ella, Ruben und er so etwas wie Freunde geworden waren und auch außerhalb der Berling-Klinik viel Zeit miteinander verbrachten, waren seine freien Tage viel aufregender und erfüllender geworden. Ella hatte meistens die lustigsten und verrücktesten Ideen, für die Jochen sich immer begeistern konnte.

Aber Klettern? So aufregend und risikoreich musste es nun auch wieder nicht sein. Als Assistenzarzt der Neurologie hatte er es auf der Arbeit oft genug mit eingeklemmten Nerven und Bandscheibenvorfällen zu tun. Alles Dinge, die man sich an Orten wie diesem leicht zuzog, davon war er überzeugt.

»Ach, Jochen«, sagte Ruben, als er den Gesichtsausdruck sah, »stell dich nicht so an. Das wird lustig.«

Jochen rümpfte die Nase. Es wunderte ihn nicht, dass Ruben Feuer und Flamme für diese Freizeitaktivität war. Schließlich war sie Ellas Idee gewesen. Und alles, was die Assistenzärztin der Inneren tat und dachte, sorgte bei Ruben für Begeisterung.

Wann immer er in Ellas Nähe war, versuchte er ihr mit besonders männlichem Getue zu imponieren. Er straffte die Schultern, spannte die Oberarme an und lächelte sein breites Zahnpastalächeln, sobald sie den Kopf in seine Richtung drehte. Sein Benehmen war so subtil wie auffällig gleichermaßen, und Jochen konnte nicht einschätzen, ob er einfach ein besonders gutes Auge für Balzverhalten dieser Art hatte oder es bereits das ganze Krankenhaus belustigte.

Was auch immer der Fall war – ausgerechnet die Person, der dieses Schauspiel gewidmet war, nahm nichts davon wahr. Entweder bemerkte sie es wirklich nicht, oder sie wollte es schlicht nicht bemerken. Und solange Ruben Ella nicht endlich zur Seite nahm und Tacheles mit ihr sprach, fürchtete Jochen, diesem Theater noch mindestens zwanzig Jahre beiwohnen zu müssen ...

»Ach, es ist gar nicht so schlimm, wie du denkst«, versicherte Ella nun, und kurz glaubte Jochen schon, er hätte seine Gedanken laut ausgesprochen. »Wir machen einen Kletterkurs. Höhenangsttraining!«

Sie grinste wieder. Ruben schloss sich der Mimik an, auch wenn seine Grimasse dabei weniger authentisch aussah als die von Ella.

»Auf was für Ideen du immer kommst ... aber meinetwegen«, sagte Jochen, der sich seinem Schicksal fügte und den bereits angelegten Klettergurt etwas fester anzog.

Ella strahlte und verlor keine Zeit. Die jungen Männer folgten der zielstrebigen Frau zu einer Ansammlung von Menschen, die wie sie in Klettergurt parat standen und eindeutig auf etwas warteten.

»Ich hoffe, du weißt, was du tust«, flüsterte Jochen der Assistenzärztin zu.

»Ich nicht«, gab sie zu, »aber er ganz sicher.«

Er folgte ihrem Blick und sah einen hochgewachsenen Mann mit athletischer Figur und dunkelbraunem, kurzem Haar. Der Typ war um die zwei Meter groß. Er ragte aus der Traube an Menschen heraus. Er trug dunkle Shorts und ein weißes, verwaschenes Hemd, das etwas zu klein für seine breiten Schultern war. Ruhig betrachtete er die Menge, bis er schließlich seine Stimme erhob.

»Gut, Leute«, ertönte die raue, fast heiser klingende Stimme, »ich denke, wir sind nun vollzählig und können starten!« Er lächelte breit und klatschte in die Hände. Jochen fiel auf, wie aufmerksam Ella plötzlich wurde. »Mein Name ist Alexander Wagner. Ich bin euer heutiger Kursleiter. Schön, dass so viele hergefunden haben. Man merkt, Klettern wird immer beliebter. Das freut mich sehr«, sagte der Brünette, und Jochen schmunzelte.

»Sicher nicht beliebter als attraktive Kletterlehrer«, flüsterte er seinen Freunden zu.

»So ein Schwachsinn. Der ist doch nicht ... also, so gut sieht der nun auch wieder nicht aus«, flüsterte Ruben.

Ella blieb verdächtig still.

»Ihr alle seid da, weil ihr hoch hinaus und euch eurer Höhenangst stellen wollt. Ich gratuliere euch. Mit der Anmeldung für diesen Kurs habt ihr den ersten Schritt bereits getan«, fuhr der Kursleiter fort. »Ich verspreche euch, dass das die richtige Entscheidung war. Hier werdet ihr lernen, Vertrauen in euch selbst und vor allem in die Kletterausrüstung zu bekommen, die dafür gemacht ist, euch zu schützen.«

»Irgendwo hab ich den Typen schon mal gesehen«, flüsterte nun Ruben, doch Jochen und Ella beachteten ihn nicht. Selbst Jochen war mittlerweile ganz im Bann der motivierenden, rauchigen Stimme.

»Angstfreies Klettern ist aber nicht nur eine Frage des Vertrauens: Kontrolle über sich selbst, die Fähigkeit, eure Emotionen zu regulieren, wie auch eure mentale Einstellung sind entscheidende Kriterien, die ich euch in den nächsten zwei Stunden so gut es geht mit auf den Weg geben will. Klettern ist mehr als ein Sport. Es ist eine Lebenseinstellung«, erklärte Alexander Wagner mit Inbrunst.

»Mein Gott«, flüsterte Ruben erneut, »den Satz hab ich schon so oft von ihm gehört. Jetzt weiß ich, woher ich den Typ kenne!«

»Woher?«, flüsterte Ella zurück.

»Von Instagram«, erklärte Ruben. »Er ist auf Social Media sehr aktiv. Den Satz von vorhin sagt er immer am Anfang oder Ende seiner Videos, die er dort online stellt. Der Typ ist heftig!«

Doch Ruben kam nicht dazu, weiter auszuführen, was genau er damit meinte. Leises Zischen und böse Blicke deuteten ihnen, still zu sein.

»Heutzutage ist Klettern ein verhältnismäßig ungefährlicher Sport«, fuhr der Kursleiter fort. »Eure Gurte, das Seil, die Bolzen und Haken an der Wand, die Karabiner ... alles ist perfekt aufeinander abgestimmt. Glaubt mir, wenn ich euch sage: Wenn ihr alle Regeln befolgt, seid ihr an diesen Wänden absolut sicher. Euch kann nichts passieren.«

Kaum hatte er den Satz zu Ende gesprochen, ertönte einige Meter weiter ein lautes, verängstigtes »Nein, bitte nicht«. Die Gruppe drehte sich erschrocken um, nur der Kursleiter lächelte unverändert weiter.

»Entschuldigt mich einen Augenblick. Da hat sich wohl jemand nicht an die Regeln gehalten.«

***

»Was ist los?«

Alex war schnurstracks zu der Frau mit schwarzem Haar geeilt, die hilflos hinauf zu ihrer Kletterpartnerin sah.

»Jenny kommt nicht mehr runter!«, rief sie verzweifelt, ihre Hände umklammerten eisern das Seil, mit dem sie die ängstliche Frau über sich sicherte.

Er warf einen schnellen Blick auf das Sicherungsgerät und wie das Seil eingespannt war. Alles schien technisch in Ordnung zu sein, warum kam diese Jenny also nicht herunter? Wo lag das Problem? Als er hinaufsah, begriff er ein wenig mehr. Es war ein Kopfproblem. Die Person war bis zum Ende der Route geklettert, doch ganz oben hielt sie sich krampfhaft an den Griffen fest.

»Lass einfach los!«, brüllte er hinauf. »Mit dem Seil wirst du sicher nach unten gelassen!«

Doch es folgte keine Reaktion. Nichts, was darauf schließen ließ, dass sie ihn gehört hätte. Alex sah noch einmal zur Schwarzhaarigen neben sich. Sie hatte das Seil eingezogen, so sehr sie konnte, ganz straff ging es nach oben. Die Kletterin müsste das eigentlich spüren. Doch anscheinend fühlte und hörte diese Frau gar nichts mehr.

»Was ist los?«, ertönte eine vertraute Stimme hinter ihm. Als Alex sich umdrehte, sah er Siggi auf sich zukommen. Er war der Hallenverantwortliche. Timo war ganz dicht hinter ihm, das Handy schon in der Hand.

Alex grinste. Das war typisch für seinen Freund. Er war nicht nur sein Kletterkumpel, sondern auch sein Social-Media-Manager. Er beriet ihn nicht nur marketingtechnisch, er filmte und fotografierte ihn auch für Instagram und alle anderen gängigen Plattformen, damit Alex' Leistung von möglichst vielen Menschen im Internet gesehen wurde.

Wann immer er ein aufregendes Ereignis witterte, zückte er das Handy.

»Das Mädel will nicht runter«, erklärte Alex wieder mit ernster Miene. »Vermutlich eine Panikattacke.«

»Lass dich einfach ins Seil fallen!«, bellte Siggi mit seiner kräftigen Stimme.

Doch wie erwartet gab es auch diesmal keine Reaktion.

Siggi entdeckte das Handy in Timos Hand. »Willst du die Rettung rufen, oder was?«, fragte er irritiert.

Doch Timo schüttelte seinen kurz geschorenen Kopf. »Ich will's filmen. Ist gutes Filmmaterial für unseren Instagram-Account.«

Alex spürte Siggis Empörung, noch bevor er den Mund aufmachte.

»Sicher nicht!«, bellte er den kleinen, muskulösen Mann an. »Das hier ist ein geschützter Ort und kein hipster-verpestetes Fitnessstudio! Wir werden der jungen Frau helfen und ihr nicht die Kamera ins Gesicht halten! Noch dazu ohne ihre Genehmigung und in einem Schreckensmoment!«

Er beruhigte sich wieder, bedachte den unbeeindruckten Timo dennoch mit einem letzten abwerteten Blick.

»Können Sie meiner Freundin bitte endlich helfen?«, meldete sich nun auch wieder die Schwarzhaarige zu Wort.