Chefarzt Dr. Holl 1986 - Helene König - E-Book

Chefarzt Dr. Holl 1986 E-Book

Helene König

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Beschreibung

Laura vergöttert ihren Mann Michael, der ein Star der alternativmedizinischen Szene ist. Der selbsternannte Krebsspezialist vertritt krude Thesen: Chemotherapien würden nichts bringen. Vielmehr sei Krebs auf ungelöste zwischenmenschliche Konflikte zurückzuführen. Man müsse nur an diesen Konflikten arbeiten, dann würde die Krankheit von selbst wieder verschwinden.
Dann erhält Laura selbst die schreckliche Diagnose Lymphdrüsenkrebs. Eine Schwellung am Hals entpuppt sich als Lymphom, das auf ihre Atemwege drückt. Eine schulmedizinische Behandlung kommt für sie nicht infrage, sie vertraut nur ihrem Michael und seinen alternativen Heilmethoden.
Doch Lauras Zustand verschlechtert sich rapide, von Tag zu Tag bekommt sie weniger Luft ...

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Seitenzahl: 129

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

Cover

In den Fängen des Scharlatans

Vorschau

Impressum

In den Fängen des Scharlatans

Eine Patientin schwebt in großer Gefahr

Von Helene König

Laura vergöttert ihren Mann Michael, der ein Star der alternativmedizinischen Szene ist. Der selbsternannte Krebsspezialist vertritt krude Thesen: Chemotherapien würden nichts bringen. Vielmehr sei Krebs auf ungelöste zwischenmenschliche Konflikte zurückzuführen. Man müsse nur an diesen Konflikten arbeiten, dann würde die Krankheit von selbst wieder verschwinden.

Dann erhält Laura selbst die schreckliche Diagnose Lymphdrüsenkrebs. Eine Schwellung am Hals entpuppt sich als Lymphom, das auf ihre Atemwege drückt. Eine schulmedizinische Behandlung kommt für sie nicht infrage, sie vertraut nur ihrem Michael und seinen alternativen Heilmethoden.

Doch Lauras Zustand verschlechtert sich rapide, von Tag zu Tag bekommt sie weniger Luft ...

»Wartet, nicht so schnell!«

Es war ein wunderschöner Frühlingstag im Englischen Garten. Die Vögel zwitscherten in der Sonne, die ersten Frühblüher streckten tapfer ihre Köpfe aus dem Boden, und an immer mehr Baumästen fanden sich zarte Knospen.

Für Laura Stein schien es ein idealer Joggingtag zu sein, wäre sie nicht dermaßen außer Atem gewesen. Ihr Hals brannte, sie verspürte ein Stechen in der Brust.

»Bitte, ich muss eine Pause machen.«

Sie beugte sich vor, stützte ihr Hände auf den Oberschenkeln ab und hustete. Die zwei Frauen vor ihr blieben stehen.

»Oje, alles in Ordnung?«

Sophie war die Erste, die auf sie zuging und ihr fürsorglich eine Hand auf den Rücken legte. Etwas weiter hinter ihr stand Annika, die ungeduldig von einem Bein aufs andere hüpfte.

»Was ist denn los?«, fragte sie mit drängender Stimme. »Ich habe später noch einen Termin, wir können nicht immer Pause machen.«

Laura nickte, während sie den nächsten Hustenreiz unterdrückte.

»Tut mir leid, Annika. Ich bin heute nicht auf der Höhe. Aber es geht sicher gleich wieder.«

Sie wollte sich schon aufrichten und in den Laufschritt wechseln, doch Sophie hielt sie entschieden zurück.

»Papperlapapp! Ein Blinder sieht doch, wie du dich abquälst. Annika, lauf doch einfach schon vor. Laura und ich gehen es jetzt erst einmal gemütlicher an, vielleicht holen wir dich später ja noch ein.«

Die Angesprochene zuckte mit den Schultern.

»Von mir aus«, sagte sie knapp, dann war sie auch schon in ihren purpurvioletten Sneakers verschwunden.

Laura sah ihr nach.

»Sie ist genervt von mir, nicht wahr?«, stellte sie unglücklich fest.

Sophie winkte ab. »Schwachsinn. Sie will die Strecke nur unbedingt in ihrer Zeit ablaufen. Und selbst wenn sie genervt wäre, hätte sie absolut keinen Grund dazu. Also komm und setz dich da hinten auf die Bank.«

Laura ließ sich seufzend nieder. Irgendwie verstand sie Annika ja.

Sie hatte sie und Sophie über eine Laufgruppe kennengelernt, die jede Woche Joggingtreffen im Englischen Garten organisierte. Ihr Mann hatte ihr den entscheidenden Impuls gegeben, wieder eine sportliche Aktivität aufzunehmen, schließlich predigte er tagtäglich, wie wichtig ein vitaler Körper für einen gesunden Geist war.

Doch sie hätte so oder so wieder mit dem Sport anfangen wollen. Sowohl in ihrem Job als Kassiererin als auch in ihrer Freizeit fand sie sich viel zu oft in sitzenden Positionen wieder. Das machte sich vor allem an der Hüfte bemerkbar. Ihr Mann Michael fand sie nach wie vor attraktiv, doch sie wollte um jeden Preis, dass das auch so blieb.

Mit diesen Gedanken war sie also in der Laufgruppe gelandet und auf viele nette Damen gestoßen.

Vor allem Sophie hatte sie schnell ins Herz geschlossen: Sie war eine schöne junge Frau mit schmalem Gesicht, gebräunter Stupsnase und schokobraunen Augen, die Wärme und Empathie ausstrahlten. In der Gruppe war sie stets die Fitteste, und das, obwohl sie Diabetes hatte. Manchmal blitzte unter ihrem T-Shirt das Bauchband auf, an dem ihre Insulinpumpe befestigt war. Eine Weile hatte Laura den dünnen Katheterschlauch naiverweise für Kopfhörerkabel gehalten, bis Sophie sie lachend aufgeklärt hatte. Da hatte sie dann auch erfahren, dass die brünette Schönheit sogar etwas mit Sport studierte und eine journalistische Laufbahn im Sportsektor anstrebte.

Von Annika wusste Laura nach wie vor nicht so viel, außer dass sie eine gute Freundin von Sophie war und beide Frauen für einen Halbmarathon trainierten. Diesem Ziel hatte sich Laura schließlich angeschlossen. Zu dritt verfolgten sie ihren Vorsatz voller Ehrgeiz. Selbst als die Laufgruppe sich allmählich auflöste, hielten sie an ihren Terminen fest. Lange Zeit war Annika die Langsamste in ihrer Gruppe gewesen, doch dann hatte sich Laura diesen blöden Infekt zugezogen, den sie nun schon seit Wochen nicht mehr loswurde. Er machte sie langsam und schwach. Zudem kam nun auch noch dieser hartnäckige Husten dazu.

»Du musst nicht bei mir bleiben«, sagte Laura mit belegter Stimme zu Sophie. »Ich kann das letzte Stück auch alleine gehen.«

Sophie schüttelte den Kopf. »Sicher nicht. So wie ich dich mittlerweile kenne, läufst du mir ohne Aufsicht trotzdem weiter, egal wie sehr deine Lunge protestiert. Du hörst viel zu wenig auf deinen Körper, er kommt gar nicht dazu, sich richtig auszukurieren. Vielleicht wäre es besser, wenn du mal eine Woche pausierst. Wenn du nicht aufpasst, schleppst du diese Erkältung noch ewig mit dir rum.«

»Vermutlich hast du recht«, erwiderte Laura. »Aber es ärgert mich. Ich sollte schon längst wieder fit sein.« Ermattet rieb sie sich den Hals.

»Warst du denn damit schon beim Arzt?«, fragte ihre Freundin, die mittlerweile Waden und Oberschenkel dehnte.

Laura lächelte warm. »Natürlich, beim Besten von allen – meinem Michael.«

Sophie stutzte kurz, aber dann lächelte auch sie. »Ach ja, stimmt. Dein Mann ist Heilpraktiker, nicht wahr?«

Laura nickte. »Er ist wirklich fantastisch. Es ist unglaublich, was er alles weiß. Und er hat sich das alles selbst beigebracht, ich bin so stolz auf ihn. Er ist der erste Mediziner in seiner Familie.«

Sie hatte Michaels Eltern nur flüchtig kennengelernt, am Anfang ihrer Beziehung hatten sie zwei Weihnachten mit ihnen verbracht. Michaels Mutter war eine freundliche, aber sehr stille Frau, der Vater wiederum hatte wie ein sehr kritischer, übertrieben von sich selbst überzeugter Mann gewirkt.

Immer hatte er etwas an Michael auszusetzen gehabt, ständig gab es Sticheleien, sobald Michael versuchte, von seinem neuen Lebensabschnitt und seinen Visionen zu erzählen. Laura war von dieser Haltung entsetzt gewesen.

Sie hatten seitdem nie wieder das kleine Landshuter Haus betreten. Sie war froh darüber. Michael hatte für das, was er in seinem Leben erreicht hatte, nur Liebe und Unterstützung verdient.

»Ja, ich verstehe dich. Ich bin auch fürchterlich stolz auf Fabian«, erwiderte Sophie. »Es dauert noch ein paar Jahre, bis seine Ausbildung abgeschlossen ist, aber er ist schon jetzt ein fantastischer Assistenzarzt. Außerdem fühlt man sich sehr sicher mit so einem Partner an seiner Seite.« Sie zwinkerte.

Laura bejahte. Sie fühlte sich schon besser. Der Hustenreiz hatte nachgelassen.

»Ihr kommt doch am Wochenende?«, fragte sie nun. Als Sophie sie nur fragend ansah, holte sie weiter aus. »Zur Gesundheitsmesse! Michael hält doch den Vortrag. Er ist einer der Hauptsprecher. Ihr müsst ihn unbedingt reden hören. Es ist so wichtig, was er zu sagen hat.«

Ein warmes Gefühl machte sich in ihrer Brust breit, als sie daran dachte.

»Außerdem wäre es schön, wenn du endlich Michael kennenlernen könntest. Und ich natürlich deinen Fabian. Das passt sicherlich super zusammen, schließlich sind sie im selben Berufsfeld tätig. Wir könnten danach schön essen gehen, wenn er fertig ist.«

»Tut mir leid, das habe ich vollkommen vergessen«, sagte Sophie zerknirscht. »Eigentlich wollten Fabian und ich den Abend zu zweit verbringen.«

Laura versuchte, ihre Enttäuschung zu verbergen, doch es schien ihr nicht allzu gut zu gelingen.

Sophie dachte nach.

»Aber das macht nichts. Dann kommen wir einfach nur zu seinem Vortrag. Wir können ja ein andermal zusammen essen gehen.«

Laura strahlte. »Ja, das wäre fein.«

Ihre Freundin lächelte, dann lockerte sie ihre Beine und hielt ihr die Hand hin.

»Wunderbar. Aber jetzt schauen wir, dass wir dich wieder ins Auto kriegen und du bis zur Messe genug Zeit hast, wieder ganz gesund zu werden.«

Laura nahm die Hand entgegen und stand auf.

»Ich freue mich riesig, dass ihr dabei sein werdet.«

»Ich auch. Und Fabian wird es sicherlich auch richtig gut gefallen«, versicherte Sophie.

***

»Wo hast du mich hier nur hingeschleppt?«

Fabian Kaiser sah sich ungläubig um. Buntes Treiben herrschte auf der Messe, Menschenmassen drängten sich an dem Assistenzarzt und seiner Freundin vorbei. Sie hatten sich mittlerweile zur Halle B3 durchgekämpft, zum Standort für alternative Medizin, Naturheilkunde und Komplementärtherapien.

Je weiter sie vordrangen, desto haarsträubender wurden die Angebote. Links von ihm hörte Fabian einen untersetzten Mann einer Frau im Baumwollponcho die energetische Bedeutung von Kristallen erklären, rechts von ihm standen gleich mehrere Tische vor einem riesigen Banner, der für Astrologie warb. Eine Traube an Menschen hörte ernst einer Frau zu, Fabian schnappte Begriffe wie »Sternenkonstellation« und »spirituelles Wachstum« auf.

Nie hatte er sich mehr fehl am Platz gefühlt.

»So hast du dir also unseren Tag zu zweit vorgestellt?«, fragte Fabian versucht lustig, während er seiner bezaubernden Freundin durch die Menge folgte.

Sophie lachte. »Ist doch mal etwas anderes, oder nicht?«

Das konnte man laut sagen. Seine Lippen wanderten dicht an ihr Ohr.

»Sophie, wenn mich hier irgendjemand aus der Klinik erkennt, glauben die noch, ich gehöre auch zu diesem pseudowissenschaftlichen Kreis. Ich habe gerade erst wieder meinen Ruf hergestellt. Ich kann mir keinen zweiten Skandal leisten.«

Ungern dachte er an die ehemalige Patientin zurück, die ihm sexuelle Belästigung vorgeworfen hatte – und das, obwohl sie es doch gewesen war, die damals die Grenzen mehr als überschritten hatte. Um nicht ihr Gesicht zu verlieren, hatte sie in ihrer Darstellung die Täter-Opfer-Rollen umgekehrt. Mittlerweile war zwar alles aufgeklärt und dank der Hilfe von Sophie und Chefarzt Dr. Holl sein guter Ruf wiederhergestellt, doch er wollte nie wieder fälschlicherweise für etwas gehalten werden, das er nicht war – und das als Konsequenz seine Karriere gefährden konnte.

»Keine Sorge, wir bleiben nur bis zum Vortrag«, versprach seine Freundin. »Ich habe es Laura versprochen. Ihr Mann hält hier gleich eine Rede. Außerdem wollte sie unbedingt, dass wir uns alle kennenlernen.«

Fabian hob eine Augenbraue. Eine Rede in diesem Saal? Ihm schwante Übles.

»Was für eine Art Heilpraktiker ist dieser Michael?«

»Ich weiß nicht«, gab Sophie zurück. »Ein ganz normaler. Ich glaube, er ist auch auf Krebs spezialisiert. So wie du.«

Er hielt sie am Arm fest und zwang sie, stehenzubleiben.

»Er ist ganz sicher nicht so wie ich, Sophie. Bitte, sag so etwas nicht. Du kannst Heilpraktiker und Ärzte nicht miteinander vergleichen.«

Sie wirkte überrascht.

»Aber Heilpraktiker haben doch genauso Praxen und Patienten wie Ärzte auch. Ich dachte, der Schwerpunkt ist nur etwas mehr auf ganzheitlichem Denken. In dem anderen Saal hast du doch auch mit einem Heilpraktiker über irgendein neues Medikament diskutiert.«

»Oh, Sophie.«

Er versuchte, ganz ruhig zu bleiben.

»Keineswegs. Der Mann war genau wie ich Arzt, er hat sich nur vor Kurzem in alternativer Medizin weiterbilden lassen, um Akkupunktur anzubieten. Das war kein Heilpraktiker. Der Mann hat, genauso wie ich einmal, Medizin studiert.

Versteh mich nicht falsch. Die meisten Heilpraktiker nehmen ihre Verantwortung sehr ernst und kennen ihre Grenzen. Manche von ihnen haben auch gute Ausbildungen hinter sich und decken einen medizinischen Teilbereich ab, der wirklich benötigt wird. Ihre Tätigkeiten sind ethisch einwandfrei. Aber für Patienten ist es schwer, das zu erkennen und zu unterscheiden. Und das finde ich unglaublich bedenklich. Der Beruf ist nicht reglementiert. Jeder kann Heilpraktiker werden, wenn er will.«

Eine Frau im Blumenwollrock, die gerade neben ihm ein kleines Starterset an ätherischen Ölen in ihren Rucksack packte, sah ihn vorwurfsvoll an.

»Es gibt zwar Ausbildungen, aber die sind nicht verpflichtend. Um Heilpraktiker zu werden, musst du lediglich eine Prüfung bestehen. Das sind ein Multiple-Choice-Fragebogen und eine mündliche Befragung, in der du einen medizinischen Fall lösen sollst. Das war's. In meinem ersten Semester musste ich mehr leisten.«

Er schüttelte den Kopf, wenn er nur daran dachte.

»Im Gegensatz zu Ärzten müssen Heilpraktiker nur beweisen, dass sie ihren Patienten keinen Schaden zufügen. Das soll diese Prüfung gewährleisten. Ich finde es unverantwortlich und bedenklich. Viele Menschen wissen gar nicht, wie gering die Hürden sind, um diesen Beruf auszuüben. Das sind Menschen, die Medizinbücher auswendig gelernt haben, aber in ihrem Leben noch nie eine Spritze in der Hand hatten. Und dann dürfen sie plötzlich Injektionen geben, Blut abnehmen oder Infusionen verabreichen. Weißt du, wie groß das Infektionsrisiko bei laienhafter Ausführung ist?«

Die Frau mit dem Wollrock funkelte ihn an.

»Wenn Sie's hier so schlimm finden, dann gehen Sie halt wieder nach Hause«, sagte sie in säuerlichem Ton.

Sophie zog ihren Freund eilig zu einer Werbetafel, die etwas abseits vom Trubel stand. Auf dem Plakat war eine Reihe von homöopathischen Produkten zu sehen.

»Das habe ich ehrlich nicht gewusst«, sagte sie nachdenklich. »Mir war schon klar, dass es für den Beruf kein Studium braucht, aber ich habe immer gedacht, dass diese Leute in etwa eine gleichwertige Ausbildung durchlaufen müssen.«

Fabian schüttelte den Kopf.

»Das Heilpraktikergesetz ist einmal aus einem Mangel an Ärzten verabschiedet worden. Quasi aus der Not heraus. Man hatte schnell die medizinische Versorgung sicherstellen wollen. Ich verstehe den Gedanken dahinter, und der Beruf hat durchaus seine Daseinsberechtigung. Aber die Regeln dahinter gehören überarbeitet. Gerade in einem Sektor, in dem es um Menschenleben geht, sollte es nicht so viele Behandlungsfreiheiten geben. Das zieht Scharlatane an. Mag sein, dass es dabei nur um eine kleine Minderheit geht, aber ich habe schon von zu vielen Geschichten gehört, in denen man den Patienten mehr geschadet als ihnen geholfen hat.«

Sophie öffnete den Mund, doch Fabian kam nicht mehr dazu, ihre Meinung zu hören.

»Sophie! Da bist du ja!«

Neugierig drehte er seinen Kopf in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war.

Eine hübsche brünette Frau Anfang dreißig winkte und eilte auf sie zu. Ihre Haare erinnerten ihn an die lange, fließende Mähne von Pferden. Im Gegensatz dazu war ihr Gesicht schmal und ihre Figur zierlich, ihre grünen Augen funkelten lebendig. Das musste die Laufpartnerin sein, von der seine Freundin so viel erzählt hatte und die wohl schuld daran war, dass sie diese Messe überhaupt besuchten.

»Wie schön!«, begrüßte Sophie die Frau, und beide umarmten sich herzlich. »Fabian, darf ich vorstellen? Laura Stein, meine Freundin vom Lauftreff.«

»Freut mich, dich endlich kennenzulernen, Fabian. Ich habe schon viel von dir gehört.«

»Gleichfalls«, antwortete Fabian, weil es der Wahrheit entsprach. Nur über ihren Mann war er bisher im Ungewissen gelassen worden.

»Schade, dass ihr später nicht mehr wirklich Zeit habt. Aber ich hoffe, es reicht noch für ein paar Worte mit Michael. Und ein andermal vielleicht für ein gemeinsames Abendessen. Wäre das nicht schön?«

Laura lächelte und warf mit einer schnellen Geste ihr Haar nach hinten. Fabian, der auch nach Feierabend immer noch Mediziner war, fiel sofort auf, dass etwas mit ihrem Hals nicht stimmte. Auf der linken Seite, etwa zwei Zentimeter unterhalb ihres Ohres, sah er nahe der Kieferlinie eine Schwellung. Dass er sie von Weitem erkannte, hielt er für kein gutes Zeichen. Bevor er dazu kam, das Gespräch in die Richtung zu lenken, fingen die Leute um ihn herum an zu applaudieren.

»Oh, es geht los!«, rief Laura erfreut und sah auf die Bühne. Stolz und Bewunderung lagen in ihrem Blick. Es war offensichtlich, wie sehr sie ihrem Mann zugetan war. Neugierig blickte Fabian nach vorne und betrachtete den Menschen, wegen dem er heute Abend hatte herkommen müssen.

***