Chefarzt Dr. Holl 1998 - Helene König - E-Book

Chefarzt Dr. Holl 1998 E-Book

Helene König

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Beschreibung

Chloe hatte keine leichte Kindheit. Ihr Vater litt unter diversen Krankheiten und tyrannisierte die ganze Familie. Ihre Mutter hatte aufgrund der Umstände kaum Zeit für sie. Manchmal hatte Chloe sogar das Gefühl, die Leiden ihres Vaters wären bloß vorgetäuscht.
Nun ist Chloe sechzehn Jahre alt, und zum Glück hat sich inzwischen vieles verändert: Ihre Eltern haben sich vor zwei Jahren scheiden lassen. Jetzt lebt sie mit ihrer Mutter allein in dem Haus in München.
Eines Tages tritt Valentin in das Leben von Chloes Mutter. Chloe ist davon alles andere als begeistert. Nie wieder will sie ihre Mutter mit jemandem teilen müssen! Deshalb fasst sie einen Plan, und kurze Zeit später wird sie in die Notaufnahme der Berling-Klinik eingeliefert ...

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Seitenzahl: 128

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

Cover

Die Lügnerin von Zimmer 14

Vorschau

Impressum

Die Lügnerin von Zimmer 14

Dr. Holl und eine Patientin mit Münchhausen-Syndrom

Von Helene König

Chloe hatte keine leichte Kindheit. Ihr Vater litt unter diversen Krankheiten und tyrannisierte die ganze Familie. Ihre Mutter hatte aufgrund der Umstände kaum Zeit für sie. Manchmal hatte Chloe sogar das Gefühl, die Leiden ihres Vaters wären bloß vorgetäuscht.

Nun ist Chloe sechzehn Jahre alt, und zum Glück hat sich inzwischen vieles verändert: Ihre Eltern haben sich vor zwei Jahren scheiden lassen. Jetzt lebt sie mit ihrer Mutter allein in dem Haus in München.

Eines Tages tritt Valentin in das Leben von Chloes Mutter. Chloe ist davon alles andere als begeistert. Nie wieder will sie ihre Mutter mit jemandem teilen müssen! Deshalb fasst sie einen Plan, und kurze Zeit später wird sie in die Notaufnahme der Berling-Klinik eingeliefert ...

Früher, als Chloe Pohl noch ein kleines Mädchen gewesen war, hatte sie ihr Zuhause nicht gemocht. Von außen betrachtet, machte das überhaupt keinen Sinn: Sie wuchs in einem beschaulichen Viertel im Norden Münchens auf, in einem gepflegten Einfamilienhaus mit strahlend weißer Fassade und Efeu, der hinauf bis zum Erkerfenster geklettert war. Ihr Zimmer unter dem Dach war voller Spielzeug gewesen, die Bäume der ruhigen Nebenstraße spendeten im Sommer angenehmen Schatten, und in dem kleinen Garten, den Chloes Mutter mit Liebe pflegte, wuchs sogar ein Feigenbaum – Chloe liebte diese Früchte. Doch all das hatte nichts daran geändert, dass Chloe von diesem Ort fortwollte.

»Warum, um Himmels willen?«, hatte ihre Mutter einmal müde und genervt gefragt.

»Weil drüben auf dem Nordfriedhof die Leichen wohnen. Irgendwann kommen sie Papa holen und mich auch.«

»So ein Unsinn!«, hatte ihre Mama gesagt. »Wie kommst du nur immer auf so einen Unfug?«

»Papa hat das gesagt. Er hat gesagt, wenn ich zu laut bin, dann weckt das die Toten, und dann kommen sie uns holen. Und weil er so krank ist, kann er mich nicht beschützen. Also muss ich ganz artig sein.«

Als kurze Zeit später Chloes Mutter im Schlafzimmer verschwand und anschließend wütende Schimpftiraden durch das ganze Haus hallten, beschloss Chloe, nie wieder darüber zu sprechen. Dieser Entschluss verfestigte sich, nachdem ihr Vater sie in einem ruhigen Moment zu sich rief und ihr seine Enttäuschung mitteilte.

»Wegen dir hat die Mama ganz doll mit mir geschimpft. Du weißt doch, dass das nicht gut für mein Herz ist. Was, wenn ich jetzt bald auf den Friedhof muss?«

Chloe wollte natürlich nicht, dass ihr Vater auf den Friedhof musste. Deswegen wollte sie ja auch fort. Doch ihre Eltern zeigten keine Einsicht, also blieben sie an diesem gefährlichen Ort, an dem man nur sicher war, wenn man leise spielte und in Mamas Abwesenheit Papa jeden Wunsch erfüllte.

»Chloe! Bring mir meine Tabletten!«

»Chloe! Hol mir ein Glas Wasser!«

»Chloe! Verflucht noch mal! Wo bleibst du denn? Ich bin hungrig!«

»Willst du mich umbringen? Mach das noch mal, aber diesmal mit halb so viel Butter und nur einer Prise Pfeffer!«

Als die Jahre vergingen und Chloe Pohl älter wurde, fing sie an, sich nicht den Friedhof, sondern ihren Vater wegzuwünschen.

***

»Herr Doktor! Wir brauchen Sie hier!«

Gebannt starrte die sechszehnjährige Chloe auf den Laptop, auf dessen Bildschirm sie die dramatischen Szenen ihrer Lieblingsserie verfolgte. Die Kamera schwenkte zur Tür der Notaufnahme, durch die gerade eine entschlossene Ärztin marschierte.

»Was haben wir hier?«

Chloe drückte den weichen Plüschhasen fester an sich.

»Ein Unfall auf der Autobahn«, ertönte es durch die Lautsprecherbox, die gleich neben dem Laptop stand. »Er ist bei Bewusstsein, aber sein Zustand verschlechtert sich rapide.«

»Wir brauchen ein CT«, murmelte Chloe. »Er muss sofort operiert werden.«

»Wurde schon eine Computertomographie gemacht?«, fragte in diesem Augenblick die Serienärztin. Ein gut aussehender Mann im weißen Kittel schüttelte den Kopf. »Worauf warten Sie dann noch?«, rief die Ärztin. »Wir brauchen sofort ein CT. Und bereiten Sie gefälligst gleich die OP vor! Hier geht es um Leben und Tod!«

»Verstanden!«, rief der Mann und eilte auf die Tür zu, die sich plötzlich öffnete.

Ein Vermummter mit Waffe stand vor ihm und hielt ihm die Pistole an die Stirn.

»Wo ist er?«, knurrte er. »Wo ist der Mann, der meine Tochter überfahren hat?«

Schockiert sah der Arzt zu der Ärztin, dann wurde der Bildschirm schwarz, und der Abspann lief. Aufgeregt und gut gelaunt klappte Chloe den Laptop zu und warf ihr Kuscheltier auf die Kopfseite des Bettes.

»Chloe!«, wurde von unten gerufen.

Augenblicklich erstarrte sie und wagte es nicht mehr, sich zu bewegen. O nein! War sie etwa zu laut gewesen? Hatte sie ihn geweckt? Es brauchte einige Sekunden, bis sie realisierte, dass ihre Mutter sie gerufen hatte. Sie klatschte sich gegen die Stirn und kicherte.

»Du Dummerchen«, sagte sie leise in das Zimmer hinein, »der ist doch längst weg.«

Ihr Vater war vor Jahren ausgezogen. Die Zeiten der Pflege und Nörgeleien waren längst vorbei ...

»Ich komme!«, rief sie und sprang vom Bett auf. Sie eilte die Wendeltreppe hinunter in die offene Wohnküche. Doch ihre Mutter war nirgendwo zu sehen. Rechts stand die Schlafzimmertür einen Spalt breit offen. Ein leichter innerer Widerstand ließ sie zögern, doch schließlich öffnete sie sie ganz und sah hinein.

Antonia Pohl stand in einem figurbetonten, luftigen Sommerkleid vor dem Spiegel und war kaum wiederzuerkennen. Ihr dichtes kastanienbraunes Haar trug sie offen. Sanft umschmeichelte es ihr herzförmiges Gesicht, als sie sich zu ihrer Tochter umdrehte. Ihre vollen Lippen waren roter als sonst, und auch ihre smaragdgrünen Augen wirkten lebendiger. Vermutlich lag das an den schwarz getuschten Wimpern.

»Du siehst fantastisch aus, Mama«, sagte Chloe beeindruckt.

Wie ein junges Mädchen kicherte Antonia und machte einen kleinen Knicks. »Danke, mein Schatz. Es ist auch schon wirklich lange her, dass ich mich geschminkt habe. Aber unter mehreren Menschen fühle ich mich so wohler, denke ich.«

Verwundert hob Chloe eine Augenbraue. »Unter mehreren Menschen? Hast du heute noch was vor?« Es war Wochenende und kurz vor zwei Uhr. Chloe war davon ausgegangen, dass die beiden nach der Mittagshitze vielleicht noch gemeinsam Fahrrad fahren oder am Abend einen Film ansehen würden. Im Kino lief gerade ein Agentenfilm, den sie unbedingt sehen wollte.

»Ich habe dir doch gesagt, dass ich zu diesem Picknick gehe. Maria und Etienne haben mich eingeladen. Du kannst immer noch mitkommen, wenn du möchtest.«

Natürlich, das Picknick der Nachbarn. Chloe erinnerte sich wieder. Aber sie wollte nicht mitkommen. Abgesehen von ihrer Mutter und den beiden anderen kannte sie dort niemanden. Wenn sie an die vielen fremden Menschen dachte, die sich sicher dort tummelten ... sie war so etwas gar nicht gewohnt. Was, wenn sie wieder einmal etwas Falsches sagte oder tat? Sie schüttelte den Kopf.

»Ich passe. Das sind schließlich deine Freunde, Mama.«

»Maria und Etienne haben dich auch sehr gern. Sie würden sich sicher freuen, dich zu sehen.«

Chloe strich sich durchs Haar. Ja, sie mochte Maria und Etienne ebenfalls. Sie hatte sogar schon einmal auf eines ihrer drei Kinder aufgepasst. Da waren sie gerade frisch hergezogen. Wenn sie aus dem Erkerfenster auf die Straße hinunterblickte und alle gemeinsam aus dem Auto aussteigen sah, musste sie an diese glücklichen Familien aus den Werbespots denken.

»Schon gut«, wehrte sie erneut ab, »ich verbringe meine Zeit am liebsten mit dir.«

Antonia lächelte sanft. Dann gab sie Chloe einen Kuss auf die Wange. »Wir machen dafür morgen was zusammen, ja? Gleich nach meiner Schicht in der Klinik?«

Chloe nickte. Sie beobachtete ihre Mutter dabei, wie sie in ihre Lieblingssandalen schlüpfte und nach der Handtasche griff. Ein letztes Mal wünschte sie ihr viel Spaß, dann fiel die Tür ins Schloss, und sie war wieder mit sich und ihren Gedanken allein. Sie überlegte kurz, dann eilte sie nach oben und klappte den Laptop wieder auf. Nach nur wenigen Klicks startete die nächste Folge ihrer Serie. Das ernste Gesicht der Ärztin tauchte wieder auf. Chloe imitierte ihren Blick.

»Frau Doktor! Ein Notfall!«

»Ich komme sofort!«, riefen Chloe und die Ärztin unisono.

***

Während Chloe ihren Serienhelden dabei zusah, wie sie den bewaffneten Eindringling wieder beruhigten und ein Leben nach dem anderen retteten, radelte Antonia gut gelaunt durch den Englischen Garten. Zu dieser Jahreszeit zeigte sich die Natur in ihrer vollen Pracht: Am Wegesrand blühten Stauden und Sommerblumen, überall duftete es nach Lavendel, und die Vögel zwitscherten über ihren Kopf hinweg.

Erst mit der Schwangerschaft war Antonia aus Landshut nach München gezogen, und trotz all der schweren Jahre, die folgten, hatte sie diese Entscheidung nie bereut. Sie hatte sich von Anfang an heimisch gefühlt. Sie liebte die große Stadt, die Lebendigkeit und das kulturelle Angebot. Die heißen Tage verbrachte sie bevorzugt im Englischen Garten, wo es vor Spaziergängern und Sonnenanbetern nur so wimmelte.

Ein altes Pärchen saß auf einer Bank und teilte sich eine Schale Erdbeeren. Ihre Tochter hätte dieses Bild entzückt. Es war seltsam, an einem freien Tag ohne Chloe unterwegs zu sein. Das schlechte Gewissen überkam sie, und fast schon überlegte sie, wieder umzudrehen, da spürte sie durch die Stofftasche ihr Handy vibrieren. Sie stieg vom Fahrrad und kramte ihr Telefon hervor.

Wir sind auf der Wiese vor dem Tivoli Kraftwerk. Ich freu mich auf dich!

Antonia lächelte, als sie Marias Nachricht las, steckte das Handy wieder ein und setzte ihren Weg fort. Es war nun nicht mehr weit, neben ihr rauschte bereits der Eisbach, der entlang des östlichen Parkrands floss. Weiter vorne erkannte sie mehrere bunte Picknickdecken und eine Gruppe von Menschen, die eng beisammenstanden. Antonias Herz klopfte etwas schneller.

»Toni!« Eine blonde Frau winkte und ging ihr mit strahlendem Gesicht entgegen.

Antonia umarmte ihre Nachbarin herzlich. »Maria, danke für die Einladung«, sagte sie aufrichtig. »Ich soll dir ganz liebe Grüße von Chloe ausrichten. Ich wäre gerne mit ihr gekommen, aber sie wollte nicht.«

Maria winkte ab. »Sie ist mittlerweile sechzehn. In dem Alter ist es nur richtig, wenn man seine Zeit lieber alleine oder mit seinen Freunden verbringt. Ihr hockt doch sowieso ständig aufeinander.« Antonias Blick musste Bände sprechen, denn sofort fügte Maria hinzu: »Ich weiß, nach allem, was ihr gemeinsam erlebt habt, ist das absolut verständlich. Aber es ist auch nur natürlich, dass ein Teenager sein eigenes Leben führt, deswegen begrüße ich diese Abnabelung. Wird euch beiden guttun. Also mach dir nicht so viele Gedanken und genieß den Tag!«

Antonia erwiderte nichts. Maria durfte solche Dinge zu ihr sagen – sie war eine von den wenigen Freunden, die ihr nach der Sache mit Bennet übriggeblieben waren. Sie und ihr Partner Etienne, auf den sie soeben zusteuerten.

Wie so oft trug er dunkle Jeans und einen Kapuzenpullover. Das Bier in seiner Hand war aus der Schweiz importiert – der Software-Spezialist hatte einmal in Thun gearbeitet, und seitdem war er ein großer Fan des helvetischen Landes. Er wäre vermutlich schon längst in die Schweiz gezogen, wenn Marias Kinder – die mittlerweile wie seine eigenen waren – nicht so protestiert hätten. Antonia war ihnen jeden Tag dankbar dafür.

»Etienne! Schwitzt du denn unter dem Hoodie nicht?«

Der brünette, groß gewachsene Mann drehte sich zu ihr um und grinste schief.

»Antonia. Schön, dass du es geschafft hast. Und so warm ist es im Schatten nun auch wieder nicht.«

Während sie sich zur Begrüßung einen Wangenkuss gaben, spürte Antonia den neugierigen Blick der Frau, mit der sich Etienne noch vorhin unterhalten hatte. Bevor Etienne sie vorstellen konnte, ergriff sie von selbst das Wort: »Du musst Antonia sein! Maria wollte mir dich schon so oft vorstellen, aber damals ging das ja schlecht. Ich habe schon gehört, dein Mann war ein richtiger Pflegefall. Tragische Geschichte ...« Sie seufzte theatralisch.

Antonia blinzelte.

»Entschuldigung. Wie war doch gleich der Name?«

»Pia«, stellte sich die dünne Frau mit den kurzen schwarzen Haaren vor. »Mein Mann und ich haben früher zwei Straßen weiter gewohnt, aber dann sind wir nach Grünwald. Da gefällt es uns besser.«

Das besser zu finden, muss man sich auch erst einmal leisten können, dachte Antonia, sagte aber nichts.

»Er hatte etwas mit dem Herzen, nicht wahr?«, hakte Pia nach, die anscheinend beschlossen hatte, Marias warnenden Blick zu ignorieren. Übersehen konnte sie den nicht, nicht einmal Antonia entging er.

»Ja, unter anderem«, gab sich Chloes Mutter schließlich geschlagen, »es kamen aber immer wieder neue Sachen hinzu.«

»Ach, das ist ja schlimm. Aber jetzt geht es ihm wieder gut, nicht wahr?«

»Ich denke«, erwiderte Antonia. »Wir wohnen nicht mehr zusammen. Wir ... wir haben uns scheiden lassen.« Immer noch überrollte sie bei diesem Satz die gewohnte Welle an Schuldgefühlen.

»Oh?« Pia schien aufrichtig überrascht. »Dann war er wohl irgendwann eine zu starke Belastung, nehme ich an ...« Irritierenderweise richtete sie die halbe Frage an Maria. Die hob erst die Brauen, dann folgten die Schultern.

»Antonia und Bennet sind schon seit fast zwei Jahren nicht mehr zusammen. Und das ist auch richtig so. Dafür, dass er so krank war, war er ein richtiger Tyrann. Meiner Meinung nach gibt dir keine Krankheit der Welt das Recht, dich so aufzuführen.«

Pias Augen blitzten. Antonia sah schon, wie sich ihr Mund zu einer Frage formte, doch dann wurde sie gerufen.

»Wir unterhalten uns später weiter, ja?«, sagte sie noch, dann verschwand sie auf eine der Picknickdecken.

»Wir sind mit Pia nicht befreundet«, stellte Maria gleich klar. »Sie ist nur eine Bekannte.«

Antonia winkte ab. »Schon gut. Ich bin solche Reaktionen gewohnt.«

»Aber Valentin ist ein guter Freund von uns. Und den wollen wir dir wirklich noch vorstellen«, fügte Etienne hinzu.

Das wiederum fand Antonia alles andere als gut. »Fangt ihr schon wieder damit an? Ich habe doch gesagt, ich will nicht verkuppelt werden.« Sie verschränkte die Arme.

So lange schon bestanden die beiden auf ein Treffen, doch nie hatte Antonia sich darauf eingelassen. Und eigentlich wussten die beiden auch ganz genau, warum.

»Noch einmal: Von der großen Liebe habe ich erst einmal genug. Ich dachte, ich hätte sie in Bennet gefunden, aber ihr habt ja gesehen, wo das hingeführt hat. Auf so etwas lasse ich mich nicht noch einmal ein.«

»Du sollst dich ja auch nicht noch einmal auf Bennet einlassen«, versicherte Maria, »sondern auf wen anderen. Und keiner redet hier gleich von großer Liebe oder so. Es geht nur um ein unverfängliches Kennenlernen, nichts weiter. Keiner will dir deine Freiheit wieder wegnehmen.«

Das wollte Antonia auch hoffen. Sie hatte hart genug dafür gekämpft.

»Da ist er ja auch schon«, sagte Etienne mit Blick über Antonias Schulter und winkte.

Sie drehte sich um. Als sie den blonden, schlanken Mann sah, der sich ihnen näherte, ärgerte sie sich ungemein über die kleinen Schmetterlinge, die plötzlich in ihrem Bauch zu flattern begannen.

***

Als Valentin in der Ferne den winkenden Etienne sah, überlegte er ein letztes Mal, ob er nicht doch besser umkehren sollte. Eigentlich hatte er gar nicht kommen wollen, nach der gestrigen Nachtschicht lag ihm die Müdigkeit noch ordentlich in den Knochen.

Er liebte seinen Job, doch das aktuelle Projekt war eine einzige Abfolge von kontinuierlichen Ausfällen, Störungen und 24/7-Überwachung. Während Valentins Augenringe mit jedem Tag dunkler wurden, hatte sein fröhlich winkender Arbeitskollege ihm noch gestern nahegelegt, dass er sich nicht so anstellen solle. In ihrem Job sei jedes Projekt verrückt. Wenn Etienne die Energie habe, mit seiner Partnerin ein Picknick zu veranstalten, müsse Valentin auch die Energie haben, als Gast zu erscheinen.

Nun war er also hier, wie es sich für einen guten Freund gehörte, und wünschte sich zurück in sein Bett. Zumindest bis zu jenem Augenblick, als er die Frau erspähte, die zwischen Etienne und Maria stand und ihn ebenfalls beobachtete. Valentin kannte die meisten von Etiennes Freunden, doch sie hatte er noch nie gesehen.