Chefarzt Dr. Holl 1996 - Helene König - E-Book

Chefarzt Dr. Holl 1996 E-Book

Helene König

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Beschreibung

Dr. Friedrich Mertens ist ein angesehener Gynäkologe. Das Wartezimmer seiner Münchener Praxis ist stets gut gefüllt, und er operiert als Belegarzt in der Berling-Klinik. Auch Nele Schneider begibt sich bei ihm in Behandlung. Bei ihr ist eine Krebs-Vorstufe diagnostiziert worden, deshalb muss Gewebe vom Gebärmutterhals entnommen werden.
Am Tag der Operation fühlt sich Dr. Mertens, wie schon so oft in letzter Zeit, zitterig. Dem schenkt er aber keine Beachtung, routiniert trifft es die OP-Vorbereitungen. Der Eingriff kann beginnen. Zunächst läuft alles nach Plan, doch dann passiert ein fürchterlicher Fehler ...

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Seitenzahl: 125

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

Cover

Mit einem Zittern fing es an

Vorschau

Impressum

Mit einem Zittern fing es an

Dr. Mertens' Krankheit bringt Patienten in Gefahr

Von Helene König

Dr. Friedrich Mertens ist ein angesehener Gynäkologe. Das Wartezimmer seiner Münchener Praxis ist stets gut gefüllt, und er operiert als Belegarzt in der Berling-Klinik. Auch Nele Schneider begibt sich bei ihm in Behandlung. Bei ihr ist eine Krebs-Vorstufe diagnostiziert worden, deshalb muss Gewebe vom Gebärmutterhals entnommen werden.

Am Tag der Operation fühlt sich Dr. Mertens, wie schon so oft in letzter Zeit, zittrig. Dem schenkt er aber keine Beachtung, routiniert trifft er die OP-Vorbereitungen. Der Eingriff kann beginnen. Zunächst läuft alles nach Plan, doch dann passiert ein fürchterlicher Fehler ...

»Ach, Nele. Wenn du mir nur die Chance gegeben hättest ... mein Herz wäre auf ewig dein gewesen.«

Nele blinzelte und starrte Benni mit großen Augen an. Wie ein Reh, das vom Scheinwerferlicht eines Autos überrascht wurde, beobachtete sie den attraktiven Mann mit dem rabenschwarzen Haar, der sich nun spitzbübisch über den Tisch beugte und sich ihr mit übertrieben gespitzten Lippen näherte. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Als die Lücke zwischen ihr und seinem Kussmund bedrohlich klein wurde, schob sich Tomas so zwischen die beiden, dass Bennis Schmatzer seine Wange traf. Leni, die direkt neben Nele saß, lachte laut auf. Zufrieden grinsend lehnte sich Tomas wieder zurück und legte einen Arm um Neles Schulter.

»Hat sie aber nicht. Sie hat sich für mich entschieden.«

»Hört, hört!«, rief die blonde Leni gut gelaunt.

Benni hob abwehrend die Hände und setzte sich wieder zurück an seinen Platz. »Ich weiß. Ich wollte es nur noch einmal erwähnt haben, wenn wir schon darüber sprechen.«

»Tun wir das?«, fragte Nele mit gehobenen Augenbrauen, während sie ihre Hand auf Tomas' Arm legte.

Benni zuckte mit den Schultern. »Hast du nicht gerade gesagt, dass es Zeit für mich wäre, die richtige Frau zu finden?«

»Ja. Damit deine ewigen Flirtereien aufhören. Ich rieche dein aufgestautes Testosteron bis hierhin.«

Leni kicherte. »Komm schon, Nele. Das ist nun einmal Bennis Art. Du weißt, dass er das nicht ernst meint. Das haben die Musiker nun einmal so an sich. Gehört zum Image und kommt bei seinen Fan-Girls gut an, wie wir schon damals auf seinen Konzerten feststellen durften.«

Benni schüttelte den Kopf. »Schwachsinn. Erstens sind die Band-Zeiten schon lange Geschichte. Ich bin jetzt ein ernstzunehmender Musikkritiker.«

»Und Gitarrenlehrer«, fügte Tomas hinzu.

Benni nickte und nahm einen ordentlichen Schluck aus seinem Bierglas. »Zweitens meinte ich das vorhin vollkommen ernst, und das wisst ihr auch! Mir hat Nele von Anfang an verdammt gut gefallen. Ich habe sogar Tomas von ihr vorgeschwärmt. Ich konnte ja nicht ahnen, dass die Frau meiner Träume mehr auf den klassischen Spießbürger steht. Nimm's mir nicht krumm, Tomas.«

Der gelernte Bürokaufmann lächelte schief. »Keine Sorge, Kumpel. Warum sollte ich? Wie du selbst gesagt hast: Am Ende ist sie mit mir nach Hause gegangen.«

»Können wir bitte über etwas anderes reden?«, bat Nele mürrisch. Sie fühlte sich immer unwohler.

Leni knuffte sie in die Seite. »Hab dich nicht so. Ich finde das Thema definitiv interessanter als die Frage, ob ihr euch ein neues Elektroauto anschaffen solltet.«

»Sag ich ja. Spießbürger«, kommentierte Benni dazu und leerte mit einem erneuten Schluck sein Glas.

Leni, die jahrelang als Kellnerin gearbeitet hatte und solche Dinge sofort registrierte, stand sogleich auf. »Die nächste Runde geht auf mich. Alle noch einmal dasselbe?«

»Nicht für uns«, erklärte Tomas. »Es wird langsam spät. Wir machen uns bald auf den Weg.«

»Ach, kommt schon!«, rief Benni. »Der Abend hat doch gerade erst begonnen.«

»Nicht für Menschen, die jeden Tag pünktlich um acht Uhr im Büro sein müssen.«

Der Musiker sah betrübt zu Leni. »Aber du lässt mich nicht im Stich, oder?«

Die Blondine lächelte. »Keine Sorge. Ich habe morgen frei und definitiv nicht vor, meine leere Wohnung vor Mitternacht zu betreten. Von mir aus können wir noch bis morgen früh über alte Zeiten sinnieren.«

Nele sah, wie Bennis Blick weich wurde. Es prickelte auf ihrer Stirn. War das etwa Eifersucht? Was immer es war, es bestärkte sie darin, damals die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Doch die Frage beschäftigte sie noch, nachdem Tomas und sie sich schon längst von den beiden verabschiedet und das Lokal verlassen hatten. Draußen war es noch hell, das Sonnenlicht am Horizont tauchte den Münchener Himmel in ein herrliches Rosa und bescherte ihnen einen warmen Juni-Abend.

Nele zog ihre Sommerjacke wieder aus. Dann sah sie zu Tomas und musterte ihn neugierig. »Bist du denn nie eifersüchtig, wenn Benni solche Sprüche von sich gibt?«

Überrascht hob ihr Freund die Brauen. »Sollte ich?«

Nele errötete. »Nein, natürlich nicht.« Sie spürte, wie er einen Arm um sie legte und sie näher an sich heranzog.

»Eben. Es gibt keinen Grund dafür. Wir sind nun schon seit zwei Jahren ein Paar, seit Oktober wohnen wir sogar zusammen, und das sehr harmonisch. Es läuft alles genau so, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich bin gerne mit dir zusammen.«

Nele lächelte.

»Ich auch mit dir. Du bist sehr beständig und zuverlässig. Das liebe ich an dir.« Bei Tomas konnte sie abschalten. Er schenkte ihr Sicherheit, etwas, nach dem sie sich schon als Jugendliche gesehnt hatte. Sie war in einem liebevollen, aber chaotischen Haushalt aufgewachsen. Bei Tomas gab es keine Überraschungen, keine emotionalen Achterbahnfahrten. Das ließ sie nachts gut schlafen.

»Außerdem bist du nicht der einzige Mensch, den Benni umgarnt. Hab ich dir jemals erzählt, was seine ersten Worte an mich waren, als wir uns im Fitnessstudio kennengelernt haben?«

Nele sah ihn fragend an.

Tomas räusperte sich, um Bennis sonore Stimme zu imitieren. »Alter. Ich wünschte, ich hätte so einen Oberkörper wie du.«

Nele lachte. »Das hat er zu dir gesagt?«

»Ja. Kein Hallo, kein Wie geht's. Er ist direkt zur Sache gekommen. So ist er nun einmal. Aber er hat das Herz am rechten Fleck. Sonst wären wir alle ja nicht mit ihm befreundet. Und ich habe durch ihn meine bezaubernde Freundin kennengelernt. Dafür werde ich ihm ewig dankbar sein.«

Nele lächelte und schmiegte sich an ihn. Im Gegensatz zu Benni war ihr Freund mit Komplimenten wie diesem etwas sparsamer.

»Findest du mich wirklich so bezaubernd?«

»Absolut«, sagte Tomas inbrünstig. Er blieb stehen und zwang sie, es ihm gleich zu tun. Fragend sah sie zu ihm auf. »So bezaubernd, dass ich der Meinung bin, dass wir bereit sind«, sagte er nun und umschloss ihr Gesicht mit seinen Händen.

Sie blinzelte. »Bereit wofür?«

»Für ein Kind, Nele.« Der Blick seiner stechend grauen Augen war klar und fordernd. »Es wird Zeit, endlich eine Familie zu gründen.«

***

»Er will also Kinder?« Leni kam aus dem Staunen kaum heraus. »Aber du doch nicht!«

In dem kleinen Restaurant an der Schellingstraße war es noch ruhig. Das Servicepersonal hatte erst vor wenigen Minuten die Glastüren geöffnet und die Tafel mit dem Tagesmenü hinausgestellt. Immer mal wieder blieben Passanten draußen stehen, doch abgesehen von Nele und einem Stammgast hatte noch niemand das Lokal betreten.

Leni, die die Bestandsliste vom Lager durchgesehen und deswegen Nele bisher nur mit einem halben Ohr zugehört hatte, war nun neugierig geworden.

Ihre Freundin zuckte mit den Schultern. »Das stimmt so auch nicht ganz«, erwiderte Nele. »Ich weiß einfach noch nicht, was ich will. Ich weiß nicht, ob ich jetzt schon bereit bin, Mutter zu sein. Oder ob ich es jemals sein werde.«

Leni betrachtete ihre Freundin mit dem rotbraunen Haar und den waldgrünen Augen. Als sie die schöne, zierliche Frau kennengelernt hatte, war diese noch um einiges quirliger gewesen. Mittlerweile aber waren die schönsten Eigenschaften an Nele ihre Nachsichtigkeit und lebensfrohe Energie. Attribute, mit denen man ihrer Meinung nach sehr gut Kinder erziehen konnte. Wenn man das denn wollte.

»Das spürt man doch«, sinnierte Leni nach einer Weile. »Ich weiß ganz genau, dass ich Kinder haben will, sobald mir der richtige Mann begegnet.«

»Jetzt gleich?«, fragte Nele skeptisch. »Wenn jetzt dein Traummann durch die Tür hineinkäme, würdest du dann alles stehen und liegen lassen, um schwanger zu werden?«

»Warum nicht?«, warf Leni die Frage zurück. »Er ist schließlich mein Traummann. Natürlich würde ich vorher mit meinem Chef sprechen und ihn vorwarnen. Ich habe mich ja nicht umsonst zu seiner Assistentin hochgearbeitet. Aber für solche Fälle gibt es ja Mutterschutz und Elternzeit. Wir leben nicht mehr im Mittelalter. Ein paar Menschen haben hart dafür gekämpft, damit sich Beruf und Familie heutzutage gut vereinbaren lassen.«

Sie winkte eine der Kellnerinnen zu sich und trug ihr auf, einige Spirituosen und Weinflaschen an der Bar aufzufüllen. Dann drehte sie sich wieder zu ihrer Freundin um.

»Du hast doch selbst gesagt, dass Tomas ein ganz toller Mann ist. Er hat einen sicheren Job, ist zuverlässig, beständig, liebt dich und sieht dabei noch gut aus. Wo ist das Problem?«

»Ich weiß einfach noch nicht, ob ich schon dafür bereit bin«, wiederholte Nele.

Leni seufzte. »Nele, du musst aufpassen. Bei den Heiratsdiskussionen hast du doch auch schon abgeblockt. Irgendwann ist Tomas nicht mehr so verständnisvoll. Mein Ego würde das nicht so gut wegstecken, wenn meine Freundin ständig kneift, sobald es ernst wird.«

»Ich kneife nicht!«, protestierte Nele heftig. »Wir sind doch gerade mal im Oktober zusammengezogen. Warum muss alles so schnell gehen? Ich bin glücklich mit Tomas, aber das ist doch alles noch sehr frisch. Können wir nicht erst einmal eine Basis aufbauen, genießen, was wir haben, bevor wir sofort zum nächsten Punkt auf der Liste hetzen?«

Leni schmunzelte. »Zwei Jahre? Das nennst du frisch? Vielleicht wäre Benni damals wirklich die bessere Wahl gewesen. Über ihn hast du früher genauso leidenschaftlich geredet wie er gestern über dich.«

Nele errötete. »Sag so etwas nicht. Ich habe mich damals nur von seinem Aussehen blenden lassen. Gott sei Dank habe ich früh genug erkannt, dass er nur große Töne schwingt.« Ihr Blick ging zu einem Tisch, der direkt vor der Glaswand des Restaurants positioniert war.

Leni wusste sofort, woran sie dachte. »Das war doch kein richtiges Date!«

»Doch, das war es!«, erwiderte Nele. »Das erste und einzige. Du kannst es abstreiten, soviel du willst, aber er hat damals mit dir geflirtet, dass sich die Balken bogen. Aber ich bin froh drum. Andernfalls wäre ich vielleicht wirklich mit ihm zusammengekommen.«

Leni hatte damals noch als Kellnerin gearbeitet und ihren Tisch bedient. Im Gegensatz zu Nele war sie nach wie vor der Meinung, dass Bennis Flirtverhalten kein Beweis seiner untreuen Ader war. Ganz im Gegenteil: Benni war nun einmal ein extrovertierter, charmanter Mann, der anderen Menschen gerne ein gutes Gefühl gab. Er sagte den Leuten in seinem Umfeld offen und direkt, wenn er sie gut aussehend oder nett fand, auch im Beisein anderer. Allein das zeigte doch, dass keine niederen Absichten hinter seinen Komplimenten steckten. Ein echter Fremdgeher achtete peinlich genau darauf, keinen Verdacht auf sich zu lenken und seine Spuren zu verwischen ...

»Nele. Komm schon. Wenn ich mich richtig erinnere, hat er an dem Abend doch nur gesagt, dass ich schöne Augen habe und eine gute Kellnerin bin. Da fiel weder ein anzüglicher Spruch, noch wollte er meine Telefonnummer oder sonst was. Nur durch dich haben wir uns später auch befreundet. So oft, wie wir mittlerweile zusammen was unternommen haben, hätte da schon längst etwas laufen müssen, wenn mehr dahinterstecken würde. Ist aber nie passiert.«

»Weil du eine gute Freundin bist. Das hättest du mir nie angetan.«

»Weil weder Benni noch ich Interesse haben. Außerdem würde ich dir nichts antun. Oder hättest du jetzt, wo du mit Tomas zusammen bist, ein Problem damit, wenn ich mit Benni anbändeln würde?«

Nele blinzelte. Durch die offene Tür des Restaurants kam eine Touristengruppe, die sich auf Schwedisch miteinander unterhielt. Kurze Zeit später folgte ein älteres Paar. Langsam füllte sich das Lokal.

»Ich weiß jedenfalls, dass ich nicht mehr über Benni reden mag«, sagte Lenis Freundin nun. »Es hätte so oder so nicht gepasst. Der wollte noch dringender Familienvater werden als Tomas. Hat schon damals im Restaurant von Kindern geredet. Dazu noch die Flirterei. Das hat mich total abgeschreckt. Bei Tomas muss ich zumindest nicht die Angst haben, dass er mich hochschwanger mit der nächsten Frau betrügt.«

Leni bezweifelte, dass bei Benni diese Gefahr bestand, sagte aber nichts. Nele wollte ja nicht mehr darüber reden.

»Also gut«, sagte Leni nun und beobachtete aus den Augenwinkeln, wie eine weitere Gruppe das Lokal betrat. Bald würde sie ihrem Team aushelfen müssen. »Was hast du Tomas nun wegen der Kindersache gesagt? Weiß er von deiner Unsicherheit?«

Nele schüttelte zaghaft den Kopf. »Nicht wirklich. Wir haben früher zwar viel darüber geredet, dann aber längere Zeit nicht mehr. Ich habe ihm versprochen, demnächst zum Gynäkologen zu gehen und mich mal durchchecken zu lassen. Wer weiß, mit etwas Glück bin ich sowieso unfruchtbar, und das Problem löst sich von selbst.« Sie seufzte.

Leni knuffte sie in die Seite. »Sag so etwas nicht.«

»Ja, ja, sorry«, erwiderte Nele lahm. Sie wirkte müde. Erschlagen sah sie zu ihrer Freundin. »Du kennst nicht zufällig einen guten Frauenarzt? Bei meinem war ich seit Jahren nicht mehr, und nun ist er verzogen, wie ich gestern feststellen musste.«

Leni blinzelte. Dann grinste sie schief. »Na klar kenn ich einen. Der ist verdammt gut. Da kriegst du mit meiner Hilfe auch sofort einen Termin.«

»Ach ja? Bei wem denn?«

»Bei meinem Vater natürlich.«

***

Nele betrachtete die vielen eingerahmten Diplome und Auszeichnungen, die im Wartezimmer hingen, und fragte sich, ob das Ganze nicht eine überaus dumme Idee war. Während sie eine werdende Mutter beobachtete, die ihre Hand immer wieder besorgt auf ihren Bauch legte, realisierte sie, dass sie gleich den Vater ihrer Freundin kennenlernen würde, nur um sich kurze Zeit später untenrum frei zu machen. Warum hatte sie nicht schon vorher daran gedacht?

Unruhig griff sie nach einer Boulevardzeitschrift und blätterte zerstreut durch die Skandale der Reichen und Schönen. Sie sollte aufhören, sich so viele Gedanken zu machen. Lenis Vater konnte nichts dafür, dass sie so ungern zu Ärzten ging. Und die Urkunden an den Wänden bestätigten zumindest seinen guten Ruf.

»Frau Nele Schneider?«

Schnell legte sie die Zeitschrift wieder zurück und sprang auf.

Die Arzthelferin lächelte sie an. »Der Doktor erwartet Sie in Raum zwei.«

Viel zu nervös ging sie den Flur entlang und blieb schließlich vor einer grauen Tür stehen. Daneben hing ein Bild, auf dem zwei junge Ärzte vor einem Gebäude mit der Aufschrift Berling-Klinik standen und breit in die Kamera lächelten. Nele fand, dass die Mimik des linken Mannes durchaus der von Leni ähnelte. Sie atmete einmal tief ein, dann klopfte sie.

»Herein!«, ertönte eine tiefe Stimme.

Als Nele den kleinen Behandlungsraum betrat, fiel ihr Blick zuerst auf den mittig platzierten gynäkologischen Stuhl. Ein Mann im fortgeschrittenen Alter und mit weißem Kittel saß an dem Schreibtisch. Seine grauen Haare waren sorgfältig frisiert. Als er sich erhob und mit ausgestreckter Hand auf sie zuging, war seine Haltung aufrecht, nur der Kopf leicht nach vorne gebeugt. Seine hellen Augen strahlten Ruhe und Erfahrung aus. Er war ihr gleich sympathisch.