Beschreibung

Eine starke Frau, zwei Männer, eine Schwangerschaft und die große Oper - in ihrem neuen Roman erzählt Andrea Grill eindringlich von einer Sängerin zwischen Kind und Kunst.

Die 39-jährige Sängerin Iris Schiffer ist zielstrebig, selbstbewusst und auf gutem Karriereweg. Demnächst gibt sie als Cherubino in Mozarts Oper "Hochzeit des Figaro" ihr Debüt an der Met, und unverhofft wird ihr eine Hauptrolle bei den Salzburger Festspielen angeboten. Aber die schönste Nachricht ist ihre Schwangerschaft, von der Iris zunächst weder den beiden in Frage kommenden Vätern noch ihrer Agentin etwas verrät, zumal die Premiere in Salzburg und der Tag der Geburt nah beieinander liegen. Andrea Grill erzählt von einer souverän handelnden Frau, die erst allmählich bereit ist, ihre Schwangerschaft anzunehmen. Von den Männern nimmt sie, was sie braucht. Denn das, was zählt, sind sie und ihr Kind.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 390


Über das Buch

Die 39-jährige Sängerin Iris Schiffer ist zielstrebig, selbstbewusst und auf gutem Karriereweg. Demnächst gibt sie als Cherubino in Mozarts Oper »Hochzeit des Figaro« ihr Debüt an der Met, und unverhofft wird ihr eine Hauptrolle bei den Salzburger Festspielen angeboten. Aber die schönste Nachricht ist ihre Schwangerschaft, von der Iris zunächst weder den beiden in Frage kommenden Vätern noch ihrer Agentin etwas verrät, zumal die Premiere in Salzburg und der Tag der Geburt nah beieinander liegen. Andrea Grill erzählt von einer souverän handelnden Frau, die erst allmählich bereit ist, ihre Schwangerschaft anzunehmen. Von den Männern nimmt sie, was sie braucht. Denn das, was zählt, sind sie und ihr Kind.

Andrea Grill

Cherubino

Roman

Paul Zsolnay Verlag

Es gibt nicht viele Menschen, die sich in ein Röntgenbild verlieben — wenn ich auch den Eindruck habe, dass es in letzter Zeit mehr geworden sind.

— Ileana Cotrubaș

Iris Schiffer, Mezzosopranistin

Ludwig, Politiker, Unternehmer

Sergio Vincinzino, Tenor

Martha Halm, Iris’ Agentin

Viktor (Vicky), Iris’ Bruder

Iris’ Eltern

Sergios Eltern

Elizabeth Marie (Lizzy) Demmenie, Regisseurin

Christa, Korrepetitorin

Vincent Solitano, Dirigent

Dino Baradie, Regisseur

Susan Zerlowsky, Dirigentin

ein Embryo/Fötus

eine Ärztin

ein Arzt

div. Nebenfiguren

(u.a. eine Band und ihre Mitglieder, Kollegen, Intendanten, Orchestermusiker, Freundinnen, Kostümbildner, Fans usw.)

Personen

Erster Akt

*0 (75 cm)

Sie sah wieder aus dem Fenster. Grün, unerwartet grün, auch hier. Grashalme spiegelten sich in den Fliesen der Fensterbank, und da, auf den lanzettförmigen Silhouetten, lag der Stab. Er würde zeigen, ob sie recht hatte. Zwölf, dreizehn. Der Wind bewegte das Gras, im Testfenster tauchte ein Strich auf. Jemand klopfte an die Tür. Sie zählte weiter. Noch ein Klopfen. Moment! Sie vergaß zu zählen. Bin gleich so weit! Die Konditorei, deren Toilette sie benutzte, war doch leer gewesen? Zwanzig, einundzwanzig. Die Türklinke bewegte sich. Hatte sie richtig gezählt oder Zahlen übersprungen? Sie lehnte sich an die Wand: kalte Keramikfliesen durch die Bluse. Das Fenster war gekippt, es roch nach warmem Teig. Fünfunddreißig, sechsunddreißig. Die Wiese gab einem Luftzug nach, richtete sich wieder auf. Quadratische Platten, solche, in denen Steine zu erkennen sind, pflasterten einen Weg. Neununddreißig, vierzig Sekunden — ein Strich, zwei Striche: einer in der kreisförmigen Öffnung, einer in der eckigen, beide rosa. Sie las am Beipackzettel nach, was sie schon gelesen hatte: Striche bedeuten ja, kein Strich bedeutet nein. Der Geruch nach warmem Teig wurde stärker. Iris nahm ihr iPhone, fotografierte die Striche. Dann umwickelte sie den Stab mit einem Taschentuch, mit dem Beipackzettel, steckte ihn zurück in die Verpackung und in die Handtasche, die an der Klinke hing. Hellgelb, klein, leicht, mehr als zwei Dutzend Taschen besaß sie, fast immer nahm sie diese.

Sie schaute in den Spiegel, ihr Gesicht war wie immer. Was hattest du erwartet? Sie zeigte sich die Zunge. Auch die war wie immer. Vorhin hatte sie an der Theke die Kuchen betrachtet, sich nicht entscheiden können, hatte gesagt, ich setze mich, hatte sich nicht gesetzt. Sie würde nichts essen können.

Sie hatte es gewusst, seit gestern schon.

Jetzt hatte sie den Beweis.

Die Klinke bewegte sich. Klopfen, neuerlich. Ihre Tasche zitterte.

Sie zog die Spülung. Ging hinaus, lachend, das Lachen kullerte aus ihr heraus, ging vorbei an einer Dame in einem engen schwarzen Lederrock; die schüttelte den Kopf.

Als einzige Kundin stand sie vor der Torten-Vitrine. Was kann ich für Sie tun? Eine Biskuitroulade bitte, die mit den Erdbeeren. Können Sie die einpacken, transportsicher? Selbstverständlich. Mit dem kunstvoll verschnürten Päckchen verließ sie die Konditorei. Auf der anderen Straßenseite war durch das Schaufenster die Apothekerin zu erkennen, bei der sie zuvor gewesen war, wie sie mit einer jungen Frau sprach, ihr mehrere Packungen von etwas vorlegte, diese wieder wegnahm, neue Packungen auflegte, eine große Tube —

Es ist einfach, hatte die Apothekerin gesagt, die sicherste Methode, die es gibt. Absolut zuverlässig, Sie können nichts falsch machen.

Einfach war es wirklich gewesen.

Hinter der Apotheke ließ sich eine Landschaft ausklappen. Grün, wahnsinnig grün. Eine Weide, darauf zwei grasende Schafe, weit weg aber doch. Ein verblühter Bauerngarten, gelbe Fransen an einzelnen Stängeln. Ländliche Idylle in einer Millionenstadt. Leicht lag die Packung in ihrer Hand, länglich. Die Frau strich über ihren blitzweißen Labormantel, öffnete die Kasse, schloss die Kasse, reichte ihr die Rechnung. Hinter ihrer linken Schulter fraßen die Schafe.

Die nächste Kundin hatte den Ausblick durcheinandergebracht. Zugluft warf das Fenster zu, riss es wieder auf. Vorsicht!, die Apothekerin hatte sich an den Kopf gegriffen, als wäre er abfluggefährdet.

Da war Iris schon draußen gestanden. Die Konditorei war ihr aufgefallen, rote Maschen in der Auslage; sie hatte die Straße überquert, war eingetreten.

Iris setzte sich in Bewegung, das Biskuitpäckchen schlenkerte an ihrem Handgelenk. In vierzig Minuten musste sie beim Vorsingen sein. Um noch ins Hotel zu gehen, war es zu spät. Sie sah an sich hinunter. Ein schwarzes Kleid, knielang, blaue Strumpfhose, weiße Sneakers, nicht schlecht für die Rolle, um die sie sich bewarb. Die Vorstellungskraft des Intendanten würde nicht unnötig strapaziert werden; so ein Kleid passte zu der Sophie, die sie probeweise verkörpern sollte. Nicht die Sophie, an die Opernfans sofort denken, wenn der Name fällt, eine scheue, selten gespielte.

Wow, dachte sie. Die neue Gewissheit fiel ihr leicht. Sie betrachtete das Bild des Teststabs auf ihrem iPhone. Solang sie es nicht wollte, würde niemand davon erfahren. Auf das Display glitt eine frische Nachricht, vom linken oberen Eck rutschte sie herein, wurde dann unsichtbar. Ich halte dir Daumen und Zehen. Bald komm ich dran, sie tippte im Gehen, ich küsse deine Zehen, I.

Sie ging weiter in die Richtung, in der sie das Prinzregententheater vermutete; sie kannte München nicht gut, war zwar einmal bei den Opernfestspielen eingesprungen und ein paar Wochen da gewesen — als Komponist in Strauss’ Ariadne —, hatte damals aber keine Zeit, sich mit der Topografie der Stadt zu beschäftigen.

Sie beschleunigte ihre Schritte, geriet in etwas wie ein Wäldchen, gepflegte Wildnis für den Alltag. Jogger, Radfahrer; Kinder spielten Fangen um einen Teich herum, Kinder kreischten an einem Ringelspiel, drehten flink an dem Rad in der Mitte — huschende Farbflecken. Ihr und nur ihr gehörte das Testergebnis, kein Grund vorläufig, es jemandem zu erzählen.

Dass es noch Leute gibt, die wissen, was ein Lächeln ist, der Mann stützte sich auf einen Stock, Haselstaude, den hat er vermutlich eben von einem Strauch geschnitten. Nur weiter so, brummte er mit brüchiger Stimme, als sie sich umdrehte, weiter, weiter.

Noch dreißig Minuten. Jetzt hatte sie den Eindruck, die Umgebung zu erkennen. Lichtdurchflutetes Gelände, saftig, irgendwie satt, weit hinten, dem Blick angenehm Raum lassend: Berge. Ein kleiner Park zwischen den Häuserzeilen, fast sukkulent vor den weiß beschneiten Spitzen. Eine Bank unter einem überhängenden Baum. Hier will ich sitzen, den Übergang der Vorstadt in die Landschaft beobachten, so viel Zeit muss sein; sie fingerte an der Verschnürung des Biskuitpäckchens, löste den Knoten, faltete die Schachtel auf, biss in die Roulade. Besser als erwartet. Sonne schien auf ihre Beine.

Als sie den Zucker vom Kleid schüttelte, rührte sich das iPhone wieder; es vibrierte, es zirpte wie eine Feldgrille, eine deutsche Nummer blinkte. Iris wartete, bis das Zirpen aufhörte, rief den Anrufbeantworter an. Ich will Ihnen nicht lästig fallen, sagte eine fremde Stimme, weiblich, sympathisch, wollte mich nur erkundigen, ob Sie unterwegs sind, wir erwarten Sie.

Iris seufzte, bis zu ihrem Termin waren es noch zwanzig Minuten! Sie massierte sich den Nacken, drehte langsam den Kopf, nach links, nach rechts, verließ den Park, überquerte einen Platz. Das Prinzregententheater musste ganz in der Nähe sein. Wieder zirpte ihr Telefon, ja? Martha. Ja, ja, ja, ja, ja, ich bin fast dort, mach dir keine Sorgen, nein, nein, nein, ich weiß, bis später, ciao, tschüss, baba, ciao.

Martha Halm, ihre Agentin, hatte ihr zugeredet, die Einladung zu dem Vorsingen anzunehmen. Das ist deine Rolle, dir auf den Leib geschnitten; zeitgenössisch, herrliche Musik, dramatisch, eine eher unbekannte Oper: perfekt für einen Durchbruch, den Durchbruch. Kleine Perlen sammelten sich auf Marthas Nase und Oberlippe, Ernsthaftigkeitstau nannte Iris dieses Naturereignis, wenn sie jemandem im Vertrauen davon erzählte.

Wenn Martha glaubt, das Leben geht nicht weiter, falls ich etwas nicht versuche, ihres nicht und meins schon gar nicht, dann kriegt sie diese Schweißausbrüche, wie ein Pflänzchen, wenn es warm wird, nach einer kalten Nacht.

Iris hielt ein Taxi an. Ist nicht weit, sagte der Fahrer auf ihre Frage. Nach zehn Minuten ließ er sie vor dem Theater aussteigen. Schnell ging sie zum Haupteingang, geschlossen. Sie umrundete das Gebäude. Alle potentiellen Öffnungen waren zu; es hockte da wie eingekapselt. Kein Hinweis auf das Vorsingen. Kopfschüttelnd rief sie die Nummer der sympathischen weiblichen Stimme an. Nichts offen? Auch nicht die Seitentür? Ich entschuldige mich vielmals. Bitte, bitte, einen Augenblick Geduld, bin gleich bei Ihnen.

Es hatte Perioden gegeben in ihrem Leben, da wäre Iris in so einem Fall umgekehrt, hätte erbost Martha gebeten zu urgieren. Wäre dann tagelang auf Tauchstation gewesen. Heute spürte sie in sich einen fast grenzenlosen Vorrat an Geduld.

Oh, Sie sind allein! Hinter der Frau, die auf Iris zueilte, wehte ein knöchellanger Staubmantel. Nicht ganz, vorläufig werde ich nie mehr ganz allein sein. Das behielt sie für sich.

Willkommen, Frau Schiffer, wir freuen uns sehr, dass Sie da sind!

Ja, nickte Iris, wollen wir? Ich brauche ein paar Minuten zur Vorbereitung.

Selbstverständlich! Kommen Sie. Können wir auf den Lift verzichten? Beflissen schob die Frau sie durch ein menschenleeres Stiegenhaus, sie schob, ohne sie wirklich zu berühren, ein Luftpolster blieb dazwischen, bis sie in eine Garderobe gelangten. Hier sind Sie ungestört, wann darf ich Sie abholen? Geben Sie mir fünfzehn Minuten, ist das machbar? Freilich, ohne Weiteres. Die sympathische Stimme sprach, als würde sie sich ständig leicht verbeugen, wer sie war, blieb undeutlich. Geräuschlos machte sie die Tür hinter sich zu.

Iris war allein. Mit einem Spiegel, vielen Wandschränken, einem Waschbecken, einem Tisch, drei Sesseln; sie legte ihre Tasche auf den Tisch, streckte sich, machte Dehnungsübungen, rollte den Kopf zwischen den Schulterblättern hin und her; sie zog die Schuhe aus, sah sich im Raum um; sie setzte sich auf den Boden, legte sich hin, streckte sich aus, drückte ihren Rücken gegen die hölzernen Planken. Ihre Füße lagen unter dem Tisch, ihr Kopf berührte den Schrank gerade nicht. Eine nackte Glühbirne. Verputz bröselte von der Decke. Sie atmete. Ein und aus, ein und aus, der Boden trägt dich, du kannst dich auf ihn verlassen. Ein und aus, sie schluckte, spürte, wie der Kehlkopf sich bewegte, ihre Brustmuskeln sich dehnten. Sie fühlte sich locker.

*1 (75 cm)

Birnen und Äpfel, orange blühende Ranken dazwischen auf weißem Stoff, hinreißend, sagte die Verkäuferin. Iris fand den Bikini im Shop des Hotels, probierte ihn an. Fünf Minuten später war er ihr Eigentum. So kaufte sie ein, entschieden. Ihnen steht dieses Modell hervorragend, wiederholte das junge Mädchen, als sie bezahlte: Beatriz, Salesmanager, stand auf dem auf ihrer Bluse eingenähten Etikett. Genäht, dachte Iris, sie hat ihren Namen aufgenäht, damit sie nicht verwechselt wird. Beatriz sprach Englisch mit Akzent. Bei ihr klang es charmant. Wäre Sergio hier, würde er mit ihr scherzen, er würde sich nicht genieren, Dante zu erwähnen und sie als Führerin durch das Paradiso zu bezeichnen. Und weil Sergio es war, der von den neun himmlischen Sphären redete, während man in einem Laden für Unterwäsche und Accessoires stand, wäre es keineswegs unpassend. Sergio konnte zu jedem alles sagen. Und jeder fasste alles, was Sergio sagte, als Kompliment auf.

Sie war von München direkt nach Ibiza geflogen, mit leichtem Gepäck und der neuen Gewissheit. Der Sitz neben ihr blieb leer; sie betrachtete das Bild der rosa Striche, rührte den Imbiss nicht an, nahm nur einen Becher Wasser, sah zu, wie es Nacht wurde über Europa.

Bin gut gelandet, mehr schrieb sie Sergio nicht.

Sie hatte ihn im Schwimmbad kennengelernt. Er war nackt gewesen, hatte nur Slipper getragen. Mit der linken Hand wrang er eine Badehose aus, mit der rechten kramte er in dem Kästchen, vor dem er stand. Ihr Kästchen, kaum anderthalb Meter von seinem entfernt, hatte die Nummer 333, jedes Mal, wenn sie an ihre erste Begegnung dachte, blinkte diese Zahl in ihrer Erinnerung. Seine Haut war gebräunt, nirgendwo eine hellere Stelle, auch dort nicht, wo er gerade die Badehose abgestreift hatte; unter der Haut bewegten sich deutlich hervortretende Muskeln. Ein Profisportler?

Schöne Zahl, sagte er, als er den Schlüssel aufhob, der ihr im Vorbeigehen hinuntergefallen war. Boxershorts, hellblauer Stoff mit rosa Blümchen: Er hielt sie sich in der Nabelgegend vor den Bauch, während er ihr den Schlüssel überreichte. Aus seinem Kästchen lugte ein gelb-braun-blau kariertes Hemd.

Danke. Iris stand vollständig angezogen da, sogar ihre Wollhaube hatte sie schon auf; sie steckte den Schlüssel mit der Nummer 333 in ihre Manteltasche.

Diese Zahl werde ich mir merken, fuhr der Mann fort, während er sich von ihr wegdrehte und in die Boxershorts schlüpfte. Seine Füße stellte er dabei abwechselnd auf die Slipper, rosa und zu klein, die Fersen ragten einen Zentimeter über den Rand. Eine merkwürdige Zärtlichkeit überkam Iris, als ihr diese Slipper auffielen.

Auf Wiedersehen, sie machte ein paar Schritte auf den großen Wandspiegel neben dem Garderobenausgang zu.

Kamelhaar, rief er ihr nach, nicht wahr? Sie stutzte. Dann nickte sie, ohne sich umzudrehen, schaute unwillkürlich an sich hinunter und ging weiter. Schön, verfolgte sie seine Stimme, eine laute, eindringliche Stimme, schön, der Mantel, und nicht nur der Mantel —

Kennen Sie auch ein anderes Wort als schön? Ihre Vehemenz überraschte Iris.

Muss ich es kennen, antwortete der Mann, noch immer in Unterhosen. Kommen Sie öfter hierher zum Schwimmen?

Er sprach mit starkem Akzent, fehlerfrei und deutlich, jede Silbe vibrierte. Sein Deutsch war ein Präzisionswerkzeug; er wusste, wie man Sprache benutzte, um sich in die Gedanken anderer einzugraben. Die unerwarteten Melodien seiner Sätze verstärkten den Effekt: wie er die R gegen die Vokale rollen ließ, das S ans Wortende pfiff. Bei einem anderen wäre es Unfähigkeit gewesen, bei ihm war es Originalität.

Südamerika, hatte sie gedacht, als sie durch die Schwingtür des Schwimmbads trat, hinaus in einen lauen Maimorgen. Ein Chilene vielleicht, ein Argentinier. Eine Woche später erfuhr sie, er war aus Monza.

Wir lieben uns, um die Schrecken des Lebens zu vergessen; die großen und die kleinen. Das Lied, mit dem sie das Konzert eröffnen würden, hatte der Bassist geschrieben, auch den Text. Das gehörte zum Ungewöhnlichen der Band, der Bassist als Anführer. Sie hatten sich erst hier kennengelernt, Iris und die Band, in der Lobby des Hotels, zusammengebracht von einem Fan, der sie einmal als Ensemble hören wollte und es sich leisten konnte. Sie kannte ihn; nicht gut, aber sie hatte einige Cocktails mit ihm getrunken, ihn in einer langen Nacht in Beziehungsfragen beraten. Jetzt ehelichte er seinen langjährigen Freund, von dem er sich in jener Nacht kurzfristig getrennt gehabt hatte. Die persönliche Bekanntschaft war Iris’ Bonus; umso größer die Nervosität der Band. Das Lied des Bassisten wurde an diesem Abend zum ersten Mal öffentlich gespielt. Eine Weltpremiere; nach der kein Hahn krähte. Aber Reichtum und Einfluss des Bräutigams in Kombination mit dem großzügigen Honorar, das ihnen zugesichert worden war, beschleunigte die Herzfrequenz der an sich coolen Jungs. Für mehr als einen Soundcheck und ein kurzes Einspielen aufeinander blieb keine Zeit, sie würden improvisieren müssen.

Solche Auftritte waren Iris am angenehmsten.

Auch an diesem Abend kam sie auf ihre Rechnung. Vom ersten Ton an fühlte sie sich mit den Zuhörern verbunden, in den Pausen, wenn die Instrumente gestimmt wurden, war die Brandung zu hören. Dann schwimmen, dachte sie. Sie spielten vier Zugaben, zuletzt noch einmal das Lied des Bassisten. Als sie sich unter Applaus verbeugten, weinte er.

Hörst du die Wellen? Sie hatte das iPhone in den Sand gelegt. Alles höre ich, seine Stimme klang nah, als stünde er neben ihr. Du Glückskind, sagte er. Pass auf, dass dich nichts beißt da im Wasser. Typisch für Ludwig, so etwas zu sagen. Sie beendete das Gespräch, legte ihr Kleid auf das Telefon, ihre Wäsche darauf, stellte die Sandalen daneben. Halb eins in der Nacht. Ein rotgoldener Mond über ihr, absurd voll, warm das Wasser, Ibiza. Sie stieß sich ab, schwamm hinaus ins Dunkle; sie kraulte. Sie legte sich auf den Rücken, ließ sich treiben. Etwas berührte ihren Oberschenkel, sie quietschte, lachte: noch ein nachtaktives Meerestier. Sie drehte sich wieder auf den Bauch. Das hellerleuchtete Zelt, aus dem sie sich davongeschlichen hatte, war nur ein unsicheres Dreieck. Sicher war: sie, hier, Haut an Haut mit einem Fisch.

Als sie mit einigen Verrenkungen den Reißverschluss am Rücken zugemacht hatte und in die Schuhe schlüpfte, die Riemchen waren noch offen, erwischte sie der Lichtkegel einer Lampe. Da bist du! Der Bassist, mit dem sie zweieinhalb Stunden lang die Bühne geteilt hatte, schaute sie befremdet an: Wir haben dich gesucht. Mit einem Kopfschütteln bemerkte er ihre triefenden Haare. Warum hast du nichts gesagt? Womöglich gibt es hier Strömungen.

Ich brauche den Kontrast.

Der Bassist richtete die Lampe auf das Meer, ein Kormoran flog auf. Hey, ich muss mir meine Schuhe erst zumachen, leuchte da her, Iris beugte sich hinunter, um den Ausschnitt war ihr Kleid nass. Du wirst dich verkühlen, sagte der Bassist, du musst dich umziehen. Erkälten, auf Ibiza? Es ist Herbst, der Bassist zuckte mit den Schultern. Sie fing an zu rennen. Komm, wir gehen tanzen, im Hotel gibt’s eine Party. Aber die erwarten dich. Etwas hilflos wies er auf das Zelt, aus dem nun Trommeln ertönten. Er rannte jetzt auch, widerwillig, seine Füße schleiften mit leisem Pfeifen über den Sand.

Du, ich hab getan, was ich musste, es hat Spaß gemacht, aber jetzt geh ich tanzen. Sag ihnen Bescheid und komm nach. Ihr könnt alle nachkommen, die ganze Band. Ich lad euch ein auf ein paar Drinks.

Okay, er blieb stehen.

Iris entfernte sich von ihm, mit beiden Händen winkend, auf dem Parkplatz hinter den Dünen hatte sie Taxis gesehen. Sie fuhr zum Hotel.

Rasch holte sie ein kurzes, bügelfreies Kleid aus dem Koffer, föhnte ihre Haare trocken. Eine Stunde nach dem Schwimmen war sie auf der Tanzfläche; wieder im Freien. Auf Ibiza existiert der Begriff Lärmbelästigung nicht. Sie sah sich um, keiner der Musiker war gekommen, aber sie kannte die Nummer, die gespielt wurde, vom Soundtrack eines Films, den sie einmal nach einem Konzert in ihrem Hotelzimmer gesehen hatte, nur an das Wort blau im Titel erinnerte sie sich. Lauter einander unbekannte Leute bewegten sich im selben Rhythmus; sie überließ sich dem Beat, doppelte, dreifache, vierfache Herzschlagfrequenz. Tanzte sich müde. Dreimal wurde sie angesprochen, zweimal von einem Mann, einmal von einer Frau; jedem erzählte sie abweisend, sie sei mit ihrem Gatten hier, der liege mit Magenverstimmung oben.

Um halb fünf ging sie hinauf.

Die Leintücher waren glatt und kühl. Wohlig streckte sie sich darunter aus, ein Bett für mich allein. Sie las ein SMS von Sergio, schickte eins an Ludwig. Bevor sie sich dem Schlaf überließ, fiel ihr ein, wie ungern sie mit ihrem allerersten Freund im gleichen Bett geschlafen hatte.

*2 (75 cm)

Den Vater ihres ersten Kindes erkenne eine Frau direkt. Mit dieser These ihrer Mutter war Iris aufgewachsen, und sie hatte sie für blanken Unsinn gehalten; bis vor Kurzem. Mit dem Beweis, dass ein zweites Herz in ihr schlug, war die Erinnerung an eine bestimmte Stunde wieder aufgetaucht. Sie war im Bett gelegen, Ludwig schnitt Brot in der Küche, sie roch das Brot, intensiv, als entstünde der Geruch in ihrer Nase, sie roch den Wein, den er entkorkte, aus dem anderen Zimmer herüber. Er richtete einen Teller mit Käse und Weintrauben, sie setzten sich an den ovalen Tisch, sie in seinem Bademantel, er in Hosen und einem Hemd, das er offen ließ; beide barfuß. Sie hörten Klaviersonaten von Mozart, eine Aufnahme mit Ingrid Haebler, ihr war, als spielte die Pianistin in ihr. Der Käse war der beste Käse, den sie je gegessen hatte.

Später hatte sie die CD-Hülle in die Hand genommen, gelesen, was sie gehört hatten, zwölf Variationen in C major, K. 265/300e über die Melodie »Ah, vous dirai-je, Maman«.

Sie schob sich die beiden Polster des Doppelbetts in den Nacken, suchte das Stück in der Playlist ihres iPhones; sobald sie es hörte, umfing sie wieder die Atmosphäre des Abends. Sie sah hinaus auf das Meer. Der Strand, der Ort ihres nächtlichen Schwimmens, vor zehn Stunden aufregend, fast unheimlich, schmiegte sich jetzt langweilig an die Terrasse des Hotels. Die Meerestiere schliefen; vielleicht war das spürbar.

Iris summte, wie immer, bevor sie aufstand. Erst reden, wenn du schon eine Weile wach bist, und vor allem: summen. Das war der Rat ihrer ersten Lehrerin gewesen, und sie hielt sich daran (mehr oder weniger). Einiges hatte die Lehrerin in Iris hineingesteckt, das drinnen geblieben war.

Sie summte Vokale, einfache Melodien, wie sie ihr gerade einfielen, I Follow Rivers von Lykke Li, jetzt wusste sie wieder, bei welchem Song sie gestern die Tanzfläche betreten hatte.

Ludwig schrieb aus einer Aufsichtsratssitzung: Wie du mir fehlst! Sie schrieb zurück: Ich bringe dir salzige Luft mit von hier.

Ich muss Ludwig sehen. Schlagartig, mit einem Lampenfieber, wie sie es vor dem Konzert keine Sekunde lang empfunden hatte, überwältigte sie der Wunsch.

Ihm muss ich es sagen, ihm als Erstem.

Ihr Flugzeug ging am Nachmittag (damit ich noch schwimmen kann, mich in die Sonne legen, Meeresluft atmen), gegen neunzehn Uhr würde sie in Wien landen, spätestens um zweiundzwanzig Uhr könnte sie bei ihm sein. Er bei ihr sogar früher, falls er Gelegenheit hätte zu kommen. Jede ludwiglose Woche ist eine lustlose Woche, scherzte sie manchmal, wenn sie ihre Kalender verglichen, nach Leerstellen für ihr Zusammensein suchten. Der Scherz war ehrlicher, als sie zugab; das nächste L. stand erst für Dienstag eingetragen, sie hatten einander zwei Wochen lang nicht gesehen.

Ich muss dich sehen. So ein Satz passte weder zu Ludwig noch zu Iris. Sie stand ruckartig auf, ging hinaus auf den Balkon, wieder hinein, ins Bad, nahm ihre Zahnbürste aus dem Etui, legte sie auf den Waschbeckenrand, ging zurück in ihr Zimmer, griff nach dem iPhone.

Tippte: Möchtest du meinen neuen Bikini sehen? Drückte auf Senden. Ja! Bitte! Unbedingt!, kam sofort zurück. Deine Badewanne oder meine? Auf diesen Vorschlag reagierte er nicht.

Spontane Verabredungen mit Ludwig waren unmöglich. Iris wusste das und versuchte gewöhnlich nicht, ihre eingespielten Usancen zu durchbrechen: Sie kannten einander seit drei Jahren und trafen sich ungefähr einmal pro Woche.

Anfangs war es seltener gewesen.

Mittlerweile wäre beiden seltener zu selten.

Sie hatte ihn beim Essen kennengelernt. Er trug einen Anzug, Krawatte, feine Stoffe, dafür hatte sie ein Auge. Er fiel auf in der sich ums Buffet drängenden Menge. Er überragte fast alle Anwesenden um einen halben Kopf, sein Haar leuchtete, sein Gesicht war jung, stand damit in seltsamem Kontrast zum »weißen Fell« (wie sie es später zärtlich nennen würde) über seinen dunklen Brauen. Ihre Arme berührten sich, als sie beide nach demselben Teller griffen. Verzeihung, braune Augen sahen sie an, ich war etwas zerstreut. Nein, ich muss in Gedanken gewesen sein. Sie lachten, das Gespräch nahm seinen Lauf. Er freue sich vor allem auf den Risotto, sagte er, während sie Ellbogen an Ellbogen warteten, bis sie sich an der Theke bedienen konnten.

Shrimps lagen da auf extrem grünen Salatblättern; eine enorme Auswahl an Käsesorten, sogar Époisses, daran erinnerte sie sich gut; eine bis zum Rand gefüllte Schale mit Cordon bleu auf einer Warmhalteplatte; Reis belegt mit zahlreichen Basilikumblättern, wie grüne Schindeln. Sie redeten weiter, während sie ihre Teller beluden, setzten sich nebeneinander auf zwei leere Sessel in einer Tischrunde. Er stellte sich vor, bevor er nach der Gabel griff. Als sie ihrerseits ihren Namen nannte, erkundigte er sich, ob sie in der Gegend lebte.

Ich mag die Gegend, sagte sie nach einer langen Pause.

Sehr lange werde er nicht bleiben können, sagte Ludwig, als er gegessen hatte. Desserts versuche er zu vermeiden, wehrte er ihren Vorschlag ab, sich bei den mittlerweile aufgetragenen Süßigkeiten Nachschub zu holen. Der Gastgeber wisse Bescheid, er sei später gekommen und müsse früher gehen. Aber wenigstens war ich da, unvermittelt lachte er und legte seine Karte in ihre Hand. Über ein Wiedersehen würde ich mich freuen, Ihnen noch viel Vergnügen auf der Party. In seinen Augen schimmerte ihr eigenes Gesicht in Miniatur und ein Versprechen.

Zwei Tage später bat sie Martha, eine CD an die auf der Visitenkarte angegebene Adresse zu senden; ihre erste Aufnahme, mehrere Jahre alt, aber sie schien ihr passend für ihn, eine Sammlung von Liedern, Haydn, Rachmaninoff, Wolf, Weill, Mahler, Webern.

Drei Tage später erhielt sie seinen Dank, die E-Mail-Adresse habe er im Internet gefunden, er hoffe, sie sei richtig, bitte um ihre Telefonnummer.

Ein Bote brachte einen Blumenstrauß, groß, teuer, ohne Absender. Von ihm, war Iris überzeugt. Sie wartete auf den Anruf. Ein Jahr verging, Ludwig meldete sich nicht.

Der Strauß war von einer Freundin gewesen, stellte sich heraus, ein verspäteter Geburtstagsgruß.

*3 (75 cm)

Iris kam aus dem Badezimmer, ein Handtuch um die Hüften gewickelt, die Zahnbürste im Mund. Chiamata persa zeigte das Display ihres iPhones, Sergio. Sie ging zurück, spuckte die Zahnpastareste ins Waschbecken, spülte den Mund, fuhr mit einem kleinen Bürstchen zwischen die Zähne, benutzte Zahnseide, eine Augencreme, Eyeliner; zog einen Frotteebademantel an, verknotete den Gürtel doppelt und erwiderte Sergios Anruf. Sie wollte schon aufgeben, als sein Gesicht auf dem Display erschien. Hallo! Ja, ich sehe dich. Ich muss es kurz machen, gleich beginnt die Probe. Gut geschlafen? Alles okay, ich bin noch im Hotel. Das sehe ich, du bist im Bademantel. Hier könnte ich überall im Bademantel sein, das ist Ibiza! Wie fühlst du dich? Herrlich. Im Lift vorhin waren alle im Bikini, außer mir. Wie war das Konzert? Gut, relaxed. Ich bin dann allein tanzen gegangen. Allein? Du Verrückte. Na, wenn du nicht da bist. Als ob es dir an Begleitern mangeln würde! Die Band zum Beispiel, wo war die Band? Das sind gute Musiker, aber fade Kerle, die brauchen viel Schlaf. Und das Vorsingen, in München? Noch nichts gehört. Wann geht dein Flug? Am Nachmittag. Dann hast du noch Zeit. Ich muss los. Schreib mir, wenn du ankommst, ja? Okay. Du bist am Abend verplant, oder? Verplant kannst du das nennen, ich hab den Titus. Entschuldige, daran hab ich nicht gedacht. Kein Problem, solang ich’s nicht vergesse è tutto pane e marmellata. Wir sehen uns morgen? Ja, morgen, ganz sicher. Ciao. Ciao!

Ein SMS ihrer Agentin glitt aufs Display, als sie das Telefon weglegen wollte. Du bist im Radio, JETZT. Hier der Link. Iris setzte sich in einen Fauteuil neben der offenen Balkontür, klickte darauf:

»Guten Morgen, es ist elf Uhr zehn. Ich begrüße Sie bei Sänger, die kochen können. Unser heutiger Gast, die Sopranistin Iris Schiffer, kocht ein Taboulé mit Erdbeeren, Bratwürstel auf Sauerkraut und zur Nachspeise ein gebackenes Orangensoufflé. Dazu hört sie Musik von Schumann, Vampire Weekend, Sonic Youth, Mieczysław Weinberg, Philip Glass, Haydn und Bellini.

Frau Schiffer, wie kamen Sie zur Auswahl dieser Speisefolge?

Da hat, wie oft in meinem Leben, der Zufall eine Rolle gespielt. Als mich Ihre Einladung erreichte, war ich in Priština, nach dem Konzert brachten mich die Organisatoren des Festivals, bei dem ich auftrat, in ein Lokal, wo mir genau diese Gerichte aufgetischt wurden. Wahnsinnig gut.

Kochen Sie oft zu Hause nach, was Ihnen im Restaurant geschmeckt hat?

Eigentlich nicht. Ich gehe noch mal in dasselbe Restaurant. In diesem Fall wäre das etwas aufwendig.

Priština ist kein typischer Ort für ein Gastspiel. Oder irre ich mich da?

Ein Benefizkonzert war es nicht, wenn Sie das meinen. Ich war zu FemArt eingeladen, einem Festival, bei dem ausschließlich Frauen auftreten. Die Veranstaltung hat internationale Sponsoren, die zahlen auch die Gagen. Alle Darbietungen, die ich verfolgen konnte, haben mich beeindruckt.

Wie lange sind Sie in Priština geblieben? Wie viel Vorlauf brauchen Sie an einem Ort, um gut singen zu können?

Ich habe zwei Mal übernachtet. Besser für meine Stimme wäre gewesen, ich hätte direkt am Flugplatz kehrtgemacht, die Luftverschmutzung ist horrend. Mein Arzt hat das an meinen Stimmbändern gesehen, die sahen aus, als hätte ich zwei Tage lang durchgehend geraucht.

Und trotzdem konnten Sie singen?

Ich kann immer singen. Gibt’s hier irgendwo ein Stück Holz, auf das ich klopfen kann?

Zurück zum Essen. Ihr Verhältnis zum Herd ist ungetrübt?

Mein Vater war Koch. Ich habe mich zu Hause immer an den gedeckten Tisch setzen dürfen. Erst in der Studienzeit habe ich eigene Kocherfahrungen gemacht. Inzwischen stehe ich leidenschaftlich gern in der Küche.

Ihr Vater war Profikoch?

Er hat das gelernt, ja. Vor meiner Geburt hat er in einem Hamburger Nobelrestaurant gekocht und Karriere gemacht. Er hat das Haus in den Rankings hinaufgetrieben. Kurz nachdem ich geboren wurde, starben jedoch seine Eltern, rasch nacheinander. Da hat er deren Bäckerei geerbt und die Geschäftsführung übernommen, er hat seine Stelle als Koch aufgegeben und nur mehr für uns gekocht, für die Familie. Seit ich mich erinnern kann, war das so. Wir hatten nicht nur jeden Morgen frisches Gebäck, wir hatten auch jeden Mittag ein dreigängiges Menü: Suppe, Hauptspeise, Dessert, und an Sonntagen waren es fünf Gänge.

Haben Sie Ihren Vater bei der Vorbereitung dieser Sendung konsultiert?

So ein Menü würde er als ›wild‹ bezeichnen. Wissen Sie, irgendwann emanzipiert man sich von den Eltern, sogar wenn man wie ich als Kind verwöhnt wurde. Er hört uns jetzt aber bestimmt zu, während er seinerseits in der Küche steht.

Ihre Mutter …?

Sie war die Musikerin in der Familie. Sie ist Pianistin.

Sie hat Sie zum Singen gebracht?

So direkt lässt sich das nicht sagen. Es existiert ein Bild von mir als Wickelkind, wie ich unter dem Klavier schlafe, während meine Mutter unterrichtet. Das junge Mädchen, dem sie Stunden gibt, trägt einen langen, weiten roten Rock und ein schwarzes T-Shirt, auf dem die Worte stop screaming aufgedruckt sind; den Mund hält sie geöffnet, als würde sie O sagen. O-o-o-oh. Ich habe diese Fotografie als Kind geliebt, noch ehe ich wusste, was die Aufschrift bedeutet. Wegen des Rocks und weil ich mich selber gern als das Bündel Mensch angeschaut habe, das ich auf dem Bild bin — in eine helle Decke gewickelt, auf der kleine Hunde mit aufgerissener Schnauze aufgedruckt sind. Reglos schlafend, ein winziges entspanntes Gesicht, mit Augenbrauen wie gezeichnet. Meine Babyaugenbrauen haben mich damals fasziniert. Ich weiß das so genau, weil diese Fotografie eingerahmt im Schlafzimmer meiner Eltern stand. Als ich drei oder vier Jahre alt war, habe ich mich oft hineingeschlichen und das Bild betrachtet. Kann aber gut sein, dass das ein Schnappschuss war, ein einmaliger Moment.

Und wann wussten Sie: Ich will Sängerin werden?

Ich habe keine Erinnerung daran, dass ich mich jemals konkret für diesen Beruf entschieden hätte. Ich war immer glücklich, wenn ich sang, seit ich denken kann.

Wie hat Ihre Karriere dann ihren Lauf genommen?

Ich war ein sehr lebhaftes Kind. Meine Mutter hat versucht, diese Energie zu kanalisieren, sie hat mich in einem Kinderchor angemeldet und in die Musikschule geschickt, zuerst Blockflöte, dann Gitarre, weil ich nach einem Instrument verlangte, bei dem ich den Mund frei hätte zum Singen. Das war eine spontane Ansage von mir damals. Aber es war der Kern. Der Mund muss frei sein. Ich hatte eine laute Stimme, wissen Sie. Die haben gehört, wenn ich daherkam, bevor sie mich gesehen haben.

Ihre Mutter hat also Ihr Potential früh erkannt und Sie entsprechend gefördert?

Da müssten Sie sie selbst fragen. Ich hatte immer den Eindruck, sie wollte vor allem dieses quirlige Kind etwas zur Raison bringen und hat das mit Musik versucht. Das war ihr Metier. Wissen Sie, ich bin nie in einen Kindergarten gegangen, meine Eltern hielten nicht viel davon. Als ich fünf war, sind wir von Hamburg nach Wien umgezogen. Mein Vater verlegte den Hauptsitz des Betriebs hierher, das schien lukrativer, er konnte von einem Wiener eine Backstube übernehmen und verkaufte in Hamburg fortan Brötchen nach Wiener Rezept. Ein gewisser Abenteuergeist steckte wohl auch dahinter, meine Eltern wollten, glaube ich, einfach ihr Glück versuchen. Der Umzug machte mich nur noch aufgedrehter. Ich kam dann auf Betreiben meiner Mutter bald in den Kinderchor der Staatsoper. Das war irgendwie ein Selbstläufer. Und bei den vielen Proben, die wir hatten, blieb mir wenig Gelegenheit, zu Hause den Wirbelwind zu spielen. Mein Bruder kam in Wien zur Welt, und damit veränderte sich die Familienkonstellation sowieso komplett, mein Bruder ist übrigens kein Musiker.

Frau Schiffer, Sie haben hier in der Küche schon einige Schalen und Töpfe vorbereitet, womit beginnen wir?

Ich fange mit dem Taboulé an. Das lasse ich im Kühlschrank ziehen, während ich die Hauptspeise mache. Die Orangen für das Dessert habe ich bereits geschält und geschnitten.

Sind Sie immer so eifrig? Auch im Beruf?

Also ich würde das umsichtig nennen.

Haben Sie Angst vor Unsicherheiten?

Ich will, dass mir das Soufflé gelingt.

Und das geht besser, wenn ich Ihnen dabei nicht zuschaue?

Das geht nur, wenn es zur richtigen Zeit bei der richtigen Temperatur für zehn Minuten im Ofen ist. Schauen Sie, das Eiweiß kann ich erst schlagen, wenn wir den Hauptgang bereits gegessen haben. Zum Reiben der Orangenschale wäre in der Stunde, die Sie für unser gemeinsames Kochen vorgesehen haben, keine Zeit.

Planen Sie alles so akkurat?

Das geht leider nicht. Nur beim Kochen geht’s. Deshalb koche ich ja so gerne.

Verraten Sie unseren Hörern, was Sie schon vorbereitet haben?

Ich habe zwei Orangen gewaschen, die Schale abgerieben, die Früchte geschält und das Fleisch in kleine Stückchen geschnitten; die warten jetzt darauf, dass ich sie mit ein bisschen Zucker vermische.

Drei Löffel Zucker nehmen Sie, sage ich jetzt dazu, damit unsere Hörer sich das vorstellen können. Ist das die Ober- oder Untergrenze?

Sie können so ein Orangensoufflé auch ganz ohne Zucker machen, je nachdem wie gut die Orangen sind. Meine Freunde in Wien schwören alle auf Orangen aus Sizilien. Ich bin da keine Ausnahme. Also, zu viel Zucker würde mir das Gericht verderben.

Jetzt haben wir, ganz beiläufig, den Nachtisch schon fast fertig, während wir über etwas völlig anderes geredet haben. Würden Sie sagen, das ist typisch für Sie?

Ich würde sagen, das ist typisch dafür, wenn ein Radiojournalist zu mir nach Hause kommt und aufnimmt, wie ich koche.

Verraten wir dann gleich, wie die Geschichte ausgeht, wie bringen Sie das Soufflé zu einem guten Ende?

Sobald die Bratwürste auf den Tellern liegen, schalte ich das Backrohr ein und heize auf 120 Grad Umluft vor. Wenn ich mein Würstel gegessen habe, schlage ich drei Eiweiß steif, hebe den Schnee unter die vorbereitete Fruchtmasse und gieße das Ganze in eine Auflaufform; ich streue Mandelsplitter darauf und lasse es zehn Minuten lang im Rohr.

Iris Schiffer, heute bei uns in der Sendung, wird nächsten Freitag im Linzer Landestheater mit einem Liederabend auftreten, bei dem zwei Stücke der russischen Komponistin Jelena Olegowna Firsowa erstmals in Österreich zu hören sein werden, die Kantate Silentium für Mezzosopran und Streichquartett und das Stück Secret Way für Mezzosopran und Orchester. Frau Schiffer, noch eine Frage …«

Puhh, hätte schlimmer sein können, schrieb sie Martha, zog den neuen Bikini unter den Bademantel an und verließ ihr Zimmer.

Auf den Stufen zwischen erstem und zweitem Stock begegnete ihr der Bassist. Das Instrument an einem Riemen über der Schulter, einen großen Rucksack am Rücken, rannte er fast in sie hinein. Hast du’s eilig? Der Musiker erkannte sie erst auf den zweiten Blick. Dieses Mädchen im Bademantel ähnelte der Frau nur flüchtig, mit der er auf der Bühne gestanden war. Sie umarmten sich, versprachen, den Kontakt zu halten, unbedingt, lass uns noch mal was Gemeinsames machen. Dann lief er weiter.

Sie ging an den Strand und sofort ins Wasser. Ein Schwarm winziger silbriger Fische stob davon.

Bevor sie zum Flughafen fuhr, verabredete sie sich per SMS mit ihrer Manchmal-Freundin #1, die im kleinen Kreis zum Essen einlud. Ein Freitagabend ohne Verpflichtung — entspannen, gut essen, an nichts denken.

Angeschnallt auf Sitz 8A, die Maschine bewegte sich schon — noch eine Minute bis zum Start, verkündete der Pilot durch die Lautsprecher —, erhielt sie eine Nachricht von Ludwig. Du, ich könnte mich in den Zug setzen, jetzt, um 21 Uhr bei dir sein. Gilt das mit der Badewanne noch?

Ja! Komm!, tippte sie.

Abschalten, Sie müssen Ihr Gerät sofort abschalten! Jetzt! Die Stewardess blieb neben ihr stehen, bis Iris den Flugmodus eingestellt hatte.

Der Flug dauerte zu lang und zugleich viel zu kurz. In seinen Armen sein. Seinen Geruch einatmen, die vertraute Mischung von sauberer Wäsche, Rasierwasser, Seife, viel benutzten Bürosesseln, gepresstem Staub. Daheim, das war Ludwig; von ihm wollte sie nirgendwo mehr hin. Die Neuigkeit prickelte in ihr. Vorfreude. Sie würde ihm die neue Gewissheit mitteilen, alles würde anders werden. Diese Vorfreude konnte ihr nicht lang genug dauern.

Das Flugzeug durchbohrte Wolken, sie dachte an Küken, flauschige gelbe Bällchen, wie sie manchmal sogar in Großstädten auf Gewässern schaukeln, fühlte sich jung, sehr jung.

*4 (75 cm)

Ich habe eine befruchtete Zelle in mir, sagte sie zu Ludwig um 22 Uhr 11, beim Schein einer Laterne, auf einem gepflasterten Platz, wenige Schritte vor dem Restaurant, in das sie gehen wollten.

Sie hatte nachgedacht, wie sie es formulieren würde, tagelang nachgedacht, merkte sie, als sie im Taxi saß und vom Flughafen nach Hause fuhr, die Fassaden der Stadt zogen an ihr vorbei, gewöhnungsbedürftig, als wäre sie länger weg gewesen. War zu keiner gelungenen Formulierung gekommen.

Kann ich Ihnen behilflich sein? Der Fahrer stieg aus, hielt ihr die Tür auf, stellte den Koffer neben ihr rechtes Bein. Nein, danke, nein, nein. Iris zahlte, betrat das Gebäude. Es war still.

Sie schaute hinauf in die Schnecke der Stiege bis zur Glaskuppel oben, nahm den Lift in den dritten Stock. Da war ihre Tür, Biedermeier, die schönste im Stiegenhaus. Wegen dieser Tür hatte sie die Wohnung genommen, sieben Jahre war es her, die Tür versprach Großzügigkeit und Geräumigkeit. Großzügig und geräumig war das Apartment dahinter vermutlich auch gewesen, bevor die Wohnung zu kleineren Einheiten umgebaut wurde. Ein Erstbezug, alles, was da nach der Renovierung an Leben stattgefunden hatte, stammte von ihr — Gerüche, Kratzer, Dellen.

Sie ließ die Tür zufallen. Endlich zu Hause. Den Koffer schob sie, wie er war, in den Abstellraum. Sie zog ihre Schuhe aus und öffnete ein Fenster. Genug gelüftet, nach zehn Sekunden machte sie es wieder zu. Sie überlegte weiter. Wie würde sie es ihm sagen, mit welchem Wortlaut? Sie trank ein Glas Leitungswasser. Das Fremdeln bei der Fahrt um den Ring wich einer angenehmen Vertrautheit. Das war Wien: unbesorgt Leitungswasser trinken in einem renovierten Altbau, aus einem Auto steigen, das kaum nach Abgasen stinkt.

Es klingelte: Ludwig. Noch immer bekam sie Herzklopfen, wenn sie sich trafen, jedes Mal wie das erste Mal. Auch nach drei Jahren.

Komme ich gelegen?, fragte er, wie jedes Mal, wie das erste Mal. Sie strahlte, antwortete nichts, küsste ihn auf sein linkes Ohr.

Hallo, sagte sie. Zog ihn auf ihr Bett. Eine innige halbe Stunde ineinander verkrallt. Bis die Mägen knurrten, hörbar füreinander. Wollen wir? Nicht zu weit, oder? Zwei Stationen mit der U-Bahn? Dann kannst du deine Sachen dalassen, bis nachher?

Fünf Minuten später in der U-Bahn, Hand in Hand; abrupt loslassen, auseinanderfahren, Köpfe gerade richten auf den noch so anschmiegsamen Hälsen, sich unterhalten wie Bekannte, zufällig begegnet — da stiefelt ein Bekannter Ludwigs daher, einen ausgestreckten Pfeil vor sich, gespannt, um sich in etwas Weichem niederzulassen: eine Hand. Schüttelt die andere. Langnichtmehrgesehen. Wiegehtsdirdenn. Achmanschlägtsichdurch. Gutgut. Sie stiegen aus; wenige Schritte vor dem Restaurant hielt sie ihn am Arm zurück: Du, ich muss dir was sagen.

Jetzt war die Formulierung aus ihr herausgeschlüpft wie die einzig mögliche. Wortküken, dachte sie, mehr war es noch nicht. Ein Etwas, über das gesprochen wurde. Ein mittels des chemischen Nachweises gewisser Substanzen bestätigtes Etwas. Zuerst hatte sie mit sich selbst darüber gesprochen, jetzt zeigte sie Ludwig ein Bild auf ihrem iPhone, rosa Striche, sagte ein Wort mit neun Buchstaben.

Der Himmel war sternenklar, die Luft eisig.

Iris fröstelte, sie hatte nur einen leichten Mantel an, kein Halstuch, keinen Schal. Das Telefon vor ihren Gesichtern beschlug von den Atemwolken, sie ließ es sinken, wischte es an der Hose ab, steckte es ein.

Sollen wir nicht hineingehen? Er sah sie an, als müsse er sich von weit her zu ihr zurückholen.

Sonst sagst du nichts?

Gehen wir zuerst hinein, es wird kalt. Zum ersten Mal, seit sie sich kennen, kräuseln seine Mundwinkel sich nicht leicht nach oben, als er sich ihr zuwendet. Bis jetzt hat er sie immer angelächelt. So kommt es ihr vor. Alles würde anders werden, hatte sie gedacht, während sie über das Mittelmeer flog. Da war die erste Veränderung.

Du, sagte er nach weiteren Minuten, in denen er an ihr vorbei in die Dunkelheit gestarrt und sie ihm dabei wortlos zugeschaut hatte.

Ja? Zaghaft klinge ich und kann nicht anders. Sie ärgerte sich, dass sie ihre Stimmlage und damit die Atmosphäre zwischen ihnen nicht besser unter Kontrolle hatte. Wo es doch um sie ging, in ihrem Körper etwas Neues lebte. Bei Ludwig war alles wie immer, bis auf die Worte, die er soeben gehört hatte: noch nie zuvor zueinander benutzte Worte. Ich verliere die Kontrolle über mich, weil ich sein Schweigen so schlecht aushalte. Sie weiß es und kann nichts dagegen tun.

Lass uns reingehen, wiederholte er, es ist kalt, deine Stimme.

Meine Stimme ist robust, entgegnete sie, so resolut wie möglich, und berührte dabei sanft seinen Ellbogen. Sie erregte ihn; nur sie konnte das durch die wattierte Jacke hindurch, mit zwei Fingern am Unterarm. Wie sehr diese beiläufige Berührung ihn aufwühlte, war ihr nicht bewusst.

Was willst du essen? Drinnen im Restaurant wirkte er bereits halbwegs gefasst. Sie saßen zu zweit an einem Tisch für sechs, kein anderer war frei gewesen. Iris bestellte Semmelknödel mit Saft und Bauchfleisch, schielte auch schon auf die Nachspeisen. Ludwig konnte sich schwer entscheiden, Linsen mit Knödel, sagte er dann, als der Kellner fragte, ob er noch warten solle. Sie trank Birnensaft, er Grünen Veltliner. Nachdem die Bestellung erledigt war, schwieg Ludwig weiter.

Sie spürte ihre Schlagader, ein paar Zentimeter unterhalb des Nabels, die pochte, pumpte Blut; sie spürte ein Ziehen an der Schädelhaut, ein Spannen über den Ohren, ein Stechen in den Schläfen. Stumm schaute er sie an, schaute auf seine Hände, strich den Tisch glatt mit ihnen, rieb wieder und wieder über die hölzerne Platte.

Ich glaube, jetzt hat das Holz keine Falten mehr. Iris griff nach seiner rechten Hand, zuckte zurück, hoppla, das war ein Schlag, bist du elektrisch.

Mein Pullover, murmelte er, Wollpolyestergemisch.

Sie merkte, er prüfte immer wieder, ob jemand hereinkam, der ihn kannte.

Angst habe ich keine. Ihre Stimme war klar, laut. Mit ein paar Schluck Saft hatte sie die Belegtheit weggespült. Ein heller Ton schwang mit, wenn sie sprach, als läute leise eine Glocke; unverwechselbar. Der Nachhall blieb im Ohr, egal, was sie sagte. Besonders beim Telefonieren fiel Ludwig das auf. Schon wenn sie sich meldete, ihren Namen sagte, hallo sagte, war da das Klingeln. Zart, aber stark: eine Feder, die sie über alle hinauskatapultierte.

Wenn sie sang, klang sie anders. Ihre Singstimme war nicht die, die ihm erzählte, stöhnte, quietschte, Zärtlichkeiten flüsterte. Iris war nicht seine Iris, wenn sie auftrat. Sie begeisterte ihn, wie sie alle begeisterte, aber sie gab sich ihm nicht. Auch dem Publikum gab sie sich nicht, sie gehörte der Musik; den Figuren, den Texten. Die Verwandlung war so vollkommen, dass sie ihn völlig verwirrt hatte, als er Iris zum ersten Mal auf der Bühne erlebte. Er war im Parkett gesessen und hatte nach ihr gesucht, hatte wiederholt ins Programm geschaut, ihren Namen neben dem des Octavian gelesen, hatte hinaufgeschaut. Als sie angefangen hatte zu singen, hatte er ihre Art zu gehen erkannt, wie sie die Arme hob. Doch sie war siebzehn gewesen, ein junger Graf, mit dem die Marschallin sich vergnügte. Keine Spur von der Frau, mit der er zwanzig Stunden vorher ein Bett geteilt hatte.

Sang sie solo und Lieder, war sie wieder anders. War sie dann so sehr sie selbst, wie sie es mit ihm oder überhaupt im Zusammensein mit anderen nie sein konnte?

Eine Stimme wie ein Baum, hatte er gedacht, als er zum ersten Mal eine CD von ihr hörte; Ludwig lehnte sich an.

Ihre Sprechstimme kam auf die Menschen zu, wie auch Iris sich bei Unterhaltungen über den Tisch beugte. In die Stimme hatte er sich verliebt. Damals, während sie Essen auf ihre Teller luden.

Ich kann es ihr nicht sagen, verkündete Ludwig unvermittelt, ausgeschlossen! Er brach ab, weil der Kellner das Essen auftrug. Die Semmelknödel schwammen in einer appetitlich anmutenden Soße, der Duft ließ Iris das Wasser im Mund zusammenrinnen; sie konnte es kaum erwarten, mit der Gabel in eins der Fleischstücke zu stechen und es sich auf die Zunge zu legen. Trotzdem fing sie erst an zu essen, als auch Ludwig das Besteck in die Hand nahm. Kauen war immerhin ein guter Grund, nicht zu reden.

Das Essen schmeckte ihr. Ludwigs Teller war dennoch vor dem ihren leer, und wieder einmal habe ich vergessen zu beobachten, wie es aussieht, wenn er die Bissen in seinen Mund schiebt, dachte Iris, während sie ein Stück Brot in den Soßenrest tunkte; ich krieg ein Kind von ihm und weiß nicht, wie er isst.

Wieso soll es ausgeschlossen sein, eine Tatsache festzustellen? Sie stellte die Frage betont sachlich. Plötzlich wirkte er ganz verloren vor seinem Teller, auf dem nur einzelne Linsen und ein Blatt Petersilie zurückgeblieben waren.

Sie würde es nicht überleben, murmelte er, es wäre das Ende für sie, absolut das Ende, und die Kinder — den Kindern kann ich das unmöglich zumuten.

Die Verzweiflung machte ihn um etliches älter, als er war, und mit einem Mal sah Iris in seinem Gesicht seine gesamte Lebenszeit vorüberziehen, sekundenlang wusste sie, wie er in zehn, in zwanzig Jahren aussehen würde, wie er als Kind, als junger Mann ausgesehen hatte. Seine Augen waren dunkler als sonst, die Pupillen nicht mehr von dem Braun umrandet, in das sie sich schon so oft hineinsinken hatte lassen; fast schwarz waren sie jetzt. Und sie sah, er wusste keinen Ausweg, wirklich nicht. Und obwohl es allem widersprach, was sie sich in den letzten vierundzwanzig Stunden ausgedacht und erhofft hatte, sagte sie schlicht: Du brauchst es ihr nicht zu sagen.

Danach fühlte sie sich als Meisterin der Situation. Zwar war alles, was er behauptete, fern jeglicher Logik, einerseits der Logik der Liebe, die sie einander dauernd erklärten, andererseits der Logik des Respekts vor seiner Frau. Wer war er, sich so wichtig zu nehmen, dass er ihr nicht zutraute, über eine Untreue hinwegzukommen, die sie bei einem Mann in seiner Position doch irgendwann vermuten musste? Sie, Mutter von drei Kindern, eins davon schon erwachsen, mehrsprachig, gebildet — wie konnte er ihr unterstellen, sie ahne von nichts? Sie so naiv hinstellen? Bei der Intensität, mit der wir beide — mittlerweile über Jahre — miteinander umgehen. Wenn an den Liebeserklärungen, die er mir gemacht hat, etwas Wahres ist, konnte das der Frau nicht verborgen geblieben sein. Ich spüre doch auch immer, wenn er nach einer — wie er es nennt: unfreiwilligen — Reise mit seiner Familie sich währenddessen von mir entfernt hat. Eins war in der Inkohärenz des Wenigen, das er innerhalb der letzten Stunde von sich gegeben hatte, deutlich: Er war unfähig, sein Leben zu ändern.