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Lebensgeschichte zweier deutscher Missionare, die zwischen 1896 und 1951 im chinesischen Hinterland das Verlöschen des Jahrtausende alten Kaiserreichs, die von Unruhen und Bürgerkrieg geschüttelte Republik China, den Krieg mit Japan und schließlich die Anfänge der Volksrepublik China erlebten und überlebten. Sie sahen sich mit absurden Ängsten und Fremdenhass von Chinesen konfrontiert, sie kämpften gegen Opiumsucht, richteten Schulen ein, die - damals revolutionär - auch Mädchen unterrichteten. Weil es noch kein funktionierendes Gesundheitswesen gab, betreuten sie Kranke und Verwundete, ohne eine fundierte medizinische Ausbildung zu haben. Ihre Lebensbedingungen waren erbärmlich: Sie bekamen kein festes Gehalt, manchmal lebten sie in schrecklichen Behausungen, das tropische Klima machte ihnen zu schaffen, oft setzten Malaria-Anfälle sie außer Gefecht, mehrfach mussten sie im Bürgerkrieg unter Lebensgefahr fliehen. Dennoch wollten sie den Chinesen weiter die christliche Botschaft predigen, wenn sie auch oft auf taube Ohren stießen. Nach Gründung der Volksrepublik China wurde ihre Arbeit zunehmend behindert. Sie durften keinen Kontakt mehr zu einheimischen Christen halten und wurden schließlich vertrieben.
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Seitenzahl: 320
Veröffentlichungsjahr: 2017
Den Nachkommen von Luise und Rudolf Röhm
Hermann Röhm
48 Jahre als Missionare in China: Luise und Rudolf Röhm
Impresssum
© 2017 Hermann Röhm
Umschlaggestaltung: Achim Kramer
Titelgestaltung unter Verwendung des Bildes „Höllenstrafen” eines namentlich unbekannten chinesischen Malers von 1902.
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback 978-3-7439-2754-4
Hardcover 978-3-7439-2755-1
e-Book 978-3-7439-2756-8
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Das abenteuerliche und entbehrungsreiche Leben meiner Großeltern habe ich in diesem Buch großenteils mit Zitaten aus ihren Berichten nachgezeichnet. Die Hauptautoren sind also Luise und Rudolf Röhm. Sie haben über Jahrzehnte Freunden und Unterstützern in Deutschland und der Schweiz von ihrer Arbeit und den Lebensbedingungen in einem weit entfernten und oft sehr fremden Kulturkreis erzählt.
Einige Zitate habe ich leicht geändert: 1. Orte bezeichne ich möglichst mit den heutigen Namen, damit interessierte Leser sie auf Landkarten finden können. Der in den Originalberichten als Chuchow oder Tschuetseo erwähnte Ort heißt beispielsweise heute und in diesem Buch Lishui. Manche kleine Ortschaften im Umkreis der Stationen meiner Großeltern habe ich nicht mehr gefunden. Ihre Namen habe ich unverändert übernommen. 2. Schwer verständliche alte Rechtschreibung habe ich durch heutige ersetzt. 3. Alte Abkürzungen habe ich ausgeschrieben.
44 Jahre nach der Ausweisung meiner Großeltern aus China übernahm ich 1995 Aufgaben in diesem Land und habe bis 2013 mit Unterbrechungen 8 Jahre dort gelebt. Aber meine Lebensbedingungen waren unendlich viel besser als die von Luise und Rudolf Röhm. Ich war zwar auch oft wai guo gui zi, ausländischer Teufel, aber ich habe nie den Ruf gehört ‚Schlagt die ausländischen Teufel tot‘. Ich wurde nie beraubt und musste nie unter Lebensgefahr fliehen. Aberglauben, Gewalttätigkeit, Korruption, krasse Selbstsucht, Verleumdung fand ich noch weit verbreitet.
Zum Gelingen dieses Buches haben meine Vettern Gerd und Helmut Röhm beigetragen, indem sie Berichte unserer Großeltern aus Sütterlin-Schrift in Maschinenschrift übertragen und mir zur Verfügung gestellt haben. Von meinen Kusinen Ursula Hyde und Ute Wachter habe ich alte Bilder erhalten bzw. bearbeitet bekommen. Mein Onkel Dr. Walter Röhm, der Jahrzehnte in China lebte, hat mich bei der Suche nach Wohn- und Arbeits-Orten seiner Eltern unterstützt. Seinem Buch ‚Wie Gott in drei Erdteilen führte‘ verdanke ich wichtige Informationen. Mein Vater Theophil Röhm hat mir seine Erinnerungen an Kindheit und Jugend in Zhejiang eindrucksvoll geschildert. Die Allianz Mission hat mir ihr leider im zweiten Weltkrieg weitgehend zerstörtes Archiv geöffnet. Meine Frau Jiang Yindi hat mir als Pfadfinderin bei der Suche nach Lebensstationen meiner Großeltern und alten Weggefährten und als Dolmetscherin und Übersetzerin unschätzbare Dienste geleistet. Von ihr stammt auch der Titel dieses Buchs. Allen Unterstützern herzlichen Dank!
Köln, 15. Mai 2017
Dr. Hermann Röhm
Darf ich untätig bleiben, wenn 450 Millionen Menschen unwissentlich in ihr Verderben laufen? Diese Frage beantworteten zwei junge Deutsche aus einfachen Verhältnissen in den frühen 1890er Jahren mit einem klaren „Nein“. Sie wollten helfen, Chinesen vor der Hölle zu bewahren. Sie kannten die von dem Evangelisten Markus überlieferten Worte Jesu „Gehet hin in alle Welt und prediget das Evangelium aller Kreatur. Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubet, der wird verdammt werden.“ Die 20jährige Luise Sichelschmidt aus Westfalen und Rudolf Röhm, 25 Jahre alt, aus Baden beschlossen unabhängig voneinander, als Missionare die christliche Botschaft in China zu verkünden. 1893 traten sie der Deutschen China Allianz Mission bei.
Auf ihr großes Ziel waren sie nicht vorbereitet. Sie waren zwar gläubige Christen, hatten aber keine theologische Ausbildung. Nach der Volksschule arbeitete Luise als Hausgehilfin, Rudolf war nach seiner Buchbinderlehre auf der Walz. So nannte man damals die für junge Handwerksgesellen übliche Wanderung, um in fremden Städten bei anderen Meistern neue Erfahrungen zu sammeln. Von China und den Chinesen wussten sie wenig. Chinesisch konnten sie nicht.
Nach mühsamer Vorbereitung in Deutschland und England kamen sie im Frühjahr 1896 in China an und besuchten zunächst in kleinen Orten Sprachschulen. Dort erlebten sie Fremdenhass. Trotz unzureichender Sprachkenntnisse wurden sie bald erfahrenen Missionaren als Helfer zugeteilt. Nach drei Jahren konnten sie selbständig arbeiten. Im Jahr 1900 entkamen sie fremdenfeindlichen Mörderbanden im sogenannten Boxeraufstand durch die Flucht nach Schanghai. Dort heirateten sie und kehrten auf ihr Arbeitsfeld zurück, als sie sich nicht mehr gefährdet glaubten.
Nachdem Deutschland den ersten Weltkrieg verloren hatte, wurden sie 1919 auf Betreiben Englands aus China ausgewiesen. Dass sie deutsche Staatsbürger waren, genügte als Grund sie hinauszuwerfen; sie hatten nichts verbrochen und keine Reichtümer, deren sich die Sieger bemächtigen konnten. ‚England rules the whole world‘, erklärte ein Engländer Rudolf Röhm. In Deutschland hielten sie ihr Ziel im Auge, das Evangelium in China zu verbreiten. Bei erster Gelegenheit kehrten sie 1924 in ein Land im Bürgerkrieg zurück. Sie erlebten unerhörte Kriegsgräuel und flohen mehrmals unter Lebensgefahr von ihren Stationen. Aber aufgeben wollten sie nicht. Selbst als sie einen Krieg mit Japan voraussahen, kehrten sie 1937 von einem Heimaturlaub ins geliebte China zurück, obwohl Rudolf knapp 69 und Luise 64 Jahre alt war. Sie sahen sich an ihren Auftrag gebunden, den ein Missionslied beschrieb: „Sagt’s immer wieder, bis keiner mehr klagt, niemand hat je mir vom Heiland gesagt.“
Der erwartete chinesisch-japanische Krieg kam schnell und 1939 brach der zweite Weltkrieg aus. Die Missionsarbeit wurde immer schwerer. Aber die Frage, ob sie untätig bleiben dürften, obwohl Millionen Chinesen das christliche Evangelium nie gehört hatten, beantworteten die alten Röhms weiterhin klar: „Nein, wir müssen etwas tun.“ Das sah die am 1. Oktober 1949 an die Macht gekommene kommunistische Regierung anders. Am 15. März 1951 wurden Luise und Rudolf Röhm aus ihrem Missionshaus vertrieben, weil sich die örtliche Polizei dort einnisten wollte. In Deutschland blieb den alten Missionaren nur noch, für China zu beten und in Missionsversammlungen zum Gebet aufzurufen.
Für die chinesischen Christen folgten schreckliche Jahre unter kommunistischer Gewaltherrschaft. Nach dem Tod des Tyrannen Mao im Jahre 1976 verbesserte sich ihre Lage langsam und sie verbreiteten die christliche Botschaft ohne ausländische Helfer. 40 Jahre nach Maos Tod hat sich die Zahl der Christen in China vervielfacht.
Gustav Rudolf Röhm wurde am 18. November 1868 in Königsbach (Amt Durlach) im damaligen Großherzogtum Baden geboren. Seine Mutter Katharina, geb. Knodel, stammte von dort: Ihre Vorfahren hatten seit über 100 Jahren dort als Handwerker und Bauern gelebt. Sein Vater Johann Georg Röhm war aus dem rund 50 km südlich gelegenen Gültlingen, (Oberamt Nagold) zugezogen, wo seine Vorfahren ebenfalls seit über 100 Jahren als Handwerker und Bauern ansässig gewesen waren. Königsbach und Gültlingen waren damals kleine Orte im Großherzogtum Baden. Heute, im Jahre 2017, gehören sie zum Bundesland Baden-Württemberg und sind Teile der größeren Gemeinden Königsbach-Stein und Wildberg im nördlichen Schwarzwald. 1874 zog Rudolf Röhm mit seinen Eltern nach Karlsruhe.
Bei der Geburt von Rudolf Röhm waren seine Großeltern bereits tot oder starben kurz darauf. Seine Eltern bekamen noch weitere vier Kinder: Karl, Friedrich, Julius und Anna. Die Eltern waren – wie auch schon Groß- und Urgroßeltern – evangelisch. Der Vater von Rudolf Röhm war Schuhmacher und Kirchendiener, so wurden damals Küster genannt, laut Duden Menschen die „für Instandhaltung, Reinigung u. Ä. einer Kirche [...] und für den äußeren Ablauf des Gottesdienstes u. Ä. verantwortlich“ sind. Rudolf besuchte die Volksschule. Ihre Unterrichtfächer waren: „Religion, Lesen und Schreiben, deutsche Sprache, Rechnen, Gesang, Zeichnen und das Wissenswürdigste aus der Geometrie, der Erdkunde, der Naturgeschichte und Naturlehre und aus der Geschichte (Realien), sodann Turnen für Knaben und Handarbeitsunterricht für Mädchen.“1
Die Schulpflicht dauerte vom vollendeten 6. bis zum vollendeten 14. Lebensjahr. Es gab auch erweiterte Volksschulen, in denen zusätzlich Französisch und Englisch unterrichtet wurde. Ob Rudolf Röhm in den Genuss solchen Sprachunterrichts kam, ist unbekannt. Nach der Volksschule ging er in Karlsruhe-Durlach in eine Buchbinderlehre. Sein Gesellenstück, ein prachtvolles dickes Buch mit Goldprägung in einer großen Cassette, erregte in meiner Kindheit meine Bewunderung. Leider ist es verschollen.
Nach Abschluss der Lehre ging Rudolf Röhm nach damaligem Handwerkerbrauch auf die Walz: Dieser Begriff steht für „die Zeit der Wanderschaft zünftiger Gesellen nach dem Abschluss ihrer Lehrzeit (Freisprechung). Sie war seit dem Spätmittelalter bis zur beginnenden Industrialisierung eine der Voraussetzungen der Zulassung zur Meisterprüfung. Die Gesellen sollten vor allem neue Arbeitspraktiken, fremde Orte, Regionen und Länder kennenlernen sowie Lebenserfahrung sammeln.“2 Einzelheiten über Rudolf Röhms Wanderschaft sind kaum bekannt. Sein Sohn Walter berichtete, dass er mit anderen Wandergesellen den Rhein entlang gezogen sei. Nach einem verblichenen Personal-Bogen – vermutlich der Deutschen China Allianz Mission – hat er in den Christlichen Vereinen junger Männer in Karlsruhe, Elberfeld, Lemgo, Bielefeld und Frankfurt am Main verkehrt, so dass er sich an diesen Orten wohl länger aufgehalten und gearbeitet hat. Im Juli 1891 hat Rudolf Röhm „Heilsgewissheit erlangt“, ohne dass Einzelheiten dazu überliefert sind. In Bielefeld kam er „als begeisterter Bläser mit dem ‚Posaunengeneral‘ Kuhlo in Bethel in Verbindung“.3 Die Verbindung mit dem ‚Posaunengeneral‘ Pastor Johannes Kuhlo (1856 bis 1941) lässt vermuten, dass Rudolf Röhm mit der Arbeit der diakonischen Einrichtungen Bodelschwingh‘sche Anstalten in Bethel und Rauhes Hauses in Hamburg vertraut war, denn Kuhlo war in Bethel Anstaltspfarrer und hatte vorher im Rauhen Haus in Hamburg gearbeitet. „Theologisch stand Kuhlo der neupietistischen Erweckungsbewegung nahe und war durch ein orthodoxes Luthertum und schlichten Bibelglauben geprägt, ohne theologisch-wissenschaftliches Interesse.“ Er war ein sehr einflussreicher Musiker, der ab 1881 als ‚Posaunen-General“ berühmt wurde.4 Nach dem Besuch eines Vortrags von Hudson Taylor in Frankfurt entschloss Rudolf Röhm sich im April 1893 der Deutschen China Allianz Mission beizutreten5 und wurde im Juli 1893 in die Mission aufgenommen.
Der Engländer Hudson Taylor war ab 1853 in China als Missionar tätig gewesen und hatte 1865 die China Inland Mission gegründet. Er gilt als einer der einflussreichsten christlichen Missionare aller Zeiten. Er war überzeugt, den Chinesen die christliche Botschaft bringen zu müssen, ohne die sie auf ewig verloren seien. Für diese Idee warb er auch auf Vortragsreisen in Deutschland. Taylor gilt als der Begründer der sogenannten Glaubensmissionen, denen es in erster Linie um die Verkündigung der christlichen Botschaft geht und die sich nicht um enge theologische Begrenzungen kümmern. Bei ihnen können Christen verschiedener Glaubensgemeinschaften und beiderlei Geschlechts mitarbeiten; sie müssen nicht einmal studierte Theologen sein. Eine feste Bezahlung erhalten sie nicht.
Die evangelische Hochschule Tabor in Marburg beschreibt die Grundsätze der China Inland Mission so:
„1. Die Mission ist interdenominationell. Missionare aus allen evangelischen Kirchen können in ihr mitarbeiten, wenn sie der Glaubensgrundlage zustimmen.
2. Fragen der Kirchenordnung sind sekundär und auf dem Missionsfeld pragmatisch zu lösen.
3. Missionare sind nicht Angestellte, sondern Mitglieder der Mission.
4. Missionare bekommen kein Gehalt, sondern erwarten im Glauben, dass Gott sie mit allem Nötigen versorgt („Glaubensprinzip“).
5. Missionare mit unterschiedlicher Vorbildung sind gleichermaßen willkommen.
6. Ordinierte und nicht ordinierte Missionare sind in jeder Hinsicht gleichgestellt.
7. Ehefrauen gelten als Missionare und haben dieselben Möglichkeiten wie Männer.
8. Ledige Frauen haben dieselben Möglichkeiten der Missionsarbeit wie Männer und können auch im selbständigen evangelistischen Pionierdienst arbeiten.
9. Die Missionare identifizieren sich soweit wie eben möglich in ihren Lebensgewohnheiten mit der Kultur des Gastlandes. So tragen sie z. B. chinesische Kleidung.
10. Missionare müssen bereit sein zu Verzicht, Leiden und Opfer.
11. Verkündigung hat Vorrang vor institutioneller Arbeit.
12. Erste Priorität der evangelistischen Arbeit ist es, allen die Chance zu geben, das Evangelium wenigstens einmal zu hören. Deswegen steht die evangelistische Reisepredigt im Zentrum.
13. Die Bekehrten sind in Gemeinden zu sammeln und zur Ausweitung des Dienstes einzusetzen.
14. Die Mission ist international.
15. Die Leitung der Mission ist zentralistisch und liegt auf dem Missionsfeld. Die Heimatzentralen der Mission sind nur für die Vertretung der Belange der Mission im jeweiligen Land zuständig.“6
Hudson Taylor „war der festen Überzeugung, dass es nur durch die persönliche Bekehrung zu Christus Heil gibt. Jeder Mensch, der nie das Evangelium gehört hat, oder sich nicht für ein Leben im Glauben an Jesus entschieden hat, geht ewig verloren. Diese Theologie gab den frühen Glaubensmissionen eine starke Leidenschaft und Dynamik. Neu war, dass die Glaubensmissionen nach dem Vorbild der China Inland Mission ihre vordringliche Aufgabe darin sahen, das Evangelium zu bisher unerreichten Völkern zu tragen.“7
Taylors Missionsideen wurden weitgehend unterstützt durch den aus Schweden stammenden Amerikaner Fredrik Franson, der sie auf weltweiten Vortragsreisen propagierte. Er gründete zusammen mit dem Wuppertaler Kaufmann Carl Polnick 1889 die Deutsche China Allianz Mission. Sie arbeitete eng mit der China Inland Mission zusammen und hatte bereits 7 Missionare/innen nach China entsandt, als Rudolf Röhm ihr beitrat.8 Fredrik Franson (1852 bis 1908) erschien manchen Zeitgenossen als fanatischer Evangelisationsprediger, der die Menschen in emotionale Erschütterung versetzte, so dass sie sich bekehrten. Das rief sogar gelegentlich – auch im Wuppertal – die Polizei auf den Plan, brachte ihn in Europa mehrfach ins Gefängnis und trug ihm 1885 ein immerwährendes Aufenthaltsverbot in Dänemark ein. Er wurde auch von nüchterner denkenden Theologen kritisiert.9
Franson erwartete die baldige Wiederkehr Christi und sah sich in Zeitnot, die Menschenmassen, die die christliche Botschaft noch nicht kannten, zu evangelisieren und so vor dem ewigen Verderben zu retten.10 Sein theologisches Vorbild Dwight Lyman Moody hatte erklärt: „Ich sehe diese Welt als schrottreifes Schiff. Gott hat mir ein Rettungsboot gegeben und gesagt ‚Moody rette alle, die du retten kannst‘. Gott wird als Richter kommen und diese Welt verbrennen. [...] Die Welt wird dunkler und dunkler, ihr Untergang kommt näher und näher. Wenn du noch irgendwelche nicht erlöste Freunde auf diesem Wrack hast, solltest du keine Zeit verlieren und sie herunterholen.“11 Solche Gedanken erklären vielleicht den fanatischen Eifer, der Franson rastlos durch alle Kontinente trieb und zum Mitbegründer vieler Missionsgesellschaften werden ließ.
Ob Rudolf Röhm vor seiner Entscheidung, in die Mission zu gehen, Fredrik Franson persönlich erlebt hat oder sogar näher kannte und auch von ihm beeinflusst wurde, ist unbekannt. Gelegenheiten, den viel Reisenden zu erleben, gab es wohl. Franson war von 1885 bis zum Winter 1890 viel in Deutschland unterwegs, wie Briefe und Schriften belegen.12
Auch Carl Polnick […] ging es – wie Franson – um die Rettung der ‘Verlorenen’ und auch er rechnete mit der baldigen Wiederkunft Christi. 1890 schrieb er „Doch die Zeichen der Zeit mehren sich so, dass unser Herr und unsere Erlösung nahe ist, dass jeder Einzelne sich wohl ernstlicher, als bisher fragen darf, ob er seine Zeit, seine Gaben, sein Vermögen nicht besser als bisher für unseren Herrn und König Jesus verwerten kann.“13
Das Wupper-Tal war als Gegend mit vielen religiösen Gruppierungen bekannt, deren Glaubensgewissheiten sich nur in geringer Weise unterschieden, die sich aber dennoch oft streng gegeneinander abgrenzten. Das erlebte ich als Kind selbst in den 1950er Jahren noch – 60 Jahre nach dem Eintritt Rudolf Röhms in die Deutsche China Allianz Mission: Auf knapp 2 Kilometer Strecke fanden sich 3 evangelische religiöse Gemeinden, die sich reserviert beäugten. Eine Reihe von Mitgliedern einer Freikirche sah sich selbst als ‚Kinder Gottes‘ im Gegensatz zu den ‚Weltmenschen‘, die der evangelischen Kirchengemeinde angehörten. Fröhliches Singen in leicht angeheitertem Zustand am Neujahrsmorgen habe ich als untrügliches Zeichen für ‚Weltmenschen‘ in Erinnerung. Die Deutsche China Allianz Mission hielt sich frei von solch engen Einschränkungen; der Namensbestandteil ‚Allianz‘ machte das deutlich.
Auguste Luise Sichelschmidt wurde am 22.01.1873 in Haspe geboren. Der Ort mit knapp 10.000 Einwohnern erhielt wenig später Stadtrecht, wurde aber 1929 Stadtteil von Hagen in Westfalen. Ihre Mutter, Lisette geb. Kampmann, stammte aus Eilpe, heute ebenfalls ein Stadtteil von Hagen. Ihr Vater Ferdinand Sichelschmidt kam von dem Flecken Saale bei Breckerfeld, rund 15 km südlich von Haspe. Ferdinand Sichelschmidt war Commis, nach heutigen Begriffen kaufmännischer Angestellter. Sein Vater war Bauer. Luise Sichelschmidts anderer Großvater war Schlosser und Kleinschmied. Die Berufe früherer Vorfahren sind im Ahnenpass von Johannes Röhm, Luises jüngstem Sohn, nicht überliefert.
Über die frühen Jahre von Luise Sichelschmidt ist sehr wenig bekannt. Sie hatte drei jüngere Geschwister namens Bertha, Elli und Eduard, die sehr streng erzogen wurden. Luise „bekam einmal eine Tracht Prügel, weil sie ohne Erlaubnis Schlittschuhlaufen ging, dies auch später nicht mehr tun durfte“.14 Sie besuchte die Volksschule, in der Religion, Deutsch, Rechnen, Zeichnen, Naturkunde, Erdkunde, Geschichte, Singen und Turnen und für Mädchen fakultativ Handarbeit gelehrt wurde. Damals bestand 8-jährige Schulpflicht ab dem 6. Lebensjahr in Preußen.15
Nach dem Besuch der Volksschule war sie im Haushalt tätig. Auf einem Notizzettel steht in ihrer Handschrift „1890 gläubig geworden“ und „1893 Eintritt in die Mission“. Da war sie 20 Jahre alt. Warum und unter wessen Einfluss sie diese Entscheidung getroffen hat, ist unbekannt. Ihr Sohn Walter schreibt, sie habe diese Entscheidung unabhängig von ihrem späteren Ehemann Rudolf Röhm getroffen.16 Ob sie ihn vor ihrem Eintritt in die Mission kannte, ist ungewiss. Möglicherweise war auch sie von dem glühenden Evangelisations-Prediger Fredrik Franson beeinflusst, der zwischen 1885 und 1890 mehrfach längere Zeit in dem nur 19 km entfernten Wuppertal-Barmen arbeitete. Sie erzählte im hohen Alter, dass sie gelegentlich mit anderen zu Fuß nach Barmen gewandert sei. Barmen und Haspe waren auch bereits jahrelang durch eine Eisenbahn verbunden. Ob sie Hudson Taylor in ihren jungen Jahren in Deutschland persönlich erlebt hat, ist unbekannt. Er war ihr großes Idol, sein Bild hing in ihrem Zimmer und sein Name fiel oft, nachdem sie hochbetagt nach der Vertreibung aus China wieder nach Deutschland gekommen war. Er hatte ihr, einem Mädchen aus einfachen Verhältnissen und ohne akademische Ausbildung, mit den oben beschriebenen Grundsätzen der China Inland Mission die Tätigkeit als Missionarin in China ermöglicht. Durch ihn konnte sie – als Frau im ausgehenden 19. Jahrhundert! – helfen, die unerlösten ‚China’s millions‘ mit der christlichen Botschaft bekannt zu machen und vor dem ewigen Verderben zu bewahren.
Der von Luise Sichelschmidt und Rudolf Röhm 1893 unabhängig voneinander gefasste Beschluss, der Deutschen China Allianz Mission beizutreten, stellte die beiden vor enorme Herausforderungen: Sie hatten keine fundierte theologische Ausbildung, sie kannten ihre Zielgruppe kaum und deren Sprache gar nicht. Es war also eine lange Vorbereitung nötig, bevor sie sich in ihre eigentliche Arbeit stürzen konnten. Diese ‚Lehrzeit‘ fand in Deutschland, England und China statt.
Rudolf Röhm und Luise Sichelschmidt hatten mit hoher Sicherheit eine unvergleichlich viel bessere Bibelkenntnis als Hauptschulabsolventen des Jahres 2017. In den Volksschulen in Baden und Preußen, den Heimatländern der beiden, hatte Religionsunterricht eine hohe Priorität. Die Schulen wurden gerade erst langsam unabhängig von kirchlicher Trägerschaft und Leitung und die Schüler lernten viele Bibelverse, den Katechismus und viele Kirchenlieder auswendig. Auf diese Wissensgrundlage setzte Carl Polnick, Gründer der Deutschen China Allianz Mission und von Beruf Seifen-Fabrikant, mit einigen örtlichen Pastoren, die der Missionsarbeit zugetan waren, eine einfache theologische Ausbildung.17
„Weil zum Erlernen der chinesischen Sprache englische Sprachkenntnisse erforderlich waren“ wurden die Missionsanwärter ins Missionshaus der China Inland Mission nach London geschickt.18
Bei der China Inland Mission nahm Rudolf Röhm von April bis November 1894 Sprachunterricht, danach besuchte er bis März 1895 Bibelschulkurse in Mrs Baxter’s Bibelschule.19 Das war eine Trainings-Einrichtung für Missionars-Anwärter, die von einer Elizabeth Baxter ins Leben gerufen worden war. Dort erhielten viele junge Menschen eine christliche Erziehung, bevor sie als Missionare tätig wurden. Mrs Baxter war Mit-Herausgeberin einer Zeitschrift ‚Christian Herald‘ und eine bekannte Missionarin, die auch in Süddeutschland tätig war und dort im Vertrauen auf Gottes Hilfe mit minimalen Deutschkenntnissen auftrat und Menschen bekehrte.20
Anschließend war Rudolf Röhm „in der Jugendarbeit tätig, wobei er auch das berühmte Waisenhaus des Deutschen Georg Müller in Bristol kennenlernte.“21 Müller (1805 – 1898) war ein deutschstämmiger Theologe und Evangelist, der 1929 nach England gekommen war und sich zunächst der Judenmission widmete. Ab 1836 baute er ein Waisenhaus für schließlich über 1000 Kinder auf. „Die Arbeit lebte von Spenden, ohne dass jemals ein Spendenaufruf veröffentlicht wurde, weil Georg Müller darauf vertraute, dass Gott für alle notwendigen Spenden sorgen würde. […] Ab 1875 unternahm Müller Evangelisationsreisen durch Europa, Amerika, Asien und Australien.“22
Die praktische Arbeit in England war für Rudolf Röhm nicht ganz einfach, aber er nahm sie als gutes Training für die künftigen Aufgaben in China. In einem Brief aus Bridgewater schreibt er am 11. Juni 1895: `Wir haben als Arbeiter der Gospel Union (Evangelisations-Verein) jeden Abend der Woche, freitags ausgenommen, Versammlung im Freien und im Saal. Am Sonntag haben wir 4 Gebets- und Evangelisationsstunden in der Halle und außerdem bei schönem Wetter noch 2mal Predigt im Freien. Viele haben also Gelegenheit, die gute Botschaft zu hören, doch es sind immer nur wenige, die willig sind, das Wort aufzunehmen. Die Zahl der Mitglieder unserer hiesigen Vereinigung beläuft sich zur Zeit auf 30 Christen. Viele von ihnen sind indes schwach und nicht gegründet im Wort; wir bedürfen deshalb der Kraft des heiligen Geistes, um sie in ihrem Christenleben zu fördern und empfehlen uns der Fürbitte, dass der Herr uns in diesem Werk segnen möge. [...] Wir haben auch die umliegenden Dörfer zu besuchen [...] In vielen Häusern sind die Leute gern bereit, einen Bibelabschnitt zu hören, besonders ältere Leute, oder solche, die nicht lesen können. [...] Obgleich für einen Ausländer in England viele Schwierigkeiten zu überwinden sind, so bin ich doch dankbar dafür, dass der Herr mich hier in die praktische Arbeit gestellt hat. Es ist vielleicht eine gute Vorbereitung für China.23
Am 11.02.1896 reiste er ab Genua mit dem knapp 140 m langen Dampfer ‚Preußen‘ des Norddeutschen Lloyd nach Schanghai. Die Preußen hatte eine Höchstgeschwindigkeit von 26 km/h und bot Platz für 100 Passagiere in der ersten, 28 in der zweiten und 202 in der dritten Klasse.24 Am 15.03.1896 kam er nach 34 Tagen in Schanghai an. Hundert Jahre später schaffte ein Flugzeug Boeing 747 mit mindestens der gleichen Passagierzahl und einer Höchstgeschwindigkeit von 900 bis 1000 km/h die Strecke in 10 Stunden. Als Reisebegleiter hatte er einen deutschen und mehrere schwedische Missionare. Als das Schiff ablegte, blies er auf seiner Trompete für zurückbleibende Bekannte das Lied ‚Sicher in Jesu Armen‘. Am 15.03.1896 traf er in Schanghai ein.25
Auf seiner Reise erlebte Rudolf Röhm einige Enttäuschungen: In Port Said traf er auf einen Araber, der `in den Christenländern augenscheinlich kein gutes Urteil über die Leute, die sich Christen nennen, bekommen‘ hatte. In Hongkong erzählte ihm ein Missionar, dass ihm die dort lebenden Deutschen wenig Freude machten, denn viele von ihnen gäben durch ihren ausschweifenden Lebenswandel großen Anstoß und erschwerten die Arbeit unter den Chinesen sehr.
Luise Sichelschmidt hielt sich nur ein Jahr in London auf – von April 1894 bis April 1895. Die vorhandenen Informationen über ihren Aufenthalt sind leider äußerst gering. Dass sie Englisch gelernt hat, ergibt sich aus der Zielsetzung des Aufenthaltes. Außerdem gab sie „u.a. einer Gruppe jiddisch-sprechender Judenfrauen im berüchtigten Ostteil der Stadt Unterricht in Nähen und Hauswirtschaft.“26 Mündlich überlieferte Familiengeschichte besagt, dass sie sich vor ihrer Ausreise nach China alle Zähne ziehen lassen und durch ein künstliches Gebiss ersetzen lassen habe, um Zahnproblemen im Hinterland Chinas ohne Zahnärzte vorzubeugen. Ich bezweifle, dass diese Familiensaga richtig ist, weil ihr späterer Ehemann am 10.08.1930 von einem Zahnarztbesuch im heutigen Wuhan berichtete27 und sie selbst in einem Brief vom 01.04.1931 an ihren Sohn Walter eine herausgefallene Plombe beklagte.28 Auch soll sie, wie andere angehende Missionarinnen, erwogen haben, sich die Füße binden zu lassen, um sich den chinesischen Sitten anzupassen und leichter akzeptiert zu werden. In Teilen Chinas war es damals Sitte, kleinen Mädchen die Füße durch enges Einbinden so zu verkrüppeln, dass sie kaum noch laufen konnten. Das gelingt allerdings nur, wenn die kleinen Knochen noch sehr weich sind. Beide Geschichten deuten eine große Entschlossenheit beim Verfolgen eines Zieles an und auch die Bereitschaft, dafür große Belastungen auf sich zu nehmen. Tatsächlich hatte Luise Röhm aber keine verkrüppelten Füße und war auch im hohen Alter in Wuppertal noch ganz gut zu Fuß. Was hätten ihr verkrüppelte Füße bei ihrer Missionars-Tätigkeit im damals verkehrstechnisch sehr unterentwickelten China nützen können? Wie hätte sie sich vor Ort bewegen, wie vor Zuhörern stehen sollen, wenn sie ihre Füße nicht mehr gebrauchen konnte?
Am 08.12.1895 reiste Luise Sichelschmidt ab Antwerpen mit dem Dampfer „Karlsruhe“ des Norddeutschen Lloyd nach Schanghai, und kam dort nach 45 Tagen am 22.01.1896 an. Das 132 m lange Schiff konnte 24 km/h Höchstgeschwindigkeit fahren und hatte Platz für 44 Passagiere in der ersten Klasse, 36 in der zweiten und 1.955 Passagiere in der dritten Klasse. Es war als Auswandererschiff gebaut worden.29 Luise Sichelschmidt und 2 weitere angehende Missionarinnen reisten tief unten im Schiff in der 3. Klasse, weil das Geld für die besseren Klassen nicht gereicht hatte. Während am Heiligabend 1895 in den Sälen oben lauter Jubel herrschte, feierten die drei Missionsanwärterinnen trotz Einladung lieber unten im Stillen. Da bescherte ihnen der Kapitän einen kleinen Weihnachtsbaum, unterhielt sich kurz mit ihnen und verabschiedete sich mit guten Wünschen.30
Schanghai, wo Luise Sichelschmidt im Januar und Rudolf Röhm im März 1896 ankamen, war damals Chinas modernste Stadt. Sie hatte einen wichtigen, rasch wachsenden Hafen und eine halbe Million Einwohner, unter ihnen viele Ausländer aus vieler Herren Länder und nicht wenige unerfreuliche Gestalten. China hatte sich bis in die 1840er Jahre weitgehend von der Außenwelt abgeschottet. Nachdem England im ersten Opium Krieg gegen China gesiegt hatte, zwang es das schwache chinesische Kaiserreich, sich für den Außenhandel zu öffnen: China musste sog. Vertragsstädte für Ausländer öffnen, die dort in eigenen Bezirken außerhalb der chinesischen Rechtsordnung standen. Schanghai war seit 1843 eine dieser Vertragsstädte, in denen zunächst die Engländer, dann ab 1849 die Franzosen und ab 1862 die Amerikaner solche Konzessions-Gebiete hielten. Die britische und die amerikanische Konzession fusionierten 1863 zur Internationalen Konzession mit eigener Gesetzgebung, die von den Konsuln von 14 in Schanghai ansässigen Nationen verwaltet wurde. Nach dem verlorenen Chinesisch-Japanischen Krieg bekamen 1895 auch die Japaner noch eine Konzession in Schanghai. „Glückspiel, Opium und Prostitution sind in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts neben den Einnahmen aus dem Hafenbetrieb die einträglichsten Erwerbsquellen für die Stadt. Erst mit der Errichtung des japanischen Konzessionsgebiets nach 1895 werden die ersten Fabriken in der Stadt gebaut. Europäische und amerikanische Unternehmen folgen rasch dem japanischen Vorbild.“31
In Schanghai lag auch das Hauptquartier der China Inland Mission. Das war die erste Anlaufstelle von Luise Sichelschmidt und Rudolf Röhm. Hier wurden sie landestypisch eingekleidet, damit sie durch ausländische Kleidung nicht zu sehr auffielen. Für Rudolf Röhm gehörte zur landestypischen Ausstattung auch ein langer Zopf. Weil Rudolf selbst keine langen Haare hatte, war der Zopf aus chinesischen Haaren geflochten und an einer halbkugelförmigen schwarzen Kappe mit Bommel befestigt. Zopf und Kappe sind heute in meinem Besitz. „Zur weiteren Ausrüstung gehörten eine dicke Wattedecke, ein Moskitonetz, eine Emaillewaschschüssel und weiteres Bettzeug. Alles wurde in ein wasserdichtes Öltuch und darum eine Bastmatte gepackt und verschnürt.“ Trotz landestypischer Ausstattung waren die beiden aber noch lange nicht als Missionare einsetzbar. Sie mussten zunächst einmal Chinesisch lernen und zwar in getrennten Sprachschulen für Frauen und Männer in kleinen Orten weit außerhalb von Shanghai und mit weit weniger kosmopolitischer Bevölkerung. „Der erste der sechs Abschnitte des Sprachstudiums fand im Winter statt, damit die jungen Leute nicht gleich mit der belastenden Sommerhitze konfrontiert wurden. Er wurde mit einem Examen beendet. Dann erfolgte die Einweisung auf eine Missionsstation, wo unter Leitung eines erfahrenen Missionars für die zweite Prüfung gelernt wurde. Erst während der Vorbereitung auf die nächste war eine einfache Mitarbeit möglich.“32
Bild 1: Wohnorte von Luise Sichelschmidt und Rudolf Röhm 1896 – 1919
Luise Sichelschmidt kam zum ersten viermonatigen Abschnitt des Sprachstudiums auf eine Sprachschule der China Inland Mission nach Yangzhou in der Provinz Jiangsu, etwa 280 km nordwestlich von Shanghai am Jangtse und am Kaiserkanal gelegen. Marco Polo soll hier im letzten Viertel des 13. Jahrhunderts im Auftrag des Kaisers Kublai Khan Salzkommisar gewesen sein, ein wichtiges Amt in der damaligen Salzindustrie. Die damals kleine Stadt hat inzwischen 4,5 Millionen Einwohner.
Die Bevölkerung von Yangzhou und Umgebung zeigte sich den Sprachschülerinnen gegenüber nicht durchgehend freundlich. Luise Sichelschmidt notierte: „Eines Nachmittags waren wir außerhalb der Stadt, dort vernahmen wir überall den bekannten Ruf `fremde Teufel‘; die armen Leute wissen nicht, dass wir `Botschafter an Christi statt‘ sind.“ Spätestens hier sollte ihr klar geworden sein, dass sie vor einer sehr harten Aufgabe stand. Denn mit Teufeln und bösen Geistern haben die meisten Menschen nicht gern zu tun. Selbst mehr als hundert Jahre später und nach Jahrzehnte langer brutaler Unterdrückung von Religion und Aberglauben schützen sich sehr viele Chinesen im beginnenden 21. Jahrhundert noch mit großem Einfallsreichtum vor Teufeln und Gespenstern. Sie hängen Spiegel auf, in denen Teufel ihre eigenen furchterregenden Gestalten sehen können und vor ihnen flüchten sollen. Sie hängen sich Sträuße bestimmter Pflanzen an die Türen, die Teufel vom Eindringen in Wohnungen abschrecken sollen. Sie malen mit Kreide geometrische Figuren aufs Pflaster, die Teufel und Gespenster bannen. Sie lassen bei Familienfeiern Spezialisten für teures Geld mit Musik und Gesten Teufel von den Teilnehmern fernhalten und sie übertölpeln böse Geister, indem sie untereinander falsche Namen benutzen. So werden die üblen Unholde auf der Jagd nach ihren Opfern verwirrt. Abgesehen von Teufeln, die aus religiösen Vorstellungen entspringen, hatten die Chinesen vor 1900 wohl auch durchaus materielle ausländische Teufel im Visier: Ausländer, die mit überlegener Technik und Waffen klar gemacht hatten, dass die glorreichen Zeiten chinesischer Kaiserherrschaft vorbei waren. Ausländer, die durch Drogenhandel mit China unermesslich reich wurden und die in China machten, was sie wollten, und die chinesische Regierung unter ihren Einfluss brachten. Gegen diese Leute gab es starke nationalistische Strömungen.
Bild 2: Luise Sichelschmidt (Mitte), 1896
Nach der Sprachschule in Yangzhou reiste Luise Sichelschmidt wohl gegen Ende Mai 1896 zurück nach Schanghai und von dort mit einem Küstendampfer nach Wenzhou, einer Hafenstadt im Süden der Provinz Zhejiang, etwa auf dem 28. Grad nördlicher Breite. Die Stadt ist berühmt für ihre geschäftstüchtigen Händler. Von dort wurde die Reise unbequem: Mit Flussboot, Tragstuhl und zu Fuß über das heutige Lishui nach Longquan. Dort kam sie am 09.07.1896 an. Im Jahre 2014 konnte man die rund 550 Straßenkilometer von Schanghai nach Longquan mit dem Auto in etwa 7 Stunden schaffen.
In Lishui unterbrach sie die Reise auf der dortigen Missionsstation. Sie beschreibt die Weiterreise so:
„Nachdem wir 14 Tage bei den Geschwistern in Lishui verbracht und viel Segen genossen, mussten wir uns zur Weiterreise rüsten. Bruder Schmidt begleitete uns am Dienstag zum Boot, welches uns vorkam wie ein großer Holzschuh und so niedrig war, dass wir im Innern desselben nur liegen konnten. Der Bootsmann war sehr freundlich gegen uns. Des Nachts lag unser Boot in mitten vieler anderer, und da der Bootsmann und der uns begleitende einheimische Christ in einem anderen Boot schliefen, waren wir allein; wir fürchteten uns aber nicht, obschon das Boot zu beiden Seiten offen war, denn wir wussten, dass das Auge unseres Gottes über uns wachte. Am nächsten Morgen um 5 Uhr gab sich der Bootsmann wieder an die Arbeit; es wurde sehr heiß, doch auf dem Flusse war die Hitze erträglich. Donnerstag den 2. Juli erreichten wir Tschutsuen. Wir mussten einige Stunden warten, bis die Tragstühle endlich kamen; unterdessen waren wir umringt von Männern und Frauen, die uns sehen wollten. Meine Träger trugen mich, um einen kleinen Umweg zu vermeiden, durch den Fluss, dann ging‘s auf schmalen Pfaden bergauf nach Yünho. Da es sehr heiß war, mussten die Männer oft ausruhen, wozu sie denn auch immer gute Zeit nahmen. Nachdem sie etwa 15 Minuten gegangen, ruhten sie 20 Minuten aus [...] Am Dienstag begaben wir uns in aller Frühe auf den Weg nach Longquan [...] Am Donnerstag Abend verließen wir das Boot und gingen zu Fuß nach unserem neuen Heim, wo wir nach 2 1/2 stündigem Marsche müde und erhitzt [am 09.07.1896, H.R.] ankamen“.33
In einem handschriftlichen undatierten Lebenslauf von 1893 bis 1951 gibt sie „Mai 1896 – Januar 1897 in Longquan“ an, leider ohne jedes weitere Detail ihrer dortigen Arbeit.
In Longquan war wenige Monate vorher ein neues Missionshaus fertig geworden. Bruder Josef Bender, der Leiter der dortigen Station, berichtete am 13.06.1895: „Der Herr hat uns nun ein geräumiges Haus gegeben, wir konnten es für eine einmalige Zahlung von 470 Dollar auf die Dauer von 20 Jahren mieten. Dieser Mietzins wird bei Antritt des Hauses in einer Summe gezahlt und nach Ablauf der Mietzeit voll und ganz zurückerstattet. Das Haus wird im nächsten Herbst geräumt, und wenn der Herr die Mittel darreicht, soll es dann umgebaut werden.“34 Der Herr reichte Mittel dar, denn schon am 10.11.1895 berichtet Bruder H. Klein, ein offenkundig handwerklich beschlagener anderer Missionar: „Das von Br. Bender für 20 Jahre gemietete (oder auf Rückkauf erworbene) Haus ist für das Evangelium sehr gut gelegen. Ich war dort, um es durch Reparatur in einen wohnlichen Zustand zu versetzen, doch als ich es näher besah, fand ich bald, dass es das Beste sei, es abzureißen und wieder neu aufzubauen. Um es einigermaßen wohnbar einzurichten, hätte es oben und unten ganz erneuert und in der Mitte gründlich verändert werden müssen, und dann würden die Räume noch immer unpraktisch und niedrig gewesen sein. In des Herrn Namen haben wir es deshalb abgerissen und unter seiner gnädigen Führung ist es uns gelungen, in der kurzen Zeit von nur 5 Wochen ein neues Haus hinzustellen. Es ist 60 Fuß lang und 32 Fuß breit, hat oben 9 schöne große Zimmer und unten ist es als Versammlungssaal, Küche und Wohnräume für die chinesischen Diener eingerichtet. Vielleicht wird es interessieren, wie wir in China bauen. Zunächst wird der Bauplatz abgemessen, dann eingeteilt und überall da, wo ein Pfeiler hingesetzt werden soll, ein Loch gegraben etwa 7 bis 8 Zoll tief; diese Löcher werden mit Steinen ausgemauert und bilden dann das Fundament des ganzen Baues. Die Aufführung des Fundaments ist eine Arbeit von 4 ½ Tagen für einen Mann gewesen. Wir haben 46 solcher Pfeiler angelegt, welche das ganze Haus tragen.“35
Trotz des neuen Hauses war das Leben von Missionaren in Longquan kein Zuckerschlecken, als Luise Sichelschmidt und ihre Kollegin Hausberg dort zur Ausbildung eintrafen. Schwester Auguste Bender, die Frau des Stationsleiters, hatte im Vorjahr unschöne Erlebnisse. Am 21.03.1895 schrieb sie: "Wir haben jetzt hier viel Verkehr mit den Einwohnern der Stadt. Männer und Frauen kommen, um uns zu besuchen und bei dieser Gelegenheit hören sie das Evangelium. Die Frauen lasse ich in unsere Wohnung heraufkommen, sie dürfen sich alles genau besehen, was sie so gerne tun, dadurch werden sie zutraulich. Unser Hänschen lacht sie freundlich an und macht ihnen große Freude, und so schwindet bei den schüchternen Frauen die Furcht vor den Fremden immer mehr. Vorübergehend war in hiesiger Stadt das Gerücht in Umlauf, wir äßen Kinder, es wurde sogar behauptet, ich habe ganz bestimmt zwei Kinder gegessen und die Frauen frugen einmal, ob ich mein Kind auch gegessen habe."36 Und 2 Monate später, am 21.05.1895, bekräftigte sie: "Das Gerede wir äßen Kinder wiederholt sich immer hier, [...] Es wurde eines Tages ein Knabe vermisst, das gab den Leute wieder Veranlassung, zu behaupten, dass er von uns geschlachtet und gegessen worden sei; und wie sehr die Gemüter des abergläubischen Volkes dadurch erregt wurden, konnten wir bald herausfinden; auch hörten wir, dass man uns aus der Stadt vertreiben wolle. [...] Die Kinder liefen, wenn sie meiner von weitem ansichtig wurden, in die Häuser. [...] die Frauen blieben scheu und furchtsam in angemessener Entfernung stehen, die eine hielt sich an der anderen fest, jeden Augenblick bereit, vor mir zu fliehen."37
Mit dieser Frau zog Luise Sichelschmidt nun missionierend durch die Umgebung von Longquan.38 Diese Lehrzeit in praktischer Missionsarbeit währte allerdings unerwartet kurz. Als die erfahrenere Mentorin krankheitshalber auf Heimaturlaub nach Deutschland gehen musste, wurden Luise Sichelschmidt und eine andere Jung-Missionarin nach Lishui versetzt.39 Vermutlich waren die beiden Neulinge ohne Anleitung noch überfordert: sie waren ja erst ein Jahr in China und hatten nur die erste von insgesamt 6 Sprachprüfungen bestanden. Für den Leiter der Missionsstation Longquan war der krankheitsbedingte Ausfall seiner Frau auch arbeitsmäßig ein großer Verlust. Er klagte: (Chinesische) „Frauen kommen immer in Menge, schade, dass sich niemand ihrer annehmen kann. Meine liebe Frau wird hier sehr vermisst. Eine Missionsstation ohne Frau kann nur halbe Arbeit verrichten.“40
Im Januar 1897 wurde Luise Sichelschmidt auf die Missionsstation Lishui versetzt. Sie blieb dort bis Januar 1900, machte viele Hausbesuche, begann eine Sonntagsschule für Kinder und half beim Aufbau einer Schule für Jungen und Mädchen. Aufsehen erregte insbesondere, dass auch Mädchen in die Schule aufgenommen werden konnten, was damals dort traditionsgemäß noch nicht üblich war. Lishui war vorher von englischen Missionaren betrieben worden und wurde 1896 von Hudson Taylor persönlich an die Deutsche China Allianz Mission übertragen.41
Die Frau des Stationsmissionars O. Schmidt schrieb am 2. März 1897: „Ich bin froh, dass die Schwestern Sichelschmidt und Hausberg jetzt hier sind. Es gibt genug Arbeit für sie unter den Frauen, wenn sie erst mit der Sprache so weit sind, doch auch jetzt sind sie schon eine Hilfe. Schwester Sichelschmidt hat eine Sonntagschule angefangen, und die wenigen Kinder, die bis jetzt kommen, freuen sich von Herzen, dass sie nun jemand haben, der sie unterrichtet.“42 Ein gutes Jahr später schreibt Luise Sichelschmidt: „Meine Sonntagsschüler machen mir viel Freude. Mit Lust und Liebe lernen sie Lieder und Bibelverse.“43 Am 31. März 1899 berichtet sie: „Am 13. dieses Monats ist mit der Schule (in Lishui) begonnen worden. Bis jetzt nehmen 4 Knaben und Mädchen am Unterricht teil. Die Kinder lernen nicht still vor sich hin; sie wenden viel Kraft an und schreien so laut sie können.“44
