Diakonissen-Kaiser - Hermann Röhm - E-Book

Diakonissen-Kaiser E-Book

Hermann Röhm

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Beschreibung

Lebensgeschichte des Mitbegründers des Diakonischen Werks Bethanien in Wetter an der Ruhr (heutiger Sitz Solingen-Aufderhöhe) und seiner Frau. In Exkursen werden Friedrich Fries und Hanna Hoevel behandelt, die wesentlich am Aufbau des Werks beteiligt waren. Im Anhang ein Nachdruck von Robert Kaisers Lieder- und Gedichtsammlung 'Pilgerklänge' aus dem Jahr 1926.

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Seitenzahl: 259

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Den Nachkommen von Maria und Robert Kaiser

Hermann Röhm

Diakonissen-Kaiser

Robert und Maria Kaiser

Herkunft – Leben – Nachkommen

und

Robert Kaiser

Pilgerklänge

© 2018 Hermann Röhm

Fotos: Hanna Dembowski: Grabsteine von Friedrich Fries, Hanna Hoevel, Maria und Robert Kaiser; Ulli Preuss: Luftbild des Diakonischen Werks Bethanien in Solingen-Aufderhöhe, Bethanien Archiv; N.N.: Hanna Hoevel, Bethanien-Archiv; Rest aus Privat-Archiv

Verlag: tredition GmbH, Halenreihe 40 – 44, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback978-3-7469-2410-6

Hardcover978-3-7469-2411-3

e-Book978-3-7469-2412-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

Maria und Robert Kaiser in Kürze

Robert Kaisers Herkunft und frühe Jahre

Maria Benders Herkunft und junge Jahre

Ehe von Maria und Robert Kaiser

Robert Kaiser als ‚Diakonissenvater‘ und Prediger

Exkurs: Friedrich Fries

Exkurs: Oberin Hanna Hoevel

Werdegang von Maria und Robert Kaisers Kindern

Zusammenhalt der Familie

Nachwort

Literatur

Anhang: Robert Kaiser, Pilgerklänge

Maria und Robert Kaiser in Kürze

Diakonissen-Kaiser war ein Spitzname des Predigers Robert Kaiser, der zusammen mit seiner Frau Maria ab 1896 in Wetter an der Ruhr eine wichtige Rolle beim Aufbau des Diakonischen Werks Bethanien spielte, das heute in Solingen-Aufderhöhe sitzt. Der Spitzname unterschied ihn von zeitgenössischen Namensvettern, die Lieder-, Sonntagsschul- und Soldaten-Kaiser genannt wurden.

Maria und Robert Kaiser

Maria und Robert Kaiser, meine Großeltern, stammten aus frommen Familien und waren selbst auch fromme evangelische Christen. Robert Kaiser wurde als zweites Kind eines Müllers am 21.01.1862 geboren und starb am 16.06.1936. Maria Kaiser, geb. Bender, war das erste Kind eines Predigers und lebte vom 09.11.1867 bis 19.11.1932. Sie hatten wenig Interesse an materiellem Wohlstand und lebten mit ihren 12 Kindern oft in kümmerlichen Verhältnissen.

Robert Kaiser wurde zunächst Müller. Zum Leidwesen seiner Eltern übernahm er nicht deren Mahl- und Sägemühle mit angeschlossener Drechslerei, sondern strebte als Missionar nach Ostafrika. Mit knapp 25 Jahren begann er bei der Neukirchener Mission eine vierjährige Missionars-Ausbildung. Danach besuchte er ein halbes Jahr lang das East London Missionary Training Institute in England. Als sich der Beginn der Missionsstätigkeit aus politischen Gründen verzögerte, ging er – um die Wartezeit zu überbrücken –1891 zur Freien evangelischen Gemeinde nach Witten und vertrat deren schwer erkrankten Prediger Friedrich Fries, seinen Onkel. Das war als kurzfristige Übergangslösung geplant, führte aber zu einer lebenslangen Predigertätigkeit, für einige Jahre in Witten und danach bis zu seinem Tod in Wetter an der Ruhr. Dort war er an der Gründung des Diakonissenhauses Bethanien beteiligt und wurde 1897 dessen erster Vorsteher. Dieser Aufgabe widmete er bis 1927 den größten Teil seiner Zeit, unterstützt von seiner Frau. Maria Kaiser sprang zeitweilig als kommissarische Oberin des Diakonissenhauses ein.

Als das Diakonissenhaus 1927 nach Solingen-Aufderhöhe umzog und sein altes Domizil in ein Altenheim umgewandelt wurde, blieben Kaisers in Wetter. Der inzwischen 65jährige Robert Kaiser übernahm die Leitung dieses Altenheims ‚Salem‘ und arbeitete weiter als Prediger der Freien evangelischen Gemeinde und als Vorstandmitglied des Diakonissenhauses, bis er 74jährig Mitte 1936 verschied. Der überraschende Tod seiner Frau im Herbst 1932 vergällten ihm seine letzten Jahre.

Aus dem 1896 gegründeten kleinen Diakonissenhaus in Wetter ist das Diakonische Werk Bethanien in Solingen-Aufderhöhe geworden, eine Organisation des Bundes Freier evangelischer Gemeinden in Deutschland. Im Oktober 2017 beschäftigte es 1840 Mitarbeiter in verschiedenen Sparten.1

Robert Kaisers Herkunft und frühe Jahre

Robert Kaiser wurde am 21.01.1862 in Hillesmühle geboren, 5 km westlich von Waldbröl an der heutigen Bundesstraße 478. Seine Eltern Dorothea geb. Fries und Friedrich Ludwig Kaiser waren im Frühjahr 1861 in das kleine Örtchen gezogen, als sein Vater die Leitung der dortigen Mühle am Waldbröl-Bach übernahm. Die Mühle war um 1725 von einem Mann namens Hilles gebaut worden; ihr Name wurde im Laufe der Zeit zur Ortsbezeichnung.

Dorothea und Friedrich Kaiser

Robert Kaisers Eltern stammten aus dem heutigen Landkreis Altenkirchen/Westerwald im Bundesland Rheinland-Pfalz – sein Vater aus Friedewald, seine Mutter aus dem Nachbarort Mauden – etwa 55 km südöstlich von Hillesmühle. Sein Vater Friedrich Kaiser war Müller, wie auch schon sein Großvater Karl August Kaiser und sein Urgroßvater Johann August Kaiser. Die Berufe der Vorfahren mütterlicherseits sind nicht überliefert. Großmutter Marie Luise geb. Imhäuser soll uneheliche Tochter eines Grafen gewesen sein.2 – Robert Kaisers Mutter Dorothea geb. Fries war die älteste Tochter von Johannetta Catharina geb. Schreiner und Engelbert Fries. Engelbert Fries‘ Beruf ist nicht überliefert; sein Vater war Zimmermann. Johannetta Catharina Schneiders Vater war Leineweber. Engelbert und Johannetta Catharina Fries übersiedelten im Frühjahr 1861 von Mauden nach Hillesmühle. Sie hatten die dortige Mühle gekauft, die ihr Schwiegersohn Friedrich Kaiser bewirtschaften sollte.

Friedrich Kaiser und Dorothea Fries hatten Weihnachten 1858 im ‚Liese-Haus‘, dem Wohnsitz der Brauteltern in Mauden, geheiratet und waren danach in die rund 20 km entfernte Freusburger Mühle bei Kirchen an der Sieg gezogen.3 Im Frühjahr 1861 übersiedelten sie nach Hillesmühle und lebten dort bis zu ihrem Tod. Friedrich Kaiser starb am 18.05.1908, Dorothea Kaiser am 10.08.1911. In Hillesmühle wurden acht ihrer neun Kinder geboren, nach einem bereits als Baby verstorbenen erstgeborenen Mädchen zunächst fünf Söhne und danach 3 Töchter: Robert (1862-1936), Richard (1864-1908), Leopold (1866-1954), Eduard (1869-1928), Emil (1872-1935), Lydia (1874-1912), Emilie (1877-1942) und Martha (18801966). Friedrich Kaiser führte die Mahl- und Sägemühle mit angeschlossener Drechselei und Landwirtschaft jahrzehnte lang allein, später mit einigen Söhnen. Sie blieb bis zur großen Inflation 1923 in Familienbesitz und ging dann Bankrott.

Hillesmühle um 1913

Einige Familienmitglieder wanderten in die USA aus: zunächst Emil im Jahre 1923, dann Leopold und Richards Witwe Lina 1926 jeweils mit Familie. Aus diesen Hillesmühle-Emigranten entwickelte sich bis 2017 in Amerika ein Clan von mehr als 300 Personen. Die Hillesmühle existiert nicht mehr, in dem heute zu Waldbröl gehörenden Ortsteil Hillesmühle leben aber noch einige Kaiser-Nachfahren.

Robert Kaisers Großeltern Engelberth und Johannetta Catharina Fries waren fromme evangelische Christen. In ihrem Wohnsitz ‚Liese-Haus‘ in Mauden fanden christliche Versammlungen statt. Das missfiel manchen der rund 80 Einwohner von Mauden gründlich und sie freuten sich, als Familie Fries das Dorf verließ. Die Freude war wohl gegenseitig, denn die Fries hielten einige ihrer Mitbürger für sehr unangenehme Zeitgenossen. Friedrich Fries, der jüngste Sohn der Familie, berichtete später über den nächsten Nachbarn: er hatte „ein langes Sünden- und Verbrecherleben hinter sich“ und „einen großen Teil seines Lebens im Zuchthaus gesessen […] Er stammte aus einer Familie, die von den Voreltern her durch Diebstahl, Falschmünzerei usw. ihren Lebensunterhalt zu erwerben gesucht hatte“. Und im „Siegerland und den Nachbargebieten (blühte) kaum ein Handwerk so wie die Falschmünzerei […] man freute sich, als wir gingen, weil man jetzt die lästigen Mahner los war und wieder machen konnte, was man wollte. Noch klingt ein drastisches Wort eines Nachbarn, der seine Freude unmissverständlich äußerte, in meinen Ohren.“4 Von der Freude der Maudener über den Wegzug der frommen Fries-Familie hörte ich in Hillesmühle mehr als 150 Jahre später noch.5

Hillesmühle war nur ein Flecken mit wenigen Einwohnern und hatte keine eigene Schule. Deshalb ging Robert Kaiser von 1868 bis Ostern 1876 zur Elementar-Schule im etwa 2 km entfernten Bladersbach. In Waldbröl wurde er 1876 von einem Pastor Hollenberg konfirmiert.6 Nach 8jährigem Schulbesuch wurde er in der elterlichen Mahl- und Sägemühle mit angeschlossener Drechselei zum Müller ausgebildet. Nach Abschluss der Ausbildung blieb er bis November 1886 im elterlichen Betrieb, dessen Leitung er nach dem Wunsche seines Vaters übernehmen sollte. Sein Vater hielt ihn unter allen seinen Söhnen für den geeignetsten Nachfolger, sowohl fachlich als auch menschlich.

Ob Robert in seiner Zeit als Müller auch etwas mit der Bröltal-Bahn zu tun hatte, ist unklar. Sein Vater, und später sein Bruder Richard, waren zeitweilig Stationsvorsteher von Berkenroth, einem 1870 eröffneten Bahnhof gegenüber der Mühle.7 Von Friedrich Fries, dem nur 5 Jahre älteren Onkel und Spielkameraden von Robert Kaiser ist bekannt, dass er fasziniert von dem Bähnchen war, auf einen Lokomotivführer-Job spekulierte und aus Begeisterung für die Technik Schmied wurde.8

Das Bähnchen fuhr auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch eine Zeitlang und ich erinnere mich an eine Fahrt in den späten vierziger Jahren. In den 1950er und 1960er Jahren wurde diese Bahnlinie nach und nach stillgelegt. Ein Teil der Stationsgebäude von Berkenroth steht aber heute noch.

Robert Kaiser hatte während der Erweckungsbewegungen in der Umgebung eine Bekehrung erfahren und war bereits in

jungen Jahren aktiv in der heimatlichen christlichen Gemeinschaft. Durch seinen nur 5 Jahre älteren Onkel Friedrich Fries, einen jüngeren Bruder seiner Mutter, kam er vermutlich zu dem Plan, Missionar in Ostafrika zu werden. Fries trug sich ebenfalls mit Missionarsplänen, wollte aber nach Java, einer der indonesischen Inseln, die damals zum holländischen Kolonialreich gehörte. Roberts Vater war von den Missionarsplänen seines Sohnes nicht begeistert, sondern sah sich

in eine traurige Lage versetzt wie auch meine liebe Frau. Unseren lieben Robert zu entbehren ist uns gar zu schwer, obwohl ich je noch 3 [Söhne] bei mir habe, sind wir doch im ansehen der Verhältniße ganz abgespannt, mir ganz vorzüglich geht meine ganze Stütze fort […] er sollte mir nochmal die Augen zu drücken, wenn ich von hier scheide, was ja bald sein kann. Er ist ein Band um alle seine Geschwister, sie trehen sich alle um ihn herum […] Ob es […] des Herrn Wille ist, kann ich nicht recht glauben, denn er arbeitet hier auch im Reich Gottes, daß kann man jetzt sehen vor allem nicht allein wir, sondern die ganze Nachbarschaft in Trauer versetzt ist.9

Trotz der Bedenken seiner Eltern blieb Robert Kaiser bei seinem Plan. Er verließ die elterliche Mühle und trat mit knapp 25 Jahren am 29.11.1886 als ‚Zögling‘ in die ‚Waisenund Missions-Anstalt in Neukirchen, Kr. Moers‘ [heute Neukirchen-Vluyn, Kreis Wesel. H.R.] ein. Er war bereits mit Amalie Röttgen verlobt, die in Denklingen lebte, etwa 10 km von Hillesmühle entfernt. Diese Verlobung soll bei der Leitung der Waisen- und Missionsanstalt auf Bedenken gestoßen sein, weil man sich dort ungebundene Zöglinge wünschte. Robert Kaiser soll diesen Bedenken entgegengehalten haben, er könne doch seine Verlobung nicht lösen, nur weil er Missionar werden wolle. Über die Meinung Amalies zu den Missionarsplänen ihres Verlobten gibt es unterschiedliche Überlieferungen: Nach einigen Familienerinnerungen war sie dafür; Hartmut Weyel10 berichtet, sie sei dagegen gewesen. Jedenfalls verhinderte sie den Besuch der Missionsschule nicht.

Es ist kaum zu klären, ob Robert Kaiser durch seine Übersiedlung nach Neukirchen seine Familie in ernsthafte Probleme gestürzt hat. Sein Vater, der alte Müller, lebte noch 22 Jahre. Die Söhne Richard und Leopold arbeiteten in der Mühle und später auch der Schwiegersohn Paul Bungenberg in der angegliederten Drechselei. Sohn Leopold kümmerte sich um die Landwirtschaft. Die Mühle ging erst in der großen Inflation von 1923 Bankrott – 36 Jahre nachdem Robert Kaiser sich aus ihr zurückgezogen hatte.

In der Missionarsausbildung erwarb Robert auch Grundkenntnisse der Medizin und Geburtshilfe, zuerst bei einem Dr. Härtel aus Vluyn und dann in einem halbjährigen Kurs in London11. Nach Familienerinnerungen konnte er später einfache Erkrankungen ganz ordentlich behandeln. Nach gut vier Jahren verließ er die Waisen- und Missions-Anstalt am 27.12.1890 und setzte die Ausbildung am East London Missionary Training Institute, auch Harley College genannt, fort. Henry Grattan Guinness, ein Spross der irischen Bierbrauerfamilie Guinness, sehr bekannter Autor, Prediger und Missionar, hatte diese Ausbildungsstätte für Missionare 1873 gegründet. Sie bildete im Laufe der Zeit 1330 Missionare für 30 verschiedene Missionsgesellschaften aus.12 Aus London schrieb Robert Kaiser am 19.03.1891:

wir sitzen noch immer auf der Schulbank […] Schüler im eigentlichen Sinne sind wir nur 6 - 7 Stunden in der Woche, die übrige Zeit Autodidakten oder Evangelisten […] Außer dem eigentlichen Lernen gibt’s hier auch allerlei zu erfahren. Die Arbeit in der Nähschule, an den Seeleuten, sowie an Kellnern, Bäckern, Metzgern und Schneidern deutscher Nationalität bietet uns Gelegenheit, unsere Mängel kennen zu lernen und des Herrn Beistand zu erfahren. […] So lernten wir auch in der ‚China Inland Mission‘ eine Körperschaft kennen, die in der Tat betend hinter ihren nun schon über 500 Missionsgeschwistern steht. […] Über die Heilsarmee möchte ich am liebsten nichts sagen. Sehe ich die guten Kinder mit ihren Schriften durch die Straßen ziehen und allen so freundlich verkündigen das Heil in Christo, so muß ich sie als meine Mitarbeiter schätzen und lieben; eine Versammlung jedoch, der ich vorigen Sonntag zufällig beiwohnte, erregte meinen ganzen Widerwillen. Ein Baseler Bruder, der diese Szene mit mir teilte, sagte: ‚Das gleicht mehr einem Kameledressieren, als wie die Herzen der Sünder zu rühren‘. […] Eine andere Arbeit, an deren Spitze Dr. Berwado13 steht, hat unsere ganze Sympathie. Er ist ein Freund von Hudson Taylor und gedachte mit diesem zu den Heiden zu gehen. Als er nun mit der Botschaft des Evangeliums zu den Heruntergekommensten […] ging, fiel ihm das traurige Los der armen Kinder aufs Herz, und er gründete ein Waisenhaus, in dem jetzt über 4000 Kinder ihr angenehmes Heim gefunden haben. Sieht man die Stadt überhaupt an, so sieht man mehr Trauriges als Merkwürdiges. Abgesehen von denen, die gleich den Lilien auf dem Felde, weder arbeiten noch spinnen (Matth 7,28b), sondern ein wahres Spatzenleben führen, bietet die arbeitende Klasse überhaupt ein trauriges Bild; geringe Löhne und guter Appetitt nötigen sie, in einer in Deutschland nicht gekannten Zerlumptheit zu erscheinen.14

Während er noch in London war und auf seine Entsendung als Missionar ins damalige Deutsch Ost-Afrika wartete, erhielt Robert Kaiser einen Hilferuf aus Witten an der Ruhr. Dort wurde ein Vertreter des schwer erkrankten Friedrich Fries gesucht, Robert Kaisers Onkel und früherer Spielkamerad. Fries war unter der Last seiner Aufgabenfülle als Prediger, Verleger und Schriftleiter zusammengebrochen. Nach Abstimmung mit der Neukirchener Mission kam Robert Kaiser zur Hilfe – wie man glaubte, für eine zeitlich begrenzte Krankheitsvertretung. Das Berufsziel ‚Afrika-Missionar‘ sah man nicht beeinträchtigt; die Aussendung ins heutige Tansania hatte sich sowieso aus nicht mehr bekannten politischen Gründen verzögert. Am 13. Juli 1891 trat Robert Kaiser seinen Dienst in Witten an der Ruhr an. Friedrich Fries schrieb erleichtert:

Als Robert Kaiser dann nach Witten kam, lag ich schwer danieder. Es fehlte vollständig die Nachtruhe, dabei zehrte die Sorge um die Arbeit an meinen Kräften. Ich lag im Sessel mit furchtbaren Kopfschmerzen. Da trat er an mich heran, legte mir die Hand auf die Stirn und sagte: ‚Sei zufrieden, ich bin jetzt hier und bleibe, bis du wieder gesund bist‘. Von dem Augenblick trat eine Wendung in meinem Zustand ein. Es überkam mich ein Gefühl der Ruhe und Zuversicht, daß ich mich wie ein Kind hinlegen und der Dinge warten konnte, die da kommen sollten. Die Krankheit war gebrochen, und nach wenigen Wochen konnte ich einige Zeit zur Erholung in die Heimat reisen, um dann mit frischer Kraft, nunmehr gemeinsam mit Br. Kaiser, die Arbeit wieder aufzunehmen. […] Nachdem Bruder Kaiser einige Monate bei uns gewesen war, wurde die Sache von der Gemeinde so geregelt, daß er als ihr Prediger und ich als sein Mitarbeiter bestellt wurde.15

Freie evangelische Gemeinden bestehen aus freiwilligen Mitgliedern, die nach einer aktuellen Satzung bekennen, „dass Jesus Christus (ihr) persönlicher Retter und Herr geworden ist und dass (sie) Vergebung der Sünden empfangen haben. […] Erwartet wird, dass die Wirkungen dieses Glaubens durch den Heiligen Geist im Leben des Gemeindemit-glieds sichtbar werden.“16 Die erste Freie evangelische Gemeinde in Deutschland wurde 1854 in Wuppertal durch den Fabrikanten Hermann Heinrich Grafe gegründet, der sich eine ‚Église évangélique libre‘ in Genf zum Vorbild genommen hatte. 20 Jahre später schlossen sich 24 ähnliche Gemeinden zum Bund Freier evangelischer Gemeinden zusammen. Zu diesem Bund gehören 2017 480 Gemeinden. „Jede Gemeinde ist selbständig und entdeckt und braucht die Begabungen ihrer Mitglieder. Ihre Pastoren und Mitarbeiter beruft sie eigenverantwortlich. Sie finanziert sich durch Spenden und entscheidet alle wichtigen Fragen eigenständig. Die Gemeinde ist der Raum zum persönlichen und gemeinsamen Wachstum. Mit anderen Gemeinden bildet sie einen Bund und teilt mit der weltweiten Christenheit das apostolische Glaubensbekenntnis.“17

Freie evangelische Gemeinden erheben keine Kirchensteuern, sondern finanzieren ihre Arbeit aus den freiwilligen Spenden ihrer Mitglieder, die in angemessenem Verhältnis zu deren Einkommen stehen sollen. Folglich sind kleine Gemeinden mit armen Mitgliedern in ihren finanziellen Möglichkeiten ziemlich eingeschränkt und können sich auch heute noch manchmal keinen hauptamtlichen Pastor leisten. Nach dem Grundsatz des ‚allgemeinen Priestertums‘ gibt es keine strenge Trennung zwischen Priestern und Laien, so dass auch Mitglieder ohne formale theologische Ausbildung priesterliche Aufgaben übernehmen dürfen. Für Frauen gilt das allerdings noch nicht sehr lange und möglicherweise auch nicht in jeder der rechtlich selbständigen Gemeinden. In einer dreiteiligen Artikelfolge ‚Predigende Frauen‘ erklärte ein ungenannter Autor im Jahr 1900, obwohl er eine Anzahl großartiger Predigerinnen erwähnt:

Das Weib soll schweigen und nicht über den Mann herrschen, denn das Weib ward an zweiter Stelle geschaffen und betrogen und kam in Übertretung. Es handelt sich also darum, das apostolische Gebot überall stricte und streng da auszuführen, wo das Weib durch sein Thun auch nur den leisesten Anschein erwecken könnte, als ob es über dem Manne stände. – Das originale von Gott verordnete Ur-Verhältnis ist das, dass der Mann vor dem Weibe steht […] ‚die Welt der Frau ist die an sich hoch-wichtige Welt der Kleinigkeiten!‘ Ihre Urteilsfähigkeit schwingt sich selten zu einem weiten, klaren, großen Überblick auf, sondern bleibt meist haften an den kleinen Dingen des täglichen Lebens. Der Verstand ist selten das herrschende bei einem Weibe, sondern immerdar das Gefühl, das ja oft fein ist und richtig, aber der Täuschung auch vielfach zugänglicher. Und das ist bei gläubigen Frauen noch mehr oder minder die Naturordnung. Gott bewahre die Gemeinden allesamt vor Schwestern, die das Kommando und das Urteil über Personen und Sachen sich anmaßen möchten, und gebe uns allezeit Männer mit weitem und liebevollem Blick und Verstand, die mit praktischer Kraft gerüstet sind und jeder gefühlvollen Unsicherheit entbehren!18

Hundert Jahre später, im Juni 2000, erklärte die Bundesleitung des Bundes Freier evangelischer Gemeinden:

Wenn wir das Neue Testament als Ganzes sehen, gibt es gute Gründe dafür, dass Frauen und Männer entsprechend ihren Gaben in der Gemeinde mitarbeiten und sich ergänzen. Und wenn Frauen die Gabe der Seelsorge, der Lehre bzw. Verkündigung und der Leitung von Gott empfangen haben, wird es der Gemeinde zugute kommen, wenn sie ihre Gaben auch im Dienst als Älteste einbringen. Denn Gott gibt dem Glaubenden seine Gaben, damit sie zur Förderung der Gemeinde eingesetzt werden, nicht, damit sie ungenutzt verkümmern. […] Im Blick auf den Dienst von Frauen als Pastorin sind noch weitere Aspekte zu berücksichtigen. In dieser Frage sind wir in der Bundesleitung unterschiedlicher Meinung und beziehen keine gemeinsame Stellung.19

Mit der Bezahlung von Predigern beschäftigte sich G. Nagel im April 1899 in einer Artikelfolge ‚Einiges über den Unterhalt der Verkündiger des Evangeliums‘:

Es findet sich […] im Neuen Testament nicht die Spur einer gesetzlichen Vorschrift hinsichtlich des in Rede stehenden Punktes; kein Wort, das einer gesetz- und zwangsmäßigen Verpflichtung für Aufwendungen im Interesse des Reiches Gottes zur Grundlage dienen könnte. Im Gegenteil ist der Grundsatz der gegenseitigen Freiwilligkeit schon bei der ersten Sendung der 70 Jünger durch den Herrn Jesum selber festgestellt: ‚Wo ihr in eine Stadt kommt und sie euch aufnehmen, da esset, was euch vorgetragen wird. … Bleibet, esset und trinket, was sie haben, denn ein Arbeiter ist seines Lohnes wert. (Luk. 10,8.7). Damit ist nun allerdings auch schon vom neutestamentlichen Standpunkt das geistliche Recht der Boten des Evangeliums festgestellt, vom Evangelium sich zu nähren (1. Kor. 9,14), und es ist als selbstverständliche Pflicht der Hörer vorausgesetzt, sich des Unterhalts der ersteren anzunehmen. Aber nicht durch gesetzmäßigen Zwang sollten sie ihren Unterhalt als Lehn- oder Zinsgut beitreiben, sondern derselbe sollte eine Frucht der gegenseitigen, im Evangelium bestehenden inneren Beziehungen sein. […] Es sind also in der Schrift Rechte und Pflichten in dieser Beziehung unzweideutig und allgemein gültig festgestellt. Wie die Sache im einzelnen Fall geregelt wird, ob der Unterhalt des Predigers auf einen bestimmten jährlichen Betrag normiert ist, oder ob, wie es in der apostolischen Zeit und auch später noch, z. B. bei den Waldensern der Fall war, die Einzelnen in freier und unkontrollirter Weise ihre Gaben geben, kann principiell gleichgiltig sein. Dabei kommen die lokalen Verhältnisse, die Art der Arbeit u. a. in Betracht. Wichtig und notwendig ist nur, dass jede Art von Zwang als dem Evangelium zuwider und ihm unbedingt hinderlich ausgeschlossen bleibt.20

1889 hatte Friedrich Fries, Robert Kaisers Onkel und Freund aus Kinderzeiten in Hillesmühle, in Witten die Freie evangelische Gemeinde Witten gegründet, die heute noch existiert. Sie wählte Robert Kaiser am 24. Januar 1892 einstimmig zu ihrem Prediger und er nahm diesen Ruf ‚vorläufig‘ an, wie er in einem Rundbrief vom 14.03.1892 schrieb.21Diese Aufgabe habe zwar nichts mit seinem eigentlichen Berufsziel Missionar in Afrika zu tun, aber er glaube, Gottes Führung darin zu erkennen. Weil Friedrich Fries‘ Gesundheit doch noch nicht vollständig wieder hergestellt war, unterstützte Kaiser seinen Onkel in der verlegerischen Arbeit und fühlte sich voll ausgelastet,

besonders durch die redaktionelle Arbeit für den ‚Märkischen Evangelisten‘. Doch ich habe gerade diesen Teil der Thätigkeit recht lieb gewonnen und bin allemal dankbar, wenn mir der Herr für einen Artikel Gnade und Kraft gegeben hat. Zum andern finde ich das Schreiben sehr fortbildend und möchte deshalb jeden Bruder, der einigermaßen Geist hat, zu seinem eigenen Vorteil bitten, uns je und dann als mal 6 – 8 Heftseiten voll guter evangelisatorischer Schriftgedanken zu schicken. Es brauchen nicht immer Bibelbetrachtungen zu sein, eine gute Geschichte, ein interessantes Gespräch oder eine merkwürdige Bekehrungsgeschichte, alles ist willkommen und dient der Sache unseres Königs. Brüder, es ist wichtig, alle Kräfte dranzusetzen, die uns in den wenigen Tagen unserer Laufbahn zur Verfügung stehen, die Macht der Hölle ist überaus wirksam. Tausende versinken täglich im Schlamm des Unglaubens und reifen für die Verdammnis. Wenn jemals, dann haben wir uns heute zuzurufen: ‚Wirkt solange es Tag ist, es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.22

Wenige Monate nach seiner Berufung zum Prediger der Freien evangelischen Gemeinde in Witten heiratete Robert Kaiser seine langjährige Verlobte Amalie Röttgen am 6. Juni 1892. ‚Malchen‘, inzwischen 28 Jahre alt, stammte aus Dick-hausen bei Denklingen, gut 10 km nordöstlich von Hillesmühle. Ihre Eltern waren Maria Katharina geb. Kraemer und Hein Röttgen. Die Ehe währte nur kurz. Malchen steckte sich bei einem Besuch ihrer Mutter an und starb am 25. September 1892 in Dickhausen an Typhus. Für Robert ein furchtbarer Schlag.

Der umtriebige Friedrich Fries hatte sich schon einige Zeit mit Ideen für einen Diakonieverein beschäftigt, der Diakonissen für die Gemeinden des Bundes Freier evangelischer Gemeinden ausbilden und unterhalten sollte. Es gab zwar schon lange Diakonissenhäuser anderer kirchlicher Organisationen, aber deren Schwestern waren gelegentlich Regeln unterworfen, die Fries nicht akzeptierte. Er hatte erfahren,

daß manche gläubige Schwester sich nicht wohl in ihrer Stellung befand, weil sie sich hinsichtlich ihres inneren Lebens durch anstaltliche oder kirchliche Vorgesetzte bedrückt und befangen fühlte. Meistens war es den Schwestern verboten, die Versammlungen der Gläubigen zu besuchen. Mir ist ein Fall bekannt, wo einer lieben Schwester verboten wurde, die Versammlungen, die ihr eigener Vater leitete und in der sie selber gläubig geworden war, während ihrer Ferien zu besuchen.23

Diese und ähnliche Erfahrungen riefen förmlich nach einem Diakonissenhaus, in dem die Schwestern ihren Glauben frei leben und äußern konnten. Es galt für die gläubigen jungen Frauen aus den verbundenen Gemeinden und Gemein schaften nicht nur eine Stätte für fachliche Ausbildung, sondern auch einen Raum für geistliche Zurüstung zu schaffen.24

Seine Ideen zur Gründung eines Diakonissenhauses schmiedete Fries zusammen mit Robert Kaiser langsam zu konkreteren Plänen, nachdem dieser in Witten Prediger geworden war.

Robert Kaiser suchte außerdem nach einer neuen Frau und fand sie schließlich in Maria Bender, der ältesten Tochter des Predigers Carl Bender aus Solingen. Nach Familienerinnerungen hatte er Maria Bender auf einem Missionsfest beim Tischdecken beobachtet und sich entschlossen, um ihre Hand anzuhalten.

Maria Benders Herkunft und junge Jahre

Maria Bender wurde als Tochter des Predigers Carl Bender und seiner Frau Aurelie, geb. Kayser, am 9. November 1867 in Solingen-Merscheid geboren. Ihr Großvater Karl Wilhelm Kayser (1805-1866), Spross einer seit Jahrhunderten in der Solinger Gegend ansässigen Schwertschmiedefamilie, war Landwirt und Maßstabfabrikant. Er war verheiratet mit Amalie Schmachtenberg (1818-1864), Tochter eines Feuerstahlschmiedes, dessen Vater Schulmeister gewesen war. Amalie Schmachtenberg war das jüngste von vier Kindern. Sie besuchte die Schule bis zum zwölften Lebensjahr und wurde dann zu einer nicht näher bekannten Ausbildung nach auswärts geschickt, die sie als furchtbar strapaziös empfand. Danach betreute sie eine gelähmte Schwester ihres späteren Ehemanns.25

Karl Wilhelm und Amalie Kayser lebten in recht gesicherten wirtschaftlichen Verhältnissen. Ihr Gut war über 20 Morgen groß, sie hielten „ein Pferd, 3-4 Kühe, 2 Schweine, zwei Ziegen und das übliche Federvieh.“26 sie bauten Roggen, Hafer, Raps, Klee und Kartoffeln an und hatten um die 200 Obstbäume und in guten Jahren 20.000 bis 25.000 Pfund Obst. Das verarbeiteten sie zeitweilig mit anderen in einer Krautsiederei auf ihrem Grundstück, außerdem betrieben sie noch eine Maßstabfabrikation.27

Kayser Haus in Solingen Merscheid

Karl Wilhelm Kayser hatte sich „nach mancherlei Versuchen der feineren Maßstabfabrikation zugewandt und es darin zu hoher Kunstfertigkeit gebracht“.28 Karl Wilhelm und Amalie Kayser hatten elf Kinder, von denen die ersten drei früh starben. Aurelie (meine Urgroßmutter, H.R.) war das sechste Kind und eine „poetische reich begabte Seele“.29 Die Kinder arbeiteten im elterlichen Haushalt und Betrieb mit.

Vater Karl Wilhelm war von kantiger, weltfremder, schwermütiger Art, während Mutter Amalie eine harmonische, lebensbejahende Art zugesprochen wurde. Alle Familienmitglieder hatten „eine gewisse Unbeugsamkeit und Härte des Charakters“. Wie die Eltern so waren auch die Kinder „unbeugsame Pflichtmenschen. Aber auch ein Zug von einer gewissen Eigengerechtigkeit eignete ihnen, und alle hatten ein ausgeprägtes Standesbewußtsein.“30

Nach dem frühen Tod von Mutter Amalie im Alter von nur 46 Jahren im Jahre 1864 führten insbesondere die beiden Töchter Emilie und Aurelie den Haushalt.31 Erfahrung hatten sie schon, denn ihre Mutter hatte bereits gekränkelt, seit sie mit 40 Jahren ihr elftes Kind geboren hatte. Sie hatte auch Jahre vorher schon an einer nicht beachteten Krankheit gelitten, deren Details nicht überliefert sind.32 Amalie Kayser war eine fromme Frau, die mehr als ihr Mann Kontakte mit anderen frommen Menschen gepflegt hatte, und die Töchter Emilie und Aurelie „pflegten die von der Mutter angeknüpften Verbindungen mit den gläubigen Kreisen“33 weiter. So lernte Aurelie im Herbst 1865 im heutigen Wuppertal-Vohwinkel auf einer größeren Versammlung ihren späteren Mann, den Prediger Carl Bender kennen und lud ihn in ihr Elternhaus ein.34

„Anfang November 1865 verließ Aurelie dann das Vaterhaus, um in Elberfeld bei einer Familie Muthmann auf der Königstraße sich weiterzubilden im Haushalt. Bald aber schon kam ihr das Einsehen, dass sie dort nicht viel lernen konnte, und so kehrte sie nach einigen Wochen wieder ins Vaterhaus zurück, wo ihre Anwesenheit nötiger als je war“.35Ihr Vater kränkelte und starb am 9. Juli 1866. Am 3. November 1866 heiratete Aurelie Kayser den Prediger Carl Bender. Zur Hochzeitsfeier in Merscheid kamen 300 Gäste.36

Der Prediger Carl Bender wuchs in einem weniger behüteten Umfeld als seine Frau Aurelie Kayser auf. Er wurde am 20. Januar 1838 als erster Sohn des Schneidermeisters Georg Bender (1809-1847) und seiner Frau Juliane Wilhelmine, geb. Haas (1813-1842), in Neuwied geboren. Seine früheren Vofahren waren Handwerker und Bürger von Neuwied und Westerburg. Carl Bender hatte eine schreckliche Kindheit und Jugend. Er war noch keine fünf Jahre alt, als seine Mutter am 06.11.1842 mit knapp 30 Jahren starb. Außer Carl hatte sie noch zwei Töchter. Carls Vater heiratete nach ¾ Jahr im August 1843 seine zweite Frau, Maria Wilhelmine Zorn, und hatte mit ihr noch zwei Kinder. Die starben früh, ebenso wie die beiden Töchter aus erster Ehe, und am 27. Februar 1847 starb auch Carls Vater nach längerer Krankheit mit 38 Jahren, als Carl gerade 9 Jahre alt war. Durch die Krankheit des Vaters war sein Geschäft zugrunde gegangen. Nach der Beerdigung stand seine Witwe mit Stiefsohn Carl mittellos da. Der kleine Carl kam für 4 bis 5 Monate zu seiner Großmutter. Dann starb auch die. Nun wurde er von den Behörden einem Weber übergeben, in dessen Familie schon mehrere Waisenkinder lebten und kräftig mitarbeiten mussten. Immerhin konnte Carl einen primitiven Unterricht in einer lutherischen Gemeindeschule besuchen. Der Umgang mit seiner Stiefmutter wurde ihm aus nicht genannten Gründen verboten. Später erfuhr er, dass man ihr vorwarf, durch einen verheirateten Mann ‚zu Fall gekommen‘ zu sein. Er sah sie erst nach 17 Jahren wieder. ‚Gefallene Mädchen‘ und ‚zu Fall gekommene Frauen‘ wurden verpönten vor- und außerehelichen Geschlechtsverkehrs bezichtigt.

Carl wollte eigentlich Uhrmacher werden, wurde aber wider seinen Willen in eine Schneiderlehre gesteckt und ging nach deren Abschluss nach damaligem Brauch auf Wanderschaft. In deren Verlauf fand er im heutigen WuppertalElberfeld bei einer christlichen Erweckung im Frühjahr 1860 ‚das Heil und den Heiland‘. Kurz darauf wurde er für drei Jahre zum Militärdienst in einem Pionierbataillon im heutigen Köln-Deutz eingezogen. Nach dem Ausscheiden aus dem Militär wurde er ‚Sendbote‘ des Brüdervereins von Elberfeld, eine Art Wanderprediger, und später Prediger an Freien evangelischen Gemeinden. Der Brüderverein war 1850 von dem frommen Fabrikanten Hermann Heinrich Grafe gegründet worden, um die christliche Botschaft zu verbreiten. Grafe war auch der Gründer der ersten Freien evangelischen Gemeinde in Deutschland.

Carl Bender lernte Aurelie Kayser auf einer christlichen Versammlung im heutigen Wuppertal-Vohwinkel kennen. Aurelies Vater, der in gesicherten Verhältnissen lebende Landwirt und Maßstabsfabrikant Karl Wilhelm Kayser, stand der Vermählung seiner Tochter mit dem ziemlich mittellosen Wanderprediger zunächst skeptisch gegenüber und erbat sich Bedenkzeit für seine Zustimmung. Carl Benders Argument, es gebe auf Erden keine absolute Sicherheit und ein reicher Kaufmann könne Pleite gehen, überzeugte den schon kränkelnden Karl Wilhelm Kayser,37 dessen Geschäfte nicht mehr florierten, und er stimmte der Heirat zu. Er starb bald darauf am 9. Juli 1866 noch vor der Hochzeit seiner Tochter.

Aurelie Kayser

Carl Bender und Aurelie Kayser heirateten am 3. November 1866 in Solingen-Merscheid. Zur Hochzeitsfeier kamen 300 Gäste. Der in frommen, freikirchlich gesinnten Kreisen sehr bekannte Schreinermeister Anton Schmitz aus Köln „hielt eine ernste Ansprache und flehte mit einem inbrünstigen Gebet auf das junge elternlose Paar den Segen Gottes herab“.38 Dieser Schreinermeister Anton Schmitz übte auch großen Einfluss auf Aurelie und Carl Benders späteren Schwiegersohn Robert Kaiser und dessen Onkel Friedrich Fries aus.

Das junge Ehepaar richtete sich zunächst im Elternhaus von Aurelie ein und hatte gleich eine achtjährige Pflegetochter: Klara, Aurelies jüngste Schwester. Aurelie „versorgte weiterhin das Hauswesen, bis eine endgültige Regelung der Erbschafts- und sonstigen Verhältnisse stattfinden konnte.“39Mit Aurelies Erbe als Grundstock bauten sich die frisch verheirateten Benders ab Sommer 1867 ein Haus in SolingenSchlagbaum für 2.800 Thaler, das sie zum Teil durch eine Hypothek finanzierten.40

Am 9. Oktober 1867 gebar Aurelie Bender ihr erstes Kind, Maria Karolina, meine Großmutter. Bis zu ihrem frühen Tod am 25. April 1884 bekam sie 7 weitere Kinder, von denen ein Mädchen gleich nach der Geburt und ein anderes nach 18 Monaten an Lungenentzündung starben.

Als Carl Bender im Krieg gegen Frankreich 1870/71 zum Militärdienst eingezogen wurde, brach die finanzielle Versorgung der Familie zusammen. Sie mussten ihr neues Haus mit Verlust verkaufen und lange in schrecklichen Wohnungen leben. Mit unerschütterlichem Gottvertrauen meisterten sie viele Schicksalsschläge, wie Carl Bender in seinen schriftlichen Lebenserinnerungen festgehalten hat. Sie lebten viele Jahre in bedrängender finanzieller Enge, kümmerten sich aber dennoch außer um ihre eigenen 7 Kinder öfter noch um Pflegekinder.