Circes Tod - Cristina Schaaf - E-Book

Circes Tod E-Book

Cristina Schaaf

0,0
6,40 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Im Alter von 94 Jahren war die Frau, die mein Leben am meisten beeinträchtigt, die dem Paradies meiner Kindheit und der heilen Welt meines Zuhauses ein jähes Ende bereitet hatte, unvermittelt gestorben. Was ich mir in jungen Jahren so sehr gewünscht hatte, war eingetreten. Ihr Tod brachte zwar einiges durcheinander, veränderte jedoch entgegen all meinen Hoffnungen nicht viel. Ich flog öfters nach Madrid um ihre Wohnung aufzulösen, um mich endgültig von meiner Vergangenheit zu verabschieden. Es war unwiderruflich Herbst geworden; für Madrid und auch für mein Leben. Wie in einem Kaleidoskop reihten sich Erinnerungen aneinander, vergessene Episoden meiner Kindheit, Geschichten, die mir meine Großeltern ein halbes Jahrhundert zuvor erzählt hatten, verblasste Bilder eines Spaniens aus den 60er und 70er Jahren, in denen die Gewalt des spanischen, gehobenen Mittelstandes alles bestimmte, Embleme meiner geliebten und gefürchteten Geburtsstadt Madrid und all seiner Pracht, Reminiszenzen aus meiner Pubertät, Ereignisse, die meinen Lebensweg mitbestimmt hatten, Versprechen, die ich mir vor Jahrzehnten gegeben hatte, und deren Gültigkeit abgelaufen war. In der herbstlichen Einsamkeit meines Familienhauses hatte ich sechs Wochen Zeit, mich mit all dem Gewesenen von Angesicht zu Angesicht auseinander zu setzen, mich von vielem zu lösen und eine definitive Entscheidung zu treffen: Madrid und die Vergangenheit endlich hinter mir zu lassen und mich ganz meinem gegenwärtigen Leben zu widmen. In bunten Skizzen, Tagebucheintragungen und Erzählungen aus meiner Kindheit und Jugend, augenzwinkernden Visionen, anhand von beherzten Gesprächen mit Lama Rinzin und Beschreibungen meines spanischen Geburtshauses und meines geliebten Madrids, erzähle ich in Romanform von dieser intensiven Zeit - während der die Symmetrie der Vergänglichkeit alles umspannte - und erläutere die Erkenntnisse, mit denen ich trotz aller Enttäuschungen und schmerzhaften Prozesse beschenkt wurde.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Veröffentlichungsjahr: 2016

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Circes Tod

Cristina Schaaf

Circes Tod

© 2016 Cristina Schaaf

Umschlaggestaltung: Susanne Dahler

unter Verwendung eines Fotos von Stefanie Ludwig

Korrektorat, Layout: Jörg Querner – www.anti-fehlerteufel.de

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN Taschenbuch:

978-3-7345-4072-1

ISBN Hardcover:

978-3-7345-4073-8

ISBN e-Book:

978-3-7345-4074-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

30. Oktober 2015

Rosales

Día del Carmen – 16. Juli 2015

31. Oktober 2015

6. November 2015

29. Juli 2015

Beethovens Sechste

15. Februar 2015

16. August 2015

17. August 2015

Die Pfarrei zum unbefleckten Herz Mariä

18. August 2015

Circe

19. August 2015

El Escorial

29. Oktober 2015

Der Bardo des Werdens

7. November 2015

Facebook-Eintragungen

9. November 2015

10. November 2015

Tulpen aus Amsterdam

11. November 2015

12. November 2015

13. November 2015

Die Heiligen Drei Könige

14. November 2015

15. November 2015

17. November 2015

20. November 2015

23. November 2015

24. November 2015

26. November 2015

Saarbrücken, den 15. Januar 2016

27. November 2015

28. November 2015

Die VIP-Lounge

22. August 2015

Das Auflösen des Sandmandalas

Für meine Eltern

Carmen und Alfredo

 

Die Männer, die sie begehrten,aber auch die Menschen, die sie beleidigten,verwandelte Circe in Tiere.

30. Oktober 2015

Der Auktionsraum wird von Tag zu Tag voller. Von der Eingangstür, die nach fünf Stufen bis zum Souterrain und bis zu Nurias Tisch führt, ist nur noch ein schmaler Weg frei. Ich muss aufpassen, dass ich an nichts anstoße. Links und rechts stehen lauter Kostbarkeiten: alte Vasen, gediegene Stühle im Biedermeierstil, kleine Likörgläschen in dunkelgrüner und karamellbrauner Farbe, prächtig glänzende, silberne Suppenterrinen, alles kreuz und quer auf dunklen Kommoden drapiert, zwischen Ölgemälden, die romantische Landschaften darstellen oder etwas zerknirscht schauende, ältere Menschen wie eine schwarz gekleidete, verschleierte Frau oder ein Pfeife rauchender Holländer.

Nuria grüßt mich schon von Weitem, sobald sie mich durch die Tür kommen sieht. „Guten Morgen! Bist du wieder da? Wie jeden Morgen! Du kannst es wohl nicht lassen!“

Ich möchte endlich meinen Lieferschein abholen.

Nuria hat einen kleinen Schreibtisch in die Ecke gestellt – den meisten Platz räumt sie den Schätzen ein, die sie bei den vielen Besuchen in alten, herrschaftlichen Madrider Wohnungen ausgesucht hat, um sie hier zu versteigern. Hinter ihr hängen nun einige Gemälde aus meinen zwei Wohnungen, Gemälde, die mich während meiner gesamten Kindheit und Jugend begleitet haben. Wie anders sie doch in dieser Umgebung aussehen! In zwei Wochen findet die Auktion statt.

„Die bunten, kleinen Likörgläschen habe ich bereits auf der Liste. Dafür kannst du allerdings nur 40 Euro erwarten.“ Nuria ist knallhart in der Preisgestaltung. Was sie aber aussucht, das schätzt sie sehr. Jedes Teil holt sie bedächtig in die Hand, betrachtet es aufmerksam, dreht es, hebt es, schaut auf dessen Basis und dahinter, überlegt. So hat sie in meinen beiden Wohnungen über drei Stunden verbracht, bis sie sich für 20 Teile entschieden hat.

Während sie nun mit leicht in Falten gelegter Stirn alles in den Computer eingibt, sehe ich mich in einem mit schweren, silbernen, verschnörkelten Rahmen versehenen Spiegel. Über mir glitzern Kristall-Lüster. „Ich bin wirklich alt geworden“, schießt mir durch den Kopf. Ich passe gut in den Raum. Nuria ist recht jung; ich schätze, sie ist etwas über dreißig. Sie liebt Altertümer, das habe ich sofort bemerkt. Ich schaue ihr über die Schulter.

„Und was ist mit der Bronzefigur von Bonheur?“, fragt sie, und sie scheint etwas enttäuscht zu sein.

Die Bronzefigur kommt nach Berlin, dort hat sich ein Interessent gefunden. Aus ihrem CD-Player ertönt leise Musik, Satís Klavieretüden. Draußen wirft die Sonne des Herbstes ein wunderschönes, kaleidoskopartiges Spiegelbild gelb-rot-braun gefärbter Bäume auf das Schaufenster. Ich sehe mich im Spiegel und denke, dass es nun wirklich Herbst geworden ist, unwiderruflich.

Rosales

Wenn man aus dem Portal heraustritt – im Sommer tanzen gegen die etwas matte Glasscheibe der Eingangstür ovale, goldfarbene Lichtflecken, und im Winter hat man das Gefühl, dass das graue Licht auf den dunkelroten Marmorplatten der Portalwand silberne Schlieren zieht –, gehe ich am liebsten rechter Hand die paar Schritte hinunter bis zum Paseo de Rosales, die große Allee, die an dem Parque del Oeste angrenzt. Meistens, sommers wie auch winters, weht einem direkt die frische Sierra-Luft ins Gesicht.

Die Straße öffnet den Blick auf zwei breite Bürgersteige und eine gerade, sehr geräumige, baumbepflanzte Allee. Ich habe immer den Eindruck, als hätte man Glitzersteinchen in die großen, weißen Steinplatten mit eingearbeitet, so edel mutet mir die Straße in den letzten Jahren an.

Damals, 1959, als ich an der Hand des Yayos in Rosales spazieren gehen durfte, war es lange nicht so. In der Erinnerung ist der Paseo de Rosales eher grau in grau. Es wehte eine fahlgraue Luft durch Francos Madrid. Die Bilder, die ich im Kopf habe, sind schwarz-weiß wie die Fotografien von damals, die es inzwischen, nach Circes Vernichtungswut, nicht mehr gibt. Es war eine Zeit, in der nichts geschah. Alles lief in gewohnter Routine. Ich werde etwas schläfrig, wenn ich an diese Zeit denke, alles war vorhersehbar und vertraut. Es war friedlich, aber fade. Man glaubte gerne an Feen-Märchen und war besonders begeistert von der Hochzeit von Grace Kelly und Prinz Rainier.

Viele hatten geglaubt, Francos Macht würde nur eine vorübergehende Lösung sein, um den Frieden wieder zu etablieren. Aber es änderte sich nichts. Und Franco blieb – bis zum bitteren Ende.

Wo sich heute der Kinderspielplatz mit Rutschbahn und Schaukeln für die Kinder des Viertels befindet, stand damals ein kleines, buntes Karussell. Ich kann mich eher über die Fotos aus jener Zeit daran erinnern, als dass ich im Geiste wirklich noch Bilder abrufbereit hätte. Ich laufe an Yayos Hand und meine Großmutter, die Yaya, schiebt einen großen Kinderwagen mit ausladenden Rädern und grauem Bezug. Darin liegt meine kleine Schwester Paloma. Es ist Sonntag, und wir gehen nach dem Besuch der Heiligen Messe zum Karussell. Die Eltern und Großeltern, samt meiner kleinen Schwester im Kinderwagen, stehen davor, lächeln glücklich, und ich drehe mich und drehe mich, und jedes Mal, wenn ich sie nach der Kurve erblicke, rufe ich mit lautem, hellem Stimmchen: „Pa-pá! Pa-pá!“ Und mein Vater winkt mir zu und ist der stolzeste Mann am Platz.

Die Allee ist mit einigen sogenannten quioscos bestückt. Das sind quaderförmige Baracken. Sie sehen aus wie kleine Häuschen, umgeben von Tischen, versehen mit schweren, weißgrauen Marmorplatten und Stühlen aus dunkelgrünem, verziertem Eisen. Bevor wir an dem damaligen Sonntag nach Hause gingen, saßen wir alle fünf an einem dieser Kioske und tranken einen Aperitif: die Großen einen Vermouth und ich ein Glas selbst gemachte Zitronenlimonade. Damals gab es weder Coca Cola noch Fanta.

Einige dieser quioscos haben überlebt, nur haben sie inzwischen leichte Designer-Stühle aus schwarzem Aluminium, etwas asiatisch angehaucht, große, viereckige, weiße Sonnenschirme, und neben dem Kiosk wurden Toilettenhäuschen gebaut, ein Luxus, an den damals kein Mensch gedacht hätte.

Auf dem linken Bürgersteig sind in den letzten Jahren einige vornehme Restaurants entstanden mit so wohlklingenden, englischen Namen wie „Charing Cross“ oder „Seven and Six“.

Der Paseo de Rosales war damals schon sehr beliebt, aber keine Luxus-Meile wie heute. Vor den sechs- bis siebenstöckigen Wohngebäuden stehen jetzt manchmal feine Limousinen. Ein Chauffeur lehnt sich an den blitzblanken BMW und wartet auf die Herrschaften, die irgendwann aus den verschlossenen Portalen herausschleichen, kleine Pekinesen an der Leine und große Ray Ban Brillen auf der Nase, um in der Sonne lächelnd sich was weiß ich wohin kutschieren zu lassen.

Wie sehr hat sich doch alles verändert!

Wenn mich meine deutschen Freunde in Madrid besuchen, staunen sie sehr über diese wunderschöne Allee, bedrängen mich, mein Elternhaus doch nicht zu verkaufen. „Das ist doch viel zu schade! Wer hat schon so ein Haus in einer so aufregenden Stadt und in so einer Lage? Du bist verrückt, wenn du diese Wohnung aufgibst!“

Der Paseo de Rosales war für mich nie ein Statussymbol. Wir gingen hier am späten Nachmittag oder vor der Abenddämmerung mit der Chacha spazieren – das war unsere Hausangestellte. Später, als wir etwas älter waren, führten wir hier unseren Cocker Spaniel aus.

Ende der siebziger Jahre wurde die Allee Rosales zu einer der vornehmsten Straßen der Stadt. In dieser bewegten Zeit bekam Madrid auch seinen ägyptischen Tempel, den Debod-Tempel, als Dank dafür, dass sich Spanien an dem Bau des Assuan-Damms beteiligte. Das war schon beinahe am Ende der Diktatur Francos. Die exotische Gartenanlage um den Debod-Tempel war seinerzeit eine Sensation.

Heutzutage kommen jeden Abend viele junge Madrider hierher spazieren, da der Sonnenuntergang mit der Sierra de Madrid im Hintergrund eine Augenweide ist, besonders um die Weihnachtszeit und am Neujahrstag, wenn der Sonnenhimmel meines Madrids, mein azurfarbener Velázquez-Himmel, im winterlichen Hellblau gekleidet, durchtränkt ist von der Kühle der Berge und der Lichtheit der Hochebene. Immer wenn wir aus Deutschland kamen, um Weihnachten bei den Eltern zu verbringen, gehörte es regelrecht zu den Feierlichkeiten, am Weihnachtsmorgen durch die Rosales-Allee zu spazieren, um am Debod-Tempel die schneebedeckte Sierra zu bestaunen, bevor man wieder ins Haus zurückkehrte um sich dem Weihnachtsschmaus zu widmen.

Der Debod-Tempel und die schicken Lokale in der Rosales-Allee gehören zu einem Spanien, in dem der Wohlstand und die Freiheit sich langsam aber sicher etablierten. Madrid wurde bunter. Mein Vater, der sein Leben lang ein fleißiger Mensch gewesen war, brachte es zu großem Erfolg. So war es ihm möglich, das Haus in der Altamirano-Straße, das schon meinem Großvater Jaime und seinen Brüdern gehört hatte, auf vier Etagen zu vergrößern. Später kam noch der gesamte hintere Hausblock hinzu. Dort waren alle Abteilungen seiner Firma untergebracht.

Oliver, Julia und Sohn Isak haben uns hier vorige Woche spontan besucht. Sie gehören zu den vielen Freunden, denen ich meine Heimatstadt zeigen durfte und die dadurch zu großen Liebhabern von Madrid geworden sind. Da sie auch schon im Frühling bei uns waren, sehnten sie sich nach einem Spaziergang durch die Rosales-Allee am Abend, nunim Herbst. Wir kehrten bei „Marius“ ein, eines dieser schicken Lokale, die Ende der 70er Jahren entstanden sind, während der sogenannten transición, dem Übergang von der Diktatur in die Demokratie. Alle diese Lokale hatten damals schon einen leicht verruchten Beigeschmack. Was waren das denn überhaupt für Lokale, ohne richtige Esstische? Stattdessen standen niedrige, mit dunkelbraunem Cordstoff gepolsterte, schlichte Sofas an kleinen Couch-Tischen, an denen Gin-Tonic und Erdnüsse serviert wurden. Dekoriert ist das Ganze – und das schon seit über 40 Jahren – im englischen Pub-Stil, holzvertäfelt und mit Jockey-Bildern an den Wänden, links und rechts davon Metalllämpchen, die eine intime Atmosphäre verbreiten. In jener Zeit wollte man sich im Eiltempo den mitteleuropäischen, fortschrittlicheren Sitten und Gebräuchen anpassen. „Bar de copas“ nannte man damals diese Etablissements, die es heute noch gibt und in denen sich anscheinend absolut nichts verändert hat.

Am markantesten ist hier jedoch das Klientel: nach wie vor recht betagte Geschäftsmänner in Anzug und Krawatte, graumeliertes Haar oder Glatze und Brille, manchmal auch etwas salopper in beiger Buntfaltenhose, Lottusse-Schuhen und hellgrünem Lacoste-Polohemd. Sie haben hier nur eines im Sinn: mit Frauen – ein paar Jahre jünger als sie – zu knutschen. Es ist eine Art Zeitreise, auf die ich mich in solchen Lokalen begebe, und ich fühle mich sofort in die siebziger Jahre zurückversetzt.

Mein Vater und viele andere Menschen seiner Generation schauten 1973 mit Argwohn und gerümpfter Nase auf diese Lokale, in denen nur sogenanntes zahlungskräftiges Klientel anzutreffen war. Sie waren ihm sehr suspekt. „Wie die Moral in letzter Zeit nachlässt!“, beklagte er sich. Esther pflichtete ihm bei.

Bei unserem Besuch mit Oliver und Julia war es faszinierend, genau dasselbe Szenario wie damals vor Augen zu haben. Anscheinend ist diese spanische Rasse und deren Balzverhalten nicht ausgestorben: Ältere, gestandene, gut situierte Männer treffen hier ihre Geliebten, um sich bei einem Gin Tonic oder einem Whisky der Knutscherei zu widmen. Stilecht. Im Ausland nennt man sie „Machos“. Hauptmerkmal ist, und das ist längst bekannt, dass sie nicht treu sind.

Als ich erfahren habe, dass angeblich jeder spanische Mann eine Nebenfrau hat, war ich teils getröstet, teils schockiert. Getröstet, als sich herausstellte, dass nicht nur mein Papa, den ich über alles geliebt hatte und den ich für über alles erhaben hielt, ein notorischer Fremdgänger war; schockiert, weil diese original spanischmännlichen Machenschaften von sämtlichen spanischen Ehefrauen anscheinend mit resignierter Gelassenheit ertragen wurden – zumindest in der damaligen Zeit. Es ist eine versteckte Geilheit, die man dort spürt, eine heimliche Geilheit, die noch aus der Zeit der sehr katholisch gefärbten Diktatur zu stammen scheint, übrig geblieben wie eine unbewusste Zwangshandlung.

Als Oliver in der Herrentoilette gerade dabei war, sich die Hände zu waschen, erschien einer dieser kuriosen, grauhaarigen Männer in aller Eile, beugte sich über das Waschbecken, zog das Gebiss aus dem Mund und begann es mit großer Hingabe unter dem fließenden Wasserhahn auszuwaschen. Dabei achtete er peinlichst genau darauf, dass das Wasser weder seine Jacke noch die Krawatte benetzte, die er vorsichtshalber über die Schulter legte. Die Wangen waren ihm eingefallen und er schien es eilig zu haben, wieder an den Tisch zu seiner Liebsten zu kommen, um weiterzuknutschen.

Oliver bestätigte mir leicht betreten, dass ihn diese Szene sehr befremdet hätte und dass diese Stadt zweifellos surrealistisch gefärbt sei.

Daraufhin meinte Sohn Isak mit seinen elf Jahren: „Das andere Leben beginnt, wenn du in Madrid bist.“ Er ist ein schlaues Kerlchen und genießt Spanien in vollen Zügen. Als wir uns verabschiedeten meinte er dann noch abschließend: „Paris ist die Liebe, aber Madrid ist das Erleben.“

Día del Carmen – 16. Juli 2015

In zahlreichen Ortschaften entlang der spanischen Mittelmeerküste wird die Heilige María del Carmen, die Jungfrau des Berges Karmel, verehrt. Die Fischer feiern dort am 16. Juli ein Fest zu Ehren ihrer geliebten Schutzpatronin. Mit ihrem Bild fahren sie in bunten Booten aufs Meer hinaus, damit das Wasser gesegnet werde und sie die Fischerfamilien schütze, vor allem Bösen, vor allen Unbilden. Es heißt auch, dass die Heilige María del Carmen jede Seele aus dem Fegefeuer befreit.

„Lama wartet bereits auf dich“, sagt Steffi lächelnd und zieht den Vorhang beiseite.

Es ist uns zur lieben Gewohnheit geworden, unseren Meister „Lama“ zu nennen, als sei es sein Vorname und nicht sein Titel.

Er sitzt im Lotussitz auf seinem Bett, das mit einer dicken, dunkelroten Tagesdecke bezogen ist. Die Läden sind etwas geschlossen, sodass das Zimmer im Halbdunkeln liegt. Sein gelbes Hemd lässt seinen dunklen Teint samtgleich leuchten. Er strahlt mich an und sogleich fühle ich mich heimisch.

Ich habe kaum etwas essen können, weil mich während des Mittagessens immer wieder ungewollte Tränen überraschten und mir die Kehle zuschnürten.

„Hallo, Cristina“, sagt er freundlich und zeigt auf ein rundes, dunkelrotes Kissen vor seinem Bett.

Ich lasse mich vor ihm nieder und er beugt sich etwas zu mir. Ich schaue in sein offenes Gesicht.

„Today is a very important day in my life“, schieße ich direkt los.

Und er lacht unvermittelt, herzlich.

„Today my biggest enemy died“, erläutere ich ihm in meinem ungeschickten Englisch.

Und wieder lacht er und wiederholt diesen Satz, als sei es ein Kuriosum: „Today my biggest enemy died –“

„Heute Morgen rief mich meine Schwester aus Madrid an. Der Anruf überraschte mich, da wir seit unserem Streit im Februar nicht mehr viel Kontakt miteinander hatten. Sie erzählte mir unvermittelt, dass Esther am frühen Morgen verstorben sei. Esther begleitet mich seit meiner Kindheit. Sie war die Sekretärin meines Vaters. Sie hat für ihn gearbeitet und viel für seine Firma getan. Mein Vater erzählte uns immer, dass Esthers Engagement und Fleiß maßgeblich zum Erfolg seines Unternehmens und damit auch zu unser aller Wohlstand beigetragen haben.

Wir sahen sie auch Tag für Tag an Papas Seite, sei es im Büro, in der Firma oder auf seinen vielen Deutschlandreisen. Selbst am späten Abend noch machte sie Überstunden. Manchmal kam sie sogar am Sonntag zu uns nach Hause. Sie saß dann mit Papa in seinem Arbeitszimmer und wir mussten etwas leiser spielen als sonst. Als ich dann älter war, kam sie auch an Weihnachten zu uns in die Familie, und sie brachte für meine Schwester und für mich großzügige Geschenke mit. Wir mochten sie sehr, weil auch Papa sie so mochte, und weil sie uns immer zugewandter wurde. Hatten wir irgendwelche Probleme mit den Schulaufgaben, dann half sie uns, weil sie früher Lehrerin gewesen war, bevor sie Papas Sekretärin wurde.

Manchmal lud sie uns auch ein, mit ihr in die Cafetería zu gehen, wo wir nach Herzenslust Kuchen essen konnten. Immer war sie guter Laune. Sie wollte mit uns Freundschaft schließen, das merkten wir ihr an.

Irgendwann begannen die Eltern, sie zu jedem Geburtstag einzuladen. Schrittchen für Schrittchen wurde ihre Präsenz in unserer Familie immer größer. Wir fanden das selbstverständlich, es war nichts Sonderbares daran. Papa freute sich auch, dass wir uns wohl mit ihr fühlten. Das war noch eine Zeit, als mir mein Vater strahlend und gerecht erschien, das Bewundernswerteste, das es zwischen dem Himmel und der Erde meines Universums gab.

Es dauerte noch ein paar Jahre, bis es große Auseinandersetzungen mit meiner Großmutter gab, bei denen auffällig oft der Name „Esther“ fiel. Ich muss so um die zwölf oder dreizehn Jahre alt gewesen sein, als mich der Verdacht überfiel – und ich bekam dabei so eine Gänsehaut, dass ich den Gedanken ganz schnell wieder fallen lassen wollte –, dass mein Vater, mein Gott-Vater, etwas mehr mit ihr zu tun hatte als die bloße Büroarbeit. Als ich jedoch meine Mutter zusehends trauriger werden sah, fragte ich sie, weil ich die Verzweiflung nicht mehr ertragen konnte, ob Esther die Geliebte meines Vaters, ihres Mannes, war.

Ich erinnere mich sehr genau daran, dass es in den Sommerferien war, während eines langen Spaziergangs am Strand von San Juan. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und fragte meine Mutter geradeheraus. Ich erinnere mich daran, dass sie weinte und weder Ja, noch Nein sagte und dass mein gesamtes Weltsystem ab diesem Moment ein anderes, viel düstereres wurde. Ich erinnere mich daran, wie groß auf einmal das weite, bleierne, tintenblaue Meer wirkte, wie sehr die Sonne erbarmungslos darauf glitzerte und wie machtlos, wie verloren und schutzlos ich mich fühlte.

Eines Tages war das Liebesverhältnis zwischen Vater und Esther offensichtlich. Dennoch wurde es von beiden vehement abgestritten. Jeder wusste es, und alle taten so, als wüssten sie von nichts. Wer es laut aussprach, hatte schlechte Karten: Entweder man wurde gefeuert oder verbannt. Einige Angestellte verloren ihren Arbeitsplatz, auch Freundschaften wurden gekündigt.

Währenddessen entwickelte sich Esther zu einer Art Faktotum in unserem Haus. Sie arbeitete sich sogar bis in die Küche meines Elternhauses vor. Es stellte sich heraus, dass sie sogar besser kochen konnte als Mama, sodass sie das Küchenkommando ganz übernahm. Sie kontrollierte unsere Hausaufgaben, weil sie als studierte Pädagogin schlauer war als Mama. Sie entschied, welche Möbel, Teppiche, Gemälde und Gläser zu kaufen seien, weil sie den besseren Geschmack hatte als Mama. Bald war Esther nicht mehr aus unserem Leben wegzudenken, und so zog sie bei uns ein und bekam ein eigenes Zimmer.

Alle gut gemeinten Warnungen meiner Oma meiner Mutter gegenüber nutzten nichts; auch sie wurde gefeuert und kam ins Altersheim, um die Ehe meiner Eltern nicht zu gefährden. In Francos Spanien war es undenkbar, dass sich eine Frau scheiden ließ. Es gab überhaupt keine Scheidung im ehrwürdigen Spanien Francisco Francos, dem großen Wohltäter des spanischen Volkes und Garant der spanischen Ehre. Meine Mutter hätte höchstens meinen Vater verlassen können. Sie hätte dadurch alle Rechte verloren; wir wären beim Vater geblieben – und bei Esther. Das wollte sie natürlich vermeiden, koste es, was es wolle.

Über viele Jahre hinweg habe ich ihr bittere Vorwürfe gemacht, weil sie so inkonsequent und unterwürfig war, weil sie sich das alles hat gefallen lassen, worunter wir alle, vier Generationen, sehr leiden mussten. Aber sie liebte Papa abgöttisch, sodass sie sich wohl dazu entschied, keine Konsequenzen zu ziehen und sich damit abzufinden, dass ihr Mann mit zwei Frauen zusammenlebte.“

Steffi hat an der Zimmertür geklopft. „Ich habe Dir einen Ingwertee gekocht, Cristina“, sagt sie und überreicht mir eine dampfende Tasse. Auch Lama bekommt einen Tee.

Mir wird bewusst, dass ich Lama alles erzähle, wovon er bisher nichts gewusst hat; die Geschichte, die mein Leben am meisten geprägt, die meinen Werdegang bestimmt hat. Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist. Ich rede über ein ganzes Leben und er hört mir aufmerksam zu, ohne Eile und ohne Drängen. Die Ruhe im Zimmer und seine liebevollen Augen geben mir Kraft.

„Ich verstehe“, sagt er leise. „Ich verstehe.“

„Mein Verhältnis zu Esther verschlimmerte sich zusehends, als ich in die Pubertät kam. Ich begann mir selbstständig Gedanken zu machen. Was bei uns zu Hause passierte, war ein Skandal, vor allem in einem so katholischen Land wie dem unsrigen: in Francisco Francos Spanien.“

„Ich glaube, dass es heutzutage nicht mehr so schlimm sein würde“, meint Lama. „Schau dich auf der Welt um, wie viele Beziehungen kaputt gehen. Das ist inzwischen ganz normal.“

„Schon“, versuche ich ihm zu erklären. „Das Schlimmste dabei war, dass es geheim gehalten werden musste. Daher hatten wir kaum Freunde. Es sollten möglichst wenig Besucher in unser Haus kommen, damit die Liaison nicht ans Tageslicht kam. Mein Vater hatte nämlich Angst, sein Ansehen und den Respekt seiner Angestellten zu verlieren. Außerdem musste Esthers Ehre aufrechterhalten werden. Das war das Schlimmste für mich, diese Diskrepanz, dieses Nicht-dazu-Stehen, was man tat, das ganze Leben einem Schein zu opfern. Ich konnte das nicht länger ertragen, ich wollte diese Lüge nicht länger unterstützen. So stellte ich Esther zur Rede, die mir allen Ernstes versicherte, ihr Verhältnis zu Papa wäre rein geschäftlicher, höchstens freundschaftlicher Natur, sie hätte sonst nichts mit ihm zu tun, er wäre für sie wie ein Bruder.

Diese Beteuerungen von ihr brachten mich sehr durcheinander, weil ich einerseits an mir und meiner Wahrnehmung zu zweifeln begann, und weil ich andererseits eindeutig sah, was vor meinen Augen passierte. Darüber wurde ich krank, so krank, dass meine Eltern sich dazu entschieden, mich in die Psychiatrie zu bringen. Dort wurde dem Psychiater erzählt, ich würde ein Verhältnis zwischen meinem Vater und seiner Sekretärin herbeiphantasieren. Selbst diese Maßnahme ergriffen sie, um Esthers Ehre und Papas guten Ruf nicht zu beschmutzen.“

„Ich verstehe“, wiederholt Lama und schaut mich nun sehr ernst und mitfühlend an. „Sehr viel Leid, ja, sehr viel Leid.“

„Ich habe mein Leben lang zahlreiche Therapien gemacht, um diese leidvolle Geschichte endlich zu verdauen und zu vergessen. Ich glaube, ich bin auch deshalb Gestalttherapeutin geworden, nur um zu verstehen, nur um nachvollziehen zu können, was damals passiert ist. Ich habe sogar ein Buch hierüber geschrieben. Inzwischen habe ich mich mit meinem Vater ein gutes Stück versöhnt, das war sehr wichtig für mich und auch sehr heilsam. Ich habe verstanden, dass er ein Opfer seiner Zeit und seiner Erziehung war, wie wir alle, und ich bin sicher, dass er auch viel gelitten hat und dass er es anders gemacht hätte, wenn er nur gekonnt hätte.

Ich bin ihm dankbar für all das, was er mir mitgegeben hat. Schau, jetzt habe ich zwei Riesenwohnungen in Madrid. Wenn ich sie verkaufe, habe ich ausgesorgt. Aber ich muss schnellstmöglich nach Madrid, um alles zu regeln. Ich habe die Wohnung, in der Esther heute früh gestorben ist, seit zwölf Jahren nicht mehr betreten. Jetzt gehört sie mir. Ich weiß nicht, in welchem Zustand die Wohnung hinterlassen wurde, ob ich sie komplett renovieren muss. Als mich heute morgen meine Schwester anrief und sagte, sie sei gestorben, war ich völlig verwirrt, ohne Halt. Ich musste auch weinen, aber nicht, weil mir ihr Tod leid tut, ganz und gar nicht! Es ist nur so unglaublich, dass diese Person, die so maßgeblich mein Leben geprägt hat, nun weg ist, dass ich nun frei bin, dass ich nun frei von ihr bin, Lama.“

Lama nickt und nimmt meine Hand. Das Licht im Zimmer ist das Licht Tibets. Seine Augen sind so klar und leuchtend, dass ich denke, wenn ich aus dem Fenster schauen würde, würde ich die hohen, kargen Berge des Himalayas erblicken und nicht eine Straße in Saarbrücken.

„Wir Buddhisten sind nicht froh über den Tod einer anderen Person“, sagt Lama nach einer längeren Pause, aber er wirkt ganz und gar nicht belehrend. „Aber es ist völlig normal, dass sich jemand freut – oder zumindest erleichtert ist –, wenn ein Mensch stirbt, der ihm Leid verursacht hat. Das ist menschlich, verurteile dich nicht dafür. Nur musst du wissen, dass dies dich nicht weiterbringt, es ist eine nutzlose Freude, eine nutzlose Erleichterung. Als ich jung war, in Tibet, dachte ich wie viele andere meiner jugendlichen Freunde, dass es gut wäre, wenn ein Chinese stürbe. Manche meinten sogar, dass es gutes Karma bringen würde, einen Chinesen zu töten. Das war natürlich völlig absurd, nicht wahr? Ich habe sehr schnell erfahren, dass das völlig absurd ist und alles andere als ein gutes Karma nach sich zieht.“

Ich bin mit Lama einverstanden. Mein Groll gegenüber Esther ist heute früh abgeflacht nach der Nachricht ihres Todes.

„Wichtig ist jedoch, hier einen Schnitt zu machen, einen Punkt zu setzen. Diese Geschichte ist nun Vergangenheit. Verabschiede dich davon, verschwende keine Gedanken, keine Wut mehr daran. Sie ist tot. Sie kann dir nicht mehr schaden oder dich enttäuschen. Es ist vorbei! Vergiss es, möglichst sofort, ab heute. Sie hat deinen Vater geliebt, das ist alles. Damit hast du nichts mehr zu tun.“

Ich höre ihm zu, eher sauge ich seine Worte auf. Sie tun mir gut. Sie sind wie Medizin. Ich denke an all die Jahre mit Esther, an die kleine Cristina, die sich so davor fürchtete, dass nun die Ehe ihrer Eltern, das Paradies ihres Zuhauses, zerstört sei und dadurch ihre Existenz alarmierend gefährdet. Ich denke an die junge Cristina, die sich gegen Esther auflehnte und in die Psychiatrie gebracht wurde – und plötzlich melden sich meine Tränen. Ich weine los, vor dem Lama, und es ist absolut nicht beschämend, sondern wohltuend, so entspannend und wohltuend.

„Nun, wenn wir nächsten Monat in Madrid sind, kann ich in Esthers Wohnung ein Ritual durchführen. Ich denke, das wird sehr hilfreich sein, um die Wohnung zu reinigen.“

Ich jubele in meinem Inneren, weil er meine Gedanken erraten hat. „Oh ja, bitte, Lama“, stottere ich. „Und vielleicht kannst du sie eine Zeit lang im Bardo begleiten? Wenn wir nach Madrid kommen, sind wir immer noch innerhalb der 49-Tage-Periode.“

„Natürlich, natürlich“, sagt Lama, und ich denke, ich bin doch ein Glückspilz.

„Kannst du auch für sie beten, damit sie befreit wird? Ich nehme an, dass es ihr nicht unbedingt sehr gut geht.“

„Mit Sicherheit“, sagt er leise und schaut mich etwas traurig an. „Ich werde auch für sie beten und pujas machen.“

Plötzlich erinnere ich mich daran, dass ich ein Familienfoto in meine Tasche eingepackt habe, bevor ich mich auf den Weg zu Lama machte. Ich zeige ihm das Bild. Darauf sind wir alle zu sehen: meine Eltern und Esther, meine Schwester mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern, Rudi und ich mit unserer Sofía. „Schau, da sind wir alle. Und die drei in der Mitte, das sind Mama, Papa und Esther.“

Sehr genau schaut er sich das Foto an, er kneift leicht die Augen, nickt bestätigend und wissend. „Yes, I see. Du brauchst mir nichts zu erzählen“, sagt er, „ich sehe es. Sie liebte ihn sehr. Und heute liegt es nur an dir, einen Schlusspunkt zu setzen. Es ist ein für allemal vorbei. Die Geschichte ist zu Ende. Jetzt trägst du die Verantwortung für die Hinterlassenschaft deiner Eltern in Form dieser beiden Wohnungen. Eine große Verantwortung! Dein Vater hat sehr schwer dafür gearbeitet. Bist du bereit, diese Verantwortung zu übernehmen, aus vollem Herzen? Bisher warst du die Prinzessin im Garten. Jetzt musst du dich auf den Thron setzen. Bist du dazu bereit?“

Seine Augen durchbohren mich.

„Ja, sicher“, sage ich.

Er aber meint sofort: „Das sehe ich nicht. Ich glaube nicht, dass du dazu bereit bist. Zu sehr bist du von alledem, was passiert ist, benommen. Du haftest zu sehr daran, bist noch verwickelt. Um dich davon zu befreien, solltest du einen Teil des Erbes deines Vaters spenden. In seinem Namen. Am besten an eine christliche Organisation, in seinem Namen, damit das Erbe eine gute Prägung bekommt.“

Ich stutze ein wenig. „Als meine Mutter starb, habe ich eine größere Summe zur Gründung unseres buddhistischen Zentrums gespendet. Und du hast sicherlich schon gehört, was mir dann widerfahren ist!“

„Vergiss bitte den Buddhismus, vergiss es jetzt bitte!“ Er ist sehr ernst geworden, wirkt ein wenig gereizt.

„Dein Vater, deine Mutter und Esther waren Christen. Du musst in ihrem Namen handeln, nicht in deinem und nicht nach deinen Präferenzen. Es muss eine christliche Institution sein, zum Beispiel ein katholisches Waisenhaus oder etwas Ähnliches.“

„Ja, Lama, natürlich“, sage ich, obwohl ich sehr irritiert bin. „Natürlich werde ich das tun, danke, dass du mich darauf bringst.“

„Nur so kann das Leid, das an dieses Vermögen gekoppelt ist, aufgelöst werden.“

„Sicher, sicher!“ Mir leuchtet es ein, es überkommt mich ein sehr gutes, befreiendes Gefühl, schon bei der Vorstellung, dass viele Menschen an meinem Glück teilhaben werden. Außerdem war mein Vater ein sehr großzügiger Mensch, viel großzügiger als alle anderen Familienmitglieder. Er wäre bestimmt damit einverstanden.

„Und noch etwas ist ab sofort äußerst wichtig, und das sollst du beherzigen. Ich weiß, dass du seit vielen Monaten keinen Kontakt mehr zu deiner Tochter hast. Egal was passiert ist, du musst wieder Kontakt zu ihr aufnehmen. Das ist nun eine gute Gelegenheit dafür. Du rufst sie an und setzt sie davon in Kenntnis, dass Esther verstorben ist.“

Diese Aufforderung Lamas gefällt mir ganz und gar nicht. Über Monate hinweg hat uns Sofía alles Mögliche über ihren Arbeitsplatz erzählt, auch während unserer gemeinsamen Reise nach Rom im Oktober, auch als sie uns über Weihnachten besuchte. Dabei war sie ein halbes Jahr arbeitslos.

„Lama, du weißt doch, dass sie immense Probleme hatte. Ich habe immer, ihr ganzes Leben lang, zu ihr gehalten. Doch irgendwann muss ich mich schützen. Ich werde sonst krank vor Kummer.“

„Ich weiß, ich weiß!“, unterbricht er mich. „Und ich beobachte hier im Westen oft das Phänomen, dass ihr versucht, so ein Problem dadurch zu lösen, dass ihr einfach den Kontakt abbrecht. Das wäre ja nicht schlimm, wenn ihr anschließend damit glücklich und zufrieden sein würdet. Aber das seid ihr nun mal nicht! Auch du bist nicht damit zufrieden, und das Leid geht weiter. Daher ist das der richtige Moment, sie anzurufen und ihr zu sagen: ‚Kind, Esther ist gestorben. Rudi und ich fliegen nach Madrid, zusammen mit Lama Rinzin und Steffi. Wir wollen dort einiges regeln und auflösen. Lama Rinzin wird ein Ritual machen. Möchtest du nicht auch dazukommen, damit wir uns wiedersehen?‘ Und sonst nichts! Keine Vorwürfe, keine Erwartungen, keine Rechtfertigungen. Keine Vergangenheit, keine Zukunft. Einfach wie eine normale Mutter, die zu ihrer erwachsenen Tochter spricht.“

Ich winde mich innerlich in alle Richtungen, es ist beinahe unerträglich, es kommt mir ausgesprochen absurd vor, was Lama da von mir verlangt.

„Weißt du, Lama? Sie fühlt sich ja immer unter Druck gesetzt, wenn wir sie bitten, zu uns zu kommen. Das erzählt sie dann auch aller Welt, dass wir sie permanent unter Druck setzen, und das glaubt ihr auch alle Welt. Seit Jahren schon! Und das, seitdem wir sie aus ihrem Elend herausgeholt und ein Vermögen dafür ausgegeben haben, dass sie wieder auf die Beine kommt. Ich bin davon überzeugt, dass sie nicht kommen will.“

„Und es ist wichtig, dass du diese Reibereien heute noch, sofort, unterbrichst! Zu lange schon gibt es Groll in deiner Familie, zu viel Leid! Und es kann zur Gewohnheit werden, immerfort Streit untereinander zu haben, glaube es mir, es ist psychologisch so: eine Gewohnheit. Dann wird dieses Leid weitergegeben, von Generation zu Generation, von deinen Eltern an dich, von dir an deine Tochter. Das muss unterbrochen werden, für immer. Ruf sie an, höre auf das, was ich dir sage, rufe sie heute noch an und sage ihr, dass Esther gestorben ist. Das muss sie wissen, dass wir nach Madrid fliegen und dass du sie einladen möchtest, dazuzukommen.“

Inzwischen ist mein Ego auf Hochtouren. „Was weiß Lama schon von Kindererziehung und erst recht von Psychologie? Wieso muss jetzt alles nur an mir liegen? Lass ihn nur reden, letztendlich muss ich machen, was ich für richtig halte, ich bin dafür verantwortlich und nicht er. Er hat keinen blassen Schimmer davon, was wir in den letzten Jahren mit Sofía mitgemacht haben, daher redet er so daher.“

„Es ist sehr wichtig, Cristina. Rufe Sofía an und erzähle ihr, was passiert ist, damit auch sie einen Punkt setzen kann hinter all diesen traurigen Geschichten, damit sie auch diese Vergangenheit abschließen und beenden kann. Das wird ihr auch helfen. Und mache ihr keine Vorwürfe, egal was sie getan hat. Das musst du ab sofort aufgeben, sonst setzt sich das Leid fort, glaube es mir.“

Irgendwann gebe ich innerlich auf. Wozu habe ich einen Lama konsultiert, einen Lama, den ich verehre, von dem ich so vieles gelernt habe, wozu, wenn ich dann doch nicht auf ihn höre?

Er scheint zu spüren, dass er nahe daran ist, mich überzeugt zu haben. So wiederholt er ein weiteres Mal nach tibetischer Manier: „Es ist sehr wichtig, diese Geschichte zu beenden. Und dazu gehört auch Sofía.“

„Okay, Lama. Ich werde sie anrufen, so wie du sagst.“

„Das ist gut so“, bestätigt er. „Und dann geht es nur noch darum, mit dem, was da ist, klug umzugehen und Gutes zu tun, ohne weitere Familienkriege. Dann geht es darum, glücklich zu sein. Oder sollen die nachfolgenden Generationen immer noch darunter leiden?“

Ich schaue lange in Lamas Augen, in diese tiefen, geschlitzten, dunklen Augen, die so viel gesehen haben, die so viel mitgemacht haben, die auf so vieles verzichtet haben. Lama ist in solchen Momenten 100 Jahre alt und nicht 38 wie sonst im Alltag.

„Das Karma ist unfehlbar. Wenn wir Gutes tun, kommt Gutes dabei heraus, auch wenn es manchmal so aussieht, als würde es nicht funktionieren. Manchmal dauert es lange, bis es sichtbar wird. Hier liegt es aber ziemlich auf der Hand, was zu tun ist. Vergiss das nicht. Heute hat diese Geschichte aufgehört, und wenn wir in Madrid sind, werde ich das Ritual durchführen. Sei ganz beruhigt. Alles wird gut. Und du machst eine großzügige Spende.“

Lama legt die Hände zusammen, schließt die Augen und rezitiert ein Mantra.

Ich falte meine Hände und höre ihm einfach zu, im Halbdunkel des dämmernden Sommertages. Für den Bruchteil einer Sekunde blitzen vor meinen inneren Augen Szenen aus meiner 60-jährigen Lebensgeschichte auf, berühren mich tief im Herzen – ich sehe mich als Sechsjährige mit großen, fragenden Augen, ich sehe mich als Sechzehnjährige in einer verzweifelten, tobenden, selbstgerechten Wut – lauter kurze, dreidimensionale Bilder – die sich dann in großer Stille, in einem wolkenlosen, dunkelblauen Himmel, so tintenblau wie das damalige Meer am Strand von San Juan auflösen.

31. Oktober 2015

„Y tú, Pirraquitas, a quién quieres más? A papá ó a mamá?“

„A los dos!“

„Y tú, Bolichín, a quién quieres más? A papá ó a mamá?“

„A lo dó!“ (1959)

„Und du, Pirraquitas, wen hast du am liebsten: Papa oder Mama?“

„Beide!“

„Und du, Bolichín, wen hast du am liebsten? Papa oder Mama?“

„Bei-e!“ (1959)

Auf meine Annonce hin war eben eine Frau in der ersten Etage und hat beide Nachttischlampen aus Esthers Schlafraum gekauft. Ich nenne mein Schlafzimmer weiterhin Esthers Schlafzimmer, aus eingefleischter Gewohnheit. Das soll mir egal sein, hat sie doch das Zimmer weitaus mehr benutzt als ich. Es ist der erste Verkauf aus der unteren Wohnung, und es hat mich sehr gefreut. Mir ist bewusst, dass die Lampen ein Vielfaches wert sind, doch ist es wichtig, dass die erste Etage so schnell wie möglich geleert wird, damit sie vermietet werden kann. Und meine Saarbrücker Wohnung ist nach der Auflösung der dritten Etage vor sechs Jahren beinahe so voll wie Nurias Auktionsraum.

Paloma hat die übliche Vorwurfsmaschinerie ausgefahren: Ob ich es gut fände, alles für so wenig Geld herzugeben? Nein, natürlich nicht, aber sie wisse doch selbst, wie schwer es ist, Antiquitäten loszuwerden. „Sicher, doch! Aber für so wenig Geld!“