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Wir brauchen uns. Doch wir können uns niemals haben. Ava Lopez hat ihre erste und einzige Liebe verloren und leidet Jahre später immer noch darunter. Sie glaubte nie an einen Unfall und als die Stadt plötzlich durch eine weitere Tragödie erschüttert wird, werden die schmerzhaft verdrängten Zweifel wieder größer. Die Schönheitskönigin wird ermordet und Avas eigener Bruder zum Hauptverdächtigen. Als eines stürmischen Abends auch noch ein mysteriöser Fremder vor ihrer Tür steht, lässt sie ihn unüberlegt in ihre Wohnung und damit in die Trümmer ihres Lebens. Mit der Zeit kommen sich die beiden gefährlich nahe, doch sie ahnt nicht, dass Dylan Wright ein Geheimnis verbirgt, das ihre fragile Welt endgültig einstürzen lassen wird.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Copyright © 2023 by Rebel Stories Verlag, 89567 Sontheim
All rights reserved.
Cover: Premade - Neu Vercovert
ISBN: 978-3-910386-07-5 (Taschenbuch)
www.rebel-stories-verlag.com
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Cold Roses
S.V. Rose
Ava
Vor neun Jahren
»Chase!« Grinsend schlinge ich die Arme um seinen schlanken Oberkörper und sehe in die hellen Augen, die mich schelmisch anfunkeln.
Sofort wandert seine Hand in meine Haare und vergräbt sich in den blonden Strähnen. »Ich kann nicht lange bleiben«, flüstert er und streicht mit der anderen Hand über meinen Rücken. »Meine Eltern warten auf mich.«
»Deine Eltern warten immer auf dich«, beschwere ich mich kleinlaut und löse mich aus der innigen Umarmung. Chase’ intensiver Blick liegt unentwegt auf mir, geht mir bis tief unter die Haut. Auch wenn ich schon immer zu den größeren Mädchen der Klasse gehört habe, überragt er mich um einiges. Sein schlaksiger Körperbau hat ihn nie davon abgehalten, mit Abstand der schönste Junge der ganzen Schule zu sein. Dafür sind seine Augen zu leuchtend, seine schwarzen Haare zu wuschelig und seine Wangenknochen zu herausstechend. Noch habe ich nicht durchschaut, als was die Welt Schönheit definiert. Aber würde mich jemand fragen, würde ich mit Begeisterung auf ihn zeigen.
Dad und mein Bruder beschweren sich darüber, dass ich so viel Zeit mit ihm verbringe. Er ist ein Jahr älter als ich und gehört zu der Familie der Symons, über die wir zuhause niemals sprechen. Dad meint, sie seien arrogant und hielten sich für etwas Besseres. Aber Chase ist keineswegs wie seine Eltern. Seine Eltern, die ihn dauernd zurück nach Hause dirigieren, wenn wir Zeit zusammen verbringen wollen!
»Wir sehen uns morgen wieder.« Entschuldigend neigt er den Kopf. Mit einem zarten Lächeln reicht er mir seine gebräunte Hand.
Ein Seufzer entweicht mir. Ich weiß nicht, wie er es macht, doch er ist der einzige Mensch, dem ich nie widerstehen kann. Also greife ich nach seiner Hand und lasse mich erneut zu ihm heranziehen. So nahe, dass unsere Oberkörper sich beinahe berühren. Das Herz schlägt mir bis zum Hals, als ich ihn zaghaft anblicke. Seine unmittelbare Nähe lässt meine Knie weich werden. Ein merkwürdiges Gefühl, das mir ungeheure Angst einflößt und mich nervös macht.
»Hast du Angst, Ava?« Als hätte er meine Gedanken gelesen, legt Chase seine Hand an meine Wange. Er scheint sich nicht sicher zu sein, ob die Berührung mich beruhigt oder in Panik versetzt. Schon immer wirkte er reifer als die anderen, erwachsener, als hätte er tausend Leben vor diesem gelebt.
Krampfhaft versuche ich, mein rasendes Herz zu beruhigen. Meine Hände werden schwitzig, meine Haut kribbelt. Auf irritierende Weise verliere ich die Kontrolle über meinen Körper. Ich kann ihn bloß anstarren, bevor es aus mir herausplatzt: »Wirst du mich küssen?«
Augenblicklich heben sich seine Mundwinkel. Bestimmt hat Chase schon viele Mädchen geküsst. Ich hingegen sterbe in diesem Moment fast vor Nervosität. Ich kenne Küsse nur von meinen Eltern, aus dem Fernsehen oder von Fremden auf der Straße. Die Leute sagen, dass es einem den Atem raubt. Doch ich fühle mich nicht nur um meinen Atem beraubt, sondern um mein ganzes Herz. Seit ich Chase zum ersten Mal begegnet bin, habe ich mir ausgemalt, wie es ist, seine Lippen mit meinen zu berühren. Werde ich süchtig nach dieser winzigen Geste, wie all die Menschen um mich herum?
»Möchtest du das denn?«, flüstert er und beugt sich näher zu mir. Irgendwie schafft er es immer, dass ich mich in seiner Gegenwart beschützt und geborgen fühle. Trotz der Nervosität in mir.
Langsam nicke ich. Wenn ich meinen ersten Kuss habe, soll es mit diesem Jungen sein. Mit keinem anderen.
»Schließ die Augen.« Seine Stimme lässt ein weiteres Kribbeln über meine Haut fahren. Mit klopfendem Herzen folge ich seiner Aufforderung. Meine Hände kleben, mein Mund ist trocken.
Dann spüre ich, wie er seine Lippen in einer vorsichtigen Bewegung auf meine drückt. Überrascht halte ich den Atem an, vergesse schlicht und einfach, zu existieren. Meine Fingerspitzen zucken. Mein Inneres macht einen Freudensprung. Im nächsten Moment nimmt Chase den Kopf zurück. Rasch schlage ich die Augen auf.
Er sieht mich voller Gefühl an. »Hat es dir gefallen?«
Ob es mir gefallen hat? Es war kurz. Zu kurz, um das Feuerwerk zu spüren, als das die Welt es bezeichnet. Aber alles an mir kribbelt vor Aufregung. Ich fühle mich gut, stark und mutig. Also nicke ich und schenke ihm ein breites, ehrliches Lächeln. »Danke.«
Überrascht schüttelt er mit dem Kopf, sieht mich grinsend an. »Du musst dich nicht bedanken, Ava. Du bist die Beste.«
Auf der Stelle laufe ich rot an. Weil ich nicht weiß, wie ich mit dem Kompliment umgehen soll, boxe ich ihm nur spielerisch gegen den Arm. »Deine Eltern warten auf dich.«
Seufzend nickt er, als ihn auch schon das nächste Strahlen einnimmt. »Gehen wir morgen schwimmen? Im See?«
»Ich weiß nicht …«, murmle ich. Bei dem bloßen Gedanken, vor Chase nur mit einem Badeanzug bekleidet zu stehen, versinke ich im Erdboden.
»Ava, du bist wunderschön. Das wird lustig.« Ein Grinsen zieht sich über sein Gesicht. »Ruf einfach auf unserem Haustelefon an, okay?«
»Okay«, antworte ich, weil die Vorfreude in seiner Stimme mich überwältigt. Chase ist der lebensfrohste und lustigste Mensch, den ich kenne. Wenn ich einmal heirate, dann soll er es sein.
»Bis dann, Ava!«, ruft er und macht mit einem letzten Grinsen auf dem Absatz kehrt.
Lächelnd sehe ich ihm hinterher. Pures Glück strömt durch meine Adern. Das ist der beste Tag meines Lebens! Mit aufgeregten Sprüngen trete ich auf die Veranda unseres Hauses und tanze in den Flur.
In dieser Nacht schlafe ich seelenruhig. Traumlos, aber vollkommen ruhig. Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist mir sofort brühend heiß. Vielleicht ist Chase’ Idee, zum See zu fahren, doch großartig! Auf nackten Füßen schleiche ich aus meinem Zimmer in die Küche, wo meine Familie an dem schmalen Tisch sitzt. Energiegeladen nehme ich mir ein frisches Brötchen aus der Tüte. Dann halte ich plötzlich inne und mustere meine Eltern misstrauisch.
»Warum sagt ihr nichts?«, will ich wissen und lasse mich neben meinem Bruder Hunter auf einen Stuhl fallen. Er hat seine schwarze Kapuze bis ins Gesicht gezogen und kaut missmutig auf seinem Essen herum.
Dad räuspert sich, während meine Mutter mich nur besorgt ansieht. »Ava …«
»Was ist?«, gebe ich zurück und überlege fieberhaft, ob ich mir für heute Nachmittag einen neuen Badeanzug kaufen soll.
»Es gab einen Unfall.« Dad legt die Zeitung vor sich auf den Tisch. Seine sonst so starre Miene verzieht sich sorgenvoll. »Dieser Junge …«
Mit schnell schlagendem Herzen lasse ich das Brötchen sinken. »Chase? Was ist mit ihm? Ich dachte, du redest nicht über ihn?«
»Süße, der Junge … Chase … seine Familie …« Mom legt vorsichtig ihre Hand auf meine. »Er wird nicht zurückkommen.«
»Warum sagst du das, Mom? Natürlich wird er zurückkommen. Wir fahren heute zum See.«
Hunter stößt einen genervten Seufzer aus. »Mein Gott, sagt es ihr doch einfach! Das Haus der Symons hat gebrannt. Du wirst nicht mit Chase zum See fahren. Nie wieder.«
»Hunter!« Aufgebracht springt meine Mutter auf und verengt wütend die Augen. »In dein Zimmer, aber sofort!«
Mit einem Grummeln erhebt er sich, doch ich kann ihn nur anstarren. Mein Puls verlangsamt sich bedrohlich. Es ist, als würde mein Herz aufhören zu schlagen. »Was meint er, Mom?« Meine Stimme zittert.
Schnell stellt sie sich neben mich, legt ihre Hände auf meine Schultern. Tränen schimmern in ihren Augen. »In dem Haus seiner Familie gab es ein Feuer. Es gibt keine Überlebenden, Ava. Es tut mir so leid.«
In diesem Moment stürzt meine Welt ein. Der Boden wird mir mit Wucht unter den Füßen weggerissen. »Nein«, flüstere ich, spüre, wie die Tränen meine Wangen herunterrinnen. Chase’ Grinsen drängt sich vor mein Sichtfeld, seine leuchtenden Augen, die Belustigung in seiner Stimme. Wie er mich in den Arm nimmt, mich herumschleudert, wie wir zusammen durch die Stadt laufen und lachend ein Eis essen, wie er mir meinen ersten Kuss schenkt und …
Abrupt springe ich auf. Ein Schluchzer entweicht mir. Noch einer. Mein Sichtfeld verschwimmt in den unzähligen Tränen. Feuer. Keine Überlebenden. Mein Herz stoppt, mein Atem geht rasend schnell. Ich kann nicht atmen, nicht sehen …
Chase. Chase, komm zurück. Komm zu mir zurück.
Wir wollten doch heiraten, wir …
Die Tränen ersticken mich. Ich schluchze, spüre, wie alles aus mir herausgesaugt wird. Kann das Herz brechen? Kann es einfach aufhören, zu schlagen? In tausend Teile zerbersten?
Bis dann, Ava.
Bis nimmermehr, Chase.
In diesem grausamen Moment weine ich die bittersten Tränen meines ganzen Lebens.
Heute
»Das ist die beste Nacht seit Langem!«, rufe ich grinsend und stoße mit Sage an. Ein breites Lächeln zieht sich über ihr mit Sommersprossen bedecktes Gesicht, während sie ihren Freund Liam mit der freien Hand näher zu sich heranzieht und ihm einen stürmischen Kuss auf die Lippen drückt.
Seufzend verdrehe ich die Augen und stürze den Rest meines Getränkes in einem Zug hinunter. »Ich suche Carter«, verkünde ich und beginne, mich grob durch die tanzende Menge zu kämpfen. Bunte Lichter flimmern auf meiner Haut, der laute Bass dröhnt in meinen Ohren. Notdürftig richte ich mein kurzes, rotes Oberteil und recke den Kopf, um Carters Gestalt in der Menge ausfindig zu machen. Wie erwartet entdecke ich ihn von seinen Freunden umringt an der Theke. Dieser Mann kann für keine Sekunde nur für sich sein, muss immer die Wucht anderer Menschen um sich herum spüren und sie alle mit seinem Charme unterhalten. Bei ihm angekommen lasse ich, ohne zu zögern, meine Hand in seine gleiten.
Grinsend dreht er den Kopf zu mir. »Langeweile, Ava?«
»Willst du etwas daran ändern?«, gebe ich mit herausfordernd funkelnden Augen zurück.
»Darauf kannst du wetten«, raunt er und zieht mich mit Schwung von seinen Freunden weg. Eilig bahnen wir uns den Weg durch die Masse an Leuten und lachen gemeinsam über die genervten Blicke. Der Alkohol rauscht in Rekordgeschwindigkeit durch meine Blutbahn, schickt heiße Blitze durch meinen Körper und lässt mich schweben. Nur dieses Gefühl von Freiheit ist es, das mich davon abhält, Carters Hand schlagartig loszulassen und mich in hohem Bogen zu übergeben.
Vor dem Gebäude drängt er mich direkt gegen die kalte Wand. Scharf ziehe ich die kühle Nachtluft ein und lasse den Blick über seine erwartungsvollen Gesichtszüge schweifen. Seine braunen Augen sind wie benebelt, sein Stand schon lange nicht mehr fest.
»Mir gefällt das Oberteil«, murmelt er und senkt seine heißen Lippen auf die entblößte Haut an meiner Schulter. Prickelnde Lust mischt sich mit dem Strudel des Alkohols und lässt mir einen Schauder über den Rücken laufen.
Rasch hebe ich seinen Kopf mit dem Finger an, sehe ihm tief in die Augen. Dann ziehe ich ihn zu einem innigen Kuss heran. Als seine Lippen auf meine Treffen spüre ich, wie mein Herz stoppt. Immer ist dort dieser kurze Moment, in dem ich vergesse zu atmen, mein Herz aufhört, zu schlagen. Eine Gänsehaut zieht sich über meinen Körper. Mir wird eiskalt. Nach all den Jahren kann nicht einmal der Alkohol die ersten Sekunden der Folter überdecken.
Doch dann ist es vorbei und alles von mir katapultiert sich in den Nebel der Lust. Fest schlinge ich die Arme um seinen Hals, ein Bein eng um seine Hüfte. Carters Küsse sind rau und ungehemmt. In ihnen liegen lang angestaute Aggressionen und ein tiefes Verlangen. Sie geben mir das Gefühl, jemand anderes zu sein. Weniger kaputt und weniger kompliziert als Ava Lopez. Die Wildheit von Carters Berührungen sorgt dafür, dass ich an nichts anderes denken kann, als dass wir betrunken auf einer Party sind und etwas völlig Bedeutungsloses tun. Es ist genau die Betäubung, die ich brauche.
Stürmisch lasse ich die Hände unter sein Hemd gleiten und fahre über die harten Muskeln, die ihm das jahrelange Footballtraining geschenkt hat. Alles in mir gleicht einem endlosen Nebel, einer undurchdringlichen Wand. Ich konzentriere mich einzig und allein auf das wohltuende Kribbeln in meinem Unterleib, das mich die Welt um mich herum vergessen lässt.
Doch in diesem Moment stoppt die Musik. Atemlos lösen wir uns voneinander. Der verdammte Geburtstag. »Nichole. Gleich startet der Countdown.« Carter lässt schwerfällig die Luft aus den Lungenflügeln gleiten. »Scheiße, jetzt muss ich ihr mit einem Ständer gratulieren.«
Mir entweicht ein kurzes Lachen. Dann boxe ich ihm leichtfertig gegen den Arm. »Geh schon mal rein. Ich komme gleich nach.«
»Musst du dich auch erst von mir erholen?«, will er herausfordernd wissen und beugt sich so weit zu mir, dass ich seinen heißen Atem auf meiner Wange spüre.
Die Augen verdrehend stoße ich ihn von mir weg. »Ich habe zu viel getrunken und brauche einfach noch ein bisschen frische Luft, Carter.«
»Du trinkst immer zu viel, Ava.«
Warnend sehe ich ihn an. »Vorsichtig oder du kannst die Nacht heute vergessen.«
Ein lustvolles Funkeln tritt in seine Augen. »Du verbringst die Nacht zu einhundert Prozent mit mir. Das weißt du.«
»Dann geh lieber, bevor du mich langweilst«, provoziere ich ihn grinsend und stoße ihn nun endgültig Richtung Eingang.
Mit einem letzten schelmischen Grinsen taumelt er zur Tür und schlüpft mit geröteten Wangen in den Raum. Ich hingegen lehne meinen Kopf atemlos an die Wand und starre mit klopfendem Herzen in den Nachthimmel. Meine Mitte ist feucht, mein Körper rastlos und von dem vielen Alkohol total neben der Spur. Morgen werde ich nackt neben Carter aufwachen und mich an die Nacht ohnehin nicht mehr erinnern. Tief atme ich durch und ziehe mein verrutschtes Oberteil wieder zurecht. Der kühle Wind streift sachte um meine Arme und lässt mich erzittern. Herzlich begrüße ich das schwindelerregende Drehen meines Kopfes, die Verschwommenheit meines Sichtfeldes. Dieser Zustand bedeutet Freiheit. Frei von allen Verpflichtungen, frei von jeglichem Gewissen und vor allem frei von der grausamen Vergangenheit.
Als ich mich gerade von der Wand abstoßen will, nehme ich aus dem Augenwinkel plötzlich einen großen Mann wahr, der nur wenige Meter neben mir an der Wand lehnt. Wie konnte ich ihn die ganze Zeit nicht bemerken? Langsam drehe ich mich in seine Richtung, mustere die markanten Gesichtszüge, die in dem warmen Licht der Laternen golden schimmern. Seine Haare sind pechschwarz und nur notdürftig nach oben gestylt. Über seine muskulösen Arme ziehen sich vereinzelte Tattoos, zeichnen seine sonst so ebenmäßige Haut. Doch am einprägsamsten sind seine stechend grünen Augen, die sich geradewegs in meine Seele bohren.
»Kann ich dir helfen?« Mit hochgezogener Augenbraue verschränke ich die Arme vor der Brust. Warum starrt er mich so auffällig an? Und wie lange steht er schon dort? War er direkt daneben, als Carter und ich …? Ein unangenehmes Kribbeln zieht sich durch meinen ganzen Körper.
»Warum tust du es?« Seine dunkle Stimme geht mir durch Mark und Bein. Den Blick nimmt er immer noch nicht von mir.
»Hast du uns beobachtet?«, stoße ich sofort verärgert aus.
Seine starre Miene bleibt vollkommen unbeeindruckt. »Nicht euch, dich.«
Die Kinnlade klappt mir herunter. Hat er gerade offen zugegeben, mich angestarrt zu haben? Während ich mit jemand anderem rumgemacht habe?
»Und hat dir gefallen, was du gesehen hast?«, gebe ich spöttisch zurück.
Seine Mundwinkel zucken. »Du bist nicht an ihm interessiert. Nur an der Lust, die er dir bereitet.«
»An der …« Fassungslos lasse ich die Arme sinken. »Das geht dich ehrlich gesagt einen Scheiß an.«
»Mag sein, aber …« Kräftig stößt er sich von der Wand ab, kommt mit schweren Schritten auf mich zu. Er ist größer als Carter, überragt mich deutlich, obwohl ich für ein Mädchen nicht klein bin. Langsam stellt er sich vor mich, stützt die Hände links und rechts neben meinem Kopf ab. Die kalte Wand bohrt sich in meinen Rücken, während ich seine grünen Augen alarmiert mustere. Sein breiter Körper ist nur Zentimeter von meinem eigenen entfernt. Herausfordernd neigt er den Kopf. »Er tut nur einen Funken von dem, was ich mit dir tun kann. Denn du brauchst es intensiver und unmoralischer, nicht wahr?«
Seine unverschämten Worte graben sich in meinen Kopf und meinen Körper. Ein loderndes Feuer möchte sich durch meine Adern schleichen und meine ohnehin zerstörten Sinne betäuben. Dennoch hebe ich entschlossen das Kinn, blicke ihn aus funkelnden Augen an. Dann lasse ich meine flache Hand auf seine Wange niedersausen. Ein leiser Knall ertönt, als meine Haut mit Wucht auf seine trifft.
»Nimm sofort Abstand von mir«, zische ich und ignoriere das kräftige Beben meines Körpers.
Seine Mundwinkel zucken. Ein wildes Funkeln tritt in seine grünen Augen. Das Herz schlägt mir bis zum Hals.
In diesem Moment ertönt ein dumpfes Geräusch. Ein Aufprall. Ein grausames Knacken. Ich zucke zusammen. Eine warme Flüssigkeit spritzt in mein Gesicht. Mit zitternden Händen führe ich die Hand an meine Wange, streiche über meine Haut. Dann lasse ich sie wieder sinken. Rotes Blut tropft auf den Boden. Meine Augen weiten sich vor Entsetzen. Als ich den Kopf wieder hebe, ist der Fremde verschwunden.
Ich nehme Schreie wahr. Weinen. Hysterisches Brüllen. Langsam lasse ich den Blick nach links schweifen und spüre sofort, wie mein Herz aufhört, zu schlagen. Mir wird eiskalt.
Denn neben mir liegt Nicholes lebloser Körper.
Zwei Tage später
Tief atme ich durch und starre mit großen Augen mein Spiegelbild an. Dunkle Augenringe zeichnen meine Haut, die ein wenig eingefallen wirkt. Meine Schultern sind zurückgenommen, mein Blick fest und doch strahlt alles an mir die Brutalität der letzten Tage aus. Als läge ein düsterer Schleier über mir, der mich einfach nicht freigeben will. Seufzend tusche ich meine Wimpern und bedecke meine Wangen mit etwas Rouge, um meinem Gesicht mehr Farbe zu verleihen.
Zwei Tage sind vergangen, seit mein Bruder unsere Schönheitskönigin Nichole an ihrem eigenen Geburtstag vom Dach gestoßen hat. Zumindest ist das die Geschichte, die erzählt wird. Er wäre mit ihr allein dort oben gewesen, obwohl ihr alle im Erdgeschoss gratulieren wollten. Doch Hunter ist schon immer egoistisch gewesen – egoistisch und ein verfluchter Aufreißer. Deswegen wollte er sie für sich haben und der Erste sein. Der Erste, der sie in ihrem neuen Lebensjahr küsst? Oder der Erste, der sie umbringt?
Ein schmerzhaftes Stechen breitet sich in meinem Oberkörper aus, zieht sich bis in mein Herz. Sie haben keine Beweise und wissen nur, dass Hunter als Letzter mit ihr gesehen wurde. Aber ich bin mir sicher, dass viele Leute bereitwillig gegen ihn aussagen werden. In den Jahren hat er sich mit seiner forschen Art viele Feinde gemacht, Herzen gebrochen und sich mit Männern geprügelt. Wir hatten noch nie eine enge Beziehung zueinander. Doch wir haben uns vertraut und gegenseitig den Rücken gestärkt. Wir kennen all unsere Eskapaden und unsere Fehltritte. Deswegen wehrt sich alles in mir, zu glauben, dass er fähig wäre, zu töten. Hunter ist schwierig, aber er ist kein Mörder. Mein Bruder ist kein Mörder. Nur glaubt die ganze Universität daran, ganz Social Media. Der Vorfall geht viral. Nichole war wunderschön und beliebt, besonnen, freundlich zu jedem. Ständig hat sie die Leute durch ihren Instagram-Account an ihrem glamourösen Leben teilhaben lassen. Schließlich ist … war sie eine Symon.
Bitter schmeckt der Name auf meiner Zunge, ruft Erinnerungen hervor, die ich lange aus meinem Kopf verbannen wollte. Vor Jahren habe ich aufgehört, in der Vergangenheit zu graben. Die Symons sind nicht ausgestorben. Sie sind immer noch hier und werfen mit ihrem Geld um sich. Aber Ella Symon ist tot. Bruce Symon. Will Symon. Chase Symon.
Verdammt. Ich spüre, wie der Knoten sich immer fester um mein Herz zieht. Alles an mir will sich gegen das erdrückende Gefühl wehren, aber wie immer bin ich nicht in der Lage dazu. Tief hole ich Luft. Welches Mädchen trauert einem Jungen hinterher, der ihr Herz gestohlen hat, als sie noch nicht einmal wusste, was Liebe bedeutet?
»Ava?«
Schnell reibe ich mir über die Augen und drehe mich um. Ein unechtes Lächeln zeichnet meine Lippen. Sage steht mit besorgter Miene im Türrahmen. Neben ihr lehnt Liam, der mich ansieht, als würde ich jeden Moment aus dem Fenster springen.
»Wir können los.« Ich schultere meine schwarze Tasche. Mit festen Schritten dränge ich mich an den beiden vorbei und trete in den schmalen Flur meiner kleinen Wohnung. »Ihr hättet nicht herkommen müssen. Den Weg zur Uni schaffe ich allein.«
»Wir dachten, dass du ein wenig Unterstützung gebrauchen kannst, weil du …«, beginnt Sage, verliert sich aber in ihren gewagten Worten.
»Die Schwester des Mörders bist?« Forsch hebe ich eine Augenbraue. »Sage, er war es nicht. Und Nicholes Social Media Fans sollen mir vom Hals bleiben.«
Liam tritt neben seine Freundin und umschlingt seine Hand mit ihrer. »Lass uns einfach vor der ersten Vorlesung einen Kaffee trinken. Wie immer.«
»Wie immer.« Ich nehme meinen Schlüssel von der Kommode. Es ist mir schon lange nicht mehr wichtig, was die Leute von mir halten oder über was sie sprechen. Aber Nichole Symons Tod wirbelt die Erinnerungen an Chase auf brutale Weise wieder auf. Etwas, das die anderen beiden nicht verstehen können. Schließlich kamen sie nach Chase. Alles kam nach ihm. Die Gleichgültigkeit, der Alkohol, die Partys … Eine kaputte Ava, die sich nicht reparieren lässt.
Gemeinsam verlassen wir die Wohnung und machen uns auf den Weg zum Campus. Die Sonne strahlt auf uns nieder und blendet mich. Ein frischer, morgendlicher Wind streift um meine Beine, während wir nebeneinander über den Kiesweg schreiten. Schon von Weitem spüre ich die starrenden Blicke der anderen Studenten, bemerke die schockierten und verurteilenden Gesichter. Hunter ist trotz oder gerade wegen seines arroganten Verhaltens unglaublich beliebt gewesen. Dennoch haben sich innerhalb von einer Nacht alle gegen ihn gestellt, ihn als den Schuldigen abgestempelt und mich damit ebenfalls gebrandmarkt.
Mit gestrafften Schultern starre ich zurück, funkle die anderen mit zusammengezogenen Augen an. Woher nehmen sie sich das Recht zu urteilen?
»Warum sagt Hunter der Polizei denn nichts?«, fragt Sage und rückt näher an mich heran. »Wenn er sagt, was sich wirklich auf dem Dach abgespielt hat, kann er seine Unschuld erklären.«
Fest beiße ich mir auf die Lippe. Ich habe keinen blassen Schimmer, warum Hunter in bitteres Schweigen verfallen ist. Kein Wort über den Vorfall kam über seine Lippen. Nichts. Das Verhör führte in vollkommene Leere.
»Hunters Entscheidungen haben nichts mit mir zu tun. Er wird seine Gründe haben. Können wir bitte nicht mehr darüber sprechen?« Mit Wucht stoße ich die Tür zu dem kleinen Café auf und schlüpfe in das stickige Innere. Sofort schlagen mir angeregte Gespräche, laute Stimmen und das Summen von leiser Musik entgegen. Hölzerne Dielen erstrecken sich vor mir, goldene Lampen und graue Sessel, die einmal schneeweiß gewesen sind. Der Geruch von Kaffee und warmen Gebäck strömt in meine Nase.
Mehrere Köpfe drehen sich abrupt in unsere Richtung. Dann wenden sie sich entweder schnell ab, um leise zu tuscheln, oder starren mich so dreist an, dass ich instinktiv die Hände zu Fäusten balle. Ich bin immer hervorragend mit meinen Kommilitonen klargekommen, habe ständig mit ihnen gefeiert und gelacht, mich in der Mitte von ihnen wohl gefühlt. Doch Nicholes Tod hat alles durcheinandergewirbelt. Verärgert lasse ich die Luft aus den Lungenflügeln weichen, als ich Carter am anderen Ende des Cafés mit seinen Freunden entdecke. Lauthals lacht er über einen Witz, öffnet den geschwungenen Mund und unterhält seine gesamte Umgebung. Wir haben am Samstag nicht mehr miteinander geschlafen, obwohl ich es so sehr gebraucht hätte. Immer noch würde ich am liebsten all den Frust in mir in der Lust abbauen, mich hemmungslos mit einer Flasche Wein betrinken und ihn mich alles vergessen lassen.
Aber nicht hier, nicht jetzt, nicht nüchtern. Er wird ohnehin nicht mit mir sprechen. Im Alltag haben wir wenig miteinander zu tun.
»Drei Kaffee, bitte«, richtet sich Liam an die rundliche Frau hinter der Theke und stellt sich neben mich.
»Zucker und Milch steht hinten«, murmelt diese tonlos, obwohl wir jeden Tag hierherkommen. Dann stellt sie mit zusammengepressten Lippen die Becher vor uns.
Schnell schnappt sich Sage einen und drängt sich an mir vorbei, um einem kurvigen Mädchen mit glatten, schwarzen Haaren, zu zuwinken. Augenblicklich schnellt ihr Blick zu uns. Langsam hebt sie die Hand, kommt aber nicht wie sonst auf uns zu.
Verwundert kommt Sage hinter ihr zum Stehen. »Brianna?«
Mit hochgezogenen Augenbrauen stehe ich neben ihr und nehme einen Schluck von meinem Kaffee. Schwarz. Der bittere Geschmack passt zu meiner Stimmung. »Hey«, mache ich, wodurch Brianna sich wieder zu uns umdreht.
»Ava.« Meine Freundin streicht sich eine Haarsträhne aus der Stirn. »Du bist hier.«
»Sollte ich nicht in der Uni sein?«
»Ich dachte, wegen Hunter …«
Mein Herz stolpert. Ausgerechnet sie? »Wirklich, Brianna? Du auch?« Meine Stimme ist holprig und entsetzt, in meinen eigenen Ohren viel zu schrill.
Sie hebt sofort abwehrend die Hände. »Ich wundere mich nur. Schließlich hat er …«
Dem ersten Schmerz folgt eine kalte Wut. »Hat er was? Nichole umgebracht?!« Unabsichtlich bin ich so laut geworden, dass noch mehr Köpfe in unsere Richtung schnellen. Tief atme ich durch. »Unschuldig bis schuldig gesprochen, oder etwa nicht?«
»Aber warum redet er nicht mit der Polizei, wenn er nichts zu verbergen hat?«, flüstert Brianna und reibt ihre Hände aneinander.
»Ich kann nicht glauben, dass das wirklich passiert.« Ungläubig schüttle ich den Kopf und mache mit klopfendem Herzen auf dem Absatz kehrt. Hinter mir höre ich, wie Sage scharf die Luft einzieht. Ein ungutes Gefühl liegt in meiner Magengegend, ein Knoten bildet sich in meinem Hals. Trotzdem richte ich den Blick starr nach vorne und kämpfe mich durch die Menge nach draußen.
Brianna hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie oft in dem Bett meines Bruders landet. Aber sie ist seit Jahren eine meiner besten Freundinnen. Bevor ich Sage kennengelernt habe, war sie sogar die Einzige. Wir kennen uns seit Ewigkeiten, auch wenn wir uns jahrelang nur in den Ferien gesehen haben. Brianna ist bei mir gewesen, als Chase gestorben ist. Sie ist ... Gott, bedeutet ihr die Meinung der anderen wirklich so viel? Brianna ist nicht auf den Mund gefallen und erst recht nicht schwach. Sie kann sich gegen die Masse stellen. Warum tut sie es nicht? Mein Mund wird trocken. Denkt sie, dass Hunter wirklich schuldig ist?
In Gedanken biege ich um die Ecke des Cafés, als ich plötzlich gegen etwas Hartes stoße. Erschrocken taumle ich zurück, fluche, weil der Inhalt meines Getränkes sich vollständig über mein Top ergießt. »Scheiße!«, stoße ich aus und richte den Blick nach vorne.
Vor mir hat sich ein großer Mann mit kurzen, schwarzen Haaren aufgebaut. Blaue Augen funkeln mich amüsiert an, auch wenn die Belustigung das Innere nicht ganz erreicht. »Tut mir leid. Mein Fehler«, meint er und zieht sofort ein Taschentuch aus seinem Rucksack.
»Kein Problem«, seufze ich und nehme das Taschentuch entgegen. Halbherzig reibe ich über den dünnen Stoff, mache es damit allerdings nur schlimmer. »Egal, trotzdem danke.« Ich will ihm das Tuch wieder zurückgeben, halte aber in der Bewegung inne und verziehe das Gesicht. »Ich denke, du willst es nicht wieder haben«, stelle ich trocken fest und würde mir am liebsten selbst gegen die Stirn schlagen.
Laut lacht er und schüttelt mit dem Kopf. »Ich bin Jacob.«
»Ava«, erwidere ich und mustere seine markanten Gesichtszüge. Der Name regt etwas in mir, aber ich habe ihn noch nie auf dem Campus gesehen. Dabei wäre er mir mit den glasklaren Augen und der nahezu makellosen Haut bestimmt aufgefallen. Er wirkt keineswegs wie ein Student, eher wie ein junger Geschäftsmann.
»Ich weiß«, meint er und neigt den Kopf.
Ich stoße einen genervten Seufzer aus. »Wegen meines Bruders, richtig?«
Er zuckt mit den Schultern. »Ich verfolge bloß die Nachrichten.«
»Sie haben meinen Namen in den Nachrichten nicht gesagt«, entgegne ich verwundert. Ich erwarte, dass er lacht oder seine Gesichtszüge entgleisen, aber nichts dergleichen passiert.
»Auf Wiedersehen, Ava«, sagt er nur und drängt sich mit einem Augenzwinkern an mir vorbei. Fast beiläufig streift er mich, sieht mich ein letztes Mal eindringlich an und verschwindet dann in der Richtung, aus der ich gekommen bin.
Vollkommen verwirrt runzle ich die Stirn und lasse die Arme sinken. Sofort entweicht mir ein weiterer Fluch, als nun auch die restliche Flüssigkeit aus dem Becher auf den Boden tropft. Fast hätte ich aufgelacht. Unverschämt starrende Kommilitonen? Eine Freundin, die mir in den Rücken fällt? Heißer Kaffee auf dem Oberteil? Ein merkwürdiger Fremder? Ach, und ein Bruder, der des Mordes verdächtigt wird? Mit einem verächtlichen Schnauben pfeffere ich den Becher in den Mülleimer, der ein Stück weiter steht. Aus der besten Nacht seit Langem wurde das größte Desaster.
»Wer war das denn?« Es ist Sage, die neben mich tritt und neugierig den Kopf reckt. Bestimmt hat sie noch kurz mit Brianna gesprochen. Vielleicht ist sie zu ihr eher ehrlich. Schließlich ist Sage nicht mit Hunter verwandt.
»Er kannte meinen Namen. Keine Ahnung, woher«, murmle ich und reibe mir mit der flachen Hand über die Stirn.
»Alle am Campus kennen deinen Namen, Ava. Schon vor Samstag und nach Samstag erst recht.« Ihre Augen funkeln. »Aber dieser Mann sieht wenigstens atemberaubend gut aus.«
»Atemberaubend? Eher gruselig.«
»Hat er den Kaffee auf dein Oberteil gekippt?«
»Nein, das war ich selbst.«
»Typisch«, erwidert sie lachend und hakt sich bei mir unter. Nebeneinander gehen wir auf das Gebäude zu, ignorieren die starrenden Blicke der anderen.
Meine Haut kribbelt. Hunter wäre niemals in der Lage gewesen, Nichole etwas anzutun. Auch wenn sein Temperament oft mit ihm durchgeht, ist er zu einem Mord nicht fähig. Es muss einen Grund geben, warum er in derartiges Schweigen verfallen ist. Ein Schweigen, das ihn vollkommen belastet.
Ich spüre, wie das Handy in meiner Hosentasche vibriert, und fische es ungeschickt heraus. Als ich den Namen meiner Mutter auf dem Display sehe, spanne ich mich erheblich an. Obwohl ich für ihren Anruf keine Nerven habe, nehme ich ab. Meine Eltern brauchen mich in all den Trümmern um uns herum. »Hey, Mom.«
»Ava, bist du in der Uni? Warum kommst du nicht nach Hause, Schatz?« Ihre Stimme zittert.
»Warum sollte ich nicht in die Uni gehen?«, erwidere ich und stoße die breite Tür auf, die in das Innere des Gebäudes führt.
Mom schnappt nach Luft. »Wegen der Leute! Du musstest in dieser Stadt schon einmal von vorne anfangen. Ich möchte nicht, dass du wieder zur Zielscheibe wirst.«
Wütend drücke ich mich an einer Gruppe quatschender Mädchen vorbei. »Hunter ist die Zielscheibe, Mom. Ihr solltet euch um ihn kümmern, anstatt euch Sorgen um mich zu machen.«
Für einen Moment schweigt sie. Dann räuspert sie sich. »Dein Bruder redet nicht mit uns. Mit niemanden.« Ihre Stimme bebt. »Was auch immer auf diesem Dach geschehen ist, es wird unsere Familie zerstören.«
Dylan
Mit voller Wucht schlage ich gegen den Boxsack und genieße das Gefühl von Widerstand, den ich immer wieder zu brechen versuche. Jeder Muskel meines Körpers ist angespannt, während das Blut in Rekordgeschwindigkeit durch meine Adern rinnt und mich von innen brennen lässt. Wieder hole ich aus und treffe mit der Faust das feste Material. Schweißperlen rinnen meinen nackten Oberkörper herab, verlaufen sich in dem Bund der dunklen Jeans. Nicht einmal die kühle Luft des Kellergewölbes durchdringt die Hitze meines Körpers. Vor meinem inneren Auge sehe ich immer wieder die Frau mit den glänzenden blonden Haaren und den tiefbraunen Augen, wie sie ihre geschwungenen Lippen auf seine senkt und einen tiefen Seufzer ausstößt, weil sie in der Lust dermaßen aufgeht.
Meine Finger zucken, als ich erneut zuschlage. Dieses Mal jedoch ungenau, zu stürmisch. Ein scharfer Schmerz zieht sich trotz des Boxhandschuhs durch meine Hand, lässt mich erleichtert aufatmen und bildet das Ventil für all die düsteren Emotionen in mir. Ihre Augen glühten in jener Nacht, als wäre sie in einer anderen Welt. Ihr Körper bebte von der Wucht des Alkohols, der durch ihre Blutbahnen floss. Aber ich durfte, konnte mich ihr nicht nähern. Wie so oft musste ich Abstand halten, mich zurückhalten, obwohl ich derjenige sein wollte, der sie gegen diese Wand drückt und sie um den Verstand bringt. Trotz ihres brennenden Temperamentes und der leuchtenden Begeisterung habe ich in ihrem Blick etwas Tieferes gesehen. Etwas Dunkles, das ich nicht deuten kann. Diese wunderschöne Frau ist ein einziges Rätsel. Doch ich bin nicht derjenige, der dieses Rätsel lösen darf, kann mich ihr nicht einmal nähern. Stattdessen dürfen Idioten wie er sie berühren, obwohl sie niemals in ihre Seele sehen werden.
Ein verächtliches Knurren entweicht mir, als ich wieder gegen den Boxsack schlage. Und wieder. Und wieder. Schweiß rinnt über meine Stirn. Mein ganzer Körper steht unter Strom, während meine Fäuste nach vorne schnellen, um die grausamen Bilder und Gedanken aus meinem Kopf zu vertreiben.
»Dylan, du prügelst den Sack zu Tode«, ertönt plötzlich Taylors spöttische Stimme.
Widerwillig fahre ich herum und stoße einen tiefen Atemzug in den Nachbeben der Anstrengung aus. Taylor lehnt mit hochgezogenen Augenbrauen im Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt. Ihre langen Beine schmücken hochgeschnürte High Heels und ein enges rotes Kleid schmiegt sich an ihre schlanke Figur. Die schwarzen Haare schwingen in einem ordentlich geschnittenen Pagenschnitt um ihren Kopf.
»Es geht dich einen Scheiß an, wen oder was ich zu Tode prügle«, erwidere ich und streife die Handschuhe von meinen Fingern, um sie mit ganzer Kraft auf den kahlen Boden zu schleudern. Mit schweren Schritten gehe ich zu meiner Wasserflasche und lasse die kühle Flüssigkeit kurzerhand über meine Brust laufen. Die Kälte tut gut und gräbt sich in meine erhitzte Haut.
Taylor seufzt und geht kopfschüttelnd auf mich zu. »Was ist nur aus dem Jungen geworden, der sich versteckt und wochenlang nicht gesprochen hat, nur um dem Elend zu entkommen? Jetzt bekämpfst du die Dämonen in dir mit Fäusten.«
Genervt nehme ich einen letzten Schluck, spüre, wie es meine trockene Kehle herabrinnt. »Bist du Managerin oder Therapeutin?«
»Für dich bin ich seit Jahren alles, was du hast, Dylan«, antwortet sie nüchtern und mustert mich langsam. »Woher kommen die Schrammen auf deiner Brust? Reicht dir der Boxsack nicht? Du hast versprochen, dass du aufhörst.«
»Wie soll ich aufhören, wenn ich sehe, wie sie einen anderen küsst?«, knurre ich und fahre mir mit der Hand durch die zerzausten Haare.
Schlagartig verdunkelt sich Taylors Blick. »Du warst wieder bei ihr.«
Mein Herz hämmert heftig gegen meine Brust. »Ich habe mich jahrelang von ihr ferngehalten.«
»Das ist nicht genug!«, stößt sie verärgert aus. »Die Jahre bringen gar nichts, wenn du damit alles zerstörst, was wir aufgebaut haben! Dieses Mädchen hat die Macht, dein Leben zu ruinieren. Unser Leben!«
»Das wird sie nicht. Ich bin vorsichtig.«
Scharf zieht sie die Luft ein. »Hast du mit ihr gesprochen?«
Fest presse ich die Kiefer aufeinander und werfe die Flasche achtlos auf dem Boden. »Wie gesagt, ich bin vorsichtig.«
»Ich fasse es nicht!« Wütend funkelt Taylor mich an. »Wie kannst du dermaßen leichtsinnig sein?«
»Sie braucht mich, Taylor.«
»Verdammt, sie braucht dich nicht. Sie ist eine erwachsene Frau, die ihr eigenes Leben führt.«
Tief atme ich durch, spüre, wie die Wut sich kochend heiß durch meinen Körper zieht. »Du weißt nicht, wie es ist.«
»Ich weiß nicht, wie es ist?!« Mit glühenden Augen kommt sie mir einen Schritt näher, baut sich vor mir auf. »Ich leide seit etlichen Jahren! Ich trauere jeden verdammten Tag, frage mich, warum ich überhaupt aufstehen und weiterkämpfen sollte. Damals warst du der einzige Grund, weshalb ich mich zusammengerissen und weitergemacht habe. Denkst du, dass ich ihn nicht vermisse? Dass ich nicht immer noch jede Woche in Tränen ausbreche?« Ihre Stimme bebt. »Jeder Tag ist ein Kampf. Jeder Einzelne. Aber wir dürfen nicht zulassen, dass sie gewinnen.«
Bei der Trauer in ihren Worten entspannt sich mein Körper, beruhigt sich die Wut in mir. Taylors Unterlippe zittert, ihre Wangen sind gerötet. Sie ist die stärkste Frau, die ich kenne und doch zwingt es sie in die Knie. »Komm her«, raune ich und schließe sie fest in meine Arme. Langsam atmet sie aus und drückt sich an mich.
»Wenn mich einer der Mitarbeiter so sieht, schneide ich ihm die Eier ab«, flüstert sie und stößt ein heiseres Lachen aus.
Ein schwaches Grinsen zieht sich über meine Lippen. Mit der Hand streiche ich über ihren Kopf, wie sie es früher so oft bei mir getan hat, wenn mich die Alpträume heimgesucht haben. »Sie werden nicht gewinnen. Ihr einziger Sieg ist unser Tod. Das wird niemals passieren.«
Sie nimmt den Kopf etwas zurück. »Ich beschütze dich. Das weißt du, oder? Wie ich es immer getan habe.«
»Ich bin keine dreizehn mehr. Du hast mich lange genug beschützt. Jetzt ist es meine Aufgabe, auf dich aufzupassen.«
Verärgert kräuselt sie die Nase. »Ich hasse Männer, die sich aufspielen.«
»Dann war Will aber eine seltsame Wahl«, entgegne ich amüsiert.
Widerwillig grinst sie, schwelgt in Erinnerungen. »Will war ein stolzer Dickkopf.«
Ich erwidere ihr Grinsen, als plötzlich Gale durch die Tür stürmt und atemlos vor uns zum Stehen kommt. Sein Gesicht ist hochrot, seine Atmung geht rasend. »Sie wissen Bescheid!«, keucht er. Seine Augen sind panisch geweitet. »Sie wissen es.
