Whatever sins: Hazel & Cillian - S. V. Rose - E-Book

Whatever sins: Hazel & Cillian E-Book

S.V. Rose

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Beschreibung

Zwei seit Jahrhunderten verfeindete Gründerfamilien. Die jüngste Tochter der Tyndalls. Der jüngste Sohn der Prescotts. Eine Romanze, die nicht sein darf. Nachdem Cillian Prescott ihre Brüder in Lebensgefahr gebracht hat, begegnet ihm Hazel Tyndall mehr denn je mit lodernder Wut. Als ausgerechnet er die größte Tragödie ihrer Familie aufdecken kann, ist sie gezwungen, ihm nach Schottland zu folgen. Zwischen Kerzenlicht und verregneten Nächten flammt plötzlich ein Gefühl zwischen ihnen auf, das nichts mit dem altbekannten Hass gemeinsam hat. Doch Cillian ist der Eine, dem Hazel auf keinen Fall verfallen darf, wenn sie ihre Familie nicht für immer verlieren möchte.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Copyright © 2024 by Rebel Stories Verlag, 89567 Sontheim

All rights reserved.

Cover: www.thaleaklein.de

ISBN: 978-3-910386-24-2(Taschenbuch)

www.rebel-stories-verlag.com

Inhalt

Vorwort

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Whatever sins

S.V. Rose

Inhaltswarnung

Whatever sins ist eine Geschichte mit Drogen, Gewalt und Tod. Einige Szenen könnten Trigger für sensible Leser enthalten. Hierbei handelt es sich um fiktionale Elemente, die in einer fiktionalen Geschichte eingebunden sind. Die Schilderungen solcher Situationen bedeutet weder, dass die Autorin Gewalt gutheißt, noch, dass sie sie verharmlost. Wer sich bei der Beschreibung von Drogen, Gewalt und Tod nicht wohlfühlt, sollte dieses Buch nicht lesen.

Zwei seit Jahrhunderten

verfeindete Gründerfamilien.

Die jüngste Tochter der Tyndalls.

Der jüngste Sohn der Prescotts.

Eine Romanze,

die nicht sein darf.

Vor fünfzehn Jahren

Es ist kalt, als ich einen Bissen von meiner Waffel nehme und mich auf dem Platz vor der Tyndall University umsehe. Überall wurden kleine Häuschen aufgestellt, aus denen alles Mögliche verkauft wird. Das Frühlingsfest, das das Ende des Winters feiert, obwohl es noch Wochen dauern wird, bis dieser Winter tatsächlich vorbei ist. Immerhin sind wir in England.

Die Waffel ist warm auf meiner Zunge, als ich mich nach meinen Geschwistern umsehe. Ich hasse es, die Jüngste zu sein! Ständig laufen die anderen ohne mich davon! Wir haben uns alle zusammen Waffeln geholt. Doch jetzt bin ich allein, bin ohne Evelyn, Rhys und Lysander.

»Hier.«

Überrascht drehe ich mich um. Vor mir steht ein Junge mit schwarzen, zerzausten Haaren. Er ist älter als ich, groß und dünn. Viel zu groß für seinen Körper. Es wirkt irgendwie unnatürlich. Seine Augen sind so grün, dass ich nicht wegschauen kann. Doch dann hebt er seine Hand ein Stück höher und ich erkenne die Blume, die von seiner Faust umschlossen wird. Ein grüner Stängel und eine weiße Blüte, die nach unten hängt. Ein Schneeglöckchen.

»Für dich.« Er streckt die Hand mit dem Schneeglöckchen aus.

Zögernd sehe ich ihn an. »Ich soll nichts von Fremden annehmen.«

»Es ist nur eine Blume.«

»Okay.« Ich nehme die Waffel in die linke Hand und greife mit der rechten nach dem Schneeglöckchen. Begeistert sehe ich es an. Es ist wunderschön!

»Ich habe dich gesehen und wollte dir ein Geschenk machen.« Der Junge lächelt.

»Warum?«

»Einfach so.«

»Danke.« Ich lächele.

In diesem Moment höre ich die laute Stimme meiner Mutter. »Hazel!« Mit schnellen Schritten kommt sie auf mich zu und zieht mich sofort an der Jacke nach hinten. Wütend schaut sie den Jungen vor mir an, schüttelt den Kopf. Dann schiebt sie mich an der Schulter weiter, gibt mir nicht einmal die Möglichkeit, mich zu verabschieden.

Frustriert sehe ich sie an. »Was machst du?«

»Ich habe dir gesagt, dass du nicht mit Fremden sprechen sollst«, sagt sie nur.

»Er hat mir eine Blume geschenkt.« Stolz halte ich das Schneeglöckchen nach oben.

Mum verengt die Augen. Schnell nimmt sie mir die Blume aus der Hand und wirft sie auf den Boden. »Du solltest keine Geschenke von ihm annehmen.«

Sofort treten Tränen in meine Augen. »Warum nicht?«

»Er ist ein Prescott. Wir mögen keine Prescotts und wir nehmen erst recht keine Geschenke von ihnen an.«

»Aber er war nett zu mir.«

»Später wird er nicht mehr nett zu dir sein, Hazel. Vertrau mir.« Sie seufzt und schiebt mich weiter. Hinter mir liegt das Schneeglöckchen im Dreck.

Heute

Gähnend streiche ich mir eine lose Haarsträhne hinter das Ohr und schreibe die letzte Notiz auf meinen Block. Unsere Dozentin packt bereits ihre Tasche und verschwindet aus der Tür des Vorlesungssaals, als wäre sie die Gequälte. Mir gefällt das Kriminologiestudium, auch wenn ich die seitenlangen Texte und das Gerede über Klausuren und mündliche Prüfungen satt bin. Und das schon im zweiten Jahr.

»Rhys wartet vor der Cafeteria auf uns.« Willow schultert ihre Handtasche, wobei ihr roter Pferdeschwanz von links nach rechts schwingt. Sie trägt ein kurzes graues Strickkleid mit einem Rollkragen und hohe Stiefel. Das Rouge auf ihren Wangen lässt sie noch lebhafter als sonst wirken.

Ich muss mich noch daran gewöhnen, dass mein ältester Bruder uns mit seiner Anwesenheit beehrt. Seit Jahren hat er alles getan, um auf keinen Fall mehr Zeit als nötig mit Willow und mir zu verbringen, erst recht nicht in der Uni. Es ist seltsam, dass er nun immer öfter mit uns Mittag isst, feiern geht oder Filme schaut. Nicht, dass ich mich beschweren würde. Ich liebe Rhys und bin froh, dass er zu einem größeren Teil meines Lebens geworden ist. Doch noch mehr muss ich mich daran gewöhnen, dass er meine beste Freundin vor meinen Augen küsst, dass er ihre Hand hält und sie gemeinsam lachen, obwohl sie sich jahrelang bloß gestritten haben.

Es war nicht in Ordnung, dass sie ihre Beziehung vor Lysander und mir geheim gehalten haben. Natürlich wäre mir die Kinnlade heruntergefallen. Natürlich hätte es für Zündstoff gesorgt. Natürlich wäre es seltsam geworden. Doch es zu verheimlichen, war das Schlimmste, was sie hätten tun können. Ich bin nicht Lysander. Mich frisst die Enttäuschung nicht auf. Nein, ich habe Willow und Rhys schnell verziehen. Weil ich keinen Sinn darin sehe, mich von ihren Lügen zerfressen zu lassen. Es bringt mir nichts als mentalen Stress. Stress, den ich beim besten Willen nicht gebrauchen kann. Also arrangiere ich mich damit und konzentriere mich darauf, dass ich meinen Bruder und meine beste Freundin, beide liebe.

»Lysander hat mir nicht geantwortet.« Ich folge Willow durch die Sitzreihen in den Flur. Bei dem Gedanken an Lysander wird mein Gesicht starr. Eine weitere Sache, an die ich mich gewöhnen muss.

Zwischen Willow, Lysander und mir wird es nie wieder wie früher sein. Jahrelang waren wir unzertrennlich, haben jeden Tag gemeinsam verbracht und unfassbar viel Mist gebaut. Wir haben gelacht, bis wir nicht mehr atmen konnten. Zusammen waren wir roh, echt und unkompliziert. Nun sind wir nichts mehr davon. Seit Jahren habe ich den Kopf geschüttelt, wenn die Leute darauf bestanden haben, zwischen Willow und Lysander würde mehr als Freundschaft sein. Ich wusste, dass niemand unsere Verbindung verstehen konnte. Ich wusste auch, dass Willow und Lysander noch einmal eine ganz andere Verbindung hatten, auch wenn ich mir sicher war, dass diese nie sexuell gewesen ist. Ich wusste, dass Willow nachts aus meinem Bett verschwindet und in Lysanders kriecht. Doch ich hätte meine Hand dafür ins Feuer gelegt, dass sie sich niemals küssen würden. Nur über ihre Leichen.

Ich lag falsch. Auch wenn Willow nie in Lysander und immer nur in Rhys verliebt war, hat sie beide meine Brüder geküsst. Jetzt ist sie mit Rhys zusammen und zwischen Lysander, ihr und mir hat sich alles geändert.

Als wäre das nicht genug, hat Fiona Stewart meinen Brüdern Waffen an die Köpfe gehalten. Sie hat Willow über Leben und Tod entscheiden lassen, als wäre all das hier ein Spiel. Unsere Gefühle, unser Leben. Sie hat die wichtigsten Menschen meines Lebens genommen und sie zwischen ihren Fingern zerquetscht. Während ich mitansehen musste, wie einer meiner Brüder fast erschossen wird. Fast, nur fast. Cillian ist verblendet, wenn er denkt, ich wäre ihm dafür dankbar. Willow hätte anders wählen können. Sie hätte Lysander wählen können und dann wäre Rhys jetzt tot.

Fiona hat mit dem Tod gespielt, obwohl sie wusste, dass er unsere Familie bereits heimgesucht hat. Sie hat es trotzdem getan und Cillian hat mitgemacht.

Lysander hatte Todesangst. Wieder war er es. Wieder war er es, der leiden musste. Immer sind es die Guten, nicht wahr?

Meine Brüder und Willow befinden sich in einem brennenden Dreieck. Und ich? Ich versuche verzweifelt, das Feuer zu löschen. Keine Ahnung, wo sonst mein Platz in dem Ganzen ist. Ich fühle mich allein, so verdammt allein.

Evelyn. Wie von selbst schießen meine Gedanken zu dem Video, das in den sozialen Netzwerken die Runde macht. Die Leute rasten aus, reimen sich die wildesten Verschwörungstheorien zusammen. Rhys besteht darauf, dass das Video gefälscht ist. Bearbeitet oder gar eine fremde Frau, die unserer toten Schwester nur verdammt ähnlich sieht. Doch ich weiß, warum er darauf besteht. Alles andere würde ihn nur enttäuschen. Es würde ihn noch mehr zerstören. Auch ich werde nicht zulassen, dass Evelyn ein zweites Mal stirbt. Aber mir entgeht nicht, dass Rhys entgegen seinen Aussagen Nachforschungen anstellt. Er hält die Füße nicht still. Weil er eben doch ein wenig Hoffnung hat. Dabei ist Hoffnung so verdammt gefährlich.

»Lysander wird nicht kommen.« Willow atmet tief durch. »Ich will Fiona umbringen, weißt du? Es war gerade alles auf dem Weg, wieder gut zu werden.«

»War es das oder redest du dir das ein?«

Sie beißt sich auf die Lippe. »Ich sage nicht, dass es gut war. Ich sage, dass es auf dem Weg dahin war.«

»Du kannst Lysander nicht böse sein.« Ich ziehe meinen karierten Rock zurecht.

Sofort legt Willow ihre Hand auf meine Schulter und sieht mich aus großen grünen Augen an. Sie erinnern mich sofort an Cillians, in die ich voller Verzweiflung gestarrt habe, als ich weinend am Boden und seine Waffe an Lysanders Kopf war.

»Du denkst, dass ich ihm böse bin?« Willow schüttelt den Kopf. »Ich hätte ihn sterben lassen. Ich hätte ihn sterben lassen, Hazel. Das ist unverzeihlich. Das ist ...«

»Du hattest keine Wahl.«

»Ich hatte eine Wahl!«

»Nicht wirklich.« Beruhigend lege ich meine Hand auf ihre. »Wir waren alle Opfer von Fionas kaputter Psyche. Keiner von uns hat Schuld an dem, was passiert ist. Niemand außer sie. Auch Lysander gibt dir keine Schuld. Das weißt du.«

Willows Schultern sinken herab. Sie ist die tougheste und stärkste Frau, die ich kenne. Doch ihre Schwester hat es wirklich geschafft, sie zu brechen. »Ich weiß nicht, was ich zu ihm sagen soll«, flüstert sie. »Lysander hat das alles nicht verdient.«

»Nein, das hat er nicht.« Ich zwinge mich zu einem Lächeln. »Komm, Rhys wartet.«

Doch als Willows Hand von meiner Schulter rutscht und ich um die Ecke gehen will, zieht mich auf einmal jemand zur Seite. Ich starre in braune Augen, bevor Lippen meine berühren.

Dann grinst Cal mich breit an und macht einen Schritt zurück.

»Was zur Hölle soll das?«, bricht es aus mir heraus.

Er hebt die Hände. »Entschuldige. Es hat mich überkommen.«

»Wir führen keine Beziehung, Cal.« Mein Blick ist starr. »Also warum küsst du mich mitten auf dem Flur?«

»Richtig, keine Beziehung. Längst notiert.« Er grinst immer noch. »Ich mache nur Spaß, Hazel.«

Ich schüttele den Kopf. »Keine Ahnung, wie deine Freundschaften mit gewissen Vorzügen sonst aussehen, aber du küsst mich nie wieder auf dem Flur.«

»Ist ebenfalls notiert.« Er hebt die Hand und läuft rückwärts weiter, als wäre nie etwas gewesen. »Schönen Tag, Hazel Tyndall!«

»Schau nach vorne, Cal!« Fassungslos sehe ich ihm hinterher, bevor ich mich zu Willow drehe. »Was zur Hölle?«, sage ich noch einmal.

Sie zuckt mit den Schultern. »Cal schreit einfach nach dem perfekten Schwiegersohn. Es hat mich sowieso gewundert, dass er für etwas Lockeres zu haben ist.«

»Ist er.«

»Na dann, schlaf weiter mit einem perfekten Beziehungstypen, während andere Mädchen weinend wegen Badboys zuhause sitzen.«

Ich schnaube. »Auf einmal bist du auf der Seite der Beziehungsmenschen?«

»Ich bin auf deiner Seite.«

»Schleimerin.«

Sie grinst und schiebt mich nach vorne. »Komm, ich habe Hunger. Machen wir uns einen schönen Tag, Hazel Tyndall.«

Ich lege den Kopf in den Nacken und lasse den Rauch aus meinem Mund gleiten. Meine Füße liegen auf dem Wohnzimmertisch, meine Augen sind geschlossen. Es riecht nach Nikotin, Schnaps und Tiefkühlpizza. Mir ist schwindelig und mein Kopf pocht, weil ich die Nacht durchgemacht habe. Alles in allem riecht es genauso beschissen, wie es mir geht.

»Dad meinte, dass er uns den Geldhahn zudreht«, schnaubt Percy. »Welchen Geldhahn? Der Mann hat keinen Cent auf dem Konto und uns seit Jahren keinen Zuschuss mehr gegeben.«

»Du bist dreiundzwanzig. Du brauchst Daddys Geld nicht.« Wieder nehme ich einen Zug von der Zigarette.

»Würde Mum uns nicht die Uni bezahlen, wären wir nicht nur arm, sondern auch dumm«, mischt sich Theo ein. »Dabei wäre ich gerne reich und intelligent. Also doch, wir brauchen Daddys Geld.«

»Du bist ein oberflächlicher Bastard« erwidert sein Bruder trocken, obwohl er sich eben selbst über das fehlende Geld beschwert hat. Doch die Ainsworth-Brüder haben es perfektioniert, sich hinter geschlossenen Türen die Köpfe einzuschlagen, während sie in der Öffentlichkeit ein Herz und eine Seele spielen.

Genervt drehe ich die Zigarette zwischen den Fingerspitzen. »Haltet die Fressen. Ich versuche zu schlafen.«

Theo lacht. »Wir können nichts dafür, dass du ein Psycho bist und nicht wie jeder normale Mensch nachts in deinem eigenen Bett schläfst. Stattdessen wartest du, bis du fast ohnmächtig wirst.«

Angepisst schlage ich die Augen auf. »Ich wünschte, ich wäre ohnmächtig.«

»Lass das niemanden hören. Die stecken dich sofort in eine Anstalt.«

»Ich habe nie behauptet, dass meine Psyche intakt wäre.«

Percy schüttelt bloß den Kopf. »Wessen Psyche ist schon intakt?«

In diesem Moment klingelt mein Handy. Ein Blick auf den Bildschirm verrät mir, dass es mein Bruder ist. Ich widerstehe dem Drang, das Handy mit voller Wucht an die Wand zu werfen. In der Hoffnung, es würde zerbrechen und niemand könnte mir je wieder auf den Sack gehen. Zwischen Sean und mir ist nie etwas vorgefallen, aber er fuckt mich einfach ab. Seit Jahren tut er alles, um unserem Vater zu gefallen. Dabei ist er von Anfang an der Lieblingssohn gewesen. Er hat es überhaupt nicht nötig, unserem alten Herrn in den Arsch zu kriechen. Doch während er genau das tut, gebe ich alles, um meiner eigenen Rolle gerecht zu werden. Der des pechschwarzen Schafes in einer Familie von ohnehin schwarzen Schafen.

Theo hebt eine Augenbraue. »Sean ruft dich an.«

»Ich bin weder taub noch blind.«

Er zuckt bloß mit den Schultern und lehnt sich zurück, steckt sich ebenfalls eine Zigarette an. Währenddessen schiebt sich Percy ein Stück Pizza in den Mund und verzieht angewidert das Gesicht, weil wir den Boden haben anbrennen lassen. Das Handy klingelt immer noch. Sean weiß, dass ich ihn ignoriere und absichtlich nicht abnehme. Er wird nicht lockerlassen und ich werde nicht nachgeben. Somit kann es gut sein, dass das Handy die nächsten Stunden immer wieder klingeln wird.

»Cillian!« Jemand hämmert mit der Faust gegen die Haustür.

»Nicht sein verdammter Ernst.« Ich drücke die Zigarette aus, bevor ich mit einem Ruck aufstehe und genervt auf die Tür zugehe. Betont langsam öffne ich sie. Mein Bruder steht davor, die Hand gerade zu dem nächsten Fausthieb gehoben. Als er mich entdeckt, schnaubt er bloß und drängt sich an mir vorbei ins Wohnzimmer.

»Es stinkt.« Er rümpft die Nase.

Percy zeigt ihm den Mittelfinger. »Dann bleib draußen.«

»Was willst du?« Ich lasse die Haustür absichtlich offenstehen, um ihm zu zeigen, dass er nicht willkommen ist. Dann stelle ich mich vor ihn und tue nichts, um meine schlechte Laune zu verstecken.

»Du musst kämpfen.«

»Einen Scheiß muss ich.«

»Cillian.« Sean presst die Lippen zu einem Strich zusammen. Mein Bruder ist ein Jahr älter als ich, dafür wenige Zentimeter kleiner. Seine Haare schimmern in dem gleichen tiefen Schwarz wie meine eigenen, sind jedoch kurz geschoren. Das Grün seiner Augen ist ein Stück dunkler als meines, ist genau wie das unserer Mutter, während meine Augen genau wie die unseres Vaters aussehen. Und wie Willow Stewarts. Eine Tatsache, von der ich noch nicht weiß, was ich damit anfangen soll. Bisher habe ich es nur genutzt, um sie zu provozieren. Ich suche keine Schwester. Ich habe einen Vater und einen Bruder und damit genug Familie, die mich für den Rest meines Lebens abfuckt.

»Ich kämpfe, wenn mir danach ist. Nicht, wenn es dir passt.« Desinteressiert halte ich seinem Blick stand.

»Einer der Kämpfer für morgen ist ausgefallen und Dad will, dass du seinen Platz einnimmst. Die Wetten sind gut. Das kann uns viel Geld bringen.«

»Dad will«, verspotte ich ihn. »Kannst du auch für dich selbst denken, Sean?«

Percy und Theo lachen, während Sean wütend die Nasenflügel aufbläht. »Dad ist der Beste in diesem Geschäft. Du wärst ein Narr, das nicht zuzugeben. Er lernt mich an, Cillian. Ich werde zu einem Geschäftsmann, du zu einem Wilden. So soll es sein, nicht wahr?«

Trocken lache ich auf. »Weil du Konflikte lösen willst, ohne deine eigenen Hände dreckig zu machen.«

Sean hat vor einem Jahr die Uni geschmissen, um vollends in die Boxkämpfe unserer Familie einzusteigen. Stück für Stück übernimmt er Dads Platz an der Spitze der Untergrundszene, organisiert die Kämpfe der Westside, trägt sie aus. Er geht an der Leine unseres Vaters und merkt nicht einmal, dass das Geschäft am Arsch ist. Die Leute verzehren sich nach den Kämpfen und platzieren regelmäßig Wetten, doch diese sind nicht ansatzweise hoch genug. Die Bewohner der Westside haben kein Geld. Das, was sie haben, geben sie für die Kämpfe, Alkohol und Drogen aus. Sean und mein Dad kratzen bloß Münzen auf. Ich selbst habe mich schon als Jugendlicher auf die Seite der Kämpfer gestellt, habe es genossen, in dem Ring alles aus mir herauszulassen. Aber das Boxen war nie mein Ventil. Es hat mich außerhalb des Ringes nicht ruhiger gemacht. Im Gegenteil, es steigert die Gewalt in mir, die Aggression. Das Boxen macht die Dunkelheit in mir schlimmer. Es ist mir bewusst, aber ändern tue ich es nicht. Ich kämpfe weiter. Allerdings wenn ich es will, nicht wenn Sean und mein Vater pfeifen, auch wenn Dad das gerne so hätte. Meine Wetten sind die besten und es kotzt ihn an, wenn ich Chancen verstreichen lasse. Dementsprechend verneine ich oft schon aus Prinzip.

Sean will sich hinter seinem Schreibtisch verstecken, will verhandeln und im Hintergrund die Fäden ziehen. Doch ich habe mehr als einmal gesehen, wie er ausrastet. Mein Bruder hat genau so ein Gewaltpotenzial wie ich. Dass er es nicht auslebt, macht ihn noch gefährlicher. Nur scheint das keiner zu checken. Nicht einmal er selbst.

»Du bekommst drei Viertel«, übergeht Sean gekonnt meine Aussage. »Ausnahmsweise. Einmalig.«

Ich hebe eine Augenbraue. Normalerweise bekommen die Kämpfer die Hälfte des Wettgeldes, wenn sie gewinnen. Meine Familie versucht nun also tatsächlich, mich zu bestechen. Sie können es sich nicht leisten, den Kampf morgen ausfallen zu lassen und wissen, dass mein Viertel immer noch mehr als die Hälfte eines anders Kämpfers ist.

»Wer ist mein Gegner?«, ist alles, was ich frage.

Die Mundwinkel meines Bruders zucken. »Ich wusste, dass du zur Vernunft kommst.«

»Verpiss dich, Sean.«

Ich starre an die Decke aus Holzbalken und lasse mich von dem perfekten Schwiegersohn vögeln.

Noch immer bin ich wütend, dass Cal mich mitten auf dem Flur geküsst hat, als wären wir ein verdammtes Paar. Dabei habe ich genau das Gegenteil von Anfang an klargemacht. Ich bin nicht auf der Suche nach einer Beziehung. Wir können schreiben, reden und miteinander schlafen, aber wir werden niemals ein Herz und eine Seele werden. Dafür bin ich nicht gemacht. Cal hat meine Bedingungen akzeptiert, ist sogar mit mir auf den Winterball gegangen, obwohl ihm Dutzende Mädchen hinterherrennen, die genau das wollen – eine Beziehung mit ihm. Er ist mittelgroß, braungebrannt und hat immer ein Lächeln im Gesicht. Der Inbegriff von Attraktivität und Sympathie, vernünftig und respektvoll. Auch wenn er erst seit Kurzem in Blackfield ist, hat er schon viele Freundschaften geschlossen.

»Hazel.« Keuchend stützt Cal die Arme links und rechts von mir ab. Ich sitze auf einem Tisch in einer der Abstellkammern des Stalles, meine Beine sind geöffnet, mein Rock liegt zu meinen Füßen, der übergroße Pullover fällt über meine Hüften.

»Sorry.« Ich ziehe Cal näher zu mir heran, damit er weitermacht. Ich brauche den Sex, um meine Familienangelegenheiten zu verdrängen, um Fiona und ihre verdammten Manipulationsspielchen zu vergessen. Cal ist unkompliziert und ich schreibe und unterhalte mich tatsächlich gern mit ihm.

»Du machst es schon wieder«, raunt er und fährt mit der Hand unter meinen Pullover, gleitet über die nackte Haut.

»Was mache ich, Cal?«

»Nicht bei der Sache sein.«

»Dann sorg dafür, dass ich bei der Sache bin«, hauche ich und schlinge die Beine fester um ihn.

Sofort reagiert er auf meine Aufforderung. In festen Stößen dringt er in mich, wobei der Tisch nach hinten rutscht. Ich selbst öffne die Beine noch weiter und lasse eine Hand zwischen uns gleiten, um mich zum Höhepunkt zu bringen. Meine Hand zusammen mit Cals Stößen lässt mich endlich aufstöhnen. Die Gedanken verschwinden für wenige Sekunden. Ich lasse mich von der Welle der Erregung mitziehen, kratze mit den Fingernägeln über Cals Rücken, senke den Blick auf seinen durchtrainierten Oberkörper. Meine Hand wird schneller, seine Stöße fester. Langsam zieht sich mein Unterleib zusammen, meine Muskeln zucken. Mit offenem Mund lege ich den Kopf wieder in den Nacken. Dann schließe ich die Augen und genieße, wie der Orgasmus mich erschöpft und befriedigt zurücklässt. Kurz danach erbebt auch Cal, lehnt sich gegen mich, sein Atem schwer.

»Fuck.« Langsam zieht er sich aus mir zurück, wickelt das benutzte Kondom in ein Taschentuch und wirft es in den Mülleimer. Ein müdes Lächeln zeichnet sich auf seinen Lippen ab. So ein perfekter Schwiegersohn kann er nicht sein, wenn er mich mitten am Tag in einer Abstellkammer vögelt.

»Ich muss noch Futter nachfüllen.« Er bückt sich, um seinen Pullover wieder überzustreifen. Dann zieht er seine Hose nach oben und schließt den Gürtel. »Bist du nachher bei dem Umtrunk dabei?«

Ich kann ihm nicht antworten. Die Haare an meinen Armen stellen sich auf. Gleichzeitig wird mir kochend heiß. Mein Hals ist wie zugeschnürt. Es ist der Gürtel. Immer wieder ist es der Gürtel. Das Geräusch der Gürtelschnalle ist das Einzige, an das ich mich aus jener Nacht erinnere. Das Einzige. Immer wieder diese Gürtelschnalle. Ich erinnere mich, dass ich sie gepackt habe und ihn wegstoßen wollte, bevor mich erneut die Kraft verlassen hat. Dort ist das kalte Metall an meinen Fingern. Dann wieder das Klicken. Metall. Klicken. Metall. Klicken. Schweiß rinnt über meine Stirn.

»Hazel?« Cal runzelt die Stirn.

»Kannst du bitte gehen?« Die Worte kommen stockend und heiß über meine Lippen.

Die Verwirrung weicht Sorge. »Ist alles in Ordnung?«

»Cal. Geh.«

»Hazel ...«

»Geh, verdammt!« Meine Hände sind schwitzig, als ich vom Tisch aufspringe und mich umdrehe. Mit dem Ärmel meines Pullovers wische ich mir die Tränen aus den Augenwinkeln. Ich möchte nicht, dass Cal sie sieht. Laut und schmerzhaft hämmert mein Herz gegen meine Brust. Metall. Klicken. Metall. Klicken.

»Ruf mich an, wenn etwas ist. Ich bin noch eine Weile hier«, flüstert er und macht auf dem Absatz kehrt.

Ich rühre mich nicht. Die Tür öffnet sich. Dann fällt sie wieder ins Schloss. Verzweifelt stütze ich mich mit den Händen auf dem Tisch ab, meine Hose und mein Slip immer noch neben mir auf dem Boden. Ich bekomme keine Luft. Es ist, als würde ich ersticken. Mir ist so heiß, so heiß. Doch die Haare auf meinen Armen stehen immer noch. Metall. Klicken. Metall. Klicken. Metall.

Wieder rinnt eine Träne über meine Wange. Ich schluchze und balle gleichzeitig meine Hände zu Fäusten. Ich darf nicht zulassen, dass er mich kontrolliert. Ich darf nicht zulassen, dass dieses Monster mich kaputtmacht.

Tief atme ich durch, versuche krampfhaft, meine Atmung zu kontrollieren. Immer ist es die Gürtelschnalle, die mich zurückkatapultiert. Nur sie erinnert mich. Und sie zerstört mich.

Man sollte meinen, dass Opfer sexualisierter Gewalt Intimität nicht mehr ertragen können. Man sollte meinen, dass ich alles tue, um Sex zu vermeiden. Doch die Wahrheit ist, dass ich mich nicht erinnere. Ich erinnere mich an gar nichts, außer an seine Gürtelschnalle. Ich erinnere mich nicht, wie er mich berührt hat. Ich erinnere mich nicht, wie er in mich eingedrungen ist. Ich erinnere mich nicht, wie er gekommen ist. Ich erinnere mich nicht, ob ich geschrien habe. Ich erinnere mich nicht, ob ich geweint habe. Ich erinnere mich nicht, wie er gegangen ist. Ich weiß nur, dass ich aufgewacht bin und mir alles wehtat. Blut und Sperma mischten sich auf meinem Bettlaken. An meinen Handgelenken waren Fingerabdrücke. Meine Vagina war wund. Ich erinnerte mich nicht, doch ich wusste, was passiert war. Ich wusste es sofort.

Fest kralle ich die Hände in die Tischkante. Mir ist immer noch heiß. Mir ist immer noch kalt.

»Kontrolle, Kontrolle«, hauche ich, obwohl ich kurz davor bin, zu schreien.

Das Monster macht mich kaputt und ich kann nichts dagegen tun.

Das erste Mal nach jenem Tag hatte ich Sex, weil ich mir nicht eingestehen wollte, dass er mich zerstört. Ich wollte mir beweisen, dass ich stärker bin. Stärker als das, was mir passiert ist.

Doch bin ich das? Bin ich das wirklich?

Hastig schnappe ich nach Luft. Wieder läuft eine Träne über meine Wange. Wieder hasse ich mich dafür.

Ein Roboter. Ein Roboter. Ein Roboter.

»Scheiße!« Verzweifelt nehme ich mein Handy vom Tisch und wähle eine Nummer, die ich nicht wählen sollte. Doch ich sehe keine andere Lösung. Es soll einfach aufhören. Diese Gefühle sollen aufhören.

Der Roboter bricht zusammen.

Ich will der Welt den Mittelfinger zeigen, doch stattdessen schaffe ich es nicht einmal, den Kopf zu heben.

Percy hebt erst beim fünften Klingeln ab. »Wer ist da?«, mault er in sein Handy.

Langsam atme ich ein. Ich will nicht, dass er mir meinen Nervenzusammenbruch anhört. »Ich brauche Drogen.«

Pause. Dann räuspert er sich: »Willst du dich umbringen, Hazel Tyndall?«

»Du hast Willows Geheimnis bewahrt. Jetzt musst du das Gleiche bei mir tun.«

»Fuck, du willst dich wirklich umbringen?«

»Natürlich nicht!« Ich hebe den Kopf. »Ich brauche bloß ein paar Pillen. Wo können wir uns treffen?«

Für einen kurzen Moment überlegt er. »Tyndalls zahlen das Doppelte.«

»Fick dich, Percy.«

Er lacht. »Du musst wirklich verzweifelt sein, wenn du ausgerechnet zu mir kommst.«

»Sind wir im Geschäft oder nicht?«

»Wir sind im Geschäft, Tyndall. Morgen. Ich schicke dir den Standort.«

Ich nicke bloß und lege schweratmend auf. In diesem Moment wäre ich gerne das, als was mich Ethan sieht. Ein Roboter. Ich wünschte, ich wäre ein verdammter Roboter. Dann würde das alles nicht so verdammt wehtun.

In dieser Sekunde wird die Tür aufgestoßen. »Cal meinte, dir geht es nicht ... fuck!«

Mit einem Ruck drehe ich mich um und starre meinen ältesten Bruder an. Er verzieht das Gesicht, bückt sich und wirft mir meinen Rock zu. »Warum zur Hölle bist du nackt?«

Ich erwache aus meiner Starre, schlüpfe erst in meinen Slip und dann in den Rock. »Weil ich Sex hatte, Bruderherz.«

Rhys sieht mir in die Augen. »Warum klebt Schweiß auf deiner Stirn und Tränen auf deiner Wange?« Dieses Mal klingt er besorgt. Gleichzeitig verfinstert sich seine Miene so sehr, dass jeder andere Abstand von ihm genommen hätte. »Hat Cal ...«

»Cal hat nichts getan«, falle ich ihm sofort ins Wort. »Ich bin kein Lamm, auf das du aufpassen musst.«

Seine Schultern sacken wieder nach unten. »Du hast geweint, Hazel.«

»Ich bin Opfer sexualisierter Gewalt. Ich habe das Recht zu weinen.«

Rhys presst die Lippen aufeinander. »Hazel ...«

»Keine Sorge, es war nicht deswegen«, lüge ich und wische mir mit dem Ärmel meines Pullovers übers Gesicht. »Ich musste an den Moment in Willows Elternhaus denken. An das Gefühl, einen von euch zu verlieren.«

Tief holt Rhys Luft. Er glaubt mir nicht, aber geht dennoch darauf ein. »Du hättest das nicht mitansehen sollen.«

»Es hätte nicht passieren sollen.«

»Vieles hätte nicht passieren sollen«, knurrt er.

Seufzend ziehe ich meinen Rock zurecht. »Wir müssen wohl lernen, mit unseren Traumata zu leben.«

Ich wollte nicht, dass er mich in diesem Zustand findet. Rhys soll meine Tränen nicht sehen. Er hat genug wegen mir gelitten. In jener Nacht hat all der Wahnsinn begonnen. Das, was mir passiert ist, war der Auslöser. Nur deswegen ist Seth tot. Nur deswegen wäre Lysander beinahe erschossen worden.

»Du lässt niemanden an dich heran«, raunt Rhys und legt die Stirn in Falten. »Du bist meine Schwester, Hazel. Bitte, lass mich durch.«

Langsam hebe ich den Kopf und sehe in seine dunkelbraunen Augen. »Das sagst ausgerechnet du? Ich habe jahrelang versucht, an dich heranzukommen, und du hast mich nur abgeblockt. Zum Glück hat es meine beste Freundin schließlich geschafft.« Der letzte Satz hätte nicht sein müssen, doch gerade ist mir nach Konfrontation zumute. Alles ist besser als Schmerz.

»Wir sind uns so verdammt ähnlich, Hazel.« Rhys fährt sich mit der flachen Hand über das Gesicht. »Mach nicht die gleichen Fehler wie ich.«

Ich schlucke und dränge mich an ihm vorbei. »Du solltest dich lieber auf Lysander als auf mich konzentrieren. Er ist nicht wie wir.«

»Nein, das ist er nicht.«

»Was machst du überhaupt im Stall?«

»Ich wollte dich sehen.«

Resigniert hebe ich eine Augenbraue. Ich habe eher das Gefühl, dass Rhys nach mir sehen wollte. Für ihn bin ich tatsächlich ein Lamm, auf das er aufpassen muss. Auf keinen Fall will er, dass er noch einmal nicht da ist, um mich zu beschützen. Ich kann es ihm nicht übelnehmen. Ich sollte ihm sogar danken. Doch ich kann es nicht aushalten, in Watte gepackt zu werden. Lieber bin ich ein verdammter Roboter.

Der metallische Geruch von Blut und der muffige von Schweiß lassen mich die Nase rümpfen. Mit starrer Miene ziehe ich die Boxhandschuhe über und lehne mich gegen die Betonwand. In meinem Mund schmecke ich noch das Nikotin der Zigarette, auf meiner Zunge die Würze des Whiskeys. Vor der Tür höre ich bereits das Geschrei der Menschen, die Rufe, das Gebrüll. Dabei ist der Kampf, der gerade läuft, nur halb so spannend wie meiner sein wird. Ich trete gegen Austin Brown an, ein ehemaliger amerikanischer Footballspieler, der aus irgendeinem Grund in Blackfield gelandet und zum Boxen gewechselt ist. Er ist einer der wenigen, die mit mir auf Augenhöhe sind, sowohl wortwörtlich als auch kämpferisch. Deswegen will unser Vater, dass ich diesen Kampf bestreite. Es ist eine Show, nichts als eine Show. Der Beste gegen den Besten. Der jüngste Spross der erbarmungslosen Prescotts gegen den breiten, aggressiven Footballspieler.

Plötzlich geht die Tür auf und mein Bruder kommt herein. Er fährt sich durch die kurzgeschorenen Haare und hebt mit der anderen Hand das Whiskyglas an seinen Mund. Sean trägt dunkle Jeans und ein weißes T-Shirt, das die Muskeln an seinen Oberarmen betont. Wie ein Besessener rennt er ins Fitnessstudio und obwohl ich mehr rauche und trinke als er, wird sein Körper niemals wie meiner aussehen. Ich gehe nicht wie er nachmittags trainieren, sondern mitten in der Nacht, oft stundenlang. Außerdem habe ich nicht den Bierbauch unseres Vaters geerbt, den er selbst verzweifelt versucht, abzutrainieren.

»Wir machen vor deinem Kampf eine Stunde Pause«, erklärt er mir und trinkt einen weiteren Schluck Whisky. »Wir müssen die Menge zappeln lassen. Die Wetten sehen hervorragend aus. Wenn du gewinnst, gehst du hier mit einem riesigen Paket Scheine raus.«

Noch ein Unterschied zwischen meinem Bruder und mir. Sean trauert dem Geld hinterher, das unsere Familie einst hatte. Die Tyndalls haben uns Prescotts von dem gemeinsamen Thron gestoßen. Dennoch blieben wir wohlhabend, behielten unseren Einfluss, wenn auch immer einer anderen Familie untergestellt. Meine Vorfahren wollten stets zurück an die Spitze, schafften es nie. Schließlich nahmen sie die dunklen Ecken der Stadt und regierten das Gesindel, die Verbrecher, die Prostituierten und Mörder. Dort konnten sie allein an der Spitze stehen. Mein Großvater perfektionierte die Untergrundkämpfe, mein Vater verspielte das letzte Geld, das unserer Familie geblieben war. Wir leben von den Kämpfen. Sie katapultieren uns finanziell von Höhen in Tiefen. Doch auch die Höhen sind erschreckend tief. Die Leute der Westside haben einfach kein Geld. Hier leben immer noch Verbrecher, Prostituierte und Mörder. Diese Seite der Stadt ist voller Schweiß und Blut.

»Ich kämpfe nicht für das Geld, Sean.« Genervt ziehe ich die Boxhandschuhe wieder aus und greife stattdessen nach meinem Handy. Ich wollte sofort in den Ring und keine beschissene Pause abwarten, um die Menge einzuheizen.

Mein Bruder neigt den Kopf. »Wem schreibst du?«

»Einem Mädchen, um diese scheiß Stunde zu überbrücken.« Ich schicke Alice meinen Standort. Sie weiß, was das bedeutet.

»Irgendwann wird das alles vor dir in die Luft gehen, Cillian. Dein Ruf ist scheiße.«

»Mein Ruf hält mir die Leute vom Hals, die mir keinen Blowjob geben wollen.«

»Du bist krank.«

»Und du fuckst mich ab. Was willst du?«

Er schnaubt und führt erneut das Whiskyglas an die Lippen. »Ich muss mit dir reden.«

Resigniert hebe ich eine Augenbraue. »Wir reden nicht, Sean.«

»Dieses Mal müssen wir es verdammt.« Er hebt den Kopf und sieht mir zum ersten Mal direkt in die Augen. »Hast du das Video gesehen, das Evelyn Tyndall zeigen soll?«

»Evelyn Tyndall ist tot«, erwidere ich genervt. »Und selbst wenn sie das blühende Leben wäre, würde es mich einen Scheißdreck interessieren.«

»Ist das so?« Sean schwenkt die Flüssigkeit in seinem Glas, ohne mich aus den Augen zu lassen. »Lass mich raten. Jeden Moment wird Alice Smith durch diese Tür kommen. Ein kleines blondes Mädchen, an dem dich nichts reizt, außer dass sie mit den Tyndalls befreundet ist.«

»Worauf willst du hinaus?«, knurre ich.

»Seit Jahrhunderten heißt es Tyndalls gegen Prescotts. Seit Jahrhunderten gewinnen sie. Ich biete dir an, mit mir gemeinsam den Spieß umzudrehen.«

Ich schiebe das Handy zurück in meine Hosentasche, werde hellhörig.

»Wusste ich es doch. Für Stolz und Ehre würdest du ins Grab gehen.«

»Rede, Sean. Ich habe nicht den ganzen Abend Zeit für diese Scheiße.«

Mein Bruder bückt sich, um das Glas auf den Betonboden zu stellen. Dann erhebt er sich wieder, sieht mich an. »Das Video war echt. Evelyn Tyndall ist tatsächlich das blühende Leben.«

Abrupt halte ich inne. »Du verarschst mich, oder?«

»Nein, Bruderherz. Ich serviere dir unsere Überlegenheit auf einem Silbertablett. Die Prinzessin der Tyndalls lebt und wir beide sind die Einzigen, die das mit voller Sicherheit wissen.«

Langsam schüttele ich den Kopf, kann nicht verhindern, dass sich ein Grinsen auf meinen Lippen abzeichnet. »Wo ist sie?«

»Edinburgh. Ich habe uns Zugtickets für Freitag gekauft.«

»Sean.« Ich begegne seinem Blick. »Was zur Hölle hast du mit der verlorenen Prinzessin zu tun?«

Er presst die Kiefermuskeln zusammen. »Das spielt keine Rolle. Es ist nur wichtig, dass ich bereit bin, sie auszuliefern.«

In diesem Moment öffnet sich erneut die Tür. Ein zierliches Mädchen mit kurzen blonden Haaren tritt über die Schwelle, sieht mich aus blauen Augen an. Dann fällt ihr Blick auf Sean. Sie beißt sich auf die Lippe. »Soll ich wieder gehen?«

»Nein.« Ohne auch nur eine Sekunde zu verschwenden, schiebe ich die Hand in den Saum meiner Jogginghose. »Komm her.«

Mit langsamen Schritten kommt sie auf mich zu, geht an meinem Bruder vorbei, der nur fassungslos den Kopf schüttelt. »Freitag, Cillian. Mach bis dahin keinen Scheiß.«

»Wie kommst du darauf?« Ich schiebe meine Hände in Alices Haare und drücke sie nach unten. »Auf die Knie.«

»Ich gehe dann mal«, schnaubt Sean, bleibt aber einen Moment zu lange stehen und beobachtet, wie Alice vor mir auf die Knie sinkt. Mein Bruder lebt keineswegs enthaltsam, allerdings nicht ansatzweise so ausschweifend wie ich. Er sucht sich seine Frauen gewissenhaft aus, lockt sie in sein Bett und behält sie dort für eine Weile. Ich hingegen bin kaum wählerisch und nehme sie erst recht nicht mit in mein Bett. Nein, ich nehme sie nur auf den Knien und nur in der Öffentlichkeit.

Die Tür fällt ins Schloss und ich ziehe meine Shorts nach unten, lasse sie auf meinen Schuhen liegen. »Das hier muss schnell gehen.« Ich dirigiere Alices Kopf nach vorn und sorge dafür, dass sich ihre Lippen um mich legen. Ihre Hände liegen auf ihrem Rücken, genau wie ich es möchte.

Ich habe Alice nicht ausgewählt, weil ich sie besonders interessant finde. Ich habe sie aus dem gleichen Grund ausgesucht, aus dem ich Lainey Bennett genommen habe. Um den Tyndalls eins auszuwischen. Lainey war Lysanders Exfreundin. Alice ist das einzige Mädchen, das sie in ihrer Mitte dulden. Die Tatsache, dass ausgerechnet sie mir Blowjobs gibt, erfüllt mich mit Genugtuung. Nicht, weil ich armselig oder besessen bin, sondern weil mir verdammt langweilig ist. Die Tyndall University langweilt mich. Blackfield langweilt mich. Die Frauen hier langweilen mich. Machtspielchen wie diese sind das Einzige, was mir bleiben. Sie sind das Einzige, das mir einen Kick verschafft. Ich nehme mir, was ich nicht haben sollte. Ich schaffe mir einen Ruf, der mir die Leute vom Hals hält und die Frauen vor mir auf die Knie sinken lässt.

»Das kannst du besser«, raune ich und schiebe mich noch tiefer in Alice‘ Hals.

Der kalte Januarwind schlägt mir ins Gesicht, trifft auf meinen flauschigen hellgrauen Pullover, den ich zu einer schlichten schwarzen Reithose kombiniert habe. Unter den Pullover habe ich zwei Thermoshirts gezogen und dennoch ist es eisig. Zum Glück schmiegen sich meine Beine direkt an Twinkles warmes Fell, da ich mich heute gegen einen Sattel entschieden habe. So fühlt sich Freiheit an, auch wenn ich fast erfriere.

Als ich den Kopf hebe, entdecke ich Percy Ainsworth am Rande des Feldweges, den wir ausgemacht haben. Er trägt eine dunkelblaue Winterjacke und Jeans mit weiten Beinen, seine weißblonden Haare werden von einer Mütze verdeckt. Seelenruhig lehnt er an dem Zaun und tippt ab und zu auf seinem Handy herum. Es gefällt mir nicht, dass ausgerechnet er mein einziger Ausweg ist. Zwar ist er im Gegensatz zu Cillian immer noch das kleinere Übel, doch auch er hat nicht einen Finger gerührt, als Fiona kurz davor war, einem meiner Brüder den Kopf wegzupusten.

---ENDE DER LESEPROBE---