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Ein verschneiter Winter. Zwei gebrochene Seelen. Eine Liebe, die alles retten oder alles zerstören kann. Als junges Mädchen musste Autumn Lloyd Blackfield verlassen und ein einsames Leben in Kinderheimen und Pflegefamilien führen. Dreizehn Jahre später kehrt sie zurück, um die Wahrheit über den Tod ihres Bruders herauszufinden. In einer Literaturvorlesung trifft sie auf den humorvollen Good Boy Lysander Tyndall, der es sich fortan in den Kopf setzt, ihr Herz zu erobern. Doch Autumn hat tausend Mauern um dieses gebaut und ist nicht bereit, sie einzureißen. Erst recht nicht, als sie erfährt, dass Lysander eine Rolle bei dem Tod ihres Bruders spielte.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Copyright © 2024 by Rebel Stories Verlag, 89567 Sontheim
All rights reserved.
Cover: www.thaleaklein.de
ISBN: 978-3-910386-22-8(Taschenbuch)
www.rebel-stories-verlag.com
Vorwort
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Whatever scars
S.V. Rose
Inhaltswarnung
Whatever scars ist eine Geschichte mit Drogen, Gewalt und Tod. Einige Szenen könnten Trigger für sensible Leser enthalten. Hierbei handelt es sich um fiktionale Elemente, die in einer fiktionalen Geschichte eingebunden sind. Die Schilderungen solcher Situationen bedeutet weder, dass die Autorin Gewalt gutheißt, noch, dass sie sie verharmlost. Wer sich bei der Beschreibung von Drogen, Gewalt und Tod nicht wohlfühlt, sollte dieses Buch nicht lesen.
Ein verschneiter Winter.
Zwei gebrochene Seelen.
Eine Liebe,
die alles retten
oder
alles zerstören kann.
Vor 13 Jahren
Der Schnee knirscht unter meinen Schuhen. Mein Gesicht ist eiskalt. Der Rest meines Körpers kochend heiß. Evelyn, Rhys, Hazel und ich rennen seit einer halben Stunde durch den Wald und spielen verstecken. Die letzte Runde habe ich verloren und bin deswegen mit Suchen an der Reihe. Eine bunte Strickmütze, die Rhys kitschig findet, wärmt meine Ohren. Mir gefallen ihre kräftigen Farben. Evelyn ist meiner Meinung, hat gelacht und sie mir tiefer ins Gesicht gezogen.
»Wo seid ihr?«, rufe ich laut in den Wald, auch wenn meine Geschwister mir nicht antworten werden. Denn jeder von uns möchte gewinnen.
Grinsend laufe ich weiter, das Weiß vor mir grell und beißend. Nur leicht scheint das Braun und Grün der Tannen durch die Schneedecke hindurch. Ich stoße Atemwölkchen aus und sehe begeistert zu, wie sie nach und nach unsichtbar werden. Dabei stolpere ich, kann mich nur im letzten Moment an einem Zweig festhalten. Ich blinzele und lasse ihn wieder los. Sofort fällt eine weiße Masse auf mich, durchnässt meine Mütze. Erschrocken taumele ich nach hinten. Geschmolzener Schnee läuft meine Wangen herab, läuft in den Kragen meiner dicken Jacke und lässt mich erschaudern.
Als ich den Kopf langsam hebe, erschrecke ich mich noch einmal. Vor mir steht ein kleines Mädchen mit blasser Haut und roten Wangen. Lange blonde Haare fallen über ihre Schultern, gehen bis zu ihrer Hüfte. Schneeflocken kleben darin. Ihre Augen sind blau und riesig, sehen in dem vielen Weiß irgendwie unecht aus. Sie steht einfach nur da und starrt mich aus ihnen an, mustert den Schnee auf meinem Kopf und meinen Schultern, meine gepolsterte Jacke. Sie selbst trägt nur einen dünnen Pullover und Leggins. Auch ihre Füße stecken nicht in Stiefeln, sondern in kaputten Sneakern. Sie trägt weder Handschuhe noch Mütze und zittert am ganzen Körper. Ihre Lippen sind fast genauso blau wie ihre Augen. Sie sagt nichts. Sie bewegt sich nicht.
Für einen Moment sehen wir uns einfach nur an. Um uns herum der viele Schnee, die Stille des Waldes.
»Wer bist du?«, frage ich irgendwann vorsichtig. Sie ist einen Kopf kleiner als ich und so dünn, dass sie jede Sekunde umfallen könnte.
Das Mädchen antwortet nicht. Sie zittert immer noch.
»Wo sind deine Eltern?«
Wieder keine Antwort.
Unsicher betrachte ich sie. Noch nie hat mir jemand nicht auf meine Fragen geantwortet. Noch nie habe ich jemanden so sehr zittern sehen.
»Komm.« Ich strecke behutsam eine Hand aus, möchte ihr helfen.
Das Mädchen mit den blonden Haaren weicht zurück.
»Ich bin Lysander.« Ich lächele sie an und öffne den Reißverschluss meiner Jacke. Um sie nicht zu erschrecken, streife ich sie ganz langsam von meinen Schultern. Nachdem ich den Schnee abgeschüttelt habe, halte ich sie ihr hin. »Dir ist bestimmt kalt.«
Wieder macht sie einen Schritt zurück. Ihre Unterlippe bebt. Ihre Hände sind genau so weiß wie der Schnee, sind wahrscheinlich längst taub. Wie lange läuft sie schon ohne Wintersachen durch den Wald? Warum passen ihre Eltern nicht auf sie auf?
Mein Pullover hält die Kälte kaum von meinen Körper fern. Aber ich strecke immer noch die Hand mit der Jacke aus. »Möchtest du einen Kakao? Ich kann dir einen machen. Mit Sahne.«
Ihre blauen Augen bohren sich in meine. Ihre Nase ist rot. Blonde Haarsträhnen kleben in ihrem Gesicht. Sie ist still. Sie ist so lange still, dass mein Arm fast abfällt.
Doch dann nimmt sie meine Jacke. Mit zitternden Fingern greift sie danach und zieht sie sich über. Sie versinkt fast darin.
»Hier.« Ich ziehe auch meine Handschuhe aus und gebe sie ihr. »Ich habe genug davon zu Hause.«
Immer noch zittern ihre Finger. Doch sie macht keinen weiteren Schritt zurück. Stattdessen nimmt sie mir die Handschuhe in einer schnellen Bewegung aus der Hand. In dem großen Wald wirkt sie so unfassbar winzig. Winzig, kalt und allein.
»Komm«, sage ich und gehe voran, hoffe, dass sie mir folgt. »Wir trinken Kakao.«
Heute
Stöhnend lasse ich mich auf die Bank der dunklen Umkleide sinken und ziehe meine Schuhe aus. Der Winter hat auf dem Campus Einzug gehalten und dennoch trainieren wir noch eine Woche, bevor es in die Pause geht. Ich spüre meine Füße kaum, genau wie meine Finger. Zum Glück habe ich wenigstens ein Thermoshirt und eine Hose unter meine Shorts gezogen.
»Ich bin erfroren.« Cam setzt sich gegenüber von mir und streckt seine langen Beine aus. Über den kurzen schwarzen Haaren hat er eine dunkelgrüne Mütze mit dem Logo der Tyndall University gezogen. Auf meinem Kopf sitzt die gleiche.
Nach und nach füllt sich die Umkleide mit den restlichen Spielern der Fußballmannschaft. Die dritten und vierten Teams haben schon letzte Woche ihre Trainingseinheiten beendet, aber die Coaches des ersten und zweiten Teams sind unbarmherzig. Als Kapitän ist es meine Aufgabe, unsere Mannschaft auch für die letzten Termine zu motivieren. Dieses Jahr fällt es mir noch leichter als zuvor. Wenn meine Gliedmaßen erfrieren und ich nichts außer pure Kälte spüre, verschwinden zumindest all die Gedanken aus meinem Kopf. Während des eiskalten Trainings denke ich an nichts. Nicht an Lainey, nicht an Willow oder Rhys, nicht an Seth und seinen verbrannten Körper.
Schnell ziehe ich mein Shirt und die zwei Hosen aus, bis ich nur noch in Boxershorts dastehe. »Wir müssen Newcastle nächstes Jahr unbedingt schlagen.« Ich suche in meiner Tasche nach einem Handtuch. Der Dampf aus den heißen Duschen gleitet bereits in die angrenzende Umkleide, mischt sich mit dem Geruch von Schweiß.
»Ich werde niemanden schlagen, wenn alles an mir vorher abgestorben ist«, murrt Edward neben mir.
»Dann wechsele in die dritte oder vierte Mannschaft, Ed«, erwidere ich bloß, habe in den letzten Wochen längst nicht die Geduld, die ich früher einmal hatte. Dabei bin ich derjenige, der seit Jahren die Beziehungen zwischen den Mannschaften verbessern und die Leistungsdiskrepanz verringern will. Das erste Team soll genauso wie das letzte respektiert werden.
Edward hebt resigniert eine Augenbraue. »Ist das eine Drohung, Tyndall?«
Ich reibe mir über die Schläfen und ziehe meine Boxershorts aus, bevor ich mir mein Handtuch schnappe. »Du bist der beste Torwart der Uni und das weißt du selbst. Es gibt keinen Grund für mich, dich rauszuschmeißen. Ich habe dir bloß deine Optionen aufgezeigt.«
Mein Teamkollege folgt mir, schlägt mir auf die Schulter. »Du hast recht. Ich bin der Beste.«
Genervt verdrehe ich die Augen und dränge mich an den anderen Spielern zu den Duschen vorbei. Mir entgehen nicht die starrenden Blicke, die mir dabei zugeworfen werden. Der Schnitt auf meiner Brust musste genäht werden, sieht immer noch brutal und hässlich aus. Die Haut um ihn herum heilt langsam, ist rosa wegen der Verbrennungen. Schon jetzt erkennt man, dass Narben bleiben werden.
Ich zwinge mich, den Blick nicht selbst zu senken und beeile mich mit dem Duschen, bevor ich ein lockeres Langarmshirt und Jeans anziehe. Der Arzt meint, ich solle noch Pause machen und nicht wie ein Tollwütiger über den Fußballplatz rennen. Zu groß sei das Risiko, dass die Wunde auf meiner Brust aufplatzt. Doch der Sport ist das Einzige, was mir gerade hilft, nicht durchzudrehen. Ich brauche den Ausgleich. Ich brauche die eiskalten Trainingseinheiten und das beißende Gefühl in meiner Lunge.
Mit zusammengebissenen Zähnen schultere ich meine Sporttasche, verabschiede mich von Cam und mache mich auf den Weg zu dem Schloss. Die Sportplätze sind nur fünf Minuten Fußweg entfernt, liegen neben dem See und dem dichten Wald. Es ist ein grauer Tag, der Wind ist kalt, aber es fällt kein Schnee. Die Bäume sind kahl, die Gespräche der Studenten abgehackt, da jeder so schnell wie möglich ins Gebäude gelangen möchte.
»Lys!«
Ich sehe auf und entdecke meine Schwester, die grinsend auf mich zukommt. Trotz der Kälte trägt sie einen schwarzen Rock und einen oversized Pullover, darüber nur einen dunkelgrünen Mantel. Ihre Wangen sind gerötet, die braunen Haare zu einem zerzausten Dutt gezwirbelt.
»Wie war das Training?« Sie hakt sich bei mir unter, während wir weitergehen, dunkler Kies unter unseren Füßen, das imposante, steinerne Schloss vor uns.
»Ich habe Edward fast aus dem Team geschmissen.«
»Edward ist ein Arschloch.«
»Ich war das Arschloch.«
Hazel zuckt bloß mit den Schultern und gähnt. Sie riecht wie immer nach Stroh und Vanille. Alles an ihr ist wie immer. Nicht nur ihr Geruch, auch ihre Mimik, ihre Gestik ... Während alles an mir sich fehl am Platz anfühlt. Ich wünschte, ich könnte dichtmachen wie sie, könnte all die Gefühle in mir ausblenden und die Geschehnisse der letzten Wochen von mir schieben, anstatt in ihnen zu versinken.
»Willow hat gefragt, ob wir Lust auf einen Filmabend haben.« Hazel spricht die Worte beiläufig aus. Dabei weiß sie, wie viel Gewicht sie haben.
Willow. Bei dem Klang ihres Namens zieht sich alles in mir zusammen. Ich habe womöglich den größten Fehler meines Lebens begangen und sie zurückgeküsst, als sie offensichtlich am Ende war. Ich habe ihre selbstzerstörerische Art und ihren Schmerz ausgenutzt. Sie war nicht bei sich, hatte gerade erfahren, dass ihre Mutter gestorben und ihr leiblicher Vater ein Monster ist. Ich hätte vernünftig sein sollen. Ich hätte nicht meine beste Freundin küssen sollen. Doch es ist nicht nur mein schlechtes Gewissen. Nein, ich habe mich damit selbst zu einem Heuchler gemacht. Seit Jahren liegt mir jeder damit in den Ohren, dass ich mit Willow schlafen würde. Nie hat jemand verstanden, wie tief unsere Freundschaft geht und wie platonisch sie dennoch ist. Niemand außer Hazel. Mit dem Kuss bin ich zu einem Heuchler geworden. Auch wenn es sich falsch angefühlt hat. Auch wenn ich ihn schon Sekunden danach bereut habe. Schon wie wir auf der Halloweenparty getanzt haben, war zu viel. Willow wollte bloß Rhys vergessen. Die ganze Zeit über wollte sie Rhys vergessen.
Das ist die Sache, die mich am meisten verletzt hat. Willows und meine Freundschaft ist stark genug, um mit dem Kuss umzugehen. Doch sie hat mich über Monate hinweg angelogen. Sie hat in meinen Armen gelegen und mir ins Gesicht gesagt, wie sehr sie meinen Bruder hasst. Dabei hat sie mit ihm geschlafen. Sie hat verdammt noch mal mit ihm geschlafen und vor mir nicht einmal mit der Wimper gezuckt. Willow hat mich angelogen, obwohl ich dachte, dass unser Vertrauen zueinander nichts erschüttern kann. Doch sie hat mir nicht genug vertraut, hatte zu viel Angst, wie ich mit Rhys und ihr umgehen würde. Als hätte ich ihr je einen Grund gegeben, an mir zu zweifeln. Ich bin immer auf ihrer Seite. Ich habe sie mitten in der Nacht von Dutzenden Männern abgeholt, habe sie festgehalten, habe mit ihr geweint und gelacht und geredet. Über alles geredet. Außer über das. Es wäre okay für mich gewesen, dass sie sich in Rhys verliebt hat. Gott, wie könnte es das nicht sein? Ich wollte immer nur, dass sie glücklich ist. Doch sie haben uns allen etwas vorgespielt, während sie hinter geschlossenen Türen übereinander hergefallen sind. Zwei der drei Menschen, die alles für mich sind.
»Ich überlege es mir«, sage ich dennoch. Weil ich Willow trotz allem vermisse. Ich vermisse meine beste Freundin.
Hazel nickt. Dann hält sie plötzlich inne.
Ich hebe den Kopf und sehe, Rhys und Willow auf uns zukommen. Sie halten sich nicht an den Händen, laufen aber Schulter an Schulter. Rhys´ Blick ist undurchdringlich, Willows flackernd. Ich habe keine Ahnung, wie es zwischen ihnen steht. Sind sie zusammen? Allein der Gedanke hätte mich noch vor einem Monat überrascht die Augen weiten lassen. Sie waren so gut darin, sich zu hassen. So verdammt gut.
Schnell entreiße ich mich Hazels Griff. »Ich muss zu meiner Vorlesung. Ich melde mich wegen des Filmabends.«
»Lysander.« Die Verzweiflung in ihrer Stimme trifft mich mit voller Wucht. Ich bin kurz davor, stehenzubleiben und mit Willow zu sprechen, sie zu umarmen und alles wieder gut werden zu lassen. Denn ich will, dass es wieder gut wird. Doch ich kann es noch nicht.
»Tut mir leid, Hazel«, raune ich und gehe an meinem Bruder und meiner besten Freundin vorbei, als wären sie Fremde.
Tief atme ich durch und reibe die Hände in meinen fingerlosen Handschuhen aneinander. Über der Schulter trage ich eine große Reisetasche, um mein rechtes Handgelenk baumelt eine braune Leine. Neben mir steht mein Golden Retriever Murphy und beäugt das gemütliche Café genauso misstrauisch wie ich. Als wäre es unser Feind. Dabei ist die Tür rot lackiert und hinter der leicht beschlagenen Fensterscheibe brennen große Kerzen neben heißen Getränken. Menschen verschiedener Altersklassen sitzen an den Tischen, hauptsächlich Studenten mit zerzausten Frisuren und dicken Büchern und ältere Frauen und Männern mit grauen Haaren und Lachfalten.
Schon als Kinder haben Seth und ich in diesem Café Kuchen gegessen. Bei dem Gedanken an den Mann, der wie ein Bruder für mich gewesen ist, zieht sich mein Herz schmerzhaft zusammen. Seth war genau wie ich seit Jahren nicht mehr in Blackfield. Bis vor ein paar Wochen. Dieser Besuch hat ihn später das Leben gekostet.
In Manchester waren die Hitze des Feuers und der beißende Geruch des Rauches grausam und unbarmherzig. Meine Pflegemutter hat mich schreiend mit sich nach draußen gezogen, hat verhindert, dass ich nach Seth suchen konnte. Doch ich hätte nach ihm suchen sollen. Ich hätte ihn retten sollen. Stattdessen musste ich mitansehen, wie seine Ehefrau neben seinem toten Körper weinte und ihn anschließend zu einem Mörder machte.
Aber Seth ist kein Mörder. Er könnte nicht einmal einer Fliege etwas zuleide tun.
Immer noch starre ich das Café an. Meine Beine sind wie festgewachsen. Ich muss das hier tun. Ich muss herausfinden, wer Trevor Burton wirklich umgebracht hat. Denn mein Pflegebruder war es nicht. Ich habe die zwei Männer und die zwei Frauen auf der Hochzeit gesehen, habe gesehen, wie sie mit Fiona und Seth gesprochen haben. Die Tyndalls sind mir nicht fremd. Immerhin bin ich in Blackfield aufgewachsen, habe hier bis zu meiner Jugend gelebt. Fiona ist überzeugt, dass sie die Schuldigen sind. Sie sagt, dass sie es getan haben. Dass sie Trevor umgebracht haben. Dass sie sich selbst retten musste, um nicht auch von ihnen getötet zu werden.
Doch ich vertraue Fiona genau so wenig wie den Tyndalls.
Erneut nehme ich einen tiefen Atemzug, sehe zu Murphy und nicke ihm ermutigend zu, wünsche mir, dass er den ersten Schritt macht. Aber mein Hund legt nur den Kopf schief und sieht mich aus großen Augen an.
»Okay.« Vorsichtig setze ich einen Fuß vor den anderen. »Wir schaffen das, Murphy. Es ist nur eine Stadt. Es ist nur Blackfield.« Blackfield mit all seinen dunklen Erinnerungen, die tonnenschwer auf meinen Schultern lasten.
Trotzdem betrete ich das kleine Café und zucke zusammen, als eine Glocke beim Eintreten erklingt. Es riecht nach frisch gerösteten Kaffee und süßen Scones, ist warm, das Licht gedämpft. An den Wänden hängen Bilder, die Porzellantassen sind mit Blumen bemalt. Die Kaffeemaschine rattert, eine Frau drängt sich an mir vorbei, eine leise Entschuldigung auf den Lippen. Langsam trete ich an die Theke heran, mustere die Scones und den Kuchen in der Auslage, die handbeschriebene Tafel, die Lichterkette, die sich um diese ringt.
»Was darf es sein?« Die Frau hinter der Theke hat eine karierte Schürze umgebunden. Ihre Haare sind grau und zu einem Dutt gebunden, das Gesicht weich und freundlich. Sie trägt einen Wollpullover, ihre Wangen sind gerötet. Freundlich lächelt sie mich an.
»Ich bin Autumn Lloyd«, räuspere ich mich. »Wir hatten wegen des Jobs und des Zimmers telefoniert.«
Ihr Lächeln wird noch breiter. »Autumn! Schön, dass du da bist. Ich kann jede Hilfe gebrauchen.«
Und ich einen Platz zum Schlafen. Doch ich lächele nur. Das hier war meine einzige Möglichkeit, um den Umzug nach Blackfield finanziell stemmen zu können. Im Café arbeiten und dafür in einem Zimmer der Besitzerin wohnen. Sie hat ihre Wohnung direkt über dem Noir Brew. Ein Appartement auf dem Campus kann ich mir nicht leisten. Das Studium selbst konnte ich nur beginnen, weil ich bei einer Literaturstiftung ein Stipendium ergattert habe. Dementsprechend schwer war es für mich, nach nur drei Monaten von der Manchester Universität nach Blackfield zu wechseln. Zum Glück wurde ich durch Seths Tod als Härtefall eingestuft, was mir das Stipendium erhalten und den Wechsel erleichtert hat. Glück. Dass ich nicht lache. Niemand weiß, dass ich in Blackfield überhaupt keine Familie mehr habe, mit der ich gemeinsam um meinen Bruder trauern kann. All meine Pflegeeltern waren stets distanziert, haben mich eher aufgenommen, um ihre Unternehmen und Stiftungen zu promoten, anstatt sich um mich zu kümmern. Doch Seth war immer da und hat meinen grauen Alltag erhellt. Jetzt schnürt mir sein Tod die Luft ab.
»Ich bin Edith«, sagt die Besitzerin, als ich immer noch still bin, und kommt um die Theke herum. Lächelnd nimmt sie mich in den Arm. Bei dem plötzlichen Körperkontakt zucke ich zusammen. Murphy bellt. Ich widerstehe dem Drang, Edith wegzustoßen.
»Das muss Murphy sein.« Sie löst sich von mir und streicht über das weiche Hundefell. Murphy schmiegt sich sofort an ihre Beine. »Komm, ich zeige dir dein Zimmer, Autumn.« Edith legt eine Hand auf meinen Rücken und schiebt mich nach vorne.
Langsam folge ich ihr zur nächsten Tür, die sie mit einem Quietschen öffnet. Direkt dahinter ist eine enge, mit Teppichboden besetzte Treppe, die nach oben führt. Edith zieht an einer Schnur und eine einsame Glühbirne wird an der Decke zum Leben erweckt, wirft flackerndes Licht auf die Treppe und die Holzwände. Ich lasse Murphy vorlaufen und folge ihm auf den krächzenden Stufen. Es riecht leicht muffig und ist genauso warm wie in dem Café. Sobald ich das Ende der Treppe erreicht und eine weitere Tür geöffnet habe, stehe ich in einem kleinen Wohnzimmer. Hier strömt mir der Duft von frischen Blumen, Lavendel und alten Büchern in die Nase. Der dunkle Teppichboden ist weich, das Sofa in einem Dunkelgrün und auf dem kleinen Tisch davor steht eine Vase mit Tulpen. Bücherregale reihen sich aneinander, gehen bis zur Decke, werden von Zimmerpflanzen unterbrochen, die zwischen sie geschoben wurden. Es gibt nur eine winzige Küchenzeile mit einem Gasherd und karierten Tüchern, davor einen Holztisch mit zwei Stühlen, auf denen Kissen mit Blumen platziert wurden. Bloß drei Türen grenzen an den Wohnbereich, alle in dem Grün des Sofas gestrichen.
»Rechts ist das Bad, daneben mein Zimmer und links deins.« Edith geht an mir vorbei und öffnet die linke Tür, während Murphy sich rücklings auf den Teppichboden wirft und begeistert wälzt. »Es gehörte meiner Nichte, aber sie ist zum Studieren nach London gezogen. Fühl dich wie zuhause.«
Zuhause. Das Wort schmeckt bitter auf meiner Zunge. Zuhause war für mich nie ein Ort. Seth war das Nächste, was einem Zuhause überhaupt nahekam. War, war, war.
Das Zimmer ist winzig und doch größer als meines in Manchester. Die grünen Gardinen reichen bis auf den Boden, der Schrank ist alt und rustikal. Das Bett ist aus dunklem Holz und mit weißer Bettwäsche bezogen. An dem Fußende steht ein kleines Bücherregal, daneben eine große Topfpflanze.
»Es ist klein und bescheiden, aber du kannst dich jederzeit im Wohnzimmer oder unten im Café aufhalten.« Edith lehnt sich an den Türrahmen und lässt vorsichtig den Blick über mich schweifen. Über die gefälschten Uggs, deren Sohle fast abfällt, die weite schwarze Stoffhose und den braunen groben Strickpullover, aus dem sich die ersten Fäden bereits lösen. Meine Reisetasche hat meiner ersten Pflegemutter gehört und ebenfalls schon bessere Tage gesehen. Genau wie meine beige Jacke, die viel zu kalt für die winterlichen Temperaturen ist. Edith zieht die Augenbrauen zusammen, mustert meine markanten Wangenknochen, wie mein Körper in den Anziehsachen versinkt, weil mir einige gesunde Kilogramm auf den Hüften fehlen. Ihr Blick wird weich und mein Herz wird schwer. Immer wieder zwingt mich das Mitleid in die Knie.
Erst jetzt realisiere ich, dass ich bisher nur einen Satz mit ihr gesprochen habe. Dabei ist sie keine Fremde, der ich aus dem Weg gehen kann, und mehr als freundlich zu mir gewesen. Also räuspere ich mich. »Es ist schön. Danke.«
Edith lächelt, doch es erreicht ihre Augen nicht. Sie macht sich jetzt schon Sorgen um mich. »Was studierst du, Autumn?«
»Literatur.«
Sofort zeigt sie auf das kleine Bücherregal, dann hinter sich in das Wohnzimmer. »Nimm dir gerne jederzeit ein Buch. Ich kann dir auch eins empfehlen, wenn du möchtest.«
Ein zartes Lächeln tritt auf meine Lippen. »Danke.«
Edith nickt und streichelt Murphy, der sich an ihr vorbei ins Zimmer drängt. »Darf ich fragen, was dich nach Blackfield verschlägt? Manchester erscheint mir weitaus ansprechender.«
»Ich bin hier geboren«, antworte ich, als würde das alles erklären.
»Du kommst gebürtig von hier? Wie heißen deine Eltern? Vielleicht kenne ich sie.«
»Bestimmt nicht.«
Edith stutzt. Doch sie fragt nicht weiter nach. »Okay, Liebes, pack erst einmal aus. Wenn du fertig bist, gibt es unten Kaffee und Kuchen für dich. Danach zeige ich dir alles, was du über das Café wissen musst.«
»Danke.«
»Hör auf, dich zu bedanken. Das hier ist ein Geben und Nehmen.«
Ich lasse die Reisetasche sinken und nicke. Dabei war es immer nur ein Nehmen. Die Menschen haben immer nur von mir genommen. Zuletzt war es Seth, den sie genommen haben.
Vor sieben Jahren
Ausnahmsweise scheint in Blackfield die Sonne. Es ist ein später Augustabend und meine Eltern haben mehrere Geschäftspartner zu uns nach Hause eingeladen. Im Garten wurden Stehtische mit teuren Tischdecken aufgestellt, dazwischen hantieren Angestellte mit Tabletts voller Champagner. Rhys hat sich schon vor Stunden aus dem Staub gemacht, um sich auf irgendeiner Hausparty mit Bier zu betrinken. Hazel und Willow stehen abseits und stecken die Köpfe zusammen, lachen laut und erzählen sich vom Eiskunstlauf und vom Reitstall. Evelyn ist die Einzige von uns, die sich Mühe gibt, mit den Geschäftspartnern unserer Eltern zu sprechen. Sie lächelt, stellt höflich Fragen und zeigt sich als die verantwortungsvolle, älteste Tyndall-Tochter. Ohne sie würden Mum und Dad uns den Kopf abhacken.
Ich selbst stehe zusammen mit Poppy an einem der Stehtische. Ihr Vater ist einer der Geschäftspartner und wir haben uns auf genau diesem Wege vor zwei Jahren kennengelernt. Sie wohnt nicht in Blackfield, weswegen wir uns nur alle zwei Wochen sehen. Doch jeder Moment mit ihr zählt. Sie hat wunderschöne blaue Augen und kurze braune Haare, die sie hübscher aussehen lassen, als jedes Mädchen mit langen Haaren. Wir waren noch Kinder, als wir uns das erste Mal begegnet sind. Zusammen sind wir zu Jugendlichen geworden.
Doch heute ist sie merkwürdig still. Dort ist nichts von ihrer, sonst so quirligen, Art. Sie wirkt angespannt und nippt schon den ganzen Abend an einem einzigen Glas.
»Was ist los?«, will ich wissen und neige besorgt den Kopf. Seit Stunden versuche ich, sie aufzumuntern, und habe keinen Erfolg.
Sie seufzt und streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Nichts ist los, Lysander. Es ist alles gut, Schatz.«
»Du redest kaum mit mir.«
»Ich rede mit dir.«
»Poppy.« Vorsichtig nehme ich ihre Hand, sehe ihr in die Augen. »Du weißt, dass du mit mir über alles sprechen kannst.«
Sie entreißt mir ihre Hand. Auf einmal wird ihre Stimme lauter. »Nicht darüber, Lysander!«
Sofort runzele ich die Stirn. »Was meinst du?«
Tief holt sie Luft und zieht ihren Cardigan enger um sich. »Ich glaube, wir sollten es beenden.«
»Was?«
»Das mit uns.«
Fassungslos starre ich sie an. Beenden? Warum sollten wir es beenden? »Wir lieben uns«, raune ich. Das Herz schlägt mir bis zum Hals.
»Ich mag dich. Ich mag dich sogar sehr.« Entschuldigend verzieht sie die Mundwinkel. »Aber ich glaube nicht, dass es Liebe ist. Wir waren vierzehn, als wir uns kennengelernt haben. Wir haben uns gut verstanden und uns angefreundet und dann wurde es mehr, weil wir es beide erleben wollten. Die erste Liebe und so. Ich bin froh, dass du mein erster Kuss und mein erstes Mal warst. Aber je älter ich werde, desto stärker merke ich, dass es keine Liebe ist.«
Unaufhaltsam hämmert mein Herz gegen meine Brust. Meine Brust, die bei jedem ihrer Worte enger wird. Denn für mich ist es Liebe. Für mich ist es immer Liebe gewesen.
Poppy seufzt, als ich nichts sage. »Das zwischen uns ist Freundschaft, Lysander. Eine richtig tolle Freundschaft, aber keine Liebe. Dafür brauche ich mehr. Ich ... mit dir ist alles so einfach, so unkompliziert. Das reicht mir nicht.« Sie hält inne. »Auf meiner Schule ist ein neuer Junge. Alle Mädchen stehen auf ihn. Manchmal redet er mit mir, aber ich weiß nie, ob er mich überhaupt mag. Manchmal sagt er Sachen, die mich traurig machen, und dann ist er plötzlich wieder nett. Es ist aufregend. Er prügelt sich auf dem Schulhof, weißt du. Er prügelt sich und er raucht, aber bei ihm sieht es gut aus. Ich mag diese Ungewissheit. Ich mag diese Jagd nach ihm. Dich muss ich nicht jagen. Alles ist immer selbstverständlich.«
»Du machst Schluss mit mir, weil ich dich nicht traurig mache und dich bedingungslos liebe?«
»Wenn du es so sagst, klingt es schrecklich.«
»Es ist schrecklich, Poppy.«
Hörbar atmet sie aus. »Letzte Woche hat er mich geküsst. Einfach so auf dem Schulhof. Vor allen. Wir waren das Gesprächsthema der ganzen Schule.«
Ein Pfeil bohrt sich in mein Herz. Er dreht sich. Schmerzhaft gräbt er sich in den Muskel. »Du hast ihn geküsst?«, bringe ich leise hervor.
»Es tut mir leid.« Sie kaut auf ihrem Nagel. »Wir können Freunde bleiben, wenn du möchtest.«
»Ich habe genug Freunde«, raune ich bloß und drehe mich um.
Mein Herz zerbricht. Genau wie meine Jugendliebe.
Heute
Ich habe meine Jeans gegen eine graue Jogginghose getauscht und stehe mit einer Tafel Schokolade vor Hazels und Willows Appartement. Obwohl es sich so vertraut anfühlt, sträubt sich etwas in mir dagegen. Am liebsten würde ich die Zeit zurückdrehen. Ein Jahr zuvor, Hazel, Willow und ich lachend auf der Couch, uns alles Mögliche erzählend. Wir sind zusammen erwachsen geworden. Ernsthaft verletzt haben wir uns nie, stattdessen gemeinsam die Wunden geheilt, die uns andere zugefügt haben. Doch jetzt ist alles anders.
Tief atme ich durch und klopfe an die Tür.
Es ist Willow, die mir öffnet. Sie trägt schwarze, enge Shorts und ein rotes, bauchfreies T-Shirt. Ihre grünen Augen funkeln. Augen, die die gleiche Farbe wie Cillians haben. Ein Detail, das uns allen entgangen ist. Ihre Haltung ist gerade, doch ihr Blick flackert.
»Ich war mir nicht sicher, ob du kommst.«
»Ich auch nicht«, antworte ich ehrlich und hasse, wie distanziert es zwischen uns ist, dass wir plötzlich auf Eierschalen umeinander herumlaufen müssen. Ich hasse es, dass meine beste Freundin denkt, ich würde nicht zu unserem Filmabend kommen. Ich hasse es, dass ich es tatsächlich in Erwägung gezogen habe.
Willow verzieht den Mund. »Es tut mir leid, Lysander.«
Mein Atem stockt. Willow entblößt ihre Gefühle für gewöhnlich nicht, gibt erst recht nicht zu, wenn ihr etwas leidtut. Also räuspere ich mich. »Ich bin nicht wütend, weil wir uns geküsst haben. Ich bin enttäuscht, weil du mich über Monate hinweg angelogen hast.« Meine Stimme ist rau, als ich den Blick auf ihre Lippen senke und rein gar nichts fühle. Der Kuss war ein Fehler. Das Ergebnis purer Verzweiflung. Weil Rhys des Mordes verdächtigt wurde. Weil ich Lainey beinahe betrogen habe. Weil Willows Mum starb und Ronan plötzlich ihr Dad war. Wir waren beide verzweifelt, so verzweifelt. Doch der Kuss ist nicht das, was nun zwischen uns steht.
»Ich weiß.« Sie knetet ihre Finger.
»Gut«, raune ich und deute hinter sie. »Kann ich reinkommen?«
»Immer.« Sie zwingt sich zu einem Lächeln und tritt beiseite.
Wie immer riecht das Appartement nach Vanille und Rotwein. Im Wohnraum brennen Lichterketten, auf dem Tisch eine Duftkerze. Hazel hat sich in die Ecke des Sofas gekauert, eine Decke über ihren Beinen. Als sie mich sieht, grinst sie. »Willkommen zurück, Bruderherz. Du darfst den Film aussuchen. Aber es muss ein Weihnachtsfilm sein.«
Willow setzt sich in die Mitte des Sofas, sodass mir nur der Platz links von ihr bleibt. Langsam streife ich die Schuhe von den Füßen und lasse mich neben sie sinken. Hazel breitet die Decke über Willow aus. Diese sieht mich fragend an. Instinktiv möchte ich mit ihr unter die Decke schlüpfen und den Arm um sie legen. Das ist es, was wir für gewöhnlich tun. Doch auf einmal fühlt es sich falsch an. Wie können Willow und ich noch auf diese Art und Weise miteinander umgehen, wenn sie nachts in den Armen meines Bruders liegt?
Also schüttele ich den Kopf. »Mir ist warm genug.«
Willow seufzt und lehnt sich zurück. Dabei streift ihr Arm meinen. Hazel reicht mir die Fernbedienung und deutet mit einem Kopfnicken zum Fernseher. »Die Ehre gebührt dir.«
Ich lege die Schokolade in meinen Schoß, als ich durch die Auswahl gehe und bei Home Alone hängen bleibe. Ein Klassiker, der mich immer wieder zum Lachen bringt. Hoffentlich lockert er die Stimmung. Denn die Anspannung zwischen uns ist verdammt ungewohnt. Normalerweise lachen wir und albern herum, können uns beieinander nie ernst nehmen. Heute nehmen wir alles ziemlich ernst.
Hazel verzieht das Gesicht. »Du suchst jedes Mal die gleichen Filme aus. Die einzigen Weihnachtsfilme, die du schauen willst, sind Home Alone und Polarexpress.«
»Du hast mich aussuchen lassen.« Ich öffne die Schokoladenverpackung. »Ich liebe diese Filme und sie enttäuschen mich nie.«
Neben mir zuckt Willow zusammen. Am liebsten würde ich mir gegen die Stirn schlagen. Der letzte Satz sollte kein Seitenhieb sein. »Sorry«, murmele ich und meine es genauso.
»Du musst dich nicht entschuldigen, weil ich dich enttäuscht habe.« Willow nimmt die Schokolade aus meinem Schoß und bricht ein Stück davon ab.
Doch ich habe das Gefühl, es zu müssen. Ich habe das Gefühl, mich für meine abweisende Art entschuldigen zu müssen. Habe das Gefühl, dass ich nicht das Recht habe, wütend und enttäuscht zu sein. Dabei ist es Bullshit. Ich habe jedes Recht dazu. Aber es tut weh, dass jedes meiner Worte Willow trifft. Besonders nach dem, was sie in den letzten Wochen durchmachen musste.
»Habt ihr Bier?«, will ich deswegen wissen und nehme die Schokolade zurück, um mir ebenfalls ein Stück abzubrechen. »Popcorn? Gummibärchen? Mein Blutzuckerspiegel ist erschreckend niedrig.«
Innerhalb von Sekunden hat Willow die Decke weggeschlagen und ist aufgestanden. Schnell läuft sie zum Kühlschrank, um ein Bier herauszuholen, und öffnet dann eine Schublade, um Dutzende Süßigkeiten auf ihre Arme zu laden. Ihre Ausbeute lässt sie auf den Tisch vor uns fallen, gibt mir das Bier und stemmt zufrieden die Arme in die Seiten. »In den letzten Wochen ist unser Süßigkeitenvorrat kaum geschrumpft. Endlich kannst du uns wieder helfen, ihn zu vernichten.«
»Ich verstehe nicht, warum du so aussiehst, wie du aussiehst«, murrt Hazel und beugt sich vor, um sich eine Packung Gummibärchen zu schnappen. »Du isst so viel Süßkram und trotzdem hast du diese Bauchmuskeln. Was mache ich falsch?«
»Sagt diejenige, deren Hintern der Rundeste der ganzen Universität ist.« Willow greift nach ihrem Rotweinglas.
»Weil ich Reiterin bin«, schnaubt Hazel und fasst sich an den Bauch. »Mit meinem Hintern bin ich zufrieden, aber an meinem restlichen Körper können die überschüssigen Kilogramm gerne verschwinden. Außer an den Brüsten. Gott, ich wünschte, ich hätte deine Brüste, Willow.«
»Du hast keine überschüssigen Kilogramm, Hazel, sondern eine gesunde Figur.« Willow gibt ihr das andere Rotweinglas zum Anstoßen. »Dass meine Brüste perfekt sind, weiß ich.«
»Prost«, melde ich mich zu Wort und hebe meine Bierflasche. »Auf Willows Brüste und den Hintern meiner Schwester.«
Willow lacht und stößt mit mir an, Hazel tut es ihr gleich. Für einen Moment ist es wie früher, ist es wie immer. Dann lehnen wir uns zurück und starten den Film, den ich fast auswendig mitsprechen kann. Ich muss an den gleichen Stellen wie sonst lachen und die anderen stimmen mit ein. Dabei kommentieren wir die Szenen, als würden wir nicht jeden Schritt der Figuren voraussagen können. Nicht ein Mal sprechen wir über Rhys, Trevor oder Fiona. Stattdessen lassen wir uns von dem Film aufsaugen, trinken literweise Rotwein und Bier und probieren uns durch die tausend Süßigkeiten.
Am Ende des Filmes ist mir schlecht, aber ein Lächeln liegt auf meinen Lippen. Hazel schaltet den Fernseher aus und steht gähnend auf. Sie streicht sich über die Oberschenkel und sieht aus dem Fenster. Draußen ist es stockdunkel. Der Wind heult. »Ich muss noch kurz zu Twinkle. Wir sehen uns morgen, Lys.«
Mit diesen Worten verschwindet sie in ihrem Zimmer und wenig später mit Stiefeln und Winterjacke aus der Tür. Ich bin mir sicher, dass sie heute schon bei Twinkle gewesen ist und es bloß als Ausrede nimmt, um Willow und mir Zeit allein zu geben. Zeit, vor der wir beide Angst hatten. Angespannt liegt sie zwischen uns, lässt die Leichtigkeit des Filmes verschwinden.
Mein Kopf dreht sich, weil ich zu viel getrunken habe. Seufzend sehe ich Willow an, sehe in ihre grünen Augen, beobachte die undurchdringliche Maske auf ihrem Gesicht. Tausende Male haben wir uns zusammen betrunken und die Nacht in einem Bett geschlafen. Normalerweise würden wir jetzt genau dorthin gehen und ich weiß, dass sie ebenfalls daran denkt.
»Wir sollten damit aufhören«, meine ich leise. »Ich glaube nicht, dass Rhys uns noch glaubt, dass es platonisch ist.«
»Es ist platonisch, oder nicht?«
»Es ist immer platonisch gewesen, Willow. Ich liebe dich, aber ich bin nicht in dich verliebt.«
In ihren Augen flackert etwas. Vielleicht Erleichterung. »Warum hast du auf der Halloweenparty dann so mit mir getanzt? Warum hast du mich zurückgeküsst?«
Tief hole ich Luft. »In der Eishalle war ich immer noch so wütend und traurig darüber, wie es mit Lainey geendet ist, dass ich meinen eigenen Nutzen aus dem Kuss gezogen habe. Du wolltest Rhys vergessen, ich wollte Lainey vergessen. Auf der Halloweenparty war ich einerseits verdammt verzweifelt wegen Rhys, andererseits wollte ich in dem Moment vielleicht selbst wissen, ob es mehr ist. Ob es stimmt, was alle sagen. Dass es unnormal ist, in einem Bett zu schlafen und sich nicht ineinander zu verlieben. Vielleicht wollte ich es einmal ausprobieren, um mir selbst zu beweisen, dass es nur Freundschaft zwischen uns ist. Eine tiefe, wunderbare Freundschaft. Aber eben nicht mehr.«
»Lysander.« Innerhalb von Sekunden rückt sie an mich heran und schlingt die Arme um mich. Den Kopf bettet sie auf meiner Schulter. »Ich glaube, du hast recht. Vielleicht musste es einmal passieren. Vielleicht haben wir das nach all den Jahren gebraucht.« Sie nimmt den Kopf zurück. »Wir können uns wirklich lieben, ohne ineinander verliebt zu sein.«
»Du hast auch nichts gefühlt, oder? Bei unserem Kuss?«
»Nein«, haucht sie.
»Gut.« Meine Mundwinkel heben sich. »Denn ich möchte auf keinen Fall meine beste Freundin verlieren.«
»Trotz allem?«
»Zwei schlechte Entscheidungen können nicht Jahre von Freundschaft zerstören. Aber ich brauche Zeit, Willow. Ich brauche Zeit, um dir wieder zu vertrauen, um damit abzuschließen, dass du über Monate hinweg okay damit warst, mich anzulügen.«
»Ich weiß.« Schwach lächelt sie. »Genau das hat Hazel auch gesagt.«
Ich löse ihre Arme von mir und erhebe mich, nehme eine übriggebliebene Gummibärenpackung in die Hand. »Wir sollten nicht mehr in einem Bett schlafen, Willow. Du hast jetzt Rhys.«
Sie streicht sich eine rote Haarsträhne aus dem Gesicht. »Danke, dass du jahrelang meine Dämonen vertrieben hast.«
»Dafür bin ich da«, raune ich und ziehe meine Schuhe an, bevor ich aus der Appartementtür in den Flur der Universität verschwinde.
In der Nacht habe ich kaum ein Auge zugetan, bin drei Mal aufgestanden, um mir einen Kakao in der Küche zu machen, und habe anschließend stundenlang in einem von Ediths Büchern gelesen. Es handelte von einem Mädchen, das unsterblich ist, jedoch dazu verdammt, von jedem Menschen vergessen zu werden. Wie ein Schatten streift sie durch das Leben und erinnert mich damit schmerzhaft an mich selbst. Mit Seths Tod habe ich einen der letzten Menschen verloren, denen ich etwas bedeute. Nur noch meine Pflegeschwester Scarlett schreibt mir oder ruft mich an. Ansonsten habe ich niemanden. Nur eine Handvoll Leute, die überhaupt meinen Namen kennen. Nur ein Mädchen, das sich für mich interessiert, und einen Hund, der mein bester Freund ist. In Ediths Buch lernt die Protagonistin einen Jungen kennen, der sie nicht wie die anderen vergisst und sich tatsächlich in sie verliebt. Verlieben. Ein Wort, das mir vollkommen fremd ist. Ein einziges Mal habe ich mich verliebt und es war ein Alptraum.
Ich kralle die Finger in die Träger meines Jutebeutels und hebe den Kopf, um das Schloss vor mir anzusehen. Die Blackfield University ist wunderschön. Eine imposante Burg aus dunklem Stein mit Türmen, Erkern und alten Fensterläden, von denen sich einige gelöst haben und durch den Wind gegen die Mauern schlagen. Dunkle Tannen säumen das Gelände, neben dem ein riesiger schwarzer See und der dichte Wald liegen. Der Eingangsbereich sowie die Bäume wurden mit Lichterketten geschmückt, die den grauen Dezembertag zum Leuchten bringen. Zwischen den zwei mittigen Tannen strömen Studenten in das Gebäude, Bücher unter die Arme geklemmt, Kaffeebecher in den Händen.
Als Jugendliche habe ich immer davon geträumt, eines Tages zu studieren, mich in Bibliotheken zu verkriechen und bis spät in die Nacht in der Literatur der letzten Jahrhunderte zu versinken. Dabei habe ich nie geglaubt, dass es eines Tages Realität werden würde. Als ich mit achtzehn von meiner letzten Pflegefamilie auszog, hatte ich kaum Geld und arbeitete in dem Lager eines Modegeschäfts, um mich über Wasser zu halten. Zwei Jahre lang lebte ich am absoluten Minimum, aber ich war es gewohnt, kannte es von meiner Zeit im Kinderheim und bei Pflegefamilien, denen ich dankbar genug war, dass es überhaupt etwas zu essen gab. Für das Literaturstipendium habe ich mich aus purer Verzweiflung beworben. Die Zusage diesen Sommer kam unerwartet und hat in mir zum ersten Mal so etwas wie Hoffnung geweckt. Doch ich hätte nicht geglaubt, dass ich in vier Monate nicht in Manchester, sondern in Blackfield stehen würde. Die Stadt, der ich eigentlich für immer entfliehen wollte.
»Du siehst verloren aus.« Ein blondes Mädchen fängt mich ab, als ich durch die Eingangstür in die alten, steinernen Gänge trete und mich mit klopfendem Herzen umsehe. Hier ist es laut und eng, ein Treiben an Menschen, das mich stocken lässt.
Ich ziehe mein Handy aus der Tasche und suche den Screenshot, den ich von meinem Stundenplan gemacht habe. Ein riesiger Kratzer zieht sich über das Display, das Modell an sich ist alt und langsam. Wenn ich ins Internet möchte, brauche ich WLAN, da ich das Geld für mobile Daten lieber für anderes ausgebe.
»Ich suche Vorlesungssaal Drei«, sage ich und halte dem Mädchen mein Handy unter die Nase.
»Du studierst Literatur?« Sie verzieht das Gesicht. Doch dann werden ihre Züge wieder weicher. »Ich zeige dir den Weg. Bist du im ersten Semester? Warum fängst du jetzt erst an?«
Überrumpelt von ihren vielen Fragen nicke ich nur und folge ihr den Flur entlang. Sie ist klein und trotzdem ein Stück größer als ich, trägt dunkle Jeans mit einem schulterfreien Pullover. Eine Klammer hält ihre Haare zurück. Über die Schulter sieht sie zu mir. »Ich bin Lainey.«
»Autumn.« Hintereinander nehmen wir die Treppe in den Keller.
