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Wer die Dunkelheit liebt, begehrt die Gefahr! Damit sich Liberty Morgans Leben endlich zum Besseren wendet, will sie in Heatherstown ihrer Schwester bei einem Kunstprojekt helfen. Doch ahnt sie nicht, dass sie sich damit in einen Strudel aus dunklen Geheimnissen und gefährlichen Intrigen stürzt. Denn sie gerät in das Visier der manipulativen Elite, der ihre Schwester schon längst zum Opfer gefallen ist. Um sie zu schützen, muss sie sich ausgerechnet auf Jax Cavanaugh einlassen, der gleichzeitig ihr größter Feind und ihr tiefstes Begehren ist. Wird seine Vergangenheit ihr Untergang oder sie zu seinem Ruin?
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Copyright © 2022 by Rebel Stories Verlag, 89567 Sontheim
All rights reserved.
Cover: Premade - Neu Vercovert
ISBN: 978-3-910386-01-3 (Taschenbuch)
www.rebel-stories-verlag.com
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Epilog
Danksagung
To Be Ruined By You
S.V. Rose
Langsam nähere ich mich der eisernen Tür am Ende des engen Flures. Die wenigen Lampen an der brüchigen Wand tauchen sie in ein flackerndes, jedoch viel zu schwaches Licht, sodass ich kaum die Hand vor den Augen erkennen kann. Unter meinen Füßen knarren die Dielen bedrohlich, eiskalter Wind strömt durch ein offenes Fenster herein.
Was hat sich Cara nur dabei gedacht, ausgerechnet dieses Haus zu ihrem neuen Projekt zu machen? Auch wenn mir der Zeitpunkt dafür mehr als gelegen kommt, weckt jeder Zentimeter, den meine Füße auf diesem dunklen Boden hinter sich lassen, neue Zweifel in mir. Meine Schwester hat mir diese Adresse genannt, doch anstatt mich davor in Empfang zu nehmen, stand die Haustür bereits offen und wies mich geradewegs in diesen fast unendlich scheinenden düsteren Flur. Die Begrüßung habe ich mir wirklich etwas überschwänglicher vorgestellt. Immerhin haben wir uns seit über einem Jahr nicht mehr gesehen.
Unschlüssig bleibe ich stehen, betrachte mit Unbehagen den schmalen Spalt zwischen der stählernen Tür und der kahlen Wand. Meine rechte Hand legt sich instinktiv auf meinen linken Unterarm. Wie erwartet ist meine Haut bitterkalt. Es fühlt sich an, als hätte in diesem Haus seit Jahrhunderten weder eine Heizung noch ein Kamin seine Aufgabe erfüllt. Schlagartig überkommt mich die Erkenntnis, dass ich hätte draußen warten sollen. Wieder einmal hat meine Neugier sowie meine verfluchte Ungeduld den Kampf gegen die Vernunft gewonnen. Mittlerweile sollte ich es besser wissen. Doch jetzt ist es zu spät.
Vorsichtig lege ich den Kopf schief, um einen Blick in das Innere des Raumes vor mir erhaschen zu können. Diese Tür ist die einzige, die zumindest angelehnt und nicht verschlossen ist. Wenn Cara schon angekommen ist – sie ist eigentlich eine überaus pünktliche Person – und sich irgendwo versteckt, muss es hier sein.
Unbewusst halte ich den Atem an. In der Mitte ist ein schwerer Holztisch mit einer leicht schwarz glänzenden Oberfläche platziert. Er wirkt mächtig, irgendwie fehl am Platz. Mehrere Blätter Papier sind darauf ausgebreitet, ein alter Stifthalter steht daneben. Der Rest des Raumes ist vollkommen leer. Doch das ist nicht der einzige Grund, weshalb meine Augen jetzt ausschließlich auf den großen Mann hinter dem Holztisch gerichtet sind. Mit starrer Miene hat er die kräftigen Arme auf den Rand gestützt und die Ärmel seines weißen Hemdes notdürftig hochgekrempelt. Die oberen Knöpfe stehen offen, sein Oberkörper ist nach vorne gebeugt, sodass ihm seine dunklen Haare in einigen wirren Strähnen auf die Stirn fallen. Sie glänzen feucht. Ich halte inne. Wieso sind sie nass? Es regnet nicht und eine Dusche wird hier kaum zu finden sein. Gebannt konzentriere ich mich wieder auf seinen Gesichtsausdruck. In Gedanken versunken. Die Augen klar und fest nach vorne gerichtet. Die vollen Lippen geschlossen. Ich kann sein Gesicht nicht lesen, aber er sieht aus wie ein faszinierendes, düsteres Kunstwerk.
»Kann ich dir helfen?«
Erschrocken zucke ich zusammen. Er hingegen sieht nicht einmal auf. Nur seine Lippen bewegen sich. Langsam befeuchtet er sie, streicht mit der Zunge über die rissigen Stellen.
Zaghaft räuspere ich mich, stoße die Tür ein Stück weiter auf und versuche, mich möglichst elegant an den Rahmen zu lehnen. Verdammt. Sofort gräbt sich ein herausstehender Holzsplitter in meinen Rücken. Gelassen versuche ich, den Schmerz zu überspielen, beiße die Zähne zusammen, um mir Peinlichkeiten zu ersparen.
»Ich suche meine Schwester«, stoße ich aus, lasse bei den Worten den Atem aus meiner Lunge gleiten.
»Hier ist sie offensichtlich nicht.« Immer noch sieht er mich nicht an.
Es ist mir durchaus bewusst, dass sie sich nicht in diesem Raum befindet. Ich habe Augen im Kopf, Idiot. »Du hast gefragt, ob du mir helfen kannst. Ja, das kannst du. Weißt du, wo meine Schwester ist?«, versuche ich mein Anliegen deutlicher zu machen, woraufhin ich endlich seine Aufmerksamkeit erlange.
Langsam sieht er auf. Er hat wunderschöne Augen. Dunkel, mit einem leichten Grünstich. Seine Gesichtszüge sind markant, als könne man sich daran quälend schneiden. Gleichzeitig ist es genau das, was pure Faszination verkörpert.
»Wie heißt du?« Seine Stimme ist rau. In ihr liegt ein Hauch von Ungeduld und doch scheint er ernsthaft interessiert an der Antwort.
Ich zwinge mich, direkt in seine stechenden Augen zu sehen. »Liberty.«
Jetzt geht eine seiner Augenbrauen spöttisch in die Höhe. »Im Ernst?«
Ernüchtert zucke ich mit den Schultern. Die Jahre haben mich mit jeder erdenklichen Reaktion auf meinen außergewöhnlichen Namen vertraut gemacht. »Ja, im Ernst.«
Langsam beginnt er, wieder mit der Zunge über seine Lippe zu streichen. Die Geste wirkt so unbewusst, so unschuldig und gleichzeitig unfassbar berechnend, herausfordernd. Ich schlucke. Männer wie er bedeuten Ärger.
»Freiheit also«, raunt er schließlich, jedoch mehr zu sich selbst als zu mir. Dann richtet er die Augen wieder auf die Zettel vor sich, beachtet mich nicht länger. Anscheinend bin ich ihm kein weiteres Wort mehr wert. Heißer Atem entweicht aus meiner Kehle.
Eine Weile bleibe ich unschlüssig stehen. Dabei lasse ich ihn nicht aus den Augen, beobachte, wie er ein Blatt zur Seite schiebt und das darunter nachdenklich in die Hand nimmt. Seine Hände sind grob, aber gepflegt. Alles an ihm schreit nach verruchtem Reichtum und endloser Macht, verkörpert unverkennbare Arroganz, stille Überheblichkeit. Wenige Worte, aber eine gewaltige Wirkung, der er sich durchaus bewusst ist. Schweigend sehe ich dabei zu, wie er sich mit der anderen Hand durch die immer noch nassen Haare fährt, wie die dunklen Strähnen auf seiner Stirn zu tanzen beginnen.
Ich kann mich nicht zurückhalten. »Warum sind deine Haare nass?«, platzt es aus mir heraus.
In diesem Moment ergreift ein Windstoß das Blatt und reißt es mit Gewalt zu Boden. Er verfolgt es mit seinem eindringlichen Blick, macht aber keine Anstalten es aufzuheben. Genauso wenig, wie er sich bemüht mir zu antworten. Genervt stöhne ich auf. Wo zum Teufel ist nur Cara?
Auch nach einigen vergangenen Sekunden erhalte ich keine Antwort. Langsam macht mich seine Ignoranz wütend. Manchen Menschen ist Unhöflichkeit angeboren, aber dieser Mann übertrifft sie in jeder Hinsicht, kümmert sich überhaupt nicht um mich und schenkt mir nicht den Hauch von Beachtung.
Kurzerhand drücke ich mich von dem Türrahmen ab. Ein zuckender Schmerz durchfährt meinen Rücken. Scheiße. Der Splitter muss sich weiter in die Haut gegraben haben. Hätte ich bloß meinen Stolz abgelegt und mich sofort anders hingestellt.
»Ich gehe«, sage ich, auch wenn ich bezweifle, dass es den Mann mit den nassen Haaren überhaupt interessiert. Er starrt immer noch nur auf das Blatt am Boden. Was ist nur los mit ihm?
Entschlossen setze ich einen Fuß vor den anderen. Cara wird jede Minute kommen und bis dahin ist mir wohler dabei, draußen zu warten, als weiterhin von diesem Fremden ignoriert zu werden.
Doch plötzlich werde ich mit Wucht zurückgezogen. Mein Atem setzt aus. Ich pralle gegen eine harte Brust. Überrumpelt starre ich in ein Paar dunkler Augen. Innerhalb von Sekunden hat er mich festgehalten und energisch zurück gegen den Türrahmen gestoßen. Ich keuche auf. Wieder ein Splitter. Fluchend beiße ich die Zähne zusammen.
»Du gehst nicht«, raunt er. Sein Blick fokussiert mich dabei so eindringlich, dass mir das große Haus auf einmal sehr beengend vorkommt. Ein unangenehmes Gefühl von Machtlosigkeit überkommt mich, raubt mir die Luft zum Atmen und macht mich noch wütender.
»Ich warte draußen auf meine Schwester«, zische ich und will bestimmend seine Hände wegschlagen, aber er bewegt sie keinen Zentimeter. Nicht einmal mit der Wimper zuckt er. »Nein.«
Nein? Eben war ein Stück Papier so viel interessanter als ich und jetzt darf ich den Raum nicht mehr verlassen? Wen zur Hölle hat Cara mir hier vor die Füße geworfen? Und wo verdammt ist sie?
Ich verliere jede Geduld. Wäre er mir nicht so nahe und würde mir damit nicht jede Bewegung unmöglich machen, würde ich die Hände zur Demonstration meiner Wut in die Hüften stemmen und ihm direkt danach eine gewaltige Ohrfeige verpassen. »Willst du mich verarschen? Los, geh und starre auf deine Zettel, aber lass mich in Ruhe!«, entfährt es mir wütend.
Sein Griff lockert sich ein wenig. Dennoch raubt mir seine intensive Nähe weiterhin den Atem. Wenn er so weitermacht, ersticke ich. »Ich war schwimmen«, sagt er wie aus dem Nichts.
Ich kann ihn nur fragend anschauen.
Sein Blick hält mich gefangen. »Hinter dem Haus ist ein See.«
»Ich weiß.« Den See habe ich sofort bei meiner Ankunft entdeckt. Er ist riesig mit tiefschwarzem Wasser, das jeden Lichtstrahl zu verschlingen droht. Ein hölzerner, morsch aussehender Steg führt hinein, der früher bestimmt einmal in seiner Breite sehr einladend gewirkt haben muss, jetzt allerdings einfach nur noch beängstigend.
»Das war die Antwort auf deine Frage«, redet er unbeeindruckt weiter. Die Gleichgültigkeit in seiner Stimme passt nicht zu der Härte seiner Bewegungen, der Kraft seines dunklen Blickes.
Ja, die Antwort auf die unnötige Frage. Denn wo meine Schwester ist, verrät er mir immer noch nicht. Stattdessen erzählt er davon, wie er bei winterlichen Temperaturen in einem gruseligen See geschwommen ist. Ich kann nur mit dem Kopf schütteln und wünsche mir für einen Moment, ich wäre doch in Salwood geblieben.
»Nicht auf die richtige Frage«, sage ich kurz angebunden. Aber ganz sicher werde ich mich nicht lächerlich machen und ein drittes Mal nach meiner Schwester fragen, nur um wieder ignoriert zu werden. Da er aber immer noch nicht von mir abrückt, hole ich tief Luft und will stattdessen wissen: »Wie heißt du?« Ich stelle die Frage in der gleichen Nüchternheit, wie er sie mir gestellt hat.
Entweder bilde ich es mir ein, oder sein rechter Mundwinkel hat gerade tatsächlich etwas gezuckt. »Jax«, antwortet er, ohne mich aus den Augen zu lassen. Seinen heißen Atem spüre ich auf meiner Haut.
»Auch nicht viel besser«, erwidere ich trocken, obwohl mich sein Name auf eine bizarre Art und Weise sogar reizt. Denn er ist selten. Genau wie meiner.
»Es ist altenglisch.«
»Na und?«, gebe ich zurück und nutze den Moment des abschweifenden Wortaustausches, um mich unter seinem Arm hindurch zu ducken. Obwohl er mich ohne Probleme wieder hätte zu sich ziehen können, lässt er mich dieses Mal gewähren und lehnt sich stattdessen in der gleichen Stellung an den Türrahmen, die ich in den letzten Minuten innegehalten hatte. Will er mich auf den Arm nehmen? Mein Sieg fühlt sich lange nicht so süß an, wie erwartet.
Dennoch entscheide ich mich dazu, ihn nicht zu beachten, und lasse auf der Suche nach meinem Handy die Hand in die Seitentasche meiner kurz geschnittenen Lederjacke gleiten. Ich muss Cara erreichen oder ich stecke für immer mit einem Fremden in einem dunklen Haus und einem Geistersee vor der Tür fest.
»Suchst du das hier?«
Sofort richte ich den Blick auf ihn. Sein Gesicht scheint in Stein gemeißelt zu sein. Wenn ich nicht innerlich brodeln würde, wäre ich von seinem Durchhaltevermögen beeindruckt. Doch während er mich ebenso erwartend ansieht wie ich ihn, bemerke ich, wie er mit seiner linken Hand geschickt mein Handy in die Höhe wirft und es dann mit Leichtigkeit wieder auffängt. Langsam streicht er mit seinen Fingern darüber. »Du gehörst nicht zu den guten Menschen, richtig Liberty?«
»Warum hast du mein Handy?«, fahre ich ihn verärgert an, anstatt auf seine merkwürdige Frage zu reagieren. Schließlich ist er darin auch nicht besonders gut. Schnell will ich nach dem Handy greifen, aber er zieht es natürlich sofort weg.
»Gib es her!« Am liebsten würde ich mir gegen die Stirn schlagen, weil ich wie ein Kleinkind klinge, aber die Wut, die sich immer weiter in mir ausbreitet, lässt mir keine Zeit dazu. Mit Diplomatie komme ich bei diesem Mann ohnehin nicht weiter.
Er schüttelt nur langsam den Kopf. Wie konnte er an mein Handy gelangen? Es war die ganze Zeit über in meiner Tasche.
»Fick dich«, stoße ich aus. Meine Nerven sind vollkommen am Ende und ich will einfach nur noch verschwinden.
Ein undefinierbarer Ausdruck streift über sein Gesicht. Seine Augen brennen sich auf meiner Haut ein.
»Fick dich«, wiederhole ich und funkle ihn fassungslos an. Es ist mir egal, in welchem See er schwimmt oder welche Zettel er anstarrt, aber es ist mir nicht egal, wenn ich beklaut, ignoriert und gegen meinen Willen festgehalten werde! »Du gibst mir jetzt sofort mein Handy zurück oder ich schreie so laut, dass jede Leiche, die unten in diesem See treibt, mich hören kann!«
Wieder verzieht er keine Miene. »Woher weißt du von den Leichen?«
Ich erstarre. Dieser Raum ist eindeutig zu eng. Welche Leichen, verdammt? Ironie. Ironie ist das Stichwort. Dieser Fremde mit den nassen Haaren bringt meinen Kopf zum Explodieren.
»Ich gehe jetzt, Jax«, sage ich bemüht ruhig und strecke ihm meine bloße Handfläche entgegen. Zum Glück ist er schlau und legt endlich das Handy hinein.
»Nicht, dass die Leichen dich hören«, erwidert er mit einem Zucken der Mundwinkel.
»Idiot.« Gewaltsam dränge ich mich an ihm vorbei. Dieses Mal lässt er mich.
»Liberty?«
»Ich schreie«, drohe ich ihm sofort.
»Das würde ich dir nicht raten.« Seine Drohung ist schlimmer. Darüber hinaus spüre ich seinen stechenden Blick auf meinem Rücken. »Ich weiß, dass du nicht zu den guten Menschen gehörst.«
»Du kennst mich nicht.«
»Noch nicht.«
In diesem Moment ertönt eine laute, helle Stimme. Eine rettende Stimme. »Betty! Wo bist du denn? Warum hast du nicht draußen gewartet? Dieses Haus kann echt gruselig sein, hoffentlich hat dich kein Geist erwischt. Wenn wir erstmal mit den Renovierungen angefangen haben, ist es nicht mehr wieder zu erkennen, glaub mir. Hallo?«
Mein Herz macht einen Sprung. Endlich. Ohne noch einen Blick auf den fremden Mann hinter mir zu werfen, beschleunige ich meine Schritte und laufe erleichtert Richtung Eingangshalle. Meine Füße tragen mich in der Erlösung wie von selbst.
Vor mir steht Cara, die Hände in die Hüften gestemmt und den Blick erwartungsvoll auf die steile Treppe neben ihr gerichtet. Sie trägt einen dunkelblauen Hosenanzug, dazu ein rotes Haarband, das ihre blonde Mähne jedoch nur notdürftig zusammenhält, sowie cremeweiße Sneaker. Mir fällt sofort auf, dass sie abgenommen hat. Ihre Taille ist schmaler, ihre früher so kräftig gewesenen Arme dünner. Wo vor einem Jahr noch ein gut bestückter Hintern gewesen ist, ist jetzt nur eine dezente Wölbung zu erkennen. Sofort runzle ich die Stirn. Sie hat ihre füllige Figur geliebt, ist immer stolz darauf gewesen, wofür ich sie bewundert habe.
»Was ist passiert?«, frage ich sie geradeheraus. Augenblicklich schwenkt sie herum. Als sie mich entdeckt, heben sich ihre Mundwinkel. Doch die Freude erreicht ihre braunen Augen nicht. Schnell breitet sie die Arme aus. »Schwesterherz! Du siehst gut aus.«
Auch wenn mir die Besorgnis ins Gesicht geschrieben sein muss, lächle ich für einen kurzen Moment und schließe sie dankbar in die Arme. Verdammt, habe ich sie vermisst. Meine große Schwester. Viel zu lange sind wir voneinander getrennt gewesen.
Der Grund, warum ich immer neidisch auf sie gewesen bin, war, dass ich mich selber meine ganze Jugend über nicht wohl in meinem Körper gefühlt habe. So sehr habe ich mir ihre Kurven gewünscht, ihr Vertrauen in die eigene Gestalt. Nach der High School habe ich deswegen angefangen zu trainieren und irgendwann hat mich sogar das Älterwerden eingeholt und meinen bis zu diesem Zeitpunkt viel zu guten Stoffwechsel von der Bühne gestoßen. Denn der Traum vieler Mädchen ist für mich immer nur ein Alptraum gewesen.
Deswegen schiebe ich Cara jetzt ein Stück von mir weg und beobachte sie mit zusammen gepressten Lippen. Ihre Veränderungen überschatten meine eigentlich so riesige Freude. Ein bedrückendes Gefühl breitet sich in mir aus. Was ist, wenn sie krank geworden ist? Wenn es etwas Ernsthaftes ist? Oder macht sie einfach nur eine extreme Diät?
So gerne ich ihr wieder in den Arm fallen und sie drücken würde, halte ich mich zurück. »Du siehst anders aus«, meine ich zögernd.
»Ich …«, beginnt sie und neigt träge den Kopf. »Ich probiere seit ein paar Monaten eine neue Diät.«
Sofort atme ich auf. »Du bist nicht krank?«
Ihr Gesicht wird weich. »Natürlich nicht.«
»Dann lass es mich anders formulieren«, beginne ich unverwandt. »Du siehst scheiße aus.«
»Wow, Betty«, macht sie. »Du hast dich also nicht verändert. Immer noch sehr direkt und mit dem Kopf durch die Wand.«
Meine Stimme wird kalt. »Nenn mich nicht so.«
Verwundert zieht sie eine Augenbraue hoch. Genau wie all meine Freunde hat sie mich immer mit diesem Spitznamen angesprochen, aber Betty gibt es nicht mehr, genau wie diese heuchlerischen Freunde. Ich habe mich nicht verändert? Wenn Cara wüsste.
»Ich heiße Liberty. Wir sind nicht mehr in der High School«, meine ich und würde mir am liebsten selbst gegen das Schienbein treten. Die kurze herzliche Begrüßung ist schon wieder vorbei, stattdessen macht sich eine ungewöhnliche Kälte zwischen uns breit. Von jetzt auf gleich fühle ich mich von meiner Schwester weiter entfernt, als in dem ganzen letzten Jahr.
Oh doch, wir haben uns verändert, und zwar beide. Ich wünschte nur, es würde keine so ungewohnt angespannte Atmosphäre zwischen uns schaffen. Was ist nur aus meiner selbstbewussten großen Schwester mit den Kurven geworden?
»Du hast diesen Namen gehasst«, meint sie verständnislos.
Ernüchtert zucke ich mit den Schultern. »Jetzt liebe ich ihn.«
Caras Blick ist undefinierbar. Langsam lässt sie die Hände in die Taschen ihres Hosenanzuges gleiten. »Also nicht mehr die liebe Betty, hmm?«
Noch nie habe ich so schnell mit dem Kopf geschüttelt. »Ich muss dich enttäuschen, nie wieder die liebe Betty.« Und ihrem Auftreten nach zu urteilen, auch nie wieder die toughe Cara.
Erst jetzt fallen mir die dunklen Augenringe in ihrem Gesicht auf, die sie unendlich müde und kaputt aussehen lassen. Anstatt des fröhlichen Lebensfunkens, der sie sonst immer umgibt, wirkt sie nun wie erstarrt und erweckt den Eindruck jede Sekunde unter einer großen Last zusammen zu brechen. Auch der Moment der Wiedersehensfreude ist für sie vorbei. Ich erkenne sie nicht wieder.
Räuspernd unterbricht sie die unangenehme Stille. »Komm, ich zeige dir das Haus.«
»Das hat sie schon gesehen.«
Überrascht drehe ich mich um. Es ist der seltsame Fremde, der plötzlich in der Mitte des Flures steht und uns beide eindringlich mustert.
Cara weitet erschrocken die Augen. Schnell löst sie ihr Haarband und versucht verzweifelt, ihre Haare glatt zu streichen. Panisch sieht sie an sich herunter, als würde sie ihren Hosenanzug am liebsten verschwinden lassen wollen. Schade, er ist das Einzige an ihr, das mich noch an meine Schwester erinnert.
»Es ist mir egal, wie du aussiehst, Cara.« Gelassen öffnet Jax einen weiteren Knopf seines weißen Hemdes. Selbst das Stück Haut, das er dadurch entblößt, ist noch mit einigen Wassertropfen bedeckt. Ich bekämpfe den Drang, einen Schritt auf ihn zu zumachen und sie wegzuwischen. Das wäre unangebracht.
»Du solltest nicht hier sein«, bringt Cara mühevoll hervor. Seine Nähe lässt sie offensichtlich nicht nur nervös, sondern sogar etwas ängstlich werden. Noch nie habe ich meine Schwester so voller Furcht gesehen. Was hat diese Stadt nur mit ihr gemacht?
»Es ist mein Haus«, entgegnet er nüchtern.
»Sein Haus?« Fragend sehe ich zu Cara. Der letzte Stand, auf den sie mich telefonisch gebracht hat, war, dass sie das Haus, das sie für ihr Projekt renovieren will, bereits gekauft hat. Allerdings habe ich mich schon damals gefragt, woher sie auf einmal das Geld dafür hat.
Zu meiner Verwunderung nickt sie zögerlich. »Es gab einige Komplikationen.«
Jax schnaubt verächtlich. »Es gab keine Komplikationen. Ich bin der Erbe, das ist alles. Außerdem hat sich mein Vater hier erhängt. Das Haus gehört mir.«
Ich suche in seinem Blick nach einem Hauch von Ironie, doch er scheint seine Äußerung todernst zu meinen. Sein Vater hat sich hier erhängt? Ich schlucke. Dieser Punkt geht definitiv an ihn.
Mittlerweile ist Caras Gesicht blass geworden. »Ja, es ist dein Haus, aber ...«
Sofort hebt Jax die Hand, um sie mit der energischen Bewegung zum Schweigen du bringen. »Das Projekt. Ich bin nicht dumm, Cara Morgan.«
Cara sieht aus, als hätte er ihren Namen verflucht, indem er ihn ganz ausgesprochen hat. Angestrengt beißt sie sich fest auf die Lippe, sodass ich fürchte, sie wird jeden Augenblick zu bluten beginnen. »Wir gehen, Bet...«
»Liberty«, unterbreche ich sie, bevor sie erneut meinen alten Spitznamen benutzen kann. Erst dann realisiere ich, was sie soeben gesagt hat. »Wir gehen?«, wiederhole ich ungläubig.
Es ist Jax, der nickt. »Ihr kommt morgen wieder.«
»Wir kommen morgen wieder«, flüstert Cara und will mich am Arm packen, aber ich reagiere nicht. Stattdessen richte ich meinen verärgerten Blick auf Jax. Ein Fehler. Wie von selbst gleiten meine Augen weiter nach unten. Zu dem Hemd, unter dem die nasse Haut leicht schimmert. Zu den offenen Knöpfen, die mir keine andere Möglichkeit lassen, als seine Brust verräterisch lange anzustarren und schließlich zu seinem scharfen, kantigen Gesicht, den dunklen Augen, die mich genauso innig mustern, wie meine ihn. Als unsere Blicke sich treffen, schaue ich nicht weg. Er fasziniert mich und dafür würde ich mir am liebsten selbst eine Ohrfeige verpassen.
»Wir kommen morgen wieder«, höre ich wieder Caras Stimme. Zu mehr Worten ist sie nicht fähig.
Jax sagt nichts. Er schaut mich an und versucht, mich allein dadurch in die Knie zu zwingen. Es ist die Art, wie er es tut, als würde er jeden Zentimeter von mir in sich aufnehmen, als würden seine Augen ein Brandmal auf meiner Haut hinterlassen.
Caras Stimme dringt in mein Ohr. »Liberty!«
»Wir gehen«, reiße ich mich zusammen, atme tief durch.
»Das sagten wir bereits«, erwidert er und lehnt sich lässig an die Wand hinter sich.
»Lass uns in Ruhe und geh zu deinen Zetteln«, schieße ich ihm entgegen, greife nach Caras Hand und ziehe sie mit mir. Sie ist noch blasser geworden. Wir brauchen Traubenzucker und was wir noch dringender brauchen, sind möglichst viele Kilometer zwischen uns und diesem Mann.
»Auf Wiedersehen, Liberty.«
Ein letztes Mal drehe ich mich um. »Ich hoffe nicht, Jax.«
Als wir uns für meinen Geschmack weit genug von dem dunklen Haus entfernt haben, kann ich mich nicht mehr zurückhalten. Kurzerhand packe ich Cara bei der Schulter und schüttle sie kräftig durch.
»Was machst du denn da?«, knurrt sie und will mich wegstoßen, aber ich lasse sie nicht, sondern schaue sie dafür nur umso eindringlicher an.
»Irgendwo in diesem Klappergestell suche ich meine Schwester.«
Sofort knirscht sie mit den Zähnen. »Ich bin kein Klappergestell. Sei mal ein bisschen sensibler, Liberty.«
Die Art, wie sie meinen Namen betont, gefällt mir gar nicht. Anscheinend stört es sie genauso sehr, dass ich meinen alten Spitznamen verweigere, wie es mich stört, dass sie sich dermaßen verändert hat und sich von diesem Mann einschüchtern lässt.
»Verdammt, du bist mir wichtig. Du bist meine Schwester und ich habe dich noch nie so gesehen«, meine ich und rücke von ihr ab. Jetzt ist es ausschließlich Sorge, die mich fast ersticken lässt. Sie hat vielleicht keine Krankheit, aber das hier passt nicht zu ihr. Sie wirkt nicht so, als würde sie sich wohl fühlen.
Caras Gesichtszüge werden weicher. In diesem Moment sieht sie so gebrechlich aus, dass ich sie am liebsten in den Arm nehmen würde. Noch nie hatte ich das Gefühl, meine große Schwester beschützen zu müssen. Das ist immer anders herum gewesen.
»Das letzte Jahr war nicht einfach«, gibt sie zu. »Die Leute hier sind ... kompliziert.«
»Laufen die alle immer mit nassen Haaren durch die Gegend?«
Damit kann ich den Hauch eines Lächelns bei ihr verursachen. »Nein, natürlich nicht. Es hat einfach nur eine Weile gedauert, bis ich mich eingelebt habe.«
Kritisch beäuge ich sie. »Und jetzt fühlst du dich wohl hier?«
Sie nickt, doch sie ist schon immer eine schlechte Lügnerin gewesen. Die Sorge steht ihr ins Gesicht geschrieben - und noch etwas. Angst. Meine Schwester hat Angst.
»Tust du nicht«, sage ich.
Cara seufzt nur und reibt sich mit der flachen Hand über das Gesicht. »Es ist alles gut. Mein Studium läuft super. Alles, was jetzt zählt, ist die Abschlussarbeit.«
Offensichtlich kann ich für heute nicht mehr aus ihr herauskriegen. Also schiebe ich die Bedenken für den Moment widerwillig in die hinterste Ecke meines Kopfes und bemühe mich, das Gespräch in eine ungezwungene Richtung zu lenken: »Wie sieht der genaue Plan aus?«
Sie studiert Fotografie und hat sich damit ihren Mädchentraum verwirklicht. Für ihr letztes Projekt will sie ein verlassenes Haus renovieren und komplett neugestalten, sodass es zu einem Kunstwerk wird. Natürlich schafft sie das nicht alleine und deswegen bin ich hier. Immerhin habe ich gerade mein Studium im Bereich Hotelmanagement hingeschmissen und brauche unbedingt etwas Ablenkung, um den Weg meines Lebens neu zu entdecken – oder besser gesagt, um irgendwas zu tun.
»Ich habe alles in meinem Computer aufgeschrieben. Am besten fahren wir zu meiner Wohnung, du richtest dich erst einmal ein und dann fangen wir an«, antwortet sie und geht auf ihr Auto zu, das sie am Rand der Einfahrt geparkt hat.
Dann bleibt sie plötzlich stehen und dreht sich noch mal um. »Sag mal, wie bist du eigentlich hergekommen?«
Ich greife nach meiner Reisetasche, die ich bei meiner Ankunft rücksichtslos in einem der dürren Büsche versteckt habe, und schultere sie. »Da du zu beschäftigt warst und den Umweg zum Bahnhof nicht machen wolltest – nicht sehr gastfreundlich übrigens – musste ich per Anhalter fahren.«
»Anhalter?« Besorgnis steht ihr ins Gesicht geschrieben. »Betty, in dieser Gegend kannst du nicht per Anhalter fahren.«
»Liberty, Cara. Liberty. Und ich kann sehr wohl per Anhalter fahren, besonders, wenn ich keine andere Wahl habe, als das Geld meiner letzten Schicht in einer gruselig verrauchten Bar für eine langweilige Taxifahrt auszugeben«, entgegne ich und öffne mit Gewalt die Tür ihres alten Minis. »Du warst auch schon mal ordentlicher«, bemerke ich mit einem Blick auf die von Zeitschriften und übrig gebliebenen Verpackungen bedeckte Rückbank.
»Meine Mitbewohnerin leiht sich manchmal mein Auto aus«, erklärt Cara mir, öffnet die Fahrertür und lässt sich in den gepolsterten Sitz fallen.
Ich befördere eine modisch zerrissene Jeansjacke vom Beifahrersitz nach hinten und setze mich. »Du meinst die Prom-Queen?«
Genervt rollt Cara mit den Augen und startet den Motor. Das ganze Auto zittert. »Du nennst sie nur so, weil du ihren Instagram-Account gestalkt hast.«
Langsam lehne ich mich zurück. »Ich muss doch wissen, mit wem ich die nächsten Wochen in einer Wohnung leben werde.«
»Belle ist fast nie da. Sie ist total engagiert.«
»Umso besser«, sage ich und schließe die Augen. Ich bin todmüde, trotzdem aber auch erleichtert, dass der kurze Smalltalk die Spannung zwischen uns wieder etwas aufgelockert hat. Wenn nur nicht das Bild des fremden Mannes die ganze Zeit vor meinem inneren Auge auftauchen würde, wie sehr er meine Schwester eingeschüchtert und in die Schranken gewiesen hat.
Kurzerhand schlage ich die Augen wieder auf. »Wie heißt er mit Nachnamen?«
»Hmm?«
»Jax. Wie heißt er mit Nachnamen?«, wiederhole ich.
Sofort spannt sich Cara wieder an. »Das ist total egal, Liberty.«
Verwundert hebe ich eine Augenbraue. Cara krallt die Hände so fest in das Lenkrad, dass die Knöchel weiß hervortreten. Verdammt, ich muss es wissen. »Was hat er dir angetan?«, frage ich mit leiser, bebender Stimme.
»Gar nichts«, antwortet sie viel zu schnell.
Es fühlt sich an, als würde jemand ein Messer in mein Herz stoßen. Wir waren immer ehrlich zueinander, haben uns alles erzählt. Irgendwas hat Jax getan, was mit ihrem jetzigen Zustand zusammenhängt. Doch sie macht einfach zu, schließt mich von ihren Gedanken und ihrem Leid aus.
»Was hat dieses Jahr nur mit uns gemacht?«, murmle ich und atme zischend aus.
Obwohl ich weiß, dass meine Schwester mich gehört hat, gibt sie keine Antwort, sondern starrt nur auf die leere Straße vor sich. Erst als sie in der Einfahrt eines kargen Mehrfamilienhauses den Motor ausstellt, dreht sie sich zu mir und atmet tief durch. Ihr Blick geht zur Uhr. »Ich habe gleich einen Kurs an der Uni. Vielleicht ist Belle zu Hause, dann kann sie dir alles zeigen.«
Ich nicke nur, öffne die Tür und steige mit Schwung aus. Meine Tasche halte ich fest in der Hand. »Wann bist du wieder da?«, will ich kurzangebunden wissen.
»Ich weiß es nicht genau.«
Ein kurzes Lachen entweicht mir, aber es ist nicht echt. »Welche Nummer?«
»2a.« Ihr Tonfall ist monoton, als sie mir den Haustürschlüssel reicht.
Ohne ein weiteres Wort schlage ich die Tür hinter mir zu und nähere mich dem weiß verputzten Haus. Es fühlt sich zwischen uns so distanziert an wie noch nie. Dabei haben wir uns gerade erst wiedergesehen. Mein Wunsch nach der Hausbesichtigung, die wegen Mister Meine-Haare-sind-nass-und-das-macht-mich-angsteinflößend komplett ins Wasser gefallen ist, zusammen mit Cara die Stadt zu erkunden, ist in meilenweite Ferne gerückt. Ich wollte mir ihr Lieblingscafé zeigen lassen, mir anhören wie ihr Studium läuft, mit ihr wie früher lachen und mich ablenken. Doch diese Pläne gibt es nicht mehr.
Cara scheint nicht einmal mehr daran interessiert zu sein, mich in ihre Probleme einzuweihen, dabei ist irgendetwas offensichtlich ganz und gar nicht in Ordnung.
Seufzend schließe ich die Haustür auf, suche Appartement 2a und bleibe unschlüssig davor stehen. Hoffentlich ist die Prom-Queen nicht zu Hause.
Langsam stecke ich den Schlüssel in das Schloss und betrete dann vorsichtig den dunklen Flur. Erst an dessen Ende entdecke ich einen Lichtstrahl unter einer der Türen. Zögernd lege ich die Schuhe und Jacke ab und gehe dann darauf zu. An den Wänden hängen keine Bilder, sie sind weiß gestrichen genau wie die Kommode neben mir, alles schlicht und kühl, als würde hier überhaupt niemand wohnen. Die einzige Tatsache, die diese Vermutung widerlegt, sind die unzähligen Schuhe zu meiner Rechten sowie die vielen Jacken, die unordentlich aufeinandergestapelt wurden.
»Belle?«, frage ich zögernd und klopfe kurzerhand zwei Mal mit der Faust an die Wand. »Ich bin Liberty, Caras Schwester. Hallo?«
Ein bisschen bescheuert komme ich mir schon vor, deswegen setze ich mich schließlich in Bewegung und öffne, ohne zu überlegen, die Tür am Ende des Flures. Der Raum ist hell erleuchtet, sprüht nur so vor Ordentlichkeit und Schlichtheit. Rechts ist ein großes Fenster, daneben zwei riesige Topfpflanzen. Ein breiter Tisch steht in der Mitte mit vielen schwarzen Stühlen darum. Links ist eine Küchenanrichte, ein alter Herd, ein grauer Kühlschrank und davor ein dünnes Mädchen mit langen glatten Haaren, das ein Vollkornbrot mit Frischkäse beschmiert.
Als sie mich entdeckt, lässt sie es vor Schreck fallen und starrt mich entgeistert an. »WER BIST DU?«
»Ähm ...« Ich räuspere mich. »Habe ich doch gerufen, ich bin Caras Schwester.«
»Du hast mich zu Tode erschrocken.« Das Mädchen greift nach dem Brot und beäugt es kritisch. Dann wirft sie es seufzend weg. »Besser so, keine Kalorien mehr für heute.«
Wie bitte? Mein Bauch knurrt. Ich brauche dringend ein paar Kalorien.
»Ich bin Annabelle, aber du kannst mich Belle nennen.« Mehr als ein halbherziges Kopfnicken bekomme ich nicht.
»Ich bin Liberty und ich möchte auch so genannt werden«, meine ich und zwinge mich zu einem Lächeln.
Ich erhalte keines zurück. Seufzend reibe ich mir mit der Hand über das Gesicht. Ich verabscheue diese Stadt jetzt schon.
Belle zeigt mir nur das Nötigste des Hauses und das auch nur mit wenigen Worten und noch weniger Enthusiasmus. Da ich es sowieso nicht gewöhnt bin, dass Menschen besonders freundlich sind, nehme ich es nur schulterzuckend hin und fange dann in Ruhe an mein Zimmer einzurichten. Cara hat in den kleinen Raum, der ihr vorher als eine Art Fotostudio gedient haben muss, wegen der Ausrüstungen an der Wand, ein schmales Gästebett geschoben und halbherzig eine graue Kleiderstange daneben gestellt.
In diesem Moment wäre mir aber ohnehin alles recht gewesen. Denn ich bin einfach nur froh, mir das Schlafzimmer nicht mehr, wie in dem Studentenheim, das bis heute mein Zuhause gewesen ist, mit einer einen halben Meter großen quatschigen Südländerin teilen zu müssen.
Es dauert nicht lange bis ich meine Kleidung aufgehangen, mich umgezogen und ein Foto, das Cara und mich mit unseren Eltern bei ihrer Silberhochzeit zeigt, aufgestellt habe. Vorsichtig setze ich mich auf das grau bezogene Bett und streiche gedankenverloren über den dunklen Rahmen. Meine Schwester und ich tragen beide lange schwarze Kleider aus Seide. Unsere blonden Haare schimmern golden. Glücklich strahlen wir in die Kamera, unsere Eltern in der Mitte. Ich seufze. Es scheint Jahre her zu sein.
Nachdem ich meinen Abschluss gemacht habe, hat Mom und Dad nichts mehr in der Stadt gehalten, sie haben mich auf die Uni geschickt, das Haus verkauft und sich Hals über Kopf auf eine Weltreise begeben. Das war vor zwölf Monaten. Zwar telefonieren wir noch ab und zu, aber ein wirklicher Teil von meinem Leben sind sie nicht mehr. Unser Verhältnis ist nie besonders eng gewesen. Jetzt, wo sie in Thailand Bambushütten bauen, und ich am anderen Ende der Welt mit meinen eigenen Dämonen zu kämpfen habe, sind sie nur noch eine Erinnerung meiner Kindheit, die ab und zu einmal anruft und fragt, ob ich schon mein erstes Hotel eröffnet habe. Nein, habe ich nicht und ich werde es auch niemals.
Es klopft. Verwundert schaue ich erst zur Tür und dann an mir herunter. Ich trage mittlerweile nur noch ein viel zu großes Hemd, das mir von einer Schulter heruntergerutscht ist, und dazu einen roten Spitzentanga. Ich dachte, dass ich für den Rest des Abends in Ruhe gelassen werde.
»Herein«, meine ich, weil mir nichts Besseres einfällt.
Augenblicklich steckt Belle den Kopf durch die Tür. »Hey«, sagt sie.
»Hey?« Ich hebe misstrauisch eine Augenbraue. Offensichtlich kommt ihr meine Gesellschaft nicht so ungelegen wie ursprünglich angenommen.
Aber anstatt etwas zu sagen, hält sie nur schweigend eine Weinflasche in die Höhe und sieht mich fragend an. Trotz meiner Verwirrung nicke ich. Genau das brauche ich jetzt.
Belle setzt sich im Schneidersitz auf den Boden, stellt zwei Gläser vor sich und lässt die dunkelrote Flüssigkeit gewissenhaft hineinlaufen. Dabei blinzelt sie nicht ein einziges Mal. Als ich das kalte Glas an die Lippen setze, macht sich sofort ein warmes Gefühl in mir breit. Dieses Mädchen hat das perfekte Timing.
»Tut mir leid für die schlechte Hausführung«, sagt sie nach einer Weile der Stille.
Schulterzuckend winke ich ab. Nichts könnte mir gleichgültiger sein als die Hausführung. »So viel zu führen gab es ja nicht.«
Daraufhin nickt sie nur und nimmt einen großen Schluck Wein. Zufrieden leckt sie sich über die rot geschminkten Lippen. Sie trägt einen weißen Strickpulli kombiniert mit einer schwarzen Skinny Jeans. Ihr Make-up ist makellos, die Nägel gefeilt und weiß lackiert.
»Du bist also Caras Schwester.«
Ist das eine Frage oder eine Feststellung? Zögernd nehme ich einen weiteren Schluck. »Ja, ich helfe ihr bei ihrem Projekt.«
Belle lacht auf. »Oh ja, das Projekt. Tolle Sache. Ganz toll.«
Verwundert hebe ich eine Augenbraue und versuche, ihren unangebrachten Sarkasmus zu verstehen. »Was hast du mit dem Projekt zu tun?«
Viel zu schnell winkt sie ab. »Gar nichts. Ich will nichts davon wissen.« In einem Zug leert sie ihr Glas.
Bemerkenswert nicke ich ihr zu. Dann tue ich es ihr gleich und halte ihr mein leeres Glas hin. Sofort schenkt sie uns beiden nach. »Du hättest nicht herkommen sollen.«
»Wieso nicht?«
»Die Leute in dieser Stadt haben nicht mehr alle Tassen im Schrank.« Gierig nimmt sie noch einen Schluck von dem roten Wein.
Wenn mich jeder hier spontan mit Wein überrascht, dann stört es mich nicht. Doch es ist der Ausdruck in Belles Augen, der mir zu schaffen macht. Die Art wie sie ihr Glas leert, wie sie lacht, wie ihr Mund sich bewegt, ihr Blick aber starr bleibt.
»Wer hat schon alle Tassen im Schrank?«, antworte ich mit einer Gegenfrage, lehne mich zurück und trinke von der herben Flüssigkeit.
Sie mustert mich nur nachdenklich. Langsam gleitet ihr Blick über meine nackten Beine zu dem weiten Hemd. »Von deinem Freund?«
Beinahe hätte ich den Wein wieder ausgespuckt. Schnell schüttle ich mit dem Kopf. »Männer sind nicht für mich gemacht.«
»Für mich auch nicht.«
Ihre perfekt geschwungenen Lippen und das makellose Aussehen verraten jedoch, dass sie in der Tat für jeden Mann gemacht zu sein scheint.
Ich spüre, wie sich die Wärme immer weiter in mir ausbreitet. Mein Hals wird trocken, mein Kopf pocht unaufhaltsam. Normalerweise werde ich nicht von ein bisschen Wein schwach.
»Was ist das für ein Wein?«, murmle ich und schließe für einen kurzen Moment die Augen. Schlechte Entscheidung. Alles dreht sich.
Jetzt steht Belle auf, kommt auf mich zu und legt ihre eiskalte Hand auf meine Stirn. Verzweifelt versuche ich, sie anzusehen, aber ihre Umrisse verschwimmen direkt vor meinen Augen. »Fuck ...« Ich spüre, wie meine Beine immer schwerer werden, will dagegen ankämpfen, versage aber kläglich.
Dann überkommt mich plötzlich ein Gefühl von Schwerelosigkeit.
Diese ... Was war das bitte für ein Wein? Rot ... Dunkelrot ... Dunkel ... Mir fallen die Augen zu.
»Schlaf schön«, flüstert Belle. Ihr einwandfrei geschminktes Gesicht taucht vor mir auf, ihre blauen Augen, die mich unentwegt mustern. Was ... Dieser Wein ... Ich fühle mich nur noch taub. Was zur Hölle hat sie mit mir gemacht?
»Miststück«, ist alles, was ich sagen kann, dann holt die Dunkelheit mich ein.
Die Luft flackert. Ich blinzle. Mein Kopf dröhnt. In der Ferne nehme ich Stimmen wahr.
»Belle, scheiße, wie viele hast du ihr gegeben?«
»Keine Ahnung, drei Stück. Vielleicht mehr. Ich wollte sicher sein, dass sie tief schläft.«
»Sie schläft nicht, du hast sie ausgeknockt.«
»Sie sah gefährlich aus.«
»Sie ist nicht gefährlich, sie ist nur irgendein Mädchen.«
»Jax, für dich ist jedes Mädchen nur irgendein Mädchen.«
»Außer Sienna.«
»Du hast nicht das Recht über sie zu reden.«
»Sie ist meine beste Freundin!«
»Rede nicht so einen Bullshit, du wolltest immer, dass sie verschwindet.«
»Im Ernst? Dir und Sienna hat die ganze Stadt gehört.«
»Eifersüchtig?«
»Verdammt, Jax, ich habe ihr nichts getan.«
»Jax, komm runter. Es ist nicht Belles Schuld.«
»Halt dich da raus!«
»Ich liebe sie!«
»Ja und jetzt ist sie weg! Wie sehr liebst du sie jetzt? Hast du irgendetwas gemacht, um sie zurückzuholen? Nein. Du scherst dich einen Dreck um sie.«
»Du bist so ein Arsch! Wir haben sie alle verloren. Nicht nur du.«
»Sie ist nicht verloren.«
»Woher willst du das wissen?! Woher willst du wissen, dass sie nicht tot in irgendeiner Gasse liegt?!«
»Du sagst, du liebst sie, aber du lässt sie im Stich!«
»Jetzt tu doch nicht so. Ihr hattet kein gutes Verhältnis. Alles, was sie dir gebracht hat, war Macht. Das war alles, wofür sie dir gut genug war. Ansehen. Autorität zeigen. Du hast dich nur um sie gekümmert, weil es zu deinem Nutzen war.«
»Wie kannst du dich nur so lächerlich machen? Sie brauchte dich! Sie hat dich gebraucht und du warst nicht da!«
»Du warst genauso wenig da!«
»Jungs, das bringt so nichts.«
»Halt die Klappe!«
»Fick dich.«
»Sorry.«
»Wo ist sie eigentlich?«
»Wer?«
»Cara.«
»Noch nicht wieder da.«
»Pass auf, dass die Schönheit nicht aufwacht.«
»Schönheit, also?«
»Eifersüchtig?«
»Schon wieder? Oh nein, nicht auf sie. Sie tut mir jetzt schon leid. Sie hätte nicht herkommen sollen.«
»Zu spät. Jetzt ist es perfekt. Wir brauchen sie.«
»Du wirst sie umbringen.«
»Das ist mir egal.«
Überall ist Finsternis.
Jemand schreit. Dann werde ich grob an der Schulter gepackt. Nach dem kurzen Schmerz legt sich wieder eine einnehmende Taubheit über meinen Körper.
»Ihr haltet sie da raus! Ihr haltet sie da gefälligst raus! Wie konntet ihr?!«
»Ruhig, Mädchen.«
»Nenn mich nicht Mädchen.«
»Ich nenne dich, wie ich will. Wegen dir ist meine Freundin verschwunden.«
»Idiot! Es war nicht meine Schuld!«
Jemand schreit.
Schlagartig öffne ich die Augen. Das Herz schlägt mir bis zum Hals, bloße Panik fließt durch meine Adern. Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren. Mit Mühe erkenne ich vage Umrisse, aber mein Gehirn lässt mich daraus keine hilfreichen Schlüsse ziehen. Ich blinzle. Wo zur Hölle bin ich?
Plötzlich ist es still.
Angestrengt versuche ich, meine Sinne zu aktivieren, aber das Gefühl von Taubheit und Schwerelosigkeit gibt mich nicht frei, übernimmt die vollständige Kontrolle über meinen Geist und Körper.
»Denver, das kannst du nicht machen.«
»Sei leise.« Die Stimme klingt dunkel und kalt.
Ein schwaches Wimmern ertönt. Automatisch schießen Blitze durch meinen Körper, erhitzen die tauben Stellen. Cara.
Langsam blinzle ich wieder. Mit jeder verstreichenden Sekunde wird die Wirklichkeit klarer. Meine Schwester steht direkt vor mir. Sie hat die Schultern eingezogen und ihre Arme eng um den zierlichen Körper geschlungen. Als sie sich zu mir umdreht, zittert ihre Unterlippe. Angst steht ihr in das zarte Gesicht geschrieben. Ihre Handgelenke sind feuerrot.
Kaum merklich schüttelt sie mit dem Kopf.
Doch ich komme ihrer stummen Aufforderung nicht nach. Endlich spüre ich meine Gliedmaßen wieder. Quälend richte ich mich auf und erkenne unter hektischen Atemzügen drei Gestalten am anderen Ende des Raumes. Belle. Das Mädchen, das mich aus irgendeinem psychotischen Grund unter Drogen gesetzt hat. Sofort blicke ich wieder zu Caras geschwollenen Händen. Mein Herz setzt aus. Scharf ziehe ich die Luft ein und mustere die beiden Männer neben Caras blonder Mitbewohnerin. Ihre Mienen sind starr, die Haltung selbstsicher. Überheblichkeit schwebt wie eine dunkle Wolke um ihre breiten Schultern.
»Wer von euch hat sie angefasst?« Meine Stimme ist heiser.
Jetzt sind alle Augenpaare auf mich gerichtet, scheinen sich regelrecht durch mich hindurch zu bohren.
»Wer von euch hat sie angefasst?«, wiederhole ich lauter und bin von der tiefen Abscheu, den mein Tonfall vermittelt, selbst überrascht.
»Schlaf weiter, Süße«, sagt einer von ihnen, klingt sichtlich genervt. Seine Haare sind dunkelbraun und fallen ihm in einigen unordentlichen Strähnen über die Stirn, seine Kieferknochen sind scharf wie Messer. Mein Herz hämmert gegen die Brust. Sofort erkenne ich ihn.
Jax.
Augenblicklich springe ich auf. Für einen kurzen Moment wird mir schwarz vor Augen, Dunkelheit droht mich einzuhüllen. Doch das Adrenalin rauscht zu sehr durch meinen Körper, als dass es mich hätte aufhalten können. Mit drei Schritten bin ich bei ihm und starre wütend in seine intensiven Augen. Mein ganzer Körper steht unter Strom. Gleichzeitig versuche ich krampfhaft, nicht zusammen zu brechen und damit jede Chance auf Vergeltung zu verlieren.
»Schöner Tanga. Spitze. Gefällt mir.« Sein linker Mundwinkel zuckt.
Meine Hand rutscht aus und verpasst ihm eine gewaltige Ohrfeige. Das provokante Grinsen, das sich daraufhin auf seinem kantigen Gesicht ausbreitet, jagt einen Pfeil direkt in mein Herz. Mir wird heiß und kalt zugleich.
Langsam sehe ich an mir herunter und fluche innerlich. Verdammt ja, ich stehe nur in Tanga und Hemd vor ihm. Ich versuche, mich zusammenzureißen. Aber dennoch laufe ich feuerrot an. Zu heftig überkommt mich der Zorn.
»Noch ein Kommentar über meine Unterwäsche und mein Knie landet in deinen Kronjuwelen«, drohe ich ihm, werfe einen kurzen Blick zu meiner Schwester, die leichenblass geworden ist. Was hat sie mit diesen Leuten zu tun?
Jax reagiert nicht auf meine Warnung, sondern beugt sich stattdessen leicht nach vorne und flüstert mir mit rauer Stimme in mein Ohr: »Ich habe doch gesagt, wir werden uns wiedersehen.«
Meine Geduld stürzt sich in diesem Moment endgültig von einer Brücke. Halbnackt stehe ich in diesem elendigen Zimmer und bin einfach nur unendlich wütend und frustriert. Die Ereignisse haben sich überschlagen. Ein Glas Wein und schon steht alles in Flammen.
Mein feuriger Blick geht zu Belle. Verärgert kneife ich die Augen zusammen. »Du hast mich unter Drogen gesetzt, Miststück!«
»Temperamentvoll. Heiß.«
Gekonnt lasse ich Jax` schamlose Bemerkung an mir vorbei rauschen und fokussiere mich stattdessen weiter auf das Mädchen vor mir, das jetzt hilflos zu den beiden Jungs schaut.
»Jetzt hab doch wenigstens die Eierstöcke und gib es zu! Wieso? Was zur Hölle habe ich dir getan?« Ich spüre, wie das Blut in Rekordgeschwindigkeit durch meine Adern rinnt. Die Ausweglosigkeit der Situation lässt mich noch wütender werden. Ohne Skrupel haben sie mich zur Zielscheibe gemacht! Ich wollte doch nur einen Neuanfang in dieser verdammten Stadt und mich nicht mit ihren Psychos von Bewohnern rumschlagen müssen! Drogen, Gewalt, Belästigung? Wo zur Hölle hat Cara mich hingebracht?
»Liberty, hör auf«, ertönt ihre verzweifelte Stimme hinter mir. Ungläubig fahre ich zu meiner Schwester herum, verenge die Augen. Ich verteidige sie! »Du lässt dich von diesen Menschen so fertig machen?« Meine Schultern beben. »Wer hat dich angefasst? Wenn du nicht zurückschlägst, dann mache ich es!«
»Das wirst du nicht.«
Mit flammenden Augen drehe ich mich zu dem zweiten Mann. Er ist älter, seine Miene starr, sein Blick eiskalt, pechschwarze Haare liegen makellos gestylt auf seinem Kopf. Eine düstere Aura umgibt ihn, die jeden in seiner Nähe erstarren lässt. Ich sehe auf seine Hand und kann mich von da an nicht mehr zurückhalten. Er muss es gewesen sein.
»Und wie ich es tue«, zische ich und hole kräftig aus. Doch bevor das genugtuende Klatschen meiner Hand auf seiner hellen Haut ertönt, schnellt Jax vor und hält sie gewaltsam fest. Ein stechender Schmerz durchzieht meinen ganzen Arm. Fest beiße ich die Zähne zusammen.
»Lass mich los«, keuche ich atemlos, aber er schüttelt nur mit dem Kopf. »Du machst eine Szene«, flüstert er so leise, dass nur ich es höre.
Mir rauscht das Blut in den Ohren. Mein Körper wird wieder schwerer. Zum ersten Mal in meinem Leben kann ich meinen eigenen Sinnen nicht vertrauen.
»Ich mache eine Szene?« Immer noch fassungslos starre ich in das viel zu schöne Gesicht dieses furchtbaren Mannes. Widerwillig schwanke ich. Voller Wut spüre ich, wie die Kraft mich verlässt. »Ihr setzt mich unter Drogen, belästigt mich, während ich nichts als Unterwäsche trage, bedrängt meine Schwester und ich mache eine Szene? Ihr seid erbärmlich.« Pure Verachtung liegt in meiner Stimme.
»Shht«, macht er, legt einen Arm an meinen Rücken, den anderen unter meine Beine und hebt mich kurzerhand hoch. Krampfhaft kämpfe ich gegen die Schwärze an, die sich wieder den Weg in mein Blickfeld bahnen will. Ich will treten und gewaltsam um mich schlagen, aber mein Körper ist schwach und seine Arme stark und bestimmend. Keiner der anderen im Raum sagt ein Wort, nicht einmal meine eigene Schwester, als er die Tür öffnet und mich in den dunklen Flur trägt.
»Lass mich verdammt noch mal runter«, murmle ich, aber es klingt lange nicht so böse wie beabsichtigt. Mit der sich nahenden Taubheit verraucht meine Entschlossenheit.
Jax lacht. Es klingt rau und männlich »Baby, deine Beine wären jede Sekunde zusammengeklappt.«
»Ich bin nicht dein Baby.«
»Ich nenne jedes Mädchen so.«
Fassungslos schüttle ich mit dem Kopf. Wo bin ich gelandet?
Am Rande nehme ich wahr, dass er eine der Türen öffnet und mich auf ein weiches, rot bezogenes Bett legt. Langsam lässt er den Blick über meine Beine gleiten, dann zu meiner erhitzten Rückseite, die durch das hochgerutschte Hemd vollkommen entblößt ist. Bei meinem Hintern hält er an und zieht scharf die Luft ein. »Trainierst du?«
»Das geht dich einen Scheiß an.«
Innerhalb einer Millisekunde ist sein Gesicht direkt vor meinem. »Ich entscheide, was mich etwas angeht, und jetzt hör auf, dich weiter aufzuspielen. Es hat keinen Sinn.«
»Wie kann man so abstoßend sein?«, entgegne ich verächtlich. Er ist mir so nah, dass ich seinen heißen Atem auf meiner Wange spüren kann. Wieder verfluche ich meine Sinne, verfluche, dass ich mich nicht bewegen und mich nicht auf ihn stürzen kann, um auf seine breite Brust einzuschlagen.
»Ich glaube nicht, dass du mich abstoßend findest, Liberty.« Seine Stimme ist rau. Noch immer ruhen seine Augen unaufhaltsam auf meinem Körper.
Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass die Begierde, die er ausstrahlt, mein Herz nicht zum Schlagen bringen würde, und ich hasse mich dafür.
»Du bist ein Arschloch«, meine ich und zwinge mich, genau die Stärke, die er mir unbedingt nehmen will, nicht abzulegen.
Jax greift nach einer meiner hellen Haarsträhnen und lässt sie langsam durch seine Finger gleiten. Dann streicht er mir sie hinter das Ohr. »Das bin ich gerne.«
Ich will ihn von mir wegstoßen. Ich will Caras Namen schreien und mit ihr aus dieser verfluchten Stadt verschwinden. Doch stattdessen halte ich still, als der Fremde vor mir leicht meinen Arm berührt und sich in langsamen Bewegungen den Weg zu meinem Schlüsselbein bahnt. Mit dem Finger streicht er darüber und sieht mich dabei an, als wäre ich ihm bereits verfallen.
Mein Bewusstsein droht mich zu verlassen. »Arschloch«, murmle ich mit letzter Kraft.
Er senkt nur den Blick und deutet auf die Gänsehaut, die sich über meinen gesamten Körper zieht. Verräter.
»Glaub mir, Liberty, du wirst mich darum anbetteln, dich anzufassen. Du wirst mich anflehen und niemals genug bekommen.« Seine Stimme ist leise, doch sie bebt. Sie klingt bestimmend, ohne jegliche Zweifel. »Als du heute dieses Haus betreten hast, hast du dein Schicksal besiegelt«, meint er rau, ehe ich in die unendlichen Tiefen der Dunkelheit gezogen werde.
Als ich aufwache, scheint die glühende Sonne direkt in mein Gesicht. Langsam blinzle ich und halte mir schützend die Hand vor die Augen. Ein unaufhaltsames Pochen nimmt meinen Schädel ein. Mein Körper zittert. Das kleine Zimmer, in dem ich mich befinde, ist menschenleer. Zögernd setze ich die Füße auf den kalten Boden und richte mich auf. Anscheinend zu schnell. Sofort überkommt mich die Übelkeit.
»Scheiße«, murmle ich, hieve mich auf die Beine und renne in den Flur. Es fühlt sich an, als würde jemand mit einem Hammer immer wieder gegen meinen Kopf schlagen, und zwar nicht auf die sanfte Art und Weise, sondern mit voller Brutalität.
»Badezimmer!«, bringe ich keuchend hervor und sprinte den Flur entlang. Verzweifelt schlage ich gegen eine Tür, reiße die nächste auf und stehe plötzlich in der Küche. »Badezimmer!«, wiederhole ich panisch.
Cara und Belle sitzen an dem runden Tisch in der Mitte. Beide starren mich nur entgeistert an. Die Übelkeit wird immer schlimmer. Ich blicke auf das Spülbecken, bin mit einem Satz davor und erbreche mich darin. Fuck. Stöhnend greife ich nach einem Trockentuch und wische mir damit über den Mund, die Hände stütze ich schwer atmend auf der Anrichte ab. Mir ist weiterhin schlecht. Außerdem droht mein Kopf zu explodieren.
»Ich brauche eine Tablette«, murmle ich erschöpft.
»Davon würde ich dir abraten.« Belle hat sich neben mich gestellt und sieht angewidert in die Spüle. Mit zusammen gepressten Lippen dreht sie den Hahn auf und lässt Wasser einlaufen.
»Stimmt, die hast du mir ja schon gegeben«, fauche ich. Endlich sortieren sich meine Gedanken, entfalten sich in ihrer ganzen Grausamkeit. Oh mein Gott! Dieses Mädchen hat mir Drogen eingeflößt, mich dann halbnackt irgendwelchen Fremden ausgesetzt und zugelassen, dass einer von ihnen mich in ein dunkles Zimmer verschleppt! Fast kommt es mir erneut hoch.
Belle zuckt mit den Schultern. »Wir hatten etwas Wichtiges zu besprechen. Du solltest nicht lauschen.«
»Wie bitte?!« Meine Stimme überschlägt sich fast. »Wie wäre es denn damit, mir zu sagen, dass ich aus der Wohnung gehen oder den Fernseher so laut drehen soll, dass ich eure geheimen Verschwörungen nicht mitbekomme, anstatt mich unter Drogen zu setzen?«
»Du musst lernen, den Mund zu halten, wenn du hier lebend wieder herauskommen willst«, sagt Belle nur trocken. »Dein Tonfall ist unangebracht. Du solltest mir danken. Je mehr du weißt, desto gefährdeter bist du.«
Fassungslos sehe ich sie an. Wie gestern sitzt ihr Make-up makellos, ihre hohen Wangenknochen scheinen die Luft zu durchtrennen. »Die Einzigen, die mich gefährden, sind du und die beiden aggressiven Männer, die du gestern in meine Nähe gebracht hast«, erwidere ich zischend, meine Nerven zum Zerreißen gespannt.
Jetzt lacht sie laut auf. »Wir sind nicht der Feind, meine Liebe. Bald wirst du dir wünschen, dass wir es wären, aber du und ich - wir sitzen genau in der gleichen Scheiße.«
»Ich sitze in gar keiner Scheiße«, entgegne ich und fahre entschlossen zu Cara herum. Ihre Stirn ist verunsichert zusammengezogen. Auch wenn sie sich bemüht, die Hände hinter dem Rücken zu halten, kann sie die blau angelaufenen Handgelenke nicht verstecken. Dieser Bastard hat sie wirklich angefasst. Mir wird wieder übel.
»Ich fasse es nicht, dass du so etwas mit dir machen lässt«, meine ich kopfschüttelnd. Dann mache ich jedoch einen Schritt auf sie zu und ziehe sie vorsichtig in eine Umarmung. Gleichzeitig atmen wir seufzend aus. Meine große Schwester scheint in meinen Armen zu zerbrechen. »Wir verschwinden aus dieser Stadt«, murmle ich und drücke sie noch fester an mich.
Sofort zieht sie den Kopf etwas zurück und sieht mich aus leeren, glasigen Augen an. »Wir können nicht aus Heatherstown verschwinden«, flüstert sie reumütig.
Verwirrt neige ich den Kopf. »Wegen deines Studiums?«
Für einen Moment zögert sie, dann antwortet sie mit leiser Stimme: »Ja, wegen meines Studiums. Ich muss die Abschlussarbeit zu Ende bringen.«
Seufzend lasse ich sie los, lehne mich gegen die Anrichte. Doch mein Blick lässt sie nicht los. »Cara, ich glaube nicht, dass dir das hier guttut.«
Sofort mischt Belle sich ernüchtert ein: »Diese Stadt tut niemanden von uns gut. Will jemand Wein?«
»Ich werde nie wieder etwas von dir annehmen. Wer weiß, ob du mich das nächste Mal vergiften willst«, erwidere ich kalt und wende mich wieder an Cara, spreche aus, was mir seit dem Aufstehen auf der Zunge liegt: »Sagst du mir jetzt, wer diese Leute sind, die mich gestern in Tanga gesehen haben?« Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Antwort überhaupt hören will.
Wieder zögert sie. »Jax Cavanaugh und Denver Lockheart«, beginnt sie zaghaft, wirkt schon bei dem Klang ihrer Namen eingeschüchtert. »Jax macht seinen Abschluss in International Management an meiner Uni. Denver gehört seit ein paar Tagen das Owl`s Keen Hotel. Vielleicht hast du es auf dem Weg in die Stadt gesehen.«
Fast hätte ich gelacht. »Owl`s Keen? Wer nennt ein Hotel bitte Totenklage der Eule?«
Cara zuckt mit den Schultern. »Irgendwie muss man die Touristen anlocken.«
»Ich finde den Namen sehr passend«, meint Belle, zieht einen der Stühle vor und setzt sich mit übereinandergeschlagenen Beinen darauf. »Das Hotel hat vorher Jax` Vater gehört. Der ist diese Woche aber leider in eine Schlinge gesprungen und hat es dem besten Freund seines Sohnes hinterlassen. Dabei wäre Jax natürlich der erste Erbe gewesen und wollte nach dem Studium dort sofort einsteigen. Ganz schön ironisch, dieses Schicksal.« Ihre Lippen verziehen sich zu einem unechten Lächeln.
Jax Cavanaugh. Ich lasse den Namen auf meiner Zunge zergehen. Ein bitterer Geschmack breitet sich aus. Als du heute dieses Haus betreten hast, hast du dein Schicksal besiegelt. Seine verhängnisvollen Worte gehen mir nicht aus dem Kopf.
»Wieso hat sein Vater sich umgebracht?«, will ich wissen, aber weder Cara noch Belle scheinen mir darauf eine Antwort geben zu können oder zu wollen. Einnehmendes Schweigen breitet sich aus. Also beschränke ich mich auf eine andere Frage und sehe meine Schwester jetzt direkt an, damit sie mir nicht ausweichen kann: »Wieso hast du zugelassen, dass ich mit ihm alleine bin?« Der Vorwurf in meiner Stimme ist kaum zu überhören.
Schuldbewusstsein zeichnet sich auf ihrem dünnen Gesicht ab. »Es tut mir leid, Betty.« Sie senkt den Kopf.
Seufzend reibe ich mir mit der Hand über das Gesicht. Mein Kopf tut immer noch höllisch weh und die Übelkeit scheint sich mit jeder vergehenden Sekunde zu verschlimmern. Doch am härtesten trifft mich der Schmerz meiner Seele, der Verletzung und Demütigung.
»Ich muss hier raus«, meine ich kurzerhand, öffne rasch den Kühlschrank, um mir eine Flasche Wasser daraus zu nehmen, und verlasse dann Hals über Kopf das Zimmer. Mit zusammengepressten Kiefern schlüpfe ich in eine schwarze enge Hose, streife mir einen roten Kapuzenpullover über und stürme in die Freiheit. Erleichtert atme ich auf, als ich vor dem beengenden Wohnblock stehe und endlich frische Luft in meine Lunge lasse.
Als ich gestern das Ortsschild passiert habe, bin ich auf ein paar entspannte Wochen vorbereitet gewesen, in denen ich mit meiner Schwester ein altes Haus renoviere und nach meinem gescheiterten Studium endlich den Kopf frei kriege. Doch jetzt sind meine Gedanken ein einziges Chaos und für einen Moment frage ich mich, ob es mir in Salwood besser ergangen wäre.
»Hey.«
Irritiert drehe ich mich um. Cara steht hinter mir, hat die Hände tief in den Taschen ihrer Jeansjacke vergraben und vermeidet es, mir direkt in die Augen zu sehen. Verdammt, sie hat so wenig mit der Frau von früher gemeinsam.
»Hey«, mache ich und kann nicht verhindern, dass ich mich schuldig fühle, weil ich die ganze Zeit über so grob zu ihr war. Cara zerbricht offensichtlich an dieser Stadt und den Leuten. Ich frage mich nur, warum sie mich nicht einweiht, warum sie nicht mit mir zusammen kämpfen will, wie wir es in unserer Kindheit und Jugend getan haben.
»Im Alando suchen sie eine Servicekraft«, sagt sie wie aus dem Nichts. »Du meintest doch, dass du unbedingt einen Nebenjob brauchst, deswegen habe ich vor deiner Ankunft einen Termin für dich abgemacht.«
Langsam nicke ich. Tatsächlich brauche ich einen Nebenjob mehr als alles andere. Seit ich bei dem Café in Salwood gekündigt habe, habe ich keine einzige Einnahmequelle und liege finanziell auf dem Trockenen.
»Hier.« Meine Schwester gibt mir den Autoschlüssel und einen Zettel mit der Adresse. »Sei vorsichtig«, fügt sie hinzu, begegnet kurz meinem Blick.
»Ist die Bar so gefährlich?«
»Liberty, hier ist alles gefährlich.« Cara schluckt. Dann öffnet sie den Mund, als würde sie noch etwas sagen wollen, schließt ihn aber sofort wieder.
Erwartungsvoll schaue ich sie an, hoffe, dass sie den Entschluss trifft, dass sie mir vertrauen kann. Aber sie enttäuscht mich.
»Es tut mir leid, dass ich dich mit reingezogen habe. Diese Woche ist plötzlich alles auf einmal passiert und dann warst du hier und ich wollte dich doch davor beschützen, aber er hat sich sofort auf dich fokussiert und jetzt ... jetzt steckst du mitten drin. Es tut mir so leid«, sprudelt es aus ihr heraus. Ihre Haltung scheint in sich zusammen zu fallen, in ihrem Blick liegt eine Hektik, die ich nicht von ihr kenne.
»Ich habe keine Ahnung, wovon du redest«, sage ich, umfasse den Schlüssel fester und gehe mit sicheren Schritten auf das Auto zu. »Sag Jax Cavanaugh, dass er mich in Ruhe lassen soll, und sag ihm auch, dass ich den roten Tanga bereits in der Mülltonne entsorgt habe.«
»Der rote Tanga?«
Ein Kribbeln durchfährt mich. »Niemals wieder werde ich rote Unterwäsche tragen.«
Das Alando ist eine kleine, stickige Bar direkt neben der Universität. Winzige Nebelmaschinen lassen helle Schwaden über die Tische gleiten, ziehen sich langsam durch mein Sichtfeld. Mehrere Lampen tauchen den Raum in ein rötlich schimmerndes Licht. Die schwarzen Tische sind in Nischen voneinander abgetrennt und geben den wenigen Gästen etwas Privatsphäre. Die rundlichen Bänke sind weich gepolstert, an einigen Stellen rissig. Der Geruch nach Rauch und hartem Alkohol liegt in der Luft, mischt sich mit einem leicht würzigen Duft.
Tief hole ich Luft und streiche mir eine Haarsträhne hinter die Stirn. Dann laufe ich mit festen Schritten auf die lange Theke zu, hinter der unzählige alkoholische Getränke in allen möglichen Farben und Ausführungen stehen. Eine schmale Tür scheint in die Küche zu führen, aus der ein junger Mann verschwitzt herausrennt. In den Händen balanciert er zwei Teller mit riesigen Burger. Sofort läuft mir das Wasser im Mund zusammen.
Kurzerhand lehne ich mich gegen die kühle Theke und hebe meinen Arm, damit die Frau dahinter auf mich aufmerksam wird.
