Whatever secrets: Rhys & Willow - S.V. Rose - E-Book

Whatever secrets: Rhys & Willow E-Book

S.V. Rose

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Beschreibung

Wir waren nie mehr als Berührungen in dunklen Zimmern, Küsse ohne Bedeutung. Es existierten bloß Leidenschaft und Hass. Und in unserem Fall war dies nicht der Anfang einer atemberaubenden Liebesgeschichte. Es war der Anfang des Wahnsinns. Im verregneten Norden Englands liegt die Tyndall University, Schauplatz rauer Romanzen und Skandale zweier seit Generationen verfeindeter Gründerfamilien. Als Rhys Tyndall nach den Semesterferien ohne seinen Freund von einer Reise zurückkehrt, wird eine Tragödie eingeläutet. Während er hartnäckig schweigt, versucht die impulsive Eiskunstläuferin Willow Stewart alles, um dem Bruder ihrer besten Freundin aus dem Weg zu gehen. Dennoch wird die Leidenschaft zwischen ihnen neu entfacht, überschattet von dem Verbrechen des Sommers. Kann Willow Rhys wirklich trauen und ist er all das Risiko wert?

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Copyright © 2024 by Rebel Stories Verlag, 89567 Sontheim

All rights reserved.

Cover: www.thaleaklein.de

ISBN: 978-3-910386-19-8 (Taschenbuch)

www.rebel-stories-verlag.com

Inhalt

Vorwort

Prolog

Einleitung Kapitel 1

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Whatever secrets

S.V. Rose

Inhaltswarnung

Whatever secrets ist eine Geschichte mit Drogen, Gewalt und Tod. Einige Szenen könnten Trigger für sensible Leser enthalten. Hierbei handelt es sich um fiktionale Elemente, die in einer fiktionalen Geschichte eingebunden sind. Die Schilderungen solcher Situationen bedeutet weder, dass die Autorin Gewalt gutheißt, noch, dass sie sie verharmlost. Wer sich bei der Beschreibung von Drogen, Gewalt und Tod nicht wohlfühlt, sollte dieses Buch nicht lesen.

Wir waren nie mehr

als Berührungen in dunklen Zimmern,

Küsse ohne Bedeutung.

Es existierten bloß Leidenschaft und Hass.

Und in unserem Fall ist dies nicht

der Anfang

einer atemberaubenden Liebesgeschichte.

Es ist der Anfang des Wahnsinns.

Vor 14 Jahren

»Eintreten auf eigene Gefahr.« Hazel lässt den Regenschirm auf den Boden fallen und schließt die imposante schwarze Tür auf. Einladend breitet sie die Arme aus und führt mich im Rückwärtsgang in das riesige Haus aus dunklem Stein. Ihre braunen Haare sind zu einem Zopf gebunden, der hin und her schwingt. Das Zuhause ihrer Familie liegt am Ende der Straße, nur der dichte, düstere Wald dahinter.

Mit offenem Mund lasse ich die Tür zufallen und mache einen vorsichtigen Schritt in den Eingangsbereich, als würde der Boden unter meinen Füßen jeden Moment nachgeben. Es riecht nach Rose und Honig, ein wenig nach feuchter Erde, die bestimmt unter unseren Schuhsohlen klebt. Mit kribbelnden Fingerspitzen lege ich den Kopf in den Nacken. Die Decken sind unfassbar hoch! Langsam sehe ich mich um. Rote Rosen stecken in großen Vasen und ein riesiger schwarzer Teppich schmückt den Boden.

Hazel bleibt stehen. Unsicher beißt sie sich auf die Lippe. »Du musst sagen, wenn du es blöd findest und lieber woanders hinmöchtest.«

»Nein«, sage ich sofort und lächle. Hazel und ich waren in einer Kindergartengruppe, haben aber nie viel zusammen gespielt. Doch gestern war der erste Schultag und die Lehrerin hat uns nebeneinandergesetzt. Wir konnten die ganze Stunde nicht aufhören zu reden. Deswegen hat sie mich eingeladen. Zu sich nach Hause. Meine Mutter ist davon nicht begeistert. Sie meint, dass die Tyndalls ein schlechter Umgang sind. Aber Hazel und ich sind auf dem Weg, echte Freundinnen zu werden. Und Mum kümmert es sonst auch nicht, was ich mache.

»Wohnst du wirklich hier?«, frage ich mit großen Augen. »Das Haus ist so groß und ...« Langsam sehe ich mich um. »Schwarz.« Das Schwarz passt nicht zu dem süßlichen Geruch.

Hazel zuckt mit den Schultern. »Mum sagt, dass Schwarz wunderschön ist.«

»Ich mag Rot lieber.«

Mit dem Finger zeigt sie auf die Rosen. »Du kannst die Blumen gerne haben.«

»Quatsch.« Vorsichtig trete ich an die Vase heran, berühre eine Blüte. Neugierig taste ich weiter zu dem Stiel und ziehe erschrocken die Luft ein, als ein stechender Schmerz durch meinen Finger fährt.

»Aua.« Ein Blutstropfen fällt auf den schwarzen Teppich.

»Mum bringt dich um, Hazel«, ertönt in diesem Moment eine laute Stimme hinter mir. Dann schwere Schritte, die ich vorher nicht gehört habe.

Alarmiert fahre ich herum und starre in die Augen eines braunhaarigen Jungen, der viel größer ist als ich. Seine Haare sind nass. Die Anziehsachen trocken. Wahrscheinlich hat er gerade geduscht. Er redet mit Hazel, aber sieht mich dabei an. Ich schlucke, halte meinen blutenden Finger fest.. Hazel hat ältere zwei Brüder und eine Schwester. Der Junge vor uns muss einer ihrer Brüder sein.

»Verschwinde, Rhys.« Hazels Stimme klingt genervt. Sie zieht ein Taschentuch hervor und gibt es mir. »Willow ist mein Besuch. Sie hat sich verletzt.«

Rhys. Also der Älteste der Tyndall-Geschwister, drei Jahre älter als Hazel. Jetzt beobachtet er, wie ich in einem hastigen Atemzug das Taschentuch auf meinen Finger drücke, und hebt unbeeindruckt eine Augenbraue. »Sie blutet auf unseren Teppich.«

»Man sieht das Blut kaum.«

»Trotzdem ist es da, Hazel. Wenn ich dich schubse, tut es weh, auch wenn man nichts sieht.«

»Lass uns allein.« Verärgert stemmt sie die Hände in die Hüften. »Willow und ich werden Freundinnen. Du vergraulst sie nicht!«

Wieder sieht er mich an. Seine Augen sind braun, genau wie Hazels. »Ich bin Rhys.«

Unsicher lege ich den Kopf schief. »Ich bin Willow.«

Langsam hebt er die Hand und greift, ohne zu fragen, nach einer meiner Haarsträhnen. Gelangweilt zieht er daran. Es ziept. »Ich mag keine roten Haare.« Er lässt sie wieder los.

Ich öffne den Mund, um etwas zu sagen, aber er dreht sich schon um und verschwindet hinter der nächsten Tür. Einfach so. Mein Herz klopft, als ich die Haarsträhne selbst in die Hand nehme und vorsichtig über das Rot streiche. Tränen brennen hinter meinen Augen.

»Hör nicht auf Rhys. Er ist ein Idiot.« Hazel lächelt und löst ihren Zopf, schüttelt ihre Haare. »Gehen wir in den Garten?«

»Habt ihr eine Schaukel?« Ich weise sie gar nicht erst auf den Regen hin. Hazel liebt ihn. Und ich würde mit ihr auch im Regen schaukeln.

»Nein.«

»Eine Rutsche?«

»Nein.«

Ratlos sehe ich sie an. »Was sollen wir dann im Garten machen?«

Sie grinst und nimmt meine Hand. Ihre Haut ist kalt, aber weich. »Wir haben ein Labyrinth! Es ist supercool! Wir dürfen uns nur nicht verlaufen. Rhys würde uns bestimmt nicht retten.«

»Ich will gar nicht, dass er mich rettet«, murmle ich und lasse mich von ihr in den Garten ziehen.

Obwohl der Himmel Wassertropfen auf uns fallen lässt, rennen wir in das Labyrinth. Unsere Schuhe versinken in der nassen Erde. Regen läuft beim Lachen in meinen Mund. Die Hecken sind spitz unter meinen Fingern. Ein echtes Labyrinth! Es ist großartig.

Und natürlich verlaufen wir uns.

Keiner von uns wird dieser Stadt jemals entkommen. Wir werden uns nicht entkommen. Diese Hölle wird für immer unser Leben sein und ich liebe es.

Heute

»Ich bringe euch um.« Meine Stimme bebt, als ich zitternd mit von der Kälte trockenen Lippen und durch den Wind flatternden Haaren auf dem Holzsteg stehe. Es riecht nach Kiefern, Rinde und abgestandenem Wasser. Meine Hände berühren weiche Haut, weil meine Finger sich in die von Lysander und Hazel Tyndall haken. Ich trage nichts als meine verdammte Unterwäsche. Knallrot und aus Seide, doch das sieht man in der Dunkelheit nicht. Ich könnte also genauso gut in einem Baumwollschlüpfer sterben.

Lysanders Griff wird fester. »Wenn ich jetzt rufe, springen wir.«

Ich öffne den Mund, um zu protestieren, doch er drückt nur wieder meine Hand. Als wäre das genug, um mich zu überzeugen. Als würde es reichen. Und es reicht. Wenn sich die Tyndalls etwas in den Kopf gesetzt haben, wird es durchgezogen und ich bin diejenige, die bedingungslos an ihrer Seite steht. Tag für Tag balancieren wir auf einem Drahtseil über einer gefährlichen Schlucht. Hintereinander. Wenn einer fällt, fallen wir alle. Dennoch bringen wird das Seil zum Schwanken. Chaotisch. Riskant. Gefährlich. Genau, wie um Mitternacht in einen eiskalten See zu springen, aus dem in den vergangenen Jahren vier Leichen geborgen wurden. Vier!

»Möchtest du noch einen Abschiedsbrief schreiben, Willow?« Wieder ist es Lysanders Stimme, die mich aus meinen Gedanken reißt. Wieder ist es Lysanders Hand, die meine fester drückt.

»Ich habe ein scheiß Immunsystem! Es ist eiskalt!« Meine Stimme bebt immer noch, mein Körper zittert und doch strömt pures Adrenalin durch mich hindurch.

»Es war deine Idee«, erinnert Hazel mich und macht einen Schritt nach vorne, zieht uns erbarmungslos mit sich. Das Holz knarrt. Lysander grinst. Dabei ist er der Verantwortungsvolle der drei Tyndalls.

Rhys, Hazel und Lysander Tyndall. Drei Geschwister. Zwei davon sind meine besten Freunde.

Ich realisiere Hazels Worte erst jetzt. Meine Idee? Gerade will ich zu einer Widerrede ansetzen, als ich plötzlich innehalte. Verdammt, es war meine Idee. Ich war diejenige, die im Pub auf den Tisch gesprungen und verkündet hat, heute Nacht nackt in den See zu springen. Eine Mutprobe. Eine kindische, betrunkene Idee, die mich nun wieder einholt! Zumindest bin ich nicht nackt.

»Nie wieder Tequila«, murmle ich und schwanke nach links.

»Man soll nicht lügen, Willow.« Ich höre das Grinsen in Hazels Stimme.

»Jetzt!«, ruft Lysander in diesem Moment und springt. Einfach so. Ohne Vorwarnung.

Mein Herz setzt aus. Ich stolpere. Lysander lässt meine Hand nicht los, sodass ich gnadenlos mitgerissen werde. Meine Idee, meine Idee, meine Idee ...

Ich halte die Luft an, als ich in das eiskalte Wasser eintauche. Schock und Adrenalin durchfluten meinen Körper. Die Wellen schlagen über meinem Kopf gegeneinander. Die Kälte attackiert mich wie tausend, klitzekleine Messerstiche. Meine Lungenflügel ziehen sich schmerzhaft zusammen. Ich will nach Luft schnappen, doch um mich herum ist nur endlose, eiskalte Schwärze, die es mir unmöglich macht.

Hastig bewege ich die Arme und kämpfe mich mit aller Kraft an die Wasseroberfläche. Sobald ich sie durchbreche, nehme ich einen überhasteten Atemzug, der mir durch Mark und Bein geht. Wieder Kälte. Wieder Schmerzen. Wieder Adrenalin. Alles kribbelt. Und obwohl alles an mir zittert, tobt das Blut berauschend schnell in meinen Adern.

»Das ist der Wahnsinn!« Lysanders Kopf taucht neben mir auf. In dem schwachen Mondlicht erkenne ich, wie er die Augen aufreißt und seine Haare schüttelt. »Ich liebe euch, Leute!«

Wieder schnappe ich nach Luft, halte sie im nächsten Moment an, um mich von der bitteren Kälte abzulenken. »Wahnsinn«, bringe ich hervor und spüre, wie sich ein Lächeln auf meine kalten Lippen stiehlt. »Der Wahnsinn!«

Lysander grinst. Unter der Wasseroberfläche streift etwas meinen Bauch, nur für einen winzigen Moment. Dennoch zucke ich zusammen, denke an die Leichen ... »Bitte sag mir, dass das deine Hände sind, Lys.«

»Keine Ahnung, ich spüre sie nicht mehr. Es ist arschkalt.«

»Meine Füße sterben ab.« Hazel schwimmt zu uns, die braunen Haaren kleben in nassen Strähnen auf ihrer Haut. Ihre vollen Lippen zittern.

»Raus hier«, sage ich und nehme schnell einen weiteren Atemzug, bevor ich mit zusammengebissenen Zähnen zurück zum Steg schwimme und mich daran festhalte. Das Holz ist unerwartet weich unter meinen Fingern. Wir können von Glück reden, dass der Steg nicht schon zuvor unter uns eingebrochen ist.

Hazel schwimmt neben mich und sieht mich grinsend an. Wassertropfen benetzen ihre Wimpern. »Auf ein neues Jahr an der Tyndall University.«

Meine Mundwinkel zucken. »Das zweite Jahr wird ohne mich stattfinden müssen, weil ich ab morgen todkrank sein werde.«

Lysander zeigt mir den Mittelfinger und ertrinkt dabei beinahe. »Dramaqueen.«

»Sollte das eine Beleidigung sein? Netter versuch, Lysander Tyndall.« Jetzt bin ich diejenige, die grinst. Allerdings nur bis ich versuche, meinen Körper aus dem Wasser zu hieven und dabei kläglich scheitere. Hervorragend.

Schon am nächsten Morgen kratzt mein Hals, von Fieber oder einer Lungenentzündung spüre ich bis jetzt jedoch zum Glück nichts. Außerdem bin ich trocken, warm und keine weitere Leiche auf dem Boden dieses Sees. Stattdessen stehe ich in der alten Frauentoilette der Universität und versuche, den Geruch von süßem Parfüm, abgestandenen Wasserleitungen und Papier zu ignorieren. Um mich herum ist dunkler Stein, auch die Waschbecken sind in Schwarz gehalten, die Türen der Toilettenkabinen aus Mahagoni. Das warme, gedämpfte Licht flackert, wirft Schatten auf mein Gesicht.

Ich hatte geplant, vor der ersten Vorlesung in die Eishalle zu gehen und ein paar Figuren zu üben, doch mein Körper brauchte nach der Nacht eine Extraportion Schlaf. Umso rastloser fühle ich mich nun.

Seufzend ziehe ich meinen Lippenstift nach und nehme einen tiefen Atemzug, während ich mein Spiegelbild betrachte. Die dunkelroten Haare fallen in dichten Locken über meine Schultern, die grünen Augen glänzen, als wäre ich nicht vor wenigen Stunden fast gestorben. Zufrieden lasse ich den Lippenstift in meiner Tasche verschwinden und ziehe mein langes schwarzes Kleid zurecht, das zwar eng sitzt, aber vollkommen schlicht ist. Darüber trage ich eine zerrissene Jeansjacke im Oversize-Look.

Es ist der erste Tag des neuen Unijahres und der Herbst nimmt bereits auf dem Campus Einzug. Der starke, für Nordengland typische Wind ist kalt, der Himmel unendlich grau. Die Heizungen auf dem Gelände wurden noch nicht angeschaltet, obwohl das Wetter selbst im Spätsommer eine Katastrophe war. Wir haben uns daran gewöhnt, immerhin sind wir nur wenige Kilometer von Schottland und seiner rauen Natur entfernt. Kühl und verregnet, kein einziger Sonnenstrahl. Anders kennen wir es nicht. Als würde unser Dorf das Licht in sich aufsaugen und für immer verschlucken. Bloß Dunkelheit, endlose Dunkelheit. Ich bezeichne Blackfield als Dorf, weil es trotz der Universität keine quirlige Studentenstadt ist. Stattdessen ist es ein winziges, schroffes Studentendorf. Die Tyndall University existiert nur, weil die Tyndall Familie vor Jahrhunderten durch die Gründung ihre Macht demonstrieren wollten. Steinige Gemäuer, dunkle Flure, hohe Türme. Und es gibt sie immer noch. Die Universität genauso wie die Tyndall-Dynastie. Nichts hat sich in den letzten Jahrhunderten geändert. Blackfield ist immer noch dasselbe düstere, verregnete Dorf. Seine Universität immer noch das Zuhause junger Menschen, deren Moral fragwürdig und Entscheidungen skandalös sind. Die Tyndalls stehen immer noch auf der großen Bühne, während alle anderen bloß im Publikum sitzen.

Und die jüngste Tochter ist meine beste Freundin.

Hazel Tyndall stößt mit Schwung die Tür einer der Toilettenkabinen auf und stolziert über die alten Fliesen. Wir waren schon zusammen im Kindergarten, haben uns aber erst in der Grundschule angefreundet. Auf der weiterführenden Schule hat sich diese Freundschaft zu einem der wichtigsten Bestandteile meines Lebens entwickelt. Dazu gehörte auch immer ihr Bruder Lysander, der offenste und liebenswürdigste Mensch, den ich kenne. Während der Schulzeit haben wir uns zu einer festen Einheit entwickelt, obwohl er eine Stufe über uns war. Lysander hat sich schließlich für ein Lehramtsstudium entschieden, Hazel und ich für das Kriminologiestudium, weil wir uns beide noch nicht sicher waren, wohin unser Weg gehen soll. Nun versuchen wir, uns an der Tyndall University verzweifelt über Wasser zu halten. Das Studium ist sehr theoriefokussiert, die Analyse von Verbrechen ist trockener, als ich erwartet habe. Bisher haben wir uns durch die tausenden Bücher in der alten Bibliothek gequält, uns mit kritischem Denken und akademischen Schreiben auseinandergesetzt. Die Grundlagen waren hart und meine Hoffnungen für das zweite Jahr sind groß.

Vor dem zweiten Waschbecken bleibt Hazel stehen, schiebt die Ärmel ihrer Lederjacke hoch und lässt das eiskalte Wasser über ihre Hände laufen. Ihre langen, gewellten Haare schimmern in einem warmen Braun, die schwarzen Doc Martens haben die gleiche Farbe wie ihre Jacke. In ihrem rechten Ohr steckt ein Kopfhörer, aus dem leise das neuste Lied von Florence + The Machine ertönt. Sie ist nur dezent geschminkt und hebt fragend die Augenbraue, als sie mein Starren bemerkt.

Sie dreht den Wasserhahn zu und schüttelt die Hände, sodass Wassertropfen in alle Richtungen fliegen. »Wir sind zu spät. «

»Wir sind immer zu spät, Hazel. Warum sollten wir mit Traditionen brechen?« Ich beobachte, wie sie den Kopfhörer aus dem Ohr nimmt und in ihrer Jackentasche verstaut.

Hazel trägt einen weiten Strickpulli und einen Plissierrock, ihre kniehohen Socken haben unterschiedliche Beigetöne. Aus ihrem Beutel schaut ein Collegeblock heraus, weil sie lieber auf Zetteln schreibt, anstatt auf Laptops zu tippen. Ihr Blick ist ruhig und gelassen, die Haltung selbstbewusst.

»Schwing deinen Hintern, damit es nicht zu unserer Tradition wird, Vorlesungen komplett sausen zu lassen.« In einer schwungvollen Geste öffnet sie die Tür.

Ich rolle mit den Augen und gehe an ihr vorbei. Natürlich nicht, ohne meinen Hintern zu schwingen.

Mit den Armen eingehakt laufen wir durch die alten Gänge der Universität, die einst eine mittelalterliche Burg gewesen ist, bevor sie von den Tyndalls gekauft und umfunktioniert wurde. Manchmal fühlt es sich tatsächlich an, als wären wir im Mittelalter. Unser Leben ist grau, unruhig und dunkel. Gleichzeitig majestätisch und berauschend. Man muss nur aufpassen, dass man nicht seinen Kopf verliert.

»Immer noch kein Wort von Rhys«, stößt Hazel plötzlich aus und fährt sich durch die Haare. »Er war den ganzen Sommer fort. Natürlich ist er alt genug, aber langsam reicht es mir. Meine Eltern werden Lysander und mich wegen ihm köpfen. Warum verschwindet er einfach so?«

Wie gesagt, der Kopf rollt schneller, als man blinzeln kann. Fest beiße ich mir auf die Lippe und konzentriere mich auf meine Schritte. Rhys ist Hazels ältester Bruder, ein Einzelgänger wie er im Buche steht. Die Art mysteriöser, gut aussehender Einzelgänger, der nicht schüchtern ist, sondern einfach keine Lust auf die Welt hat. Wirtschaftsstudent, Fitnessfreak, Sturkopf. Alles in einem ist Rhys Tyndall ein Wichser. Vor dem Sommer ist er mit seinem Mitbewohner nach Kroatien aufgebrochen und hat sich seitdem nicht ein einziges Mal gemeldet.

»Er war bestimmt in Las Vegas und hat geheiratet«, erwidere ich und puste mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

»Das traue ich eher Lysander zu.« Hazel atmet hörbar ein. »Willow, zum ersten Mal in meinem Leben mache ich mir ernsthafte Sorgen und ich hasse es. Ich mache mir nie Sorgen und plötzlich das hier! Es ist ätzend.«

»Es geht ihm gut. Da bin ich mir sicher«, murmle ich und seufze. Das ungute Gefühl in meinem Bauch versuche ich, mit aller Kraft zu ignorieren. Auch wenn ich Rhys nicht ausstehen kann, ist er immer noch Hazels Bruder und wir kennen uns seit Jahren. Genauer gesagt, kennen wir uns besser, als wir es sollten. Sie hat recht. Es ist verdammt seltsam, dass Rhys über den ganzen Sommer hinweg seiner Familie kein Lebenszeichen gegeben hat. Weder von ihm noch seinem Mitbewohner Trevor gibt es eine Spur. Die Polizei hat den Fall nicht einmal aufgenommen, obwohl sie Hazels Vater sonst immer aus der Hand fressen. Doch die beiden Männer sind lange volljährig und können den Sommer verbringen, ohne sich melden zu müssen. Es gibt keine Anzeichen eines Verbrechens.

Hazels Eltern müssen die Füße stillhalten, auch wenn Rhys‘ Verschwinden brutale Erinnerungen hervorruft. Immerhin ist vor sieben Jahren Evelyn Tyndall, die Älteste der Geschwister, bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ihr Körper nicht mehr als ein Haufen Asche. Blackfield sucht immer noch Antworten auf ihre Tragödie. Niemand weiß, wie es zu dem Unfall kommen konnte. Niemand weiß, wohin sie überhaupt mit dem Auto wollte. Ihr Tod ist ein einziges, grausames Fragezeichen.

Rhys‘ Urlaub ist ebenfalls ein Fragezeichen. Doch es gibt genug Studenten, die beobachtet haben, wie Trevor und er in einen heftigen Streit geraten sind, bevor sie Hals über Kopf von der Bildfläche verschwunden und nach Kroatien aufgebrochen sind. Nur ein Streit. Nur eine Reise. Aber Rhys und Trevor sind keine Freunde. Sie waren immer nur Mitbewohner. Das ist es, was die anderen nicht wissen. Was nur Hazel, Lysander und ich wissen.

Hazel bleibt seufzend vor dem Vorlesungssaal stehen. »Wenn Rhys wiederkommt, bringe ich ihn eigenhändig um. Lysander und ich haben alles getan, um Kontakt zu ihm aufzunehmen. Keine Chance.«

Ich sehe ihr in die braunen Augen, wiederhole meine Worte. »Es geht ihm gut. Rhys ist ein Überlebenskünstler und ein Irrer.«

Provokant neigt sie den Kopf. »Dass du dir keine Sorgen um ihn machst, ist mir klar. Es war tatsächlich entspannt, diesen Sommer einmal nicht mitten in eurem Krieg zu stehen.«

»Wir haben keinen Krieg«, winke ich leichtfertig ab. »Wir verstehen uns bloß nicht besonders gut.« Die Worte kommen unbedacht über meine Lippen, doch sie schmecken bitter. Hazel und ich sind beste Freundinnen, aber es steht eine gewaltige Lüge zwischen uns. Ein Geheimnis, das auf meinen Mist gewachsen ist. Und es lässt mich verzweifeln, sobald ich daran erinnert werde. Genau wie jetzt. Eklig kriechen die Schuldgefühle meinen Rücken hinauf, setzen sich in meinem Herzen und Kopf fest, lösen in mir das Bedürfnis aus, laut zu schreien. Als wäre meine Lüge leiser, wenn ich lauter bin. Als würde meine Verzweiflung verschwinden, wenn ich sie ignoriere. Hazel und ich sind beste Freundinnen, aber ich bin genauso eine Idiotin wie ihr großer Bruder.

Gähnend lasse ich Hazels Arm los und betrete den Vorlesungssaal. Die Decken des Saals sind hoch und weiß verkleidet, mit winzigen, aufgemalten Efeuranken verziert. In der Mitte hängt das Familienwappen der Tyndalls, die Enden bereits ausgefranst, die Farben verwaschen. Es gibt keine einzelnen Sitze, sondern Reihen aus Holzbänken, die in einem Halbkreis angeordnet sind. Das Einzige, was uns daran erinnert, dass wir nicht plötzlich Jahrhunderte zurückgereist sind, ist der Projektor, der die erste Folie des Dozenten an die Wand wirft. Heute geht es um die Reaktion auf Verbrechen.

Hazel zieht ihre Lederjacke aus und lässt sich seufzend auf die Bank sinken, die mit Kissen ausgepolstert wurde. Bei den Studiengebühren ist dies das Mindeste. Sie legt Zettel und Stift auf den Tisch, ich meinen Laptop, was irgendwie ironisch ist, da ihr Bankaccount das Vierfache von meinem beträgt.

Ein letztes Mal sieht sie auf ihr Handy. »Immer noch keine Nachricht.«

Mir kommt ausnahmsweise kein lockerer Spruch über die Lippen. Stattdessen lege ich meine Hand auf ihre, hole tief Luft. »Ich weiß, wie ätzend es ist, sich Sorgen zu machen. Aber Rhys ist ein Einzelgänger. Es passt zu ihm, den ganzen Sommer ohne ein Wort zu verschwinden. Es gibt einen Grund, warum die Polizei kein Verbrechen vermutet, dem Fall keine Aufmerksamkeit schenkt, obwohl sie deinem Dad sonst den Dreck von den Schuhen putzen.« Ich sehe ihr in die Augen. »Es ist kein Verbrechen. Es gibt keinen Fall. Wir sollten nicht den Teufel an die Wand malen, so lange nur ein vierundzwanzigjähriger Mann Urlaub gemacht hat.«

Für einen Moment hält sie inne. Etwas Undefinierbares huscht über ihr Gesicht. Dann seufzt sie und nickt. »Du hast recht. Ich habe keine Ahnung, was mit mir los ist. Vielleicht, weil Trevor und er sich vorher so gestritten haben. Aber wir sollten uns auf das neue Studienjahr konzentrieren.«

Ich runzele die Stirn, weil sie das Thema so schnell ruhen gelassen hat. Doch ich komme nicht dazu, weiter nachzufragen, weil der Dozent in diesem Moment die Vorlesung beginnt.

»Willkommen zurück an der Tyndall University. Willkommen in Ihrem zweiten Studienjahr. Lehnen Sie sich nicht zurück, sonst werden Sie das dritte nicht erreichen.« Der Dozent, selbst Mitte fünfzig und mit grauen Haaren, lächelt. Es erreicht seine Augen nicht. Hazel neben mir stöhnt verzweifelt. Ich muss grinsen.

»In dieser Veranstaltung sprechen wir über die Reaktionen auf Verbrechen. Über Viktimisierung. Über Kontrolle und Verfolgung. Wir ziehen auch die Öffentlichkeit mit ein. Sie lernen Kriminalitätsprävention kennen und erfahren, wie wir die Opfer unseres Systems schützen können. Gibt es eine Alternative, auf Verbrechen zu reagieren? Etwas anderes als Verfolgung und Verurteilung? Welche Arten von Verbrechen rufen welche Reaktionen hervor?« Er macht eine kurze Pause. »All das sind keine separaten Disziplinen, keine einzelnen Fragen und Antworten. Nein, es hängt alles zusammen. Wir werden herausfinden, wie.«

Hastig atme ich aus und fahre meinen Laptop hoch. Hazel schlägt ihren Block auf und schreibt den Titel der Vorlesung. Im letzten Jahr hat sie sich in den Kopf gesetzt, nach dem Studium einen Master in Recht zu machen und Anwältin zu werden, in den Gerichten von England ihre Stimme zu erheben und ihre Gegner fertigzumachen. Ich selbst bin mir noch unsicher, möchte mich vielleicht auf Kriminalpsychologie konzentrieren oder sogar in den Journalismus gehen.

Die Vorlesung führt erst einmal in die Thematik ein und ist dementsprechend trocken. Die Anfangseuphorie verfliegt und irgendwann höre ich nur noch halbherzig zu. Danach versinken Hazel und ich müde in dem bunten Strom von Studenten, der die Flure der Universität wie ein Eimer Farbe überschwemmt.

Hazel studiert gerade das Plakat einer Weinprobe, als ich ihren Bruder Lysander entdecke und automatisch grinsend die Hand hebe. Als er mich erkennt, winkt er ebenfalls, wobei ihm der Ärmel seines dunkelgrünen Langarmshirts ein Stück herunterrutscht. Dann stößt er seinem besten Freund Cam in die Seite. Ein kurzes Nicken und die beiden kommen zu uns herüber. Lysanders dichte braunen Locken wirbeln um seinen Kopf, als er mich zur Begrüßung umarmt und dann Hazel an der Schulter zu sich herumdreht.

Cam lächelt verlegen. Ich beiße von meinem Müsliriegel ab und mustere Lysander, der sich von seiner Schwester löst. Im Gegensatz zu gestern ist sein Grinsen getrübt, seine Haltung ein wenig eingefallen, auch wenn er es zu verbergen versucht. Das Abenteuer im See war nur ein Funken, ein Versuch, der Realität zu entkommen.

Als Lysanders Blick auf Hazels trifft, holen beide tief Luft.

»Und?«, will sie wissen und beißt sich auf die Lippe.

»Nichts.« Lysander reibt zwei seiner Haarsträhnen zwischen den Fingern. »Kein einziges Wort.«

»Es waren zwei Monate. Rhys ist so ein Arschloch.« Hazels Stimme soll vorwurfsvoll klingen, doch es gelingt ihr nicht. Wäre Rhys hier, würden Hazel und ich ihn anschreien. Lysander und er würden sich prügeln. Die Lösung hieße Konfrontation. Doch Rhys ist nicht hier und das macht das Ganze verdammt kompliziert.

Kaum hat Hazel zu Ende gesprochen, öffnen sich auf einmal die großen Flügeltüren. Kalte Luft strömt in den alten Flur. Alle um uns herum verstummen. Man würde eine Stecknadel fallen hören. Mein Magen dreht sich um. Hazels Atem stockt. Lysander spannt die Schultern an. Cam macht instinktiv einen Schritt zurück.

Rhys Tyndall tritt herein, die Hände in den Hosentaschen versenkt. Sein Gesicht ist verschlossen, die Miene undurchdringlich.

Er ist zurück und er ist allein. Sein Mitbewohner ist nicht bei ihm.

Vor acht Jahren

Ungeduldig drücke ich auf die Klingel des riesigen, steinigen Einfamilienhauses. Eines von zweien in Blackfield, alle anderen Bewohner leben in Reihenhäusern mit winzigen Erkern. Schwere Regentropfen fallen vom Himmel und durchnässen meine dünne Sweatshirtjacke. Eine Gänsehaut breitet sich auf meinen Armen aus. Ist ein bisschen Sonne wirklich zu viel verlangt?

Als sich endlich die Tür öffnet, will ich sofort einen Schritt nach vorn machen und dem kalten Regen entkommen. Doch bevor ich einen Atemzug nehmen kann, schnellt eine Hand vor und versperrt mir damit den Weg. Ich muss nicht nach oben sehen, um zu wissen, wer mich aufhält. Trotzdem tue ich es.

»Lass mich rein, Rhys.« Meine Stimme ist nervös, mein Gegenüber von meinem dennoch bissigen Unterton unbeeindruckt. Schließlich nehme ich den Atemzug und mustere Rhys. Während ich mit meinen dreizehn Jahren mitten in der Pubertät bin, eine riesige Zahnlücke und zu lange Beine für den Rest meines Körpers habe, ist er mit seinen sechszehn kein kleiner Junger mehr. Mit starrem Gesichtsausdruck ragt er über mir auf. Er trägt ein weißes T-Shirt und schwarze Jeans, dazu eine Kapuzenjacke, ich ein rotes verspieltes Kleid. Seine Haare sind gestylt, die braunen Augen sehen mich abweisend an. Meine eigenen Haare schimmern in einem Braun, das heller als das seiner Augen ist. Das Rot ist dank einer Haartönung verschwunden.

»Du bist schon wieder hier«, stellt er fest. Seine Stimme ist in dem letzten Jahr tiefer geworden und erinnert mich daran, wie schrill meine eigene klingt.

»Lässt du mich rein?« Ich reibe mir mit klappernden Zähnen über die Arme.

»Keine Ahnung. Backt ihr wieder Muffins? Dann vielleicht.«

»Du bekommst einen Muffin,« Ich lächle ihn an. Rhys ist ein Blödmann und trotzdem klopft mein Herz rasend schnell, wenn er vor mir steht. Keine Ahnung, warum er mich nicht mag.

Er tritt zur Seite. »Schnell, bevor ich es mir anders überlege.«

»Eigentlich hast du das gar nicht zu entscheiden. Ich besuche Hazel, nicht dich!«, meine ich nun doch laut und schlüpfe schnell an ihm vorbei ins Trockene.

»Ich bin immer noch älter als Hazel.«

Ich strecke ihm die Zunge heraus. »Und Evelyn ist älter als du.«

Seine Mundwinkel zucken. »Werde erwachsen, Willow.« Dann dreht er sich um und verschwindet im Regen. Die Haustür schlägt er hinter sich zu.

Wütend balle ich die Hände zu Fäusten. Idiot! Hastig streife ich die Schuhe von meinen Füßen und suche dann meine beste Freundin in dem verwinkelten Haus. Seit wir uns in der Grundschule angefreundet haben, bin ich ständig hier, bin nur in meinem eigenen Zuhause, um meiner Mutter Gesellschaft zu leisten. Hazel ist wie eine Schwester, Lysander wie ein Bruder und Rhys ... ist einfach Rhys.

Mein Blick fällt in den großen Spiegel, der an der Wand im dunklen Flur hängt. Langsam trete ich an das Glas heran und ziehe an einer meiner braunen Haarsträhnen.

Dann strecke ich die Zunge heraus.

Heute

»Nicht sein verdammter Ernst«, hallt Hazels Stimme durch den Flur. Die Türen fallen hinter Rhys ins Schloss. Es knallt. Cam zuckt zusammen. Das Licht flackert, als wären wir in einem verdammten Horrorfilm.

Mein eigener Blick ist unentwegt auf Rhys gerichtet, blendet die restlichen Studenten um uns herum vollkommen aus. Obwohl ich instinktiv die Hände zu Fäusten balle, wird meine Brust für einen winzigen Moment warm, sinken meine angespannten Schultern herab. Gott, ist das Erleichterung? Angestrengt schlucke ich die aufkommende Emotion herunter. Rhys begegnet meinem Blick, aber seine Miene bleibt unverändert. Natürlich. Er spaziert in die Universität, als wäre er nicht zwei Monate lang verschwunden gewesen. Er kommt durch die Tür, als hätte er sich nicht vor aller Augen mit Trevor gestritten und ist nun ohne ihn zurückgekehrt. Meine Schultern heben sich wieder, meine Brust wird eng.

»Wo ist Trevor?«, spricht Lysander nach einer gefühlten Ewigkeit aus, was alle denken. Die Sorge ist aus seinem Gesicht verschwunden. Stattdessen ist dort stumme Wut.

»Ich habe keinen blassen Schimmer«, meine ich und beobachte, wie Rhys geradewegs auf uns zukommt. Doch anstatt stehen zu bleiben, läuft er an uns vorbei, als wären wir Fremde. Als wären Lysander und Hazel nicht seine Geschwister, als wäre ich nicht ... was auch immer. Er geht einfach an uns vorbei. Das Licht flackert wieder, der bittere Geschmack liegt mittlerweile auf meiner Zunge. Was zur Hölle?

»Rhys!« Wieder ist es Lysander, der als Erster die Stimme erhebt und seinen Bruder grob an dem Ärmel des schwarzen Mantels packt. Energisch bringt er ihn zum Stehen.

Fragend hebt Rhys eine Augenbraue und mustert Lysander kurzangebunden. Als wäre dies ein Tag wie jeder andere und er würde ihn bloß aufhalten. »Lysander.« Seine Stimme klingt genervt.

»Ist das dein verdammter Ernst?« Lysander bemüht sich, leise zu sprechen. Doch im Flur ist es immer noch totenstill und jeder hängt an den Lippen der beiden Brüder. Leise zu sprechen, bringt rein gar nichts. Es ist zu spät. Sie befinden sich im Scheinwerferlicht.

»Ich war im Urlaub. Dafür brauche ich nicht deine Erlaubnis.« Rhys schüttelt Lysanders Arm ab und zieht den Kragen seines Mantels hoch. Seine Haare sind ein Stück zu lang, als hätte er sie in den zwei Monaten nicht geschnitten. Doch ansonsten ist alles wie immer, die markanten, undurchdringbaren Gesichtszüge, die zurückhaltende Mimik, die Gefühllosigkeit.

»Ein fucking Lebenszeichen ist nicht zu viel verlangt.« Hazel macht einen Schritt nach vorne und starrt Rhys fassungslos an. »Wir haben uns Sorgen gemacht. Sorgen. Soll ich es dir buchstabieren?«

Rhys bleibt ruhig. »Dann ist jetzt alles geklärt und wir brauchen dieses Gespräch nicht zu führen. Hör auf, dir Sorgen zu machen. Es steht dir nicht, Schwesterherz.«

»Gott, du bist als ein noch größeres Arschloch wiedergekommen.« Die Worte verlassen meinen Mund scharf und vorwurfsvoll. Ganz wie Rhys es mir stets vorgemacht hat. Meine Augen sprühen Funken, als er sich langsam in meine Richtung dreht und mich intensiv ansieht. Es ist keine beeindruckte, gefühlvolle Intensität, sondern eine raue und kalte.

Seine Mundwinkel zucken. »Willow, das hier geht dich beim besten Willen nichts an.«

»Lass deinen Frust nicht an ihr aus«, warnt Lysander ihn sofort. »Sie hat dir nichts getan.«

»Natürlich verteidigst du sie«, entgegnet sein Bruder trocken. »Schlaft ihr noch miteinander?«

Das Licht flackert. Hazel zieht scharf die Luft ein. Ein Buch fällt zu Boden.

Natürlich verwendet er genau dieses Gerücht gegen uns. Seit Jahren vermuten die Leute, dass zwischen Lysander und mir mehr als Freundschaft ist. Sie glauben nicht, dass wir uns so nahestehen und trotzdem nicht miteinander im Bett landen. Doch es ist eine Sache, wenn Fremde dich verurteilen. Eine andere, wenn Lysanders eigener Bruder den Mund aufreißt. Das hat er nicht verdient.

»Verdammter Wichser.« Die Worte zerschneiden die Luft und meine Hand trifft auf seine Wange. So plötzlich, dass Rhys nicht ausweichen kann. Der Knall ist lauter als gedacht und genauso genugtuend wie erwartet. Die Überraschung in Rhys´ Augen noch besser.

»Das war dumm«, raunt er und spannt die Kiefermuskeln an. Der Gefühllosigkeit weicht Wut.

---ENDE DER LESEPROBE---