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Jahrelang hat Annabelle Lewis in Chicago für ihren Neuanfang gekämpft und sich ein neues Leben aufgebaut. Doch ausgerechnet Denver Lockheart lässt die Blase ihres Glücks platzen. Ohne Vorwarnung schleicht sich der kaltherzige Rebell in ihre Welt und erinnert sie an genau die Vergangenheit, die sie für immer hinter sich lassen wollte. Zwischen Verachtung, hitzigen Auseinandersetzungen und dem Wunsch, der Dunkelheit zu entfliehen, kommen sie sich entgegen aller Umstände näher. Dabei steht er für alles, was in ihrem Leben keinen Platz mehr hat und sie erinnert ihn an all die Narben, die ihn zeichnen. Als sie gezwungen sind, zurück nach Heatherstown zu kehren, setzen sie ihre verbotene Anziehung endgültig aufs Spiel und läuten ein tödliches Finale ein, das die Kraft hat, den letzten Funken Licht zu verschlingen. Die Prinzessin und der Teufel. Sie werden untergehen.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Copyright © 2022 by Rebel Stories Verlag, 89567 Sontheim
All rights reserved.
Cover: Premade - Neu Vercovert
ISBN: 978-3-910386-03-7 (Taschenbuch)
www.rebel-stories-verlag.com
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Danksagung
To Be Saved By You
S.V. Rose
Vor elf Jahren
Denver
»Jax!« Mit einem Grinsen auf dem Gesicht renne ich hinter meinem Freund und Bruder her. »Warte!«
Schlagartig wirbelt Jax herum. Seine braunen Haare fallen ihm auf die Stirn. »Du bist zu langsam, Denver.« Er läuft rückwärts und komm dann zum Stehen. »Hättest du meine Schwester nicht schon sicher, hättest du bestimmt noch keine Begleitung für den Schulball.«
»Ach, mit wem gehst du denn?«, will ich herausfordernd wissen und halte vor ihm an. »Mabel musst du nicht fragen. Sie geht mit David.«
Ein herausforderndes Grinsen stiehlt sich auf Jax' Gesicht. »Wir werden noch sehen, ob sie wirklich mit David geht.«
Ich lache auf. »Das ist typisch für dich.«
»In der Tat«, ertönt eine grimmige Stimme hinter uns. Sofort verstummen wir beide, fahren herum und blicken Will direkt in die durchdringenden Augen. Hinter mir nehme ich Jax' schweren Atem wahr. Will mustert ihn, lässt den Blick über das blaue Auge schweifen, das er ihm gestern selbst verpasst hat. Noch immer dröhnt sein Brüllen in meinen Ohren. Dabei glaubte ich, diesem grausamen Geräusch für immer entkommen zu sein.
»Will«, meint Jax abfällig, benutzt absichtlich seinen Vornamen, weil er weiß, dass es ihn zur Weißglut treibt.
Will schnaubt bloß und nickt mir zu. »Mitkommen, Denver. Lass Jax in seinem lächerlichen Schulball versinken. Wir haben Wichtigeres zu tun.«
Wichtigeres. Tatsächlich habe ich selbst absolut keine Lust auf den Schulball. Ich hasse es, zu tanzen, und ich hasse es, zu sehen, wie gierig die anderen Jungs Sienna anschauen. Sie gehört mir.
»Geh schon«, knurrt Jax und drängt sich an seinem Vater vorbei. »Ich versinke in der Zeit in meinem lächerlichen Schulball.«
Kaum ist er verschwunden, folge ich Will in sein Büro. Das Hotel ist totenstill. Schließlich ist es Februar, eine graue und stürmische Zeit, in der sich Touristen nicht in diese Gegend trauen.
Mit einem Seufzer lässt Will sich auf einen Stuhl sinken und klopft auffordernd auf den neben sich. Sofort tue ich es ihm gleich, auch wenn meine Gedanken bei Jax sind. Bestimmt schlägt er gerade in seinem Zimmer irgendetwas kaputt.
»Denver«, beginnt Will und sieht mir unmittelbar in die Augen. »Was wir jetzt besprechen, ist sehr wichtig. Du weißt, dass ich dich mit der Adoption gerettet habe, richtig? Und du weißt, was es bedeutet, dass du mit mir an diesem Tisch sitzt? Dass ich dir meine Tochter gegeben habe und mein ganzes Vertrauen in dich setze?«
»Natürlich«, meine ich, ohne unter seinem starrenden Blick einzuknicken. Ich weiß, wie viel ich den Cavanaughs schulde. Sie sind der einzige Grund, weswegen ich der Hölle meiner Familie entkommen konnte.
»Gut«, erwidert Will zufrieden. »Ich bin ehrlich zu dir. Ich habe das Gefühl, dass meine Kinder immer mehr vom rechten Weg abkommen. Ich verliere die Kontrolle über sie. Ich verachte, was sie tun. Aber du, Denver. Du bist konzentriert, fleißig und schätzt mein Vertrauen. Ich möchte dich noch mehr einbinden. Doch dafür musst du mir einen Gefallen tun.«
Fragend hebe ich eine Augenbraue. »Was für einen Gefallen?«
Ich bin mir bewusst, wie recht er hat. Während Jax und Sienna immer mehr in das Partyleben eintauchen, trinken, rauchen und Scheiße bauen, bin ich hier und durchwühle zusammen mit Will Akten, begleite ihn zu geschäftlichen Gesprächen und interessiere mich für seine Arbeit.
»Jax und Sienna sind als meine leiblichen Kinder an mich gebunden. Du bist das nicht. Du bist ein Teil dieser Familie, aber nicht unumstößlich. Deine Adoption ... Du weißt, dass ich dort nachgeholfen habe. Du trägst nicht meinen Namen. Aber du wirst etwas erschaffen, das ihn tragen wird und damit deine Versicherung ist.«
Verwirrt sehe ich ihn an, habe keinen blassen Schimmer, wovon er spricht.
»In diesem Geschäft sind die Menschen sehr traditionell eingestellt. Ich muss deine Eingebundenheit rechtfertigen und beweisen, dass du uns nicht hintergehen wirst.« Er beugt sich zu mir. Seine Gesichtszüge verhärten sich. »Du brauchst ein Kind, Denver. Ein Kind, das den Namen Cavanaugh trägt.«
Das Blut gefriert in meinen Adern. Scheiße, verlangt er gerade wirklich das, was ich denke? »Was ist mit Sienna?«, stottere ich.
»Wie oft soll ich es dir noch sagen?«, knurrt Will verärgert. »Sienna ist dein Eigentum. Du hast ihre Zügel bereits viel zu oft lockergelassen. Denkst du, ich sehe nicht, wie sie herumläuft? Was sie tut? Du musst sie kontrollieren, Denver. Sie gehört dir. Das habe ich dir gesagt, seit du in unsere Familie gekommen bist.«
Dein Eigentum.
Ich räuspere mich. »Wir haben ... Ich ...«
»Denver, enttäusche mich nicht«, raunt er bloß. »Du wirst mit ihr schlafen. Immer und immer wieder, bis du deine Versicherung hast.«
Deine Versicherung.
Tief hole ich Luft. Sienna und ich haben bereits miteinander geschlafen. Wir haben es getan und es war der Wahnsinn. Nur wenige Male, aber wenn wir es weiter tun, wenn wir nicht ...
»Ich enttäusche dich nicht«, meine ich und stehe mit einem Ruck auf. Dieses Leben ist alles, was ich habe. Ich habe eine zweite Chance bekommen, die ich nutzen werde. In meinen Ohren mischt sich mein eigenes Brüllen mit dem von Jax. Immer noch spüre ich die festen Schläge, höre das laute Geschrei. Sechs Jahre später suchen die Alpträume mich immer noch heim. Doch ich kann den Spieß umdrehen. Ich bin konzentriert und fokussiert. Ich weiß, was es heißt, zu verlieren. Deswegen möchte ich nur noch gewinnen.
Ein Kind, das den Namen Cavanaugh trägt.
Enttäusche mich nicht.
Belle
Mit zurückgenommenen Schultern und einem leichten Lächeln auf den Lippen betrete ich die geräumige Bar. Meine Hand ist fest um die schwarze Handtasche geschlungen, die Absätze meiner High Heels hallen von dem glänzenden Boden wider. Ein figurbetontes dunkelrotes Kleid schmiegt sich an meine Haut, lässt mich tief einatmen. Langsam streiche ich mir eine blonde Haarsträhne aus der Stirn, bevor ich Cleo zuwinke, die an einem der vielen Tische sitzt und gerade mit dem Kellner spricht. Lachend wirft sie ihre braunen Locken über die Schulter und deutet auf die Getränkekarte.
Bedächtig komme ich vor den beiden zum Stehen und lasse mich auf den weich gepolsterten Stuhl sinken. Höflich nicke ich dem jungen Mann zu. Finn arbeitet hier seit ich hergezogen bin, und ist ein fester Bestandteil dieses Viertels.
»Für mich einen Weißwein, bitte«, gebe ich meine Bestellung auf.
»Kommt sofort«, erwidert er und schenkt Cleo ein breites Grinsen. Dann wirbelt er herum und geht schnellen Schrittes zu der dunkel schimmernden Bar, um geschickt unsere Getränke zu zaubern.
»Endlich!« Cleo erhebt sich und drückt mich herzlich. »Ich dachte schon, du kommst nicht mehr.«
»Die Arbeit hat mich aufgehalten«, erkläre ich mit einem Seufzer und überschlage die Beine. »Nate Miller hat uns für einen Empfang engagiert, der zur Feier der Neugründung seiner Firma stattfinden soll. Der Auftrag ist riesig und darf auf keinen Fall schief gehen.«
Cleo neigt leicht den Kopf und schürzt die Lippen. »Nate Miller ist ein Arsch.«
»Ein professioneller und gut zahlender Arsch«, verbessere ich sie und lehne mich leicht zurück.
Meine Cousine schüttelt nur den Kopf und trommelt mit den Fingern auf dem Tisch. »Du arbeitest zu viel, Belle.«
»Und du zu wenig«, gebe ich schlagartig zurück. »Wie war die Ausstellung heute?«
»Scheiße«, antwortet sie mit einem Seufzer. »Kein einziges Gemälde verkauft.«
Sofort lege ich meine Hand tröstend auf ihre. »Das tut mir leid. Die Menschen in Chicago haben keinen Geschmack.«
Cleo versucht seit Monaten, sich ein Standbein als selbstständige Künstlerin aufzubauen, um ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen. Leider ist die Konkurrenz groß und die Bezahlung oft dürftig, sodass sie elendig auf dem Trockenen liegt.
Sie zuckt bloß mit den Schultern. Dabei weiß ich, wie nah ihr der Misserfolg geht. »Ich werde wohl noch eine Weile kellnern müssen.«
»Irgendwann werden sie dich entdecken«, meine ich überzeugt und sehe in Richtung des großen Kellners, der schon länger ihr Kollege ist. Es ist durchaus praktisch, dass sie hier arbeitet, weil wir uns deswegen nach dem Ende ihrer Schicht oft auf einen Drink treffen. »Bis dahin hast du Finn, der dir die Arbeitstage versüßt.«
»Ja, Finn ist niedlich«, stimmt sie mir zu und streicht sich eine Haarsträhne hinter das Ohr. Als dieser sich uns schließlich nähert und mein Glas Weißwein vor mich stellt, hält sie inne. Ihr reicht er einen glitzernden Cocktail.
»Bitte, die Damen.« Wieder grinst er bis über beide Ohren.
»Danke, Finn.« Elegant führe ich das Glas an meine Lippen. Angenehm rinnt die kühle Flüssigkeit meinen Hals hinunter, vertreibt den letzten Stress des anstrengenden Tages.
Als Event Managerin ist mein Terminkalender oft bis zum Anschlag gefüllt. Mein Arbeitgeber lässt mir keine ruhige Minute, gibt mir einen Auftrag nach dem anderen. Ich liebe meinen Job, genieße aber die Ablenkung, die meine Cousine mir schenkt.
In diesem Moment lehnt Cleo sich gähnend zurück. »Ich bin verdammt müde. Hast du die Nachbarn heute Nacht wieder gehört?« Sie schnaubt. »Wie kann man derart laut sein? Würde ich endlich mehr verdienen, könnten wir uns eine Wohnung in besserer Lage leisten.«
»Ich mag die Wohnung«, werfe ich schulterzuckend ein. »Du darfst dich nicht unter Druck setzen.«
Sie verdreht genervt die Augen. »Dieser Ratschlag kommt von dir? Du reißt dir den Arsch auf, obwohl dein Chef ein Schwein ist.«
»Ein Schwein, das meine Zukunft bestimmt«, erinnere ich sie und ziehe die flauschige Strickjacke enger um meine Schultern.
»Wie auch immer.« Cleo greift nach ihrem Cocktail und rührt kräftig darin herum. »Finn und ich wollten morgen ins Kino. Kommst du mit?«
»Nein, danke. Ich möchte nicht das dritte Rad am Wagen sein.«
»Belle …« Cleo neigt langsam den Kopf. »Vielleicht kann Finn noch einen Freund mitbringen.«
»Cleo!« Mit einem Mal springe ich auf, funkle sie verärgert an. »Versuchst du gerade wirklich wieder, mich zu verkuppeln? Ich brauche keinen Mann.«
»Nur ein Date«, bittet sie mich und sieht mich aufmunternd an. Langsam senkt sie ihre dichten Wimpern. »Du bist seit fast drei Jahren in Chicago und hast dich nicht einmal gehen lassen.«
»Ich habe es nicht nötig, mich gehen zu lassen«, zische ich. »Alleine geht es mir hervorragend.«
Meiner Cousine entweicht ein Seufzer. »Ich dachte nur, dass es dir guttun würde.«
»Nichts, das jemals mit einem Mann zu tun hatte, hat mir gutgetan.«
»Finn kann auch eine Freundin mitbringen.«
»Cleo, ich sagte, kein Date«, meine ich beharrlich und würde am liebsten Hals über Kopf aus der Bar stürmen, weil sie immer noch stur bleibt.
Zu meinem Glück senkt sie aber nun den Blick, bevor sie mich wieder aus blauen Augen ansieht. »Tut mir leid, okay?«
»Wie auch immer«, wiederhole ich ihre Worte, bevor ich herumschwenke. »Ich gehe kurz auf die Toilette.«
Mit festen Schritten dränge ich mich durch die Tischreihen, lasse meinen Blick über die bunte Dekoration schweifen. Tief atme ich durch und versuche, meine Schultern zu lockern. Natürlich wünscht sich Cleo, dass wir zusammen auf Dates gehen und abends über Männer quatschen. Es war schon immer ihr Traum, dieses Leben mit mir zu führen.
Aber meine Cousine hat auch niemals in Heatherstown gelebt.
Wütend rausche ich in den nächsten Flur und stoße mit voller Wucht die schwarze Tür zu der Damentoilette auf. Laut prallt sie gegen die Wand. Das Licht in dem kleinen Raum ist gedämmt. Die Spiegel glänzen, fangen mein Abbild spielerisch ein. Seufzend stütze ich die Hände auf den Rand des Waschbeckens und mustere meine feinen Gesichtszüge, die rote Farbe, die auf meinen Lippen liegt. Meine Schminke sitzt makellos und verleiht mir in ihrer dezenten Art doch einen natürlichen Ausdruck.
»Kein Date«, flüstere ich und reibe mir mit der flachen Hand über die Stirn.
Mit einem Ruck stoße ich mich ab und drehe den Wasserhahn auf. Langsam lasse ich das kühle Nass durch meine Finger rinnen. Erleichtert atme ich auf. Dann trockne ich meine Hände rasch ab, bevor ich wieder den Türgriff erfasse und mit neuer Energie in den Flur trete.
Doch kaum habe ich den ersten Schritt gemacht, halte ich schlagartig inne. Innerhalb von Sekunden setzt mein Atem aus. Ich erstarre. Eine ungeheure Kälte zieht sich durch meinen ganzen Körper, drängt sich in jede einzelne Faser. Hastig schnappe ich nach Luft, stütze mich mit der Hand im letzten Moment an der Wand ab, bevor ich zu Boden stürze.
Die heile Welt um mich herum bricht zusammen, lässt mich in ihren grausamen Trümmern zurück.
Du musst ihr dreckiges Geheimnis nicht länger bewahren.
Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Mein Puls schnellt in eine schwindelerregende Höhe.
Ihr alle habt diese Stadt zu dem gemacht, was sie ist.
Atemlos blinzle ich, spüre, wie sich ein tonnenschweres Gewicht auf meine Brust liegt, mich zu ersticken droht.
Spiel noch für ein paar Tage meine Hure und dann kannst du verschwinden.
Ich spüre die kalten Hände auf meiner Haut. Das Zittern meines Körpers.
Du kannst rennen, soweit du willst.
Krampfhaft halte ich mich aufrecht, stoße einen schweren Atemzug aus. Doch egal, wie lange ich den Mann vor der Theke anstarre, er bleibt der Todesengel, als den ich ihn in Erinnerung habe.
Er sieht anders aus. Die sonst so ordentlich gestylten Haare, liegen nun zerzaust auf seinem Kopf, schimmern pechschwarz in dem dämmrigen Licht. Seine Haut, die immer makellos blass gewesen ist, ist nun von dunkler Tinte überzogen. Mehrere Tattoos zieren seine starken Arme. Der Anblick ist so ungewohnt, dass ich instinktiv stocke. Noch nie habe ich diesen Mann ohne ein elegantes Hemd gesehen. Jetzt trägt er eine dunkle Lederjacke, die sich um seine, in den letzten Jahren muskulöser gewordenen, Arme schmiegt.
Doch wie früher strahlt er eine ungeheure düstere Aura aus. Er scheint die Menschen um sich herum in einen finsteren Rausch zu ziehen und den Raum um mehrere Grade kälter werden zu lassen. Langsam beugt er sich über die Theke, raunt Finn etwas zu, woraufhin dieser schnell beginnt, zwei Biere zu zapfen. Zufrieden lehnt sein Gegenüber sich zurück. Die Miene ist starr, die Bewegungen sind kühl.
Mein Mund ist staubtrocken. Jeder Atemzug fällt mir schwer.
Denver Lockheart.
Was zur Hölle macht er in Chicago?
Fest drücke ich mich gegen die Wand, möchte auf keinen Fall, dass er mich entdeckt. Sein Auftreten wirbelt alles auf, das ich die letzten Jahre krampfhaft verdrängt habe. Die Vergangenheit stürzt wie eine Lawine auf mich ein. Heatherstown begräbt mich wieder unter sich. Die Machtspiele, die Lügen, die Untreue, die Morde. Brutal schlagen die Erinnerungen auf mich nieder. Siennas unterkühltes Lächeln. Jax' bittere Wutausbrüche. Denvers verächtlicher Blick. Diese Stadt hat mich Stück für Stück, Jahr für Jahr in die Knie gezwungen. Demütigung und Angst ziehen sich quälend langsam durch meine Adern.
Natürlich weiß ich, dass ich in Heatherstown oft ein Biest gewesen bin. Zu den anderen Menschen bin ich genauso gewesen, wie Sienna, Jax und Denver es zu mir gewesen sind. Ich war ein Teil von ihnen. Und es hat mich getötet.
Tief hole ich Luft, zwinge mich angestrengt, meine Atmung zu normalisieren. All das gehört einer Vergangenheit an, die ich mit aller Kraft hinter mir lassen wollte. Vergangenheit. Verfluchte Vergangenheit.
Vorsichtig sehe ich wieder zur Theke. Denver stößt mit seinem Freund an, der ebenfalls eine Lederjacke trägt. Sein Gesicht ist genauso starr, wie ich es von ihm gewohnt bin. Doch seine Erscheinung irritiert mich. Die Tattoos, die Jacke, all das passt nicht zu dem eiskalten Denver Lockheart.
In all den Jahren habe ich nicht einmal zurück zu den Menschen geblickt, mit denen ich beinahe untergegangen wäre. Anfangs dachte ich sogar, dass Denver damals bei der Schießerei im Revolution gestorben ist. Der Krieg zwischen Sienna, Kyle und ihm musste mit Toten enden. Meine ehemalige beste Freundin scherte sich nicht um ihren Ex-Verlobten, hoffte, dass ihn eine Kugel durchbohrt hatte.
Doch er ist lebend aus der Hölle herausgekommen. Und jetzt ist er hier. In meiner Stadt, mitten in meinem Neuanfang. Denver steht in meiner Lieblingsbar und erlaubt es sich, all die Brutalitäten wieder aufzuwirbeln.
Mit einem Ruck stoße ich mich von der Wand ab und laufe den Flur mit zitternden Gliedmaßen entlang. Sofort verfluche ich die lauten Absätze meiner High Heels. Denver darf auf keinen Fall in meine Richtung sehen. Er kann mich nicht entdecken, soll eine grausame Illusion dieses Abends bleiben.
So schnell wie möglich schlage ich nach links ein, stürze an der Theke vorbei, ohne mich auch nur einmal umzudrehen. Cleo wird mich umbringen, wenn sie später nach Hause kommt, aber für sie habe ich gerade keinen Kopf. Ich muss einfach nur weg von diesem Ort, weg von diesem tödlichen Mann, der mir mehr als einmal den Mund verboten und mich quälend langsam ausgesaugt hat.
Mit ganzer Kraft stoße ich die Tür nach draußen auf, platze in die finstere Nacht. Schnell nehme ich einen hastigen Atemzug, starre in den mit funkelnden Sternen besetzten Himmel. Die Luft ist eisig, der Wind stark, treibt mir alle Gefühle aus dem winzigen Rest meiner Seele, den Heatherstown mir gelassen hat.
Die Bestialität meiner Vergangenheit kollidiert mit dem Glück der Gegenwart. Chicago ist mein Zufluchtsort gewesen. Mein Zuhause. Die Stadt, in der ich mich von Grund auf neu aufgebaut habe.
Aber in diesem Moment bringt Denver Lockheart alles zum Einstürzen.
Denver
Mit dem Rücken lehne ich mich gegen die Theke. Zed gestikuliert wild mit den Händen und erzählt mir irgendwas, aber ich nehme ihn überhaupt nicht mehr wahr. Mein Körper ist wie erstarrt. Alles scheint taub zu sein. Mein Blick ist unentwegt auf die blonde Frau gerichtet, die mit überschlagenen Beinen an einem der Tische sitzt und dankbar lächelt, als der Kellner ihr einen Weißwein serviert. Ein enges, dunkelrotes Kleid bedeckt ihre Haut, eine flauschige Strickjacke ihre Schultern. Sie hat zugenommen, wirkt weniger dürr und zerbrechlich - und glücklich.
In meinem ganzen Leben habe ich diese Frau niemals glücklich gesehen.
Doch hier sitzt sie. Annabelle Lewis. Im verdammten Chicago, in genau der Bar, in der Zed und ich gelandet sind. Tausende Kilometer entfernt von Heatherstown und lacht herzlich mit ihrer Freundin.
Schlagartig nehme ich einen tiefen Atemzug, beobachte, wie sich ihr Blick innerhalb von Sekunden verhärtet. Anscheinend hat sie nichts von ihrer Reizbarkeit verloren. Angestrengt presst sie die Lippen zusammen, bemüht sich offensichtlich, nicht an die Decke zu gehen. Leise zischt sie irgendwas, bevor sie sich mit einem Ruck erhebt und mit so viel Selbstbewusstsein durch die Bar schreitet, dass ich überrascht eine Augenbraue hebe.
Belle ist zwar immer überheblich gewesen, hat jedoch nie ein derartiges Vertrauen in sich selbst ausgestrahlt. Ihr fester Gang, der wilde Blick, die gekräuselten Lippen, all das verleiht ihr eine faszinierende Eleganz, die ich vorher noch nie bei ihr bemerkt habe. Sie ist derart in sich selbst vertieft, dass sie einfach an mir vorbeistürmt, ohne mich auch nur ansatzweise wahrzunehmen.
»Denver?« Zed stößt mich ungeduldig mit dem Arm an. »Was meinst du?«
»Bin begeistert«, knurre ich und sehe mit schnell schlagendem Herzen zu, wie Belle in der Damentoilette verschwindet.
Zed schnaubt verärgert. »Du hast mir überhaupt nicht zugehört, Mann.«
Genervt verdrehe ich die Augen und wende mich ihm zu. »Wie gesagt, ich bin begeistert.«
»Dich begeistert rein gar nichts«, erwidert mein Freund trocken und lehnt sich über die Theke. »Können wir sofort bestellen?«
»Einen Moment.« Der schlaksige Kellner läuft rot an und beginnt, wie wild mit den Gläsern zu hantieren.
Langsam beuge ich mich zu ihm, senke die Stimme, sodass sie keinen Widerspruch duldet. »Zwei Bier. Jetzt.«
Nervös nickt er, stellt die Gläser beiseite und betätigt rasch den Zapfhahn. »Klar.«
Zufrieden nehme ich den Kopf wieder zurück. Zed schüttelt nur amüsiert mit dem Kopf. »Keine Ahnung, warum die Menschen auf dich immer besser hören.«
»Autorität«, ist meine einzige Antwort.
Im nächsten Moment reicht der Kellner uns schon die Biergläser, zwingt sich zu einem Lächeln, wobei er es vermeidet, mir in die Augen zu sehen. Feigling.
»Auf das Leben«, verkündet Zed feierlich und stößt sein Glas gegen meines.
»Auf den Tod«, raune ich und erwidere die Geste, ohne mit der Wimper zu zucken.
Zed grinst und hebt die Schultern. »Wie man es nimmt.«
Doch anstatt meine Aufmerksamkeit weiterhin ihm zu schenken, drehe ich mich wieder um. Gerade noch erhasche ich einen kurzen Blick auf Belle, die die Toilette mittlerweile wieder verlassen hat. Mit gesenktem Kopf rauscht sie an der Theke vorbei, zieht die Strickjacke so eng um sich, dass der Stoff sie zu ersticken droht. Ihr Gesicht ist plötzlich leichenblass. Fast ist es, als würde ich ihren schnellen Atem in meinen eigenen Ohren hören. Ohne sich von ihrer Freundin zu verabschieden, verlässt sie Hals über Kopf die Bar.
Es überrumpelt mich, sie hier zu sehen, erwischt mich eiskalt. Alles an ihr erinnert mich an Heatherstown. An Sienna. An meine bittere Vergangenheit, die mir einst eine atemberaubende Zukunft versprach. Doch anstatt in einem Anzug vor einem Schreibtisch zu sitzen und ein erfolgreiches Hotel zu leiten, stehe ich in Lederjacke in einer winzigen Bar und trinke auf den Moment. Oder das Ende? Zumindest nicht auf die Zukunft.
Wütend balle ich die Hände zu Fäusten. Für eine Sekunde lasse ich mich zurück katapultieren. Zurück in die ganze Scheiße, die passiert ist. Meine Arme werden mir brutal auf den Rücken gedreht. Eisiges Wasser spritzt auf meinen entblößten Rücken. Erbarmungslos treffen die Fäuste mein Gesicht. Mein Kopf schlägt auf dem Boden auf. Wieder und wieder. Ich sehe rot. Frostig schließen sich meine Hände um die Gitterstäbe. Kyle Walker sitzt gefesselt auf einem Stuhl. Wie immer funkeln seine Augen spöttisch, obwohl er im Begriff ist, sein jämmerliches Leben zu verlieren. Ich drücke Sienna mit voller Wucht gegen die Wand, genieße, wie der Schmerz in ihren blauen Augen aufblitzt. Sie flucht. Sie schreit. Sie verhöhnt mich. Ich brülle. Ein Messer in meinem Rücken. Pistolenkugeln in der Luft. Überall Blut. Blut und Dreck. Schmutz, auf dem sich meine armselige Exfreundin mit ihrem Monster ein Schloss baut, während ich auf allen vieren hindurchkriechen muss. In mir ist nichts mehr außer Wut. Pure, grausame Wut.
Nichts. Nichts.
Wut.
Nichts.
»Denver, verdammt!« Zed boxt mir kräftig in die Seite.
Krampfhaft blinzle ich, verlasse meine brutalen Erinnerungen.
»Wir können zu meinem Bruder«, wiederholt sich Zed und stellt sein inzwischen leeres Bier auf die Theke. »Er ist ein Arsch, aber er hat eine Wohnung mit genug Platz. Nur vorübergehend.«
»Meinetwegen.« In einem Zug leere ich mein Bier, stelle das Glas schwankend ab. »Lass uns hier verschwinden.«
Mit diesen Worten bezahlen wir und lassen die kleine Bar hinter uns. Chicago sollte unser Neuanfang werden. Aber wie soll das möglich sein, wenn Annabelle Lewis in dieser Stadt lebt?
Zeds Bruder wohnt in einer der angesehenen Gegenden von Chicago. Schneeweiße Häuser reihen sich aneinander, erstrahlen vor dem grauen Himmel. Mit jeder Minute, die vergeht, zieht sich die Wolkendecke stärker zusammen. Bald werden sich Regenmassen über die Stadt ergießen.
Mit einem Schnauben komme ich neben Zed zum Stehen und stelle den Motor meines Motorrads ab. Langsam schwinge ich ein Bein herüber und mustere mit zusammengepressten Kiefern das imposante Haus vor uns. Die verputzten Gemäuer und die riesige Garage schreien geradezu nach Wohlstand. Symmetrisch angelegte Hecken säumen den Weg aus Sandstein, der zu einer schwarz glänzenden Haustür führt. Schon jetzt verabscheue ich unsere neue Bleibe, würde am liebsten wieder umdrehen und verschwinden. Geld ekelt mich nur noch an.
»Ich weiß«, meint Zed seufzend und streift den Helm über seinen Kopf. Seine blonden Locken stehen in alle Richtung ab, während er entschuldigend den Mund verzieht. »Ich hasse diesen Reichtum ebenso wie du.«
Ich antworte ihm nicht darauf. Schließlich weiß er nicht, dass ich mein halbes Leben in genau solchem Reichtum gebadet habe, dass ich lange Zeit der Inbegriff von Macht war, bis alles dem Erdboden gleichgemacht wurde. Zed hat sich damit abgefunden, dass ich kaum etwas über mich erzähle. Alles, was er weiß, ist, dass ich vor drei Jahren halbtot in einer Kneipe gefunden wurde. Keiner fragte nach dem Grund, keiner nach meiner Vergangenheit. Sie wussten, dass ich Scheiße in meinem Leben gebaut hatte. Nur wussten sie nicht, wie gewaltig diese Scheiße war. Es zählte nur, dass ich Motorrad fahren konnte und mich mit Zahlen und Geschäften besser als sie alle auskannte. Also sorgten sie dafür, dass ich nicht verreckte. Und ich sorgte dafür, dass ihr Drogengeschäft wuchs. Bis wieder alles den Bach runterging.
Nebeneinander schreiten wir auf die mächtige Eingangstür zu. Räuspernd betätigt Zed die Klingel und fährt sich sichtlich angespannt durch die blonden Haare. Ehrlich gesagt, ist es mir verdammt egal, was für ein Typ sein Bruder ist. Hauptsache er lässt mich in Ruhe und wir finden schnell genug eine eigene Wohnung, bevor ich mich von dem ganzen Geld übergeben muss.
»Zed?«, ertönt eine dunkle Stimme aus der Sprechanlage.
»Ja, wir sind es.« Ungeduldig faltet mein Freund die Hände zusammen.
Im nächsten Moment schwingt die Tür auf und gibt den Blick auf das protzige Innere des Hauses frei. Ein verspiegelter Boden strahlt uns entgegen, reflektiert das Licht eines schwarz verzierten Kronleuchters. Alles ist fast ausschließlich in Schwarz und Weiß gehalten, wirkt dadurch farblos und kühl. Ich hoffe nur, dass mir hier keine Angestellten auf die Nerven gehen und mir den Hintern hinterhertragen wollen. Seit ich sterbend durch Dreck kriechen musste, hasse ich es, wenn andere irgendetwas für mich tun. Zu sehr habe ich mich mein ganzes Leben darauf verlassen, mich zurückgelehnt und Befehle gebrüllt, obwohl es doch niemand so gut konnte, wie ich selbst.
Als ich dem Tod nahe war und die ewige Finsternis sich vor mir auszubreiten drohte, wurde mir einmal mehr bewusst, dass Sicherheit nur eine Illusion ist. In dem einen Moment hast du unendlichen Reichtum, einen festen Beruf und eine Verlobte. Im Nächsten landet ein Messer in deinem Rücken und eine Kugel in deinem Bauch. Du hast nichts außer den Schmutz auf deiner Kleidung. Nichts außer die Wut in deinem Inneren.
Und es ändert verdammt noch mal nichts daran, wenn du schuldig bist.
Ich bin kein Opfer. Ich bin immer der Täter gewesen. Bis ich damit in die Hölle gestürzt bin.
»Verzieht euch nach oben«, rauscht eine laute Stimme zu uns herüber.
Gleichgültig hebe ich den Kopf und mustere den blonden Mann, der mit grimmiger Miene auf uns zukommt. Seine Beine stecken in einer beigen Hose, die absolut lächerlich aussieht. Ein weißes Hemd ziert seinen schlaksigen Oberkörper. Es ist Jahre her seit ich zum letzten Mal ein Hemd getragen habe. Nie wieder werde ich es tun.
»Es ist auch schön, dich zu sehen, Bruder«, grummelt Zed und klemmt den Motorradhelm unter seinen Arm.
Bei dem Wort Bruder halte ich für einen Moment inne, sehe Jax' kantiges Gesicht vor mir. Es ist ein kurzer Moment. Sehr kurz.
»Spar es dir«, meint Zeds Bruder nur trocken und dreht sich fast schon genervt in meine Richtung. »Ich bin Nate. Nichts anfassen.«
Beinahe hätte ich bitter aufgelacht. In seiner Überheblichkeit erinnert er mich an eine frühere Version von mir selbst. Wie besessen badet er in seinem Geld und hält sich wegen seiner Macht für etwas Besseres.
»Denver«, stelle ich mich ebenso knapp und desinteressiert vor. Mein Blick ist dunkel, scheint ihn kurz zu verunsichern. Doch sobald seine Augen zu meiner Lederjacke wandern, rümpft er die Nase und wendet sich wieder ab. Irgendwann wird er mit dieser Art gehörig auf die Schnauze fallen.
»Morgen früh habe ich Besuch. Ich will nicht gestört werden. Sorgt dafür, dass ihr schnell wieder abhaut.« Mit diesen Worten dreht er sich um und verschwindet in dem riesigen, verglasten Wohnzimmer.
Zed rollt mit den Augen, bevor er mir bedeutet, ihm die Treppe nach oben zu folgen. »Nimm es nicht persönlich.«
»Ich nehme nichts persönlich, Zed«, knurre ich und dränge mich neben ihn. Mein Rucksack schlägt gegen das Geländer. Lediglich ein paar Brote und Bierflaschen vergammeln darin. Ich bin mit nichts außer den eigenen Kleidern am Leib zu dem Motorradclub im Osten gekommen. Keine Bilder, keine Erinnerungen. All der Dreck von Heatherstown, all der Dreck von Sienna und ihrem Monster wurde zurückgelassen. Mir blieb nur mein eigenes Blut.
Seufzend führt Zed mich durch den langen Flur. Er scheint jeden Teil dieses Hauses abgrundtief zu hassen. Denn er hat für die Celts gelebt. Für ihre Wildheit, ihre Freiheit. Für eine Welt, die auch für mich einem Zuhause nahekam. Dieser Prunk vor uns hat rein gar nichts damit zu tun.
»Hier habe ich früher oft für eine Weile gepennt«, meint er und stößt die Tür ganz am Ende mit einem Ruck auf. Mit dem Finger deutet er nach rechts. »Daneben müsste ebenfalls ein Gästezimmer sein. Fühl dich wie zuhause.« Die Ironie scheint förmlich aus seiner verbitterten Stimme zu triefen.
»Morgen fangen wir an, Wohnungen zu besichtigen«, erwidere ich. Auch wenn ich alles dafür tun würde, um alleine zu wohnen, kann sich keiner von uns beiden diesen Luxus im Moment leisten.
Denn in der letzten Woche haben die Normans uns aus dem Hinterhalt angegriffen, angetrieben von einer langjährigen Rivalität. Endlich hatten wir es geschafft, ihr Drogengeschäft hochnehmen zu lassen, und uns damit selbst den ganzen Markt beschafft. Ein Ziel, auf das ich seit meiner Ankunft hingearbeitet hatte und das innerhalb einer Nacht dem Erdboden gleichgemacht wurde. Keine Ahnung, wohin es die anderen verschlagen hat. Wir sind am Leben. Das ist für mich mittlerweile das Einzige, was zählt.
»Aber sowas von«, stimmt Zed mir zu und stößt ein langes Gähnen aus. »Gute Nacht, Mann. Ich bin echt tot.«
»Gute Nacht«, meine ich, obwohl ich weiß, dass ich in dieser Nacht wie in jeder anderen ohnehin nur drei Stunden schlafen werde. Ich existiere nur noch im Moment, lebe auf einem Minimum. Schlaf bedeutet Schwäche. Schlaf bedeutet Alpträume.
Aber dieser Entzug ist mein verdammter Kick geworden.
Belle
Atemlos lasse ich mich gegen die Tür meines kleinen Zimmers sinken. Meine Beine zittern, geben völlig unter mir nach. Angestrengt versuche ich, meine Atmung zu kontrollieren, erreiche aber nur ein jämmerliches Japsen.
Wieder hat diese Stadt es geschafft. Wieder hat sie mich wortwörtlich in die Knie gezwungen. Denver hat mich in die Knie gezwungen. Allein seine Anwesenheit hat genügt, um mich die nächste Klippe mit voller Wucht hinunter zu stürzen. Nachdem alles so verdammt perfekt war.
Mit der flachen Hand reibe ich mir über das Gesicht, wehre mich gegen das Gefühl, das sich tief in meinem Inneren anbahnt. Ich fühle mich ausgelaugt und benutzt, existiere für einen Moment wieder in dieser grausamen Welt aus Lügen, Manipulation und Verrat. Wir hatten gute Tage. Sienna, Jax, Denver und ich. Wir haben gefeiert, als würde es kein Morgen geben. Die Menschen haben uns respektiert und gefürchtet, während wir gerne den Tod selbst gespielt haben. Gott, wenn ich daran denke, wie vielen armen Mädchen ich ihr Selbstbewusstsein geraubt habe. Ich liebte die Manipulation, liebte es, zu betrügen, zu verraten, zu verurteilen und Netze aus Lügen zu spinnen. Doch habe ich nicht gemerkt, dass ich meine Seele dadurch Stück für Stück verkaufte.
Wie oft habe ich meinen Körper gegeben, nur um Sienna zu helfen? Wie oft habe ich Männer in eine Falle gelockt, damit Denver und Jax sie sich vorknöpfen konnten? Es war mein Leben, diese Rolle zu spielen. Sienna und ich bezeichneten uns als beste Freundinnen, aber in Wahrheit war ich bloß eine Marionette, deren Stränge sie zog, wie es ihr gerade passte. Ich hielt Denver auf, während ich im Rücken das Stöhnen von Kyle und ihr hörte. Ich schlief mit Raphael, nur um ihr Sicherheit zu verschaffen. Ich ließ mich von Denver und Jax einschüchtern, ließ zu, dass nur ein Blick von ihnen reichte, um mich still zu kriegen. Sie respektierten mich nicht. Keiner von ihnen. Nach und nach saugte es mich aus.
Aber Chicago ist anders. Chicago ist mein Zuhause geworden. Ich habe zuverlässige Freunde, eine liebenswerte Mitbewohnerin und einen angesehenen Job, der mir eine hervorragende Karriere verspricht.
Ich bin nicht mehr schwach. Und ich ziehe nun an meinen eigenen Strängen.
Am nächsten Morgen werde ich von den weichen Sonnenstrahlen geweckt, die sich langsam den Weg in mein Zimmer bahnen. Seufzend drehe ich mich auf den Rücken und reibe mir den Schlaf aus den Augen. Mein Mund ist trocken. Meine Arme und Beine fühlen sich unglaublich schwer an.
Gähnend stehe ich auf und taumle ins Badezimmer, um mich fertig zu machen. In einer Stunde muss ich vor Nate Millers Haustür stehen und die Vorbereitungen für einen der wichtigsten Aufträge überhaupt treffen. Es ist eine Ehre, dass mein Chef mir diese Verantwortung übertragen hat. Deswegen darf es auf keinen Fall schief gehen. Die Tatsache, dass der verfluchte Denver Lockheart seit gestern in der Stadt ist, darf daran nichts ändern.
Schnell springe ich unter die heiße Dusche und putze mir die Zähne, bevor ich meine Haare sorgfältig föhne, sodass sie in glänzenden, glatten Strähnen über meine Schultern fallen. Zufrieden greife ich nach meiner Schminktasche und beginne, ein dezentes und doch ansehnliches Make-up auftragen. Dann laufe ich zurück in mein Zimmer und ziehe einen Jeansrock sowie eine weiße Bluse aus dem Kleiderschrank. Dazu kombiniere ich ebenso weiße High Heels und greife nach meiner Lieblingshandtasche.
»Guten Morgen, Verräterin.«
Überrascht fahre ich herum und entdecke Cleo, die nur in einem weiten Shirt bekleidet an der Wand lehnt. Ihr Blick ist vorwurfsvoll, wenn auch amüsiert.
»Tut mir leid«, meine ich seufzend und fahre mir mit der Hand durch die Haare. »Mir war absolut übel. Ich wollte nicht mitten in die Bar kotzen.«
Kaum hat die Ausrede meinen Mund verlassen, halte ich inne und würde am liebsten laut fluchen. Nur eine Begegnung mit meiner teuflischen Vergangenheit und die Lügen kehren zurück.
Zu meinem Entsetzen weiten sich Cleos Augen jetzt auch noch besorgt. »Aber es ist nicht wegen ...«
»Nein, natürlich nicht«, erwidere ich schnell und gehe auf sie zu, um die Hand beruhigend auf ihren Arm zu legen. Es ist verständlich, dass sie bei dieser Aussage sofort an meine Essstörung denkt, die ich mit Mühe und Not in den letzten Jahren überwinden konnte.
»Wenn du das sagst, glaube ich dir.« Cleo neigt den Kopf und zaubert ein Lächeln auf ihre Lippen. Sie ist viel zu gut für die Welt. »Und wo geht es jetzt hin?«
»Nate Miller«, antworte ich und fange augenblicklich ihren genervten Gesichtsausdruck ein.
»Wie ätzend, dass du einem wie ihn, in den Arsch kriechen muss.«
»Ich hatte oft mit Menschen wie Nate zu tun. Ich weiß, was ich mache«, gebe ich bloß schulterzuckend zurück und dränge mich an ihr vorbei. »Danach muss ich sofort ins Büro. Warte nicht auf mich. Heute Abend Chinesisch?«
»Ich kümmere mich darum.« Grinsend hebt sie die Hand und winkt. »Viel Spaß mit dem Schwein.«
Es ist noch früh, als das Taxi mich vor Nates Haus absetzt. Lächelnd bedanke ich mich, bevor ich mich mit festen Schritten auf den Weg zu der schwarz glänzenden Haustür mache. Dieser Auftrag ist für unsere Company von hoher Bedeutung. Auf keinen Fall darf ich es vermasseln. Aber ich habe in den letzten Jahren mehr als oft bewiesen, dass ich dieser Art von Aufgaben gewachsen bin. Schwierige, überhebliche Kunden tue ich mit Professionalität und einem Lächeln ab, auch wenn ich ihnen am liebsten in den Arsch treten würde.
Noch bevor ich die Klingel betätigen kann, wird die imposante Tür auch schon aufgerissen. Nates weiße Zähne strahlen mir entgegen. »Annabelle Lewis. Ich wusste, dass sie dich schicken würden.«
»Guten Morgen, Mister Miller«, begrüße ich ihn, obwohl er mir in der Vergangenheit mehr als einmal das Du angeboten hat. Wenn ich mit ihm direkt spreche, verfalle ich jedoch immer in alte Muster der Höflichkeit. Außerdem ist es definitiv vorteilhaft, da er sich auf diese Weise sofort in seiner Arroganz bestätigt sowie geschmeichelt fühlt.
»Nenn mich Nate«, sagt er wie jedes Mal und macht einen Schritt zur Seite, damit ich eintreten kann.
Der polierte Boden spiegelt sich unter meinen Füßen. Die Eingangshalle präsentiert sich mir in einem kühlen Schwarz und Weiß.
Langsam führt Nate mich in das geräumige Esszimmer und zieht einen der Stühle für mich zurück. »Setz dich.«
Am liebsten würde ich die Augen verdrehen. Nate Miller ist sicherlich alles, jedoch kein Gentleman. Hätte mein Chef einen männlichen Mitarbeiter oder eine Frau mit einem weniger charmanten Outfit ausgewählt, würde er denjenigen wie Dreck behandeln. Eine Tatsache, die mich ziemlich ernüchtert. Denn ich beharre im Inneren darauf, dass ich den Auftrag ausschließlich wegen meiner hohen Kompetenz erhalte. Nicht weil ich einen kurzen Rock trage.
»Ich habe bereits einen Plan erstellt, der den Abend genau strukturiert«, erkläre ich ihm und ziehe eine Mappe aus meiner Handtasche. »Am besten schaust du ihn dir heute einmal in Ruhe an. Morgen können wir telefonieren und noch einmal alles besprechen.«
Nate nickt und zieht die Mappe zu sich herüber. Schnell überfliegt er den Plan und sieht zum Glück sehr zufrieden aus.
Ich lächle. »Der Beginn mit dem Sektempfang ist toll, damit die Kunden und Besucher sich in einer lockeren Atmosphäre kennenlernen. Mit der schlichten, aber eindrucksvollen Dekoration wecken wir das Interesse, das du mit deiner anschließenden Rede halten wirst. Die harten Fakten gehören jedoch nicht auf die Bühne, sondern sollten in späteren Einzelgesprächen auf den Tisch gebracht werden.«
»Ich weiß, wie ich Kunden anlocke, Liebes«, erwidert er und lehnt sich zurück. »Aber deine glitzernde Hülle gefällt mir.«
Fest presse ich die Lippen zusammen. Meine Planung besteht aus weitaus mehr als bloß einer glitzernden Hülle. Meine Ideen retten Events wie dieses vor der Überheblichkeit der Veranstalter.
Bevor ich jedoch antworten kann, wird plötzlich die Tür aufgestoßen, die von der anderen Seite in den Raum führt. Schlagartig wirble ich herum und würde am liebsten laut schreien, als ich erkenne, wer seelenruhig durch den Rahmen schreitet.
Der Erste der beiden Männer hat blonde Locken, die in einzelnen Strähnen von seinem Kopf abstehen. Tattoos zieren seine gebräunte Haut. Seine Lippen sind zu einem amüsierten Grinsen verzogen, als er in die Küche schreitet und wie selbstverständlich den Kühlschrank öffnet.
Hinter ihm läuft ein größerer Mann mit schwarzen Haaren. Bei seinem Anblick wird mein Hals trocken. Widerwillig beginne ich, zu husten. Das kann verdammt noch mal nicht wahr sein.
Denver ist nur mit einer dunklen Jogginghose bekleidet. Sein Oberkörper ist entblößt, gibt den Blick auf unzählige Tattoos frei, die sich wie Adern über seine Haut ziehen. In leichten Atemzügen hebt und senkt sich seine Brust. Er ist viel muskulöser, als ich ihn in Erinnerung habe. Andererseits habe ich ihn noch nie oberkörperfrei, sondern immer nur in einem schicken Hemd gesehen. Seine Haare sind nass und zerzaust, fallen ihm auf die Stirn. Die Hände hat er tief in den Taschen vergraben, als er wie erstarrt stehen bleibt und den Blick über mich schweifen lässt.
Ist er sonst immer mit dem Luxus und Reichtum um ihn herum verschmolzen, schien eins mit der imposanten Macht zu sein, wirkt er nun unglaublich fehl am Platz. Wie früher umgibt ihn eine eindrucksvolle Dunkelheit, eine respekteinflößende Kälte. Doch strahlen die unordentlichen Haare, die Tattoos und die nackte Haut nun ein Temperament, eine Rebellion aus, die mich stocken lässt.
»Ist das euer Ernst?« Wütend springt Nate auf, wobei sein Stuhl nach hinten umkippt und mit einem lauten Knall auf dem Boden aufkommt. Finster starrt er den Mann am Kühlschrank an. »Ich sagte, dass ich heute Morgen Besuch habe! Verschwindet, bevor ihr meinen Ruf ruiniert.«
»Deinen Ruf wirst du früher oder später ganz alleine ruinieren, Bruder«, erwidert der Blonde und nimmt sich einen Energy Drink. »Danke für die Verpflegung.«
Während Nate aussieht, als würde er jeden Moment an die Decke gehen, kann ich den Blick nicht von Denver lassen. Der arrogante und überhebliche Ex-Verlobte meiner verruchten besten Freundin. Der Mann, der der Meister der Lügen und Manipulationen war. Der Jax hintergangen, mir den Mund verboten, Sienna betrogen und Kyle beinahe getötet hat. Aber von dem Mann in dem weißen Hemd scheint nicht mehr viel übrig zu sein.
Meine Hände beginnen zu schwitzen, während ich in seine blauen Augen blicke, die mich auf meinem Stuhl festzuhalten scheinen. Warum zur Hölle kann ich ihm nicht entkommen?
»Raus, Zed«, knurrt Nate und wirft mir einen entschuldigenden Blick zu. »Tut mir wirklich leid, Annabelle.«
Mit aller Kraft kämpfe ich gegen meine Starre an. »Ich muss kurz auf die Toilette«, meine ich in einem schweren Atemzug, bevor ich mich mit einem Ruck erhebe. Beinahe wäre mein eigener Stuhl ebenfalls nach hinten gekippt. Verdammt, ich muss mich zusammenreißen. Dieser Auftrag ist wichtig. Trotzdem kann ich nicht verhindern, dass mich ein tonnenschweres Gewicht runterzudrücken scheint.
Ohne Denver eines Blickes zu würdigen, dränge ich mich an ihm vorbei. So nahe, dass unsere Arme sich für einen Moment berühren. Schlagartig zucke ich zusammen. Der Geruch seines herben Shampoos mischt sich mit meinem süßlichen. Er überragt mich in seiner Größe, sorgt dafür, dass ich mich zum ersten Mal seit Jahren wieder winzig klein fühle.
Schnell gehe ich weiter, ziehe scharf die Luft ein und stolpere durch den breiten Flur. Hastig reiße ich die Badezimmertür auf, taumle in den kleinen Raum und stütze die Hände auf dem Waschbecken ab. »Ich bin nicht mehr schwach«, flüstere ich zu mir selbst. »Nicht schwach. Nicht schwach.«
In diesem Moment wird die Tür erneut aufgestoßen. Instinktiv weiche ich zurück, pralle mit dem Rücken schmerzhaft gegen die Dusche.
Mit schweren Schritten tritt Denver durch den Rahmen, lässt die Tür hinter sich zufallen. Sein Blick ist dunkel. Seine Mundwinkel zucken. »Belle.«
»Wenn du mir zu nahe kommst, schreie ich«, erwidere ich und zwinge mich, die Schultern nicht einzuziehen. Es ist ein Instinkt, mich in seiner Nähe klein zu machen. Aber wir sind nicht in Heatherstown. Wir sind in Chicago und das hier ist meine Stadt.
»Glaub mir, Nate ist so ein Arsch, er würde dein Schreien genießen und herkommen wollen, um uns zuzusehen«, gibt Denver mit rauer Stimme zurück und verschränkt die Arme vor der Brust. Kräftig treten seine Muskeln bei der Bewegung hervor.
»Uns zusehen? Hier gibt es nichts zu sehen.« Mein Atem geht rasend. Denver muss nicht wissen, dass ich seit Jahren keinen Mann an mich herangelassen habe. »Wenn du mich entschuldigen würdest.« Ich will mich an ihm vorbeizwängen, aber seine Hand schnellt vor und drückt mich bestimmend zurück.
»Was machst du in Chicago?«, will er trocken wissen.
»Arbeiten«, zische ich bloß und mache wieder einen Schritt zurück, um ihm nicht so nahe sein zu müssen. Seine nackte Brust glänzt in dem weichen Licht. Die Tattoos scheinen zu tanzen, machen ihn lebendig, obwohl alles an ihm schon immer tot gewirkt hat.
Er seufzt. »Du bist immer noch genauso reizbar wie früher.«
»Wie früher? Es ist drei Jahre her.« Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Denvers Präsenz macht mich nervös, unsicher. Zu sehr muss ich an all die Scheiße denken, die er getan hat. An die Momente, in denen er mich wie Abschaum behandelt hat, sich immer für etwas Besseres hielt und schließlich in seiner Eifersucht die Kontrolle verlor. Denver Lockheart hat grausame Dinge getan. Er hat mir den Mund verboten, mich benutzt und Sienna immer als sein Eigentum gesehen. Für mich verkörpert er alles, was ich an Heatherstown verabscheue.
»Es überrascht mich, dich hier zu sehen«, gibt er zu und mustert mich langsam, lässt den Blick über meinen engen Rock und Bluse schweifen.
»Mich auch. Ich dachte, dass du mittlerweile tot bist«, erwidere ich kalt und schaffe es, die Schultern zu straffen. »Hör zu, Denver. Ich will nichts mehr mit Heatherstown zu tun haben. Hast du verstanden? Ich bin lange durch mit der Scheiße. Also wag es nicht, mein Leben hier zu zerstören.«
»Ich will dein Leben nicht zerstören.« Er löst seine verhakten Arme und lässt die Hände in die Hosentaschen gleiten. »Ich wollte dir nur sagen, dass du dich von mir fernhalten sollst. Du erinnerst mich an all den Mist, den ich vergessen wollte.«
»Du wolltest vergessen?« Fassungslos lasse ich die Arme sinken. »Du bist unglaublich. Die Welt hat dir einen Arschtritt für jeden Fehler verpasst, den du gemacht hast! Du hattest es verdient.«
Mit diesen Worten dränge ich mich an ihm vorbei, streife seine nackte Haut, die meine eigene für einen kurzen Moment in Flammen setzt.
Doch ehe ich mich versehe, schnellt seine Hand vor, greift nach meinem Arm. »Wir kennen uns nicht verstanden?«, raunt er dunkel. »Du hast mich heute zum ersten Mal gesehen. Wenn die anderen dich fragen, weißt du nichts.«
»Denver, ich will dich überhaupt nicht kennen«, zische ich und stoße die Tür auf, um endlich seiner Nähe zu entkommen. Mein Körper bebt. Meine Unterlippe zittert.
Wir kennen uns nicht.
Beinahe erleichtert mich seine Aussage. Ich weiß nicht, was mit ihm in den letzten Jahren passiert ist, aber er ist kaputt. Abgefuckt. Noch mehr als vorher. Seine kühlen, blauen Augen wirbeln alles auf, was ich von mir stoßen wollte. Und er besitzt die Dreistigkeit, mir zu sagen, dass ich ihn an all die Scheiße erinnere? Ich?!
»Verdammtes Arschloch«, murmle ich, bevor ich mich auf den Weg zurück zu Nate mache, um diesen Auftrag nicht zu versauen.
Vor fünf Jahren
»Du musst ihn aufhalten«, zischt Sienna. Die braunen Haare fallen in zerzausten Strähnen über ihre Schultern. Ihre blauen Augen funkeln warnend.
»Ich habe nichts mit deiner Scheiße zu tun«, erwidere ich aufgebracht und zwinge mich, nicht auf Kyles nackte Brust zu starren, die sich neben Siennas Körper in wilden Atemzügen hebt und senkt. Er sieht sichtlich amüsiert aus, begegnet der Situation mit so einer Gleichgültigkeit, dass es mich in den Wahnsinn treibt.
»Belle«, beginnt Sienna und schlägt genervt ihre Wimpern auf. »Willst du wirklich erleben, was in diesem Schloss passiert, wenn er es herausfindet?«
Fest presse ich die Lippen aufeinander. Denver würde das Hotel und alles um ihn herum dem Erdboden gleichmachen. Sienna würde zurückschlagen und es würde ein Krieg ausbrechen, bei dem ich wirklich nicht anwesend sein möchte. Also erfülle ich meiner besten Freundin wieder mal ihren Wunsch.
Ohne ein weiteres Wort stürme ich aus dem stickigen Zimmer und trete in den dunklen Flur. Es war weit nach Mitternacht, als Sienna mich angerufen hat. Das, was Kyle und sie treiben, wird uns früher oder später alle umbringen. Sie spielt mit dem Feuer, indem sie Denver hintergeht. Allerdings ist sie schon immer eine Meisterin in der Kunst des Waghalsigen gewesen.
Ein verächtliches, nicht sehr weibliches Schnauben entweicht mir. Wäre ich nicht hier, wäre ihre Untreue längst aufgefallen. Ich bin diejenige, die Denver in der Nacht abfängt. Diejenige, die sich Ausreden einfallen lässt und mehr als riskante Dinge tut, um ihn davon abzuhalten, die Wahrheit zu erfahren. Alles, damit Sienna mit unserem Erzfeind vögeln kann. Einem Mann, der nie ein Geheimnis daraus gemacht hat, wie sehr er sie verabscheut. Doch anscheinend leben die beiden in ihrem gefährlichen Rausch, leben für den Kick, den er ihnen gibt, nur um sich am nächsten Tag beinahe zu töten.
In dem gemauerten Eingangsbereich fange ich Denver ab. Wie immer ziert sein Oberkörper ein schickes Hemd, heute in Weiß und einwandfrei gebügelt. Seine pechschwarzen Haare sind sorgsam zurückgekämmt. Sein dunkler Blick starr. Von ihm geht eine ungeheure Kälte aus, die sofort dafür sorgt, dass die Temperaturen in dem Raum beträchtlich zu sinken scheinen.
»Denver.« Ich zwinge mich zu einem Lächeln und komme direkt vor ihm zum Stehen.
Seine riesige Statur ragt über mir auf, während er mich genervt mustert. »Was ist, Annabelle? Ich habe keine Zeit.«
»Ich ...« Meine Stimme versagt. Ich hätte mir vorher wirklich überlegen sollen, womit ich ihn aufhalten möchte.
»Du?« Denver neigt ungeduldig den Kopf und lässt die Hände in die Taschen seiner grauen Hose gleiten.
»Ich war noch kurz bei Jax«, platzt es aus mir heraus, auch wenn es nicht die schlauste Antwort ist. Aber wenigstens kann ich ihn auf diesem Weg von Sienna ablenken.
»Bei Jax?« Desinteressiert hebt Denver eine Augenbraue. »Vögelt ihr etwa?«
»Gott, nein!« Meine Stimme überschlägt sich beinahe. »Ich bin noch nicht über Ben hinweg.« Außerdem ist Jax Cavanaugh arrogant, unhöflich und ein Arschloch.
»Ben?« Denver gähnt. »Dein Ex? Sorry Belle, aber dafür habe ich wirklich keine Zeit. Geh mir aus dem Weg.«
»Das geht nicht.« Wie von selbst schnellt meine Hand nach vorne, legt sich auf seine Brust und hindert ihn so daran, weiterzulaufen.
»Hör zu, wenn du einen Therapeuten suchst, wende dich an einen. Aber erspare mir deinen Liebeskummer, Mädchen«, erwidert er und greift nach meiner Hand. Unsanft löst er sie von seiner Brust, bevor er sie ins Leere fallen lässt.
Tief hole ich Luft. »Kannst du mich nach Hause bringen?«
Genervt sieht er mich an. »Hol dir ein Taxi.«
»Ich habe kein Geld.«
»Dann gebe ich dir welches.«
»Nein!«, stoße ich hysterisch aus. Im selben Moment zucke ich zusammen, weil ein lautes Stöhnen durch den Flur dröhnt. Oh mein Gott. Ich werde Sienna erwürgen.
Doch Denvers Mundwinkel zucken bloß. »Sag mal, sicher, dass du mit Jax keinen Dreier hattest? Manchmal steht er ...«
»Jax hat Besuch«, unterbreche ich ihn schlagartig. »Allein. Also Besuch, der nur für ihn allein ist.«
»Du schaust also nur zu?«
»Denver«, zische ich warnend und verschränke in einem tiefen Atemzug die Arme vor der Brust. »Kannst du mich jetzt bitte nach Hause bringen? Um diese Uhrzeit fahre ich ungern mit dem Taxi.«
Am Ende seiner Nerven stößt er einen Seufzer aus. Doch dann dreht er tatsächlich um und geht mit schweren Schritten wieder auf die Tür zu. »Das ist das letzte Mal, Annabelle.«
Erleichtert atme ich aus, auch wenn ich mir sicher bin, dass es nicht das letzte Mal sein wird. »Danke«, meine ich ehrlich und folge ihm mit sicherem Abstand nach draußen in die Finsternis.
Bei Siennas Verlobten kann ich mir nie sicher sein. In manchen Momenten habe ich das Gefühl, er würde am liebsten die ganze Welt niederbrennen - oder eher unter einer Eisschicht begraben. Noch nie habe ich einen Menschen getroffen, der so unnahbar, so kalt ist.
