Wild Tears - S.V. Rose - E-Book

Wild Tears E-Book

S.V. Rose

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Beschreibung

Wird seine Liebe sie zerstören? Ava wurde von Dylan belogen und hat das Vertrauen in ihn vollends verloren. Wütend und enttäuscht ist sie dazu gezwungen, sich mit ihm und ihrem Bruder auf die Flucht in den Norden Englands zu begeben. Mitten in diesem dunklen Familienkrieg, der auch mit ihrer eigenen Vergangenheit tief verwoben ist, versucht sie, ihr Herz zu beschützen. Doch Dylan tut alles, um die Glassplitter ihrer Liebe wieder zusammenzusetzen. Als schließlich ein weiterer Mord geschieht, wird Ava mehr denn je zur Zielscheibe. Eine gefährliche Abwärtsspirale aus Leidenschaft und Verzweiflung beginnt, die droht, tödlich zu enden.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Copyright © 2023 by Rebel Stories Verlag, 89567 Sontheim

All rights reserved.

Cover: Premade - Neu Vercovert

ISBN: 978-3-910386-09-9 (Taschenbuch)

www.rebel-stories-verlag.com

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Epilog

Wild Tears

S.V. Rose

Chase

Vor neun Jahren

Rastlos liege ich in meinem Bett und schaue an die Decke. Die Kopfhörer in meinen Ohren umhüllen mich mit einem lauten, tiefen Beat. Ich kann einfach nicht einschlafen. Denn ich denke nur an Avas weiche Lippen und das Strahlen ihrer Augen. Gott, sie sah wunderschön aus, als sie den Kopf nach unserem Kuss zurückgezogen und mich mit großen Augen angesehen hat. Alles an ihr ist weich und natürlich. Ich bin längst kein Poet, aber sie ist das Licht in meinem einengendem und gehetzten Leben. In ihrer Nähe vergesse ich den Zwang und die Regeln meiner Familie. Mom und Dad sind keine schlechten Eltern, doch ich möchte nichts mit der scheinheiligen, dunklen Welt zu tun haben, in die sie mich drängen wollen. Ihre Geschäfte sind ätzend. Sie verkaufen sich selbst. Sie verkaufen Will und mich. Jeden Tag ein bisschen mehr.

Mit einem Seufzer stelle ich die Lautstärke des Liedes höher. Ich möchte diese Gedanken ausblenden, sodass nur noch Platz für Ava bleibt. Sie weiß überhaupt nicht, wie wunderbar sie ist. Dabei strahlt sie so eine unfassbare Wärme und Freundlichkeit aus. Sie lacht viel und gerne, ist witzig und clever. Sie ...

Ich halte inne. Ein beißender Geruch strömt wie aus dem Nichts in meine Nase. Langsam, aber zu meinem Entsetzen unverwechselbar. Wie in Trance setze ich mich auf und nehme die Kopfhörer mit klopfendem Herzen aus den Ohren. Stille. Doch der Geruch wird intensiver. Ich kenne diesen Geruch. Von Kaminen und Lagerfeuern.

Ein Ruck durchfährt meinen Körper. Schnell springe ich auf und hechte keuchend zur Tür. Sobald ich diese aufreiße, muss ich husten. Rauch. Ich weiß sofort, dass es Rauch ist, der mir entgegenschlägt. Hinzu kommt der beißende, saure Geruch von Benzin. Fassungslos reiße ich die Augen auf. Auf dem Boden des Flures zeichnet sich eine schimmernde Flüssigkeit ab. Mein Blut gefriert trotz der aufkeimenden Hitze zu Eis. Ich drehe den Kopf nach rechts und sehe Will, der ebenfalls seine Zimmertür geöffnet hat.

Unsere Blicke treffen sich. Für einen Moment hört die Erde auf, sich zu drehen.

Dann sehe ich Flammen in seinen Augen. Lichterloh leuchten sie.

Innerhalb von Sekunden ziehen sie sich durch den von Benzin getränkten Flur. Instinktiv taumeln wir beide zurück. Unsere Zimmertüren schlagen zu. Ich starre auf das Holz, beobachte mit klopfenden Herzen, wie es Feuer fängt. Mein Körper ist starr. Mein Kopf wie leergefegt. Ich kann nur noch Rauch riechen. Mir ist heiß. Etwas explodiert. Angst kriecht meinen Rücken hinauf.

Jemand setzt unser Haus in Brand!

Panisch hechte ich zum Fenster und will den Riegel öffnen. Doch er hakt. »Fuck!«, brülle ich und rüttle fester daran. Mein Fenster lässt sich immer öffnen! Es war noch nie kaputt! Mit all meiner Kraft drehe ich an dem Riegel. Immer wieder werfe ich einen Blick zurück. Mein Regal fängt Feuer. All meine Bücher. Mein Teppich brennt. Ich kann die Augen kaum offen halten. Das Feuer schnürt mir die Luft ab. Ich bin eingesperrt ... Ich ... Ein Hustenanfall erschüttert meinen Körper.

Ich kriege keine verdammte Luft mehr!

In diesem Moment dreht sich der Riegel um. Ich höre nur noch auf meine Instinkte und reiße das Fenster in der letzten Sekunde auf. Ohne nachzudenken, klettere ich auf die Fensterbank. Dunkelheit. Dunkelheit vor mir und lodernde Flammen in meinem Rücken. Ich huste, atme hastig die kalte Luft ein.

Dann lasse ich mich fallen. Es ist der einzige Ausweg.

Doch mein Zimmer ist im ersten Stock, hart pralle ich auf dem Boden auf. Ein stechender Schmerz durchzieht meinen Körper. Wieder kriege ich keine Luft, krümme mich, schreie. Noch nie hat etwas so wehgetan. Ich bin diese Schmerzen nicht gewöhnt, werde schonungslos von ihnen überrannt.

Irgendwie schaffe ich es, nach vorne zu kriechen. Ich muss von dem brennenden Haus weg. Aber mein linkes Bein lässt sich nicht bewegen. Meine Hände sind aufgeschürft. Blut rinnt über meine Arme, Blut kommt aus meinem Mund. Es fühlt sich an, als würde mein Körper in tausend Stücke gerissen werden. Atemlos drehe ich mich auf den Rücken. Ich sehe unser Haus. Es brennt lichterloh. Mein Blick geht zu Wills Fenster. Es ist geschlossen.

»Nein, nein, nein!« Tränen treten in meine Augen. Heiß laufen sie über meine Wangen. Nein, nein, nein ... Will! Will! Will! Mein Blick geht weiter, fängt das Fenster meiner Eltern ein.

Geschlossen.

Ein Schrei entweicht meiner Kehle. Ich will aufstehen, doch mein Körper versagt. Jede Bewegung zerreißt mich ein Stück mehr. Tränen mischen sich mit dem Blut auf meiner Haut. Mir ist heiß. Kalt. Heiß. Kalt. Ich brülle Wills Namen, die Namen meiner Eltern. Nein, nein, nein! Das hier passiert nicht wirklich. Das hier passiert nicht. Es passiert nicht.

»Chase!« Jemand wirft sich neben mich in das Gras.

Langsam drehe ich den Kopf. Es ist Monica. Wills Freundin. Tränen benetzen ihr Gesicht. »Ich komme von einem Mädelsabend ... Ich wollte Will ... Ich wollte ihn überraschen ...« Sie schluchzt und starrt auf das brennende Haus. Ihr Körper erschüttert. Ihre Finger krallen sich in das Gras. »Nein, nein ...« Ihre Stimme versagt. »Will ... Er ...«

Die Fenster fangen Flammen. Es gibt keinen Teil des Hauses, der nicht brennt. Das Benzin ... Es ging zu schnell. Es ging zu schnell. »Fuck, fuck, fuck ...« Mein Hals ist trocken. Ich huste. Ich weine. Ich blute.

»Wir müssen ... Wir müssen ...« Monica kämpft sich nach oben. Ihre Augen sind glasig. Wie in Trance zieht sie das Handy aus der Tasche und wählt eine Nummer.

Ich will aufstehen, doch ich kann nicht. Keuchend krieche ich nach vorne, wieder auf das Haus zu. Ich muss sie retten. Ich muss es versuchen. Vielleicht konnten sie dem Feuer entkommen, vielleicht ...

»Chase!«, brüllt Monica. »Nein! Alles brennt! Du stirbst, wenn du zurückgehst!«

»Ich muss ihnen helfen ...« Meine Stimme bricht. Meine Familie ist in diesem Haus! Meine Familie. Meine Familie stirbt.

»Chase!« Monica hält mich zurück. Sie schluchzt. »Chase, wir können nichts tun.«

»Dort war Benzin!« Ich kralle die Finger in das Gras. »Im Flur war Benzin! Jemand hat das geplant! Jemand wollte, dass es brennt und er wollte, dass uns das Feuer tötet!«

Monica hält inne. Jegliche Farbe weicht aus ihrem Gesicht.

In diesem Moment ertönt eine Stimme am anderen Ende der Leitung. Mit zitternden Fingern hält sie das Handy wieder ans Ohr. »Gale.« Tränen laufen über ihre Wangen. Ihre Stimme zittert. »Du musst zu dem Haus von Wills Familie kommen. Du musst ... Sorge dafür, dass es bis auf die Grundmauern niederbrennt.«

»Nein!«, brülle ich. »Nein, nein, nein!« Ein weiterer Hustenanfall erschüttert mich.

»Chase! Du hast es selbst gesagt! Wenn jemand Benzin in die Flure gekippt hat ...« Sie starrt in die Flammen. »Jemand wollte, dass ihr sterbt. Wir müssen weg von hier.«

»Aber die Feuerwehr kann sie retten!«

»Es ist zu spät«, haucht sie.

»Die Polizei kann herausfinden, wer es getan hat ...«

»Nein. Wir vertrauen niemanden.« Sie hilft mir auf die Beine, stützt mich, während mein Körper in tausend Teile gerissen wird. »Will hat Bedenken geäußert ... Er hat ... Wir müssen weg.« Ein letztes Mal sieht sie zu dem Haus. Ihr ganzer Körper erzittert. »Du bist in diesem Feuer gestorben. Okay, Chase? Du bist heute gestorben. Gale wird dafür sorgen, dass sie keine Leichen ...« Ihre Stimme bricht unter ihrem Schluchzen. »Sie werden keine Leichen finden. Sie werden nichts finden.«

Ich starre in die Flammen. Alles in mir ist leer. Ich will brüllen, weinen und in das Feuer rennen.

Doch Monica sieht mich an, ihr Gesicht kreidebleich. »Du bist heute gestorben, Chase. Das ist der einzige Weg, dich zu retten.«

Ava

Heute

Ich lehne an dem Krankenwagen, eine Decke um meinen Schultern. Meine Kleidung ist durchnässt, meine Haut eiskalt. Einer der Sanitäter hat mir mitleidig einen Regenschirm gegeben, den ich in der zitternden Hand halte. Sie verarzten Ivys Schusswunde und legen sie auf eine Trage. Alan spricht mit einem Polizeibeamten, macht theatralische Handgesten und rauft sich die Haare. Doch in seinen Augen schimmert ein hässlicher Triumph. Angewidert wende ich mich ab und starre in eine Pfütze, beobachte, wie die Regentropfen hineinfallen.

Sie haben Dylan mitgenommen, ihn abgeführt wie einen Verbrecher, einen Mörder. Ich erzittere. Ein Hustenanfall überkommt mich. Vor mein inneres Auge schiebt sich Dylans verzweifelter Blick. Dann seine Lippen. Dann das Blut in seinem Gesicht. Kalt, hart und unberechenbar. Dann Chase. Lachend, schelmisch, chaotisch.

Mein Herz liegt blutend vor meinen Füßen. Zwischen dem Kuss mit Chase und dem Sex mit Dylan. In meiner Brust ist eine unendliche Leere. Ich kann meinen Puls nicht wahrnehmen. Ich ...

Chase Symon ist am Leben.

Er wird des Mordes an seiner Familie sowie an Nichole Symon und Carter Anderson verdächtigt.

Mein Mund wird trocken. Ich will schreien, aber es kommt kein Ton heraus.

»Ava!« Die laute Stimme meiner Mutter ertönt. Ich sehe auf und fange ihre zierliche Gestalt ein. Tränen laufen über ihre Wangen, als sie auf mich zu rennt. Sie schluchzt, als sie mich in den Arm nimmt. »Gott, Ava! Geht es dir gut? Bist du verletzt?«

Der Regenschirm fällt zu Boden. Ich schüttle den Kopf.

»Komm her.« Es ist mein Vater, der ebenfalls neben mich tritt und mich an seine Brust drückt. Er sieht müde und voller Sorge aus. »Wir haben von diesem Studenten gehört und dann die Nachricht von ... von ...« Eine strenge Falte bildet sich auf seiner Stirn. »Ich kann es nicht fassen. Ich kann nicht fassen, dass dieser Junge, dass er ... am Leben ist und all diese Zerstörung über dich gebracht hat.«

»Jetzt ist es vorbei«, sagt meine Mutter und legt die Hand auf meine Schulter. »Es ist vorbei, Ava.«

Wieder schüttle ich mit dem Kopf. Es ist alles andere als vorbei. Dylan ist in meine Wohnung und in mein Leben eingedrungen. Er hat meine Naivität ausgenutzt und mich von einer Lüge in die nächste katapultiert. Am Ende ... am Ende war er selbst die dunkelste Lüge.

Meine Augen brennen.

Es muss ein Irrtum sein.

Die Erinnerung an Chase ist hell, sanft und todtraurig. Die Erinnerung an Dylan ist schmerzhaft, düster und explodierend.

»Ich habe ihn sogar getroffen!« Mom fährt sich aufgebracht durch die nassen Haare. »Er war in Avas Schlafzimmer und ich ... Ava, hat er dir etwas angetan?«

»Nein.« Meine Stimme ist rau und kratzig. Körperlich hat er mir nie wehgetan. Physisch hat er mich zerrissen.

»Lass uns nach Hause gehen.« Dad holt tief Luft. »Ich habe mit den Polizisten gesprochen. Es genügt, wenn wir morgen auf die Wache kommen. Dieser Fall ist um einiges größer geworden. Es geht nicht mehr nur um das Mädchen.«

»Hunter.« Moms Augen werden groß. »Sie habe nun den wahren Schuldigen und können ihn gehen lassen.«

»Er hat gestanden«, erinnert Dad sie, bückt sich und hebt den Regenschirm vom Boden auf. Langsam öffnet er ihn und hält ihn über uns. »Doch Chase Symon ist ein mehrfacher Mörder, der seinen Tod vorgetäuscht hat. Hunters Chancen stehen gut.«

Am liebsten würde ich mir die Ohren zuhalten. Aber Mom nickt und greift nach meinem Arm. »Ich kann nicht fassen, dass dies der Junge ist, der damals an meinem Küchentisch saß. Wir waren auf seiner Beerdigung! Er hat Ava ...«

»Genug«, unterbricht Dad sie. »Ava ist unverletzt. Wir sollten dankbar sein.«

Dankbar sein.

Ich drehe mich um und sehe auf die Stelle, wo Dylan eben noch gestanden hat. Seine grünen Augen verfolgen mich. Er verfolgt mich. Alles, was nach Chases Tod von mir übrig war, verschwimmt mit dem Regenwasser.

Applaus! Du hast uns alle an der Nase herumgeführt, Chase.

Ich stehe in meinem alten Kinderzimmer und fahre mit dem Finger über das staubige Regal, in dem meine alten Bücher stehen. Trotz der warmen Dusche ist mein Inneres eiskalt. Weil ich nicht mit ihnen spreche, haben mich meine Eltern endlich allein gelassen. Ich halte es einfach nicht aus. Die ganze Rückfahrt über war Mom hysterisch, während Dad mich so voller Sorge angesehen hat, dass das Loch in meinem Herzen noch weiter aufgerissen wurde. Meine Emotionen spielen verrückt. Ich weiß nicht, was ich fühlen soll. Dort ist eine tiefgreifende Wut in mir, eine brennende Fassungslosigkeit ... Ich kann Chase und Dylan einfach nicht zusammenbringen. Egal, wie sehr ich es versuche. Ich frage mich, wie ich so unfassbar dumm sein konnte. Ich habe mich von ihm anlügen lassen. Ich habe ihn geküsst. Ich habe mit ihm geschlafen.

Wie konnte ich es nicht merken? Wie konnte ich so verdammt naiv sein? Naiv. Dumm. Naiv. Dumm.

Chase ist niemals in dem Feuer gestorben. Jahrelang habe ich auf diese Nachricht gewartet. Ich habe an etwas Tieferes geglaubt, auch wenn mich alle für verrückt gehalten haben. Und jetzt ... bin ich ein Wrack. Und er ist schuld.

Im Erdgeschoss poltert es. Sofort fahre ich herum, spanne meinen Körper an. Dad hebt die Stimme, doch ich verstehe nicht, was er sagt. Er wird lauter. Er wird wütender. Jemand rennt die Treppe nach oben Instinktiv mache ich einen Schritt zurück.

Bryan steht plötzlich in meinem Türrahmen. Sein Atem geht schwer. Sein Oberteil ist blutbefleckt, die blonden Haare verschwitzt. Seine Augen sind glasig. Glasig und voller Zorn. »Das ist deine Schuld!«, raunt er und kommt auf mich zu. Zitternd richtet er seinen Finger auf mich.

»Was machst du in dem Haus meiner Eltern?« Die Worte kommen kratzig und grob aus mir heraus.

»Mein bester Freund ist tot!«, brüllt er und stößt mich nach hinten. Immer weiter drängt er mich, bis ich mit dem Rücken gegen die Wand knalle. Ein stechender Schmerz schießt meine Wirbelsäule hinauf.

Carter. Tränen sammeln sich in meinen Augen. Oh Gott, Carter.

Verzweifelt sehe ich Bryan an. »Ich wollte nie, dass ihm etwas passiert.«

»Ihm ist nicht etwas passiert! Er ist gestorben!« Bryans Gesicht ist direkt vor meinem. »Carter war ein verschissener Kollateralschaden! Er hat mehr verdient! Scheiße!«

Seine harschen Worte graben sich in meinen Kopf, hinterlassen tiefe Wunden. »Alan Symon ist ein kranker Mann«, hauche ich.

»Genau wie sein verdammter Neffe!« Fassungslos starrt Bryan mich an, nimmt immer noch keinen Abstand von mir. »Er ist so krank, dass er seinen eigenen Tod vorgetäuscht hat! Und am Ende? Am Ende musste Carter dafür sein Leben lassen! Nur weil er zur falschen Zeit am falschen Ort war! Nur weil du bei ihm warst! Dabei war er dir scheiß egal, Ava!«

»Er war mir nicht scheiß egal!«, schreie ich jetzt und stoße ihn mit voller Wucht zurück. »Carter und ich waren Freunde!«

»Freunde?« Bryan rümpft verächtlich die Nase. »Sieh es ein, Ava. Es ist Chase` Schuld. Damit ist es auch deine.«

Bei dem Klang seines Namens zieht sich alles in mir zusammen. »Sprich nicht über ihn«, zische ich.

Bryan kommt mir so nahe, dass meine Brust mit seiner zusammenstößt. »Du willst es immer noch nicht wahrhaben? Akzeptiere, dass du verarscht wurdest. Akzeptiere, dass du in den letzten Jahren umsonst zu einer Schlampe geworden bist. Akzeptiere, dass du mit Chase Symon geschlafen hast, ohne es überhaupt zu wissen!«

Meine Hand saust auf seine Wange nieder. »Halt den verdammten Mund!« Alles an mir steht in Flammen. Meine Finger kribbeln. Mein Magen dreht sich um. Ich muss mich jeden Moment übergeben.

»Carter war mein Freund.« Bryan rückt nicht von mir ab. »Er war mein bester Freund.«

Ich starre ihn an, starre in die grauen Augen. Zum ersten Mal in diesem verdammten Leben hat Bryan Gibert vollkommen recht. Carter hatte es nicht verdient, ein Kollateralschaden zu sein. Und alles, was mich ausmacht, ist eine einzige Lüge.

»Verschwinde«, meine ich mit bebender Stimme und gehe einen Schritt zurück. »Ich werde mich für Carter rächen.«

Bryan starrt mich aus grauen Augen an. »Ruf mich an, wenn du Hilfe brauchst«, raunt er und macht auf dem Absatz kehrt. Ohne ein weiteres Wort geht er die Treppe nach unten und verschwindet aus dem Haus.

Tief atme ich durch und lehne mich an die Wand, gegen die er mich gedrückt hat. Verzweifelt lasse ich mich daran herabsinken, nehme nur vage wahr, wie mein Vater den Raum betritt und wissen will, was zur Hölle in Bryan gefahren ist, dass er so hier auftaucht. Ich weiß, was in ihn gefahren ist.

Die Symons machen die Stadt irre.

Und sie machen sie tödlich.

Ich ziehe die Kapuze meines Hoodies tiefer ins Gesicht, während ich mit der anderen Hand Tee in meine Tasse gieße. Mein Herz schlägt unregelmäßig und schmerzhaft gegen meinen Brustkorb, als würde es jeden Moment ausbrechen wollen. Ich kann es ihm nicht verübeln. Denn ich fühle mich betrogen, ausgelaugt und rastlos. Ausgerechnet Bryan hat mich auf den Boden der Tatsachen geholt, mir ins Gesicht geschlagen und mich damit aus einer Trance des Unglaubens gerissen. Dylan hat mich angelogen. Ich bin auf ihn reingefallen und habe dabei alles verloren. Mein Leben seit Chase` vermeintlichem Tod war eine einzige Lüge. Ich bin umsonst zu einer kaputten Frau geworden. Carter ist umsonst gestorben. Dylan Wright ist Chase Symon. Meine behütete, wunderschöne und gleichzeitig schmerzhafte Erinnerung an meine Jugendliebe wurde innerhalb von einer Nacht zerstört. Dabei war sie das Einzige, das mir Kraft gegeben, das mich glücklich gemacht hat. Heute bin ich in tausend Einzelteile zerbrochen.

Plötzlich stößt Mom einen Schrei aus. Alarmiert fahre ich zu ihr herum, lasse dabei beinahe die Tasse in meiner Hand fallen. Doch in Moms Gesicht erkenne ich wider Erwarten keine Angst. Ich sehe Erleichterung. Mit gemischten Gefühlen drehe ich mich zur Küchentür. Dad kommt zuerst herein, auf seinen Lippen ein zögerliches Lächeln. Dann tritt er zur Seite und gibt damit den Blick auf niemand Geringeren als meinen Bruder frei.

Hunter ist wie immer vollständig in Schwarz gekleidet. Seine blonden Haare sind etwas zu lang und kräuseln sich in seinem Nacken. Dunkle Ringe zeichnen sich unter den braunen Augen ab, verbinden sich mit den Kratzern in seinem Gesicht. Seine linke Wange ist angeschwollen und dunkel verfärbt. Auch wenn ich ihn zwei Mal im Gefängnis besucht habe, wird mir erst jetzt bewusst, was dieser Ort mit ihm gemacht hat. Es ist nicht selten, Hunter mit einem blauen Auge zu sehen. Schließlich kann er nie eine Auseinandersetzung verlieren. Doch es ist die Leere in seinem Ausdruck. Mehr leer als sonst. Habe ich vor Nicholes Tod geglaubt, dass Hunter zu Emotionen nicht fähig ist, so ist er nun ein einziger Eisbrocken.

Auch Mom zuckt trotz ihrer Erleichterung zusammen. Aber dann überwiegt die Freude und sie nimmt ihren Sohn in den Arm. Nur kurz, weil er es länger nicht zulassen würde.

Mit starren Augen fange ich seinen Blick ein. Wir verhaken uns ineinander. Keiner von uns beiden spricht ein Wort. Hunters und meine Beziehung ist schon immer schwierig gewesen. Nach den letzten Wochen ist sie ein einziger Scherbenhaufen. Er wurde des Mordes an einem Mädchen angeklagt. Mein Freund ist von den Toten auferstanden und nun an seiner Stelle im Gefängnis.

»Wie kann es sein, dass sie dich bereits entlassen haben?« Mom stützt sich an der Wand hinter ihr ab. »Sie haben den Jungen gerade erst verhaftet ...«

»Alan Symon hat dafür gesorgt, dass sie mich gehen lassen«, raunt Hunter mit einem verächtlichen Unterton in der Stimme. »Er hat sie bezahlt. Ich bin eine Figur auf seinem verdammten Schachfeld.« Er rümpft die Nase. »Ich darf die Stadt natürlich nicht verlassen.«

»Du wolltest auf keinen Fall, dass ich die Leichen der Symons ausgrabe«, bringe ich mit kalter Stimme hervor und mache einen Schritt auf meinen Bruder zu, sodass wir uns direkt gegenüber stehen. »Du hast mir immer wieder gesagt, dass Chase tot ist. Ich sollte dir versprechen, dass ich mich von seiner Familie fernhalte.« Ich starre ihn an. »Du wusstest es, richtig? Du wusstest es von Anfang an.«

Hunter hält meinem Blick stand. Seiner bleibt ausdruckslos. »Was wusste ich, Ava? Dass dein verdammter Freund noch am Leben ist und seine Familie wegen ihm die Stadt anzündet?«

»Lass die Ironie sein«, warne ich ihn. »Sag mir, dass ich falschliege. Wenn du es wusstest, Hunter ...«

»Dann was?«, raunt er und verschränkt die Arme vor der Brust. »Ich bin nicht derjenige, den du zur Rede stellen solltest. Das wissen wir beide.«

»Ich möchte ihn nicht sehen«, zische ich und hole tief Luft, zwinge mich, mich zusammenzureißen. »Doch du weißt, dass er es nicht gewesen ist. Ich genauso. Ich war bei ihm, als Nichole ermordet wurde. Und du warst bei ihr. Was ist auf dem Dach passiert, Hunter?«

»Ist das nicht eindeutig?« Seine Mundwinkel zucken.

»Nein.« Mom unterbricht uns harsch. »Es war dieser Junge! Das wissen wir! Hunter, er ist zurecht im Gefängnis und du bist zurecht hier draußen!«

Hunter schüttelt nur den Kopf. »Glaub mir, ich halte nichts von ihm. Doch er ist nicht Nicholes Mörder.«

»Hunter!« Mom sieht ihn verzweifelt an. »Er wird verurteilt werden! Hörst du mich? Sag das nie wieder! Wenn du ihn verteidigst, gerätst du selbst wieder in ihr Visier!«

Dad legt Mom vorsichtig eine Hand auf die Schulter. »Wir sollten schlafen gehen. Es ist schon spät. Ava ist unverletzt und Hunter zuhause.«

»Unsere Kinder zerstören sich!« Mom starrt zu Hunter und mir. »Diese Familie zieht sie mit sich in die Tiefe!«

Entschuldigend sieht Dad uns an und begleitet Mom dann sanft nach oben. Sie können das Ausmaß des Chaos nicht greifen. Sie können es nicht verstehen. Sie wissen nicht, dass ich mich nicht nur damals nach Chase, sondern auch heute nach Dylan gesehnt habe. Sie wissen nicht, dass Hunter Nichole geliebt hat. Sie wissen nicht, wie tief wir wirklich in diesem Krieg stecken.

»Warum hast du den Mord gestanden?«, frage ich Hunter zum hundertsten Mal. »Hast du gewusst, dass Chase am Leben ist?«

Seine Mundwinkel zucken. »Natürlich habe ich es gewusst, Ava. Deswegen wollte ich, dass du dich von den Symons fernhältst.«

Mein Blut gefriert zu Eis. »Dachtest du, dass ich zu schwach für die Wahrheit bin? Du hättest mich warnen können! Stattdessen hast du zugelassen, dass ich zum Opfer werde! Du hast zugelassen, dass ich das Spiel als Einzige mit verbundenen Augen spielen musste!«

Hunter neigt wütend den Kopf. »Ich wollte dich beschützen, verdammt!«

»Beschützen?!« Fassungslos starre ich ihn an. »Ich habe mit ihm geschlafen, Hunter! Und ich hatte keinen Schimmer, wer er ist! Ich habe für ihn auf einen Menschen geschossen! Ich habe geweint, weil ich dachte, dass ich ihn verraten muss, um meine Freunde zu retten! Doch am Ende war ich die einzig Dumme! Ivy hat mich zum Narren gehalten, Dylan hat mich zum Narren gehalten ...«

Nun hält er inne. Fest presst er die Kiefermuskeln zusammen. »Sag mir nicht, dass er als Dylan Wright zurück in dein Leben gekommen ist.«

Tief hole ich Luft. »Doch das ist er. Und, Hunter? Ich habe mich in ihn verliebt. Ein zweites Mal.« Mein Atem geht rasend schnell. »Ein verdammtes zweites Mal.«

»Ava ...«

»Nein!«, unterbreche ich ihn scharf. »Ich muss jetzt damit leben. Ich muss damit leben, was passiert ist. Ich muss mit diesen Gefühlen leben. Du hättest es verhindern können.«

Warmer Atem trifft mein Gesicht, als er sich an mir vorbei drängt und die Hände auf dem Küchentisch abstützt. »Das ist alles so abgefuckt.«

Ich schüttle nur fassungslos den Kopf. »Du kannst gerne weiterhin den Einzelgänger spielen, wenn es dich glücklich macht.« Langsam nehme ich die Kapuze von meinem Kopf. »Vielleicht ist es an der Zeit für mich, das Gleiche zu tun.«

Mein Bruder geht zum Eisfach und nimmt eine Packung Eiswürfel heraus. Langsam wickelt er sie in ein Küchentuch, bevor er sich wieder zu mir dreht. »Was meinst du damit?«

Ich zucke mit den Schultern. »Dylan ist ein Einzelgänger. Du kämpfst nur für dich allein. Warum sollte ich es nicht auch tun?«

Sein Blick hält mich gefangen, während er sich das Eis an die geschwollene Wange hält. »Weil es nicht deine Art ist, Schwesterherz.«

»Gott, du hast keine Ahnung, was meine Art ist«, fauche ich. »Vielleicht bin ich nicht als Einzelkämpfer geboren. Doch ich habe keine Wahl mehr! Ich habe Chase vertraut und er hat seinen Tod vorgetäuscht! Ich habe Brianna vertraut und sie hat mir die kalte Schulter gezeigt, sobald es hart wurde! Ich habe dir vertraut, doch du hast mich aus einem Krieg ausgeschlossen, in dem ich an vorderster Front stehe! Ich habe Dylan vertraut und er hat es missbraucht, indem er mit mir geschlafen und mich für dumm verkauft hat!« Mein Atem geht rasend schnell. Wütend sehe ich meinem Bruder in die Augen. »Muss ich weiter erklären, warum ich von jetzt an allein kämpfe?«

Fest presst er die Kiefermuskeln zusammen. »Warum gehst du nicht zurück in den Westen?«

»Warum gehst du nicht in den verschissenen Westen?«, zische ich und laufe kopfschüttelnd zur Tür. Ein letztes Mal drehe ich mich zu ihm um. Seine Miene ist wie immer ausdruckslos. »Du hättest nicht Briannas Herz brechen müssen.«

Hunter rümpft die Nase. »Ich habe ihr nie Hoffnungen gemacht.«

»Du bist unglaublich. Pass auf, dass Dylan und du nicht bald wieder die Plätze tauscht.«

Er hebt eine Augenbraue. »Ist das eine Drohung, Ava?«

»Du hast es selbst gesagt. Dylan ist es nicht gewesen. Du bist nicht sicher.« Meine Finger kribbeln. »Hunter, du kennst den Mörder. Die Symons haben Dylan gejagt. Sie haben ihm das angehangen.« Mein Blick lässt ihn nicht los. »Weil sie es selbst gewesen sind, richtig? Damals und heute. Wer war es? Alan? Jacob? Ivy? Wer war auf dem Dach?«

»Wenn du den wahren Mörder kennst, ist es der Anfang, nicht das Ende«, raunt er. »Du wirst genauso fallen wie ich.« Energisch sieht er mich an. »Oder wie Carter Anderson.«

Das Herz schlägt mir bis zum Hals. »Ich werde Dylan im Gefängnis besuchen und die Puzzleteile zusammensetzen. Es ist mir scheiß egal, wenn ich falle.«

Tief holt Hunter Luft, lässt das Eis sinken. »Sein Name ist Chase und er wird dich mit in den Abgrund ziehen, Ava.«

Meine Mundwinkel zucken. »Ich zähle nicht darauf, dass du mich auffängst, Bruderherz.« Mit diesen Worten gehe ich durch die Küchentür und nehme die Treppe nach oben. Hunter bleibt zurück.

Dylan

Meine Hände und Füße sind gefesselt, als ich unsanft auf den harten Stuhl gestoßen werde. Ich habe seit zwei Tagen nicht geschlafen. Das Gefängnis ist eine brennende Hölle, das Zuhause von Monstern. Die Männer sind brutal und skrupellos. Denn sie haben nichts zu verlieren. Nur wenigen sehe ich an, dass sie die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben und sich um eine bessere Zukunft bemühen. Die meisten sind längst von der Dunkelheit zerfressen, schlagen um sich, verstecken ihre Grausamkeiten nicht. Verbrecher und Mörder. Genau wie ich. Das hier ist der Ort, an dem ich verdiene, zu sein. Ich habe gelogen. Ich habe getötet. Doch nicht meine Familie. Nicht meine Cousine. Nicht der Junge, der mit dem Mädchen geschlafen hat, das ich liebe.

»Sie haben zehn Minuten«, knurrt der Wärter und macht einen Schritt nach hinten.

Tief hole ich Luft und richte den Blick auf die Tür. Langsam öffnet sie sich. Ava tritt durch den Türrahmen. Die blonden Haare fallen in zerzausten Strähnen über ihre Schultern. Sie trägt einen blauen Hosenanzug über einem engen weißen Shirt. Ihre Füße stecken in abgenutzten Sneakers. Sie ist ungeschminkt. Ihre braunen Augen schauen direkt in meine. Ich schlucke. Verdammt.

Langsam bleibt sie stehen und lässt sich auf den Stuhl gegenüber von mir sinken. Die Hände legt sie auf den Tisch. Ich versuche, in ihren Augen irgendeine Emotion zu erkennen. Doch sie sieht mich nur unbeirrt an. Ihre Mundwinkel zucken nicht. Ihre Augen leuchten nicht. Sie ballt nicht die Hände zu Fäusten. Sie weint nicht. Ava ist eiskalt.

Unruhig fange ich ihren Blick ein und öffne den Mund, um zu sprechen. Aber sie kommt mir zuvor: »Wage es nicht, dich zu entschuldigen. Du hast deine Entschuldigungen für dieses Leben aufgebraucht.« Sie verschränkt die Arme vor der Brust und lehnt sich zurück. »Chase.«

Es ist verdammt ungewohnt, mit diesem Namen angesprochen zu werden. Ausgerechnet von ihr. Immerhin habe ich Jahre damit verbracht, Dylan Wright zu perfektionieren. Alles an mir schreit nach ihm, nichts mehr nach Chase Symon. Doch es jetzt aus Avas Mund zu hören, wirbelt so viele Erinnerungen in mir auf. Erinnerungen, die mich in meinen dunkelsten Momenten gewärmt haben. Genau diese Erinnerungen habe ich für Ava zerstört. Dessen bin ich mir bewusst.

»Alle warten darauf, dass ich zusammenbreche«, fährt sie fort. »Doch ich bin bereits für dich zusammengebrochen. Vor neun Jahren. Es wird kein zweites Mal geben.«

Ich will mir durch die Haare fahren, doch vergesse, dass meine Hände in Handschellen stecken. Leise fluche ich auf. »Ich wollte dir nicht wehtun, Ava. Ich hatte keine Wahl.«

»Du hattest eine Wahl!« Sie verengt die wunderschönen Augen. »Und wenn du damals keine hattest, dann hattest du sie zumindest jetzt. Du hattest sie vor einigen Wochen, als du in meine Wohnung gekommen bist. Du hattest sie, als du mein Vertrauen missbraucht hast.«

»Es war zu gefährlich«, raune ich. »Ich habe jahrelang an meiner Deckung gearbeitet. Ich durfte auf keinen Fall auffliegen. Diese Menschen wollten mich umbringen. Ich wusste, dass sie es wieder tun würden, wenn sie herausfinden, dass ich überlebt habe. Außerdem konnte ich dich nicht auch noch in die Schussbahn stoßen.«

»Aber dort bin ich gelandet«, zischt sie. »Mitten in der Schussbahn. Ohne eine Ahnung, was überhaupt um mich herum passiert. Du hattest die Wahl. Entweder du vertraust mir oder du lässt mich in Ruhe. Doch du hast einen Mittelweg gewählt, der mich zerstört hat. Erneut.«

»Ich konnte mich einfach nicht von dir fernhalten!«, stoße ich laut aus. »Ich konnte es nicht, okay?«

Fassungslos sieht sie mich an. »Also hast du in meinem Bett geschlafen? Mich geküsst? Sex mit mir gehabt? Du hast mich benutzt, weil du dich nicht von mir fernhalten konntest?«

»Ich habe dich nicht benutzt.« Mein Blick trifft ihren, nimmt sie gefangen. »Ich habe nichts getan, was du nicht wolltest, Ava. Ich habe einfach nicht erwartet, dass dort wieder dieses Feuerwerk zwischen uns entstehen wird. Wir haben unsere Geschichte weitergeschrieben.«

Ihre braunen Augen verengen sich. »Nein, du hast sie weitergeschrieben! Du kanntest den Anfang. Für mich war das hier der Anfang! Du hingegen wusstest alles!« Tief holt sie Luft. »Für mich war es anders. Für mich war es verdammt noch mal anders.«

Verzweiflung macht sich in mir breit. Natürlich weiß ich, dass sie recht hat. Ich habe ihr Vertrauen zerstört. Ich habe alles zerstört und es war verdammt falsch, was ich getan habe. Doch sie kann nicht leugnen, dass ein Feuer zwischen uns entfacht ist. Sie kann einfach nicht leugnen, was sie gefühlt hat, als sie mir nahe war. Ich sehe es in ihren Augen, sehe es unter der Kälte in ihrem Blick. Ava fühlt. Ava leidet. Wegen mir.

»Es war falsch von mir«, sage ich mit rauer Stimme. »Ich hätte mit dir sprechen sollen. Ich wollte dich einfach nur ...«

»Beschützen?« Ein unechtes Lachen entweicht ihr. »Gott, ich kann es nicht mehr hören.«

Fest presse ich die Kiefermuskeln zusammen. »Du hast keine Ahnung, wie gefährlich dieser Kampf ist. Alan und Mary haben damals das Haus meiner Eltern angezündet. Ich sollte mit meiner Familie in dem Feuer sterben.« Ich schnaube. »Doch ich war der glückliche Überlebende.« Wieder sehe ich sie an. »Es gab für mich keine andere Möglichkeit. Taylor und Gale haben dafür gesorgt, dass ich eine neue Identität bekomme. Ich konnte nicht zurückkehren. Ich konnte es einfach nicht, Ava.«

Ihre Augen sind leer. Langsam fährt sie mit dem Finger an der Tischkante entlang. »Warum? Warum haben sie das Haus in Brand gesetzt?«

Tief atme ich durch. »Mein Vater und Alan waren sich uneinig über die Firma. Sie wollten beide mehr Anteile. Taylor und ich vermuten, dass Alan die Familie seines Bruders und damit die Konkurrenz aus dem Weg räumen wollte.«

Unglaube zeichnet sich auf ihrem Gesicht ab. »Es ging um Geld? Ist es nicht etwas drastisch, dafür seine Verwandten zu töten?«

»Es ist viel Geld, Ava. Es sind Milliarden.«

Sie schüttelt den Kopf. »Aber auch jetzt ... Sie wollten dich so unbedingt kriegen ...«

Ich zucke mit den Schultern. »Ich bin der Beweis dafür, dass sie einen Mord begangen haben. Natürlich wollten sie mich kriegen.«

Ava legt die Hände in den Schoß. »Und Nichole? Warum musste sie sterben?«

»Ich habe keine Ahnung«, gebe ich zu. »Doch ich bin mir sicher, dass sie es wieder gewesen sind. Wieso fragst du nicht deinen Bruder? Er war dabei.«

»Hunter spricht nicht mit mir. Er will, dass ich verschwinde und nicht zurückkomme.« Fest sieht sie mir in die Augen. »Aber ich brauche ihn nicht. Ich kann es allein herausfinden.«

Meine Mundwinkel zucken. »Es ist wirklich das Beste, wenn du von hier verschwindest.«

Natürlich möchte ich nicht, dass sie geht. Im Gegenteil, ich möchte sie in den Arm nehmen und alles versuchen, um ihr Vertrauen zurückzugewinnen. Doch um uns herum fliegen zu viele Kugeln. Meine Familie ist unberechenbar. Also gebe ich Hunter Lopez einmal in diesem Leben recht.

»Ich wusste, dass du das sagst«, erwidert sie und leckt sich über die Lippen. »Aber als du damals gestorben bist, hast du all das Vernünftige in mir zerstört. Vor zwei Tagen bist du erneut für mich gestorben. Jetzt ist mir alles scheiß egal.«

Mein Herz bricht. Schmerzhaft knallen die Einzelteile gegen meinen Brustkorb. »Du hast gesagt, dass du verliebt gewesen bist und die Liebe verloren hast. Du zuckst zusammen, sobald dich ein Mann berührt. Du betrinkst dich, bis du nicht mehr gerade laufen kannst. Carter ...«

Nein, nein, nein. Alles an mir spannt sich an.

Sag mir nicht, dass es wegen mir ist. Sag mir nicht, dass ich dich zerstört habe. Sag mir nicht, dass du dich wegen mir immer weiter selbst zerstörst …

Ava hält meinem Blick stand. Sie weint nicht, aber ihre Unterlippe zittert. »Wir waren Kinder. Trotzdem war ich in dich verliebt, Chase. Dich zu verlieren, hat mich zerbrochen. Ich war danach nicht mehr dieselbe.« Tief holt sie Luft. »Es ist schrecklich, was dir passiert ist, und es tut mir leid. Doch auch ich habe gelitten. Und du hattest nicht das Recht, erneut in mein Leben zu treten. Du hattest nicht das Recht, mich anzufassen, mich in den Arm zu nehmen, zum Lachen und Weinen zu bringen.« Ihre Stimme bebt. »Du hattest nicht das Recht, mich ein zweites Mal zu brechen.«

In diesem Moment realisiere ich, was ich ihr angetan habe. Und ich hasse mich dafür. Umso mehr hasse ich meinen Onkel, meine Tante, meine Cousins. Denn sie haben nicht nur mich ruiniert, sondern auch Ava.

Damals sind wir noch Kinder gewesen. Wir hatten keine Ahnung, wie grausam das Leben für uns werden wird. Doch wir haben uns ineinander verliebt. Neun Jahre später sind wir zwei vollkommen andere Menschen, aber die Anziehung zwischen uns nicht weniger stark. Wir sind ein zweites Mal gefallen. Wir müssen ein zweites Mal die Konsequenzen tragen.

»Ich habe versucht, vernünftig zu sein«, raune ich. »Ich wollte mich von dir fernhalten. Doch ich habe es einfach nicht geschafft.« Fest sehe ich ihr in die Augen. »Ava, ich war genauso in dich verliebt. Ich habe an jenem Tag nicht nur meine Familie, sondern auch dich verloren. Es hat mich zu einem anderen Menschen gemacht, einen Menschen, auf den ich nicht stolz bin. Ich wollte nicht, dass du ihn siehst.«

Sie schluckt. »Ich wollte auch nicht, dass du siehst, zu was für einem Menschen ich geworden bin. Doch du hast mich diese Entscheidung nicht treffen lassen.« Langsam streckt sie den Rücken durch. »Doch das ist jetzt egal. Für Hunter und die Erinnerung an dich wollte ich herausfinden, wie Nichole gestorben ist. Nun werde ich es für mich selbst herausfinden. Wenn ihr mich aus der Stadt kriegen wollt, müsst ihr mich gewaltsam hinausschaffen.« Ihre Mundwinkel zucken. »Dein Onkel hat Carter erschossen. Er wird es bereuen.«

»Ava!« Ich will aufspringen, doch der Wärter hinter mir drückt mich gewaltsam zurück auf die Bank. »Das ist ein Selbstmordkommando!«, fahre ich sie wütend und verzweifelt an.

Sie zuckt nur mit den Schultern und erhebt sich. »Wir hätten ein Team sein können. Du wolltest es nicht.«

»Das ist dumm«, knurre ich. »Wenn du wütend auf mich bist, lasse es an mir aus. Nicht an dir selbst.«

»Keine Sorge, ich werde es auch an dir auslassen.« Mit diesen Worten wirbelt sie herum, dreht nur noch ein letztes Mal den Kopf. »Es tut mir wirklich leid. Niemand sollte durchmachen müssen, was du durchmachst. Aber du hattest deine Chance mit mir. Du hast sie weggeworfen und mein Vertrauen missbraucht. Versuch nicht mehr, mich zu beschützen.«

Ich kann nur dasitzen, während sie den vollen Raum verlässt. Die Haare schwingen an ihrem Rücken. Ihr Gang ist fest. Mein Inneres explodiert. Meine Schultern beben. Ich will ihr hinterherrennen, sie anbrüllen und gegen die Wand drücken. Ich will sie in den Arm nehmen und mich entschuldigen. Aber ich kann nichts tun. Rein gar nichts.

Der Wärter zieht mich nach oben. Mit hochgezogener Augenbraue sieht er mich an.

»Ich weiß, dass ich es versaut habe«, knurre ich und lasse mich von ihm abführen.

Avas Trinken, die Männer, das Zittern ihrer Finger ... Alles wegen mir. Ich wollte ihr das niemals antun. Sie hat nicht verdient, dass ihr Leben dazu geworden ist. Ich ... Ich habe in keiner Sekunde geahnt, was das Feuer mit ihr gemacht hat, in welchem Ausmaß es sie zerstört hat. Ich wusste es nicht. Ich wusste es verdammt noch mal nicht.

Wenn ihr dort draußen etwas passiert, werde ich es mir nie verzeihen. Ich werde niemals aufhören, sie zu beschützen. Ich muss hier raus. So schnell wie möglich.

Dich zu verlieren, hat mich zerbrochen.

Fuck, Ava. Wir sind dem Untergang geweiht.

Chase

Vor neun Jahren

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---ENDE DER LESEPROBE---