To Be Hated By You - S.V. Rose - E-Book
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S.V. Rose

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Beschreibung

Zwei Gejagte. Zwei Verachtete. Eine tödliche Affäre. Kyle Walker und Sienna Cavanaugh sind dem Monster entkommen, aber ihr Leben steht mehr denn je auf dem Spiel. Mit einer Zielscheibe auf dem Rücken sind sie auf der Flucht, denn Stephen kehrt zurück, will nicht nur seine Tochter für ihren Verrat bestrafen, sondern auch seinen Stiefsohn bluten sehen. Die Vergangenheit, die dunklen Spiele und die Morde lasten schwer auf ihnen, wodurch ihr Hass genauso schnell wächst wie ihre Leidenschaft. Doch was wird es kosten, überleben zu können? Ihre Herzen? Ihre Seelen?

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

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To Be Hated By You

S.V. ROSE

Copyright © 2022 by Rebel Stories Verlag, 89567 Sontheim

All rights reserved.

Cover: Premade - Neu Vercovert

ISBN: 978-3-910386-02-0 (Taschenbuch)

www.rebel-stories-verlag.com

Inhalt

Inhaltswarnung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Epilog

Danksagung

To Be Hated By You

S.V. Rose

Inhaltswarnung

To Be Hated By You ist eine Geschichte mit Folter und Mord. Einige Szenen könnten Trigger für sensible Leser enthalten. Hierbei handelt es sich um fiktionale Elemente, die in einer fiktionalen Geschichte eingebunden sind. Die Schilderungen solcher Situationen bedeutet weder, dass die Autorin Gewalt gutheißt, noch, dass sie sie verharmlost. Wer sich bei der Beschreibung von Gewalt nicht wohlfühlt, sollte dieses Buch nicht lesen.

Kapitel1

Vor 5 Monaten

Ich betrachte meinen Körper in dem riesigen Spiegel und fahre mit der Hand langsam die Seide des Kleides entlang. Es ist in einem edlen Goldton gehalten und schmiegt sich fest an meine blasse Haut. Darüber trage ich ein weiches Fell, das locker auf meinen Armen liegt. Früher hat meine Mutter dieses Kleid oft angezogen. Doch sie weilt nicht mehr unter uns. Bei dem Gedanken schiebt sich eine dunkle Wolke über mein Herz. Stark krampft es sich zusammen. Tief atme ich durch und schiebe konsequent jegliche Emotionen von mir weg. Trauer, Schmerz, Einsamkeit. Dann öffne ich meinen Lippenstift, trage die dunkle Farbe auf meine Lippen und setze ein strahlendes Lächeln auf.

Gerade rechtzeitig, denn in dem Moment öffnet sich auf einen Schlag die mächtige Tür und gibt den Blick auf einen großen Mann mit schwarz glänzenden Haaren frei. Wie immer zieren seine Beine eine dunkle Jeans und seinen muskulösen Oberkörper ein Hemd, heute in Schwarz. Denver Lockheart sieht aus wie ein dunkler, wunderschöner Engel. Unnahbar und hochmütig. Doch die blauen Augen sind nicht strahlend wie meine, sondern trüb und geheimnisvoll.

»Du siehst hübsch aus«, meint er und stellt sich hinter mich. Immer sagt er, dass ich hübsch aussehe. Nie einzigartig, nie besonders, nicht einmal wunderschön. Seit wir uns kennen, bin ich immer nur hübsch für ihn gewesen.

Geschickt streift er meine Haare hinter die Schulter und betrachtet mein Dekolleté. Sein Blick fährt über die Rundungen meiner Brüste. Provokant ziehe ich den Ausschnitt noch etwas tiefer. Er hasst es, wenn ich mich freizügig zeige. Doch wie es scheint, ist er heute nicht in der Stimmung für eine Auseinandersetzung. Er zuckt nicht einmal mit der Wimper.

»Das Kleid hat meiner Mutter gehört«, erwidere ich nur und lasse den Lippenstift auf die Kommode fallen. Meine glatten Haare streiche ich wieder nach vorne.

»Hübsch«, sagt er wieder und tritt einen Schritt zurück. Seine Stimme wird noch ernster, als sie es ohnehin ist. »Sienna, ich muss mit dir sprechen.«

Ich unterdrücke ein Aufstöhnen. Er will immer nur mit mir reden, wenn er etwas an mir auszusetzen hat, wenn ich ihm zu unanständig bin, zu rebellisch, mich nicht benehme. »Ich denke, das kann warten«, antworte ich dementsprechend kühl und lecke mir einmal über die roten Lippen. »Ich gehe jetzt nach unten zu Belle.«

»Stopp«, entgegnet er energisch und hält mich am Arm fest. Seine Haut ist eiskalt. Die blauen Augen bohren sich in meine. Er kann es nicht ausstehen, wenn ich ihn stehen lasse.

»Mein Gott, Denver, ich habe wirklich keine Lust darauf.« Ich will mich ihm entziehen, aber er lässt nicht locker. Natürlich nicht. Wenn er auf etwas besteht, dann ist es Gesetz. »Wie mich das ankotzt«, fluche ich leise.

»Wie bitte?« Er neigt den Kopf. Seine Stimme lässt keine Emotionen zu. Er bleibt starr, auch wenn sich nun sichtbar Ungeduld durch seine Adern zieht.

»Du hast mich schon verstanden«, fauche ich, während ich mich frage, wie wir von einem hübschen Kleid schon wieder hier landen konnten. Jedes Mal will er mich bändigen, mich einfangen und für sich zurechtbiegen.

Meine Eltern haben Denver adoptiert, als er noch ein kleiner Junge war. Sein Vater war ein unkontrollierbarer Alkoholiker und Schläger. Unsere Familie hat ihn bereitwillig aufgenommen, obwohl es mehr um das gesellschaftliche Ansehen und weniger um Großzügigkeit ging. Welch eine Ironie, da sich mein eigener Vater seit meiner Kindheit regelmäßig an die Gewalt verliert und meinen Bruder mehr als einmal blutig geschlagen hat. Doch Denver ist sein Heiligtum. Nie krümmt er ihm auch nur ein Haar, während er Jax und mich als unmoralisch und seines Blutes nicht würdig bezeichnet. Wir sind ihm zu aufbrausend, zu ungehorsam, nutzen unsere Grauzonen zu sehr aus. Das Gesicht meines einen Bruders muss dafür büßen, während mein anderer sich in Geld, Ruhm und Anerkennung badet. Mein Vater hat immer gemeint, dass Denver der richtige Mann für mich ist, ein Mann von Ehre - oder wohl eher ein Mann, der nach seiner Pfeife tanzt. Ich bin mit ihm an der Seite aufgewachsen, als sein Mädchen, als seine Frau. So stehe ich jetzt vor ihm, mein Arm in dem festen Griff seiner Hand.

»Wir werden heiraten.« Sein Tonfall ist ernst, die Augen dunkel. Er kann ein hervorragender Liebhaber sein, atemberaubend im Bett, ist seit Jahren meine Stütze ... Doch in diesem Moment klappt mir vor Entsetzen die Kinnlade herunter. Das ist wirklich nicht der richtige Zeitpunkt für einen verdammten Heiratsantrag.

»Was?«, stoße ich aus. Meine Haut steht in Flammen. »Warum zur Hölle willst du plötzlich heiraten, Denver?!«

»Sienna, wir sind sozusagen unser ganzes Leben lang verlobt. Mach keine Szene. Du wirst ein hübsches Kleid finden und wir werden auch auf dem Papier zusammengehören.« Hübsch. Da ist es wieder. Wie ich dieses Wort hasse.

»Will er es?«, fahre ich ihn voller Wut an. »Sag es mir, Denver! Hat er es von dir verlangt?« Mein Puls rast.

Natürlich antwortet er nicht. Edles Schweigen ist sein Spezialgebiet. Aber dieses Mal ist es Antwort genug.

»Du bist so ein verdammtes Arschloch, Denver Lockheart«, spucke ich ihm entgegen. Er hat ohne Schamgefühl zu verstehen gegeben, dass es mein Vater ist, der diese Hochzeit will. Nicht er. Zorn pumpt durch meine Adern und raubt mir den Atem. Wie kann er es wagen!

»Du kannst so eine Furie sein«, meint er nur und drückt meine Hand noch etwas fester. »Wir beide wussten, dass wir irgendwann heiraten werden. Also warum nicht jetzt?«

»Warum nicht jetzt? Warum nicht? Wir heiraten, wenn wir es wollen, nicht wenn er es will! Zumindest dachte ich das.« Verärgert entreiße ich ihm die Hand. »Wir sind viel zu jung, um zu heiraten. Mein Vater wird noch warten können.«

Er will mich nur zur Frau nehmen, um Will zufrieden zu stellen und sich die Machtposition in einer Familie zu sichern, die nicht seine leibliche ist. Das ist es, was mein Blut kochen lässt.

»Er will, dass es jetzt geschieht.« Denvers Blick ist dunkel. Eine weniger romantische Version eines Antrags hat es wohl noch nie gegeben. »Uns wird irgendwann das Hotel gehören. Wir müssen uns absichern.«

»Du meinst, dir wird es gehören«, zische ich und schleudere das Fell mit Wucht auf das frisch bezogene Bett. Absichern. Wir müssen uns absichern. Er gibt sich nicht einmal die Mühe, mir zu sagen, dass es nicht nur an meinem Vater liegt. Er verliert kein Wort darüber, dass er mich auch will und es nur ungünstig zusammentrifft. »Was ist mit Jax? Das wird der nächste Schritt sein, um ihm sein Erbe wegzunehmen.«

»Du weißt seit Jahren, dass dein Bruder dieses Hotel niemals leiten wird. Also fange jetzt nicht damit an«, schleudert er zurück und fährt sich durch die glänzenden Haare. »Wir werden heiraten. Ende der Geschichte.«

»Weil wir so ein atemberaubendes Traumpaar sind«, flüstere ich leise und mit voller Verachtung. Ich kann mir vorstellen, dass die ganze Stadt hellauf begeistert sein wird. Das glückliche Paar heiratet. Endlich. Doch es wird nur eine Hochzeit geben, weil er darauf besteht. Nicht mein Mann, sondern mein Vater.

Es ist nicht so, als hätten Denver und ich uns nie gewollt. Oh doch, wir wollen uns durchaus. Wir schwimmen in der Leidenschaft, toben in unserem Rausch. Seit elf Jahren ist er an meiner Seite und doch ersticke ich an diesem Moment, an der Kälte, mit der dieser Antrag mein Herz trifft. Hochzeit. Ein schreckliches, tödliches Wort.

»Ich gehe nach unten«, meine ich bissig, lasse meiner Wut freien Lauf. Denver kommentiert es nicht. Er kennt meine Ausbrüche. Feigling. Verärgert gehe ich aus dem Zimmer und schlage die Tür hinter mir zu.

Er will, dass es jetzt geschieht.

Was er will, ist das Einzige, was zählt.

Zornig laufe ich den Flur entlang, atme tief durch und straffe die Schultern. Eine Absicherung. Eine scheiß Absicherung. Hitzig stoße ich einen kurzen Schrei aus. Ich hasse diese Stadt, ich hasse sie so sehr. Genauso hasse ich das Owl's Keen, dieses mittelalterliche Schloss vor dem dichten Wald. Ein Hotel aus alten Gemäuern und dunklem Stein. Ich hasse es.

»Schwester!« Jax' laute Stimme halt durch den Flur, der mit flackernden Lampen verziert ist. Schwungvoll drehe ich mich um und blicke meinem Bruder in die grünen Augen. Mein Körper bebt.

»Wusstest du es?«, fahre ich ihn geradeheraus an. »Wusstest du, dass Denver mich fragen wird?«

»Wovon redest du?« Er versenkt die Hände in den Hosentaschen. Seine braunen Haare sind zerzaust. Bestimmt hatte er gerade das Vergnügen mit Lydia McCan. Immer lässt er seinen Frust an der Frau mit dem schwarzen Pagenschnitt aus. Früher sind wir einmal Freundinnen gewesen. Doch das war, bevor sie sich an meinem Mann vergreifen wollte. Jetzt ist sie für mich nur noch die Schlampe der Stadt, die gelegentlich mit meinem Bruder schläft.

»Er will heiraten«, meine ich und spucke das letzte Wort dabei verächtlich aus.

Anstatt entsetzt die Augen zu weiten, zuckt Jax mit den Schultern. »Wir wussten doch alle, dass es früher oder später dazu kommen wird. Wo ist das Problem?«

Dass du dein geliebtes Hotel verlieren wirst! Dass ich ersticke! Am liebsten hätte ich ihm diese Worte entgegen geschrien, doch stattdessen presse ich verärgert über seine Ignoranz nur die Lippen zusammen.

»Ich muss mich betrinken«, zische ich und setze meinen Weg fort.

»Sienna!«, ruft mein Bruder mir hinterher.

»Fick dich!«, schreie ich und schreite mit großen Schritten um die Ecke. Auch er ist für nichts zu gebrauchen.

»Entspann dich! Was ist dein Problem?«

»Er! Du! Diese Stadt!«

»Frauen heiraten doch gerne!«

»Halt den Mund!« Atemlos gehe ich weiter, versuche, mein Temperament zu zügeln. Jax hat gut reden, er ist schließlich frei und kann tun und lassen, was er will. Ich bin sicherlich keine Frau, die gerne heiratet. Nicht so. Nicht jetzt. Wütend nehme ich die Stufen ins Erdgeschoss, wo Belle auf mich wartet. Sie trägt ein kurzes blaues Kleid mit langen Ärmeln und hat ihre Augen heute besonders intensiv geschminkt. Seit der Trennung von Ben setzt sie nur noch auf einen extremen Look. Neben ihr steht Cara Morgan, ihre Mitbewohnerin, die es irgendwie geschafft hat, sich in unsere Gruppe einzuschleichen. Ich halte nicht viel von ihr, da sie mir zu ruhig und unspektakulär ist, aber wenigstens stellt sie nie Fragen und macht immer alles mit.

»Hübsches Kleid«, meint Belle und hakt sich bei mir unter. Ihre blauen Augen funkeln.

»Wenn ich dieses Wort noch einmal höre, breche ich irgendjemanden die Knochen«, zische ich und stoße die Tür nach draußen auf. Eine pompöse Brücke führt über einen Graben zu einer Allee aus symmetrisch angelegten Bäumen. Der düstere Wald erstreckt sich bedrohlich im Hintergrund. Regentropfen fallen vom Himmel. Die Wolken haben sich komplett zugezogen und kündigen eine finstere Nacht an.

Belle hebt eine Augenbraue. »Schlechte Laune?«

»Allerdings«, murmle ich und rufe Henry, dem ältesten Angestellten des Hotels zu, dass er uns in die Stadt fahren soll.

Der Weg zum Revolution, dem berühmten Untergrundclub der Stadt, verläuft schweigsam. Meine Miene bleibt starr, verrutscht keinen Zentimeter. Cara sitzt schweigend auf dem Polster, die Schultern hängen herab, ihr dünner Körper sieht noch zerbrechlicher aus als sonst. Ich fürchte, dass sie zusammenbricht, doch sie hält sich tapfer. Die Straßen ziehen an uns vorbei, eine nach der anderen. Der Regen wird stärker, entspricht meiner düsteren Stimmung. Vor dem Club hält Henry an und wünscht uns einen schönen Abend, bevor wir uns auf dem Weg zum Eingang machen.

Hier unten tauchen wir in eine andere, magische Welt ein. Leuchtende Blitze schießen durch die Kellergewölbe, während laute Remixe aus den Boxen schallen. Mein eiskaltes Herz schlägt in dem Takt der Musik. Mein Blick streift die verschiedenen Menschen. Einige begrüßen mich, andere sehen schnell weg. Bei der Ehrfurcht in ihren Augen zieht sich Genugtuung durch meinen Körper. Sie bewundern mich, fürchten mich, aber alle respektieren mich. Ich liebe es, in ihre nervösen Gesichter zu schauen, mir einen Spaß daran zu erlauben, sie zu verunsichern.

»Sienna Cavanaugh. Wo sind deine Begleiter?«, ertönt plötzlich die eine Stimme, die ich heute auf keinen Fall hören wollte. Augenblicklich zieht sich die Wut auf Denver zurück, macht Platz für einen noch intensiveren Zorn.

»Kyle Walker«, meine ich kalt und drehe mich zu dem Mann um. Sofort bohren sich seine grünen Augen in meine. Ein provokantes Grinsen umzieht seine Lippen. Die blonden Haare sind wie immer zerzaust, lassen ihn stürmisch aussehen.

Belle und Cara neben mir verkrampfen sich. Auch die anderen Leute in unserer Nähe unterbrechen ihre Unterhaltungen, sehen gespannt zu uns herüber. Irgendwie schafft es Kyle immer, den ganzen Raum für sich einzunehmen. Er hat eine unglaublich heftige Wirkung auf seine Mitmenschen, zieht jeden in seinen Bann. Doch ich baue eine Mauer aus Eis um mich herum.

»Wo ist dein König?«, fragt er mich höhnisch. Ich bin mir nicht sicher, ob er Jax oder Denver meint, aber das ist auch nicht wichtig. Alles, was Kyle will, ist mich herauszulocken, mit mir zu spielen und unseren jahrelangen Hass anzutreiben, bis ich ausraste. Er ist unberechenbar, sieht mich mit einem so dunklen Blick an, dass allein darin deutlich wird, wie sehr er mich verachtet.

Das beruht auf Gegenseitigkeit, Süßer.

»Wo sind deine Sklaven?«, gebe ich zurück und deute damit die Leute an, die sich normalerweise wie besessen um ihn scharen. Wie gesagt, er weiß, wie er andere kontrolliert. Aber ich weiß es noch besser.

»Niedlich«, entgegnet er und tritt einen Schritt näher an mich heran. Heißer Atem trifft meine Wange. »Weißt du, ohne deine Leibwächter wirkst du nur halb so gefährlich. Fast schon schwach.« Die Provokation in seiner Stimme ist nicht zu überhören.

»Was ist dein verdammtes Problem, Walker?«, zische ich und straffe die Schultern. Meine Augen sprühen Funken. Als ich dachte, dass meine Laune heute nicht mehr schlechter werden kann, habe ich mich gewaltig geirrt.

»Lass mich kurz überlegen ... Du. Du bist es, Sienna Cavanaugh. Denn du stolzierst hier herein, als würde die Welt dir zu Füßen liegen.« Seine Stimme ist dunkel, der Körper angespannt. Stärke liegt in seinem Blick. Stärke und Wut.

»Aber tut sie das denn nicht?« Ich schenke ihm ein übertriebenes Lächeln. Schon immer hat er es geliebt, mich lächerlich zu machen. Schon immer habe ich es geliebt, ihn darauf hinzuweisen, wie begrenzt seine angebliche Macht doch ist.

»Richte deinem Bruder aus, dass wir kämpfen werden. Er ist zu weit gegangen«, knurrt Kyle in dem Moment und beugt sich bedrohlich zu mir.

Meine Mundwinkel zucken amüsiert. »Was hat er gemacht? Mit deiner Freundin geschlafen?«

»Baby, ich habe keine Freundin.« Sein Atem trifft direkt an mein Ohr. Seine Stimme wird rauer. Ernster. »Tristan schon.«

»Dann war er offensichtlich nicht in der Lage, sie ausreichend zu befriedigen«, stelle ich fest und weiß genau, dass ich damit einen wunden Punkt getroffen habe. Loyalität ist unter Kyles Leuten das oberste Gebot. Ziehst du einen von ihnen in den Dreck, schmeißen dich die anderen hinterher.

»Wag es nicht, dich derartig aufzuspielen.« Sein Tonfall ist jetzt warnend. »Du bist nur ein Mädchen, Sienna. Ein hübsches Sprachrohr, das die Nachricht überbringen wird.«

Wut pulsiert in meinen Adern. Feuer schießt durch mich hindurch. »Du verda...«, setze ich an, als sich plötzlich eine Hand auf meine Schulter legt und mich energisch zurückzieht. Die Kälte der Bewegung, sagt mir sofort, wer es ist. Einer der Könige ist gekommen. Mein König.

»Was soll der Scheiß, Walker? Langeweile?«, meint Denver unbeeindruckt und zieht mich noch ein Stück weiter zurück.

Verärgert mache ich mich von ihm los und richte den Blick wieder auf Kyle. »Eher zu wenig Befriedigung«, zische ich wutentbrannt. Ein hübsches Sprachrohr? Ich bin kurz davor ihm eine saftige Ohrfeige zu verpassen! »Verschwinde, Kyle. Ich kann dich nicht mehr sehen«, fauche ich.

Grinsend deutet er eine Verbeugung an. »Es war mir eine Ehre. Sag Bescheid, wenn du nicht ausreichend befriedigt wurdest. Ich werde da sein.«

»Lieber würde ich sterben«, entgegne ich wütend. Denvers Hand liegt immer noch kalt auf meiner Schulter.

»Und ich würde dich umbringen, Walker«, knurrt er im selben Moment, bevor er nach meiner Hand greift und den Mann vor sich herausfordernd ansieht. Er demonstriert seine Macht, demonstriert, dass er mich besitzt.

Sofort lasse ich seine Hand los. Niemand besitzt mich. Niemand.

Kapitel2

Starke Arme schließen sich um mich, halten mich fest. Wasser füllt meine Lunge, raubt mir jede Luft zum Atmen. Dunkelheit hüllt mich ein. Ich trete um mich, versuche, gegen das tödliche Element zu gewinnen. Es ist ein aussichtsloser Kampf. Doch dann schießen wir plötzlich nach oben, schießen durch die Oberfläche. Die Arme lassen mich nicht los. Kalter Wind peitscht mir ins Gesicht. Die tosenden Wellen schlagen um mich. Hastig schnappe ich nach Luft, hauche meinem Körper verzweifelt wieder Leben ein.

»Wir müssen ans Ufer!«, brüllt der Mann hinter mir, gräbt die Finger in meine Haut. »Wolltest du dich umbringen oder was hattest du vor, verdammt?«

»Mein Name ist Sienna Cavanaugh, ich bringe mich nicht um!«, schreie ich und lasse die Beine arbeiten. Immer wieder stoße ich das Wasser zur Seite, huste, atme die kalte Luft ein. Ich zittere überall und doch kann ich unmöglich aufgeben.

»Auch eine Rachegöttin kann sterben!«, ruft Kyle gegen den starken Wind an. »Warum bist du von der scheiß Klippe gesprungen?«

Gemeinsam kommen wir dem Ufer näher. Das Wasser ist entsetzlich kalt, hat sich mittlerweile vollständig in meine Anziehsachen gezogen. Immer wieder will es mich zurück nach unten drängen.

»Sie waren hinter mir her!«, erwidere ich wütend. Als würde ich freiwillig von einer hohen Klippe springen! In die tödlichen Fluten!

»Dann müssen wir umso schneller verschwinden!« Kyle beißt die Zähne zusammen und wendet seine ganze Kraft an, um uns weiter zu bringen. Ich erhasche einen kurzen Blick auf seine konzentrierte Miene, bevor mir wieder eine Welle ins Gesicht klatscht. Kälte zieht sich durch meine Adern, lässt mich zu Eis gefrieren. Meine Gliedmaßen sind taub, aber ein Rückzug ist keine Option. Entweder wir kämpfen uns hier durch - oder wir sterben.

Entschlossen strecke ich die Arme aus, stoße das Wasser beiseite. Kyle ist direkt neben mir, hält mich immer noch fest. »Du musst mich loslassen!«, keuche ich. »Du kannst so nicht schwimmen. Wir werden niemals ankommen!«

»Wehe du ertrinkst!«, gibt er warnend zurück, lässt mich aber tatsächlich los. Sofort packt mich der Strudel wieder. Wütend wehre ich mich dagegen, biete den Wellen die Stirn. Ich muss überleben. Überleben ist alles, was zählt. Ich zapfe die letzte Kraft in mir an, lasse zu, dass sie meinen Körper einnimmt, und hoffe, dass es mich retten wird. In Notlagen soll der Mensch zu Übermenschlichem fähig sein. Das könnte ich jetzt gut gebrauchen.

Zusammen schwimmen wir weiter. Weiter. Weiter. Weiter. Ich spüre nichts mehr. Ich spüre gar nichts. Doch wir machen immer weiter. Wasser spült in meine Lungenflügel. Meine Füße zucken. Ich huste. Weiter. Weiter. Ich schreie. Meine Klamotten sind so verdammt schwer. So schwer. Weiter. Weiter.

»Fast geschafft!«, brüllt Kyle und sieht nach vorne. Tatsächlich, vor uns liegen die Felsen. Rettende Felsen. »Gib mir deine Hand!«, fordert er mich auf. Sofort lege ich meine in seine. Beide sind eiskalt. Kyle streckt sich, packt mit der anderen Hand einen Vorsprung des Felsens. Die Adern an seinem Arm treten hervor. Die Strömung droht uns weiterzuziehen. »Du musst dich an mir festhalten! Halte dich an mir fest, bis du bei dem Felsen bist!«

Ich nicke, atme tief durch. Mit aller Kraft kralle ich mich auch mit der anderen Hand an ihm fest. Dieses Mal weiter oben. Sein Körper ist bis auf das Äußerste angespannt. Aber er hält mich. Mit zusammengepressten Kiefern hangle ich mich an ihm entlang, greife nach seiner Schulter, entlocke ihm ein Keuchen. Der rettende Fels ist direkt vor mir. Ich strecke die Hand aus und greife nach einem Vorsprung weiter oben. Es fühlt sich an, als würde mein Körper in zwei Hälften gerissen werden.

»Scheiße!«, schreie ich. Mit dem letzten Funken Kraft, stütze ich mich auf Kyle und ziehe mich hoch. Mein Körper kommt hart auf dem Stein auf. Der Aufprall raubt mir die letzte Luft. Wieder huste ich. Dann drehe ich mich um. Jetzt halte ich Kyle meine Hand hin. Mit starrer Miene nimmt er sie, während ich mich verzweifelt an den Felsen kralle. Verdammt, ich kann ihn nicht halten. Die Wellen sind zu stark, sie ...

»Sienna!«

Mein Kopf fährt herum. Tristan ist bei mir. Seine rötlichen Haare stechen vor den grauen Felsen hervor. Die Augen sind bis auf das Äußerste konzentriert. Ohne zu zögern, greift er nach Kyles Arm, spannt seine ganzen Muskeln an. »Klettere auf den nächsten Felsen!«, ruft er mir entgegen. »Ich helfe Kyle!«

Atemlos nicke ich, krieche weiter. Nässe durchzieht meinen ganzen Körper, Nässe und Kälte. Mit zitternden Beinen erhebe ich mich, erklimme den nächsten Felsen. Felsen für Felsen überwinde ich. Meine Kraft ist am Ende. Verdammt, ich hasse es, mich schwach zu fühlen. Irgendwie schaffe ich es dennoch, den letzten Abschnitt der Steine zu erreichen. Vollkommen erschöpft werfe ich mich in das Gras dahinter. Mein Herz schlägt wie wild. Ein weiterer Hustenanfall erschüttert mich. Scheiße, ich hätte sterben können. Atemlos drehe ich mich auf den Rücken, blinzle, versuche, irgendetwas zu erkennen.

Fuck, Kyle. Kyle ... Da! Erleichterung durchströmt mich, als zwei Gestalten auf mich zukommen, zwei Männer. Der Größere stützt den Kleineren. Er lebt.

Bei mir angekommen wirft Kyle sich sofort neben mich, nimmt mein Gesicht in beide Hände und sieht mir fest in die Augen. »Alles gut?«, keucht er. Wasser tropft aus seinen Haaren.

»Finger weg«, sage ich nur und versuche meine Atmung, unter Kontrolle zu bringen.

Beruhigt lehnt er sich zurück, sieht zu Tristan. »Es geht ihr gut. Sie sagt, Finger weg. Also geht es ihr gut.« Tief atmet er aus.

»Natürlich geht es das. Diese Frau ist unzerstörbar.« Tristan schnaubt und dehnt seinen rechten Arm. Mich sieht er bei den nächsten Worten nicht an. »Was zur Hölle ist passiert?«

»Wir waren nicht schnell genug«, meine ich, obwohl er offensichtlich eine Antwort von Kyle erwartet, und streiche mir die nassen Haarsträhnen aus dem Gesicht. »Sie sind hier.«

»Scheiße«, flucht Tristan jetzt und spricht damit aus, was wir alle denken.

Wir hatten gehofft, dass seine Kollegen vom FBI es nicht nur schaffen, uns aus dem Bunker zu befreien, sondern auch Stephen ein für alle Mal zu überführen. Genug Beweise sprachen gegen ihn. Während wir mit Tristan und wenigen anderen geflohen sind, wollten sie sich darum kümmern. Entweder sie haben aufgegeben oder aber uns nur Zeit verschafft und mussten dafür mit ihrem Leben büßen. Immerhin hat Stephen selbst eine Armee und wir konnten nicht das ganze FBI antanzen lassen, geschweige denn einweihen, ohne Kyle ebenfalls ans Messer zu liefern.

»Heißt das, er ist hier draußen?« Kyle atmet tief durch.

»Ich weiß es nicht.« Das Bild meines leiblichen Vaters taucht vor meinem Auge auf. Das Bild eines Monsters, psychisch krank und auf dem Weg, um uns zu holen. »Aber einige von seinen Leuten sind es auf jeden Fall.«

»Dann müssen wir weiter«, meint Tristan beharrlich, schüttelt den nassen Ärmel. »Es wird schon dunkel. Wir bleiben über Nacht hier und brechen im Morgengrauen auf.«

»Danke.« Kyle sieht ihm direkt in die Augen. »Danke, dass du mich rausgezogen hast.«

Tristan nickt nur und entfernt sich dann mit großen Schritten von uns. Zwischen Kyle und ihm herrscht trotz aller Loyalität immer noch eine Eiseskälte. Kyle hat seine Leute nicht eingeweiht, als wir das erste Mal aus dem Bunker geflohen sind. Er hat ihnen auch nichts von unserer Affäre erzählt. Tristan ist zutiefst verärgert, dass er nach jahrelanger Freundschaft außen vorgelassen wurde. Trotzdem ist er gekommen, um ihn zu retten. Nicht nur das, er ist sogar mit uns weitergezogen und hat damit endgültig seinen Job beim FBI verloren. Auch wenn er nicht viel spricht, erst recht nicht über sich selbst, sieht jeder die Verbitterung in seinen Augen. Verbitterung, die seine Treue trotzdem nicht überbieten kann.

Ich drehe mich zu Kyle und mustere seine nassen Haare, die dichten Wimpern. Er erwartet kein Dankeschön von mir. Trotzdem toben die Gedanken in meinem Kopf wild umher. Er hat mich gerettet. Schon wieder. Ich hasse es, ihm so viel schuldig zu sein.

Als ich nichts sage, seufzt er und rappelt sich schwer atmend auf. »Nachdem wir dich verloren haben, haben wir ein Lager in der Nähe aufgeschlagen. Die anderen wollten Feuerholz holen.«

Die anderen. Damit meint er seine Freunde, die mit uns geflohen sind. Seine Freunde, die mich wie die Pest hassen. Ein Grinsen schleicht sich auf mein Gesicht. Richtig so. Man schreibt keine Geschichte, indem man von allen gemocht wird.

Langsam stehe ich ebenfalls auf. Ich spüre meine Gliedmaßen kaum. Alles ist taub. Nur Kälte umgibt mich wie ein eisiger Vorhang. Schreckliche Kälte. »Ein Feuer klingt gut.« Ich setze mich in Bewegung. Schwer treten meine Füße auf das Gras.

»Sienna.«

Ich drehe mich um. Kyle steht immer noch da. Seine Schultern beben von der Anstrengung. Seine Kleidung ist klitschnass, aber in seinen Augen brennt ein nicht zu bändigendes Feuer.

»Ich fühle nichts«, hauche ich tonlos und streiche mit der Hand über meinen Arm. Nichts. Nur Kälte. Der Hinterkopf des Mädchens taucht vor meinem inneren Auge auf. Meine Pistole in ihrem blonden Haar. Sie ist schuld. Sie hat es darauf angelegt. Sie hätte mich nicht verraten sollen. Ein Knall ertönt. Blut. Überall Blut. Ich bin wütend auf sie. So unfassbar wütend. Wenn ich könnte, würde ich ihr eine weitere Kugel in den Kopf jagen.

In diesem Moment macht Kyle einen Schritt auf mich zu, nimmt mein Gesicht in beide Hände und küsst mich. Seine nassen Lippen treffen auf meine. Sein Feuer lässt mein Eis schmelzen. Blut. Überall Blut. Diese Verräterin. Die letzten Überbleibsel zerspringen in tausend Teile. Ich erwidere den Kuss, kralle die Finger in seine Haare, halte mich an ihm fest. Er drückt sich gegen mich, umfasst meinen Körper, entflammt ihn. Seine Zunge streift meine. Eine weitere Kugel in ihrem Kopf. Hitze durchströmt mich. Ich spüre meinen Arm wieder, spüre meine Lippen, spüre seine Lippen. Blut. Überall Blut. Fester lehne ich mich gegen ihn. Sie hätte mich nicht verraten sollen. Ich küsse ihn heftiger. Wilder. Ihr Haar verschwindet. Das Blut verschwindet. Mein Körper steht in lichterlohen Flammen.

Atemlos löse ich mich von ihm. Sein Blick ist stürmisch. Seine Lippen geschwollen. »Gern geschehen.« Mit diesen Worten dreht er sich um und läuft Richtung Wald.

Keiner verliert so schnell die Kontrolle wie er. Keiner erstarrt so schnell wie er.

Mit schweren Schritten folge ich ihm zu den dichten Bäumen. Unter den dunklen Kronen kehrt endlich Stille ein. Meine Anziehsachen kleben unangenehm am Körper. Unser Aufbruch war so plötzlich, dass ich nichts zum Wechseln mitnehmen konnte. Ich werde sie neben das Feuer hängen und hoffen müssen, dass sie schnell trocknen.

Vor zwei Tagen haben wir den Bunker verlassen. Seitdem hatten wir nichts mehr von Stephen gehört. Bis ich mich von den anderen entfernt habe, um etwas Essbares zu finden, und ihnen regelrecht in die Arme gelaufen bin. Wie unfassbar dumm. Wie dumm zu glauben, dass wir ihn besiegt hätten. Jetzt haben wir einen noch größeren, noch gefährlicheren Krieg gestartet. Mein Bruder konnte sein Mädchen und Belle in Sicherheit bringen. Wahrscheinlich wird er nun doch das Hotel übernehmen und mit der hübschen Blondine dort glücklich werden. Glücklich und sicher. Ich stoße ein verächtliches Schnaufen aus. Jeder bekommt das, was er verdient.

Ich habe mich an Cara Morgan für ihr Hintergehen gerächt. Wir haben sie in unsere Mitte geholt und sie hat uns bereitwillig den Wölfen zum Fraß vorgeworfen. Erbärmlich. Diese Frau war krank, hätte ein Massaker gestartet. Sie hatte die Kugel in ihrem Kopf verdient. Wegen ihr hat der ganze Scheiß erst begonnen. Kyle hat geschworen, dass er von ihrem Verrat nichts wusste, dass er sie nie in dem Bunker gesehen hat. Ich glaube ihm. Ich habe keine andere Wahl. Er ist mein Überleben.

Außerdem sitzt Denver Lockheart hinter Gittern. Ein Grinsen umspielt meine Mundwinkel. Er hätte nicht mit der Schlampe schlafen sollen. Er hätte mich nicht um meines Vaters Willen, sondern um seines eigenen heiraten sollen. Er hätte mir ein besserer Mann sein sollen. Jetzt wird er dafür büßen, dass er es nicht gewesen ist.

In diesem Moment tauchen vor unseren Augen drei Zelte auf. Sie sind in einem Kreis aufgestellt, um einen brennenden Holzhaufen herum. Ein zierliches Mädchen mit schulterlangen blonden Haaren sitzt im Schneidersitz auf dem Boden und wirft einen weiteren Stock hinein. Um ihre Schultern liegt eine dunkle Decke. Als sie uns entdeckt, springt sie plötzlich auf, rennt los und wirft sich sofort in Kyles Arme. Er hält sie fest, streicht über ihren Kopf. Am liebsten würde ich kotzen.

»Du lebst!« Erleichtert lässt sie von ihm ab. Dann wirft sie einen verächtlichen Seitenblick zu mir. »Ich habe befürchtet, dass du wegen ihr draufgehst. Du hättest ihr nicht folgen sollen.«

»Ich sehe, deine Freude über mein Überleben ist groß, Alice.« Gekünstelt lächle ich.

Langsam ziehe ich mir mein nasses Oberteil über den Kopf und hänge es an den Ast eines Baumes. Danach stelle ich meine Schuhe vor das Feuer und streife schließlich mit viel Kraft die Hose von meinen Beinen. Der kalte Abendwind umstreicht meine nackte Haut. Doch es ist mir absolut egal. Denn Alice' entsetzten Blick ist es allemal wert. Schockiert gleiten ihre Augen über meinen BH und den knappen Tanga, der wirklich alles von meinem Körper entblößt. Einem Körper, der so viel besser ausgestattet ist als ihrer. Oh, wie ich diesen Moment genieße.

»Willst du dich nicht im Zelt umziehen?«, zischt sie und streift sich eine blonde Haarsträhne hinters Ohr. Sie wird nervös, schaltet auf Angriff. Niedlich.

»Bist du zu prüde, um dir meinen Körper anzusehen, Alice?«, gebe ich nur zurück, schnappe mir die Decke, die sie fallen gelassen hat, und trockne mich damit notdürftig ab.

»Sienna.« Kyle verdreht genervt die Augen. Doch gleichzeitig schweift sein Blick mehr als gierig über mich. Ich weiß genau, dass er mich jetzt haben will. Und ich weiß, dass Alice uns die ganze Nacht im Zelt nebenan hören wird. Das ist die Rache dafür, dass sie sich wie eine verdammte Jungfrau in seine Arme geworfen hat.

»Und für eine Hure wie dich riskieren wir unser Leben«, flüstert sie mir verächtlich ins Ohr, bevor sie sich umdreht und in eines der Zelte schlüpft. Ihre Worte lassen mich kalt.

»Du bist ein Biest, weißt du das?« Kyle macht einen Schritt auf mich zu. Langsam hebt er die Hand und berührt damit meine Wange. Flammen brennen in seinen grünen Augen.

»Bin ich das?« Ich schlinge die Arme um seinen Hals und ziehe ihn in das Zelt direkt hinter uns. Wir reden nicht mehr. Wir fühlen nur noch, während ein weiterer dunkler Tag sich dem Ende zuneigt und die Nacht um uns herum anbricht.

Kapitel3

Vor 4 Monaten

Allein stehe ich an der Theke im Alando und stürze in einem Zug den bitteren Shot herunter. Quinn neigt den Kopf, wobei ihre feuerroten Haare in wirren Strähnen zur Seite fallen. Sie legt die Stirn in Falten. »Du bist einsam und betrinkst dich. Was ist passiert, Sienna?«

Fragend hebe ich eine Augenbraue. Es interessiert sie nie, was ich mache oder wie es mir geht. Im Gegenteil, jedes Mal sieht sie mich mit einer ungeheuren Abscheu an, reckt das Kinn, um mir zu beweisen, dass sie hier die Chefin ist. Doch ohne meinen Vater und sein Geld wäre sie rein gar nichts. Seit Jahren pumpt er sie damit voll, damit er zuverlässig seine Spitzel in der Bar einsetzen kann.

»Kümmere dich um deinen Scheiß, Quinn.« Demonstrativ stelle ich das leere Shotglas vor ihr ab. »Noch einen.« Der Befehl schwingt harsch in meiner Stimme mit.

Verärgert presst sie die Lippen zusammen. »Kein Wunder, dass dich keiner ausstehen kann«, zischt sie, wirbelt herum und nimmt eine große Flasche. Mit verbitterter Miene gießt sie die Flüssigkeit in das Glas.

Ich sehe sie nur verächtlich an, setze es an die Lippen und trinke es in einem Zug leer. »Das geht aufs Haus.« Provokant grinse ich und drehe mich schwungvoll um. Ich werde ganz sicher nicht dafür bezahlen.

Die Nebelmaschine taucht den Raum in dichte Schwaden, lässt das Ganze unglaublich düster wirken. Angenehm rotes Licht flutet über die Tische in den kleinen Nischen, streift über die gepolsterten Rundbänke. Die anderen sind bei Belle in der Wohnung, um zu feiern. Aber anstatt mit Denver dorthin zu fahren, habe ich mich von Henry ins Alando bringen lassen, um meine Wut abzukühlen. Denn mein Verlobter hielt es wieder einmal für nötig, sich über mein Kleid aufzuregen. Ein verdammter Spießer. Ein Spießer, mit dem ich zusammenlebe, seit ich zehn Jahre alt bin. Ein Spießer, zu dem ich von Anfang an gehören sollte. Ein Spießer, der mich heiraten wird, weil mein Vater es so will. Diese Welt ist echt jämmerlich.

»Du siehst aus, als würdest du gleich einen Amoklauf starten«, ertönt plötzlich unmittelbar vor mir eine dunkle Stimme.

Abrupt reiße ich die Augen auf. Natürlich. Kyle Walker. Wer sollte mir sonst diesen furchtbaren Tag versüßen? Provokant funkelt er mich an. Wie immer.

»Das liegt an deiner Anwesenheit.« Ich verschränke die Arme vor der Brust, wohlwissend, dass ich meine Brüste so fest zusammendrücke. »Verschwinde aus unserer Bar, Kyle.« Ich habe keine Nerven für sein Theater.

Sein Blick senkt sich auf meine Brüste. Dann gleitet er wieder seelenruhig zu meinen Augen, als wäre nichts gewesen. »Eure Bar natürlich. Alles gehört euch. Wie es mich ankotzt.« Verächtlich spuckt er die Worte aus.

Bedrohlich mache ich noch einen Schritt auf ihn zu. Meine Geduld hängt am seidenen Faden und er ist dabei, sie noch stärker zu strapazieren. »Geh mir verdammt noch mal aus dem Weg. Du bist hier unerwünscht.«

»Oder was?«, raunt er und verschränkt ebenfalls die Arme vor der Brust. Die blonden Haare liegen wie immer zerzaust auf seinem Kopf. Die grünen Augen sind stürmisch, glühen in dem dichten Nebel. Ich kenne Kyles Launen und seine Unberechenbarkeit besser als mir lieb ist. Man weiß nie, was als Nächstes kommt. Wird er spielen und mich amüsiert provozieren? Oder wird er ausrasten und ein Glas zerschmettern?

»Oder ich kratze dir hier und jetzt mit meinen Nägeln die Augen aus«, zische ich, hebe die Hand und gleite mit einem Finger über seine Wange. Er zuckt nicht zurück. Im Gegenteil, er sieht mich herausfordernd an. Er will also spielen. Meine Nägel sind frisch gemacht und sie sind spitz. Ohne zu zögern, drücke ich meinen Finger in seine Haut. Er verzieht nicht einmal das Gesicht, als mein Druck immer fester wird und dickflüssiges Blut herausquillt. Langsam schneide ich weiter, will ihm irgendeine Reaktion entlocken. Aber er grinst nur.

»Das ist alles? Ich habe mehr von der Königin von Heatherstown erwartet.«

Ich ziehe meinen Finger zurück. »Weißt du, Kyle, heute bin ich tatsächlich in der Stimmung, zu morden«, fauche ich und meine es todernst. »Warum kommst du hier einfach hereinspaziert? Ist dein Leben so langweilig, dass du dich mit mir beschäftigen musst?«

»Sag du es mir. Ist dein Leben langweilig?« Nun tritt er direkt an mich heran. Sein Gesicht schwebt nur Zentimeter vor meinem. »Ich habe gehört, dass ihr heiraten werdet. Süß, den eigenen Bruder zum Mann zu nehmen. Sehr familiär. Bist du nicht schon dein halbes Leben lang verlobt? Wie lebt es sich in dem goldenen Käfig, Sienna Cavanaugh? Hast du heute etwa Auslauf?«

»Heute ist dein verdammter Todestag, Kyle Walker.« Mit voller Wucht knallt meine Hand auf seine Wange. Sofort zieht sich ein Kribbeln hindurch. Blut klebt an meiner Haut. Blut aus der Wunde, die ich selbst verursacht habe.

»Ich denke, damit stimmst du mir zu«, erwidert er höhnisch und drängt mich gewaltsam mit seinem Körper zurück. Schmerzhaft stößt mein Rücken gegen die Theke.

»Du Bastard«, spucke ich die Worte aus und sehe ihn hasserfüllt an. »Du hast keine Ahnung von meinem Leben. Also halt dich gefälligst raus oder ich verspreche dir, dass du leiden wirst. Du und jeder deines erbärmlichen Rudels.«

»Mach nur weiter, Sienna«, raunt er, baut sich vor mir auf. »Im goldenen Käfig hast du anscheinend kämpfen gelernt.« Oh, er ist der Teufel. Der Teufel in Person.

Zorn baut sich in mir auf, ein ungeheurer Zorn. Kurzerhand greife ich hinter mich und taste nach meinem Glas. Ohne zu zögern, hole ich aus und werfe es mit voller Wucht gegen die Wand. Es zerbricht in tausend Scherben.

»Das wird mit deinem Leben passieren«, zische ich.

»Nein, mit deinem Herzen«, entgegnet er und legt plötzlich seine heißen Lippen auf meine. Ich halte den Atem an. Die Welt bleibt stehen. Dann stürzt sie gewaltsam ein.

Energisch stoße ich ihn nach hinten, verpasse ihm die nächste Ohrfeige. »Was zur Hölle ist dein Problem?!«, fahre ich ihn wutentbrannt an. Meine Lippen stehen in Flammen.

»Du.« Wieder ist sein Gesicht direkt vor meinem. Seine Wange ist rot. Blutig. Scheiße, was soll das hier werden?

Der Sturm in seinen Augen trifft das Feuer in meinen. Jeden Moment werden wir kollidieren. »Nein, du bist das scheiß Problem, Kyle«, zische ich und kralle die Finger in seine Haare. Er ist die perfekte Rache. Meine bittersüße Rache. Für alles, was sie mir angetan, alles, was sie mir genommen haben. Ich werde dieser Stadt Verderben bringen.

Ich verliere die Beherrschung. Mit voller Wucht presse ich meine Lippen auf seine. Hitze durchzieht meinen ganzen Körper.

Ohne abzuwarten, packt er mich und zieht mich energisch in den hinteren Teil der Bar. Quinn starrt mich vollkommen überrumpelt an. »Wenn du redest, bist du tot«, hauche ich und stoße die Tür vor mir auf, die in einen privaten Raum führt, in dem die anderen und ich uns gerne verscharren, wenn wir unsere Ruhe haben wollen. Aber gerade will ich keine Ruhe. Jetzt will ich verdammt noch mal brennen.

»Ich hasse dich.« Kyle stößt mich auf eines der beiden Sofas. Bedrohlich beugt er sich über mich. Es ist so weit. Ich sehe das Monster in seinen Augen. Die Kontrolle ist ihm entglitten. Und mir noch viel mehr.

»Glaub mir, ich hasse dich ebenfalls.« Meine Stimme ist fest. Mit Wucht schlinge ich die Beine um ihn, ziehe ihn zu mir heran. Unsere Münder treffen aufeinander. Brutal, unaufhaltsam. Die Welt steht in Flammen. Sie wird zu Trümmern zerfallen. All die Wut bricht aus mir heraus. Die letzten Wochen schießen mit voller Wucht an die Oberfläche. Ich küsse ihn heftiger. Ohne Grenzen. Ohne Beherrschung. Und genau das treibt ihn nur noch mehr an.

Er fragt mich nicht. Er öffnet einfach seine Hose und schiebt mein Kleid hoch. Ich halte ihn nicht auf. Der Krieg beginnt. Ohne Vorwarnung dringt er in mich ein. Ich keuche. Dann kralle ich die Fingernägel in seinen Rücken. Ich verabscheue Kyle. Ich hasse Denver. Ich drücke noch fester. Er stößt zu. Wieder. Wieder. Mit jeder Bewegung komme ich ihm entgegen, empfange die Dunkelheit und zünde sie an.

Ich habe nie mit einem anderen Mann als Denver geschlafen. Ich bin damit aufgewachsen, dass er der Eine für mich ist. Wir haben bombastischen Sex. Jeden Tag. Seit Jahren. Doch in diesem Moment spüre ich einen anderen so tief in mir, dass mein Herz zerspringt. All der Frust, all der Schmerz, den Denver und ich uns so oft bereitet haben, bricht aus mir heraus. Ich zerschmettere den goldenen Käfig. Ich zerschmettere ihn in den Armen meines Feindes.

Mein Verlobter ist das Eis. Kyle hingegen ist stürmisch und unkontrolliert. Er ist das Feuer. Gemeinsam brennen wir. Und die Stadt wird mit uns brennen. Lichterloh.

Du siehst hübsch aus.

Wir werden heiraten.

Fick dich, Denver Lockheart. Du hattest eine Königin. Du hättest sie wie eine behandeln sollen. Jetzt hast du verloren. Denn ich schlafe mit meinem Erzfeind. Ich räche mich für das Leben, das mein Vater und du mir genommen haben.

Ich öffne die Augen und fange Kyles wilden Blick ein. Mein Unterleib steht in Flammen. Ich will mehr. Ich will alles. Er schiebt sich noch tiefer in mich, noch intensiver. Ich keuche. Schweiß rinnt seine Stirn herab. Tödliche Leidenschaft bringt den Raum zum Beben. Die ungeheure Intensität lässt uns erzittern.

Ich begehe die schlimmste Sünde. Und ich liebe es.

Kapitel4

Als ich in den frühen Morgenstunden aufwache, liege ich allein auf einer dünnen Matte. Kälte durchzieht meinen ganzen Körper. Ich bin nackt. Kyle habe ich gestern Nacht in das Zelt der Jungs zurückgeschickt. Wir schlafen niemals nebeneinander ein. Niemals. Meine Gliedmaßen schmerzen von dem ermüdenden Kampf mit den tödlichen Wellen. Dennoch rapple ich mich auf, schlüpfe in meine Unterwäsche und krieche aus dem winzigen Zelt. Die Luft ist frisch. Der Wind pfeift durch die dunklen Tannen. Lange werden wir hier draußen nicht überleben. Wir haben unsere Handys zerstört, damit sie uns nicht orten können. Wir haben keine Lebensmittel, keine neue Kleidung, so gut wie kein sauberes Wasser mehr. Die Vorräte, die die anderen mitgenommen haben, neigen sich dem Ende zu. Wir mussten einiges zurücklassen, konnten unmöglich alles mitschleppen. Die Flucht war zu überstürzt.

Seufzend greife ich nach meinem Oberteil und der Hose, die ich aufgehängt hatte. Die Sachen sind eklig und klamm, aber ich habe keine Wahl. Mein Leben lang war ich wunderschöne Kleider und atemberaubende Körperdüfte gewöhnt. Nun lebe ich entweder als eine Gefangene oder in absolutem Dreck. Irgendwann werde ich Stephen dafür büßen lassen. Genau wie ich es mit Denver und Cara getan habe.

Plötzlich öffnet sich eines der Zelte. Ein Mädchen mit zerzausten, schwarzen Locken streckt den Kopf heraus. Müde reibt sie sich über die Augen. Als sie mich entdeckt, ringt sie sich zu einem schwachen Lächeln. »Morgen.«

Ich antworte ihr nicht und setze mich stattdessen in das feuchte Gras, um meine Schuhe anzuziehen. Das Mädchen seufzt. »Ich sehe, du hast heute wieder besonders gute Laune.«

»Und ich sehe, du versuchst schon wieder, dich mit mir zu unterhalten. Lass es einfach, Noma«, erwidere ich kurzangebunden und zwänge meinen Fuß in den Schuh. Ich weiß, dass die anderen nur wegen Kyle hier sind. Sie sind seine engsten Vertrauten, folgen ihm blind in die dunklen Wälder Amerikas, obwohl er sie im Stich gelassen hat. Ich schnaube. Wirklich herzerwärmend.

»Ich verstehe nicht, warum du dir überhaupt Mühe gibst.« Alice zwängt sich hinter ihrer Freundin aus dem Zelt. Mit ihrer hellen Haut und den blonden Haaren sieht sie neben Noma, deren hawaiianische Herkunft nach außen hin nur so strahlt, unglaublich blass aus. »Sienna Cavanaugh ist schon immer eine Schlampe gewesen. Wegen ihr werden wir alle sterben.«

»Wenigstens schmachte ich nicht den Mann an, der jeden Tag eine andere vögelt«, gebe ich trocken zurück, womit ich einen sehr wunden Punkt treffe. Jeder sieht, dass sie Kyle anhimmelt, wie vertraut die beiden miteinander sind. Bei dem Gedanken könnte ich mich übergeben.

»Du bist auch noch stolz darauf«, schnaubt Alice verächtlich. »Du weißt, dass er dich insgeheim wie wir alle verabscheut. Nur, weil er sich mit dir vergnügt, bedeutet das gar nichts.«

Ich erhebe mich und gehe mit schweren Schritten auf sie zu. »Nur damit das klar ist«, zische ich. »Ich vergnüge mich mit ihm, nicht umgekehrt. Und wenn du mich heute nicht wieder die ganze Nacht schreien hören willst, hältst du jetzt besser die Klappe, Alice.«

»Wegen dir sitzen wir alle in dieser Scheiße«, faucht sie nur verärgert und wendet sich ab. Ihre Schultern beben. Doch zu ihrem Glück weiß sie, wann sie verloren hat.

Kyle

Ich werde von den lauten Stimmen der Mädchen geweckt. Sofort dringt Siennas harscher Tonfall zu mir herüber. Wieder einmal ist sie absolut aufgeheizt. Es gibt nicht einen Moment, in dem sie still ist und nicht irgendjemanden an die Gurgel springt.

Tristan hat sich bereits aufgesetzt und eine große Landkarte vor sich ausgebreitet. Sein Blick ist konzentriert und wachsam. Wir hatten noch keine Möglichkeit, uns auszusprechen. Als ich ihn angerufen habe, um mit mir den Bunker zu stürmen, hat er ohne zu zögern eingewilligt. Und das, obwohl wir die Frau und ihre Freunde gerettet haben, mit denen wir seit Jahren im Krieg stehen. Er kann eins und eins zusammenzählen. Er weiß, dass Sienna und ich eine Affäre haben. Er weiß auch, dass es schon länger anhält. Er verurteilt mich. Natürlich tut er das. Doch seine Loyalität ist größer als alles andere. Er würde für mich sterben. Und ich für ihn genauso.

»Du schläfst mit einer Hexe«, sagt er genau in diesem Moment und deutet mit einem Kopfnicken zur Zelttür. Draußen schallt Siennas herablassende Stimme durch den Wald.

»Ich weiß.« Ich fahre mir durch meine wirren Haare. Und wie ich das weiß. Doch das macht die Sache nicht einfacher. Es macht sie nur viel komplizierter. Anfangs wollte ich nur Rache an ihr nehmen. Es hatte ein Gefühl von Macht, mit der Königin der Stadt zu schlafen. Doch dann testeten wir immer weiter aus, wie weit der andere bereit ist, zu gehen. Wir steckten mitten drin. Wir haben das Spiel an uns gerissen. Wir brauchten uns gegenseitig, um Stephen zu bekämpfen. Wir hatten Sex und wir haben uns gebraucht. Mehr nicht. Und trotzdem habe ich sie seitdem mehr als einmal gerettet. Die Frau, der ich eigentlich den Tod an den Hals wünsche. Nur schließt sich das manchmal eben nicht aus.

»Wir müssen es heute bis in die nächste Stadt schaffen.« Tristans Stimme ist nüchtern. »Wir haben nichts mehr zu essen.«

»Wir werden schon etwas finden.« Mit der flachen Hand reibe ich mir über das Gesicht. Ich habe keine Lust, mich damit zu beschäftigen. Ich will nicht hören, wie scheiße und aussichtslos unsere Lage ist.

Tristan klappt die Landkarte zu und sieht mich vorwurfsvoll an. »Du kannst nicht immer mit dem Kopf durch die Wand, Kyle. Wenn wir überleben wollen, müssen wir vorausschauend handeln.«

»Ich weiß, wie man überlebt, Tristan. Ich habe weitaus mehr Erfahrung darin als du«, gebe ich verärgert zurück. Ich bin wirklich nicht in der Laune für so einen Mist. Vorausschauend zu handeln, wird uns mit Sicherheit nicht retten. Im Kampf gegen ein Monster muss man zum richtigen Zeitpunkt passend reagieren. Doch vor allem muss man eins sein - skrupellos. Eine Eigenschaft, die meinem Freund definitiv fehlt.

»Wir riskieren alles für dich, Mann«, erwidert er und zieht sich eine dicke Jacke über. Trotz meines harten Tonfalls rastet er nicht aus. Natürlich nicht. »Vielleicht solltest du weniger vögeln und dafür mehr Dankbarkeit zeigen.«

Wütend presse ich die Kiefer aufeinander. »Ich habe euch nicht darum gebeten. Du solltest uns nur daraus holen. Ich wollte nie, dass einer von euch hier landet.«

Jetzt sieht Tristan mich energisch an. »Wir alle kennen uns seit Jahren. Wir haben alles zusammen durchgestanden. Du hast uns zusammengeführt. Keiner von uns wird das jemals vergessen. Und jeder würde für den anderen sterben.«

Angestrengt drücke ich meinen Rücken durch, atme tief ein.

»Wir sind eine Familie«, meint Raphael in dem Moment und taucht aus den Tiefen seines Schlafsackes auf. »Du bist verdammt noch mal unser Anführer, Kyle. Also reiß dich zusammen.« Seine Arme spannen sich an.

»Sagt mir nicht, was ich zu tun oder zu lassen habe«, knurre ich und öffne die Zelttür. »Wir werden das hier auf meine Art regeln. Also pack die scheiß Karte weg, Tristan. Und ich vögle übrigens mit wem und wie oft ich will.« Mit diesen Worten verschwinde ich nach draußen.

»Lass ihn«, höre ich Tristan noch zu Raphael sagen, bevor die frische Luft mich schon empfängt. Angenehm rauscht sie in meine Lungenflügel, zieht an meinem kühlen Körper vorbei.

Natürlich sind diese Leute meine Familie. Die Einzige, die ich jemals hatte. Aber ich kann es verdammt noch mal nicht ausstehen, wenn mich jemand herumkommandieren will. Tristan hat recht. Ich bin der Anführer. Also sollten sie sich auch so verhalten. Einschließlich Sienna.

»Alles gut?«

Langsam drehe ich den Kopf nach links und entdecke die blonde Mähne von Alice. Sie ist einen guten Kopf kleiner als ich und schaut mit großen, dunklen Augen zu mir auf. Offensichtlich ist Sienna nach dem Streit in den Wald verschwunden und Noma hat sich wieder im Zelt verkrochen.

»Alles bestens«, erwidere ich nur und strecke die Arme nach oben, um meine versteiften Gliedmaßen zu lockern. Die Rettungsaktion ist an meinem Körper nicht spurlos vorbeigegangen.

Alice tritt näher an mich heran. »Als ich damals gehört habe, dass du verschwunden bist, dachte ich, ich würde dich nie wiedersehen«, flüstert sie.

Seufzend mustere ich sie. Als sie noch ein kleines Mädchen war, sind ihre Eltern bei einem Unfall ums Leben gekommen. Stephen holte sie aus Schottland, um sie zu einer seiner Geheimwaffen auszubilden. Wir sind zusammen aufgewachsen, waren unser Halt, wenn der Bunker wie eine dunkle Last auf unseren Schultern lag. Sie hat sich immer auf meine Seite gestellt, war meine einzige Vertraute, bis ich auf die Idee gekommen bin, eine ganze Truppe um mich zu scharen. Alice war schon immer da. Doch irgendwann erdrückte uns die bittere Realität des Bunkers zu sehr. Wir suchten Schutz beieinander. Sie war mein erstes Mal. Und das danach. Und das danach. Ich vertraue ihr. Wahrscheinlich mehr als jedem anderen Menschen. Aber seit Stephen Sienna in den Bunker gebracht hat, ist alles anders.

»Keine Sorge, ich werde immer da sein.« Vorsichtig berühre ich ihre Schulter. Ich weiß, dass sie zur Kriegerin erzogen wurde, dass sie stets unerschrocken ist. Doch in ihren dunklen Augen schimmert die Angst.

»Spar dir diesen Hundeblick für später auf, kleine Alice«, ertönt in diesem Moment eine laute Stimme. Sienna tritt aus den Schatten, in ihrer Hand hält sie einen toten Hasen. »Wenn wir in einer stinkenden Kneipe nach etwas Wasser betteln müssen.«

Alice presst verärgert die Lippen zusammen. Wenn ich nicht aufpasse, werden die beiden sich noch im Schlaf umbringen. »Du bist eine Barbarin«, zischt sie.

»Ich dachte, eine Hexe?«, gibt Sienna nur abschätzig zurück und reicht ihr den Hasen. »Du kannst dich um die Innereien kümmern.«

»Hör auf mit dem Scheiß und gib her«, fahre ich sie an und greife nach dem toten Tier. »Ich mache das, wir essen und dann ziehen wir weiter.«

»Ich sehe, der Anführer in dir kommt wieder zum Vorschein.« Sienna verschränkt die Arme vor der Brust. In solchen Momenten erinnert sie mich immer daran, warum ich so einen Hass auf sie hatte.

---ENDE DER LESEPROBE---